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„Nun mal nicht übertreiben!“
„Aber er ist nicht sehr aggressiv. Es macht mir Sorgen, wie er sich auf der Bühne verhalten wird. Er stellt nicht exakt dar, was er spielt. Ein Gitarrist sollte auch ein halber Showmann sein.“
„Nicht alle können so ’ne Show abziehen wie ich“, konterte ich.
„Nun gut, er soll nochmal mit uns proben.“
Er war so gut wie drin. Nun wusste ich, dass die Band sich zusammenfand.
*
Die Proben machten nun Spaß. Wie in einer offenen Demokratie hatten wir Respekt vor den Fertigkeiten des anderen. Wir alle spielten unsere Instrumente schon seit Jahren, Jim hatte gierig Unmengen von Büchern verschlungen und von jedem wurde erwartet, dass er seinen Beitrag zu aufkommenden neuen Ideen leistete.
Es stellte sich schwieriger heraus, einen Bassisten zu finden als einen neuen Gitarristen. Das Problem war, nicht nur einen guten zu finden, sondern auch einen, der zu uns passte. Irgendwann kam mal ein Mädchen vorbei (wäre eine weitere Besonderheit gewesen) und wir spielten „Unhappy Girl“, „Break On Through“ und weitere eigene Stücke. Wir versuchten es mit Bluessachen – unsere Coverversion von „Back Door Man“ von John Hammond inspiriert und eine erst kurz vorher erarbeitete Fassung von Howlin’ Wolfs „Little Red Rooster“. Doch immer noch klangen wir zu traditionell. Mit einem zusätzlichen Bass klangen wir wie jede andere Rock’n’Roll Band. Fast wie die Rolling Stones. Obwohl wir die Stones mochten und endlos ihre neue Platte „Aftermath“ diskutierten, waren wir entschlossen, alles zu unternehmen, um anders als die anderen zu klingen.
Mir machte es Spaß, nur mit zwei weiteren Instrumenten und Jims Stimme zu proben. Der Sound war so offen. Meine Hauptaufgabe war es, das Tempo zu halten, so dass keiner schneller oder langsamer wurde, aber es gab genug individuellen Freiraum, was insgesamt einen einzigartigen Gruppensound ergab. Mit meinem Jazz, Rays früherer klassischer Ausbildung und seinem Hang zum Blues, Robbys Folk und Flamenco und Jims Besessenheit von alten schwarzen Bluessängern formten wir langsam den Sound der Doors.
Schließlich fand Ray einen Fender Rhodes Pianobass und wir hatten keinen Bassisten mehr nötig. Das Instrument vervollständigte den Sound. Weil Ray den Bass mit der Linken und die Orgel mit der Rechten spielte, musste er notgedrungen einfache Basslinien produzieren, während er sich voll auf die linke Hand für die Orgel konzentrierte. Der Rhodes klang ein wenig matschig, gab uns aber den Soundboden, den wir brauchten und machte uns noch mehr „anders“ als die anderen Gruppen.
Das Fehlen eines Bassisten ließ mir Raum zum Füllen des Sounds und ich begann, perkussive Kommentare zu Jims Gesang abzugeben. Aus bestimmten Gründen schlug ich in voller Lautstärke bei besonders leisen Passagen – so wie der laute Wirbel bei „The End“ – ein oder zwei Schläge hinein, um die Spannung zu brechen. Ich wusste, dass diese Stille ziemlich schaurig war und ich wollte die Leute damit noch mehr erschrecken. „Wir haben nie bezweifelt, dass wir es schaffen werden“, erinnert sich Robby heute. „Von Anfang an hatten wir besseres Material als andere Gruppen und wir hatten auch den bestaussehendsten Sänger von allen. Was konnte da noch schiefgehen?“ Wir fühlten uns komplett.
Was noch fehlte, war ein Name. Zu der Zeit gaben sich die meisten amerikanischen Gruppen lange, psychedelische Namen: The Strawberry Alarm Clock, Jefferson Airplane oder Velvet Underground.
