King Artus und das Geheimnis von Avalon

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„Wohin gehst du?“, schreit Louane. „Weißt du, welchen Schrecken du uns eingejagt hast?“
„Was treibst du mitten in der Nacht draußen im Regen?“, ruft Janine vom Beifahrersitz aus. „Du brichst dir am Ende ein Bein!“
„Ich habe gehört“, rechtfertigt sich Marcel, „wie du mich an die Spione des Teufels verpfiffen hast!“
„Gott gütiger Mann! Wenn du Alkohol nicht verträgst, trinkst du besser nichts!“
„Janine ist die frömmste Frau“, ist die Tante empört, „die ich kenne! Verrat kommt für meine beste Freundin nicht infrage!“
„Ich habe einen Anruf von der der Frau von Gegenüber erhalten.“
„Um Mitternacht?“
„Sie kennt meine Schlafstörungen. Vor zwei, drei Uhr schlafe ich nie ein.“
„Du hast gesagt, die Person könne mich gleich morgens abholen!“
„Aber auf keinen Fall dich, du Dummerchen! Ihren Schirm, mit dem du durchgebrannt bist, beabsichtigte die Gute zurückzubekommen!“
„Janine hat gesehen, wie du dich aus dem Staub gemacht hast.“
„Für Staub fällt allerhand Regen.“
Die Tante springt aus dem Wagen und klappt den Fahrersitz nach vorne.
„Steige ein! Ziehe schleunigst die nassen Sachen aus.“

Die Nachbarin, eine gewisse Madame DuLac, bringt vier Croissants sowie zwei Baguette zum Frühstück mit und übergibt Janine ihre völlig verstörte Katze. Die liebenswerte Dorfbewohnerin ist zehn Jahre älter als Louane.
„Ich bringe dir deinen orientierungslosen Tiger zurück!“, sagt diese gelassen. „Du glaubst nicht, welche glückliche Nachricht ich soeben erhalten habe!“
„So euphorisch wie du ausschaust, hast du im Lotto gewonnen!“
„Viel besser! Meine Tochter ist schwanger.“
„Wieder ein kleiner Arthur oder reden wir von einer Viviane?“
„Das ist nicht ermittelt worden!“
„Ich gehe erst einmal in den Keller, eine Flasche Champagner holen. Darauf stoßen wir an!“
„Der junge Mann schaut nachdenklich drein!“, bemerkt die Nachbarin.
„Mich irritieren die Namensgebungen und Alkohol am frühen Morgen.“
„Du hast Ferien! Die Namen basieren auf der Kenntnis von der Wiederkehr des Königs. Eines Tages kommt Artus zurück, um die Menschheit von ihrer Dummheit zu befreien, aus Religion Wissen zu formen und den tausendjährigen Weltfrieden zu stiften. Damals hat der Heerführer unser Land vor sämtlichen Invasoren beschützt. Deshalb sind wir heute ein stolzes und freies Volk!“
„Das feuchte Wetter scheint Wahnvorstellungen auszulösen. Die Bretagne hat keine Autobahnen geschweige denn einen internationalen Flughafen. Aus dieser Provinz heraus ist die Welt nicht zu regieren!“
„Wir haben den heiligen Boden gegen die Entweihung durch gigantische Baumaßnahmen verteidigt!“, sagt Madame DuLac bitterernst.
„In den hiesigen Wäldern sind von Fabelwesen bewohnt“, pflichtet Tante Louane bei, „weil wir Bretonen die vom Aussterben bedrohten Spezies dort ungestört leben lassen.“
„Welche Substanzen sind in den Croissants? Die Wirkstoffe scheinen für ausreichend Fantasie zu sorgen.“
„Du hältst uns für drogenabhängige alte Schachteln?“, sagt Janine aufgesetzt verbittert.
„Weil Sie nicht die leiseste Ahnung haben!“, ereifert sich die Nachbarin. „Sie sind in einer Großstadt aufgewachsen. Das erklärt Ihr verschrobenes Weltbild.“
„Haben Sie Beweise?“, fragt Marcel.
