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Tom hatte von solchen Plünderungen nur über Dritte mitbekommen. Manche Menschen hatten sich zusammengetan, hatten sich sogar noch in den letzten Wochen geholfen und unterstützt, andere hatten sich zurückentwickelt zu Tieren, die nur an ihr eigenes Überleben dachten. Jedoch die, die sich weiterhin hilfsbereit verhalten hatten, hatten unter anderem auch ihn und Pfarrer Wutknecht mit Lebensmitteln versorgt, quasi als Gegenleistung für ihre moralische Unterstützung.
Am Ende war es egal gewesen. So oder so hatten sie geplündert. Es war nur eine Frage der Perspektive, ob es nun gerechtfertigt oder ob es komplett falsch gewesen war.
Tom nahm die Eisenstange hoch. Sie wog schwer und lag kalt in seinen Händen. Er wusste nicht, wie viel sie aushalten würde und ob sie vielleicht sogar nach einen Schlag brechen würde, auch wenn sie sich sehr massiv anfühlte. Wenn, dann würde es vielleicht reichen, um dem Mädchen eine Chance einzuräumen. Mit einem Schlag konnte man sehr viel kaputtmachen, das wusste er.
Vorsichtig schlich er weiter, vorbei am nächsten Gang zu dem, in dem die Vergewaltigung vor sich ging. Vorsichtig spähte er um die Ecke. Im spastisch zuckenden Schein der Taschenlampen lag ein schmächtiger Junge, er mochte höchsten siebzehn oder achtzehn sein, auf einem Mädchen, welches sicher nicht viel älter war. Sein Freund stand geifernd daneben, mit der einen Hand in der Hose und weit aufgerissenen, geilen Augen, die vor Lust funkelten.
Angewidert umklammerte Tom die Eisenstange in seiner Hand noch etwas fester und machte langsam einen Schritt in den Gang. Kleine Pfützen, die von den abgetauten Tiefkühlaggregaten stammten, hatten sich auf dem Boden gebildet. Das Licht der Taschenlampen erzeugte Tausende kleiner Lichter auf den nassen Boden.
Das Wasser roch modrig und faul, mischte sich nun auch mit dem Gestank der Leichen, die etwas weiter entfernt lagen, übertünchte jedoch den süßen, penetranten Totenduft. Tom nahm es nicht wahr.
Vorsichtig, einen Fuß vor den anderen setzend, bewegte er sich in Richtung der beiden Jungen. Das Mädchen hatte augenscheinlich aufgegeben, sich zu wehren. Sie lag leise schluchzend da und ließ das Ungeheuerliche über sich ergehen wie eine Puppe. Sie blickte in seine Richtung, sah aber direkt durch ihn hindurch, als wäre er aus Glas.
Es war sein Glück, dass die beiden viel zu sehr in ihre Tat vertieft waren, denn sonst hätten sie ihn mittlerweile garantiert bemerkt. So konnte er sich jedoch weiter leise und vorsichtig anschleichen. Das Wasser unter seinen Füßen platschte leise und schwappte in konzentrischen Wellen über den Boden. Er hob das Rohr, als wäre es ein Baseballschläger und er ein Schlagmann, der darauf wartete, einen Ball aus dem Stadion zu schlagen.
Ihn trennten nur noch ungefähr drei Schritte bis zu den beiden Kerlen auf dem jungen Ding. Er umklammerte seinen Schläger nochmals fester. Seine feuchten Hände quietschten leise auf dem Metall.
In seinem Inneren machte sich eine brutale, gnadenlose Entschlossenheit breit. Er würde dieses Mädchen retten, egal was es kosten würde. Das war er sich selbst einfach schuldig.
Einen Schritt noch.
Seine Fußspitze berührte fast schon die Ferse des Jungen, der grunzend und stöhnend immer wieder mit seiner Hüfte auf das Mädchen einstieß wie mit einem fleischigen Messer.
