Bucht der trügerischen Leidenschaft

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Meine Verwunderung war riesengroß, da ich ihn ursprünglich, instinktiv, für einen Maschinisten hielt. Als ich Sophia nach ihm fragte und sie darüber informierte, mit ihm die Nacht verbracht zu haben, antwortete sie: „Das ist Karim, der Kapitän, hast du das nicht gewusst?“ Ich war sprachlos. Eine ca. dreistündige, rasante Fahrt übers Meer brachte uns an eine herrliche Bucht, in der wir ein erfrischendes Bad nahmen. Seine kritischen Blicke folgten mir bis an Land. Zurück an Bord ließ er sich zu der Bemerkung hinreißen: „Du schwimmst sehr gut.“ Eine nicht unerhebliche Aussage, wie sich später herausstellte. Zudem das einzige persönliche Kompliment, das ich von ihm jemals zu hören bekam. Der Tag verstrich mit Mittagessen, Haut mit Sonnencreme schützen sowie lesen und dösen gleichermaßen. Die Gespräche der Mitreisenden hielten sich in Grenzen; man war gerade erst dabei, sich kennen zu lernen. Ab und zu kam „Er“ vorbei, um Anker zu lichten oder andere Arbeiten zu verrichten. Aus dem Blickwinkel streiften mich regelmäßig seine betörenden Signale, einem Stromschlag gleich. Nach der Siesta stellte er kleine Lautsprecher in Augenhöhe meiner Liege, um mir wundervolle Musik zuzuspielen. Mir war klar, hier war ein Profi am Werk, der alle Register zog und um seine Wirkung auf Frauen wusste. Wir waren 8 Frauen an Bord. Darunter eine Thailänderin, drei Österreicherinnen usw. Er war sich deren Bewunderung sicher und eine Frau, sie war verheiratet, aber alleine mit Sohn gekommen, konnte ihre Gier nach ihm kaum im Zaum halten. Nachdem ihr eindeutiges Drängen unerhört blieb, machte sie ihm und uns das Leben zur Hölle, indem sie allabendlich zuviel trank und sich entsprechend daneben benahm. Natürlich genoss er seinen Status, badete in der Gunst seiner Anvertrauten, war aber stets zurückhaltend, schweigend, äußerst sanft und ruhig; schlicht und ergreifend - angenehm. Es war Fakt, dass er jede einzelne Frau hätte haben können, sie lauerten ihm buchstäblich auf, um sich ganz offensichtlich anzubieten. Warum also ich? Ich hasste Schönlinge, bevorzuge Typen mit markanten Zügen; innere Werte waren mein Gradmesser. Kurz, er war so gar nicht mein Typ, weil viel zu schön. In Wahrheit nahm ich sein Äußeres zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wahr, vielmehr sah ich auf den Grund seiner Seele. Eine einzige drängende Frage beschäftigte mich dabei: „Wie kann ein Mensch leben ohne Herz, wie funktioniert er?“ Dieser Mann war so tot, wie es mein geliebter Mann nie war. Wie war es einem Menschen möglich, ohne Motor zu leben? Das Rätsel seiner Ausweglosigkeit, verbunden mit einer vorher nie gesehenen Melancholie, lag unausgesprochen vor mir, beschäftigten mich unentwegt.
Abends waren wir bereits wieder an anderen, noch schöneren Ufern angelangt. So konnte das gerne 8 Tage bleiben. Nach einem tollen Abendessen, Spaghetti mit Bohnen, eines meiner Leibgerichte seit Kuba, die er servierte, zu denen ich mit Sophia die obligatorische Flasche Wein trank, fragte er leise ins Ohr flüsternd, indem er mir nachschenkte: „Kommst du?“ Und ich kam – gemeinsam erlebten wir ein Feuerwerk der Inbrunst. Gott, was konnte der Mann küssen. Mit seinen makellosen, blendend weißen Zähnen sog er mich mit Haut und Haaren in sich auf, einem Raubtier gleich, das seine Beute verschlingt. Sein Haifischgebiss grub sich in meinen Hals, sog an meinen Lippen, meinen Brüsten, bis wir uns in Ekstase, der lodernden Leidenschaft hingaben.
