- -
- 100%
- +
Mr. Simpson reagierte so gelassen und ruhig, wie es sein der Pietät verpflichteter Beruf so mit sich bringt:
„Beruhige dich, Mädchen, ganz ruhig. Also, wer ist tot, und wer soll wo abgeholt werden?“
„Der Master, Master Freyman ist tot, soll von seinem Haus abgeholt werden, sagt Paco, draußen am Fluss.“
Carmen hatte sich wieder etwas gefangen, atmete tief durch, war jetzt ein bisschen ruhiger geworden. Simpson mochte kaum glauben, was sie sagte.
„Mr. Freyman? Mr. John Freyman? Bist du ganz sicher?“
Carl Simpson hatte guten Grund für seine Nachfrage. John Freyman war gerade mal dreiunddreißig, sportlich und, soweit er wusste, bei allerbester Gesundheit.
Hatte er etwa einen Unfall mit dem Automobil gehabt? Zu schnell gefahren? Oder vielleicht einen Reitunfall? Das Genick gebrochen? John war ihm allerdings keineswegs als besonders unvorsichtig oder gar als Draufgänger bekannt. Ganz im Gegenteil.
Einmal hatte er John sogar auf offenem Gelände mit dem Pferd abgehängt.
Sie hatten sich zufällig draußen hinter den Weideplätzen beim Ausritt getroffen und ohne viele Worte, nur mit herausfordernden Blicken und beiderseitig zustimmendem Kopfnicken, ein kleines Rennen verabredet.
Am Tag zuvor hatte es stark geregnet, der Boden war tief. John hatte mehr als zwei Pferdelängen Rückstand gehabt am Ziel. Auf Simpsons schelmische Stichelei zu seinem kleinen Triumph hatte John nur gelacht und einen Satz gesagt, an dem er Johns generelle Vorsicht festmachen konnte: ‚Auf einem so schwierigen Boden werde ich lieber zweiter im Rennen als erster in deinem Sarg. Carl, da halte ich mich lieber zurück. Hals- und Beinbruch ist ein netter Spruch, an mir selbst will ich ihn nicht wahrmachen. Sorry, mein Lieber, aber mit mir wirst du so schnell kein Geschäft machen‘.
Carmen riss ihn aus seiner Erinnerung.
Der zweifelnden Nachfrage hatte sie entnommen, dass der Bestatter eventuell nicht so ganz ernst zu nehmen schien, was sie ihm gerade vorher berichtet hatte.
„Der Sheriff schickt mich, sagt Paco; der Sheriff sagt, Master Freyman ist tot. Der Sheriff hat es selber gesagt.“
„Wer bist du eigentlich? Wie heißt du denn?“, hakte Simpson ungeachtet ihrer Beteuerung noch einmal nach.
„Ich bin die Frau von Paco, wir sind Angestellte des Master Freyman und jetzt auch seiner neuen Esposa, der Missis. Der Sheriff hat gesagt, wir sollen ihnen Bescheid geben, dass der Master se murió.“
„Und wo ist der Sheriff jetzt?“
„Er ist im Haus des Doktors - bei der Missis. Die Missis ist auch krank; muy krank.“
„Gut, sag dem Sheriff, ich komme gleich vorbei.“
„Gracias, muchas gracias, danke Mr. Bestatter, ich sage es Paco, der sagt es dem Sheriff.“
Simpson hatte immer einen Sarg in Durchschnittsgröße auf seinem Bestattungswagen liegen, für den Fall der Fälle. Also könnte er losfahren, beim Doc vorbeischauen und sich vergewissern, dass dies alles auch kein makabrer Scherz oder nur ein bloßes Gerücht war.
Wenn doch, dann hätte er keinen großen Weg umsonst gemacht. Und wenn die Geschichte wahr sein sollte, dann konnte er gleich weiterfahren, hinaus zum Anwesen der Freymans. In den Sarg auf dem Wagen müsste John jedenfalls passen, fürs erste. Soviel Augenmaß für seine potenziellen Fahrgäste bekommt man als Bestatter mit der Zeit.
