- -
- 100%
- +
Dann drehte er sich um und ging weiter. Das Schauspiel widerte ihn nur an und brachte zu allem Überfluss Gedanken in ihm hoch, die er am liebsten ganz tief vergraben hätte. Der Kies knirschte unter seinen Füßen und jeder Schritt wirbelte winzige Staubwolken auf, so trocken war der Boden. Er wollte sich nicht mehr umdrehen. Nicht noch einmal das Haus sehen, welches ihm die letzten Jahre ein Zuhause gewesen war. Die möglichen Erinnerungen schreckten ihn zu sehr ab.
Das Stöhnen und Kopulieren wurde langsam leiser, als er an einer Kreuzung ankam. Er überquerte die Straße, ohne nach links oder rechts zu schauen, denn es war nicht mehr nötig, dachte er zumindest. Doch als er wieder auf den Bürgersteig trat, vertieft in seinen düsteren Gedanken, rannte ihn ein Jogger fast um.
»Pass doch auf!«, schnaufte dieser zwischen zwei Atemzügen, die eine unheimliche Ähnlichkeit mit den Geräuschen hatten, die er gerade gehört hatte.
Erschrocken wich Noah zurück und blickte dem Mann hinterher, der ungerührt weiterlief. Nur ein leichtes, kaum merkliches Kopfschütteln deutete darauf hin, dass der Jogger sich gerade über diesen drogenverquollenen Mann aufregte, der ihn aus seinem Tempo gebracht hatte.
Der Jogger war ein etwas älterer Mann, vielleicht um die fünfzig Jahre alt, mit sehnigen Muskeln, die bei jedem Schritt unter der Haut nach oben gedrückt wurden, als würden sie versuchen, aus ihrem fleischigen Gefängnis auszubrechen. Seine Haut war braun gegerbt von der Sonne und seine Haare waren fast militärisch kurz gestutzt. Er trug ein ärmelloses, blaues Sportshirt, eine orangene Hose und nagelneue Nike-Laufschuhe. Die Farben der Schuhe hatten noch nicht den rußigen, grauen Ton von Sportschuhen, die sie nach spätestens einem Monat Dauerbenutzung annahmen, sondern leuchteten noch grell in der Sonne, als wären sie mit einem fluoreszierenden Licht eingeschmiert worden. An einem dünnen Arm hing ein Pulsmesser, der leise vor sich hin piepste, am anderen ein iPod .
»Hey, Sie da!«, rief Noah ihm hinterher.
Der Mann blieb stehen und drehte sich um, wobei er jedoch weiter auf der Stelle trabte. Mit der rechten Hand zog er sich die Kopfhörer aus den Ohren, mit der linken maß er, sich verrenkend, seinen Puls. Leise hörte man Eric Clapton aus den Kopfhörern singen. Er spielte gerade »Cocain«, wenn Noah sich nicht komplett irrte.
»Was ist denn?«, fragte sein Gegenüber ungeduldig, als hätte er irgendwo einen wichtigen Termin, zu dem er nun in aller Eile rennen musste. Aber niemand musste mehr irgendwo hin. Wir sind wandelnde Leichen, die dem Ende entgegensehen, ging es Noah durch den Kopf.
»Entschuldigung, aber«, Noah stockte kurz. Ein kleiner Schwindelanfall erfasste ihn. Entweder eine Nachwehe vom Nikotin, vom Kokain, oder einem anderen guten Stoff, der wahrscheinlich auf »in« endete. Das Bild des Joggers, der ihn mit einer Mischung aus Enervierung und aufkeimender Wut anblickte, verblich kurzzeitig wie ein Aquarell, bei dem der Maler zu viel Wasser benutzt hatte.
Noah presste die Augen zusammen, was ihm zu einiger Klarheit half und die Konturen des Mannes wieder schärfer machte.
»Was zur Hölle machst du hier?« Er hatte sich entschlossen, auf die Etikette zu pfeifen. Jetzt war es eh egal. Höflichkeit war eine Tugend derer, die einen fremden Menschen noch am nächsten Tag wieder sehen könnten. Alles, was von dem Mann gegenüber morgen noch übrig sein würde, könnte man höchstens unter einem Mikroskop untersuchen – wenn es noch Mikroskope geben würde.