Er konnte nicht ahnen, dass ich 2 Jahre vorher meinen über alles geliebten Mann verloren hatte und ich kurz davor noch drauf und dran war, ihm zu folgen. Was für ein Kontrast! Das Leben hatte mich wieder! Dank ihm. Beide hatten wir den rettenden Anker gefunden. Ich war an Bord seines Bootes, tagsüber Ausflüge unternehmend mit Sophia, die unsere gegenseitige tiefe Zuneigung bewundernd und billigend miterlebte; nicht ohne lächelnd auf die vielen lila gefärbten Flecke an mir und meine aufgeschwollenen Lippen aufmerksam zu machen, die ich aus der leidenschaftlichen Nacht mitbrachte - aber nicht wahrnahm, in meinem Ausnahmezustand.
Die Sonne lachte und die Meerluft tat das Übrige. Meine Augen strahlten mit den Farben des Meeres um die Wette, sie waren wie frisch poliert, der Tränenvorhang abgenommen. Ich fühlte mich wie ein 14-jähriges Mädchen; alle Schwermut war vergessen, das Meer hatte sie weggeblasen. So schön die Tage waren, die Nächte unter freiem Sternen-Himmel, die zahllos und greifbar nahe strahlten, waren noch einzigartiger. Das Glück hatte bei uns Einzug gehalten, Halt gemacht, und uns überwältigt. Mit den Elementen kannte er sich bestens aus, nein, er war Teil von ihnen, und so nannte er den einen oder anderen Stern beim Namen. Auch konnte er Seebeben vernehmen, von denen es hier so viele gab und denen er nachts atemlos lauschte. Einmal gingen wir an Land zu einem Paar mit Kindern, das dort in primitivsten Verhältnissen, zusammen mit Tieren lebte – ein Garten Eden, in dem man Feigen vom Baum pflücken konnte und kleine Zicklein streicheln -. Unser Koch, im Privatleben Segler, übernahm die weitere Exkursion. Bis hinauf in karge Gipfelregionen, führte uns der Duft mediterraner Gewürze, von wo aus man auf malerische Buchten sah. Dort angekommen, staunten wir über frische Quellen, die dem Berg entsprangen, und direkt ins Meer flossen. Sehen, genießen, jubeln, festhalten wollen und Abschied nehmen müssen von diesem Kleinod der Natur.
Dem wundervollen Tag folgte ein Abend, an dem ich, super gelaunt, die komplette Mannschaft unterhielt. Es wurde viel gelacht und eine Flasche Wein nach der anderen geleert. Wir amüsierten uns so sehr, dass keiner ins Bett wollte und den Abend darauf der Wunsch nach Wiederholung laut wurde, dem ich jedoch auswich, aus verständlichem Grund. Karim, mein Kapitän, wartete schon lange schläfrig und ungeduldig auf seinen Schlafplatz - und mich. Er hatte mir nachmittags ein Geschenk gemacht, indem er mir hoheits- und liebevoll, eine Feige überreichte. Feigen hatten für mich und meinen Mann seit jeher eine besondere Bedeutung, wie konnte er das ahnen? Sofort folgte ein Wehrmutstropfen. „Hier, noch eine für deine Freundin“, sagte er, und ich empfand zu meinem größten Erstaunen Eifersucht. Sophia sagte aber, „ich esse keine Feigen“ und so blieb mir auch die andere, was er lächelnd beäugte. Immerzu fühlte ich mich von ihm ausgetrickst, wie eine kleine, dumme Gans. In seinem Beisein hatte ich das Gefühl eines Schulmädchens, das verbotenerweise auf ihren ersten, heimlichen Freund traf.
