King Artus und das Geheimnis von Avalon

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„Wir vergeuden kostbare Zeit. Erstatten Sie Meldung! Abzug!“
„Der Leitungsstab hat uns sein Kommen zu spät angekündigt! Wir sind zu sehr in Eile gewesen, um das Gelände angemessen abzusichern!“
„Der Meister liebt spontane Auftritte! Selbst wenn die Schwuchteln das Bild erkannt haben, ist die Information alleine wertlos!“
Der Trupp kehrt zur Treppe an der »Pont Royal« zurück. Leise und beständig plätschert das Wasser der »Seine« gegen das gemauerte Ufer. Der Hund winselt nicht mehr. Der heiße Wind lässt die Zeltbahnen flattern. Ein Lastwagen fährt über die Brücke.
„Verfolgt von Außerirdischen!“, seufzt »ME«.
„Sind dir ihre winzigen Lauscher aufgefallen?“, fragt »33«.
„Ein nicht zu übersehendes Merkmal! Danke, Etienne, du hast uns das Leben gerettet.“
„Keine Ursache! Diese blassen Gestalten sind öfter entlang des Ufers anzutreffen und ständig auf der Suche nach einer imaginären Bedrohung. Uns Obdachlose nehmen die merkwürdigen Wesen aus unerfindlichen Gründen nicht wahr. Nicht die geringste Ahnung, warum das so ist. Als ob wir aus Luft bestünden.“
„Wir haben einen Riesen gesehen. Eine furchteinflößende Erscheinung, deren Anblick scheinbar verboten ist. Einer der Soldaten – der Alte – hat auf uns geschossen! In was sind wir da nur hineingeraten? Weshalb steht von übergroßen Existenzen nichts in den Zeitungen?“
„Hauptsache, ihr seid erst einmal in Sicherheit!“
„Ich bringe dir bei Gelegenheit eine Pulle Wein vorbei“, bietet »ME« seinem Freund an. „Ist das okay für dich?“
„Da sage ich niemals nein! Das weißt du. Bleibt eine Weile in meinem Zelt.“
„Ich gehe nach Hause“, drängelt »33«. „Bald fängt die Schule an!“
„Verstehe! Freut mich, dich kennengelernt zu haben. Wenn du am Ufer bist, schaue bei mir rein. Du bist immer willkommen!“

Marcel begeht den Fehler, sich kurz auf sein Bett zu legen. Der Wecker klingelt. Der Übermüdete wacht nicht auf und verpasst das Frühstück. Sein Vater hat das Haus früh am Morgen verlassen. Der Ingenieur eines französischen Fahrzeugkonzerns zieht die frühen Morgenstunden vor, um am Nachmittag Zeit für sich zu haben.
Die bretonische Mutter ist Parfümverkäuferin in einem der gigantischen Kaufhäuser hinter der »Opéra Garnier«. Cécile Amidieu ist ein Kopf größer als sein Alter Herr, weshalb der Spätpubertäre nur ungern mit den Eltern Gemeinsames unternimmt, insbesondere wenn Schulkameraden am gleichen Ort zu erwarten sind. Die strenge Mama wünscht sich nichts sehnlicher für ihren begabten Sohn als ein Studienplatz an der Elite-Universität »Sorbonne«. Vor ihrem Weg zur Arbeit rüttelt diese an der Zimmertür, um sich zu verabschieden. Aus Panik, den Geruch des Obdachlosen zu verbreiten, bleibt die Tür verschlossen.
„Bist du erkältet mein Liebling?“
„Nein, ich habe nur miserabel geschlafen!“
„Hast du gestern zu lange ferngesehen?“
„Bin beim Film eingeschlafen und mich haben Alpträume geplagt!“, lautet die Ausrede.
„Du hast in Kürze deine Prüfungen! Nervosität ist absolut normal.