Und später könnte er seinen Angehörigen das teuerste Exemplar verkaufen, das er auf Lager hatte, oder für weiteres Aufgeld extra einen anfertigen. Die Freymans würden sich bestimmt nicht knausrig zeigen.
Dann könnte er jetzt, entgegen Johns damaliger Worte, doch schon jetzt sein Geschäft machen mit ihm. Früher als dieser gedacht hatte. Viel früher.
Während der pedantische Bestatter sich noch Gedanken darüber machte, ob sich seine Fuhre lohnen könnte oder nicht, rang Doktor Smirnow nach wie vor um das noch so junge Leben der verletzten Sandra Freyman.
Der Sheriff stand neben ihm, bereit, dem Arzt mit jeglicher Art von Handreichung behilflich zu sein.
Er wirkte etwas nervös, wollte etwas hinter sich bringen.
„Igor, kann ich dein Telefon benutzen, oder brauchst du mich hier noch unbedingt?“
„Die Gräfin, nicht wahr?“ Smirnow sah ihm ins Gesicht. „Bin froh, dass ich das nicht tun muss. Ich glaube aber, du solltest es ihr besser persönlich sagen, meinst du nicht auch? Geh‘ lieber rüber zu ihr ins Hotel.“
Der Sheriff nickte nur ein paarmal nachdenklich, während er die Lippen zusammenpresste. Er sollte Mrs. Freyman ins Gesicht sagen, dass ihr Sohn tot sei?
„Ich glaube nicht, dass ich es kann, Igor. Ich kann es nicht. Nur einen Tag nach der Hochzeit eine solche Nachricht überbringen? Mensch Igor, ich kann das einfach nicht. Ich ruf sie lieber an.“
„Dann mach nur zu Greg, hier kannst du mir ohnehin nicht mehr helfen. Du weiß ja, wo das Telefon steht.“
Der Sheriff hatte nun die bittere Pflicht, Johns Mutter und ihren beiden Töchtern im nahegelegenen Grand Hotel die Nachricht über den Tod ihres Sohnes zu überbringen.
Vergessen war in diesem Moment völlig, was zwischen ihm und Mrs. Freyman, der Gräfin, vor schon längerer Zeit in New York vorgefallen war.
Einer fremden Person den Tod eines Angehörigen von Angesicht zu Angesicht nahezubringen, das hatte er in New York oft genug gemacht. Das gehörte schließlich zu seinen Aufgaben. Es war jedes Mal unangenehm genug.
Aber die jetzige Situation, sein vertrauliches Verhältnis zu den Hinterbliebenen, machte es ihm völlig unmöglich.
Er suchte nach möglichen Formulierungen, um Mrs. Freyman die schreckliche Nachricht so schonend wie nur möglich beizubringen. Noch hatte er die Hoffnung, sie sei gerade nicht erreichbar. Dann wäre ihr die schlimme Neuigkeit vielleicht schon vor seinem nächsten Kontakt mit ihr bereits durch jemand anderen übermittelt worden.
Beklommen wählte er die Nummer der Vermittlung.
Seine Hoffnung auf ihre Abwesenheit erstarb in dem Moment, als nach einer kurzen Pause sich die Gräfin gut gelaunt aus ihrem Zimmer meldete.
Sie war erfreut über seinen Anruf - aber auch leicht verwundert über dieses ungewohnt frühe Telefonat.
Was mochte es so Wichtiges geben, dass Gregory sich um diese Uhrzeit schon bei ihr meldet?
„Guten Morgen, Gräfin, ich möchte – äh, nein - ich muss Sie darüber in Kenntnis setzen…“
Aus dem gedrückten Tonfall Gregorys und seiner förmlichen, fast gestelzten Ausdrucksweise hörte sie eines sofort heraus: Gregory Delano hatte ihr mit diesem so frühen Anruf alles andere als eine gute Nachricht zu bestellen.
Wie schrecklich aber die Unglücksbotschaft tatsächlich war, konnte sie sich nicht vorstellen.
Erst nachdem der Sheriff ihr mit stockender Stimme eröffnet hatte, was vorgefallen war, schien sie langsam zu begreifen. Im so knapp wie möglich gehaltenen Bericht des Sheriffs waren immerhin die grausamen Details über den Tod ihres Sohnes ausgelassen.