Es war zur Zeit der Orangenblüte im Sommer 1965, T-Shirt-Wetter, und ich saß auf dem Rücksitz von Rays gelbem VW-Käfer. Wir fuhren in südlicher Richtung auf dem San Diego Freeway. Jim saß auf dem Beifahrersitz, hatte Jeans und T-Shirt an und war barfuß. Offenbar trug er nie Schuhe. Er zündete sich einen Joint an.
„Was haltet ihr von dem Namen ‚The Doors‘?“, fragte er und drehte sich zu mir, um den Joint herüberzureichen.
„Hmm … der ist kurz und einfach“, antwortete ich und nahm ihm die Tüte ab. „Hast du keine Paranoia, hier im Auto zu rauchen?“
Jim zuckte mit den Schultern. Ich nahm einen kurzen Zug und reichte ihn eilig zurück.
„Würdet ihr bitte die Kippe unten lassen?“, fiel Ray ein. „Und lasst mich auch mal.“ Morrison hielt den Joint an Rays Lippen und er sog einmal tief daran. „Jim hat dieAnregung zu diesem Namen von dem Huxley-Buch ‚The Doors of Perception‘.“
„The Doors“. Ich ließ mir das Wort durch den Kopf gehen. „Find’ ich gut. Ist irgendwie anders. Klingt kurios.“ Huxley habe ich schon mal gehört, dachte ich. Sollte mir besser mal das Buch besorgen.
Morrison fuhr fort, dass Huxley diese Phrase von William Blake übernommen habe. „Wenn die Pforten der Wahrnehmung gereinigt wären, würde alles den Menschen so erscheinen, wie es ist -unendlich.“ Als ich dies hörte, war ich überzeugt, dass wir einen wahren Poeten in der Band hatten.
The Doors. Ich mochte die Schlichtheit dieses Namens.
„Was sollen wir eigentlich auf der Bühne tragen?“, fragte Jim mit unbewegter Miene. „Wie wär’s mit Anzügen?“
„Ich weiß nicht so recht … mal sehen, wie’s sich entwickelt“, brummte ich und dachte, dass Jims Vorschlag mit der Garderobe das Blödste war, was er jemals gesagt hatte.
Manchmal war Jim ganz schön naiv, dachte ich. Manchmal schlug es eben durch, dass er aus Jacksonville in Florida kam. Nicht unbedingt hip. Eher provinziell.
*
Was uns noch als Letztes im Weg stand, war die Einberufung zur Armee. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken, das Töten lernen zu müssen. Genauso beängstigend war die Gefahr, dass die Gruppe auseinanderbrechen würde, falls auch nur einer von uns gezogen werden würde. Vietnam beherrschte inzwischen die Schlagzeilen. Einige unserer Freunde hatten bereits einen Einberufungsbescheid. Ich begriff nicht, dass durch den Einmarsch von Kommunisten in ein fernöstliches Land am anderen Ende der Welt unsere Regierung die nationale Sicherheit bedroht sah.
Ray brauchte nicht mehr zu schwitzen, er hatte seinen Dienst schon abgeleistet. Seine Story zu diesem Thema hatte er ziemlich autobiografisch während seines Studiums zu einem Film mit dem Titel „Induction“ verarbeitet. Weil er wegen einer ehemaligen Freundin deprimiert war, hatte er sich freiwillig gemeldet (Er muss wohl ziemlich fertig gewesen sein. Was für ein Mädchen!). Doch Ray wollte nach einem Jahr wieder raus, nachdem er in Asien gelernt hatte, Marihuana und die sogenannten Thai-Sticks zu rauchen.
Ray schluckte also ein kleines Aluminiumkügelchen, das auf dem Röntgenschirm wie ein Geschwür aussah. Dann gab er vor, homosexuell zu sein und man schickte ihn nach Hause.
Im Sommer 1965 bekamen Jim, Robby und ich die Vorladung zur Musterung. Robbys eilfertige Eltern bestachen einen Psychiater, der ein Gutachten aufsetzte, dass Robby ungeeignet sei. Damit schickten sie ihn nach Tucson in Arizona zur Armeeverwaltung, die damals noch nicht gegen solche Ausflüchte von Kriegsgegnern immun war. Ich musste mich bei der Musterungsbehörde in Los Angeles vorstellen; Jim war eine Woche später vorgeladen.