»Was zum …?«, fragte der andere erschrocken. Das Licht seiner Taschenlampe glitt zu Tom, der seinen Blick jedoch nur auf den am Boden Liegenden gerichtet hatte. Das war sein Glück, denn sonst hätte der helle Strahl der Lampe ihn wahrscheinlich im ersten Moment geblendet. So jedoch spürte er nur, dass es plötzlich heller wurde, aber seine Augen krampften sich nicht zusammen.
Er holte noch etwas weiter aus.
Der Junge am Boden drehte sich erschrocken und leicht verärgert um. Sein Gesicht wurde fahl und seine Augen weiteten sich vor Schreck, als er Tom sah, der aus seiner Position wie ein Hüne wirkte, ein Relikt aus einer anderen, dunkleren Zeit, der über seinem Kopf seine Streitaxt schwang. Das Licht, welches sein Kumpel auf ihn warf, fiel in so einem diffusen Winkel auf Tom, dass der Großteil seines Gesichts im Schatten lang und ihm zusätzlich eine dunkle und bedrohliche Aura verschaffte.
All das passierte in wenigen Sekunden, ebenso wie Toms Schlag. Er ließ die Stange durch die Luft sausen, und mit tödlicher Sicherheit traf sie den Jungen seitlich am Kopf. Der Schädel knackte laut, als er einer Walnuss gleich brach. Sofort kippte der Junge zur Seite und blieb zuckend liegen.
Tom richtete seinen Blick langsam nach oben auf den anderen, der immer noch seine Hand in seiner Hose hatte und wahrscheinlich sein Ding umklammerte. Voller Schreck über Toms plötzliches Auftauchen und seinen brutalen Schlag gegen den Kopf seines Freundes hatte er die Taschenlampe sinken lassen. Der Lichtkegel ruhte nun auf seinem Freund am Boden. Tom holte erneut aus und machte, während er zuschlug, noch einen Schritt nach vorne. Dies potenzierte sich und machte den Schlag, der gegen den zweiten Jungen geführt wurde, noch brutaler. Es pflügte den Jungen von den Beinen und warf ihn kopfüber in eine der Tiefkühltruhen, in der er bewusstlos liegen blieb. Er hatte nicht einmal mehr die Zeit, sein mittlerweile schlaffes Glied loszulassen, geschweige denn einen erschreckten Aufschrei aus seiner Kehle zu pressen.
Seine Taschenlampe fiel mit einem lauten Klirren zu Boden, rollte zur Seite und blieb dann liegen. Der am Boden Liegende lebte noch, das war eindeutig, aber wahrscheinlich würde er ohne Hilfe recht bald sterben. Blut tropfte ihm aus dem Ohr, und seine Augen zuckten panisch hin und her. Aber er bewegte sich nicht koordiniert, sondern nur spastisch und unwillkürlich.
Tom überlegte sich, was er jetzt machen sollte. Das Mädchen am Boden hatte sich sowohl von ihm als auch von seinen Peinigern weggedreht,lag nun in der Embryonalstellung am Boden und schluchzte leise vor sich hin.
Liegen lassen wollte er sie nicht. Aber hier raustragen? Das war ihm irgendwie zu gefährlich. Wahrscheinlich würden sie doch eh sterben, noch bevor der Rest der Welt ihnen folgen würde. Aber konnte man sich da sicher sein? Dieses Dilemma konnte er nicht ohne Weiteres lösen, dessen war er sich bewusst. Daher tat er das, was er davor auch schon so oft getan hatte.
Tom ging zu jedem von ihnen hin, sprach die Sterbesakramente und ein Gebet für die Seelen der beiden, die eigentlich noch Kinder gewesen waren, auch wenn sie es sich sicher nie eingestanden hätten. Vergib ihnen, denn sie wussten nicht, was sie taten – ich habe es gewusst und ich hoffe, du bist damit zufrieden und vergibst auch mir. Ich wollte nur helfen und meine Schuld begleichen.
Dann beugte er sich zu dem Mädchen.
»Hey«, flüsterte er und streichelte ihre Wange. Sie trug keine Hose und zwischen ihren Beinen mischte sich Blut mit dem Kondenswasser auf dem Boden. Er wandte seinen Blick starr auf ihr Gesicht, bevor Bilder in seinem Kopf aufsteigen konnten, für die er in diesem Moment nicht bereit war.