»Wonach sieht es denn aus?«, antwortete der Jogger gereizt und wollte sich abwenden und weiterlaufen.
»Ich weiß, wonach es aussieht!«, erwiderte Noah im gleichen Tonfall. »Ich verstehe nur nicht – warum?« Er warf einen Blick zum Himmel.
Dort oben, irgendwo in diesem blauen Himmel stand er. »Bright Bob«. Noch konnte man ihn nicht sehen. Wie ein grausamer Attentäter versteckte er sich irgendwo hinter einer Baumkrone oder einer der Wolken, die wie Luftschiffe gemächlich über den Himmel zogen.
Der Jogger folgte seinem Blick und runzelte die Stirn, als würde er dort oben wirklich nichts sein. Nur ein blauer Himmel und einige Schäfchenwolken.
»Wo ist das Problem?«, fragte er achselzuckend.
»Vielleicht, dass uns in wenigen Stunden der Himmel auf den Kopf fällt?«, antwortete Noah, schockiert und auch gleichzeitig ein bisschen neidisch über so viel Gelassenheit.
»Quatsch«, antwortete der Mann.
»Wie bitte?« Noah blickte ihn irritiert an. »Da steht das Ding!« Er zeigte zum Himmel – irgendwo dort musste das »Ding« wirklich stehen. Sobald die Dunkelheit einsetzen würde, könnte man »das Ding« auch wirklich sehen, aber nun war der Himmel noch zu hell erleuchtet vom letzten Tageslicht, welches jemals auf die Stadt am Bodensee fallen würde.
»Es rast mit einer ungeheuren Geschwindigkeit auf uns zu! Beim Aufprall wird sich eine Hitze entwickeln, die alles in einem Umkreis von …« Wie groß war der Umkreis gleich wieder gewesen? Sein Gehirn war wohl noch nicht wieder auf volle Leistung hochgefahren.
»… in einem ziemlich großen Umkreis alles verbrennt. Was heißt also Quatsch?«
»Das ist Blödsinn, ok?«, erwiderte der Jogger. Seine Stimme klang etwas brüchiger, ängstlicher und hatte auch die grimmige Genervtheit verloren, die davor aus jeder Silbe getropft war. »Das ist absoluter Blödsinn!«, setzte er trotzig hinzu. Sein braunes Gesicht spannte sich zu einer seltsamen Maske, auf der mehrere Emotionen gleichzeitig wie auf einem Schlachtfeld um die Vorherrschaft kämpften. In der einen Sekunde hatte die Angst die Oberhand, in der nächsten war es Ignoranz und dann plötzlich wieder Zorn. »Man hat gezeigt, dass das »Ding« nicht groß genug ist, um durch unsere Atmosphäre zu dringen. Die Messungen von Henrys sind doch allesamt widerlegbar. Die Flugbahn des Asteroiden wird dazu führen, dass er genau an der Atmosphäre abprallen wird, und auch wenn er eintritt, so wird er verglühen! Die Größe von »dem Ding« ist völlig falsch berechnet worden!«, sagte er mit einer Sicherheit, die Noah kurzzeitig an ein Kleinkind erinnerte, während er jede mögliche Theorie aufzählte, die während der letzten Monate von ängstlichen Wissenschaftlern in die Welt hinausposaunt worden war. Alle hatten eines gemeinsam gehabt: In der blanken Hoffnung, dass das Ende der Welt vielleicht doch noch um einige Jahre verschoben worden war, hatten sie Daten bewusst oder unbewusst falsch gelesen, uminterpretiert, verschoben, so lange an ihnen geschraubt, bis ihre Theorien halbwegs glaubwürdig geworden waren.
Selig die, die sich in Selbstbetrug wiegen können, hatte sein Priesterfreund Tom dies einst zynisch kommentiert.
»Wir werden alle sterben!«, entgegnete Noah so kühl, dass er vor seinen eigenen Worten zurückweichen musste. Er zog eine neue Zigarette aus der Tasche und zündete sie an, während diese Worte in seinem Schädel nachhallten und sich langsam zu all ihrer grausamen Bedeutung entfalteten.