Nach einer kurzen Pause, in der sie wohl erst lernen musste, das Gehörte in seiner ganzen Tragweite zu erfassen, stammelte sie zuerst nur: „Grischa, sag mir bitte, dass das alles nicht wahr ist…“.
Sie verwendete den nur von ihr benutzten Kosenamen, als könne sie ihn dadurch eher dazu bewegen, das eben Gesagte wieder zurückzunehmen.
Gleichzeitig spürte sie jedoch, dass diese Hoffnung sich nicht erfüllen werde. Es war einfach viel zu unwahrscheinlich, als dass Gregory sich ihr gegenüber mit solchen Aussagen eine Posse erlauben würde.
Der Sheriff war heilfroh, als er nach dem ersten Ausbruch ihres unsäglichen Schmerzes - und ein paar tröstenden Worten seinerseits - das Gespräch auf formalere Angelegenheiten bringen konnte.
Zum Beispiel auf die Zusicherung, für sie und ihre Töchter mit Anhang sofort Zimmer auf ‚Three Oaks‘ herrichten zu lassen und den Umzug der Familie vom Hotel in Johns Haus zu organisieren, da sie nun ja doch noch länger bleiben wollten. Oder sich auch sonst weiter um alle jetzt nötigen Maßnahmen zu kümmern.
Natürlich auch mit dem festen Versprechen, das er sich auch schon selber gegeben hatte, nämlich Johns Mörder gnadenlos zu verfolgen, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Und zwar umgehend, ohne Verzug, und ohne auch nur die geringste Zeit zu verlieren.
Noch bevor die Gräfin mit Anhang auf ‚Three Oaks‘ angekommen war, ließ der Sheriff sich selber wieder zum Ort des Geschehens hinausfahren.
Auch um seinen eigenen Wagen abzuholen, aber vor allem, um den Tatort noch einmal genauestens unter die Lupe zu nehmen. Noch bevor er diesen aus Rücksicht auf Johns Mutter und seine Schwestern in einen Zustand bringen ließ, der nichts mehr - oder so wenig wie möglich - von dem tragischen Vorgang in der Nacht zuvor preisgab.
Zwei seiner Beamten halfen ihm eifrig bei der Suche nach vielleicht aufschlussreichen Hinweisen.
Er selber forschte zuerst nach möglichen Fußspuren, untersuchte eingehend die Stelle unter dem Balkon des Schlafzimmers. Da es schon eine Weile her war, seit der letzte Regen niedergegangen war, fanden sich keine brauchbaren Abdrücke im trockenen Erdreich. Die Konturen einiger Fußabdrücke, offenbar allesamt schon älteren Datums, waren bereits bis zur Unkenntlichkeit zerbröselt.
Auf dem Rasen waren keinerlei frisch eingedrückten Gräser zu erkennen, die einen Schluss auf ein kürzlich erfolgtes Begehen zugelassen hätten. An dem Wilden Wein, der sich mit seinen kaum noch sichtbaren winzigen Knospen bis zum Geländer hinaufrankte, war kein einziger abgerissener oder verletzter Ast zu sehen.
Akribisch suchte der Sheriff im Haus nach halbwegs frischen Blutspuren, die der Mörder bei seiner Flucht doch irgendwo hinterlassen haben musste. Zu seinem Leidwesen waren nirgends welche zu finden.
Es gab mehr Rätsel als Hinweise.
Delano befragte ausführlich die beiden Stallburschen, noch eindringlicher Paco und seine Frau, die ja diese unheilvolle Nacht im Haus gewesen waren.
Er verbrachte Stunden mit seinen Nachforschungen.
So lange, bis die Familie ankam und er der Gräfin jetzt von Angesicht zu Angesicht sein erkennbar aufrichtiges Mitgefühl beteuerte. Stumm, mit steinerner Miene, als Ausdruck seiner eigenen Betroffenheit, schüttelte er Mary-Ann und Rose die Hand. Nicht die Spur eines Gedankens an diesem so fürchterlichen Tag an die fröhliche Ausgelassenheit und Frivolität auf früheren gemeinsamen Festen.