»Hörst du mich?«, fragte er sanft und freundlich »Ich will dir nichts tun. Ich will dir helfen.«
Das Mädchen drehte sich langsam um und blickte ihn misstrauisch an. Tom griff nach der Taschenlampe und hielt sie sich ins Gesicht. Das grelle Licht blendete ihn und er musste kurzzeitig die Augen schließen.
»Ich heiße Tom. Ich bin«, er stockte, »Pfarrer.«
»Ein Pfarrer tötet keine Menschen«, gab das Mädchen schluchzend zurück. Immerhin reagierte sie auf ihn, dachte er sich. Das Misstrauen in ihrer Stimme war nur verständlich.
»Aber er beschützt seine Herde.« Er strich ihr nochmals sanft über die Wange. »Wie geht es dir?«
»Es tut furchtbar weh«, schluchzte leise. Ihre Hand wanderte auf ihren Bauch, fuhr etwas weiter runter in Richtung ihrer Scham. Dann zuckte sie zurück, als hätte sie sich verbrannt. »So weh.«
»Das glaube ich dir. Kann ich dir irgendwie helfen?«, fragte er so einfühlsam wie er nur konnte. Er legte ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter. Sie zuckte nicht zurück, aber zitterte noch immer unkontrolliert.
»Ich will nach Hause. Ich will nach Hause.« Sie richtete sich auf und blickte sich um. Tom zuckte erschrocken zurück. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie auf einmal so energiegeladen sein würde.
Sie bedeckte sich nicht, was Tom jedoch nicht auffiel. Er versuchte ihrem Blick zu folgen, um rauszubekommen was sie wollte. Er ließ die Taschenlampe über den Gang wandern, bis er irgendwann im Lichtkegel die Hose des Mädchens fand. Sie war dem Schein der Lampe offensichtlich gefolgt, denn nun versuchte sie sich an der Kühltruhe hochzuziehen, rutschte jedoch geschwächt auf dem nassen Boden aus und fiel wieder hin.
»Ich hole sie dir«, sagte Tom und stand auf.
Als er wieder zurück zum Mädchen kam, hatte es seine Knie bis unter das Kinn angezogen und blickte schockiert und starr vor sich hin. Die plötzliche Energie war wieder so schnell verschwunden, wie sie gekommen war.
»Kannst du sie dir selber anziehen?« Diese Worte schienen erst durch einen Schleier dringen zu müssen, bevor das Mädchen sie wahrnahm. Dann nickte sie und nahm die Hose.
Tom drehte sich um, während er wartete, bis sie sich angezogen hatte. Nach einer Weile wagte er sich wieder umzudrehen. Das Mädchen wirkte wie zerstört. Desolat blickte es mit trüben und leblosen Augen auf die Leichen der beiden Vergewaltiger am Boden. Keine Regung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Es schien, als würde sie irgendwo weit, weit weg sein.
»Kannst du gehen?«, fragte Tom, aber sie ignorierte ihn. Er wartete eine Weile, bevor er sich sicher sein konnte, dass das Mädchen nicht reagieren würde. Dann legte er seine Hand auf ihre Schulter. Sie zuckte sofort weg, als wären seine Finger elektrisch geladen und hätten ihr gerade einen Schock verpasst.
Dann geschah alles recht schnell. Sie beugte sich nach unten und packte die Taschenlampe, die noch am Boden gelegen hatte. Sie nahm sie auf und verschwand. Sie drehte sich nicht um, sagte kein Wort, sondern ging einfach.
Tom blickte ihr etwas irritiert hinterher, stirnrunzelnd, ob er ihr folgen sollte oder nicht. Er machte einen Schritt hinter ihr her, blieb dann jedoch zögernd stehen. Letztlich konnte er doch nichts mehr tun, dachte er sich.
Er schaute wieder auf die Leichen der Jungen. Sofern sie wirklich schon tot waren, was er nicht mit Sicherheit sagen konnte. Am Ende waren sie alle Leichen – manche hatten nur noch einen Puls, wie er und das Mädchen.
