- -
- 100%
- +
„Mister, wollen Sie in ihrem Alter nicht reinen Tisch machen und uns sagen, was Sie über die Angelegenheit wissen? Glauben Sie nicht, es ihnen selber schuldig zu sein?“
Ein forscher Appell an die Ehre, den Carl Bernstein an den distinguierten Herrn im eleganten Hausmantel richtete.
Ebenso forsch wie dieser Appell war, so kaltschnäuzig und frech war er auch.
Denn sie konnten dem unbescholtenen Mann ja nicht einmal das Geringste vorwerfen.
Der Fragesteller hatte seinen Fuß in der Tür, der andere, Woodward, setzte sein unschuldigstes Gesicht auf. Es sollte Absolution versprechen für jeden möglichen Frevel, den der Befragte in der Vergangenheit begangen haben könnte und jetzt endlich eingestehen sollte.
Eine mögliche Absolution, die durch nichts anderes autorisiert war, als durch die Arroganz der Journalisten.
„Meine Herren, es gibt nichts in meinem Leben, was ich mir vorzuwerfen hätte. Vor allem nicht die von ihnen unterstellte Vaterschaft - und damit basta“, murrte der Mann, der sie erst gar nicht in seine Wohnung gelassen hatte.
Carl Bernstein nahm schnell seinen Fuß aus der Tür, als sie von dem auf gut Glück beschuldigten Privatier energisch zugedrückt wurde. Pech gehabt.
Es klang ihnen hinreichend glaubhaft, zumal was die Kindszeugung betraf. Trotz der Existenz einiger Hinweise, die auch dafür sprachen. Doch gerade alle diesbezüglichen Indizien waren und blieben mit großen Fragezeichen versehen. Fragezeichen sogar mit Ausrufezeichen kombiniert, wenn es so ein Doppelzeichen denn überhaupt gäbe.
Aber dass der inzwischen über sechzig Jahre alte Mann ihnen über die undurchsichtige Angelegenheit um seinen ehemaligen Zögling, den Senator Freyman, viel mehr hätte berichten können, als er es wollte und es auch tat, davon ließen sie sich nicht abbringen.
Von nichts und niemandem.
Und so beschlossen sie, so lange in dem vermeintlichen Morast weiter zu stochern, bis sie eine plausible Erklärung für alles gefunden hätten. Bis sie, durch stichhaltige Beweise abgesichert, diese Fragen definitiv beantworten könnten:
Wurde bei der Geburt des Senators, der als Dorian Freyman bekannt war, etwas verschleiert?
Und wenn ja, warum wurde es getan und wem nützte es?
Wer war dieser Mann also wirklich?
Rätselhafter Mord in Hendersonville
Hier konnte man nichts mehr machen. Gar nichts mehr. Bereits auf den ersten Blick war ihm das klar geworden. Dazu brauchte man auch gewiss keine besonderen medizinischen Kenntnisse.
Schon der Anblick war so entsetzlich und erschütternd, dass Gregory Delano urplötzlich das scheußliche Gefühl hatte, sein Magen drehe sich gerade um. Während ihn im gleichen Moment ein heftiger Würgereiz plagte.
Der in New York ausgebildete Cop, jetzt Sheriff in Hendersonville, hatte in seinem Leben schon viele Abscheulichkeiten gesehen. Aber was Gregory Delano hier zu Gesicht bekam, das raubte ihm schier die Fassung.
Es schien nicht nur das Ergebnis brutaler Gewalt; es konnte nur der finale Akt einer rasenden Blutrunst gewesen sein. Die Tat eines barbarischen Sadisten, einer wahren Ausgeburt der Hölle.
In diesem ersten, so verstörenden Augenblick ahnte der junge Polizist nicht ansatzweise, in welchem Ausmaß dieses scheußliche Verbrechen bald sein eigenes Leben beeinflussen und durcheinanderwirbeln sollte.