Der Tod ist ein echter Spielverderber.
Den von ihm unbehelligt gebliebenen in seinem aktuellen Wirkungskreis ist die Lust an einer Partie gründlich vergangen - mindestens vorübergehend; dem Betroffenen selbst fehlt die Möglichkeit der Teilnahme daran – für immer.
Der Abschied von der Familie Freyman erfolgte, wie auch anders, in tief bedrückter Stimmung. Der Sheriff versicherte der Familie noch einmal, sich weiterhin um sie und die nötigen Formalitäten zu kümmern. Die gegenseitigen Umarmungen waren heute intensiver und dauerten etwas länger als sonst üblich.
Gedankenverloren fuhr Gregory Delano bald darauf wieder zurück in die Stadt, wo er als erstes in das Haus des Arztes zurückkehrte. An dessen Eingangstür hing seit dem Morgen ein großer Zettel mit der Mitteilung, dass am heutigen Tage keine Sprechstunden stattfänden.
Drinnen lag immer noch Sandra Freyman. Jetzt in einem Bett direkt neben dem Behandlungszimmer.
Dr. Smirnows Befürchtungen hatten sich zum Glück nicht bestätigt. Sie lebte noch.
Sie war jetzt auch ansprechbar.
Es ging ihr nicht besonders gut, entsprechend der Verletzungen, die sie sich zugezogen hatte. Aber sie sagte dem Sheriff, sie wolle ihm auf alle seine Fragen antworten, so lange sie dazu imstande sei.
Eine geschlagene Stunde dauerte die Vernehmung.
Wer alles am betreffenden Tag auf dem Gestüt war; mit wem John die letzten Tage Kontakt gehabt hatte; ob er irgendwelche Andeutungen gemacht habe, die ihr unerklärlich waren; ob sie wüsste, dass er Feinde habe…
Vor allem wollte Delano wissen, an welche Vorgänge dieser tragischen letzten Stunden sie sich erinnern könne.
„Sandra, versuche dich an möglichst alles zu erinnern. Jede Einzelheit, auch die, die du selber vielleicht für unwichtig erachtest; sie könnte trotzdem wichtig sein. Und wenn es zu viel für dich wird, sag es mir bitte. Ich will dich in deinem Zustand nicht unnötig quälen.“
Geduldig beantwortete sie seine Fragen, in dem Umfang, in dem sie sich daran zu erinnern glaubte.
Es war nicht viel, was sie noch wusste.
Ihren Angaben zufolge musste der Täter sie auf irgendeine Weise narkotisiert haben, da sie vom Mord an John gar nichts mitbekommen hatte.
„Greg, ich weiß einfach nicht, was gestern Nacht geschehen ist. Erst dachte ich, der Täter hätte mich vor der Tat bewusstlos geschlagen. Dr. Smirnow aber sagt, ich habe nicht die Spur einer Verletzung am Kopf. Und, kein Wunder, ich spüre auch keinerlei Schmerz, außer an Arm und Bein.
Er kennt aber genug Mittelchen, wie er sagte, die durch Einatmen sehr schnell eine tiefe Ohnmacht herbeiführen können. Auch solche Präparate, die völlig geruchsfrei sind.“
Die Vernehmung, eigentlich war es nicht mehr als eine Unterredung unter guten Bekannten, half dem Sheriff keinen Schritt weiter. Auch nicht einen kleinen.
Er verabschiedete sich von der Frau, die er so lange und so gerne als seine eigene Frau gesehen hätte. Eigentlich schon vom ersten Moment an in seinem Leben, als er sie aus dem Zug steigen sah. Er versicherte auch ihr, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um den Mord an ihrem Mann so bald wie möglich aufzuklären.
„Sandra, ich finde Johns Mörder. Ich verspreche es dir.“
Am nächsten Tag suchte Delano nach und nach Johns härteste Konkurrenten auf. Verlangte nach Auskunft über ihr Verhältnis zu Mr. Freyman und erkundigte sich wie ganz nebenbei nach ihren Alibis für den Mordzeitpunkt, falls sie welche hätten.
