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Wieder ein kurzes Zögern. »Darum bin ich hier. Ich habe diesen Job geliebt.« Er brach ab und räusperte sich. »Ich habe diesen Job geliebt.« Er blickte an der Kamera vorbei. Seine Augen glitzerten noch stärker, als wäre er jede Sekunde so weit, wie ein Kind loszuweinen. »Es tut mir so leid«, flüsterte er mit belegter Stimme und weinte, vielleicht eine Minute lang. Eine Frau kam ins Bild, legte ihm die Hand auf die Schulter. Ihr Gesicht konnte man nicht sehen, denn sie wandte der Kamera ihren Rücken zu. Auch das, was sie mit diesem Mann flüsterte, war nicht zu hören, obwohl das Mikrofon voll aufgedreht war.
Der Moderator nickte immer wieder und schien langsam wieder etwas Kraft zu schöpfen. Irgendwann ging die Frau seitlich aus dem Bild. Sein Blick wurde wieder fester, ebenso wie seine Stimme. Nur die Tränen, die immer noch in kleinen Bächen seine Wange hinunterliefen, straften seine äußerliche Ruhe lügen.
»Ihnen allen viel Glück.« Eine Pause. Gefasst fuhr er fort. »Es sind nun noch sieben Stunden bis zum Aufschlag.«
Damit wurde das Bild schwarz. Sie spielten nicht die typische Erkennungsmelodie am Schluss, und es schlossen sich auch keine Wetterberichte an. Stattdessen zeigte der Fernsehbildschirm nur einen Countdown, der nun bei 7:12:03 stand.
Sieben Stunden, zwölf Minuten, drei Sekunden, eine ungefähre Schätzung, nicht mehr.
Noah schaltete den Fernseher aus und streckte sich mit knackenden Knochen. Aus seinem Schlafzimmer war ein leises Röcheln zu hören. Er kannte den Namen der Frau nicht, die dort auf seinem Bett lag und sich gerade eine Überdosis gesetzt hatte.
Vielleicht hätte er irgendwie versuchen sollen, ihr zu helfen, aber er konnte es nicht. Er wusste nicht, wie viel Gras er geraucht hatte. Vor knapp vier Stunden hatte er sich überlegt, ob er ebenfalls Heroin ausprobieren sollte, aber war beim Gras und beim Koks geblieben. Seine Begleiterin hatte er auf einer Drogenparty in der Innenstadt von Konstanz getroffen und sie mitgenommen. Es war nicht mehr schwer.
In den letzten Monaten hatte er eine Art von Devolution erlebt. Von einer funktionierenden, halbwegs friedlichen Gesellschaft hatte sich Deutschland innerhalb von wenigen Monaten zu einem panischen, anarchischen und brutalen Haufen entwickelt, der wie die Tiere nur noch auf primitive Urinstinkte reduziert war.
In seinem Schlafzimmer lag gerade das perfekte Beispiel für eben diese Entwicklung. Die Frau war Doktorandin an der Universität gewesen. Sie wäre kurz vor der Vollendung ihrer Arbeit gewesen, hatte sie ihm gesagt. Eine strahlende wissenschaftliche Karriere hatte vor ihr gelegen, ein Leben zwischen Vorlesungssälen, Seminaren und akademischen Würden in aller Welt. Aber jetzt würde ihr Leben mit einer Nadel im Arm enden, im Schlafzimmer eines Mannes, dessen Namen sie wahrscheinlich nicht kannte.
Wie ein Feuerwehrmann, der sich seine Sauerstoffmaske über das Gesicht gezogen hatte, klang es aus seinem Schlafzimmer. Ein rasselndes, quietschendes Geräusch, welches immer leiser wurde, bis es irgendwann verstummte.
Noah wollte schlafen. Mühsam kämpfte er gegen die Müdigkeit an, die sich als ein fast übermächtiger Feind erwies. Die Drogen in seiner Blutbahn ließen seine Glieder sich anfühlen, als wären sie mit einem bisher nicht entdeckten Schwermetall gefüllt. Torkelnd versuchte er sein Badezimmer zu erreichen, was er nach einer halben Ewigkeit auch endlich schaffte. Sein Schädel wummerte in unkontrollierten Schwindelanfällen, die ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen versuchten.
