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„Ich weiß, ich weiß. Mehrmals hintereinander dort essen und du kriegst Dünnschiss. Aber es erinnert mich an das Essen in Florida!“
„Und es ist billig!“ fügte ich hinzu.
Um Jims Lippen kräuselte sich jenes langsame Lächeln, an dem man sich nie sattsehen konnte.
*
Olivia’s war ein kleines Soul Food-Restaurant an der Ecke des Ocean Park Boulevard und der Main Street. Ein Lokal am Straßenrand, das eigentlich nach Biloxi in Mississippi gehörte. Es war übervoll, wie immer. Dieses Restaurant, das Jim mit dem Song „Soul Kitchen“ unsterblich machte, wurde hauptsächlich von Studenten der UCLAFilmhochschule besucht. Man fühlte sich wie in einem Amtrak-Speisewagen, der am Strand auf Grund gelaufen war.
Ein junges Mädchen mit großen braunen Augen und langem schwarzen Haar schlenderte herein.
„Hey Jim, das da ist diese Sängerin Linda Ronstadt, die in der Hart Street lebt.“
„Yeah. Wie heißt denn ihre Gruppe?“
„The Stone Poneys.“
„Ich hasse Folkmusik, aber sie ist süß.“ Seine Augen fuhren wohlgefällig an ihr auf und ab.
Das Essen kam und wir schlangen es hinunter. Dabei debattierten wir mit vollem Mund zwischen Bissen von unserem billigen Steak über die örtliche Musikszene. Meine Augen huschten im Raum umher, während Jim sprach. Es fiel schwer, bei all dem Gerede der Stammgäste und Studenten um uns herum ihm zuzuhören.
Eine halbe Stunde später brüllte Olivia: „Schluss für heute mittag!“ Sie trug ihre übliche bedruckte Schürze über einem durchgehenden Kleid und hinkte mit ihrem rechten Bein leicht nach. Sie hatte eine warmherzige Ausstrahlung, aber die große schwarzhäutige Frau, deren Name ein Synonym für das Wort „Soul“ war, warf selbst Stammgäste bei Geschäftsschluss hinaus und verfrachtete alle, die noch zögerten, eigenhändig nach draußen. Der Verlust von ein paar Dollar mehr machte ihr nichts aus, wenn sie nur ihre Ruhepause bekam, obwohl sie es liebte, für ihre Gäste zu kochen.
Ihr Restaurant existiert schon lange nicht mehr, aber die Legende lebt in Jims Worten weiter:
Well, the clock says it’s time to close, now
I know I have to go, now
But I’d really like to stay here, all night
Let me sleep all night in your soul kitchen
Warm my mind near your gentle stove
Turn me out and I wander, baby
Stumblin’ in the neon grove
(Nun, die Uhr sagt, es ist jetzt Zeit zu schließen
Ich weiß, dass ich jetzt gehen muss
Aber ich würde gern die ganze Nacht hierbleiben
Lass mich die ganze Nacht in deiner Seelenküche schlafen
Meinen Geist an deinem gütigen Herd erwärmen
Wirf mich raus und ich irre umher, Baby
Stolpere in den Neonwald.)
„Lass uns heute abend ins Venice West Cafe gehen“, schlug Morrison vor, als wir aufstanden, um das Lokal zu verlassen. Er nahm einen letzten tiefen Schluck von seinem Carta Blanca und ich starrte aus dem Fenster auf einige vorbeigehende Mädchen.
„Klar“, sagte ich, in Gedanken an die Mädchen da draußen vertieft, „da bin ich noch nie gewesen.“ Als kein Girl mehr zu sehen war, fuhr ich fort: „Werden dort noch immer Gedichte vorgetragen?“
„Ich weiß nicht, aber das kriegen wir raus.“
An einem der ersten Julitage war ich wieder mit Jim zusammen und fuhr ihn in Venice mit meinem Singer Gazelle herum, einem europäischen Wagen, den ich gegen den Ford eingetauscht hatte. Das Auto sah genauso aus wie ein Hillman Minx und hatte zudem noch ein wesentlich besseres Benzin-Kilometer-Verhältnis. Da Benzin nur 35 Cents pro Gallone kostete, kam ich mit Benzin im Wert von einem Dollar durch die ganze Stadt. Mein Dad kam mit mir zum Autohändler, weil ich noch nie zuvor einen Wagen mit Schaltgetriebe gefahren hatte. Nachdem ich es geschafft hatte, aus dem Gebrauchtwagenplatz herauszuruckeln, fragte Dad nochmals, ob ich ihn nicht besser fahren lassen wollte.