»Das ist Blödsinn! Warum glaubt jeder diesen Blödsinn?« Der Mann sprach sich in Rage. »Keiner wird sterben. Und ich muss jetzt weiterlaufen. Ich muss fit bleiben. Morgen muss ich meine Mutter besuchen. Sie wohnt in der Rosenau. Sie wartet immer auf meinen Besuch.«
Noah wollte den Mann anbrüllen, ihn schlagen, ihm klarmachen, dass er verrückt war, aber er ließ es. Eine Erkenntnis erfasste ihn. Nicht die letzte in seinem Leben.
Er drehte sich um und ging, sagte nichts mehr. Der Jogger lief weiter, immer weiter.
Irgendwann, es war schon lange dunkel geworden und »Bright Bob« stand hell und unübersehbar am Firmament, ungefähr zu der Zeit, als sein iPod den Jogger immer wieder mit einer mechanischen Frauenstimme »Battery low« gewarnt hatte, war der Mann zusammengebrochen. Er war zu diesem Zeitpunkt fast auf der anderen Seite des Sees angekommen und seit zehn Stunden nur am Rennen gewesen. Unbewusst hatte er versucht, vor seiner eigenen Angst davonzulaufen, aber diese war immer schneller gewesen, wie das Rennen "Igel gegen Hase".
Er hatte nicht gespürt, wie es gekommen war. Sein Herz, kräftig und mit starken Muskeln, hatte der Belastung jedoch irgendwann nicht mehr standhalten können und aufgehört zu schlagen. Wie ein gefällter Baum war der Mann auf einem Schotterweg nach vorne gekippt, hatte sein Gesicht in den Dreck gegraben und war tot gewesen. Den Asteroid, »das Ding«, hatte er nie gesehen.
Was wäre jedoch passiert, wenn Noah diesem Mann gesagt hätte, dass die meisten Patienten in den Pflegeheimen »euthanisiert« worden waren? Er wollte nicht das Wort »eingeschläfert« benutzen, irgendwie empfand er den Ausdruck sogar in diesen Zeiten für Menschen als respektlos. Es war ein letzter Gnadenakt für diese Patienten gewesen. Genauso wie für die auf den Intensivstationen. Wenigstens war dies die Geschichte im Fernsehen gewesen. Dann hatten Ärzte tapfer in die Kamera geblickt und ihren dankbaren Patienten ein Schlafmittel injiziert, manche hatten die Dreistigkeit besessen »Schlafen Sie schön!« zu sagen. Ein Arzt hatte doch sogar wirklich die Frechheit besessen zu sagen: »Einer muss den Job ja machen.«
Noah wusste jedoch, dass die Menschen mehr als einmal einfach sich selbst überlassen worden waren. Chris hatte ihm gegenüber etwas in diese Richtung angedeutet, dann jedoch das Thema sehr schnell wieder gewechselt, so wie er es in den letzten Monaten immer getan hatte, wenn sie über irgendwas gesprochen hatten, das Leid oder Tod beinhaltete.
Es waren die heimlichen Geschichten, die immer die Runde machen. Der Pizzabäcker spuckt in den Teig, der Schuhverkäufer trägt am liebsten die Damenschuhe selber, der Sohn von einem Geschäftsführer ist in der Psychiatrie, weil er kleine Tiere foltert. Bösartige, kleine Geschichten, die sich wie Tumore ausbreiten und ganze Leben zerstören konnten. Auch der Weltuntergang war kein Heilmittel gegen solche Arten von Klatsch gewesen, wie Noah hatte feststellen müssen.
In dem Altenheim, in dem die Schwester meines Freundes gearbeitet hat, haben sie die Patienten einfach zurückgelassen. Diese Geschichte hatte ihm ein zugedröhnter Rastafari erzählt, den er vor einigen Wochen in der Innenstadt getroffen hatte. Die Alten haben wochenlang nach einer Schwester gebrüllt, aber nie ist jemand gekommen. Er hatte dabei einen leichten schwäbischen Akzent gehabt, was Noah damals, trotz der ernsthaften Thematik, zu einem Lachen gebracht hatte.
Jetzt war ihm jedoch nicht nach Lachen zumute.