„Öffnen Sie die Augen! In der Bretagne begleitet Sie die Geschichte der Welt auf Schritt und Tritt.“
„Ob du mir glaubst oder nicht“, sagt die Gastgeberin, „in dir stecken die Gene von Artus, Jesus und der Dame vom See! Die Genannte ist keine geringere als die Maria vom See Genezareth, »Notre Dame«, gewesen!“
„Nicht zu verwechseln mit der »Maria von Magdala«!“, sagt Louane.
„Die Heilige ist rund tausend Jahre alt geworden und 1295 nach Christus in der Basilika von »Saint-Maximin-la-Sainte-Baume« beerdigt worden.“
„Das ist zu lange her!“, regt sich der Junge auf. „Das sind Legenden!“
„Bei weitem nicht!“, rechnet Janine vor. „Seine Tochter – Viviane die Dunkle aus dem Haus David und Ehefrau von Gerren – hat die Welt erblickt, als ihr Vater fünfundvierzig gewesen ist.“
„Das sind rund tausendneunhundert Jahre“, überlegt Marcel. „Da komme ich auf sechsundsiebzig Generationen.“
„Nicht ganz“, erwidert die Nachbarin. „Die katholische Kirche hat im Jahr des Herrn sechshundertvierzehn den Kalender auf das Jahr neunhundertelf nach Christus vorgedreht. Ziehen Sie bei Ihren Berechnungen dreihundert Jahre ab!“
„Das sind immer noch vierundsechzig Menschenalter. Da ist alles Blut verwässert.“
„Wie gesagt“, berichtigt Louane. „Die Jesus-Familie hat stets ausschließlich untereinander geheiratet. Außer deine Mutter, die sich nicht an die Vorgaben unserer Vorfahren gehalten hat. In dir fließt deshalb das Blut des Satans!“
„Sie haben eine Gemeinsamkeit mit Merlin!“, begeistert sich Madame DuLac.
„Jetzt habe ich genug von euren okkulten Fantasien! Ich bin im Urlaub und habe keine Lust an dem unglaubwürdigen Pseudo-Geschichtsunterricht teilzunehmen.“
„Die Vergangenheit Ihrer Sippe holt Sie eines Tages ein!“, prophezeit die Nachbarin.
„Marcel hat zwischenzeitlich die Bekanntschaft mit den teuflischen Dienern gemacht“, petzt die Tante.
„Die Dämonen des Teufels sind wieder unterwegs!“, erschrickt Madame DuLac. „So steht die Welt vor gravierenden Veränderungen.
Am besten erzähle ich Ihnen die wahre Geschichte der Bretagne von Anfang an.“


13. August 408 nach Christus
Der römische »Caesar« Honorius lässt, nach heftigen Meinungsverschiedenheiten, den in Ungnade gefallenen Heermeister Stilicho hinrichten. Der von Alarich, dem »Reix«1 der Goten, unter Druck geratenen Kaiser Roms erwägt, seinen General Konstantin als Mitkaiser einzusetzen, der sich im Jahr zuvor selbst zum Kaiser der »Letavier«2 ausgerufen hat. Um ihn auf seine Seite zu ziehen, überträgt der Herrscher seinem Gegenspieler die Aufgabe, die Germanen, die zwei Jahr zuvor den Rhein überquert haben, zu hindern, sich in Gallien auszubreiten und die sächsischen Piraten zu bekämpfen, die in »Letavia« an Land gegangen sind. Beides gelingt dem »Britanier« nicht, was ihn gegenüber dem »Imperator« als unfähig dastehen lässt.
Da Konstantin aufgrund seiner militärischen Misserfolge keine offizielle Anerkennung aus Rom erhält, rebellieren Volk und Armee gegen ihn und seine Anhänger. Der Bürgerkrieg bindet seine gesamte Kraft und den Rest seiner Getreuen. Um seinen Spielraum zu erweitern, erhebt der Widersacher seinen Sohn Constans zum »Caesaren« und beruhigt so die Gemüter in den eigenen Reihen wieder. Statt mit dem gewonnenen Freiraum die von Rom gestellten Aufgaben zu erfüllen, marschiert sein Heer in Italien ein. Honorius wartet nicht und bläst zum Gegenangriff. Die Invasion endet im späten Frühjahr 410 mit der Niederlage der Angreifer, denen nur der Rückzug bleibt. Der Unterlegene zieht sich in das gallische Oppidum »Vienne« zurück.