Gregory Delano hatte im Jahr 1926 mit seinen erst einundzwanzig Jahren auf eine vielversprechende Karriere im New Yorker Police Department verzichtet. Stattdessen hatte er, aus ganz persönlichen Gründen, den Posten des Sheriffs in dem kleinen Örtchen Hendersonville in West Virginia übernommen. Im Lauf der Jahre hatte er die Stadt zu einem schon fast beschaulichen Hort der Sicherheit gemacht. Noch nie seit seinem Dienstantritt hatte es eine Bluttat in dieser grausigen Brutalität gegeben.
Jetzt schwor er angesichts des grausigen Anblicks beim Leben seiner Mutter - und gleich auch noch beim Leben seiner Großmutter - den Täter unter allen Umständen schnell zu fassen und zur Rechenschaft zu ziehen.
Das war er seiner Ehre schuldig. Schließlich war er italienischer Abstammung und hatte den Stolz schon mit der Muttermilch eingesogen.
Ich krieg dich - tot oder lebendig! – dieser in leidenschaftlicher Entschlossenheit gefasste Vorsatz war nicht nur ein banaler Schwur, es bedeutete für ihn nichts weniger als ein heiliges Gelübde.
‚Tot oder lebendig‘. In der Aufgebrachtheit des Moments war der zweite Teil der Formel ‚…oder lebendig‘ eine rein theoretische Möglichkeit, die er erst gar nicht ernsthaft in Erwägung zog.
Diesen Eid leistete der sonst eher besonnen und kühl agierende Sheriff nicht nur wegen der verübten Grausamkeit gegenüber dem vor ihm liegenden Opfer. Er tat es vor allem deswegen, weil der Leidtragende kein Unbekannter für ihn war. Der Tote, der so unfassbar barbarisch und schändlich zugerichtet vor ihm lag, war sein langjähriger guter Freund.
Es war John Freyman.
Der ältere Junior, wie ihn manche in Anspielung auf seinen viel jüngeren Bruder Dorian nannten, von dem man nicht so genau wusste, ob er tatsächlich sein Bruder war.
Schon seit ihren frühesten gemeinsamen Kindertagen in New York waren John und er besonders enge Kumpels gewesen. Das hatte seine Gründe. Vertraute, Verbündete waren sie - ungeachtet der Tatsache, dass John zehn Jahre älter war als er. John war sein allerbester Freund gewesen, schon mehr so etwas wie sein eigener Bruder.
Der bohrende Schmerz über den unersetzlichen Verlust eines so nahestehenden Menschen fachte seinen Zorn auf den Mörder an, so wie Sturm einen Steppenbrand.
John Freyman war über all die Jahre seiner Ansässigkeit in Hendersonville zum großzügigen Gönner dieser beschaulichen Stadt geworden. Durch ein ganz besonderes und einzigartiges Zusammenspiel zwischen Topologie und Fauna auf seinem hiesigen ausgedehnten Besitztum hatte er, der schon von Haus aus wohlsituiert war, noch zusätzlich ein gewaltiges Vermögen gemacht.
Gregory Delano wiederum hatte wegen ihm seine aussichtsreiche Zukunft im New Yorker Polizeiapparat aufgegeben und gegen den vakanten Sheriffsposten in Hendersonville eingetauscht. Nur um in der Nähe seines Jugendfreundes John leben zu können.
Jetzt lag dieser Freund, in Rückenlage und in erbärmlich zugerichteten Zustand, vor dem Sheriff auf seinem Bett: mausetot, starr, und bettelarm. All sein bisheriges Eigentum gehörte bereits seinen Erben.
Und das einzige, was ein Toter noch besitzen kann, seine Würde - derer hatte man ihn auch noch beraubt.
An den beiden Handgelenken war John Freyman, mit weit ausgestreckten Armen, an die zwei oberen Bettpfosten gefesselt. Die Fußknöchel waren festgebunden an den zwei unteren. Die abgeschürfte, blutunterlaufene Haut an den Stellen, an denen die dünnen Lederriemen angelegt waren, zeugte von verzweifelten Versuchen, sich zu befreien. Sein wachsgraues Antlitz war versteinert zu einer schmerzverzerrten Totenmaske.
Der Anblick eines solchen Gesichtes, das in der Sekunde des Todes die letzte Pein widerspiegelt, war nicht wirklich neu für den Sheriff.