Ich kratzte 29 Dollar zusammen und ließ den Wagen bei Earl Scheib nach dem Stones-Song „Paint It Black“ schwarz spritzen. Die Arbeit wurde so nachlässig ausgeführt, dass sie sogar die Reifen schwarz besprühten, aber mir gefiel das Blitzen des Hochglanzes sehr.
Jim besaß kein Auto, aber er hatte einige interessante Freunde. Sie waren alle ein oder zwei Jahre älter und ich bewunderte sie. Wir besuchten Felix Venables Haus bei den Kanälen, einer etwas schäbigeren Ausgabe von Venedig, die ihre besten Tage in den 20er Jahren gesehen hatte, inklusive herumwatschelnder Enten. Heute watscheln immer noch Enten dort herum. Felix sah wie ein gealterter Surfer aus, der zuviel Zeit in Mexiko verbracht hatte, aber er war sehr freundlich, liebte es zu feiern und lebte mit einer Frau zusammen, die mich sehr antörnte. Sie war älter als ich – hübsches Gesicht und gute Figur.
Einige Stunden später schauten wir bei Dennis Jacobs rein, einem weiteren Filmstudenten. Dennis lebte in einem Dachappartement in der Brooks Street, einen halben Block vom Ozean entfernt. Sein Lieblingsthema war der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche. Ich nahm mir eines von Nietzsches Büchern, „Die Geburt der Tragödie“, und las einige Absätze, während Jim und Dennis miteinander redeten. Ich konnte nicht begreifen, warum irgendjemand so ein zweideutiges Geschwätz in Buchform überhaupt liest. Dennis schien verrückt zu sein, aber seine Lust am Leben war ansteckend.
Äußerlich gesehen war Jim ein relativ normaler Collegestudent. Er war von einer unbestimmbaren Aggressivität gegenüber dem Leben und den Frauen erfüllt. Er wollte auch unbedingt über alles Bescheid wissen, was mit Konzerten und Plattenaufnahmen für unsere Band zu tun hatte.
Nach einigen Stunden mit ihm, wobei er einen Joint nach dem anderen rauchte und die Philosophie kritisierte, kam seine andere Seite zum Vorschein. Manchmal war ich ziemlich erschrocken und fragte mich, gottverdammt, wie weit will dieser Typ es eigentlich noch treiben? Morrison kannte eine Seite des Lebens, von der ich keine Ahnung hatte. Seine Neugier war unersättlich und Bücher verschlang er förmlich. Ich kapierte nicht einmal die Hälfte von den Dingen, auf die er sich bezog, aber die Leidenschaft, mit der er sie vortrug, war mir immer bewusst.
„John, hast du jemals darüber nachgedacht, was eigentlich auf der anderen Seite ist?“ fragte er dann mit einem eigenartigen Glimmern in den Augen.
„Was genau meinst du mit ‚andere Seite‘?“
„Weißt du … die Leere, den Abgrund.“
„Klar, ich hab’ drüber nachgedacht, aber nicht oft.“ Ich lachte verlegen, um die gespannte Stimmung zu entschärfen.
Dann vertiefte er sich wieder in einen düsteren Monolog, zitierte Dichter wie Rimbaud und Blake.
„Der Weg des Exzesses führt zum Palast der Weisheit“, wiederholte er immer und immer wieder.
Das Zusammentreffen mit Jim war der Tod meiner Unschuld. Glücklicherweise gab es die Musik als stabilisierenden Faktor für uns. Ich behaupte, dass er meine Fähigkeiten als Musiker anerkannte, so wie ich seine Intelligenz bewunderte.