Die Vernommenen waren alles andere als erfreut, sich im Kreis der Verdächtigen wiederzufinden.
‚Alles reine Routinefragen‘, versicherte er daher den Herren beflissen und beruhigte sie darüber hinaus mit den Worten: ‚Das ist selbstverständlich keine Vernehmung. Ich sammle lediglich Informationen. Ich muss für einen vollständigen Bericht einfach nur jeden Einzelnen von Ihnen auf meiner Liste abhaken können‘.
Von besonderem Interesse für den Sheriff waren auch Beobachtungen über ungewöhnliche Vorgänge, welche die Befragten in letzter Zeit, vor allem aber die letzten Tage, gemacht haben könnten.
Von den Züchtern konnte er die Adressen von den drei Buchmachern erfahren, die damals aufgrund von Johns gezielten Einsätzen Bankrott gegangen waren. Er überprüfte selber das Alibi des einen, der ortsansässig war. Das der anderen beiden ließ er von den für sie zuständigen Dienststellen an deren Wohnort abklären.
Keiner von den Dreien kam in Frage.
Der im Ort lebende befand sich seit drei Wochen in Ascot, wo er auf Einladung seines Freundes aus England neue Zuchtmethoden studierte. Er wollte erst in zwei Wochen wieder aus Europa zurückkehren.
Der andere war zur entsprechenden Zeit in einer Geschäftsbesprechung in Seattle, was die örtlichen Behörden sowohl durch seinen Geschäftspartner als auch durch die Angestellten des von ihm gebuchten Hotels bestätigen ließen.
Der Dritte hatte das überzeugendste Alibi. Es war noch mehr als wasserdicht: er saß bereits seit über einem Jahr wegen wiederholter Manipulation der Ergebnisse von Pferderennen im Gefängnis von Tucson, Arizona.
Am dritten Tag nach dem abscheulichen Mord an John Freyman kam Gregory Delano erst nach dem Mittagessen in sein Büro. Er schloss die Tür hinter sich, bereitete sich eine große Kanne starken Kaffee zu und stellte sie zusammen mit einer Tasse auf das Beistelltischchen neben seinem Stuhl. Dann ließ er sich in den bequemen Sessel mit dem etwas abgeschabten Büffelleder fallen und streckte die Beine auf dem Schreibtisch aus.
Er ließ die letzten Tage Revue passieren, sortierte die Aussagen, die gemacht wurden, zog dies in Erwähnung und das; wägte eines ab und ein anderes, spann sich ein Netz aus Gedanken, in dem der Mörder sich verfangen sollte.
Er zählte eins und eins zusammen. Um das so offenbar eindeutige Ergebnis gleich wieder auseinanderzunehmen. Immer wieder setzte er die Puzzleteile der Antworten, die er erhalten hatte, anders zusammen.
Mal schien schon alles stimmig zu sein, dann entdeckte er in seiner Gedankenkette enttäuscht einen Widerspruch.
Also alles wieder ganz von vorne.
Stunden saß er so.
Als sein Magen so drängend knurrte, dass ihm zwischendurch immer wieder die Vorstellung von deftigen Braten und schmackhaft gesottenem Gemüse in die Gedanken einfloss, ging er in den Saloon neben der Station hinüber und ließ sich dort schnell ein paar Spiegeleier und Speck in der Pfanne braten.
Ablenkung konnte er jetzt nicht gebrauchen.
Elisa, die Bedienung, wunderte sich, dass der Sheriff heute so kurz angebunden war. Sie kannte ihn etwas umgänglicher, immer auch zu einem Scherz aufgelegt. Heute schaute er nur mürrisch vor sich hin und beachtete sie kaum.
Sie ahnte schließlich nicht, dass der gedankenverlorene Sheriff gerade in einer ganz anderen Welt lebte, die er sich selber im Kopf zusammengebastelt hatte, und in der er verzweifelt nach einem kaltblütigen Mörder suchte.
Hastig schlang Gregory Delano das Mahl hinunter.
Er glaubte fest, dass er der Lösung nahe war. Es gab wiederum noch einige Details, von denen er noch nicht genau wusste, ob und wie sie zusammenpassten.