Stehe endlich auf und gehe in die Schule!“
„Lass mich in Ruhe! Ich bin kein Kind mehr!“
„Dein Frühstück steht auf dem Tisch. Ich gehe jetzt los, mein Schatz!“
„Danke, Mama! Bis heute Abend.“
Marcel brüht sich am Gasherd in der kleinen schmalen Küche erst einmal einen überdosierten, von Hand gefilterten Kaffee. Das dickflüssige Aufputschmittel schmerzt im Gaumen und erzeugt kurz darauf Herzrasen. Marcel zittert am ganzen Körper. Der Raubbau an den Reserven hat zur Unterzuckerung geführt. Der Junge flucht wegen der eigenen Dummheit laut vor sich hin. Drei längliche Würfelzucker versinken in der öligen Substanz der zweiten Tasse. Der Gestank der Nacht schreit nach einer heißen Dusche. Ein weiterer Schluck zur Probe.
„Schon besser! Zwei Zucker mehr und die Mischung ist perfekt!“ Die Müdigkeit steckt tief in den Knochen. Der Gymnasiast schleppt sich zu dem ehrwürdigen Bauwerk, in dem das »Lycée Louis le Grand« seit 1563 untergebracht ist. Marcel steigt an der Metro-Station »Cluny – La Sorbonne« aus, durchschreitet den »Jardin Médiéval«, überquert den »Place Paul Painlevé« und biegt in die »Rue des Écoles« ab. Ihn trifft der Schlag. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lehnt »ME« an einer Hauswand und winkt ihn zu sich herüber.
„Ich habe auf dich gewartet.“
„Woher weißt du, auf welche Schule ich gehe?“
„Ist das so wichtig? Lass uns nach der Tüte suchen, bevor die Polizei unsere Unterlagen findet!“
„Ich schwänze nicht! Wir haben demnächst die ersten schriftlichen Klausuren.“
„Du handelst dir weit mehr Ärger ein, wenn die Schablone in die falschen Hände gerät!“
„Warum bist du nicht sofort zum Louvre gegangen?“
„Du beobachtest den Platz und warnst mich, falls diese sonderbaren Gestalten wieder auftauchen!“
Auf dem »Place du Carrousel« patrouillieren keine Glatzköpfigen mehr. Scharen von ahnungslosen Urlaubern stehen vor der großen Pyramide Schlange, weil ihnen der Nebeneingang, an dem sich nur selten Warteschlangen bilden, nicht bekannt ist. Trotz intensivem Stöberns bleibt die Tüte unauffindbar. Entweder haben die Soldaten das Beweismittel aufgelesen oder der Kehrdienst den Müll entfernt. Einige Touristen fotografieren ihr nächtliches Werk.

„Was habe ich dir gesagt!“, triumphiert »ME«. „Morgen lesen wir einen Artikel über das Kunstwerk in der Zeitung! Lass uns gleich heute Abend weitermachen!“
„Ich habe den Unterricht geschwänzt! Ich hoffe, meine Eltern bekommen davon nichts mit.“
„Du bist erwachsen. Schreibe deine Entschuldigung selbst!“


Juli 1996
Marcel hat im Leistungsfach Mathematik mit überdurchschnittlichen Noten geglänzt. Seine Mutter ermutigt ihn, sich trotz der Ausrutscher in den anderen Fächern an der »Sorbonne« zu bewerben. Größen wie Albert Einstein haben Tiefpunkte durchlebt und seien später kometenhaft aufgestiegen.
„Beim Vorstellungsgespräch“, ist seine Mama überzeugt, „punktest du durch deine hervorragenden Manieren, die du von mir erlernt hast.“

Die Schule ist aus. Ferien! Ein paar Tage drauf steigt der Junge frühmorgens in den Zug in die Bretagne ein. Kurz vor der Abfahrt. Sein Vater hat angesichts einer Unternehmenskrise keinen Urlaub erhalten und dem weiblichen Familienoberhaupt fehlen die Nerven, mit dem Großvater alte Meinungsverschiedenheiten aufzuwärmen. Durch die Spiegelung der Scheiben sind seine unter Zeitdruck stehenden Eltern nur schemenhaft zu erkennen. Die beiden winken zaghaft zurück.