Tags darauf kamen wir nach Marmaris und von dort gelangten wir mit dem Bus zum Golf von Gökova. Hier war ein Ausflug mit einem kleinen Fischerboot vorgesehen. Wir tuckerten entlang eines unberührten Schilfparadieses und ich fühlte mich zurückversetzt in meine Kindheit, in der ich, zusammen mit meinem Opa, derartiges Land durchstreifte, das es, aufgrund der Flurbereinigung, heute leider nicht mehr gibt. An der Anlegestelle lagen malerisch bunte Fischerboote, flankiert von einigen Fischern, die Karim, im Boot stehend, wie ein Gladiator passierend, freundlich grüßte. Ich beobachtete seinen Einzug sehr aufmerksam und mir entging nicht, dass nicht jeder Einheimische ebenso freundlich zurück grüßte. Wir glitten an verträumt wirkenden kleinen Häusern mit blühenden Gärten vorbei, die mich zum Bleiben aufforderten. An einer kleinen runden Seestelle sprang Karim unversehens, zum Erstaunen der Touristen, ins Wasser und forderte uns auf, es ihm gleich zu tun. Schwups und schon war ich ihm gefolgt. Das Wasser war glasklar und eiskalt, da frisches Quellwasser von den Bergen. Man konnte die grünen Schlingpflanzen, die Brutstätten der Enten und Wasservögel im Schilf sehen. Ein unberührtes Naturparadies, wie es nur noch wenige gibt und in meiner Gegend leider ausgestorben ist. Danach fuhren wir an einen Strand. Mir war die Zeit zu schade, um mich den restlichen Touristen anzuschließen, die in ein Cafe gingen. Außerdem wollte ich das soeben Erlebte noch nachklingen lassen. So schlenderte ich durch einen liebevoll gestalteten, kleinen Basar und erstand dabei für ein paar türkische Lira schöne Schmuck-Handarbeiten. Auf dem Rückweg setzte ich mich auf eine Bank und genoss vor der herrlichen Strandkulisse ein Eis am Stiel.
Wie aus dem Nichts tauchten Karim und sein Stewart auf, der mir einige persönliche Fragen in Englisch stellte. Nanu, was war in den gefahren? Der hatte auch einen Mund zum Reden, noch dazu war er gut gelaunt. Er wollte wissen, was ich arbeitete und wo. Bereitwillig gab ich Auskunft und auch er verriet mir einiges aus seinem Leben. Es wurde eine richtige Unterhaltung und mir wurde bewusst, die erste für mich, seit langer Zeit, die mich auch noch fesselte. Karim hörte aufmerksam zu, verfolgte jedes meiner Worte voller Interesse. Sein Steward war ein seriöser aufrichtiger Mann, selbst Kapitän, ohne Hintergedanken, das konnte ich spüren und leise dachte ich, „gar nicht so wie Karim.“ Der aber zog mich später beiseite und erklärte mir, dass der Mann geschieden wäre, weil impotent, sein Patent dem Militär zu verdanken hätte und deshalb auch unbrauchbar in der Praxis wäre, die er ausschließlich ihm zu verdanken hätte. Na, na, bisschen viel Negatives auf einmal, schoss es mir durch den Kopf, ich fand den Mann ganz gut. Ob er wohl was ahnte, von unserem Verhältnis? Gut möglich, sinnierte ich. Lautstark näherte sich unsere Gruppe, da war es auch schon wieder Zeit zurückzukehren. Der Koch empfing uns auf dem Boot mit einem speziellen Abendessen, das er, einem Show-Entertainer gleich, mit viel Geschick und Humor servierte. Nach einer wohl schmeckenden Kürbissuppe tischte er in einer Kasserolle, nach griechisch/türkischer Art gebratene, mit Reis und Hackfleisch gefüllte Paprikaschoten auf. Zu meinem Leidwesen blieb kein Krümel übrig. Dieses, auch ein Leibgericht von mir, konnte niemand so gut zubereiten, wie meine griechische Nachbarin, an die ich mich jetzt erinnerte. Alles vorbei, sie lebte mit ihrem Mann seit einigen Jahren, da beide in Rente, in Griechenland. Bald würde ich sie besuchen, nahm ich mir vor, und damit ein langes Versprechen einlösen.
Gleich Morgen wollte ich ihnen eine Karte schreiben aus dieser herrlichen Gegend der Ägäis, die schließlich bis 1923 griechisches Territorium war. Der Koch war noch nicht fertig mit seinem Überraschungsabend und brachte selbst gebackenen Kokos-Kuchen und duftendes Gebäck. Zum Abschluss gab es frisches Obst, wie man es so wohlschmeckend nur in südlichen Ländern vorfindet. Durchgehend entertainte er uns mit diversen Varieteeinlagen und Spielen, wie ein Profi-Animateur. Wir waren allesamt bester Stimmung. Nicht so der Kapitän, dessen Mimik sich immer mehr verfinsterte. In dieser Nacht ging ich zu ihm, aber er war nicht da. So blieb ich allein, schnappte mir eine seiner zwei Decken und legte mich auf die andere Seite seines Nachtlagers. Bald darauf musste ich wohl eingeschlafen sein. Ein ständig sich wiederholendes, beängstigendes Geräusch des Prustens weckte mich mitten in der Nacht. Ich hielt den Atem an und lauschte. Ja, da, keine Täuschung, ich hörte regelmäßige, undefinierbare Laute, die aus der Tiefe kamen. Nach einer Weile nahm ich, mit stockendem Atem, allen Mut zusammen und schaute vorsichtig über Bord. In pechschwarzer Nacht konnte ich ein Dingi wahrnehmen, in dem ein Mann stand; daneben ein Taucher. Jetzt war mir das Geräusch klar, es kam vom Atemgerät der Taucherflasche.
