- -
- 100%
- +
Diese Dame war plötzlich von der vorher lediglich wunderschönen und jungen Frau jetzt noch zusätzlich um ein riesiges Vermögen aufgewertet worden. Und genau dieses Wesen lag jetzt hilflos und völlig unerwartet in seinem Arm, auf seine Fürsorge angewiesen.
Sogleich schämte der Sheriff sich über das Hochkommen solch unredlicher Gedanken und versuchte, sie gleich wieder aus seinem Kopf zu jagen. Was sein Freund John wohl zu solchem Ansinnen gesagt hätte? Oder die eigene Familie, oder die von John? Die Freymans waren ja immer noch fast vollzählig hier in Hendersonville. Außer dem jungen Dorian, der Prüfungstermine in der Schule hatte, und daher nicht zu der Hochzeit angereist war.
Eigentlich waren die Mitglieder der Familie Freyman, die er als gern gesehener Hausfreund alle bestens kannte, gekommen, um ausgelassen zu feiern und John heute zur Hochzeitsreise zu verabschieden.
Siedend heiß fiel ihm ein, dass er ihnen die niederschmetternde Botschaft von Johns Tod überbringen musste.
Er hätte viel dafür gegeben, wenn jemand dazu bereit gewesen wäre, ihm diese traurige Pflicht abzunehmen.
Um nicht an diese unangenehme Aufgabe denken zu müssen, konzentrierte Delano sich auf den Fall. Johns Mörder musste nun gefunden werden. Das war jetzt seine erste und dringlichste Aufgabe.
Gregory Delano forderte das angesichts seiner vorherigen gedanklichen Abschweifungen jetzt wieder selber von sich ein und erinnerte sich an seinen Schwur. Er beruhigte damit das aufkeimende schlechte Gewissen wegen seiner vorherigen Gedankenspiele - um dann doch gleich wieder Überlegungen anzustellen, wie hoch wohl das gesamte Vermögen sein könnte, welches Sandra nach dem Tod seines Freundes John zustehen mochte.
Letztendlich, ganz Detektiv, begann er sich jetzt aber doch vor allem zu fragen, wer denn Interesse an Johns Tod haben konnte. Das war immer der erste Ansatz seiner bisherigen Ermittlungen gewesen, der ihm schon in New York so oft zum Erfolg verholfen hatte.
Und jetzt musste es klarerweise primär um die Aufklärung dieser entsetzlichen Schandtat gehen. Alle anderen Überlegungen durften nur nachrangig sein. Sogar mit großem Abstand nachrangig.
Eines konnte der Sheriff den bisher bekannten Umständen nach und auch aus seiner Erfahrung heraus nahezu sicher schon jetzt ausschließen: Raubmord.
Die massiv silbernen Kerzenständer auf den Konsolen im Schlafzimmer waren noch dagestanden, die drei sehr bekannten und teuren Ölgemälde alter europäischer Meister, die vor allem, hingen unberührt an der Wand des Vestibüls. Die Kanadische Nationalgalerie in Ottawa hatte schon mehrmals eine beträchtliche Summe für dieses Konvolut geboten. Zweimal war ein Kurator des Museums angereist, um John Angebote zu machen. Alle Gazetten im Land hatten jedes Mal groß damit aufgemacht.
Eine professionelle Bande hätte das im Auge gehabt und sich diese fette Beute ganz sicher nicht entgehen lassen.
Die Hehler in sämtlichen Staaten der USA warteten nur darauf, diese auch von vielen weniger seriösen Sammlern begehrten Gemälde unter der Hand bei skrupellosen Kunstliebhabern an den Mann zu bringen.
Ein risikoloses Geschäft wäre das, denn der Käufer könnte die Bilder niemals öffentlich zeigen.
Nur am Besitz dürfte er sich erfreuen. Daher gäbe es auch nie eine Verbindung zwischen Hehler und Stehler.
„Nein, es wäre sicher verlorene Zeit, eine Bande zu verdächtigen und ihr auf die Spur kommen zu wollen, es muss in jedem Fall ein Einzeltäter gewesen sein. Vielleicht hatte er aber einen Helfer“, brummelte der Sheriff nach einiger Überlegung vor sich hin, während Carmen vergeblich versuchte, dieses Gemurmel zu entschlüsseln.