„Was meintest du neulich abends mit dem Satz, dass der Gitarrist draußen spiele?“, fragte er mich, als wir eines Abends in Richtung Hollywood fuhren.
„Er war so weit von der Akkordstruktur entfernt, dass er gerade noch eben hineinpasste. Mit anderen Worten: er spielte wirklich frei. Man will so weit außerhalb des Laufs spielen, dass es sich wirklich losgelöst anhört, aber auch nicht zu weit, sonst klingt es, als hätte man seine Akkordwechsel verpasst. Man tänzelt in etwa nur wenig über die Bandbreite hinaus. Wie Coltrane und Miles. Sie haben ein Recht darauf, weit über das Maß hinauszugehen, weil sie es sich verdient haben. Schließlich haben sie einige wundervolle Mainstream-Platten gemacht.“ Jim tat so, als hätte er es kapiert. Als ich dann über Coltranes Platten sprach und sie als „Klangschichten des Unterbewussten“ bezeichnete, hörte Jim aufmerksam zu und zog Parallelen zur Literatur.
„Ja, genau. Wie Rimbaud und die ‚Unordnung der Sinne‘! Hey, bringst du mich heute abend zum Trip? Allen Ginsberg soll da aufkreuzen.“ „Einverstanden. Weißt du … falls Jazz und Poesie zusammenkommen sollen … sind’s vermutlich wir!“
„Wetten?“ fiel Jim mir ins Wort.
„Was?“
Jim fischte einen Quarter aus der Tasche, schnippte ihn in die Luft und ließ ihn in den Mund fallen.
„Hast du den verschluckt?“
„Japp!“
„Du bist bescheuert.“
„Japp. Huhu!”
5
LIGHT MY FIRE
Ojai, 1977
Die Sonne näherte sich im Westen dem Horizont und die berühmte „Rosa Stunde“ von Ojai würde in wenigen Augenblicken am östlichen Ende des Tals in der Topa Topa Schlucht hinter meinem Stall sichtbar werden. Die Abendröte des Himmels war ergreifend. Soweit das Auge schauen konnte, zogen sich Orangenhaine hin, kilometerweit. Ich sprang von meiner Stute Metchen und begleitete sie zum Ende des Pferches unter den strohgedeckten Unterstand. Vor vierzig Jahren hatte sich Ronald Colman in dem Filmklassiker „Lost Horizon“ zu derselben Klippe an einem ähnlich nebligen Abend geschleppt und auf sein mystisches Shangri-La hinuntergeblickt. Es war mir klar, warum das Filmteam ausgerechnet dieses Tal für bestimmte Szenen ausgesucht hatte. Vom ersten Augenblick an war ich in diesen Blick verliebt, als ich nach einem Zuhause für meine zwei Pferde suchte.
Metchen scharrte mit ihrem Huf den Boden und wieherte laut ihren Artgenossen hinten in der Koppel zu. Sie wollte nicht in den Stall, sondern immer nur nach Hause, aber ich focht diesen Streit schon zehn Jahre lang mit ihr aus und schließlich gehörte sie zur Familie.
Es war schon zehn Jahre her, dass Jac Holzman, der Präsident von Elektra Records, sie mir zu dem außerordentlichen Erfolg von „Light My Fire“ geschenkt hatte.
Jim durfte sich ein Auto aussuchen und wählte einen Mustang Cobra. Ray und Robby wünschten sich Tonbandmaschinen und ich wählte mir dieses Pferd. Wir machten damals Witze darüber und der Überfluss hatte gerade erst begonnen.
*
Es war Juli 1965. Ray erinnerte sich, dass ihm sein Freund Dick Bock noch drei Stunden Studiozeit schuldete. Dick war der Besitzer der World Pacific Recording Studios in Hollywood. Schließlich entschied sich Ray, die paar Stunden für uns zu nutzen und einige Songs auf ein Acetat aufzunehmen, damit wir hören konnten, wie wir klangen.