Leise schlich ich ans Vorderdeck und weckte den Koch, der dort schlief. Ich deutete ihm, mit mir zu kommen, um ihm zu zeigen, dass das Boot gestohlen wird, so meine Vermutung. Als er das Dingi sah, lachte er leise und sagte, „das ist der Kapitän mit seinem Steward.“
Sofort legte ich mich wieder ins Bett. Es dauerte nicht lange, da kam Karim im Taucheranzug an Bord, dem er sich klatschend zu Boden fallend, entledigte. Er verstaute seine mit der Harpune erlegte Beute, indem er das prall gefüllte Fischernetz auf den Boden warf, um es dann, umgeschichtet, in der großen Gefriertruhe zu verstauen. Vollkommen nass und halb erfroren legte er sich zu Bett, nicht ahnend, dass ich am Fußende gegenüber lag. Ich wartete bis er sich zur Seite rollte und schlich mich kurz darauf zu ihm. Igitt! Er fühlte sich an wie ein Fisch aus dem Eismeer, währenddessen ich fast kochte vor Aufregung über das Erlebte. Es dauerte auch nicht lange, bis wir beide den entsprechenden Temperaturausgleich hergestellt hatten. Diese Nacht war unwiderruflich die abenteuerlichste meines Lebens. Er wäre wohl besser als Hai geboren, dachte ich bei mir. Wie überlebt er nur die Tauch-Stunden im dunklen Meer? Seine lautlose, unaufdringliche und doch so gierige, raubfischähnliche Art, einem Angriff gleich, ließen immer wieder den Vergleich aufkommen. „Ich jetzt gut, du hier, du meine zweite Frau, ich weiß. Wir jetzt bisschen Schlafen, morgen früh weg.“ Mit einem „Danke, lieber Gott“, gen Himmel gerichtet, schlief ich wohlig an seiner Seite ein.
Nach so einer Woche, in der er, während wir Touristen Ausflüge unternahmen, jede freie Minute zum Tauchen nutzte, war mir klar, dass dieses aufregende Abenteuer hier sein Ende finden müsste. Wiederholung ausgeschlossen. Langsam wurde mir bewusst, dass ich meinen Eid gebrochen hatte und mit einem Türken schlief, ohne mich auch nur einen Deut über Konventionen zu scheren, die mein bisheriges Leben bestimmten. Begierig kostete ich jede Minute mit ihm aus. Eine einzigartige kurze Zeit, von der nur noch wenig blieb. Mehr konnte, wollte ich nicht denken. Tags darauf steuerten wir eine Bucht mit magischer Aura an. Ich schwamm an Land und plötzlich tauchte „Er“ aus dem Nichts auf, wo kam er bloß her? Ich hatte ihn, wie üblich, nicht bemerkt. Seine ständige Kontrolle über mich machte mich rasend. Gemeinsam erkundeten wir die Gegend, er machte mich auf Bergziegen aufmerksam, die in schwindelnden Höhen mühelos herumliefen.
Endlich, an einem ausgedörrt daliegenden Baumstamm, am ganzen Körper bebend, liebten wir uns in freier Wildnis, wie wilde Tiere. Mental war ich in eine Zeit der Antike versetzt, die schizophren auf mich wirkte. Ich fühlte, hier musste früher ein Haus gestanden und Leute darin gelebt haben. Wo waren sie jetzt? Sollte ich hier mein Traum-Haus bauen? Soweit ich erkennen konnte, war diese Bucht nur vom Meer aus zugänglich. Später erfuhr ich von Karim, dass oberhalb der Berge eine Strasse hierher führte und noch später, bei einer anderen Gelegenheit, zeigte er mir meine möglichen Nachbarn.