Einzeltäter mit Helfer? Oder Helferin? Schon möglich.
Da gab es ein Pärchen, das in Frage kam. Aber eigentlich auch wieder nicht. Noch viel weniger als mit dem Vorgehen einer Bande hatte die Tat irgendeine Ähnlichkeit mit der Handschrift von Clyde Barrow, der laut den aktuellen Meldungen der Tageszeitungen mit Bonnie Parker gerade weiter westlich im Land sein Unwesen trieb. Die zwei legten immer lange Strecken mit dem Automobil zurück, und hätten sich daher gut und gerne auch in diese Gegend verirrt haben können.
Allerdings: die beiden töteten nicht aus schierer Mordlust, wie es hier scheinbar der Fall war, sondern um sich nach einem Raub den Fluchtweg frei zu machen.
Das Pärchen hatte bis dato dazu auch ausschließlich Handfeuerwaffen benutzt, niemals Messer. Und der neue Ford V8, mit dem sie seit neuestem unterwegs waren, wäre im Ort sicher sofort aufgefallen, auch ihm selbst. Bonnie und Clyde? Nein, und nochmals nein.
Hieran einen weiteren Gedanken zu verschwenden, erübrigte sich also auch.
In diesen unsicheren Zeiten war aber nicht nur dieses landesweit bekannte, schon fast zu Helden stilisierte Kriminellen-Duo unterwegs.
Eine beunruhigend hohe Anzahl der vielen Arbeitslosen aufgrund der Großen Depression glaubte ebenfalls, sich nur durch Verbrechen über Wasser halten zu können.
Immerhin, hier in diesem Staat hielt sich die Kriminalität immer noch in Grenzen. Vielleicht weil West Virginia schon immer einer der ärmeren Staaten in der Föderation war und die Leute hier seit jeher an eine kargere Lebensweise gewöhnt waren.
Auch Hendersonville war alles andere als ein Eldorado, wenn auch einige erfolgreiche Züchter es zu größerem Vermögen gebracht hatten und ihre großzügigen Anwesen das auch deutlich sichtbar machten.
Aber in den Häusern der durchschnittlichen Einkommensbezieher gab es kaum Sachen von Wert zu holen. Und die wenigen Häuser der Wohlhabenden waren durch Sicherheitseinrichtungen bestens geschützt.
Eigentlich galt das auch für John Freymans Domizil.
Schon merkwürdig, dass der Täter so unbehelligt in das Haus kommen konnte.
Delano nahm sich jedenfalls vor, auch die Angestellten auf dem Anwesen genauestens unter die Lupe zu nehmen.
Paco Mendez war zwar nicht als gewalttätig bekannt, aber aus seinen Ansichten über die Ungerechtigkeit der ‚Gringos‘ machte er kein Geheimnis. Und die polnischen Stallburschen? Stille und fleißige Arbeiter. Aber wie man so sagt: stille Wasser gründen oft tief.
Ein heftiger, nicht beigelegter Streit also zwischen einem der Angestellten und dem Patron? Aufgestauter Hass?
Dann grausame Rache?
Diese Möglichkeit musste man jedenfalls in Betracht ziehen.
Kleinkriminelle Räuber kamen ja auch kaum in Frage: Johns goldener Ring mit zwei hochkarätigen Brillanten steckte noch an seinem Finger. Seine massiv goldene Armbanduhr lag immer noch auf dem Nachttischchen, wo er sie nachts immer abzulegen pflegte. Nur mit ein paar Blutspritzern befleckt hatte Delano sie vorgefunden. Für den Wert von edlen Uhren und Schmuck hatte auch die zweite Garnitur der Verbrecher ein sicheres Auge.
Mochten vielleicht auch bisher noch unbekannte Wertgegenstände fehlen, was noch zu ermitteln wäre; eines vor allem passte nie und nimmer zu einem Raubmord: die bestialische Art, in der John Freyman zu Tode gebracht wurde.