Ich traf eine halbe Stunde vor dem Termin ein, um mein dreiteiliges GretchSchlagzeug aufzubauen. Meine Nervosität befand sich schon auf einem hohen Level, aber als ich Ravi Shankars Band ihre Instrumente in dem großen Aufnahmestudio zusammenpacken sah, klopfte mein Puls noch schneller. Mir wurde in diesem Moment eigenartig schwindlig zumute. Hier stand ich, in demselben Raum mit Musikern, die ich bisher nur von weitem bewundern konnte. Ich beobachtete Alla Rakha, Ravis Drummer, wie er seine kleinen indischen Trommeln einpackte. Im Vergleich zu den Mikrofonen sahen sie viel einfacher aus als meine eigenen Trommeln, aber ich wusste, dass sie wesentlich schwieriger zu spielen waren.
Dick Bock verabschiedete sich von den indischen Musikern in ihren farbenprächtigen Saris. Er fragte mich, ob er helfen könnte.
„Ich möchte nahe beim Klavier sein“, erwiderte ich schüchtern. Das hier war meine erste Aufnahmesession. Wer war ich, um dem Produzenten vorzuschreiben, wo ich platziert werden wollte?
Er zuckte mit den Achseln. „Kein Problem“, meinte er und zeigte auf eine Ecke in der Nähe des Konzertflügels. Ich war erleichtert. Auf diese Weise war ich nahe bei Ray. Wir beide bewunderten ungefähr die gleichen Jazzmusiker und er war derjenige in der Band, dem ich mich verbunden fühlte.
Beim Aufbauen meines Schlagzeugsets schaute ich mich in dem Raum um. Akustikdämmplatten mit Millionen kleiner Löcher absorbierten den Sound. Ich wusste lediglich, dass bei einer Aufnahme ein Echo unerwünscht war. Man konnte das später hinzumischen.
Ray und Dorothy kamen kurz darauf mit Jim herein, ihnen folgten Rick und Jim Manczarek. Wir nahmen binnen weniger Stunden in nur ein oder zwei Takes sechs Songs auf: „Moonlight Drive“, „End of the Night“, „Summer’s Almost Gone“, „Hello, I Love You“, „Go Insane“ und „My Eyes Have Seen You“.
Alles ging sehr schnell. Alles war live. Bock war ein unaufdringlicher Mensch, der früher West Coast-Jazz produziert hatte und da man Jazzmusikern keine Vorschriften macht, wie sie zu spielen haben, sagte er kaum etwas. Bevor wir es merkten, war die Session auch schon vorbei und wir waren wieder draußen.
Nun besaßen wir unser eigenes Acetat mit sechs Songs. Ray nahm es an sich und kletterte mit Dorothy und Jim in seinen gelben Käfer. Ray beugte sich zum Fenster hinaus und rief, dass er während der nächsten Tage die Platte einigen Plattenfirmen vorspielen würde. Jim, der zum ersten Mal seine Stimme von einem Tonband gehört hatte, strahlte vor Freude auf dem Rücksitz.
Die Reaktionen der Plattenfirmen waren amüsant. Ray erinnerte sich später: „Es war recht witzig – wir latschten quer durch Los Angeles mit diesen Demos herum, stellten uns bei den Firmen vor und sagten: ‚Hier sind sechs Songs drauf, wir haben aber noch viel mehr; hören Sie sich die Platte mal an.‘ Und alle, aber auch alle meinten: ‚Nein, so was kann man doch nicht spielen – furchtbar – ich hasse diesen Sound – nein, nein!‘ Besonders dieser Typ bei Liberty fällt mir ein. Er hörte sich die Songs an und sagte dann: ‚So ein Zeug kann man sich nicht anhören!‘ Er warf uns aus seinem Büro raus!“
Als ich diese Geschichten später hörte, war ich enttäuscht. Es überraschte mich allerdings auch ein wenig, dass Ray den Leuten sogar das bizarre „Go Insane“ vorgespielt hatte, nachdem man schon die harmloseren Songs abgelehnt hatte.
Once I had a little game
I liked to crawl back in my brain
I think you know
The game I mean
I mean the game
Called ‚Go Insane‘.