Die ärztliche Untersuchung dort zählt zu den Tiefpunkten meines Lebens. Die Schlagzeilen der Los Angeles Times berichteten von dem ersten Kriegsdienstverweigerer, der ins Gefängnis gesteckt wurde. Es handelte sich um den Freund eines Freundes, den ich mal getroffen hatte. Mit solchen Dingen im Kopf nahm ich Methedrin, das Robby vorsorglich besorgt hatte, konnte tagelang nicht schlafen und las Kenneth Patchens „Journal of Albion Moonlight“ zur Inspiration. Mit pazifistischen Sprüchen im Rücken und Bob Dylans Mundharmonika im Kopf, die „God on Our Side“ spielte, versuchte ich mir einzureden. dass ich die Standhaftigkeit eines Quäkers hätte. Doch als mich meine Eltern schließlich bei der Musterungsbehörde in der Innenstadt absetzten, war ich ein nervöses Wrack. Mit meinem blau-lila gestreiften Hemd und braunen Cordhosen, die wochenlang nicht gewaschen worden waren, öffnete ich die Schwingtür der großen und lauten Armeezentrale und stellte mich meinem Schicksal. Meine Klamotten rochen so übel, dass ich selbst kaum den Gestank ertragen konnte.
„So, ihr Männer“, bellten uns die Rekrutieroffiziere an, als wären wir schon in der Armee. „Füllt dieses Formular aus und geht dann zur Untersuchung nach oben!“
Ich füllte die Testbögen so nachlässig wie möglich aus und befürchtete, dass ich durchdrehen würde, wenn man mich nicht zurückstellen würde. Mit Hilfe von LSD konnte ich Frieden in einer verrückten Welt finden. Doch hier bei derArmee war ich dem Verrücktwerden schon bedrohlich nahe. Meine musikalische Karriere sah ich vor meinen Augen bereits schwinden.
Als ich mit den Formularen fertig war, kam Ed Workman, ein alter Kumpel aus der Highschool, dreist quer durch den Raum auf mich zu. Er war dazu fähig, meine Maskerade zu entlarven. Ich wandte mein Gesicht ab.
„He, John. Weißt’e was? Werd dich wohl in ’Nam treffen, Mann!“ Von seinem Machohumor war ich absolut nicht begeistert. Ich zog eine Grimasse und vermied, ihn anzuschauen, da er wahrscheinlich merkte, dass ich normalerweise anders aussah. Glücklicherweise starrte er nur kurz auf meine schäbige Verkleidung, schüttelte den Kopf und zog wieder ab.
Nachdem er weg war, begab ich mich nach oben zu weiteren Tests. Leider fiel mir erst auf dem Weg zum Urintest ein. dass ich meine Probe mit etwas hätte würzen können – wenn ich vorher daran gedacht hätte, etwas mitzubringen.
Ich musste von einem Büro zum nächsten. Als ich mich in die Schlange der Leute einreihte, die auf die psychiatrische Untersuchung warteten, beschlich mich Verzweiflung. Jetzt wurde es ernst und so langsam verließen mich die Ideen. Wenn man jetzt meinen Puls gemessen hätte, wäre ich bei der medizinischen Untersuchung mit Sicherheit durchgerasselt.
Ein weiblich wirkender schwarzer Dandy tänzelte vor mir herum, während wir auf unsere Sitzung bei dem Seelenklempner warteten. Der Typ war laut und ungeduldig und äußerst affig. Ich hätte hundert Dollar wetten mögen, dass er zurückgestellt wird.
Doch er gab mir die Inspiration, auf die ich gewartet hatte.
Steif ging ich in das Büro des Psychiaters. Mit verworrenen Gedanken, meinem rasenden Herzen und meinen schwabbligen Knien trippelte ich zum Schreibtisch. Ohne ihm in die Augen zu schauen, zog ich den Stuhl vor dem Tisch an mich und zerrte ihn in die gegenüberliegende leere Ecke, wo Fotos von Präsident Johnson und einer B-52 hingen.
Ich setzte mich mit dem Gesicht zur Wand auf den Stuhl.