Aus Verzweiflung rebelliert General Gerontius erneut und ruft seinen Sohn Maximus zum Kaiser aus. Unbeirrt von diesen Ereignissen beordert Honorius den inzwischen in seine Dienste übernommenen Gerontius nach »Hispanien«, um von dort die Germanen zu bekämpfen, die plündernd durch Gallien gezogen und auf dem Weg nach »Africa«3 sind. Von den Hunnen vertrieben, sind die Völker des Nordens auf der Suche nach neuen Siedlungsräumen. Durch das kälter gewordene Klima reichen die Ernten in Mittel- und Südeuropa nicht aus, Zuwanderer mit Nahrung zu versorgen. Die Kunde von der Kornkammer auf der anderen Seite des »Mare Nostrum«4 zieht die Heimatlosen an wie ein Magnet.

Römische Kolonie Tarraco5, 411 nach Christus
Außer Atem rennt Maxiumus in Begleitung seines jüngeren Bruders Fortigus durch den Palast, hin zum Arbeitszimmer seines Vaters. Seit der Niederlage Konstantins gegen Rom wirkt Gerontius kraftlos. Die Verwaltung der Provinz »Hispanien« ist sein einziges Lebensziel. Ihm fehlt der Wille, sich anstelle des für ihn imaginären Honorius den Germanen entgegenzustellen. Der ehemalige Heerführer lebt seitdem in sich gekehrt und schenkt seiner Umwelt nur wenig Beachtung. Das Ungestüme der Jugend widert den welterfahrenen General an.
„Ihr stört mich!“
„Ein Bote hat eine fantastische Nachricht überbracht“, sprudelt Maximus heraus.
„Erkennt mich der »Caesar« endlich als Mitkaiser an?“
„Weitaus besser, Vater! Ein Gote namens Alarich hat die Stadt Rom geplündert und den »Schatz der Götter« erbeutet.“
„Den »Schatz der Götter«? Ich habe ihn gesehen, diesen Schatz. Im Friedenstempel sind auserlesene Stücke aus dem Tempel von Jerusalem ausgestellt gewesen.“
„Den Goten ist die Überfahrt von »Bruttium«6 nach »Africa« missglückt und ihr Anführer ist inzwischen gestorben. Sein Nachfolger, Athaulf, ist auf dem Weg nach »Hispanien«. Die Goten marschieren die Küste entlang durch »Gallia Narbonensis«7.“
„Was interessieren mich die Goten? Rom ist geschwächt und unsere Zeit scheint gekommen, die Macht zu übernehmen! Honorius hat die Insel »Albion«8 räumen lassen. Ihm fehlen Truppen. Konstantin hat sich in »Vienne« verschanzt und ist ihm keine Hilfe.“
„Die Goten haben vor, von »Hispanien« aus nach »Africa« zu gelangen. Der Bote sagt, dein ehemaliger Vorgesetzter plant gleichwohl, den Schatz an sich zu reißen. Haben wir den Schatz, gehört uns Rom!“
„Maximus“, nimmt Gerontius seinen Sohn beiseite, „du hältst die Stellung in »Hispanien« und kümmerst dich um administrative Aufgaben! Fortigus begleitet mich bei der Jagd auf Konstantin und dem Schatz. Diesem »letavischen« Versager, der Schande über unsere Familie gebracht hat, gönne ich das »Gold der Götter« nicht!“
„Sei du unser Kaiser, Vater! Lasse mich mit Fortigus gegen Konstantin kämpfen!“
„Meine Männer halten dich für ungeeignet, kampferfahrene Legionäre in den Krieg zu führen. Du bist zu jung und kennst das Leben der Soldaten nur aus Erzählungen. Ich bleibe bei meinen Kriegern! Meine Kameraden folgen mir bis in den Tod. Ich zwinge Honorius in die Knie! Dank Konstantin hält dieser mich für einen wertlosen Strategen.“
„Niemand denkt so von dir!“
„Maximus, kümmere dich um die Verwaltung »Hispaniens« und überlasse das Denken mir! Und du, Fortigus, reite nach »Gallia Narbonensis« und bekomme heraus, welche Route die Goten nehmen. Sende mir einen Boten! Greife auf keinen Fall ohne mich an!“ „Wenn du den Schatz erobert hast“, sinniert Maximus, „und ihn Honorius zurückgibst, ernennt dich der Kaiser zum Heerführer!“
„Hast du den Verstand verloren? Mit dem Gold stellen wir das größte Heer aller Zeiten auf und reißen das Reich an uns. Schon bald sind wir die Herrscher in »Ravenna«!“

Der Gegner steckt in »Vienne« fest. Die Rekrutierung und Ausrüstung neuer Soldaten bereitet ihm seiner Misserfolge wegen Probleme. Gerontius greift die unzureichend verteidigte Stadt an und fügt seinem ehemaligen Anführer eine bittere Niederlage zu.