Es tat ihm leid. Nicht, dass die beiden bald tot sein würden, sondern mehr, dass sie in solch einer Welt hatten leben müssen. Sie hatten sicher Träume gehabt, Hoffnungen und Ziele, die von «Bright Bob« allesamt zerstört worden waren. Er war sich sicher, dass der Mensch im Innersten gut war, genau wie diese beiden. Es waren die Umstände, die sie zu solch einer brutalen Tat getrieben hatten.
»Jetzt geht es euch besser«, sagte er sanft, auch wenn er sich nicht des Gefühls erwehren konnte, dass er irgendwie gerade gelogen hatte.
Vielleicht war es dieses Mal richtig gewesen, so zu handeln. Vielleicht.
Auch er drehte sich weg und ließ die beiden zurück. Mit der Taschenlampe in seiner Hand hatte er es entschieden leichter, wieder seinen Weg zurückzufinden. Schnellen Schrittes folgte er den Gängen in Richtung der Kassen und somit zum Ausgang.
Als er dort ankam, blieb er kurz stehen. Das Monster, welches sich davor recht leise verhalten und vielleicht das Spektakel genossen hatte, meldete sich nun noch vernehmlicher wieder und Tom wollte diesen Forderungen nur zu gerne nachkommen.
Er ging von Kasse zu Kasse und untersuchte die Regale, ob irgendwo noch eine Schachtel Zigaretten lag. Es war die achte von insgesamt zehn Kassen, an der er fündig wurde. Nicht im Regal, sondern am Boden davor lagen vier Schachteln. Sie waren etwas platt getreten worden, aber schienen noch intakt zu sein.
»Rauchen kann tödlich sein.« Tom lachte kurz auf. Das war nun nicht mehr tragisch, dachte er sich. Er zündete sich die erste Zigarette direkt im Laden an und ließ den Kegel der Taschenlampe nochmals über die leergefegten Regale wandern.
Das gesamte Geschäft wirkte, als hätte man vorgehabt, es einer Grundreinigung zu unterziehen. Alles war rausgerissen worden und nichts, absolut gar nichts mehr übrig. Die Regale waren bis auf den letzten Artikel leergefegt. Für ihn, der er sein gesamtes Studium Symbole und Riten gedeutet hatte, war dies hier ein besonderes grausames Symbol: der Untergang der westlichen Welt. Alles, was diese Welt so komfortabel gemacht hatte, war geklaut worden, um vielleicht noch ein bisschen länger an diesem Lebensstil festzuhalten.
Er zog an der Zigarette.
Die beiden Jungs würden, falls sie wieder zu sich kämen, sicher den Weg hier raus finden. Es würde dauern, aber das würde dann bedeuten, dass sie die letzten Stunden ihres viel zu kurzen Lebens wenigstens nicht mit weiteren Gräueltaten verbringen würden.
Wenn sie noch leben sollten.
Mehr konnte er in dieser Situation nicht für sie tun.
Dann drehte er sich um. Die Taschenlampe legte er auf ein Förderband und ließ sie dort liegen. Sie strahlte bis zum Ende der leeren Regale.
Seine Finger begannen zu zittern, als ihm klar wurde, was gerade passiert war.
Die Regale waren leer.
Er hörte ein leises, metallisches Pochen hinter sich. Er musste sich nicht umdrehen um zu wissen, dass es dieses junge Mädchen war, das gerade die Rolltreppe hochging.
Wo würde sie wohl hingehen? Zu ihren Eltern, zu einer Freundin? Es tat ihm in der Seele weh, wenn er sich überlegte, dass dieses arme Ding seine letzten Stunden mit dem Gewissen verbringen musste, dass es gerade vergewaltigt worden war.
Die Welt war ein grausamer Ort.
Tom und Chris
Gedanken, vor allem schlechte, können wie Krebs sein. Sie beginnen zuerst winzig, auf einer Mikroebene, können sich dann jedoch immer weiter ausbreiten, bis sie einen in den Wahnsinn bzw. in den Tod führen.