Es wäre durchaus möglich gewesen, diese Bucht käuflich zu erwerben, was ihm sehr entgegen gekommen wäre, da er einsame Buchten über alles liebte. Die großen runden Steine am Strand machten eine Rückkehr zum Boot schwer und so glitt ich lieber ins Wasser um zurück zu schwimmen. Wieder war er abhanden gekommen, tauchte aber alsbald auf der anderen Bootsseite auf. Er war unter dem verankerten Bootsseil durchgetaucht. Sein Brustkorb war enorm, seine Kondition auch. Lange Zeit danach gestand er mir, dass er nur unter Wasser frei und glücklich wäre; wo sonst, er war eben der verkörperte Neptun. Noch wusste ich nichts über seinen Hang zum Vergessen. Langsam trudelten auch die anderen Bordmitglieder ein, sie hatten einen Ausflug mit dem Dingi gemacht und erzählten strahlend und glücklich davon, nicht ohne darauf hinzuweisen, was ich doch alles verpasst hätte.
Bis zum Ende der Reise war es uns gelungen, unser Geheimnis zu wahren, so dass keiner der Anwesenden auch nur die geringste Ahnung hatte, was um sie herum geschah. Nur ein Gast, mit Beruf Staatsanwalt, musterte mich genau. Wenn Karim z. B. das Essen servierte, die Crew wechselte täglich die Aufgaben, trat ich ihm unbemerkt auf den Fuß, die türkische Bedeutung dessen, nicht ahnend. Natürlich erhöhte das den Reiz unserer Beziehung. Für ihn, den geheimnisvollen Mann, eine Notwendigkeit zu überleben, aber dazu später mehr.
An einem Tag kam ein ziemlich kräftiger Wind auf und Karim brach eilig auf, um eine sichere Bucht anzusteuern. Das Wetter verschlechterte sich aber zusehends, und so dauerte es nicht lange, bis alle, außer mir und Sophia, seekrank wurden. Kurzerhand wurde das Abendessen an Land verlegt. Dazu trugen wir, d. h. die Crew, Sophia und ich, den schweren Tisch und Stühle sowie das gesamte Abendmahl über eine schmale Bootsstegbrücke ans sichere Ufer. Während Sophia und ich auf dem Boot, meinen Pareo am Boden ausbreiteten, eine Kerze sowie Flasche Wein daneben, das Abendessen und die Wogen genießend, scherzend immer besserer Stimmung wurden, übergaben sich die an Land befindlichen, einer nach dem anderen. Zum Schlafen kamen sie alle zurück, zumal sich die See nach und nach beruhigte. An diesem Abend bekam Karim Besuch von seinem Bruder, wie sich herausstellte. Ein hübscher Kerl, der von seiner geschiedenen Frau und seinen Kindern im Auto gebracht wurde. Er blieb lange und so schlief ich, das Wagnis des Erkannt werden einbeziehend, traurig alleine ein. „Aha, du auch mal da?“ Hörte ich Sophia noch sagen.
Anderentags fragte mich Karim, warum ich vergangene Nacht nicht zu ihm kam und ich antwortete: „Aus Respekt vor deinem Besuch.“ „Aber mein Bruder bald weg, warum nicht später kommen? Woher sollte ich wissen, dass es sein Bruder war und wann der Besuch weg ging? Ohnehin war ich sauer, wegen der vergeudeten Nacht und jetzt auch noch seine Vorwürfe. „Warum du nicht kommen?“, gab ich brüsk zurück. Er verstand nicht, das war deutlich zu spüren. Irgendetwas passte nicht. Auf einen Wink von ihm setzten wir uns abseits der Touristen und er sagte mir, dass er große Probleme habe. Auf der uns vorangegangenen Fahrt zu den griechischen Inseln war plötzlich ein starker Sturm aufgekommen, der die Takelage und so ziemlich alles zerfetzt hatte, was soeben erst teuer erstanden wurde. Außerdem wären das Getriebe und irgendwas mit dem Anker kaputt gegangen. Dringende Renovierungs-Arbeiten wären der Grund für unser verspätetes Übersiedeln an Bord gewesen. Jetzt verstand ich seine gestrige Panik um den aufkommenden Sturm sowie sein Umsiedlungsmanöver in eine sichere Bucht. Nach einem Bad, ins türkisblaue Meer, das wir in zauberhafter Umgebung nahmen, zog ich mich gerade um, als es plötzlich an der Kabinentüre klopfte. Karim stand, wie ein kleiner Junge dreinblickend, vor mir und sagte: „Ich Hunger.“
Das musste wohl so sein, denn er war noch nie in unserer Kabine. Schnell, zu schnell? Fegte ich die auf dem Bett ausgebreiteten, in Marmaris neu erstandenen Klamotten weg, und ab ging die Post, bis der Hunger gestillt war. Dabei mussten wir sehr vorsichtig sein, da sich vor meinen kleinen Guckfenstern die Trittleiter befand, an der nun auch die übrigen Passagiere zurückkamen. „Für wen du diese kaufen?“ Fragte er, nach den Artikeln auf dem Bett deutend. „Ich gesehen, niemand kaufen soviel, nur du viele Taschen.“
Die Sachen waren für Ali, meinem kurdischen Bekannten, der nicht mehr in die Türkei durfte, und wider Willen log ich, dass sie für meinen Sohn bestimmt wären, was er nicht glaubte, das konnte ich ihm ansehen. „Ich nix?“ Fragte er, und da holte ich eine, im Flugzeug erstandene, hübsche Gebetskette hervor und übergab sie ihm. Jetzt hatte dieser Kauf seine Bestimmung erhalten, dachte ich. Erstaunt blickte er darauf, erkannte die schöne Arbeit in Blau und Silber und trug sie von nun an, wie ein Amulett, in seiner Hosentasche, um damit rumzuspielen.