(Früher hatte ich mal ein Spiel
Ich kroch gerne zurück in mein Hirn
Ich glaube du kennst
Das Spiel, das ich meine
Ich meine das Spiel
Mit dem Namen ‚Verrücktwerden‘.)
Eine von Rays Anekdoten fand ich gut. Angeblich setzte Lou Adler, der Produzent der Mamas and Papas, die Plattennadel immer nur auf die ersten paar Noten der einzelnen Stücke und brummte: „Nichts drauf, nichts drauf, was von Nutzen ist!“
Unglaublich, dachte ich. Die verstehen einfach unsere Vision nicht. Sie kapieren es einfach nicht!
*
Nach all den Ablehnungen gingen wir halbherzig wieder an unsere Übungssessions. An einem Tag machte Jim eine Pause und verschwand für eine Stunde. Jim und Rick Manczarek ergriffen die Gelegenheit und nahmen Ray und mich beiseite, um uns mitzuteilen, dass sie mit der Band aufhören und wieder zur Schule gehen wollten.
Ich wusste, dass Rick und Jim Manczarek, genauso wie Ray, schon eine stattliche Anzahl Clubauftritte hinter sich hatten und ungern mit unprofessionellen Leuten wie Morrison zusammenarbeiteten. Außerdem ahnte ich, dass sie einen großen Fehler begingen.
Morrison kam in die Garage zurück, ein Bild purer Unschuld. Die anderen wechselten notgedrungenerweise das Thema und ich schlug vor, ein paar Songs zu spielen. Es war sinnlos. Wir spielten lustlos und ich wusste, dass Rays Brüder praktisch schon weg waren. Ray machte ein langes Gesicht und ich versuchte, ihn mit einigen gelegentlichen Blicken zu beruhigen, die ihm sagen sollten, dass es so vielleicht besser war. Ich hoffte, dass wir die beiden durch einen Gitarristen ersetzen könnten, der auch Solo spielt.
*
Eine romantische Seite meines Lebens existierte in jenen Tagen nicht. Ich hatte Heidi jetzt acht Monate lang nicht gesehen und besuchte sie in dem Haus ihrer Eltern in Beverly Hills. Nach meinem Interesse an der Meditation und der Gegenkultur erschien sie mir reichlich naiv. Augenscheinlich hielt sie nach einem Ehemann, zwei Kindern und einem Haus Ausschau. Ich verschwand sofort wieder nach Hause und legte einen meiner Lieblingssongs von Dylan auf.
Go away from my window
Leave at your own chosen speed
I’m not the one you want, babe
I’m not the one you need
You say you’re looking for someone
Who’s never weak but always strong
To protect you and defend you
Whether you are right or wrong
Someone to open each and every door…
But it ain’t me, babe
No, no, no, it ain’t me, babe
It ain’t me you’re lookin’ for, babe.
(Geh weg von meinem Fenster
Verschwinde so schnell du kannst
Ich bin nicht der, den du willst, Babe
Ich bin nicht der, den du brauchst
Du sagst, du schaust nach einem
Der nie Schwäche zeigt, nur immer stark ist
Und dich beschützt und verteidigt
Ob du nun recht hast oder nicht
Jemanden, der dir Tor und Tür öffnet…
Aber ich bin’s nicht, Babe
Nein, nein, nein, ich bin’s nicht, Babe
Ich bin’s nicht, nach dem du suchst.)
Heidi war nun Vergangenheit, Fantasien von geilen Groupies die Zukunft und meine Linke im Bett die Gegenwart. Ich verliebte mich mehrmals täglich beim Herumkurven in der Stadt. Oder ich fühlte wenigstens eine gewisse Hitze in mir hochsteigen. Tatsächlich hatte ich solche Angst vor Frauen, dass ich mich nur selten traute, eine Unterhaltung anzufangen. Ich wusste, dass man mich als „nett“ bezeichnen konnte und ich würde auch zärtlich zu einem Mädchen sein können, aber ich wagte es nicht, eine Ablehnung zu riskieren. So blieb mir nur die Fantasie. Wenn die Gruppe erstmal berühmt ist, dachte ich, werden die Mädchen schon auf uns einstürmen.