Der Reisende bemerkt nicht, wie sich ein nach Knoblauch und Schweiß riechender Prolet neben ihn setzt. Im Mittelgang stauen sich die Fahrgäste. Viele haben einen Stehplatz. Neben ihm ein Knacken, gefolgt von einem Zischen – das typische Geräusch einer sich öffnenden Bierdose. Verwundert schaut Marcel in zwei unsympathische Augen. Ein Dreitagebart kaschiert eine unbestimmte fleischige Masse.
„Ein Bier, Kollege?“
„Für mich ist das zu früh am Morgen!“
Seine Gedanken schweifen in die Zukunft. Endlich sieht der leidenschaftliche Schwimmer das Meer wieder. Paris im Sommer ist langweilig. Alle Freunde sind verreist. Der Junge verbringt die Ferien bei Tante Louane in »La Forêt-Fouesnant«, in Küstennähe. Sein Großvater wartet ebenfalls sehnsüchtig auf den einzigen Enkel.

Der Gestank, den der Nachbar verströmt, ist unerträglich. In der Sitzreihe davor unterhalten sich zwei ältere Damen in unangemessener Lautstärke. Die betagten Vorstadt-Pariserinnen kommentieren Belanglosigkeiten in der Landschaft, als seien die vorbeirasenden Landmarken die wichtigsten Errungenschaften der Menschheit. Die Klimaanlage in dem Großraumwaggon ist für T-Shirt und kurze Hosen zu frostig eingestellt. Marcel friert. Bei der Menschenmenge besteht keine Hoffnung, aus dem Koffer ein wärmeres Kleidungsstück herauszuholen, geschweige denn, dem merkwürdigen Nachbarn zu entfliehen. Das Wetter verschlechtert sich zunehmend. Die flache »Perche« zieht vorüber und die Gedanken reisen durch die Vergangenheit.
Der Tod seines Onkels, Janick Noyieux, dem Ehemann der Tante, hat ihn damals tief getroffen. Seine witzige Art hat ihn als Kind oft zum Lachen gebracht und dessen Schiffsmodelle haben sich in seine Erinnerungen gebrannt, mit denen der Junge ungestraft gespielt hat, selbst wenn Teile abgebrochen sind. Der ehemalige Matrose eines Unterseebootes und späterer Kapitän eines gekenterten Touristen-Rundfahrtschiffes ist bei dem Versuch ertrunken, Passagiere zu retten.
Beruflich ohne Ehrgeiz lebt die Tante von diesem Zeitpunkt an von einer bescheidenen Witwenrente mietfrei im Haus des Großvaters. Die passionierte Anhängerin bretonischer Mythen und Sagen schreibt regional bekannte Bücher über ihre Entdeckungen. Das hat ihr keine Freunde beschert. Das frühere Stadtoberhaupt hat postuliert, ihre wissenschaftlich nicht fundierten Schauergeschichten vertrieben die Gäste. Die Hetze hat schädigende Ausmaße angenommen, denn das Oberhaupt des Ortes forderte den Zeitschriftenhändler auf, ihr erstes Buch nicht in sein Sortiment aufzunehmen. Bevor der Streit vor Gericht gelandet ist, starb der Bürgermeister aus ungeklärten Umständen. Seither hat Tante Louane in der Gemeinde den Ruf einer Hexe. Sein Opa Paul ist sechsundneunzig Jahre alt und hofft, nicht vor Marcels eintreffen das Zeitliche zu segnen.
„Zigarette?“, meldet sich der übergewichtige Sitznachbar wieder zu Wort.
„Ich rauche nicht! Aber egal, vielleicht beruhigt das Nikotin meine Nerven.“
„Dich aufzufinden hat mich meine letzten Nerven gekostet!“
Der Kahlköpfige zündet die beiden Glimmstängel an und öffnet eine weitere Bierdose. Ihm fallen die winzigen Ohren seines Nachbarn erneut ins Auge.