„KOMM HIERHIN, DU ARSCHLOCH!“ brüllte der Psychiater.
Zitternd vor Angst, aber entschlossen, mein improvisiertes Verhalten beizubehalten, rückte ich den Stuhl so geziert wie möglich wieder vor ihn. Dann lehnte ich mich quer über seinen peinlich aufgeräumten Schreibtisch bis ich nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war. Mein Atem hätte wahrscheinlich auch die Jets an der Wand zum Absturz gebracht. Eine Woche lang hatte ich nicht geduscht.
„Willst du in die Armee?“, fragte er und lehnte sich nach Luft ringend zurück.
„Nein, Sir, das könnte ich nicht ertragen“, antwortete ich gewissenhaft, vor Aufrichtigkeit triefend. In meinen Augen sammelten sich Krokodilstränen. Ich spielte zum ersten Male in meinem Leben Theater und wusste es noch nicht einmal.
„Das würde dir aber gut tun!“, sagte er und schüttelte vor Abscheu seinen Kopf. Er setzte seinen Stempel auf meine Papiere, mein Laurence Olivier-Theater nicht beachtend.
Er händigte mir die Blätter aus und dirigierte mich zum nächsten Büro. Auf wackligen Beinen verließ ich ohne Hoffnung den Raum.
Kurz darauf fand ich mich vor einem langen Tisch wieder, auf dem die kompletten Formulare gesammelt wurden. Eine schwarze freiwillige reckte die Hand, um meine Papiere in Empfang zu nehmen. Sie war etwa fünfzig Jahre alt und schien die Nähte ihrer Uniform zu sprengen, hatte aber das erste freundliche Gesicht, das ich an diesem Tag sah. Als ich ihr meine Formulare gab, schien sie meine Niedergeschlagenheit zu bemerken und zog mich zur Seite. Sie deutete vielsagend auf das Kästchen mit den „homosexuellen Tendenzen“ auf dem Formular und fragte: „Gibt es noch was, das du überprüfen willst?“ Ich schaute sie an, erst verblüfft, dann hoffnungsvoll und sie nickte in Richtung der Papiere, als wenn sie sagen wollte: „Überprüf’s doch noch mal!“ Ich weiß nicht, ob sie ernsthaft dachte, ich sei schwul oder nur zu zart für das Militär. Der Blick ihrer mütterlichen Augen sagte mir, dass ich nach der „Überprüfung“ dieses Kästchens verschont werden würde.
Ein paar Stunden später hatte ich meine Einstufung: 1Y! Der Sekretär teilte mir mit, dass ich in einem Jahr nochmals wiederkommen müsste, aber in der Zwischenzeit war ich FREI! Ein 4F wäre mir lieber gewesen, denn es hätte eine dauerhafte Untauglichkeit bedeutet, aber ich wollte möglichst schnell dort weg und nicht noch großartig mit den Typen diskutieren.
An der Ecke des MacArthur-Parks holte mich meine Mutter ab. Mein Gestank war mir peinlich, als ich ins Auto stieg, aber nachdem ich ihr schließlich den Grund erzählt hatte, war sie genauso über meinen Erfolg erleichtert wie ich.
Dad gab seine Gefühle darüber nicht kund.
Noch eine Zurückstellung von der Armee und die Doors würden von allen Hindernissen befreit sein.
*
Am 14. Juli, dem Tag der Bastille, fuhr ich Jim zu seiner Musterung. Diesmal stand eine lange Warteschlange vor dem Musterungsgebäude, darum meinte Jim lässig, ich solle einfach in ein paar Stunden wiederkommen. Er hätte dann alles überstanden. Ich sagte ihm, dass es mich einen ganzen Tag gekostet hätte, aber er zeigte mir nur grinsend seine Zähne. Ich willigte also ein und fuhr davon, um etwas zu essen und danach nochmal in der Gegend vorbeizuschauen. Irgendwie wollle ich auch nicht dort warten. Diese mit Militär prallvolle Ecke machte mich allein schon nervös.