Doch in der Zwischenzeit war die Hoffnung, dass unsere Songs gut genug geraten, es schon wert, am Leben zu sein.
*
Ich lehnte mich im Esszimmer meiner Eltern zurück und wippte auf den hinteren Stuhlbeinen. Ich hatte das schon als Kind oft gemacht und mit dreizehn sogar mal einen Stuhl zerbrochen. Jetzt tat ich es wieder. Aber ich war nervös und das Balancieren beruhigte mich etwas. Es war eine Erlösung, dass das Spaghetti-Essen, das meine Mutter für die Band gekocht hatte, in Ruhe verlief. Ich war wegen Jim beunruhigt gewesen, aber er benahm sich wie ein Gentleman aus dem Süden und war in dieser familiären Situation ziemlich friedlich. Ich nahm an, dass sein Magen sich freute. Alle schienen Hunger auf Mutters Kochkunst zu haben, essen wie Zuhause in Chicago für Ray und wie in Florida für Jim.
Dorothy, Rays Freundin, war wie gewöhnlich die Stille in Person, während Ray unablässig auf meine Mutter einredete. Der ewige Optimist. Mein jüngerer Bruder Jim war vollauf damit beschäftigt, die Spaghetti auf seine Gabel zu rollen und in den Mund zu kriegen. Dad war anscheinend in seinen eigenen Gedanken versunken. Deswegen versuchte ich, das Eis zu brechen.
„Ich glaube, wenn wir erst eine Platte in der Hitparade haben und für ein Album und eine Single eine Goldene bekommen, dann haben wir es geschafft. Wenn man eine Million Singles verkauft, rollt das Geld von ganz alleine, aber die Plattenfirma kassiert einen großen Prozentsatz für’s Herstellen und für ihren Profit. Der Künstler kriegt vielleicht fünf Prozent, drum muss man ein Hitalbum zustande bringen, dann erst hat man’s geschafft.“
„Klingt logisch“, meinte Dad. „Habt ihr schon einen Namen?“
„Noch nicht.'.
„Noch mehr Spaghetti?“ warf Mom ein. „Es ist noch reichlich da.“
„Ich nehme noch welche“, antwortete Ray. Er schaute Dorothy an und sie gab ihm ihren Teller, den er ebenfalls Mom hinüberreichte.
Ein netter Abend. Alle gingen mit einem vollen Magen nach Hause, gesättigt für ein paar Tage.
Nach dem Ausscheiden von Rick und Jim Manczarek brachte ich Bill Wolf zum Üben mit. Er war ein guter Sologitarrist, aber Ray war der Ansicht, dass er nicht zur Gruppe passte, musikalisch oder optisch. Jim sagte nicht viel zu dem Thema, er überließ die musikalischen Entscheidungen Ray und mir.
Ray kannte keine anderen Gitarristen, also überließ er es mir, ein weiteres ehemaliges Mitglied der Psychedelic Rangers anzurufen. Robby Krieger kam vorbei. Ray hatte einige Vorbehalte wegen Robbys Schüchternheit, da er nicht wie ein typischer Rock’n’Roller tierisch laut spielte. Das Ungewöhnliche an Robbys Gitarrenstil bestand darin, dass er wie bei einer Folk- oder Flamencogitarre kein Plektrum benutzte, sondern mit seinen langen Fingernägeln die Saiten zupfte.
Robby besaß auch eine große Sachkenntnis von Akkordstrukturen, die, wie ich hoffte, bei unseren Songs sicherlich dienlich sein würde. Hinzu kam, dass er auf seiner Gitarre auch Bottleneck spielte, eine Technik, die er sich von alten Bluesplatten abgehört hatte. Ein Bluesgitarrist benutzte dabei einen abgebrochenen Flaschenhals, in dessen Öffnung er den kleinen Finger steckte. Dann stimmte er die Gitarre auf einen Akkord und glitt mit dem Flaschenhals über das Griffbrett, was ein verhaltenes, schauriges Jaulen hervorbrachte. Etwas ähnliches, allerdings nicht auf einer elektrischen Gitarre, hatte ich auf den alten Bluesplatten gehört, die ich mir auf Robbys Rat hin gekauft hatte.