Der Grund für die unendliche Abscheu, die er für den abartigen Mörder empfand, das war der erbarmungswürdige Zustand des Leibes von John Freyman.
Mit einem langen glatten Schnitt hatte ihm der Täter ab dem letzten Rippenbogen die Bauchdecke aufgeschlitzt, bis hinunter zum Schambein.
Sein Penis samt Hoden lag, in Blut getränkt, wie in jähem Zorn hingeschleudert, am Boden, auf dem Bettvorleger.
Auf der weißen Marmorplatte des Nachttisches befand sich ein blutverschmiertes, übergroßes Messer. Bei einem Pferdemetzger hatte der Sheriff eines in ähnlicher Größe vor einiger Zeit schon einmal gesehen.
Offenbar mit einem in das Blut des Opfers getauchten Finger waren auf die milchig schimmernde Steinplatte undeutlich drei einzelne Worte hingeschmiert.
Erst bei genauerem Hinsehen konnte Sheriff Delano sie schließlich unzweideutig erkennen:
‚tit for tat‘, Zug um Zug.
Das Gedärm und andere Eingeweide waren teilweise aus der gewaltsam gezogenen Körperöffnung herausgequollen. Und mit dem blutverschmierten Messer auf dem Nachtkasten waren sie allem Anschein nach freigelegt worden.
An einigen Stellen sah es so aus, als ob in dem offenliegenden Bauchinhalt herumgewühlt worden sei. Als ob man darin etwas gesucht hätte - oder die Innereien einfach mit kruder Lust durcheinander bringen wollte.
Eindeutig war das nicht erkennbar; hier war dann doch medizinischer Sachverstand vonnöten. Der Arzt, der den Totenschein ausstellt, musste darüber befinden.
Der sollte jetzt ganz schnell kommen, am besten gleich zusammen mit dem Bestatter. Schon krochen im warmen Licht der Morgensonne die ersten, schillernd glänzenden Fliegen im halbgetrockneten Blut auf den Innereien herum.
Gregory wandte sich angeekelt ab.
Er hielt sich die Hand vor den Mund und drückte mit Daumen und Zeigefinger die Nasenflügel gegeneinander. Der penetrante Geruch beginnender Verwesung war nur schwer zu ertragen.
Dennoch trat er rasch noch einmal an seinen verstümmelten Freund heran und drückte ihm als letztmöglichen Freundesdienst die Lider über die weit aufgerissenen Augen.
Gregory schämte sich kein bisschen darüber, dass seine Hände dabei leicht zitterten. Warum sollte er auch?
Es war der sichtbare Ausdruck seines tiefen Mitgefühls für John. Ausdruck auch des Leids, das ihm selber durch den Tod des besten Freundes zugefügt worden war.
Mit einem letzten kurzen Kopfnicken nahm er Abschied vom so eng vertrauten Freund. Seine Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt.
Mit dem schlechten Gefühl, seinen Gefährten jetzt für immer alleine zu lassen, wandte er sich ab und begab sich hinüber zur anderen Seite des Bettes. Dort lag, gleich daneben auf dem Boden, die Gattin seines Freundes. Sie hatte der Mörder immerhin nicht so grausig verstümmelt.
Erst den Tag davor hatte John sie geehelicht. Es war keine gewöhnliche Hochzeit, ein rauschendes Fest war es gewesen. Nicht einmal die Feier zur Aufhebung der Prohibition eine Woche zuvor hatte da mithalten können.
Vor der Trauung hatte Mrs. Freyman noch Sandra Brown geheißen; und alle unverheirateten Männer in Hendersonville hatten sich bis zu diesem amtlich besiegelten Zeitpunkt noch immer Hoffnung auf die Gunst dieser so attraktiven jungen Frau gemacht.
Und nicht nur die unverheirateten, auch eine bemerkenswerte Anzahl der verheirateten Männer in der Stadt spielte mit dem Gedanken, sie für sich zu gewinnen.
So manch einer von ihnen hätte für die schöne Sandra ohne Bedenken seine Frau verlassen – und einige auch trotz ihrer Bedenken.