Er hämmerte auf den Lichtschalter direkt neben der Eingangstüre und die kleine Lampe, die unter einem alten Glasschirm versteckt war, flackerte ohne zu murren auf.
Es wunderte ihn, dass der Strom noch floss. Ebenso, dass das Wasser noch lief, als er den Hahn aufdrehte und eiskaltes Wasser in das Waschbecken laufen ließ. Er stellte sich vor, dass irgendein Mensch noch in den Stadtwerken saß und verzweifelt versuchte, alles am Laufen zu halten, einsam wie der Mann auf dem Mond. Irgendwie machte ihn dieser Gedanke wehmütig, auch wenn sein benebelter Verstand nicht ergründen konnte, warum.
»Ich habe diesen Job geliebt. Darum bin ich hier.« Die Worte des Moderators klangen noch leise in seinem Kopf nach und genügten ihm in dieser Sekunde als mögliche Erklärung.
Er steckte seinen Kopf ins Waschbecken. Wieder diese Müdigkeit, die ihn sogar jetzt fast einschlafen ließ, während sein Körper gegen die brutale Behandlung mit eiskaltem Wasser rebellierte.
Sein Gesicht begann erst zu kribbeln, bevor die Blutgefäße im Gesicht sich zusammenzogen und der typische, stechende Schmerz einsetzte, den man empfand, wenn eine Unterkühlung drohte. Sein ganzer Körper fühlte sich an, als wäre er in Watte eingepackt und ihm in den letzten Stunden fremd geworden.
Nach einer Weile begannen seine in den letzten Wochen stark malträtierten Lungen zu protestieren und mit einer kompromisslosen Beständigkeit nach Luft zu fordern. Irgendwann musste er diesem Drang nachgeben und tauchte prustend wieder auf.
Das Wasserbad hatte etwas Wirkung gezeigt. Während er laut schnaufend nach Luft schnappte, merkte er, wie sich das Blei in seinen Gliedern verflüssigte und er wieder etwas wacher wurde. Auch die tumbe Taubheit in seinen Gliedern wich einem wachsenden Gefühl, dass sein Arm wirklich zu ihm gehörte.
Er wiederholte diese Prozedur noch mehrmals, bis er sich fitter fühlte. Eigentlich war er immer noch weit davon entfernt, nüchtern oder überhaupt auch nur ansatzweise zurechnungsfähig zu sein, aber es würde wohl reichen, um zu seiner Verabredung zu gehen.
»Miau.«
Sein schwarzer, dicklicher Kater stand in der Badezimmertür und betrachte neugierig sein Herrchen. Müde gähnte die Katze und machte einen Buckel, bevor sie sich langsam und graziös auf Noah zubewegte. Laut schnurrend strich er um die Beine seines Herren und presste seinen Körper mit aller Kraft dagegen.
Er beugte sich hinunter und streichelte das Kinn des Tieres, welches genüsslich die Augen schloss und die Streicheleinheiten genoss.
»Hast du Hunger?«, fragte Noah mit undeutlicher Stimme. Seine Stimmbänder waren immer noch etwas von den Drogen gelähmt. Er musste sich mehrmals an der Wand abstützen, als er aus dem Badezimmer über seinen kahlen Flur in Richtung Wohnzimmer schwankte. Es wunderte ihn, dass sein Kater verstanden hatte, was er gerade gesagt hatte. Die Worte waren ihm wie ein undefinierbarer Buchstabenbrei vorgekommen, den er wie einen Kloß im Hals hochgewürgt hatte. Seine Katze jedoch, nun in freudiger Erwartung auf ihr Fressen, trippelte ihm zwischen den Beinen durch und miaute immer wieder hektisch.
»Gleich, gleich, mein Schatz«, murmelte Noah, als er endlich im Wohnzimmer war. Aus einem kleinen Futtermittelschrank, den er an seiner linken Wand direkt neben dem Katzenklo hingestellt hatte, holte er eine Dose Nassfutter heraus.