Ich war wie weggeblasen. Ich war sicher, dass Robbys gleitender, flüssiger Sound Ray und Jim umhauen würde.
„Ich glaube, du hast sie überzeugt“, lachte ich, während wir zum Haus seiner Eltern in den Palisades zurückfuhren. „Ich war mir nicht sicher, aber als du dann Bottleneck zu ‚Moonlight Drive‘ gespielt hast … Mann, als Ray dich hörte, hat er gegafft, als wäre ihm Gott erschienen!“
Robby hörte auf, nervös mit dem Finger in seinem krausen Haar herumzufahren und rückte seine Brille zurecht. „Äh, ich meine, das war schon ganz gut. Aber erinnere dich an den Robert Johnson-Song, den ich dir mal vorgespielt hatte:
Squeeze my lemons till the juice runs down my
beeerrrrwwwwwwwuuuuuuu.
(Quetsch meine Zitronen bis der Saft mir herunterläuft –
beeerrrrwwwwwwwuuuuuuuu.)
„Es gibt aber nicht viele, die das auf ’ner elektrischen Gitarre spielen“, bemerkte ich.
„Mike Bloomfield spielt das öfter mit Butterfield zusammen.“ Er lächelte einen Moment, starrte aus dem Fenster, als wir uns dem Haus näherten. „Wie habt ihr diesen Übungsraum gekriegt?“
„Ein Kollege von Jim und Ray von der Filmschule hat das Haus gemietet. Hank ist sein Name. Er war einverstanden, dass wir dort nachmittags übten. Ist komisch, nicht wahr, so’n kleines, verstecktes Haus hinter all den Läden in Santa Monica?“
„Yeah, ich find’s gut. Aber Jim … war ziemlich drauf. Wie er seinen Freund anbrüllte, der mit einem Haufen Dope sich da an den Küchentisch pflanzte und Joints rollte … Felix, hieß er so? Mann, eine eigenartige Bande.“
„Ja, und wegen dem ganzen Lärm könnte man uns auch leicht einbuchten. Ich bin vor ’nem Monat mal mit Jim durch die Gegend gezogen und er fing mit einem sturzbesoffenen Typ im Venice West Café Krach an. Schließlich zog er den Burschen hier in Rays Haus, um ihm ein paar Platten vorzuspielen. Kaum waren wir da, knipste Jim das Licht an und aus, an und aus. Das machte den Besoffenen total verrückt. Wir spielten eine Chet Baker-Platte – die, auf der er singt – und dieser Mensch steht einfach auf und haut ab. Morrison war mit sich zufrieden. Er sagte, er wollte den Kerl nur testen.“
„Überrascht mich nicht“, merkte Robby gleichgültig an.
Ihn testen, dachte ich. War das hier eine Schule? Was sollen wir lernen? Furcht?
„Yeah, also, Acid werde ich mit ihm zusammen sicherlich nicht nehmen“, murmelte ich. „Ich sag’s dir. Ist er vielleicht zu verrückt?“
„Yeah … er könnte mal ein großer Star werden. Passen die beiden Dinge nicht manchmal ausgezeichnet zusammen?“
„Ha, Ich glaub, du hast recht!“
Ich fuhr in die Einfahrt. Robby zögerte beim Aussteigen.
„Also magst du die Band?“ wollte ich wissen.
„Ja, ich mache bei euch mit. Ich muss da noch was mit meiner anderen Band klarstellen, doch, ja!“ Er öffnete die Tür, schlug sie dann zu und lehnte sich zum Fenster hinein. „Wart’ mal, ich bin noch in einer anderen Band und du bist noch in zweien.“ „Also?“ Beim Rückwärtssetzen schrie ich aus dem Fenster: „Du verlässt deine Band und ich meine beiden.“
Spät am Abend rief ich dann Ray von meinen Eltern aus an. „Hallo, ich bin’s, John. Was hältst Du von Robby?“
„Ich fand die Bottleneck gut. Vielleicht kann er sie bei jedem Song spielen“, war seine Antwort. Ray hatte Feuer gefangen.