„Konstantin ist geflohen!“, stellt Fortigus enttäuscht fest.
„Wir haben seinen Sohn als Geisel genommen!“, freut sich der General über seinen Teilsieg. „Jede Wette, der feige Bastard ergibt sich freiwillig, wenn ihm das zu Ohren kommt!“
„Töten wir diesen kleinen Bastard!“
„Constans ist mein Druckmittel und nur lebend von Wert! Ich schätze, sein räudiger Vater flieht zur Garnison nach »Arelate«9. Für die Goten mit ihren schweren Fuhrwerken sind die zwei Brücken dort über den »Rhodanus«10 der einzige passierbare Weg nach »Hispanien«. Ich folge ihm und du verhinderst seine Rückkehr nach »Vienne« mit allen Mitteln!“ „Warum lässt du mich nicht mit dir ziehen? In diesem trostlosen Nest langweile ich mich zu Tode!“
„Vertreibe dir die Zeit mit dem Wiederaufbau der Stadt. Halte mir den Rücken frei, falls Honorius auf die Idee kommt, seinen neuen Heerführer Constantius auf uns zu hetzen!“
„Mit meinen Leuten bin ich nicht in der Lage, die Stadt zu halten!“
„Ich überlasse dir die »Pictonischen Söldner«11, die miserable Reiter sind. Ihre Stärke ist die Verteidigung.“

Nach einem Marsch von acht Tagen über die Römerstraße entlang des »Rhodanus« erreicht Gerontius »Arelate«. Der Fluss und die Sümpfe hindern ihn, die Stadt zu umstellen. Die Stadtmauer ist ohne den Einsatz von Kriegsmaschinen nahezu uneinnehmbar. Der General verlangt, seinen ehemaligen Prinzipal zu sprechen. Unter dem Versprechen der gegenseitigen Unversehrtheit begegnen sich die beiden vor dem »Runden Turm«.
„Was erwartest du von mir?“, mimt Konstantin den Unschuldigen.