In Gedanken waren viele Ehemänner in der Stadt ihren angeheirateten Damen wegen Sandra schon längst untreu geworden. Und diese Ausflüge in ihre amourösen Luftschlösser waren auch nicht ganz unverständlich.
Sandra Brown war eine junge Frau, bei deren Anblick man unwillkürlich innehielt. Und das ging nicht nur Männern so, aber denen natürlich ganz besonders. Und Sandra machte das sogenannte starke Geschlecht, was das Verhältnis zu ihr betraf, im Handumdrehen zum schwachen.
Sie verdrehte ihnen völlig den Kopf.
Auch die Frauen verfielen ihr insgeheim, versuchten, ihr nachzueifern. Sie fingen an, das Haar so zu tragen wie sie, ihren Kleidungsstil zu imitieren oder gar ihre Sprechweise nachzuahmen. Vor allem bei jenen Damen, die von der Natur bezüglich ihres Aussehens eher stiefmütterlich bedacht waren, wirkte solch Nachäfferei geradezu peinlich.
Sandra Brown war eine außergewöhnlich attraktive Erscheinung, zu der es in ganz Hendersonville keinerlei Entsprechung gab. Und sicher auch keine, hätte man ein weitaus größeres Umfeld zu solchen Vergleichen mit einbezogen. Und sei es gleich das ganze County.
Ein schönes, ebenmäßiges Gesicht, als hätte es ein Maler nach seinen Idealvorstellungen auf Leinwand gebannt. Kindliche Züge im heranreifenden Antlitz, die in jedem Mann sofort den Beschützerinstinkt wachriefen.
Augen in einem strahlenden Grün, die geheimnisvoll aufzuflammen schienen, wenn sie jemanden ansah. Augen, die den Eindruck vermittelten, sie könne einem damit direkt in die Seele schauen - und die einem gleichzeitig vorgaukelten, Einblick in ihre eigene zu geben.
Eine wohlgeformte Nase, die Haut wie Alabaster. Das engelhafte Angesicht eingerahmt in schulterlanges, ganz leicht gelocktes, hellblondes Haar; mit natürlich eingewebten, fast weißen Strähnen. Im Licht der Sonne loderte diese Haarpracht in einem eigentümlichen Glanz.
Manche ihrer bekennenden Verehrer versicherten in heillosem Überschwang: „Man muss erst in persönlichem Kontakt mit ihr treten und dabei ihre liebenswürdige Natur und ihre menschliche Wesensart kennenlernen, um sie nicht einer ganz anderen Welt zuzuordnen.“
„Ja, da ist schon ein bisschen was dran, trotzdem muss man nicht gleich so übertreiben“, sagten kopfschüttelnd die eher nüchtern denkenden Menschen dazu.
Die von so vielen begehrte vormalige Sandra Brown, mit dem vielgerühmten Engelsgesicht, lag jetzt völlig reglos vor Gregory Delano, halb auf die Seite gedreht; auf dem blutbesudelten Bettvorleger neben ihrer zerwühlten Schlafstatt.
Ihre Augen waren geschlossen. Mit einem Strick um Beine und Bauch war sie an den Fuß an der Stirnseite des Bettes gebunden. Nichts an ihr glich mehr einem überirdischen Wesen aus einer anderen Welt.
Blutverschmiertes Haar hing ihr strähnig und glanzlos ins Gesicht. Nichts darin loderte mehr.
Ihr Nachthemd, halb hochgezogen, über und über beschmutzt durch bräunliche und rötliche Flecken von getrocknetem und halb getrockneten Blut.
Offene, an den Rändern teilweise bereits schwarz-rot verkrustete Wunden an rechtem Arm und Oberschenkel.
Kein schöner Anblick.
Gregory Delano, auch einer dieser bis gestern noch hoffnungsvollen Unverheirateten, sah, dass die Frau eine bedrohliche Menge an Blut verloren haben musste. Auf einen ersten Blick aber konnte er nur am rechten Arm und am rechten Oberschenkel längere Schnittwunden erkennen.