Am Mittag kehrte ich zurück und traute meinen Augen kaum, als ich ihn so cool wie immer vor dem Eingang stehen sah, lässig an die Mauer gelehnt, ein Bein nach hinten geknickt und dabei mit den Händen seine Haare zur Seite streichend.
Ich fuhr bis zur Absperrung und kletterte aus dem Wagen, während er gleichgültig herangeschlendert kam. „Nun, was ist passiert?“, rief ich durch den Straßenlärm. „Haste’s geschafft? Sag’ schon!“
Morrison zuckte mit den Schultern und meinte: „Keine Aufregung. Alles abgehakt. Man gab mir ein ‚Z‘ als Einstufung.“ Er glitt in das Auto.
Ich schüttelte verwirrt den Kopf und rutschte zurück auf den Fahrersitz. „Was zum Teufel bedeutet die Stufe ‚Z‘?“
„Weiß ich nicht“, sagte er, um mich zu quälen.
Ich startete die Gazelle, legte den ersten Gang ein und fuhr in Richtung Hollywood los. „Sag’s mir, Jim, was hast du da drin getrieben?“
Er reagierte mit einem boshaften Grinsen. Gottverdammt, dachte ich. Der Kerl ist mir über. Er übergeht kurzerhand ein Trauma, das mir beinahe eine Herzattacke eingebracht hätte. Ich versuchte, ihn während der Fahrt mehrmals zum Reden zu bringen, aber er hüllte sich in Schweigen. Mit welchem Bluff er wohl an dieser Sache vorbeigekommen ist, fragte ich mich.
Während wir auf dem Santa Monica Freeway nach Westen zum Allouette Coffee Shop in Venice fuhren, lief im Radio die Stones-Version von „King Bee“.
Jim wurde sofort wieder munter und schlug mit den Händen ziemlich ungleichmäßig den Takt dazu auf dem Armaturenbrett.
„Weißte, ich mag diesen Song, aber ich werde sauer, wenn Ray – der ‚alte Bluesmann‘ – ihn singt“, meinte er mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck.
„Warum?“ fragte ich. „Es ist eine Frage des Tempos und Robby sollte Bottleneck dazu spielen.“ Jim zuckte nur mit den Achseln und versuchte weiterhin, auf dem Armaturenbrett den Takt zu halten.
„Ich weiß nicht … aber es gefällt mir irgendwie, wenn Ray den Song bringt“, fügte ich hinzu.
Immer noch keine Antwort.
„Es klingt schmalzig“, sagte Jim schließlich.
Ich wechselte das Thema. „Du wirst es nicht glauben, aber als ich letzte Woche Acid nahm, hielt ich mich für Gott!“
„Tatsächlich?“ fragte Jim sarkastisch.
„]a, ich war in Malibu mit Bill Wolf und Georgie, dem Girl, das mal mit Robby ging, und meinem Piano-Freund Grant und wir wanderten in diesem ausgetrockneten Flussbett herum. Ich stieg auf einen Hügel, von dem aus man das Flussbett überblicken konnte, wo Grant und Bill sich herumtrieben. Georgie war zum Sierra Retreat-Kloster hinübergewandert und wir konnten aus der Entfernung beobachten, wie sie auf das große Holzkreuz kletterte und über den Ozean schaute!“
„Hahaha!“
„Anhand des trockenen Mooses konnte ich genau den Weg erkennen, den das Wasser bei einem Ungewitter nimmt und ich hatte das Gefühl, dass die Natur ewig ist, außer wir bomben uns selbst in die Luft. Ich rief zu Grant und Bill nach unten ins Strombett: ‚Macht weiter, macht weiter mit den Dingen, die nötig sind, alles an Ort und Stelle.‘ Sie lachten, weil es so aussah, als ob ich sie mit ihren Gefolgsleuten dirigieren würde. Ich fühlte mich wie Gott, wenn er das Universum lenkt.“
„Ziemlich stark. Hört sich wie ein dicker Egotrip an!“
„Ach komm! So habe ich mich nicht gefühlt. Eher wie ein Wohltäter!“
„Ray machte letzte Woche eine total entgegengesetzte Erfahrung.“
„Ihr habt Acid geschmissen?“
„Yeah, und Ray erwischte der Horror.“
„Wirklich? Was ist passiert?“
„Nichts, … außer dass er an allem herumnörgelte.“
„Warum denn?“
„Keine Ahnung, aber das war ein ziemlicher Mist, denn wir mussten uns darauf konzentrieren, ihm zu helfen, anstatt unseren eigenen Trip zu genießen.“
„Yeah, ich weiß, was du meinst.“
„Hey John, meinst du, wir könnten mal so groß sein wie die Stones?“ fragte Jim und wechselte das Thema von einer Sekunde auf die andere, was er gerne zu tun pflegte.