Das Tier wusste nun nicht mehr so richtig, wo es zuerst hinrennen sollte. Immer wieder raste der Kater zu seinem Fressnapf, welcher an der anderen Wand neben seinem deckenhohen Kratzbaum stand, nur um dann festzustellen, dass er noch immer leer war.
In seiner Unsicherheit, warum es noch kein Futter hatte, sprang das Tier in seinen Kratzbaum, legte sich kurz in seine Kuschelhöhle, sprang wieder heraus, rannte wieder zu Noah, miaute mürrisch, weil er es nicht schaffte, die Dose zu öffnen, rannte wieder zu seinem Fressnapf und zurück zu seinem Kratzbaum.
Als Noah endlich die Dose geöffnet und den Inhalt in den Napf geleert hatte, gab es für das Tier kein Halten mehr. Als hätte er die letzten Monate nichts zu fressen bekommen, stürzte er sich auf das Futter, verschlang es mit einer Gier, die ans Obsessive grenzte. Laut schmatzend schlang er alles bis auf den letzten Bissen hinunter.
Noah beobachte das Tier und fühlte sich auf einmal traurig, nur wusste er nun genau, woher diese Emotion kam. Es waren diese Abschiede, die einem so unendlich schwer fielen. In diesem Moment war er fast schon glücklich, dass er seit Jahren keinen Kontakt mehr mit seinen Eltern gehabt hatte und auch nicht das Bedürfnis empfand, dies zu ändern.
Aber sein Tier war seit fast vier Jahren sein ständiger Begleiter. Ein Begleiter, der immer da war, nie verurteilte und nie Vorwürfe machte. Eine bedingungslose Liebe, die er mit seinem Herren geteilt hatte.
Noah wandte sich ab, bevor er anfing zu weinen.
Er musste sich anziehen. Nackt wollte er nicht an den See gehen. Der letzte Ort in seinem Leben. Zum Glück hatte er noch ein paar Kleider in seinem Badezimmer, sonst hätte er jetzt ins Schlafzimmer gehen und dort die Leiche seiner Kurzzeitbekanntschaft sehen müssen. Sofern der »goldene Schuss« seine Wirkung nicht verfehlt hatte. Dies war ein Anblick, den er sich gern ersparen wollte.
Er brauchte wieder eine halbe Ewigkeit, bis er im Badezimmer war, auch wenn es dieses Mal ein bisschen schneller und koordinierter ging. Er zog aus seinem Rattanwäschekorb ein vergilbtes T-Shirt und eine dreckige Hose, ebenso wie eine Unterhose und ein Paar Socken. Für eine Sekunde schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf, der ihn erzittern ließ in seiner Endgültigkeit.
Die letzte Kleidung, die ich je tragen werde. Diese Socken und diese Unterhose, dieses T-Shirt und diese Hose. Er würde in diesen Kleidungsstücken sterben. Wie viele andere »letzte Male« würde er noch erleben?
Es kostete ihn etwas Mühe, die Sachen anzuziehen, und er stellte sich ungeschickt an wie ein Kleinkind, das zum ersten Mal selbst für seine Garderobe verantwortlich war. Sie muffelten etwas streng und einer konditionierten Handlung folgend nahm er sein Deo aus dem Regal und sprühte sich großzügig damit ein. Wenn ich sterbe, will ich nicht, dass der letzte Duft in meiner Nase der von Schweiß ist.
Wahrscheinlicher würde es jedoch wohl der Geruch nach verbranntem Fleisch sein. Die Erde würde zu einem riesigen Grillfest eingeladen werden. Auf dem Speiseplan stand: richtig, die gesamte Menschheit.
Guten Appetit.
Er seufzte leise und steckte seinen Kopf noch mal ins Wasser, um sich wacher zu machen. Es zeigte wieder etwas Wirkung, wenn auch nicht so sehr wie bei den ersten paar Malen, was wohl auch daran lag, dass es mittlerweile wärmer geworden war. Er schüttelte sich wie ein nasser Hund und die kleinen, perligen Wassertropfen verteilten sich über seinen grauen Badezimmerboden.
