Schöpfer der Wirklichkeit

- -
- 100%
- +
Tatsächlich sind die meisten unserer Gedanken von uns selbst erfunden. Dass wir ihnen irgendwann Glauben schenken, geschieht aus Gewohnheit. Sheila, der Patientin mit den Verdauungsstörungen, fiel beispielsweise auf, wie oft sie dachte, sie sei ein Opfer und könne nichts an ihrem Leben ändern. Sie erkannte, dass diese Gedanken Gefühle der Hilflosigkeit auslösten. Als sie sie infrage stellte, musste sie zugeben, dass ihre hart arbeitende Mutter eigentlich nichts getan hatte, um Sheila davon abzuhalten, ihre Träume zu verwirklichen.
Manche meiner Gesprächspartner verglichen ihre sich wiederholenden Gedanken mit Computerprogrammen, die den ganzen Tag im Hintergrund ihres Lebens abliefen. Doch da sie selbst diese Programme am Laufen hielten, konnten sie sie auch verändern oder gar löschen.
Das war eine wesentliche Erkenntnis. Alle Menschen, mit denen ich im Rahmen meiner Untersuchung sprach, hatten irgendwann mit dem Gefühl gekämpft, ihre Gedanken seien unkontrollierbar. Sie mussten sie überwinden und sich dafür entscheiden, selbst frei über ihre Gedanken zu bestimmen. Jeder hatte irgendwann den Entschluss gefasst, gewohnte negative Denkprozesse zu durchbrechen, bevor sie zu schmerzhaften chemischen Körperreaktionen führen konnten. Diese Menschen hatten sich ganz klar entschieden, die Kontrolle über ihre Gedanken zu gewinnen und Denkmuster auszumerzen, die ihnen abträglich waren.
Bewusste Gedanken werden zu unbewusstem Denken, wenn man sie nur oft genug wiederholt. Das bekannteste Beispiel dafür ist das Autofahren. Während der Fahrstunden müssen wir noch an alles denken, aber sobald wir Übung haben, können wir eine lange Strecke von A nach B zurücklegen und erinnern uns hinterher an keinen Teil des Weges, weil unser Unterbewusstsein die ganze Zeit über am Steuer saß. Jeder hat es schon erlebt, dass er routinemäßig, ohne jede bewusste Aufmerksamkeit, fuhr und sein bewusstes Denken sich plötzlich einschaltete, weil beispielsweise der Motor ein ungewohntes Geräusch von sich gab. Denken wir also ständig dasselbe, geschieht das zunächst zwar noch bewusst, doch mit der Zeit werden die Gedanken unbewusst und automatisiert. Für diesen Prozess existiert eine vernünftige neurowissenschaftliche Erklärung. Wenn Sie dieses Buch zu Ende gelesen haben, werden Sie auch die wissenschaftliche Sichtweise verstanden haben.
Diese unbewussten Denkmuster werden zu unseren unbewussten Seinsmustern. Sie haben eine direkte Wirkung auf unser Leben – genauso wie bewusste Gedanken. Alle unsere Gedanken erzeugen biochemische Reaktionen, die ein bestimmtes Verhalten auslösen; insofern erzeugen auch unsere wiederholten, unbewussten Gedanken automatisierte Verhaltensmuster, die wir als nahezu zwingend empfinden. Diese Verhaltensmuster sind Gewohnheiten, die neurologisch im Gehirn »fest verdrahtet« werden.
Es kostet Aufmerksamkeit und Mühe, den Teufelskreis eines unbewusst ablaufenden Denkmusters zu verlassen. Zuerst müssen wir unsere Routine durchbrechen und uns unser Leben ansehen. Durch Kontemplation und Selbstreflexion werden wir uns unserer unbewussten Drehbücher bewusst. Dann müssen wir lernen, diese Gedanken wahrzunehmen, ohne dementsprechend zu reagieren, um die automatischen chemischen Prozesse zu unterbinden, die ein bestimmtes Verhalten nach sich ziehen. Jeder Mensch trägt die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung, zur Beobachtung der eigenen Gedanken in sich. Wir müssen lernen, uns von diesen Programmen zu distanzieren, dann können wir sie auch beherrschen. So erlangen wir schließlich die Kontrolle über unsere Gedanken. Damit unterbrechen wir neurologische Verknüpfungen, die sich verfestigt haben.
Da die Neurowissenschaft uns zeigt, dass Gedanken im Gehirn zu chemischen Reaktionen führen, erscheint es nur logisch, dass eine Veränderung unserer inneren Einstellung auch eine Wirkung auf unseren Körper haben muss. Unsere Gedanken wirken nicht nur auf die Art, wie wir leben; unsere Gedanken wirken bis in die Materie unseres Körpers hinein – ja, sie werden Materie.
Ihre Überzeugung, Gedanken seien real wirksam und das, was Menschen denken, habe einen direkten Einfluss auf ihr Leben und ihre Gesundheit, brachte diese Menschen zu der Erkenntnis, dass ihr eigenes Denken sie in Schwierigkeiten gebracht hatte. Sie begannen, ihr Leben zu analysieren, und in dem gleichen Maß, wie sie ihr Denken veränderten, gelang es ihnen auch, ihre Gesundheit zurückzugewinnen. So kann eine neue Einstellung ebenfalls zu einer neuen Gewohnheit werden.