Hat das Schlachtermesser eine besondere Bedeutung, welches Gregory Delano in ähnlicher Form schon bei einem Pferdemetzger gesehen hatte?
War es überhaupt ein Schlachtermesser? Es konnte genauso gut ein großes Küchenmesser sein, wie sie auch in anderen herrschaftlichen Küchen Anwendung fanden. Dies musste erst geklärt werden.
John hatte ein Vermögen mit seinen schnellen Pferden gemacht. Nicht alle gönnten ihm den Erfolg. Wollte ihn also ein neidischer Konkurrent ausschalten?
John hatte sich nicht nur Freunde gemacht mit seiner prosperierenden Pferdezucht, mittlerweile nationübergreifend beachtet und mit vielen Preisen bedacht.
Vor einer Woche hatte es eine lautstarke Auseinandersetzung im Foyer des Grand Hotels mit Warren Harms gegeben. Der war einer von Johns langjährigen Konkurrenten - und als jähzornig bekannt.
Gregory Delano war dieser streitsüchtige Harms, ständig finster dreinblickend und bei jeder Gelegenheit lospolternd, noch nie sonderlich sympathisch gewesen. Aber so eine scheußliche Tat traute er ihm einfach nicht zu.
Nein, das konnte nicht sein.
Der Sheriff fand einfach keinen einzigen überzeugenden Anhaltspunkt, der ihn schnell auf eine erfolgversprechende Fährte geführt hätte. Also spannte er den Bogen weiter.
Zu Beginn seiner Aktivitäten als Züchter hatte John viel Geld auf seine eigenen, schnellen Pferde gesetzt. Die waren vor den ersten Rennen noch völlig unbekannt gewesen und liefen daher anfangs immer als krasse Außenseiter.
Nur John und seine engsten Vertrauten rund um das Gestüt wussten von ihrer außergewöhnlichen Schnelligkeit.
Seine hohen Summen auf den Sieg dieser Neulinge bei den Galoppern brach so manchem Betreiber von Wettbüros finanziell das Genick.
Manche von ihnen hatten nach ihrem Ruin sogar in aller Öffentlichkeit Rache dafür geschworen. Einige hatten sich in der ersten Erregung sogar dazu hinreißen lassen, damit zu drohen, ihn umzubringen.
Aber selbst finanzieller Ruin konnte einfach nicht der Grund dafür sein, John gleich in einer derartigen Raserei die Gedärme aus dem Leib zu reißen. Oder etwa doch?
Carmen Mendez riss Delano aus seinen Überlegungen, indem sie sich besorgt zu Wort meldete: „Mister Sheriff, wird Missi wieder gesund? Wird Missi weiterleben?“
Sie schaute dabei abwechselnd von der Verletzten zum Sheriff und wieder zu ihrer Herrin, deren Schenkel jetzt wieder anfing, leicht zu bluten.
Paco hatte ihr bereits, noch bevor er in höchster Eile in die Stadt gefahren war, um den Sheriff zu holen, die Angst um ihrer beider Jobs mit seinen schwarzmalerischen Bemerkungen in hoher Dosis eingeimpft.
Gregory Delano hatte Sandra Freyman inzwischen ebenso ausgiebig wie fachmännisch beschaut und Verletzungen und Blutverlust mit dem Blick seiner fast zehn Jahre andauernden Erfahrung abgeschätzt.
Leicht genervt wegen des rüden Fahrstils ihres Mannes antwortete er auf Carmens Frage.
„Wenn dein Mann uns mit seiner Fahrweise nicht alle umbringt, dann hat sie vielleicht Chancen.“
Carmen musste erst eine Weile überlegen, was er denn mit dieser Aussage meinte.
Der Unmut in Gregory Delanos Stimme war ihr nicht entgangen. Warum aber sollte der immer so gutmütige Paco sie alle umbringen wollen? Das verstand sie einfach nicht. Dafür hatte er doch keinerlei Grund?
Gut, öfter war er aufbrausend, manchmal gar gemein ihr gegenüber, aber richtig bösartig war Paco nie gewesen.