Er kniete sich nieder, beugte sich über sie und legte seinen Handrücken auf ihre Halsschlagader. Es schien noch Leben in ihrem Körper zu sein. Der Puls ging langsam. Er war so flach, dass Delano ihn kaum noch zu spüren vermochte.
Vielleicht konnte ihr noch geholfen werden. Fachkundige Hilfe müsste ihr aber binnen kürzester Zeit zuteilwerden, wenn die Erhaltung dieses Lebens halbwegs Aussicht auf Erfolg haben sollte.
Davon war der erfahrene Polizeimann überzeugt. Der flauschige Vorleger, auf dem Mrs. Freyman ausgestreckt lag, war in seiner ganzen Länge blutdurchtränkt.
Hastig richtete sich der Sheriff auf und drehte sich um. Jetzt ging es um Minuten.
In der Tür zum Schlafgemach stand immer noch Paco, der Hausverwalter und Diener, der ihn am frühen Morgen aus der Stadt geholt hatte.
Der war es auch gewesen, der seine Herrschaften beim Versuch, ihnen das Frühstück ans Bett zu bringen, im jetzigen Zustand vorgefunden hatte. Ein ziemlich zeitiges Frühstück für den Morgen nach einer Hochzeitsnacht.
Aber die Freymans wollten nicht allzu spät aufstehen. Es war eine längere Hochzeitsreise quer durch Europa geplant. Für einen der beiden, für John Freyman, war die geplante Reise schon beendet, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Er hatte bereits seine allerletzte Reise angetreten, ohne Begleitung. Für die andere, für Sandra Freyman, stand das Ende der Reise noch nicht unumstößlich fest.
Noch war das Schicksal dabei, den Fahrplan auszuarbeiten.
„Paco, subito, mach ganz schnell, sag deiner Frau, sie soll rasch einen der Pickups direkt vor die Tür fahren; nein, nicht irgendeinen, sie soll den Chevy nehmen, der hat die größte Ladefläche von allen; und du kommst dann sofort zurück, um mir hier zu helfen. Wir müssen die Lady so schnell wie nur irgend möglich in die Stadt bringen.“
„Sí, Señor Sheriff, ya voy“, murmelte Paco eilfertig, drehte sich auf dem Absatz herum und hastete in einem Tempo die Treppe hinunter, dass seine Sporen nur so schepperten.
Paco trug die versilberten Messingsterne selbstverständlich nur aus Tradition - als Schmuck. John Freyman hätte niemals geduldet, dass er mit diesen stacheligen Dingern eines der Pferde auch nur berührte.
Bald hörte man Paco, wie er die Anweisung des Sheriffs wortreich an seine Frau Carmen weitergab; in seinem schnell und nuschlig herausgequirlten Kastilisch, bei dem nur seine Ehefrau auf Anhieb jedes Wort verstand, weil sie es von ihm seit jeher nicht anders gewöhnt war.
„Pero rápido! Y no lo olvidas: el Chevy!“, rief er ihr noch nach, ehe er selber wieder die breite geschwungene Treppe hochrannte. Wieder erklang der klirrende Wirbel seiner Sporen. An ihrem stakkatoartigen Rhythmus konnte man erkennen, dass auch er es drängend eilig hatte.
Ihm lag sehr am Leben Sandra Freymans. Das Überleben seiner Herrin konnte ihm seinen Job sichern, ihr Ableben aber vielleicht dessen Verlust bescheren.
Neben diesen existenziellen Angelegenheiten bekümmerte den Angestellten zusätzlich eine Frage, und zwar bezüglich einer Beobachtung am Abend zuvor. In Zusammenhang mit dem jetzigen Zustand seiner Arbeitgeber erachtete er sie selber alles in allem für möglicherweise sehr wichtig.
Aber er war sich wiederum nicht sicher, ob er seine Wahrnehmung vom Abend zuvor dem Sheriff anvertrauen, oder sie lieber für sich behalten solle.
Gregory Delano hatte inzwischen Sandra Freyman, die gestern noch Sandra Brown hieß, vom Fuß des Bettes losgebunden. Er fasste sie an den Schultern vorsichtig unter die Arme, während er Paco mit einer Kopfbewegung bedeutete, sie an den Füßen hoch zu nehmen.