Tom wusste das. In den letzten Monaten hatte er sehr oft erleben müssen, wie ihn eine schreckliche Erinnerung immer und immer wieder gejagt und gequält hatte, bis ihm Pfarrer Wutknecht einen Gedankentipp, wie er es genannt hatte, gegeben hatte.
»Stellen Sie sich ein riesiges Lager vor«, hatte er begonnen. »Eine Lagerhalle, mit Abertausenden von Paketen, die sich bis unter die Decke stapeln. Das sind Ihre Gedanken. Es liegt an Ihnen, Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Nun stellen Sie sich einen Logistiker vor, der über dieses Chaos Herr ist und weiß, wo welche Gedanken sind. Er muss sie folglich nur abrufen. Und nun gehen Sie noch einen Schritt weiter: Wenn Ihre Gedanken Pakete sind und Sie der Logistiker, dann sind es auch Sie, der dafür zuständig ist, wo die Pakete stehen. Daher stellen Sie Ihre belastenden Gedanken, wenn Sie sich nicht mit Ihnen beschäftigen wollen, so weit nach hinten, wie es Ihnen irgendwie möglich ist. Sie sind immer noch da, aber sie müssen nicht sofort bearbeitet werden. Irgendwann können Sie sie dann bearbeiten, wenn Sie sich bereit fühlen.«
Was weder Tom noch Pfarrer Wutknecht wussten, war, dass, als der Pfarrer diese Technik von einem Psychologen beigebracht bekommen hatte, in diesem selben Seminar Chris gesessen und diesen ebenfalls Ausführungen gelauscht hatte. Die Welt war klein.
Tom hatte ihn verwirrt angeschaut und Pfarrer Wutknecht hatte gesagt: »Wissen Sie, der Dienst an Gott ist das erfüllendste, was ich mir vorstellen kann. Gleichzeitig ist es ein ungeheurer Kraftakt. Manchmal muss man sich einfach Zeit für sich nehmen, sonst würde man es nicht schaffen. Sie müssen sich auch mit schlimmen Dingen beschäftigen, derzeit mehr als irgendwer sonst. Aber Sie dürfen darüber nicht sich selbst vergessen. Kümmern Sie sich um Ihre Dämonen, aber nur dann, wenn Sie dafür bereit sind, es mit ihnen aufzunehmen.«
Daher stellte sich Tom dies gerade bildlich vor, während er auf den roten Stufen des Einkaufszentrums saß und mit leicht zitternden Fingern seine Zigarette rauchte. Das Adrenalin pumpte immer noch durch seine Venen, als in seinem Kopf der Logistiker Tom das Geschehene nahm und in ein großes, rotes Paket packte, auf dem in Neonlettern »VORSICHT GEFAHR« stand. Dann nahm er dieses Paket und trug es in die hinterste Ecke des Lagers, wo er es ablegte, zu all den anderen roten Paketen. Es waren nicht mehr so viele, wie es schon gewesen waren, genau genommen nur noch eines.
Beide würde Tom nicht öffnen wollen. Wenn es gut lief, dann würden diese Pakete in der Halle liegen, bis es zu Ende wäre.
»Hey Pfaffe! Hock nicht so faul rum und hilf mir lieber!« Fast schon schuldbewusst zuckte Tom zusammen und drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Ein Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Sein Logistiker drehte gerade um eine Ecke und verschwand mit dem Paket.
»Wenn das mal nicht der Rettungsgispel ist!«, lachte er und ging auf Chris zu, der gerade die Straße entlangkam, eine Kiste Bier in den Händen.
Die beiden Männer trafen sich in der Mitte, Chris stellte die Kiste ab, dann umarmten sie sich.
»Schön, dich zu sehen, mein Freund«, sagte Tom und meinte es so, wie er es sagte.
»Könnte ich doch nur das Gleiche zu dir sagen«, erwiderte Chris grinsend. Tom merkte, dass diese Worte eher künstlich klangen, als wären sie ein einstudierter Text eines schlechten Schauspielers.
»Es gibt schlechtere Gesellschaft, mit der man den Weltuntergang begehen könnte, als meine!«, protestierte Tom gespielt.