Das schreckliche Bild von bettlägerigen Patienten stieg in seinem Kopf hoch. Die Windeln voller Kot und Urin, lagen sie dort, unfähig sich zu bewegen. Falls ihr Verstand noch fit genug war, um zu verstehen, was hier gerade passierte, würden sie wohl in blanker Todesangst daliegen und gedemütigt in ihren eigenen Exkrementen auf den sicheren Tod warten. Demenz war wohl doch nicht immer das Schlimmste. Die Menschen, denen ein solches Schicksal bevorstand, waren hoffentlich dieser Welt weit genug entrückt, als dass sie noch etwas davon mitbekommen konnten.
Er erinnerte sich an die Schlangen, die sich vor den Krankenhäusern gebildet hatten. Jeder hatte gehofft, er würde ein »Schlafmittel« oder sonst irgendetwas bekommen, damit er seinem Leben ein Ende setzten könnte, wenn er es wollte und nicht, wenn es ein Himmelskörper bestimmte. Ein lächerlicher Versuch. Das, was dagewesen war, war entweder von den Angestellten direkt an Patienten ausgegeben oder geklaut worden. Wartende, die Schwestern und Ärzte angefleht, bedroht und zusammengeschlagen hatten, in der Hoffnung, ein Mittel für ihren Abgang zu bekommen, waren meistens leer ausgegangen.
Das war natürlich vor »Silencium« gewesen. Danach hatte es nur noch vor dem Stadion Schlangen gegeben.
Schlange stehen um zu sterben. So verrückt konnte nur Deutschland sein.
Der Jogger war nur noch ein kleiner, blauer Strich in einiger Entfernung und auch Noah setzte seinen Weg fort. Vielleicht glaubte der Mann wirklich, was er gesagt hatte. Vielleicht wusste er jedoch auch, wie die Realität aussah. Noah schämte sich, dass er so reagiert hatte. Jeder Mensch ging mit dem Ende auf seine Weise um. Vielleicht war es sogar die beste Weise, wie der Jogger damit umging. Oder Margnuson hatte doch recht gehabt.
Er kam an einem Mehrfamilienhaus vorbei, während er darüber nachdachte.
m Augenwinkel nahm er eine Bewegung im zweiten Stockwerk wahr. Ein Mann von ungefähr vierzig Jahren stand dort an der Brüstung. Seine Kinder saßen darauf. Um ihre Hälse waren Stricke gebunden, die mit der Metallverstrebung verbunden waren.
Noah schluckte, auch wenn er noch nicht ganz genau verstand, was hier eigentlich gerade passierte.
Es waren drei Kinder, zwei Mädchen von circa dreizehn und sieben Jahren und ein Junge von ungefähr fünf, vielleicht auch jünger.
Der Kleine grinste Noah an. Für ihn schien das alles ein großes Abenteuer zu sein. Eine Ausnahmesituation, die es mit der kindlichen Neugier zu erforschen galt. Er winkte fröhlich, während er die Beine über die Brüstung baumeln ließ und freudig gegen die Holzverkleidung des Balkons hämmerte.
Er drehte sich zu seinem Vater um. Der Mann weinte unablässig, als er seiner Ältesten über den Kopf strich und versuchte, sie zu trösten. Er wandte seinem Sohn den Rücken zu, sodass die Tränen vor ihm verborgen blieben.
Leise und kaum hörbar trieben die letzten Worte zwischen dem Vater und seiner Tochter zu Noah. Bei einem normalen Abend in Konstanz hätte er sie nicht verstanden, dazu wären die Hintergrundgeräusche zu laut gewesen. Die Menschen am See, die sich unterhalten hätten, die Köche vom Gourmetrestaurant in einigen Metern Entfernung, die rauchend über ihre Dienstpläne sprachen und sich über die Sonderwünsche der Gäste mokierten. Bis auf das leise Stöhnen im Hintergrund war es jedoch ruhig, absolut ruhig.
Und so wurde er Zeuge von einem weiteren letzten Mal.
»Ganz ruhig, mein Schatz, ganz ruhig«, schluchzte der Mann. »Es geht ganz schnell. Wie wenn du mit einer Achterbahn fährst. Erinnerst du dich, letztes Jahr mit Mama im Europapark? Wie im Silver-Star. Kurze Zeit bist du schwerelos – und dann …« Er stockte, wischte sich über die Augen, schluckte schwer.