Es war Sommer – und was für einer.
Die Flora stand in voller Blüte, durchsetzte die Stadt mit einem angenehmen, wohlriechenden Duft, während sich im Bodensee aufgrund der Wärme wieder unzählige Algen bildeten. Dies führte dazu, dass der See besonders intensiv roch, was Noah als sehr angenehm empfand. Es war, als würde die gesamte Stadt vom Duft des Sees umschwebt, vor allem wenn der Wind günstig stand. Wenn nicht, dann lag ein anderer Geruch über Konstanz, der wie eine dunkle Prophezeiung das ankündigte, was in wenigen Stunden bittere Realität sein würde. Gerade jedoch strömten nur angenehme Aromen durch sein Fenster, die für ihn nach Sommer rochen. Verrottende Algen und Blumen, die sich ein letztes Mal aufbäumten, bevor der Herbst kommen und ihre intensiven Gerüche bis zum nächsten Jahr verschwinden würden. Manchmal verbanden sich die beiden Düfte auch zu einem Potpourri aus Blütenduft und See, was in Noah früher immer eine fast ekstatische Wirkung gehabt hatte.
Eigentlich hätten die Freibäder diese Saison wohl ein sehr gutes Geschäft gemacht, aber sie waren alle geschlossen geblieben. Die Menschen hatten andere Dinge im Sinn gehabt, als schwimmen zu gehen. Die, die es getan hatten, waren meistens nie wieder aus dem Wasser rausgekommen.
Sein Kater stand nun wieder in der Tür und leckte sich noch genüsslich die Lefzen. Dabei schnurrte er in einem wohligen Ton, der leise in Noahs Magen vibrierte wie eine Stimmgabel.
Noah drehte sich um und lächelte sanft auf das Tier herab. Langsam bewegte er sich auf den Kater zu und hob ihn hoch. Genüsslich schnurrte das Tier noch lauter und legte den Kopf auf die Schulter seines Herren. Die Augen waren in blindem Vertrauen geschlossen. Sein Körper war schwer und warm und ließ die Stellen an denen er auflag, schwitzen.
Langsam, jeden Moment mit seinem Kater genießend, ging Noah zurück in das Wohnzimmer, wobei er mit der freien Hand immer wieder den Kopf des Tieres streichelte. Er spürte einen Kloß im Hals, der sich langsam seinen Weg in seine Eingeweide bahnte.
Seufzend ließ er sich auf seine Couch fallen, die unter seinem Gewicht leise quietschte. Normalerweise hätte ihn es gestört, dass der Kater seine Haare über Noahs gesamte Kleider verteilte, aber heute war es ihm egal. Er legte ihn vorsichtig auf seinen Schoß, sodass sein Kater mit seinem Rücken zwischen seinen Beinen lag. Seine Pfoten hingen schlapp hinunter und zuckten ab und zu leicht, als würden kleine, wohlige Schauer hindurchfließen.
Zärtlich kraulte Noah den runden, prall gefüllten Bauch seines pelzigen Lieblings, der von seinem tiefen, sonoren Schnurren vibrierte.
»Na du? Ich hoffe, du nimmst mir nicht übel, was ich mit dir machen muss«, flüsterte er leise. Die Katze ignorierte das. Ihre Augen blieben immer noch geschlossen und das Schnurren blieb unverändert laut, als würde es für in diesem Moment nur die Streicheleinheiten und den bequemen Platz auf Herrchens Schoß geben.
Das Tier wirkte absolut friedlich. Im perfekten Einklang mit sich und der Welt und in einer Art Zustand, den Noah hoffte, in den nächsten Stunden ebenfalls zu erreichen. Er hatte es bisher nicht geschafft, diesen mit Drogen und Alkohol herbeizuführen, vielleicht würde er es nachher mit seinen Freunden schaffen.
Die wichtigsten Menschen in seinem Leben.
»Sei mir bitte nicht böse«, flüsterte er nochmals leise.
Seine Hand legte sich sanft um den Hals des Tieres, schloss sich zärtlich, als würde er eine antike Vase umfassen, die bei zu großem Druck zerspringen würde.