»Aber nicht viele«, konterte Chris. »Aber jetzt rede nicht so viel, sondern hilf mir mit dieser verdammten Kiste. Die ist scheißschwer!«
Tom packte die eine Seite der Bierkiste und Chris die andere. Dann warf er einen Blick auf seine Armbanduhr.
»Wir sollten uns etwas beeilen. Es ist bald sieben.«
»Ich bin mir sicher, dass wir nicht zu spät kommen. Oder glaubst du, dass Mick oder Noah schon da sein werden?«
»Hast recht.« Tom warf Chris einen fragenden Blick zu. »Alles in Ordnung?« Die beiden Männer kannten sich so lange, dass sie einander lesen konnten wie ein offenes Buch, und Chris stand gerade ins Gesicht geschrieben, dass er nicht in der besten Stimmung war. Gut, das war in Anbetracht der gegebenen Umstände nicht verwunderlich, aber da war noch was anderes, was Tom nicht auf Anhieb deuten konnte.
»Ist es – wegen dem Stadion?«, fragte er mit fester, ermutigender Stimme, während sie die Kiste Bier über eine Fußgängerbrücke auf die andere Seite trugen.
»Seestadion?«, erwiderte Chris abwesend.
»Gibt es ein anderes mit Relevanz für dich?«
Chris lachte kurz auf. »Ich will nicht drüber reden. Lass mich erst einmal ein Bier trinken, etwas zur Ruhe kommen. Vielleicht auch, wenn die anderen da sind. Ich weiß es nicht.« Er zögerte, bevor er weitersprach. »Vielleicht will ich auch gar nicht mehr darüber reden. Jetzt ist es eh bald vorbei.«
»War es so schlimm, wie man sich erzählt hat?«
Chris blieb kurz stehen. Sein Blick war kühl und distanziert, aber gleichzeitig von einer tiefen Ergriffenheit. Stirnrunzelnd meinte er: »Schlimmer als das … Wer davon erzählen konnte, der war wohl nicht wirklich da.«
»Rede mit mir, Chris.« Es war die Sorge um seinen Freund, die Tom zu dieser Frage antrieb.
»Später, Tom. Später«, wiegelte Chris ab. In seinen Worten hing eine Angst, die Tom frösteln ließ, obwohl es immer noch weit über 30° C hatte.
Damit gingen sie weiter, in Richtung Bodensee. Es war zehn vor sieben, als sie »ihre« Parkbank erreichten und sich setzten. Das Licht flimmerte auf dem See und ließ Tausende Diamanten auf der Wasseroberfläche tanzen.
Majestätisch erstreckte sich der See vor ihnen, links konnten sie die Innenstadt sehen, das Münster, die alten Häuser und das ehemalige Kloster. Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees waren Dörfer, oder Städte? Keiner von beiden wusste es, sie hatten sich nie damit beschäftig und würden es jetzt wohl auch nicht mehr erfahren.
Aber keine Boote waren zu sehen. Dabei war heute perfektes Segelwetter.
Letzte Chance!
Seufzend nahm Chris ein Bier und trank einen tiefen Schluck, ebenso wie Tom.
Sie blickten beide fast simultan auf ihre Uhr.
Zwei von vieren waren da.
Vor allem Tom hatte von seinen Schäfchen immer wieder erzählt bekommen, dass einige Menschen einfach aus Spaß andere umgebracht hatten. Sie besorgten sich eine Waffe, vielleicht ein Messer oder ein Schwert aus einem Waffenladen in der Innenstadt und gingen damit auf Menschenjagd. Es war ihnen egal, wen sie erwischten, solange sie ihre perfide Blutgier befriedigen konnten.
Chris nahm einen weiteren tiefen Schluck aus seiner Flasche. Das Bier war angenehm kühl. Der See rauschte in der langsam einsetzenden Abenddämmerung leise vor sich hin. Über ihnen standen zwei grelle, gelbe Sonnen.