»Dann sind wir wieder bei Mama!« Er küsste seine Tochter sanft auf den Kopf. Dabei presste er seine Augen fest zusammen, als wollte er die Realität um sich herum ausblenden. Seine Lippen klebten auf den braunen, schulterlangen Haaren seines Kindes, das unablässig schluchzte. Nach einer halben Ewigkeit löste er sich von ihr, streichelte über ihre Wange und legte seinen Arm um seine andere Tochter.
»Hätten wir es nicht auch so machen können wie Mama?«, fragte die Ältere. Sie bemühte sich mit all ihrer Kraft, die Fassung zu bewahren.
Noah hätte eigentlich wegschauen sollen. Aber er konnte nicht. Er spürte einen Kloß in seinem Hals, der ihm die Luft zum Atmen nahm. Es war ein ekelhaftes, grauenhaftes Schauspiel, was sich ihm hier bot. Seine Beine wurden steif wie Stein.
»Weil wir keine Medikamente hatten. Wir hatten nur ganz wenige und die Mama hat die meisten genommen. Der Rest reicht nicht. Und am Stadion war keiner mehr.«
»Warum hat sie uns keine übrig gelassen?«, fragte die etwas jüngere Tochter. Ihre Stimme klang schrill und durchdringend und bebte bei jedem Wort voller panischer Angst.
»Papa, wann darf ich denn jetzt endlich fliegen?«, nörgelte der kleine Junge und klopfte jetzt ungeduldig mit seinen Füßen gegen die Balustrade. Den fremden Mann, der vor ihrem Balkon stand und sie mit einem entsetzten Gesicht anstarrte, bemerkte er gar nicht.
»Gleich, Flo!«, sagte der Mann verzweifelt und mühevoll. Seine Stimme war kurzzeitig streng und böse geworden, aber er hatte sich noch rechtzeitig gefangen. Dann drehte er sich wieder zu seiner Tochter, lächelte sanft, streichelte ihr über den Kopf.
»Seit wann willst du denn Medikamente schlucken?« Durch seinen Tränenvorhang zwinkerte er ihr kurz zu. »Wäre ja das erste Mal gewesen, dass du das freiwillig machst.« Er küsste sie erneut und streichelte auch ihren Kopf, presste ihn gegen seine Brust. Das Schluchzen seiner beiden Mädchen wurde lauter und lauter und hallte gedämpft von seinem bebenden Brustkorb durch die leeren Straßen.
»Ich liebe euch. Ich liebe euch so sehr. Das Schönste was ich erleben konnte, war …« er brach ab, sprach nicht weiter, sondern handelte, bevor ihn der Mut verließ – und schubste die beiden Mädchen vom Balkon.
Ein kurzer, panischer Aufschrei dröhnte vom gegenüberliegenden Haus und erzeugte ein schreckliches Echo. Dann baumelten die beiden Mädchen an ihrem improvisierten Galgen.
Wenigstens habe ich das Knacken nicht gehört, dachte sich Noah. Tränen stiegen ihm in die Augen. Er wollte gehen, das hinter sich lassen, aber dieses grausame Schauspiel ließ ihn nicht los, hielt ihn gefangen wie eine Würgeschlange.
Er sah wieder seinen Kater vor seinem inneren Auge. Wie bei den Kindern hatte auch dort der Kopf so abartig unnatürlich gebaumelt. Der Kopf des Tieres verwandelte sich in die alte Großvateruhr seiner Eltern, die sie immer in ihrem Wohnzimmer stehen hatten. Nur dass das Pendel nicht aus Messing war und bedächtig hin und her schwang – nun waren es die Köpfe der Mädchen, die hier wie Verbrecher aufgehängt worden waren und sanft in der Abendbriese baumelten.
»Papa! Guck! Miriam und Anna schweben! Guck doch, Papa!«, kreischte der Junge voller Begeisterung. »Guck doch, Papa! Guck! Sie fliegen!«
Der Mann war über die Brüstung gebeugt, weinte hemmungslos. Das war wohl zu viel für jeden Menschen – ganz zu schweigen für einen Vater. Sein Junge jedoch beugte sich immer weiter nach vorne und Noah spürte, wie sich in seiner Kehle ein ängstlicher Schrei bereitzumachen schien. Pass auf, Kleiner, sonst fällst du runter.