„Ich verlange von dir, dich aus der Politik zurückzuziehen und mir nie wieder in die Quere zu kommen. Begebe dich in meine Gefangenschaft und ich garantiere dir ein ruhiges Leben, für dich und deine Familie.“
„Weshalb bist du so erzürnt, mein Freund? Bin ich dir nicht stets ein guter Vorgesetzter gewesen?“
„Deinetwegen habe ich meinen Ruf verloren, habe ich in Italien keine Beute gemacht und habe die letzten Jahre mit der Verwaltung einer Provinz zugebracht.“
„Fortuna ist mir wahrlich nicht immer hold gewesen. Das Blatt hat sich gewendet, mein Freund. Ich stehe kurz davor, die Macht Roms an mich zu reißen, und benötige einen erfahrenen General wie dich, Gerontius. Stelle dir kurz vor, welchen Reichtum du als mein Heerführer eines Tages hast.“
„Unter dir diene ich nie wieder. Räume das Feld. Meinetwegen verlasse die Stadt und gehe nach »Germanien« oder »Africa«. Im Gegenzug verschone ich das Leben deines Sohnes, der in meiner Gewalt ist.“
„Du bluffst! Ich erspähe Constans unter deinen Leuten nicht. Auf diese Taktik falle ich nicht herein, mein Freund.“
„Fortigus hält deinen Sohn in »Vienne« in Gewahrsam.“
„Ich spiele seit Langem mit dem Gedanken, mein Freund, mich zur Ruhe zu setzen. Ich habe ein großes Landgut in »Letavia«. Weit genug weg, um dir nicht im Wege zu stehen. Bringe mir meinen Sohn. Am gleichen Tag ziehe ich aus »Arelate« ab. Wehe dir, mein Freund, wenn du ihm ein Leid zugefügt hast!“

Gerontius schickt nach seinem Sohn und fordert ihn auf, samt dem Gefangenen und allen entbehrlichen Truppen zu ihm zu stoßen. Weigert sich Konstantin trotz des Druckmittels abzuziehen, erwägt der General, Constans vor den Augen seines Vaters hinzurichten. Die Zeit drängt. Die Goten sind auf dem Vormarsch und Gerontius benötigt die Kontrolle über die Stadt, um diese an der Weiterfahrt zu hindern. Nach drei Wochen zermürbenden Wartens taucht die Vorhut seines Sohnes vor den Toren auf.
„Ich habe dich schon vor einer Woche erwartet!“
„Meine Hochzeit hat die Abreise verzögert“, sagt Fortigus unbeeindruckt. „Ich stelle dir voller Stolz meine Frau Sevira vor. Ihr Vater ist der Stadtvorsteher von »Vienne«.“
„Wo ist der Arrestant?“
„Sevira ist froher Hoffnung.“
„Dein Privatleben interessiert mich nicht“, sagt Gerontius scharf.
„Schaffe mir die Geisel herbei! Nach der Übergabe überlässt Konstantin mir die Alleinherrschaft. Mir steht der Weg nach Rom offen. Ich benötige »Arelate«, um die Goten aufzuhalten, bevor Honorius Wind von meinen Plänen bekommt.“
„Constans?“, fragt Sevira. „Ist das der junge Mann, den die
»Pictonen« zum Beweis deiner Liebe vor unserer Hochzeit hingerichtet haben?“
„Ich erwürge dich!“
„Du nimmst deinem Enkel den Vater“, sagt Sevira beherrscht. „Ich selbst habe von Fortigus diesen Beweis seiner Macht gefordert.“

September 411 nach Christus
Von Trauer und Wut getrieben, verteidigt Konstantin »Arelate« gegen die Übermacht vor den Toren der Stadt. Um seinerseits die Goten an der Überquerung des »Rhodanus« zu hindern, erreicht Flavius Constantius »Arelate«. Der Heermeister des Honorius vertreibt aus reinem Eigennutz die Belagerer und nimmt, gegen sein Versprechen, Konstantin zu verschonen, die für ihn strategisch wichtige Stadt selbst ein.
„Mein geliebter Sohn ist tot! Nimm du mir nicht meine Würde!“
„Ich habe dir mein Wort auf freien Abzug gegeben. Meine Späher berichten, vor »Vienne« steht ein Heer fränkischer Söldner. Stehen diese unter deinem Befehl?“
„Das Reich ist seit dem Ansturm der Hunnen in Aufruhr. Dein Kaiser ist ein Versager! Ich habe den römischen Frieden aufrecht erhalten und mich den Eindringlingen entgegengestellt. Und zum Dank hat mich dein »Caesar« bekämpft und mir den Marsch durch »Italien« verweigert. Schließe dich mir an. Gemeinsam retten wir Rom vor dem Untergang.“
„Deine Tage sind gezählt. Ziehe dich nach „Vienne“ zurück und vertreibe die Aufständischen. Wenn du Honorius überzeugst, mich als Mitkaiser einzusetzen, zeige ich mich erkenntlich.“
Konstantin verlässt »Arelate« nicht ohne Hintergedanken und nutzt in »Vienne« die Gelegenheit, ein Ersatzheer auszurüsten. Sein ehrgeiziger Befehl an seinen General Edobich lautet, gegen Constantius vorzugehen. Der Franke hat eigene Pläne. In der Hoffnung, selbst an den »Schatz der Götter« zu gelangen, greift Edobich den Zug der Goten an. Dieser stellt sich als Scheinkonvoi heraus, der keine Schätze geladen hat, und nur zur Ablenkung dient. Die Verteidiger wehren sich dennoch erbittert und töten viele Angreifer.