Ich zog die Augenbrauen hoch, was soviel wie „Natürlich!“ bedeuten sollte. Im richtigen Tempo nickte Jim mit dem Kopf zu „King Bee“, klopfte mit dem Fuß den Takt.
Als ich schließlich auf dem Durchgang hinter dem Pier von Venice anhielt, hatte ich das Gefühl, dass uns nun nichts mehr aufhalten kann – kein Militär saß uns mehr im Nacken, wir hatten ein Acetat unterm Arm und eine Gemeinschaft in der Band, die sich neben unserer Musik etablierte.
Jim hat mir niemals gesagt, was zum Teufel die Einstufung „Z“ bedeutete.
Während der Proben im folgenden Winter bekam Jims Stimme mehr Autorität. Jede Woche kam er mit einigen zerknitterten Zetteln oder kaffeebefleckten Servietten an, auf denen die unglaublichsten Texte standen; er erinnerte mich an Dylan Thomas mit seinen Gedichten auf Streichholzbriefchen.
Jim war ein Typ mit einem natürlichen Instinkt für Melodien, konnte sie aber notenmäßig nicht einordnen.
„Manchmal erfinde ich Wörter, nur um die Melodie nicht zu vergessen, die ich gerade höre.“ Er hatte die Begabung, eine Melodie in seinem Kopf zu hören und dann war es an uns, sie mit ihm zusammen auszuarbeiten und ihm zu sagen, welche Noten er tatsächlich sang.
„Jim war nicht besonders musikalisch, aber er konnte auf dem Klavier ziemlich gut herumhämmern“, kommentierte Robby dieses Thema in einem lnterview. „Das war aber auch alles. Er war wirklich nicht musikalisch. Man konnte ihm nicht sagen: ‚Jim, sing mal in H-Moll.‘ Er war nicht wie Frank Sinatra, der Noten vom Blatt singen konnte. Zu den Arrangements trug er nicht viel bei.“
„Hört sich nach G an“, vermutete Ray, während Jim eine Strophe sang. Dann spielte Robby meistens ein paar Tone, dann einen Akkord auf der Gitarre. Danach fiel ich mit einem Kommentar zum möglichen Takt ein. „Das klingt nach einem 4/4 Takt. Wie ein Shuffle.“ Dann musste Jim einen weiteren Vers oder Refrain zu den drei Instrumenten singen.
Diese Sessions, bei denen wir unseren Stil schliffen, waren für mich sehr aufregend. Die Kombination von Robby, Ray und mir war perfekt, um Jims Worte zu orchestrieren.
She holds her head so high
Like a statue in the sky
Her arms are wicked and her legs are long
When she moves my brain screams out this song
Hello, I love you
Won’t you tell me your name
Hello, I love you
Let me jump in your game
Sidewalk crouches at her feet
Like a dog, that begs for something sweet
Do ya hope to make her, see you, fool
Do ya hope to pluck this dusky jewel
Hello, hello, hello.
(Sie hält ihren Kopf so erhoben
Wie eine Statue in den Himmel
Ihre Arme sind toll und ihre Beine lang
Wenn sie sich bewegt, schreit mein Gehirn diesen Song aus
Hallo, ich liebe dich
Willst du mir nicht deinen Namen sagen
Hallo, ich liebe dich
Lass mich bei deinem Spiel mitmachen
Der Gehweg duckt sich unter ihren Füßen
Wie ein Hund, der um Süßes bettelt
Hoffst du etwa, sie anmachen zu können, hau ab, du Narr
Hoffst du, dieses dunkle Juwel rupfen zu können
Hallo, hallo, hallo.)