»Darf ich jetzt auch fliegen, Papa? Darf ich? Darf ich?«
Es dauerte eine Weile, bis der Mann sich wieder aufraffte.
»Warum weinst du denn?«, fragte sein Sohn jetzt ein bisschen beunruhigt. Wahrscheinlich war er davor zu sehr damit beschäftigt, sich auf das vermeintliche Fliegen zu freuen und hatte so auch nicht mitbekommen, welches Drama zwischen seinen Schwestern und seinem Vater abgelaufen war. Nervös blickte er seinen Vater an.
Dieser riss sich zusammen. Er drehte sich kurz weg, wischte sich über die Augen und schnaufte laut ein und aus. Sein Blick ging in Noahs Richtung, aber er blickte direkt durch ihn hindurch, als wäre er gar nicht da. Nur wenige Sekunden schien er ihn zu bemerken, als seine Augen flehentlich zu sagen schienen: Bitte verurteile mich nicht. Ich mache es für meine Kinder.
Dann drehte er sich zu seinem Sohn. Langsam und bedächtig ging er auf ihn zu, streichelte auch ihm über den Kopf und zerzauste ihm die Haare. Noah hatte keine Kinder und er wusste nicht, wozu man fähig war, wenn man welche hatte. Aber nun sah er, wozu man wohl fähig sein konnte, wie intensiv die Liebe zwischen einem Vater und seinem Sohn sein konnte.
Selbst in dieser ausweglosen Situation versuchte der Mann seinem Sohn die Angst zu nehmen, aus allem ein Spiel zu machen, einen Spaß. Man spürte die Liebe zwischen den beiden. Diese intensive, pure Liebe.
Er kümmerte sich nicht um seine eigene Angst, sondern jetzt nur um seine Familie und seine Kinder. Noah wühlte dies zutiefst auf. Sein Magen verkrampfte sich schmerzhaft, als der Mann sich zu seinem Sohn beugte.
»Na, Captain Flo?« Er lächelte, obwohl ihm immer noch die Tränen über das Gesicht liefen. »Ready for take off?« Er grinste sehr gequält. Dem Kleinen entging das wohl nicht.
»Warum weinst du denn, Papa?«, fragte der Junge mit einem besorgten Unterton. Sein zuvor so fröhliches Gesicht war ernst geworden und Noah bemerkte, dass auch der Vater wieder nervöser wurde. Die Fassade bröckelte langsam wie alter Putz von einer Wand.
»Ach, das ist nichts«, winkte der Vater ab. »Ich – ich hab mir den Zeh angeschlagen, wie du letzte Woche, erinnerst du dich?«
Der Junge nickte. »Ja, das weiß ich noch. Das hat ganz wehgetan.«
»Ja, und dann hast du ein Eis bekommen, nicht wahr? Und dann war es schon fast wieder vorbei, erinnerst du dich?« Die Wörter sprudelten aus in einem unaufhaltsamen Schwall aus ihm heraus.
Das Wort »Eis« ließ den Jungen wieder lächeln. »Ja, das war lecker.« Er rieb sich über den Bauch und kicherte fröhlich.
»Genau. Und nachher essen wir alle Eis, Kumpel.« Er stockte und schluckte schwer. »Soooo viel Eis, bis uns die Bäuche wehtun. Dann sind wir aufgebläht wie ein Fass.« Der Mann hielt sich die Hände vor den Bauch und blähte seine Backen, um es dem Jungen plastisch zu zeigen. Nur seine Augen spiegelten die vernichtende Verzweiflung wider, jedoch schien die Emotion nicht greifbar für das kleine Kind vor ihm zu sein.
Sein Sohn, Flo hieß er, kicherte noch etwas lauter.
Noah war starr vor Bestürzung. Er wollte schreien, der Mann sollte es lassen, er sollte den Jungen leben lassen – aber wofür? In wenigen Stunden würden sie eh alle tot sein. Und wahrscheinlich war dieser Tod gnädiger.
»Also, du fliegst jetzt ein bisschen rum, aber nicht zu weit weg, damit ich dich noch sehen kann.« Er zögerte, zog die Nase hoch und sprach dann mit brüchiger Stimme weiter. »Währenddessen hole ich das Eis aus dem Keller und bereite es vor, damit es nachher leicht geschmolzen ist, wie du es gerne hast! Und dann wecke ich die Mama auf, damit sie dich fliegen sieht, ok?«
»Ich will Schoko! Und Erdbeere!«, sagte das Kind.