„Meine Vorgesetzte und ich haben durch dich beträchtlichen Ärger erhalten, und ich bin den Job als Sicherheitsoffizier des Präsidenten los.“
„Ohne Ihre Dienstmarke haben Sie nicht das Recht, mich zu verfolgen! Genießen Sie Ihre Freizeit!“
„Mein Chef bleibt der Gleiche, obwohl ich nicht mehr in der alten Abteilung bin. Sei froh, in diesem überfüllten Zug zu sitzen! Wenn all die Leute nicht im Gang stünden, hätte ich dich längst grün und blau geschlagen!“
„Ich habe Ihnen nichts getan! Ich kenne Sie nicht einmal. Das ist garantiert eine Verwechslung! Wenn Sie mir wehtun, schreie ich um Hilfe!“
„Ich übergebe dich meiner neuen Dienststelle! Danach ist meine Ehre wiederhergestellt und der große Meister ist mir wieder wohlgesonnen. Der Herr der Hölle wartet mit Vergnügen auf dich. Niemand sieht den Höchsten ungestraft!“
Um den Worten Nachdruck zu verleihen, quetscht ihn der Häscher zwischen sich und der Außenwand ein.
„Auf den Fang!“, bringt der Söldner einen Toast auf sich aus.
„Was haben Sie mit mir vor?“
„Ich bringe dich nach Paris zurück.“
Das widerliche Wesen neben ihm genehmigt sich auf den Sieg ein Bier nach dem anderen. Marcel hat Bauchschmerzen, Bedenken vor möglichen Konsequenzen und Platzangst. Die Gedanken rotieren. Der Junge steht kurz vor einer Ohnmacht. Alle seine Sinne haben Alarmstufe rot.
„Frankreich trennt sich besser von der Bretagne!“, fordert eine der beiden Damen auf den Sitzen vor ihm. „Die Menschen dort sind keine Franzosen!“
„Wir alle sind gläubige Christen!“, entrüstet sich ihre Nachbarin.
„Ich muss auf die Toilette!“, stellt Marcel seinen Mut auf die Probe.
„Komm schon!“, murrt der Trunkenbold und die nächste Dose verliert ihren Verschluss. „Dieser Trick ist älter als das Kino und du hast dich schon einmal aus dem Staub gemacht. Mein Chef hat geeignete Mittel, um aus dir herauszuquetschen, was du mitbekommen hast.“
„Und weiter?“
„Das entscheidet der Meister, was mit dir geschieht!“
„Wieso geschehen? Ich bin kein Verbrecher! Was habe ich deiner Meinung nach gesehen? Und wo? Ich kenne Sie nicht!“
„Christen?“, schreit die Dame am Fenster. „Nachfahren von Templern, die Frankreich mithilfe des »Baphomet« ruinieren!“
„Diese Schachteln haben keine Ahnung!“, empört sich der Angetrunkene. „Hebräisch rückwärts gelesen wird aus »Baphomet« den Namen unserer großen Göttin SOPHI.A!“
„Ich muss aufs Klo!“
„Und wenn du dir die Hose vollmachst – du bleibst sitzen!“
„Sprich leiser!“, sagt die Mitreisende vor ihm zu ihrer Sitznachbarin.
„Uns hört der ganze Wagen zu!“
Monoton rattern die Räder über die Gleise. Der Inhalt einer weiteren Dose Bier rinnt durch eine Kehle, die keinen Durst mehr hat. Der Junge schaut angestrengt aus dem Fenster. Wann kommt der Zug im nächsten Bahnhof an? Hoffentlich ergibt sich auf dem Bahnsteig eine günstige Gelegenheit, um dem Fettwanst davonzulaufen. Dessen Chef beabsichtigt Marcel erst gar nicht kennenzulernen! Die Polizei ist dank der Graffiti keine Alternative und steckt am Ende mit dieser Organisation unter einer Decke. Heftiges Schnarchen dring an sein Ohr. Das Bier hat seine Wirkung als Schlafmittel voll entfaltet.
Der Junge stemmt sich mit voller Kraft gegen die Seitenwand. Der Kerl ist zu schwer! Unverhofft gibt die fleischige Masse nach. Ein athletisch gebauter Mitreisender grinst ihn an.