Wir relaxten an Deck, wobei wir schon seit längerem vom Stewart, dem stillen, äußerst gut aussehenden Mann, beobachtet wurden. Er war so undurchsichtig, dass Sophia und ich uns keinen Reim auf ihn machen konnten. Bis heute hatte er mit niemandem ein Wort gewechselt, außer meiner beschriebenen Befragung. Ich erinnerte mich jedoch, am Tag des starken Windes mein Buch gesucht zu haben, das ich unter der Matratze gesichert hatte. Es handelte sich dabei um das Kurdenproblem in der Türkei, von Mehdi Sana. Da es in der Türkei verboten war, war mir die Brisanz klar. Jedenfalls fand ich es nach langem Suchen, das er mit seinen Blicken verfolgte, wieder, indem er auf eine Stelle, nahe der Navigation, wies.
„Du lieben Kurden?“ fragte Karim, der plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war, wiederum war mir nicht wohl dabei; fragte aber tapfer zurück: „Weißt du, was mit Kurden passiert, in eurem Land?“ „Die selber Schuld, Türkei freie Land, wir Demokratie haben“, es hörte sich an wie Democrazie, und weiter, „seit Atatürk!“ Seine Antwort duldete keinen Widerspruch, deshalb sagte ich ruhig aber bestimmt: „Demokratie bedeutet für mich, dass ich frei entscheiden kann, wo ich leben will, und überall hin reisen, wonach mir der Sinn steht.“ Da war er wieder, dieser unbestimmte Machtkampf zwischen uns. Unter diesen Umständen sollte er nichts erfahren, von „meinem Kurden“, den ich hier kurz beschreiben möchte:
Tatsächlich hatte ich, aus Istanbul kommend, durch einen früheren Kollegen meines Mannes, in einem Straßencafe, seinen Freund kennen gelernt. Er hieß Ali, war sehr jung, und gewährte mir einen einzigen Blick, ehe er sich verabschiedete. Froher Dinge hatte ich von meinen Erlebnissen aus der Türkei erzählt, denen er aufmerksam lauschte. Zufällig begegneten wir uns einige Zeit später auf einer belebten Einkaufs- Strasse wieder. Wir plauderten belanglos und da er den gleichen Weg hatte, lud ich ihn, ich tat das normalerweise grundsätzlich nicht, in meinen Garten ein. Er war mein erster fremder Gast. Es war ein heißer Sommertag und Ali konnte Reden wie Gianni, nämlich unaufhörlich. Überhaupt erinnerte er mich in seiner Art sehr an meinen Mann, seine grazile Figur tat das übrige dazu. Nun, er sprach nicht nur wie ein Wasserfall, sondern hatte auch wirklich was zu sagen: Schnell stellte sich heraus, dass er durch Asyl deutscher Staatsbürger wurde und natürlich war ich an seiner Lebensgeschichte interessiert, die spannender nicht sein konnte. Menschen haben mich noch nie interessiert, ausschließlich ihre Biographien, und seine war hoch interessant. Wir kochten zusammen und unterhielten uns bis tief in die Nacht. Es zeigte sich, dass er bei einem mir bekannten Italiener zur Miete, in bevorzugter Lage, wohnte, unweit meiner früheren Wohnung. Mein täglicher Weg zum Friedhof führte daran vorbei und so sah ich ihn zufällig kurz darauf, als er gerade sein Fahrrad besteigen wollte. Er lud mich ein, seine Wohnung anzuschauen und ich war angenehm überrascht. So ging das hin und her und nach einigen Wochen der Vertrautheit landeten wir beide unversehens im Bett. Sein Sex war sehr phantasiereich und erschreckend dynamisch – eben jung. Der erste Mann nach meinem geliebten verstorbenen. Eine einschneidende Wende meines Eremitendaseins hatte begonnen. Ich genoss seine nächtelangen Unterhaltungen, zumal mir bewusst wurde, die vergangenen zwei Jahre kaum mit jemand ein privates Wort gewechselt zu haben. Manchmal blieb er, was nicht einfach war, da ich zu diesem Zeitpunkt früh aufstehen und zur Arbeit musste; er dagegen hatte Schicht - auch eine Gemeinsamkeit zu meinem Verstorbenen.