»Natürlich! Ich weiß …« Eine Pause. »Ich weiß …«
»Also.« Der Mann trat hinter den Jungen, umarmte ihn noch einmal zärtlich. Nach einer gefühlten Ewigkeit löste er sich und legte seine Hände auf die Schultern des Kindes. Noah sah die Lippen des Mannes beben und wie sein Gesicht kurz davor stand, komplett in einem erneuten Heulkrampf zu entgleisen.
»Ready for Countdown!«, verkündete er und das Kind klatsche voller Vorfreude auf das »Fliegen« und das Eis in die Hände. Nervös rutschte es auf der Balustrade vor und zurück.
»10, 9, 8, 7 …«
Noah war zu einer Salzsäule erstarrt. Das Grauen, was sich vor seinen Augen abspielte, war mehr, als er sich in seinen schlimmsten Albträumen hätte vorstellen können. Er wollte schreien, über diese gesamte verdammte Situation und über diese Ungerechtigkeit, die er hier gerade erleben musste. Er wollte brüllen, aus diesem Albtraum aufwachen – er wollte sofort tot umfallen. Wenn er sich vorstellte, dass er nun noch etwas über sechseinhalb Stunden leben musste, war dies eine unerträgliche Vorstellung für ihn – die Hölle hätte wohl nicht schlimmer sein können.
»6,5,4,3,2,1 …«
Die Zeit schien stillzustehen.
»Lift off.« Der Mann weinte diese Worte mehr als dass er sie aussprach, fiel in sich zusammen, als er seinen Jungen über die Brüstung schubste.
Für wenige Sekunden schien das Kind wirklich zu fliegen. Der Strick um seinen Hals schwebte in der Luft, genauso wie das Kind.
Er schwebte einem Engel gleich, ruderte mit den Ärmchen wie ein Vogel. Die Luft war erfüllt von Hitze, Staub und dem fröhlichen Jauchzen des Jungen.
Für wenige Sekunden schien die Welt ein schöner Ort zu sein und nicht ein riesiges Massengrab.
Das Seil spannte sich.
Das Jauchzen erstarb so ungemein plötzlich.
Noah spürte, wie jegliche Kraft aus seinen Beinen wich, genauso wie das Leben aus dem Gesicht des Jungen.
Wenigstens war sein Genick sofort gebrochen, genauso wie bei seinen Schwestern – nicht auszudenken, wenn der kleine Junge jetzt dort baumeln würde, in einem letzten grausamen Todeskampf, bis sein Körper den Sauerstoffmangel nicht mehr hätte kompensieren können und er dann endlich gestorben wäre.
Noah musste sich setzen. Wenn noch irgendwelche Drogenspuren in seinem Körper gewesen waren, jetzt waren sie aus seinem Körper geschwemmt worden. Er zitterte am ganzen Leib.
Er fühlte, wie jegliche Lebensgeister aus seinem Körper wichen.
Er würde genau hier bleiben. Ja, genau hier würde er sterben.
Genau hier.
Der Mann verließ den Balkon. Eine Tür wurde aufgeschoben. Noah hörte das nur. Von seiner sitzenden Position aus konnte man nur die drei baumelnden Kinder sehen, die der Größe nach in aufgereiht leise hin und her schwangen.
Dann hörte man nichts mehr.
Er würde nie erfahren, wie sich der Mann das Leben genommen hatte.
Nie würde er wissen, dass der Mann danach zusammengebrochen war, mehrere Stunden seinen Körper von Heulkrämpfen hatte schütteln lassen, bis er keine Tränen mehr gehabt hatte. Dann hatte er seine Kinder abgehängt, mit Flo hatte er begonnen. Die blauen Würgemale an den kleinen, zarten Hälsen hatten ihn fast verrückt gemacht. Nacheinander hatte er seine Kinder in das Elternschlafzimmer gebracht und sie auf das Bett neben ihre Mutter gelegt. Auch wenn er seine Frau für ihren Egoismus hasste, so war sie doch die Mutter seiner Kinder gewesen und für dieses Geschenk würde er ihr ewig dankbar sein.