Nachdem er sich wegen seines trocken gewordenen Mundes noch ein Glas Root Beer gegönnt hatte, ging er zurück ins Büro und nahm exakt die gleiche Stellung ein, die er vor dem Gang in die Kneipe innegehabt hatte.
Vor seinen Augen lief nun immer wieder ab, was sich im Landhaus John Freymans abgespielt haben könnte.
Noch hatte der erdachte Ablauf immer wieder verschiedene Fassungen, wenngleich jetzt schon um ein paar weniger.
Wieder vergingen die Stunden.
Warren Harms stand mit seinem Zuchtbetrieb kurz vor dem Zusammenbruch. Munkelte man. Genau wusste das aber keiner, man redete nur darüber.
Harms betrieb zusammen mit seinem Bruder auch eine Pferdemetzgerei, was übrigens bei seinen Kunden nicht so besonders gut ankam. War jetzt auch nicht wichtig, bedeutsam war nur, dass dort ebenfalls große Messer im Gebrauch waren. Die gleichen, oder sehr ähnliche, wie jenes, das auch in der Mordnacht benutzt wurde.
Seine Geschäfte dürften jetzt zweifellos wieder besser laufen, weil das Charisma und die Reputation Johns nicht mehr den ausschlaggebenden Einfluss auf zukünftigen Auktionen ausüben konnte, so wie das vor Johns Tod häufig der Fall gewesen war. Gerade in letzter Zeit hatte Harms gegen ihn sehr oft den kürzeren gezogen.
Harms ist bestens befreundet mit den Hendersons; schon Harmsens Vater hatte in Hendersonville gelebt. Ein Vorgehen gegen ihn wäre nicht einfach. Die Honoratioren der Stadt würden sich gegen ihn wenden.
Gegen ihn, den Sheriff, gegen den Mann aus dem Osten, der zwar sehr geachtet war, aber eben hier nur zugezogen.
Wenn es aber doch so war, wie Paco es gesagt hatte? Konnte man dem überhaupt glauben? Immerhin gefährdete er mit seiner delikaten Aussage seine Arbeitsstelle.
Der Sheriff starrte an die Decke des Büros.
Eine wichtige Tatsache ging ihm nicht aus dem Kopf. Er glich jedes Für und Wider zum wiederholten Male ab. Und noch einmal, und noch einmal.
Endlich nahm Gregory Delano die Füße vom Tisch, beugte sich etwas vor, setzte den Ellbogen der linken Hand auf die Tischplatte auf und stütze sein Kinn in die halb geöffnete Hand. Mit dem Daumen rieb er die Stoppeln an seinem Unterkiefer. Sein Blick wanderte langsam zum Fenster.
Er wusste jetzt, wie es war - und wer es war.
Er war sich jedenfalls ganz sicher.
Jetzt passte alles zusammen. Die vielen einzelnen Teile ergaben jetzt ein perfektes Bild. Kein schönes Bild, ganz im Gegenteil, ein schauriges. Aber anders, wie es sich darauf darstellte, konnte es gar nicht gewesen sein. Für ihn war die Sachlage jetzt völlig klar.
Er war alles andere als glücklich über seine Erkenntnis.
„Ja, so und nicht anders war es“, sagte er halblaut vor sich hin und schüttelte dann den Kopf.
„Wer hätte gedacht, dass dieser Mensch zu so etwas überhaupt fähig ist.“
Er ballte die rechte Hand zur Faust, sein Gemurmel wurde zu einem hinausgepressten Ehrenwort: „John, ich werde dir Genugtuung verschaffen.“
Gegen vier Uhr morgens, als die Morgendämmerung den heraufziehenden Tag ankündigte, da erlosch das Licht, das aus dem Büro des Sheriffs nach außen gedrungen war.
Als letztes in der Stadt.
Außer dem Tathergang, den er bald mit stichhaltigen Indizien dem Gericht zur Beurteilung vorzulegen gedachte, war dem Sheriff noch etwas anderes klar geworden:
Der nächste Tag würde einer der unangenehmsten in seinem ganzen Leben werden.