Zuerst kraulte er noch ein bisschen, vorsichtig und liebevoll, ließ das Fell durch seine Finger gleiten, ebenso wie die weiche Haut, die sich darunter versteckte.
Dann packte er grob zu und drehte den Kopf seines Katers einmal schnell nach links.
Das Knacken der Halswirbel schien durch den Raum zu hallen wie ein Missakkord auf einer Orgel.
Die Katze miaute nicht auf. Sie erschlaffte einfach nur noch etwas mehr in ihrer Position auf dem Schoß. Das Schnurren erstarb augenblicklich.
Vorsichtig streichelte Noah noch etwas weiter über den Bauch des Tieres, dann über dessen Kopf, der jetzt wie eine zu weich gekochte Nudel herunterhing und leicht baumelte. Tränen stiegen ihm in die Augen, als er sich der plötzlichen Stille im Raum bewusst wurde. Die Lefzen seines Katers hingen hinunter, sodass die Zähne entblößt wurden. Aber kein Schnurren oder wenigstens ein sanftes Atmen kam mehr aus dem Maul.
Er küsste zärtlich die Schnauze, streichelte über die Barthaare und über die dicken Backen der Katze. Das hatte sein Tier immer am meistens geliebt und hingebungsvoll seinen Kopf noch fester gegen Noahs Finger gepresst.
Jetzt passierte nichts.
Die leicht gelblichen Zähne des Tieres glitzerten noch von dessen Speichel. Gelblich – eigentlich hätte Noah seinem Kater die Zähne reinigen lassen müssen. Wenn man nur Nassfutter fraß, konnte sich irgendwann Zahnstein bilden, hatte ihm mal sein Tierarzt gesagt.
Das war nun aber auch nicht mehr wichtig.
Er hatte den Mann vor ein paar Tagen vor seiner Praxis gefunden, mehr durch Zufall als durch Absicht. Als er bei einem Spaziergang – rückblickend wusste er gar nicht mehr, was sein Ziel an diesem Abend gewesen war – an dem Haus vorbeikommen war, in dem sein Tierarzt gearbeitet hatte, war ihm durch das offene Fenster aufgefallen, dass ein Mensch dort in der Ecke kauerte. Als er näher gekommen war, hatte Noah entdeckt, dass es eben der Tierarzt seines Katers gewesen war. In seinem Arm hatte eine Nadel gesteckt und neben ihm hatte eine Ampulle mit einem sehr starken Schmerzmittel gelegen, welches er immer in seinem Giftschrank eingeschlossen hatte.
Er hatte sich mehr oder minder selbst eingeschläfert. Konnte man das als Ironie bezeichnen?
»Mach es gut, mein Dicker«, flüsterte Noah und hob sanft die Katze hoch. Den Kopf hielt er in seiner linken Hand, damit er nicht wie das Pendel einer Uhr hin und her schwang. Vorsichtig bettete er sein Tier in seine Kuschelhöhle.
Er rollte ihn zusammen, wie sein Dicker immer am liebsten geschlafen, gedöst oder einfach nur ausgeruht hatte. Für Katzen war dies ein wichtiger Unterschied, dachte Noah sich. Als das Tier so dalag, zusammengerollt zu einem rundlichen, schwarzen Fellball, konnte man kaum einen Unterschied zu dem Zustand erkennen, wenn er wirklich geschlafen hatte.
Noah wischte sich seine Tränen ab. Er würde nur hier weinen. Nur hier. Später nicht mehr, das hatte er sich geschworen. Er wollte so gehen, wie er gelebt hatte, mit viel Humor und ohne allzu viel Bedauern.
Sein Kater wirkte so friedlich, als hätte er den Frieden, den er bei seiner Streicheleinheit empfunden hatte, mit in die nächste Welt genommen. Noah fühlte sich erleichtert, dass sein Tier nicht leiden musste. Er hatte keine Ahnung, wie der Tod über sie kommen würde, all die Menschen, die vielleicht noch hier waren, wie schmerzhaft es sein würde. Der Einschlag war nur gute dreihundert Kilometer entfernt von Konstanz, daher würde diese Stadt wohl direkt in einer riesigen Explosion verbrennen.