Nach einigem Grübeln dämmerte es ihr schließlich, was der knurrige Sheriff mit seiner Aussage gemeint hatte. Sie reagierte umgehend darauf.
„Paco, mach vorsichtig, fahr doch nicht so schnell“, rief sie nach vorne ins Fahrerhaus.
Auch sie war darauf konditioniert, jeden, der eine hellere Haut hatte, als sie selbst, als natürlichen Befehlsgeber zu sehen. Und der jetzt von ihr erkannte Sarkasmus zählte für sie zu einer Art Befehl, dem Folge zu leisten war.
„Keine Sorge, Carmencita! Hab‘ alles im Griff. Ich pass schon auf. Ich werde aber trotzdem das Gas etwas zurücknehmen“, beruhigte sie ihr Ehemann.
Paco dachte gar nicht daran, langsamer zu fahren.
Im Gegensatz zu Gregory Delano, der inzwischen überzeugt war, Sandra Freyman sei nicht ganz so schwer verletzt, dachte Paco immer noch, sie wäre dem Sterben näher als dem Leben und könne nur durch schnellsten Transport zum Arzt noch gerettet werden.
Außerdem hatte er doch die letzten zwei Jahre hintereinander das örtliche Geschicklichkeitsfahren der Chauffeure gewonnen; jeweils als schnellster und ohne einen einzigen Strafpunkt war er ins Ziel gekommen. Dieses Rennen fand immer beim neuerdings eingeführten jährlichen Autocorso zu Ehren des Stadtgründers Clark Henderson statt.
Einer der Söhne von Henderson, der ältere, Vincent Henderson, hielt dabei die erste von etlichen salbungsvollen Reden. Die Honoratioren der Stadt führten hinterher stolz ihre neuesten, auf Hochglanz polierten und mit Blumen geschmückten Automobile vor.
Ihre Angestellten und deren Freunde durften an diesem Tag mit den älteren Karren aus den Vorjahren ihre Geschicklichkeit auf einem mit zahlreichen bunten Wimpeln abgesteckten Terrain beweisen.
Von Pacos Siegen wusste natürlich auch Sheriff Delano, und so ließ er ihn in seiner Hatz gewähren, auch wenn er und Carmen alle Hände voll zu tun hatten, sich selbst, und vor allem auch die verletzte Sandra Freyman, in ihrer jeweiligen Position einigermaßen festzuhalten.
„Ist es so besser?“, schrie Paco seine Frage nach hinten, ohne dass er den Fuß auch nur um ein Jota vom Gaspedal genommen hätte.
„Ja, ist schon besser, nicht viel, aber wenigstens werden wir jetzt nicht mehr gar so arg durchgeschüttelt“, rief Carmen ihm über die Schulter zurück.
Paco grinste in sich hinein. Ihm war klar, dass sie der Suggestion erlegen war, bei der die nur scheinbare Veränderung einer Eigenschaft das gleiche Gefühl einer Auswirkung hervorruft wie eine tatsächliche Änderung. Ein Placebo-Effekt, den der sonst grundehrliche Paco bei vielen möglichen Gelegenheiten nutze, um anderen zu seinem eigenen kleinen Vorteil etwas vorzutäuschen.
Die scharfe Rechtskurve an der Brücke über den Beaver Creek war die letzte und auch die größte Herausforderung an Pacos Fahrkünste. Das rechte Hinterrad hob sich bedrohlich von der Straße ab, als er im Karacho in die Straße zur Stadt einbog.
Die zwei auf der Ladefläche hatten dabei alle Mühe, sich und die bewusstlose Frau festzuhalten.
Das Gewicht des Wagens schob die beinahe quer gestellten Vorderräder fast ganz hinüber an das Bankett der anderen Fahrbahnseite. Der Reifengummi des linken Vorderrades drückte, halb platt gepresst, gegen die innere Felgenschulter und war kurz davor, vom Rad zu rutschen.
Mit einem schnellen Schlenker am Steuer und sofortiger Korrektur wieder in die vorherige Richtung brachte Paco den Wagen im letzten Augenblick zurück in die Spur.