„Ich habe euer Gespräch unfreiwillig mitgehört. Ich habe keine Ahnung, was du seiner Auffassung nach ausgefressen hast, und die Hintergründe gehen mich nichts an. Ich schätze, du bist im Recht und der Penner ist ein Verbrecher. Los! Steige über ihn und verstecke dich bis zum nächsten Halt in der Menschenmenge! Der Säufer steht vermutlich so schnell nicht wieder auf.“
„Vielen Dank! Warum haben Sie mir geholfen? Sie kennen mich nicht einmal!“
„Ich habe genug Menschenkenntnis und ein Gespür für Ungerechtigkeit!“
„Wie revanchiere ich mich bei Ihnen?“
„Hilf anderen Menschen. Das Gute kommt eines Tages zu mir zurück!“
Der Junge hat keine Zeit, sich mit philosophischen Fragen zu beschäftigen. Sein Koffer ist in einem Gepäckregal aufbewahrt.
Unter einem Schwall an ruppigen Worten und derben Gesten hangelt sich der Befreite seinen Sachen entgegen und quält sich mit dem Reisegepäck in Richtung Lokomotive. Der nächste Waggon hat Abteile und auf dem Gang stehen nur vereinzelt Passagiere. Einen Wagen weiter stellt Marcel sich an den Ausstieg und schaut sich nervös um. Der Zug reduziert seine Geschwindigkeit. Die Strecke ist kurvenreich und folgt einer idyllischen Flusslandschaft. Die Bebauung ist urbaner. Die Gleise durchqueren den nicht endenden Rangierbahnhof von »Rennes«. Bange Minuten bleiben bis zum Erreichen des Hauptbahnhofs. Die Fahrgäste drängen sich zu den Ausgängen.
„Lassen Sie mich durch!“, lallt der Häscher von Weitem. „Im Namen des Staates! Geben Sie den Weg frei!“
Die Bremsen quietschen Unheil verheißend.
„Warten Sie gefälligst“, erwidert eine Dame, „bis Sie an der Reihe sind!“
„Das ist Behinderung einer Festnahme!“, schreit der Verfolger die Fassungslose an.
„Wenn Sie ein Polizist sind, bin ich Mutter Teresa!“
Mit der flachen Hand schubst der Aufgebrachte sein Hindernis aus dem Weg. Von dem brutalen Vorgehen erschüttert fällt die aus dem Gleichgewicht Gekommene über ihren Koffer und schlägt schreiend auf den Boden auf. Aus einer Platzwunde an der Stirn rinnt Blut. Die Bahn kommt zum Stehen.
„Was fällt Ihnen ein?“, wettert die zutiefst Empörte. „Ich zeige Sie an! Haltet diesen Verbrecher!“
Die Automatiktür öffnet sich. Marcel setzt zum Sprung auf den Bahnsteig an. Eine Hand an seinem T-Shirt hält ihn zurück.
„Lauf nicht weg, Amidieu! Ich finde dich, wo immer du dich versteckst!“
Das T-Shirt zerreißt.
„Du kommst mir nicht davon!“, knurrt der Häscher.
Die Handtasche der Gestürzten saust durch die Luft. Ein heftiger Schlag an den Hinterkopf des Betrunkenen, bringt ihn zu Fall.
„Sie bleiben“, droht die Aufgebrachte, „bis die Polizei kommt! Ihr Verhalten hat ein Nachspiel!“
Ohne sich umzudrehen, rettet sich Marcel, seinen Koffer hinter sich herziehend, in die Innenstadt.