Dann trugen die zwei Männer, so vorsichtig wie möglich, den Körper der bewusstlosen Frau Stufe für Stufe die Treppe hinunter; hinüber zur offen stehenden Eingangstür bis hin an den bereitstehenden Lieferwagen.
Begierig atmete der Sheriff die frische Luft des jungen Morgens in seine Lungen. Nach dem Aufenthalt im Zimmer mit John Freymans Leichnam wirkte der Sauerstoff auf ihn wie ein belebendes Elixier.
Der Motor des Chevrolets tuckerte bereits brummelnd im Leerlauf und Pacos Frau wartete breitbeinig auf der Ladefläche stehend, um den zwei Männern beim Hochhieven ihrer Herrin zu helfen.
Bevor sie den Wagen dicht vor die Türe rangiert hatte, musste sie noch schnell mehrere Arme voll Heu auf die hölzerne Pritsche geworfen haben, damit man die Verletzte für den Transport so schonend wie möglich betten konnte.
Gregory Delano nickte ihr anerkennend zu, als er es bemerkte. Carmen errötete vor Stolz.
Nachdem der Oberkörper von Sandra Freyman auf den Wagen gebettet war, schwang sich auch der Sheriff hinauf. Mit größter Vorsicht zog er, zusammen mit Carmen, die Bewusstlose so tief auf die Ladefläche hinein, dass Paco die hintere Bordwand schließen konnte.
Der schwarzgraue Dienstwagen des Sheriffs und die alte viertürige Ford Limousine, mit der Paco in die Stadt gefahren war, um Delano zu benachrichtigen, standen immer noch mitten auf dem Weg. Hastig und achtlos hatte man sie stehengelassen, zwischen dem Haupthaus, den Pferdeställen und dem weit offen stehenden Haupttor.
Ohne dass man ihn dazu auffordern musste, sprang Paco nach vorne, riss die Tür des Pickup auf und schwang sich auf den Fahrersitz. Noch bevor er das Kupplungspedal ganz durchgetreten hatte, stieß er den Ganghebel nach vorne. Krachend schoben sich die Zahnräder ins Getriebe.
Der Motor heulte auf, als Paco Mendez das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrückte und auf das große, offen stehende Portal zusteuerte.
Im scharfen Slalom, nur knapp zwischen den beiden anderen Wagen hindurch. Vorbei an den alten Eichenbäumen auf den schmalen, ungeteerten Weg hinaus, der entlang des Flusses zur Stadt führte.
Maria Vargas, die chilenische Köchin, saß - schon seit sie die niederschmetternde Nachricht vom Tod ihres Lieblings bekommen hatte - tief gebeugt neben dem Tor auf dem Brunnenrand und lamentierte unablässig vor sich hin.
Die zwei polnischen Stallknechte standen belämmert in ihrer Nähe herum und konnten kaum fassen, was sie ihnen gerade vorher erzählt hatte. Dem Hausmädchen hatte man bisher noch nichts gesagt.
„Yah, vamos, yah, ho, ho, ho…” Paco gebärdete sich, als säße er auf einem Kutschbock und müsse die vorgespannten Pferde zu höherem Tempo anfeuern. Als ginge es nicht um die schwer verletzte Frau hinten auf dem Wagen, sondern um sein eigenes Leben.
Gregory Delano hatte inzwischen Mrs. Freyman schützend in seinen rechten Arm genommen, um sie notdürftig festzuhalten; mit dem anderen klammerte er sich selber an der Seitenwand fest. Durch Pacos rasante Fahrt und das damit einhergehende heftige Schaukeln des Wagens rutschten die Beine der drei Mitfahrer auf der Ladefläche immer wieder von einer Seite zur anderen. Carmen hielt sich mit einer Hand an der Bordwand hinter der Fahrerkabine fest, während sie mit der anderen versuchte, wegdriftende Heubüschel wieder unter die Verletzte zu stopfen.