*****
John Freyman wurde geboren am fünfzehnten April des Jahres 1900. Es war ein Sonntag. Menschen mit einem Hang zu Esoterik erachten die Geburt an einem Sonntag als besonderes Privileg. Denn, so glauben sie unbeirrt, ein am Sonntag geborener Mensch wird besonders viel Glück im Leben haben.
Seit Menschengedenken war das so gewesen.
Auch schon bei den alten Griechen. Und die Menschen des Imperium Romanum, auch das ist überliefert, dachten nicht anders. Auch bei denen galt der an einem Sonntag Geborene als Glückskind, als ‚fortunae filius‘.
Aber auch viele von sonst eher nüchtern denkenden Menschen können sich einer solchen Erwartung ebenfalls nicht ganz entziehen. Vermutlich liegt das an dem Umstand, dass man bei einem besonderen Glücksfall, der einem am Sonntag Geborenen widerfährt, sofort an diesen durch nichts zu rechtfertigenden Zusammenhang denkt; und ihn damit unwillkürlich als Bestätigung sieht.
Merkwürdigerweise wird ein solcher Bezug nicht hergestellt, und somit dieser Irrglaube auch nicht infrage gestellt, wenn dem am Sonntag Geborenen Unheil widerfährt – und sei es noch so dramatisch.
Auch Gregory Delano war einer dieser Menschen, die sich ausschließlich von der Realität überzeugen ließen und ihr immer den Vorzug gaben gegenüber dem Übernatürlichen.
Und trotzdem machte er sich Gedanken über das Leben seines Freundes John und dessen so frühen Tod.
Schon zweimal im Leben war John in höchster Lebensgefahr gewesen. Beide Male hatte er Glück gehabt und war seinem frühzeitigen Ende um Haaresbreite entronnen. Beim zweiten Mal musste er, Gregory, selber schon mithelfen, dem ungnädigen Schicksal in den Arm zu fallen.
Und jetzt? Bei lebendigem Leib den Bauch aufgeschlitzt zu bekommen, hat mit Glück gar nichts zu tun.
Die Mär von der lebenslangen Glückssträhne durch die Geburt an einem Sonntag war also wieder einmal eindeutig widerlegt. Mit ihrem fortunae filius lagen mithin schon die Römer falsch. Da war sich der Sheriff sicher.
Er führte seine Gedanken auf einer Basis weiter, die Metaphorik und Realität vereinen sollten.
So schlimm das Ende eines Lebens auch sein mag, man kann es auch in Relation zu all den durchlebten Jahren davor setzen. Für ein elendes Leben, das nur Not, Entbehrung und Schmerz kennt, kann auch ein schreckliches Ende so etwas wie Erlösung sein.
Wer dagegen ein sorgloses und als glücklich empfundenes Leben führt, für den mag allein der absehbare Tod schon das größte Entsetzen hervorrufen. Selbst wenn das Lebensende in Frieden kommt, und nicht durch brutale Gewalt oder eine furchtbare Krankheit herbeigeführt wird.
Man sollte dem Tod also generell gelassener gegenübertreten. Das war Gregory Delanos Meinung. Ob er das angesichts des eigenen Endes auch selber beherzigen könnte, das wusste er nicht, aber er hatte es sich fest vorgenommen.
Und bis dahin war sein positiv gestimmtes Credo, dass selbstverständlich auch er eines Tages sterben müsse, aber eben an allen anderen Tagen nicht.
Gerade nochmal gut gegangen
John Freyman hatte das Glück gehabt, in eine intakte und lebensfrohe Familie der gehobenen New Yorker Gesellschaft hineingeboren zu werden. Sein Vater Joseph hatte mit dem schwunghaften Handel von hochwertigen Immobilien und der Ausführung und Betreuung bedeutender Bauprojekte ein beträchtliches Vermögen gemacht.
Das über fünf Stockwerke reichende Wohngebäude der Freymans lag, leicht zurückversetzt, an der parallel zum East River verlaufenden Pearl Street. Sie wird, als vierte größere Straße von der Seeseite her, von der etwa auf Höhe Pier 11 beginnenden Wall Street gekreuzt.




