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Schon eine beiläufig geäußerte Überlegung, sie könne der Bibelstunde fürderhin vielleicht fernbleiben, konnten den armen Mann in tiefe Verzweiflung stürzen.
Mittlerweile war Rose zu Hause wieder gesprächiger geworden. Sie hatte sich eine feine Ausrede ausgedacht für ihr Interesse an den sogenannten Bibelstunden.
Sie behauptete, sie werde gerade in der Geschichte der Religionen unterrichtet, speziell auch über die Rolle der Frau innerhalb der Kirchen. Das zöge sie sehr in ihren Bann und das wolle sie unter keinen Umständen versäumen. Das klang recht glaubwürdig. Ihr generelles Interesse für die Rechte der Frauen musste sie nicht extra belegen.
Dass sie ‚Einzelunterricht‘ hatte, verschwieg sie ihren Eltern aber wohlweislich.
Die glaubten ihr ansonsten aufs Wort, weil sie Roses Vorlieben kannten, und waren es denn auch zufrieden.
Das war genau das, was Rose beabsichtigt hatte.
Denn nicht nur fand sie größten Gefallen an der Macht über den Priester, wenngleich das jetzt auch ihr Hauptvergnügen war. Sie nutzte auch während des gesamten Zeitraumes, über den sich die Bibelstunden hinzogen, die nicht völlig ausgeräumte Angst ihrer Eltern, sie könnte sich doch noch für ein Kloster entscheiden.
Um zu ihren Gunsten etwas durchzusetzen, wenn es ihr zunächst auch strikt versagt wurde, reichte oft genug, wenn sie nur wie nebenbei anmerkte: „Dann gehe ich vielleicht doch lieber ins Stift!“ Um damit nicht zu überreizen, was irgendwann vielleicht doch noch ein Verbot des Besuches ihrer Stunden nach sich gezogen hätte, setzte sie dieses Druckmittel sehr sparsam und durchdacht ein.
Zwischen der ehrlichen Beteuerung, ein Kloster höchstens von außen sehen zu wollen und dem vorgespielten Berufswunsch Äbtissin lavierte sie so geschickt hin und her, dass sie bald völlig neu eingekleidet war und schon teureren Schmuck bekam, als Mary-Ann ihn je bekommen hatte.
Der ‚Segen des Herrn‘ erreichte sie auf dem Umweg über ihre geschickte Strategie.
Die Wochen vergingen.
Nach drei Monaten konnte Rose ihre Neugier nicht länger zügeln. Sie wollte jetzt wissen, wie das Spiel ausgeht, wenn man den vollen Einsatz wagt und die Karten auf den Tisch gelegt werden. Dass sie alle Trümpfe in der Hand hielt, das wusste sie bereits. Und so spielte sie das Spiel mit Vater O’Reilly zu Ende.
Das Preisgeld für eine gewonnene Partie war bereits vorher festgelegt: Rose musste Maria sein.
So kam es, dass beim diesjährigen Krippenspiel des Sprengels zum ersten Mal in der Geschichte der Basilica of St. Patrick’s Old Cathedral die Jungfrau Maria nicht von der Tochter eines der höchsten städtischen Beamten gespielt wurde. Eine Sensation für die gesamte Gemeinde.
Denn es war bis dahin ein zwar ungeschriebenes, aber über all die Jahre strikt eingehaltenes Vorrecht der Stadtoberen gewesen, eine der Töchter aus ihren Kreisen im Rampenlicht dieser renommierten und viel beachteten Aufführung zu sehen. Dieses Jahr aber hatte Vater O’Reilly ein anderes Mädchen auserwählt.
Na ja - auserwählen müssen.
Gegen den immer wieder ausdrücklich und sehr heftig vorgebrachten Einwand seiner Prinzipale. Er hatte sich jedoch durchgesetzt und sich für die Tochter eines zwar hochgeachteten, aber ansonsten ohne städtisches Amt und Würde bedachten Steuerzahlers entschieden. Für Rose.
Noch ein weiteres absolutes Novum gab es bei diesem Krippenspiel, seit es 1876 zum ersten Mal aufgeführt wurde.
Das ahnte freilich niemand, es verlieh dem Spiel aber unbeabsichtigt einiges mehr an Authentizität durch seine größere Nähe zur Lebenswirklichkeit:
Die ‚Heilige Jungfrau‘ im Stück, nach katholischem Aberglauben die unbefleckte leibliche Mutter des Jesus von Nazareth - und befruchtet durch einen heiligen Geist - wurde dieses Jahr zum allerersten Mal nicht von einem unberührten Mädchen gespielt.
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