Constantius’ Heerführer Ulfila, der das gleiche Ziel verfolgt, reibt die Söldner Edobichs bis auf den letzten Krieger auf. Seiner eigenen Sicherheit wegen lässt Constantius Konstantin in »Vienne« hinrichten. Die Exekution ist im Gange, da bringen römische Ritter die Söhne des Hingerichteten, Aurelius Ambrosius und Uther, zu »Reix« Budicus auf die Insel »Albion«.

412 nach Christus
Nach ihrer Niederlage fliehen Gerontius und Fortigus mit den wenigen, ihnen übrig geblieben Soldaten nach »Hispanien«. Des Winters wegen sind die Berge und die Straße entlang der Küste nicht passierbar. Heftige Schneefälle und eisiger Wind zwingen die beiden, auf der gallischen Seite zu überwintern. Eines Morgens, bei erneutem Neuschnee, ist Fortigus mitsamt den »Pictonischen Söldnern« spurlos verschwunden. Jeden Tag kehren weitere Krieger nicht von der Jagd zurück oder entfernen sich ohne Abschied in die Nacht hinein.
Das Frühjahr kündigt sich durch laue Winde an. Der Schnee taut und nach langer Wartezeit, ist die Uferstraße wieder frei. Der General setzt mit eine Handvoll Männern wütend und enttäuscht seinen Rückweg nach »Tarraco« fort.
„Wo ist der Schatz?“, empfängt ihn Maximus erwartungsvoll.
„Gegen die römische Übermacht“, sagt Gerontius resigniert, „habe ich keine Chance gehabt.“
„Du hast dir angemaßt“, ist sein ältester Sohn empört, „der bessere Feldherr von uns beiden zu sein!“
„Dein Bruder hat sich nicht an meine Anweisungen gehalten und meinen Plan vereitelt!“
„Wenn ein einziger Soldat versagt, hat der Anführer die Konsequenzen zu tragen! Wo ist Fortigus? Weshalb ist mein Bruder nicht bei dir?“
„Erwähne diesen hinterhältigen Nichtsnutz nicht, der die »Pictonen« auf seine Seite gezogen hat und mit den Überläufern in die »Pyrenaei Montes«12 entflohen ist.“
„Wie viele deiner Soldaten haben sich ihm angeschlossen?“
„Wie du siehst, bin ich nur mit der Leibgarde zurückgekehrt, deren Anführer du einst gewesen bist.“
„So bist du zu nichts zu gebrauchen, Vater! Gehe mir aus den Augen! Suche dir einen Altersruhesitz und kreuze nie wieder meinen Weg! Wie konnte unsere Mutter nur einen solchen Versager heiraten! Welch eine Schande, solch einen Vater zu haben. Zum Glück ist mein Elend, von ihrem derzeitigen Ort aus, nicht zu sehen.“
„Seit unserer Hochzeit habe ich stets versucht, den Anforderungen deines Großvaters zu genügen. Sein Adelstitel erhebt ihn nicht zu einem besseren Menschen! Wo befindet sich deine Mutter?“
„Wen interessiert das schon? Macht und Einfluss gelten mehr als militärische Misserfolge! Meine Mutter ist einer schweren Krankheit erlegen und hat davor verfügt, dich nicht zu benachrichtigen.“
Der Gedemütigte schleicht wie ein verletzter Fuchs aus dem von ihm gehassten Palast hinaus. Der Schock sitzt tief. Auf dem Weg zum Meer laufen ihm die Tränen übers Gesicht. Verächtliche Blicke folgen ihm, Frauen spucken hinter ihm auf den Boden und Kinder werfen mit kleinen Steinen nach ihm. Am Strand, unterhalb des Amphitheaters, zieht Gerontius sein Schwert und begeht Selbstmord.