Chris Blick wanderte über das Panorama. Seine Hand krampfte sich leicht zusammen, als sein Blick in Richtung Westen wanderte, dort, wo auch ein neuerlicher Geruch nach Tod herkam. Dann drehte er sich zu Tom.
»Willst du wirklich hören, was ich gesehen habe?«
Tom nickte nur stumm und fixierte seinen Freund mit dem aufmunterndsten Blick, den er hatte.
Chris begann zu erzählen. Ruhig und sachlich schilderte er seine Erlebnisse und Tom hörte zu.
Chris hatte recht gehabt: Wer dagewesen war, der hatte nicht davon erzählen können. Eigentlich. Die Worte, die mit einer erschreckenden Kühle aus ihm heraussprudelten, waren erschreckend, vor allem in ihrem symbolischen Charakter für das, was gerade in der Welt passierte, dachte sich Tom traurig.
»Großer Gott.« Mehr bekam Tom nicht raus.
Er zündete sich eine weitere Zigarette an, reichte die Schachtel an Chris weiter, der dankend ebenfalls eine nahm. Schnell inhalierte er den Rauch und erzählte zu Ende.
Als er fertig war, hörten sie Schritte hinter sich. Schlurfend nährte sich jemand. Sie drehten sich um, dann waren die Freunde zu dritt.
Noah
»Meine Damen und Herren« Der Moderator auf dem Bildschirm, dessen Haare bei Weitem nicht mehr so richtig saßen, wie sie es zu besseren Zeiten getan hatten, machte eine bedeutungsschwangere Pause. Auch hatte augenscheinlich die gesamte noch vorhandene Menge von Makeup und Puder nicht gereicht, die tiefen Augensäcke des Mannes zu überdecken. Er wirkte müde und verbraucht, während er die Worte von seinem Teleprompter ablas. Gleichzeitig schwang in seiner Stimme eine leise, unausgesprochene Angst mit, die er jedoch mit der Professionalität eines Reporters überspielen wollte, der es gewohnt, war über schreckliche Dinge zu berichten.
»Hiermit beenden wir unser Programm. Ich«, diesmal versagte ihm die Stimme trotzdem. Peinlich berührt blickte er an der Kamera vorbei. Vielleicht stand dort ein geliebter Mensch, den er in dieser Situation an seiner Seite hatte wissen wollen, vielleicht hatte es jedoch auch nichts zu bedeuten. Seine Stimme bebte und seine Augen glitzerten feucht. Er schluckte zweimal schwer, bevor er endlich die Contenance wiederfand und weitersprach.
»Eigentlich sollte ich mich jetzt bei Ihnen bedanken. Für die Treue zu unserem Sender und für die Unterstützung, die ich durch Sie in Ihren unzähligen Briefen erfahren habe.« Er machte eine Pause und blickte wieder neben die Kamera. Sein Blick wurde plötzlich stärker und direkter. Langsam fand er wieder zu der alten Professionalität, mit der er damals das erste Mal vom Asteroiden berichtet hatte.
»Aber ich glaube, dass Sie dies nicht hören wollen. Nachrichten haben immer eine besondere Funktion: Wir vermitteln Informationen und Neuigkeiten, klären die Menschen auf und helfen ihnen bei ihrer Meinungsbildung. Aber das können wir nun nicht mehr. Ab morgen wird es keine Nachrichten mehr geben – und auch keine Erde mehr, zumindest nicht mehr so, wie wir sie kennen. Ich – ich habe mich immer gefragt, was ich Ihnen in diesem Fall sagen soll. Als damals »Bright Bob« entdeckt wurde, war dies mein erster Gedanke: Was, wenn wir ihn nicht aufhalten können? Was soll ich dann meinen Zuschauern sagen? Heute sitze ich hier – und weiß es noch immer nicht. Vielleicht sind Sie gläubig, vielleicht sind Sie es nicht. Ich bin es nicht und als Reporter, Journalist und vor allem Familienvater gebe ich Ihnen heute keine Information mehr, sondern einen Ratschlag: Verbringen Sie die letzten Stunden auf Erden mit denen, die Sie lieben oder mit dem, was Sie am liebsten getan haben.«