Durch ihn bekam ich Einsicht in die Problematik der Kurden in der Türkei. Heute sind sie zwar eine Nation, ich vergleiche sie jedoch mit den Migranten, die eine deutsche Staatsbürgerschaft übernommen haben. Die Worte meines Mannes fielen mir dabei ein: „Was deutscher Staatsbürger, ich bin stolzer Italiener; mein Herz immer Italiener, egal was steht in Pass.“ So einfach ist es eben nicht mit der Staatsbürgerschaft, auch nicht nach 40-jährigem Leben in Deutschland, das so viele diskriminierende Erlebnisse kannte, und eine Zugehörigkeit nicht aufkommen ließ. In seiner Zeit waren Italiener Spaghettifresser und so wurden sie auch behandelt. Als die Deutschen Spaghetti mit zugehörigem Ambiente lieben lernten, kam der Neid dazu, was die Sache nicht einfacher machte. „Wir haben die Arbeit, und ihr die Sonne“, musste er sich regelmäßig nach Urlaub-ende, sowohl in der Firma als auch von seinen lieben Nachbarn anhören, den mitgebrachten Wein und andere Leckereien wie Käse, Salsicce, Mandorle, gerne in Empfang nehmend. In einem anderen Land bist und bleibst du ausgegrenzt, eben Ausländer. Dennoch lobte er „mein Land“ und „seine Welt-Firma“ bei jeder Gelegenheit, was ich nie verstand und schon gleich gar nicht nachvollziehen konnte.
Zurück auf das Boot. Der Abschied rückte immer näher und es kam der Augenblick, indem Karim die Pässe austeilte. Wir, Sophia und ich, befanden uns im Privatbereich der Crew, die ebenfalls anwesend war und, die Trinkgelder verstauend, zufrieden dreinblickte. Ein letzter Raki sollte unseren Abschiedsschmerz lindern. Als ich an der Reihe war, las Karim laut meinen Namen und Adresse vor. „Die sowieso nicht mehr heiraten“, sagte er in die Menge, „die jetzt Witwenrente genießen.“ In diesem Moment überkam mich ein Gefühl der unendlichen Freiheit. Zum ersten Mal wurde mir meine positive Situation einer Witwe klar. Ich stieg auf die Bank, streckte die Arme aus, gleich einem Vogel, und schrie: „Ich bin frei!“ Im selben Augenblick spürte ich seinen hypnotischen Blick, er legte imaginär ein Gewehr zum Schuss an, und ein unsichtbares Lasso legte sich um meine zum Flug ansetzenden Fesseln. Ich war schlagartig ernüchtert. „Jetzt habe ich alte Boot und alte Frau“, setzte er vor seiner Crew hinzu, und es klang überhaupt nicht diffamierend sondern wie ein Bekenntnis, eine Feststellung; die niemanden erstaunte, außer mich. Um es ihm heimzuzahlen, verlangte ich sein T-Shirt, das voller Maschinenöl und reichlich verschwitzt war. Er verneinte, eine Schmach für mich. Von oben herab fragte er mich vor allen: „Was du machen mit meine T-Shirt, du schlafen damit?“ „Nein“, antwortete ich, „ich Wudu machen.“ Reichlich erbost fragte ich Sophia, woher er denn seine Informationen über mich hätte. Sie sagte, dass er sich bei ihr über mich erkundigt habe.