412 nach Christus
Vor Einbruch des Winters sendet Fortigus einen Boten nach »Ravenna« und bittet den »Caesar«, ihm die Legitimierung als Heerführer, im Rang eines »Reix«, zu erteilen, um langfristig die Kontrolle über die Soldaten seines Vaters zu erlangen. Seine Heerschar zieht derweil plündernd durch die Pyrenäen, was dem Kaiser zu Ohren kommt und ihm missfällt. Da der Friede gebrochen ist, erhält der Abtrünnige weder Landzuteilung noch einen Titel.
Die Goten unter Athaulf marschieren in das ihnen von Honorius zugewiesene Gebiet um »Tolosa« ein und besetzen das Land der »Santonen« und »Pictonen« unterhalb des »Ligers«.

415 nach Christus
Der selbst ernannte »Dux«13 Fortigus ist auf der Suche nach Verpflegung für seine Männer. Ohne Land bleibt ihm nur die Jagd, da sein Geld zur Neige gegangen ist. In den Höhenlagen ist das Wild knapp und seine Männer plagt der Hunger. Ein Überfall auf das »Oppidum Ruscino«14 ist geplant. Im Morgengrauen ziehen die verwahrlosten Krieger ins Tal und treffen zufällig auf einen Konvoi der Goten, der von »Tolosa« nach »Barcino« über die Brücke des Flusses »Test« zieht.15 Die schwer beladenen Ochsenkarren versprechen reiche Beute. Fortigus wartet, bis alle Wagen den Fluss passiert haben, und greift den Konvoi von vorne an. Die an Hinterhalte gewohnten Goten setzen sich heftig zur Wehr. Die Angreifer reitet über die erhöhten Flanken und reißt die Kolonne auseinander. Während der Schlacht flieht ein Teil der Goten, mit ihnen ihr Anführer Athaulf, in Richtung »Hispanien«. Die Überlebenden unterwerfen sich und schwören ihrem neuen Oberhaupt treu zu folgen. Unter den Goten predigt ein junger arianischer Priester namens Anaolsus, der Fortigus von seinem Glauben überzeugt und ihn Vortigern tauft.

416 nach Christus
Mit dem erbeuteten Gold rekrutiert der selbst ernannte »Dux« einen gewaltigen Heerhaufen und erbittet vom Kaiser erneut eine Provinz, die allein ihm gehört. Rom weist ihm aus Angst vor dem erstarkten Widersacher, das von Gaius Iulius Caesar unterworfene »Lugdunensis Tertia« zu, das durch Einwanderung fremder Völker in Unruhe geraten ist. Der Kaiser ernennt ihn zum lang ersehnten »Obersten Reix«. Seinem Freund Anaolsus vertraut Vortigern die gotischen Einheiten an und gibt ihm den Auftrag, »Arelate« zu sichern.
In der Garnisonsstadt »Condate«16 herrscht seit dem Tod Konstantins ein Machtvakuum, da dessen Söhne seine Nachfolge nicht angetreten haben und sich weiterhin im Schutz von »Reix« Budicus auf der Insel »Albion« aufhalten. Im Osten bedrängen gallische Stämme unter der Führung von Meirchion Gul von Gorron die Kelten, im Zentrum des Landes waltet ein fremdartiges »Volk vom See« und im Norden marodieren sächsische Piraten. Vortigern bezieht das Backsteingebäude der Präfektur. Dort kleidet sich der Heerführer nach der neuesten Mode ein. Der neuartige Kammhelm ist wegen des fehlenden Nasenschutzes leichter und das Blickfeld weniger eingeschränkt. Das Kettenhemd ist feingliedriger als das vorherige und in den Stoff der langärmligen »Militärtunika«, sind kostspielige Verzierungen eingewebt. Die »Bracae«17 besteht aus Leinen und die geschlossenen »Calceus«18 sind aus weichem Wildleder gearbeitet. Einigen Sklaven schneidet der neue Statthalter persönlich die Zungen heraus und lässt diese den enormen Rest seiner Beute in den labyrinthartigen Kellerräumen tief unter dem Amtsgebäude vergraben. Fallgruben mit angespitzten Pfählen verhindern unerwünschten Zutritt.