Juli 1996
Der Gedanke, mit dem Zug weiterzufahren, bereitet ihm Unbehagen. Was, wenn der Glatzkopf am Bahnsteig auf ihn wartet? Marcel versteckt sich in einem kleinen Park neben dem »Musée des Beaux-Arts« und wechselt dort sein T-Shirt. Gegenüber steht eine Telefonzelle. Die Schwester seiner Mutter erklärt sich bereit, ihn mit ihrem Auto abzuholen. Treffpunkt ist die gegenüberliegende Uferstraße. Bis dahin sind, je nach Verkehrslage, bis zu drei Stunden Wartezeit zu überbrücken. Dem Gejagten fehlt die Ruhe in der Zwischenzeit alte Gemälde zu betrachten. Gespannt schweift der Blick die »Avenue Jean-Janvier« Richtung Bahnstation hinunter. Der Junge fragt sich, wer in besagter Nacht aus dem Ufo gestiegen ist. Weshalb lohnt der Aufwand, ihn nach so langer Zeit weiterhin zu verfolgen? Oder ärgert sich der Soldat nur deshalb, die Nerven verloren und auf ihn geschossen zu haben?
Zweihundertzehn quälende Minuten später rollt der uralte weiße Peugeot 203 Cabriolet über den »Quai Châteaubriand«. Die Inneneinrichtung des Zweisitzers besteht aus rotem Leder und riecht modrig. Das Verdeck hat Risse. Die feuchte Seeluft verhindert das Austrocknen der eingenisteten Pilze und Flechten. Im Fahrtwind des langsam fahrenden Wagens flattert das Kopftuch der glücklichen Tante.
„Was hat der Typ von dir gewollt?“, erkundigt sich Louane. „Am Telefon habe ich nur »Bahnhof« verstanden!“
„Das ist recht kompliziert.“
„Ich verstehe! Manche Gedanken brauchen Zeit, um sich zu setzen, und gewisse Erlebnisse ausreichend Abstand, bevor du darüber sprichst.“
„Ich habe dank des Vorfalls bisher nichts gegessen!“
„Ich kenne ein sympathisches Restaurant in »Larmor-Baden«, das von außen nicht sonderlich schick ist, aber eine ausgezeichnete heimische Küche hat. Von dort genießen wir einen grandiosen Ausblick auf die sagenumwobene Landschaft der Apfel-Inseln. Ich habe dir einiges zu erzählen.“

Am Golf von »Morbihan« angekommen hält das Auto auf einer Landzunge im Hafen der Stadt an. Das Wetter klart auf. Dünne weiße Wolken treiben nach Osten ins Landesinnere. Der Wind riecht nach Jod. Marcel holt tief Luft, um den Großstadtmief aus seiner Nase zu verbannen. Die Wellen rauschen im Sand oder gluckern unter den Booten. Der Strand ist übersät mit Muschelschalen, Seetang und toten Krebsen. Die wärmende Sonne taucht die Szenerie in ein friedliches Licht.
„Die Gegend ist ganz anschaulich, Tante Louane!“
„Du untertreibst! Dies ist der magischste Ort auf der ganzen Welt!“
„Übertreibst du nicht ein wenig? Eine alte Pinie, ein paar Häuser, ein kleines Schloss und eine Hafenmole. Der Ort hat nichts Eminentes.“
„Ich spreche von dem See!“
„Ist das ein See oder ein Meeresarm?“
„Dieses Gewässer ist in mystischer Zeit einmal ein verzauberter See gewesen, bevor der Fluss »Auray« das trennende Land weggeschwemmt hat.“
„Soso! Verzaubert. Ich sehe nur verendetes »Frutti di Mare«.“
„Das Wasser ist mit den Gezeiten gekommen und verschwunden. Die Menschen damals haben für den Vorgang keine Erklärung gehabt. Zur passenden Zeit angekommen sind hier die Wiesen aufgetaucht und die Inseln sind leicht erreichbar gewesen. Wenn die Sonne auf das nasse Gras geschienen hat, ist Dunst aufgestiegen. Die sagenhaften Nebel von »Avalon«! Oder auf Keltisch: Ãbállon.“
„Von der Seeluft bekomme ich Hunger!“
„Du hast recht! Wir essen etwas und ich lege dir dar, was ich in Erfahrung gebracht habe.“
Gleich ein paar Hundert Meter weiter steuert die Tante den nächsten Parkplatz an. Eine Mauer hindert einen kleinen Abhang, abzurutschen. Ein wenig schicker Bungalow, der auf einer durchgehenden Garage steht, beherbergt ein Restaurant mit großen Fenstern. Davor und an der Seite erstreckt sich eine Terrasse mit Seeblick. Liegende Betonstäbe mit Löchern verunstalten das Geländer. Ein Kellner stellt nach dem Regenschauer des Vormittags die Bestuhlung wieder auf.