„Adónde vamos?“, schrie Paco mit einem schnellen Blick durch das Rückfenster, als sie in die Nähe der Abzweigung an der Brücke kamen, über die man von Hendersonville nach Charleston gelangte, der Hauptstadt des Staates West Virginia. Nur, um sich zu vergewissern - oder auch nur, um etwas gesagt zu haben.
„Zu Doktor Smirnow, in die Stadt - vor der Poststation!“, rief Gregory Delano kopfschüttelnd nach vorne ins Fahrerhaus hinein, „wohin denn sonst?“
„Bueno, esta claro“, erwiderte Paco, ohne nochmals den Kopf nach hinten zu wenden.
Er ärgerte sich, überhaupt gefragt zu haben. Aber es hätte ja auch sein können, dass der Sheriff mit der verletzten Frau in das weiter entfernte Bluefield wollte, wo es mehr als einen Arzt gab und sogar ein richtiges Krankenhaus.
Oder gleich weiter in die Hauptstadt des Countys, nach Charleston. Dort wäre die Versorgung seiner Herrin sicher die allerbeste gewesen. In diesem Fall hätte er dann an der alten Holzbrücke erst einmal nach links, Richtung Princeton, abbiegen müssen, statt nach rechts, wo die Straße nach Hendersonville hinein führte.
Und dann hätte er einmal auf dem neuen State Highway mal den Wagen so richtig laufen lassen können. Was schon immer sein Wunsch gewesen war, der sich auch heute nicht erfüllen sollte.
Na gut, in diesen anderen Fällen wäre der Weg schon erheblich weiter gewesen, vor allem nach Charleston. Der Sheriff wusste sicher genau, was das Beste für seine schwer verletzte Arbeitgeberin war.
Und wenn er die heftige Rumpelei auf seinem weich gepolsterten Sitz in Betracht zog, dann konnte er sich umso besser vorstellen, wie übel es hinten auf der harten Ladefläche für seine Mitfahrer zugehen mochte. Das war kaum zumutbar für eine längere Fahrt.
Ja, nach Hendersonville, zu dem russischen Arzt, das war wohl wirklich die vielversprechendste Adresse für das Überleben seiner Herrin. Der Sheriff hatte wohl Recht.
Es war Pacos Art, die Entscheidungen anderer auch zu seinen eigenen zu machen. Damit war er immer gut gefahren, es vereinfachte sein Leben immens. Klarer Widerspruch, oder sonst eine eigene Meinung zu haben, war ihm qua Geburt als Mexikaner in diesem Land der weißen Herren ohnehin verwehrt. Diese Erfahrung hatte er gemacht.
In diesem Land gemacht, das sich als ‚Erfinder der Menschenrechte‘ sieht, wie er es öfter bei Treffen unter Gleichgesinnten vorbrachte. ‚Sie sagen Menschen, meinen aber nur vermögende Gringos‘, warf er in solchen Diskussionen schon mal abschätzig ein.
Opportunismus mag für einen freien, unabhängigen Menschen eine abzulehnende Charaktereigenschaft sein. Einem in die Abhängigkeit hineingeborenen Menschen muss man sie aber als oft einzig mögliches Mittel zur Verbesserung seiner Lebensumstände zugestehen.
Die wilde Fahrt ging weiter.
Pacos rechter Fuß verharrte bleiern auf dem Gaspedal. Der Wagen schaukelte hin und her, schleuderte hin und wieder ganz leicht. Aber Paco hielt ihn mit beachtlichem Geschick in der Spur.
Gregory Delano war inzwischen hin und hergerissen zwischen dem Gedanken an die zügige Aufklärung des Falles, dem Gesetz zur Genüge, zur eigenen Ehre und zu Ehren des Freundes einerseits. Und andererseits dem Gedanken an eine Möglichkeit, die sich gerade vor ihm auftat. Ein Gedanke, der sich gerade verschämt in sein Gehirn einnistete.
Nämlich die durch den überraschenden Mord jetzt verwitwete Sandra Freyman zu ehelichen - nach einer gewissen Anstands- oder Schamfrist natürlich, und vorausgesetzt, sie würde ihre Verletzungen überleben.