Der Asteroid hatte den ungefähren Durchmesser von Frankreich. Viel würde da nicht mehr von der Erde übrig bleiben, dachte er bitter.
Er wollte nicht, dass sein Tier in den letzten Stunden seines Lebens in panischer Angst versuchen würde zu fliehen, was absolut hoffnungslos gewesen wäre. Oder noch schlimmer, was, wenn sein Kater in blinder Furcht nach seinem Herren suchen würde? Er wusste doch, wie schlimm es für seinen Dicken war, wenn er wegging. Meistens hörte er dann noch bis zur Haustüre das klägliche Miauen, als wolle sein Tier ihn zurückrufen. Er ertrug es nicht, wenn sein Herrchen weg war. Heute jedoch würde er nie wieder nach Hause kommen – und sein Tier hätte die letzten, grauenhaften Stunden auf Erden alleine und voller lähmender Angst verbringen müssen – ohne Chance auf Rettung. Nichts würde hier überleben, zumindest nicht in der nächsten Nähe. Das hatten Hunderte Experten immer wieder betont. Sehr aufbauend, wenn man direkt am Einschlagsort lebte.
Sie würden wohl alle verbrennen.
Wenigstens sein Kater würde davon nichts mehr mitbekommen.
Er würde nun für immer das tun, was er auch schon im Leben am liebsten gemacht hatte.
Schlafen.
Friedlich in seinem Lieblingsplatz.
Noah würde ihm bald folgen. "Keine Sorge, mein Großer, Herrchen ist auch bald bei dir", flüsterte er ein letztes Mal und richtete sich auf. Die gesamte Prozedur mit seinem Kater hatte die Müdigkeit und die Abgeschlagenheit aus seinen Gliedern vertrieben, als hätte man ihm intravenös Koffein verabreicht. Er fühlte sich so hellwach wie noch nie, auch wenn er immer noch sehr wackelig auf den Beinen war.
Es war nun ungefähr neunzehn Uhr, was ihm ein schneller Blick auf seine Uhr verriet.
Der Asteroid würde in ziemlich genau sieben Stunden einschlagen.
Er streckte sich nochmals und blickte auf seinen Kater. Einmal streichelte er ihm noch über den Kopf. Eine Stimme in ihm schien ihm zuzuflüstern, er solle hier bleiben. Solange er sein Tier berühren könne, würde er auch keinen Abschied nehmen, aber er schüttelte diese Worte ab, auch wenn sie ziemlich verführerisch für ihn waren. Dann verließ er seine Wohnung.
Zum letzten Mal – schon wieder ein letztes Mal – dachte er sich. Wehmütig drehte er sich noch einmal um, ließ seinen Blick über die Einrichtung schweifen, die unter einer zentimeterdicken Staubschicht lag. Er hatte eigentlich regelmäßig die Wohnung geputzt, was ihmn immer wieder spöttische Kommentare von seinen Freunden eingebracht hatte, wie »Wenn ich mal eine ordentliche Hausfrau will, dann heirate ich einfach dich!« Aber seit ungefähr einem halben Jahr hatte er auf diese Nichtigkeit keinen Wert mehr gelegt.
Die Tür schloss er nicht mehr ab, er schloss sie nicht einmal.
Die meisten Menschen hatten Konstanz verlassen und die die noch hier waren, waren aller Wahrscheinlichkeit nach mit anderen Dingen beschäftigt als mit Plündern. Aber auch wenn sie plündern wollten: Alles, was er nun noch in der Wohnung hatte, würde ihm in den nächstens Stunden nichts mehr bringen, so dachte er zumindest.
Devolution war das Wort der Stunde, und als die Medien noch regelmäßig sendeten und nicht nur so sporadisch, wie es in den letzten Wochen der Fall gewesen war, auch ein Wort, welches immer wieder gefallen war. Die meisten hatten versucht zu fliehen, weit weg, und die Stadt lag still und leise vor ihm wie ein riesiges Grab aus Beton.