Hinter der Reihe von Büschen am linken Straßenrand konnte man jetzt sehen, wie sich Fetzen einer dunklen Rauchfahne zum Boden niedersenkte. Andere Teile dieser schwarzen Wolke führte ein leichter Wind mit in die Höhe hinauf und zog sie dort zu dünnen Schwaden auseinander.
Der gerade einfahrende Frühzug aus New York gab seine spezifischen Rauchzeichen ab.
Während der Lokführer damit begann, sein Tempo bei der Einfahrt nach Hendersonville langsam zu drosseln, hielt Paco den Druck aufs Gaspedal unverändert an.
Als sie die ersten Häuser von Hendersonville erreichten, schlug die Uhr am Giebel der City Hall gerade neun. Jetzt erst nahm Paco den Fuß etwas vom Gaspedal, schaltete hastig einen Gang herunter. Aber erst auf den letzten Meter vor dem Haus des Arztes bremste er den Wagen vollständig ab.
Doktor Igor Smirnow bewohnte eines der Häuser in der Main Street, zwei Blocks vom Hauptplatz entfernt. Genauer gesagt, das Eckhaus, vor dem die Derby Street rechts abging und im weiten, halbkreisförmigen Bogen um die neue Post-Station herumführte.
Er war etwas ungehalten, als er das ungestüme Klopfen an seiner Tür hörte. Für sein Empfinden eine unangenehme, viel zu frühe Störung, während er sich noch seinem Frühstück hingab. Und das war ihm heilig.
Er ließ sich jeden Morgen von seiner Haushälterin ein exquisites Gedeck kredenzen. Er verlangte es in einer Weise angerichtet, dass es auch eines Zaren würdig gewesen wäre.
Um diese unchristliche Zeit für Patientenbesuche pflegte er nach seinem mit Kaviar gefüllten Bliný noch in aller Ruhe eine zweite Tasse Schwarztee einzunehmen.
Und auf dem Schild an der Tür stand schließlich für jeden deutlich lesbar, dass seine Sprechstunde erst ab zehn Uhr begänne. Sein Gesicht drückte den Widerwillen über die Belästigung deutlich aus, als er vor die Tür trat.
Mit nur einem einzigen Blick erkannte er aber, dass es nicht um eine übliche Konsultation ging, sondern um einen dringenden Notfall.
In der blutüberströmten Verletzten glaubte er bei näherem Hinsehen überdies Sandra Brown zu erkennen, jetzt die Frau von John Freyman.
Sein Gesicht verdüsterte sich noch mehr.
Aber keineswegs wegen der Erkenntnis, dass sein Frühstück damit nicht nur unterbrochen, sondern nun definitiv vorbei sei. Das war ihm schon auf den ersten Blick klargeworden.
Nein, die Ursache war seine tiefe Betroffenheit und die große Besorgnis um den offenbar sehr schlechten Zustand der mit Blut verschmierten Patientin.
Dr. Smirnow war Arzt mit Leib und Seele.
„Dawai, dawai, bringt sie herein, legt sie im Nebenzimmer auf die Liege, macht schnell!“, ordnete er in einem reichlich forsch klingenden Ton an.
Dabei drückte seine rau fordernde Stimme nur die empfundene Anteilnahme aus. Man nahm sie nur deshalb als so resolut, fast unfreundlich, wahr, weil der härtere Klang seiner russischen Muttersprache seinem Englisch nach wie vor maßgeblich den Stempel aufdrückte.
Einige wenige Passanten, die um diese Zeit schon auf der Straße unterwegs waren, standen mittlerweile neugierig um den Lieferwagen postiert und wollten sehen, wer hier angekarrt wurde.
In dem jämmerlichen Zustand, in dem sich Sandra Freyman befand, konnte sie jedoch keiner der schaulustigen Gaffer erkennen. Ihr blutverschmiertes blondes Haar hing jetzt in Strähnen über ihr in der Stadt allgemein als ‚engelsgleich‘ bezeichnetem Gesicht und verdeckte es beinahe völlig.
„Kannst du uns nicht helfen, Igor?“, rief der Sheriff, als er sah, dass der Doktor zurück ins Haus gegangen war und sich anschickte, seinen Arztkoffer zu öffnen, um die benötigten Instrumente daraus hervorzuholen.