„Könntest du mich zu Rosannas Appartement in Beverly Hills fahren? Ich muss hier mal für ein paar Tage raus“, bat mich Jim.
„Wer is denn Rosanna?“, fragte ich, als wir zum Wagen gingen.
„So’n Mädchen. Studiert Kunst auf der UCLA.“
„Oh-oh!“ stichelte ich.
Ich bog von Rays Bude aus nach links in die Ocean Avenue ab.
„Es liegt abseits von Charlieville, in einem dieser spanischen Doppelhäuser.“
„Gut.“
Jim schellte an der Tür.
„Oh, du bist’s. Komm rein.“ Die attraktive, langhaarige Blonde klang überrascht. Anscheinend hatte Jim vorher nicht angerufen. „Das ist John.“
„Hi.“
„Hi.“
Jim steuerte geradewegs auf den Küchentisch zu, entnahm ihm einen Beutel Grass und begann, Joints zu rollen. Er benahm sich, als wäre er dort Zuhause.
Rosanna quittierte dies mit spitzem Sarkasmus. „Bedien’ dich nur, Jim.“ Hatte Jim etwa seinen Meister gefunden? Anscheinend hatte sie Spaß an der verbalen Neckerei.
„Ich komm’·gleich wieder zurück“, sagte ich, weil ich mich von der sich aufbauenden Stimmung beengt fühlte.
Ich fuhr in dem Einkaufsbezirk herum und hielt an einem Getränkeladen, um Apfelsaft zu kaufen. Wollte Jim dort übernachten? Ich beschloss, das Ganze auf dem Nachhauseweg nochmals zu prüfen.
Die Tür ging bei meinem Klopfen von alleine auf, anscheinend hatte jemand sie nicht vollständig geschlossen. Ich stieß sie ganz auf und sah Jim im Wohnzimmer stehen, wie er mit einem langen Küchenmesser auf Rosannas Magengegend zielte. Einige Knöpfe sprangen von ihrer Bluse ab, als Jim ihr den Arm auf den Rücken drehte.
Mein Puls verdreifachte sich.
„Was ist denn hier los?“, rief ich, um die Situation zu entschärfen. „Eine ziemlich ungewöhnliche Art, jemanden zu verführen, Jim.“
Jim schaute mich überrascht an und ließ Rosanna los. „Wir hatten nur ’n bisschen Spaß.“
Rosannas Gesichtsausdruck wandelte sich von Furcht und Wut zu Erleichterung. Jim legte das Messer weg.
Ich bin in einer Band mit einem Psychopathen. ICH BIN IN EINER BAND MIT EINEM PSYCHOPATHEN!
Ich bin im selben Raum mit einem Psychopathen.
„Äh, ich muss jetzt weg … willste mit?“
„Nee.“
Ich verschwand wie ein Blitz. Ich sorgte mich um Rosanna, aber noch mehr sorgte ich mich um meine eigene Person. In dem Raum lag sowohl eine sexuelle Spannung als auch ein Geruch von Gewalt. Deswegen floh ich. Wie benommen kam ich bei meinem Elternhaus an. Warum musste in meiner Band ein Verrückter sein? Ich hätte mich gerne jemandem mitgeteilt, meinen Eltern, irgend jemandem, aber ich wusste, es war unmöglich. Die Doors waren mein einziges Sprungbrett aus der Familie heraus in eine eventuelle Karriere von etwas, das ich mochte. Hätte mir jemand, den ich über diesen Vorfall informiert hätte, gesagt, ich sollte lieber die Band verlassen – mir wäre keine Wahl geblieben. Die Schule bot keine Alternative und es gab nichts anderes, was mich interessiert hätte. Ich versuchte, den Vorfall mit dem Messer zu vergessen. Aber solche Dinge kommen immer dann zurück, wenn man nicht damit rechnet. Ein juckender Hautausschlag bildete sich auf meinen Beinen und wurde chronisch.
Something’s wrong, something’s not quite right
Touch me, babe, all through the night.
(Irgendwas stimmt nicht, irgendwas ist nicht ganz richtig