Mindestens vier Menschen aber waren noch hier in Konstanz.
Er, Chris, Mick und Tom.
Sie hatten einen Logenplatz für den Weltuntergang – dies war eine Show, die man nur einmal sehen würde.
Der Tag war sehr, sehr warm und die Hitze flimmerte in spiegelnden Reflexionen über den grauen Asphalt.
Normalerweise hätten sich auf der Eichhornstraße die Wagen von Badegästen gestaut, die im Freibad am Bodensee auf den Wiesen die Sonne genossen und sich im See abgekühlt hätten. Heute waren keine Autos unterwegs. Eine gespenstische Stille lag über der gesamten Stadt. Nur die Stechmücken waren wieder unterwegs und Noah ärgerte sich, dass er kein Abwehrspray dabei hatte.
Er lief einen kleinen, unbefestigten Seitenweg an einem Gymnasium vorbei. Auf einem Sportplatz direkt daneben, der von einem hohen Drahtzaun umschlossen war, trafen sich normalerweise immer wieder Schüler der dazugehörigen Schule, um dort Fußball oder Basketball zu spielen. Heute bot sich Noah eine gänzlich andere Szene.
Auf der grünen Grasfläche lagen unzählige Leiber, die es miteinander trieben. Ein groteskes Gebilde aus Gliedmaßen, ein Stöhnen wie von Tieren. Noah beobachtete die Szenerie ein paar Sekunden, bevor Ekel in ihm aufstieg. So etwas gab es derzeit überall auf der Welt, dessen war er sich sicher. Meistens waren es verabredete Treffen gewesen, meistens über das Internet, zumindest solange es noch funktioniert hatte. Wenn man schon sterben musste, warum nicht während einer Orgie? Und wer wollte schon als Jungfrau abtreten?
Hier zeigte sich nun die gesamte Verdorbenheit der Menschheit, empfand Noah – und die so oft angepriesene Devolution.
Männer taten es mit Frauen, Frauen mit Männern, Männern mit Männern, Frauen mit Frauen, Jung mit Alt, hässlich mit hübsch – alles lag übereinander, stieß, stöhnte, grunzte. Es ging hier wahrscheinlich nicht einmal um Lustgewinn oder Befriedigung, sondern vielmehr um eine Grenze, die überschritten werden musste. Es an einem öffentlich Platz zu treiben – er hatte es selbst Hunderte Male gemacht in den letzten Monaten und daran nichts Verwerfliches gefunden, aber in diesem Moment, seinen toten Kater im Hinterkopf, schien ihm so etwas nur abstoßend.
Vielleicht war es ganz gut, dachte Noah, während er sich eine Zigarette ansteckte. Jetzt machte das ja schließlich auch nichts mehr, dass die Menschheit bald ein Ende finden wird einst die Dinosaurier. Es schien, als würde sie auf den letzten Metern ihrer Existenz geradezu darum betteln, doch auch wirklich ausgelöscht zu werden.
Nicht mehr ganz sieben Stunden, sagte seine Armbanduhr, deren helle Digitalziffern in einem unheilvollen Rot glühten.
Der Rauch prickelte in seiner Lunge und er zögerte eine Weile, bis er ihn wieder ausblies. Auch wenn seine Beine noch kribbelten und er sich nicht ganz standfest fühlte, war er um einiges klarer als noch vor einer halben Stunde. Unglaublich, wie revitalisierend der Tod eines geliebten Wesens den Geist erfrischen kann, dachte er traurig.
Er spürte an seinen Händen noch das samtene Fell seines Stubentigers, in seinen Ohren verwandelte sich das Gestöhne der Menschen auf dem Fußballplatz zu einem wohligen Schnurren seiner Katze. Wenn jemand in purer Lust einem anderen auf den Hintern schlug, wurde dieses Geräusch nicht mehr zu einem Klatschen, sondern zu einem Knacken, wie das Brechen eines Genicks. Er erschauderte, spürte den Widerstand des Knochen unter seinen Fingern nachgeben, als würden sie sich noch immer gegen seine Haut pressen.