Der Sheriff und der Arzt kannten sich seit Jahren und sie waren auch bestens befreundet. Gregory hatte Doktor Smirnow immer mit den Worten seines Landsmannes Tolstoi aufgezogen.
Der nämlich hatte in einigen seiner Bücher die von ihm offensichtlich nicht so hoch geschätzte Kunst der Ärzteschaft immer wieder süffisant aufs Korn genommen. ‚Trotz aller Bemühungen der Ärzte wurde Iwan wieder gesund‘, flocht er zum Beispiel in beißendem Spott in den Text eines seiner Romane. In einigen anderen Schriften formulierte er es nicht ganz so bissig, der süffisante Tenor war aber stets der gleiche. Gregory Delano hatte diese Formulierung, wenn sich während ihrer häufigen Unterhaltungen oder einer der sporadischen Konsultationen die Gelegenheit ergab, dann immer umgemünzt in den frotzelnden Satz:
‚Trotz aller ärztlichen Bemühungen des Igor wurde Gregory schnell wieder gesund‘.
Dr. Igor Smirnow hatte ihm darauf regelmäßig mit einem gutmütigen Brummeln und einem mittelkräftigen Knuff an die Schulter geantwortet.
Zu Späßchen dieser Art war ihnen in der jetzigen Situation aber absolut nicht zumute.
„Ach ja, natürlich, warte kurz, ich komm schon“, rief Doktor Smirnow auf die Frage Gregory Delanos zurück, und schob seinen Koffer schnell wieder von sich weg.
Er knöpfte eilig seinen Kittel zu und eilte hinaus zu den Männern am Wagen vor der Tür.
„Jetzt geht doch mal zur Seite!“, fuhr der Sheriff die mehr als zehn Leute an, die sich mittlerweile am Wagen eingefunden hatten und sich den angespannten Akteuren in den Weg drängten. Widerwillig wichen sie zurück und machten dem Arzt und seinen beiden Helfern Platz.
„Wer ist die Frau denn, Sheriff?“, fragte einer der Umstehenden. Gregory Delano beachtete ihn gar nicht weiter, schüttelte nur verständnislos den Kopf.
Gemeinsam hoben die drei Männer Mrs. Freyman vom Wagen und verbrachten sie behutsam in das Behandlungszimmer. Dort legten sie die Verletzte, die jetzt wieder stark aus dem Oberschenkel blutete, auf die Patientenliege.
Carmen Mendez blieb auf der hinteren Kante der Ladepritsche sitzen und betete jetzt unablässig vor sich hin. Verschämt die Hände gefaltet, still - nur ihre Lippen bewegten sich im Takt der Strophen: ein Vaterunser für Sandra Brown, eines für Sandra Freyman, und zwei für den Erhalt ihrer Arbeitsstelle.
Und dann wieder von vorne.
Zu allererst kümmerte sich der Arzt um die blutende Wunde. Jeder weitere Blutverlust könnte Mrs. Freyman dem Tod ein Stück näher bringen.
Fachgerecht und in geübter Routine legte der Doktor Verbandszeug an.
„Sie kann es überleben - vielleicht“, sagte Dr. Smirnow zu Gregory gewendet, nachdem er Sandra an der Halsschlagader den Puls gefühlt, andere relevante Stellen am Körper abgetastet und eine Weile den frisch verbundenen Oberschenkel und den blutverkrusteten Arm taxiert hatte.
„Neben den Schnittwunden, die mir gar nicht gefallen, scheint sie keine anderen Verletzungen zu haben, vor allem keine inneren.
Aber der Blutverlust war erheblich - und wenn sich die Blutung nicht bald stoppen lässt…“
Er sprach nicht weiter, ließ das Ende des Satzes offen.
Der frische Verband hatte sich schon wieder leicht rot gefärbt. Der Doktor bedeutete Paco Mendez, den Behandlungsraum zu verlassen, bevor er Mrs. Freyman das leichte Nachthemd noch weiter nach oben schob, bis hinauf an die Hüfte, um sich der Wunde an ihrem Oberschenkel noch einmal gründlich annehmen zu können.