„Hübsch ist das Ambiente wahrlich nicht!“
„Sitzen wir draußen?“, fragt Louane reflexartig.
„Der Wind ist zu heftig! Hinter den Scheiben wärmen uns die Sonnenstrahlen.“
„Drinnen sehen wir genug!“
Der Ober mittleren Alters, der schon bessere Tage erlebt hat, empfiehlt Taschenkrebs, Salzlamm mit weißen Bohnen samt Röstkartoffeln und flambierten Crêpe.
„Auf der Insel gegenüber hat einst eine Frau namens Morgane gelebt.
Die Halbschwester des nebulösen Königs Artus hat die Region der Inseln beherrscht.“
„Das ist scheinbar Ewigkeiten her.“
„Durch massive Unruhen hat das Römische Reich zu jener Zeit die Vormachtstellung eingebüßt. Auf ihrer langen Wanderung haben die Goten eine Waffe mitgebracht, die auf Umwegen zu uns gelangt ist. Neuerdings ist behauptet worden, die Klinge sei aus Kalabrien und mit der »Macht der Götter« ausgestattet gewesen. Der erste Stahl in den Händen der Menschen.“
Der Junge schaut seine Tante an, als ob diese von einem anderen Stern zur Erde gekommen sei.
„Binde mir keinen Bären auf!“
„Hast du je von »Avalon« und von »Excalibur« gehört?“
„Wer kennt nicht das legendäre Schwert? Im Lateinunterricht haben wir gelernt »ex« heißt »aus«, »cai« bedeutet »Stein« und »libur« meint »frei«. Was hat der Säbel in der Bretagne verloren? Spielt die Artussage nicht in Britannien?“
„Wir sind in Britanien mit nur einem »N«! Das ursprüngliche Land der Kelten. Und alles geschah in »Letavia« und nicht auf den Inseln!“
„Beruhige dich! Ich habe verstanden, worauf du anspielst!“
Der Garçon serviert zwei »Chouchen«1 zum Aperitif.
„Der schmeckt hervorragend!“, urteilt Marcel.
„Achten Sie darauf“, mischt sich der Kellner ein, „Wenn Sie zu übermäßig davon trinken fallen Sie unweigerlich auf den Hinterkopf!“
„Ist das so?“
„Hier weiß das jedes Kind!“, stimmt Louane zu.
Die Servicekraft setzt ein Lächeln auf und verschwindet in Richtung Küche.
„Auf der Insel gegenüber hat Morgane Lancelot eingesperrt, um ihn zu verführen und ihm ihren Willen aufzuzwingen.“
„Liebe Tante, ich hoffe, du machst nur Spaß? Hast du Beweise? Denkst du dir das aus, um mich auf den Arm nehmen? Was weiß ich, der Junge aus der Stadt, über die Witze aus der Provinz? Jetzt sei bitte wieder ganz normal!“
„Bei uns Feen sind deine sogenannten Scherze fundierte Überlieferungen!“
„Seit wann bist du eine Fee?“
„Du bist durch Propaganda-Märchen verdorben, die uns Feen und Druiden diffamieren! Erst hat Rom, anschließend die Kirche, schließlich die vorgeblichen Aufklärer die Idee vom Leben mit der Natur diffamiert und uns in den Untergrund gedrängt. Wissen basiert auf den Lehren der Schöpfer. Wir haben die Kenntnisse zum Wohle der Menschen und aller Lebewesen angewandt. Schau nur, was Forscher dem Planeten angetan haben! Waffen und Umweltzerstörungen.“
„Ihr habt versäumt“, provoziert Marcel, „selbst Waschmittel und Fahrzeuge zu entwickeln. In diesem Fall wäre euer Ansehen in der Bevölkerung deutlich besser!“