Indessen beauftragte der Sheriff den Verwalter, der sich schon zum Gehen gewandt hatte, den Leichenbestatter aufzusuchen und John Freyman so schnell wie nur irgend möglich aus dem Landhaus abholen zu lassen.
Paco drehte sich in der Tür nochmal um und bestätigte kurz seinen Auftrag, bevor er das Behandlungszimmer verließ. Kaum draußen auf der Straße, gab er die Anordnung umgehend und im gleichen Wortlaut an seine Frau weiter, die immer noch auf der Ladefläche des Pickups hockte.
Nachdem er Carmen noch schnell erklärt hatte, wo der Bestatter zu finden sei, steuerte er direkt und ohne Umschweife auf den Saloon zu, der nur zwei Häuser weiter auf der gleichen Straßenseite lag, um sich dort einen Drink zu genehmigen, oder auch zwei.
Er fand, den habe er sich nach all der Aufregung an diesem Morgen redlich verdient.
An der Theke angelangt bestellte er sich gleich einen doppelten Brandy. Als er den in sich hineingeschüttet hatte, fing er auch schon an, sich mit seinen brühwarmen Neuigkeiten beim Barkeeper und den noch wenigen anderen Gästen im Lokal wichtig zu machen. Jedem erzählte er, was er wusste, ob der es wollte oder nicht.
Georgios Asterion, in Personalunion Herausgeber, Chefredakteur und Bote des ‚Hendersonville Chronicle‘, der gerade dabei war, in der Bar sein Frühstück einzunehmen, hörte ihm aufmerksam zu. Als er vernahm, dass noch immer Lebensgefahr für Mrs. Freyman bestand, beschloss er, so lange zu warten, bis der Sheriff wieder im Büro war.
Erst dann wollte er ihn für ein Interview aufsuchen.
Asterion, von manchen scherzhaft ‚El Greco‘ genannt, erst in zweiter Generation in den USA, war zwar durch und durch Journalist, der mit dem virtuosen Umgang der Sprache seines neuen Heimatlandes die Bürger von Hendersonville begeisterte, aber in erster Linie war er Mensch.
Carmen rannte inzwischen eiligst die Hauptstraße hinunter. So wie es ihr aufgetragen war. Kurz vor den Koppeln hielt sie an. Dort, wo Carl Simpson, etwas abseitig vom Zentrum, seine Werkstatt und seinen Laden hatte.
Die selbst gezimmerten Särge mit den schön geschnitzten Applikationen waren im Verkaufsraum ausgestellt. Einige der prächtigsten Exemplare konnte man auch schon von außen durch das große Schaufenster bewundern.
Simpson war ein geachteter Bürger der Stadt - zu tun haben wollte man mit ihm allerdings so wenig wie nur irgend möglich. Das hatte nichts mit ihm persönlich zu tun. Ganz im Gegenteil. Man konnte seinen Särgen ansehen, mit welcher Hingabe und Respekt vor den Toten er sie fertigte.
Aber sein eigenes, ebenso natürliches wie unausweichliches Ende wollte man dann doch lieber verdrängen und gefälligst nicht daran erinnert werden. Da war man froh, dass er sein düsteres Geschäft etwas außerhalb betrieb.
Carmen riss die Tür zum Laden auf und stürmte hinein. Ungeduldig wartete sie darauf, bis Simpson auf das Scheppern der Türglocke hin nach einer Weile aus seiner Werkstatt herauskam.
Mit Holzhammer und Stemmeisen noch in der Hand ging er einige Schritte auf sie zu und sah sie fragend an. Als Interessentin für eines seiner Werkstücke schätzte er Carmen nicht ein.
Noch ganz außer Atem platzte die nun heraus:
„Mister, schnell, bitte schnell, holen Sie die Missis ab, sie ist ganz tot, im Casa draußen bei Señor Freyman - ach so, lo siento, nein, nicht die Missis, der Master ist tot, richtig tot. Draußen, im großen Haus, am Fluss, ganz tot. Por diós, madre ayúdanos, er ist tot, para siempre.“