Koinzidenz Nr. 3: Wir können uns selbst neu erfinden
Diesen aufgrund ihrer physischen und mentalen Erkrankungen hoch motivierten Menschen war etwas klar geworden: Sie mussten konsequent am Denken neuer Gedanken festhalten. Um ein anderer Mensch zu werden, musste jeder sich in ein neues Leben hineindenken. Alle, die ihre Gesundheit wiedergewonnen haben, hatten irgendwann bewusst die Entscheidung getroffen, sich selbst neu zu erfinden. Jeder brach aus seiner täglichen Routine aus, verbrachte Zeit allein, reflektierte und dachte darüber nach, was für eine Art Mensch er denn werden wollte. Alle stellten sie Fragen und zogen ihre bisherigen Annahmen über sich selbst ganz grundsätzlich in Zweifel.
»Was wäre, wenn …«-Fragen spielen bei diesem Prozess eine zentrale Rolle. Was wäre, wenn ich damit aufhörte, ein unglückliches, selbstbezogenes, leidendes Opfer zu sein, und wie stelle ich das an? Was wäre, wenn ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, mich schuldig zu fühlen oder Groll zu hegen? Was wäre, wenn ich anfinge, mir selbst und anderen gegenüber aufrichtig zu sein?
Diese »Was wäre, wenn …«-Fragen münden in andere Fragen: Welche Menschen in meinem Bekanntenkreis sind meistens glücklich und wie verhalten sie sich? Welche historischen Gestalten bewundere ich? Wie könnte ich ihnen ähnlich werden? Wie müsste ich reden, handeln und denken, um mich der Welt anders zu präsentieren? Was möchte ich an mir verändern?
Das Sammeln von Informationen war ein weiterer wichtiger Schritt. Um neue Vorstellungen von sich selbst entwickeln zu können, mussten meine Gesprächspartner das, was sie über sich selbst wussten, entsprechend ummodeln. Jeder leitete erste Ideen aus seinen eigenen Lebenserfahrungen ab. Darüber hinaus durchforsteten sie aber auch Bücher und Filme nach Menschen, die sie beeindruckten. Aus den positiven Aspekten dieser Persönlichkeiten und den ihnen erstrebenswert erscheinenden Qualitäten bildeten sie das Rohmaterial für das Bild ihres eigenen neuen Selbstausdrucks im Leben.
Ihre Erkundungen einer besseren Art des Seins brachte sie auch zu neuen Denkweisen. Sie unterbrachen den Strom der sich wiederholenden Gedanken, die sonst den größten Teil ihres Wachbewusstseins besetzt gehalten hatten. In dem gleichen Maß, wie sie die vertrauten, bequemen Denkgewohnheiten losließen, konnten sie neue Konzepte davon kreieren, wer sie werden wollten, und an die Stelle ihrer alten Vorstellungen von sich selbst neue Ideale setzen. Sie nahmen sich die Zeit, täglich mental zu üben, wie dieser neue Mensch sein würde. Wie im ersten Kapitel erwähnt, stimuliert das mentale Üben das Gehirn, neue neuronale Verbindungen herzustellen, und verändert die Art, wie Gehirn und Geist arbeiten.
1995 wurde im Journal of Neurophysiology ein Artikel veröffentlicht: Er behandelte die Wirkung, die rein mentales Üben auf die neuronalen Netzwerke des Gehirns hat.6
Neuronale Netzwerke sind individuelle Gruppen von Nervenzellen (oder Neuronen), die in einem funktionierenden Gehirn mit einer gewissen Unabhängigkeit zusammenarbeiten. Neuronale Netzwerke sind das neueste Modell, anhand dessen die Neurowissenschaftler darlegen, wie unser Lernen und unsere Erinnerung funktionieren. Sie können auch erklären, wie das Gehirn sich mit jeder neuen Erfahrung verändert, wie verschiedene Arten von Erinnerungen sich ausbilden, wie Fähigkeiten sich entwickeln, wie es zu bewusstem und unbewusstem Handeln und Verhalten kommt, ja selbst, wie alle Formen sensorischer Wahrnehmungen verarbeitet werden. Neuronale Netzwerke bilden das Grundelement, auf dessen Basis die Neurowissenschaft erklärt, wie wir uns auf der Zell-Ebene verändern.
Bei dem speziellen Forschungsprojekt nahmen vier Gruppen von Probanden an einer fünftägigen Studie teil: Ziel des Vorhabens war, zu messen, welche Veränderungen im Gehirn beim Klavierüben stattfinden. Die erste Gruppe lernte eine bestimmte, einhändig zu spielende Sequenz auf dem Klavier, die alle fünf Finger beanspruchte; diese sollte über einen Zeitraum von fünf Tagen täglich zwei Stunden physisch geübt werden. Die Mitglieder der zweiten Gruppe sollten in derselben Zeit einfach wahllos auf dem Klavier herumklimpern. Die dritte Gruppe kam nie einem Klavier nahe: Die Teilnehmer sollten beobachten, was der ersten Gruppe beigebracht wurde, bis sie die Sequenz auswendig konnten, und sie dann mental üben, indem sie sich vorstellten, sie fünf Tage lang täglich zwei Stunden auf dem Klavier zu wiederholen. Die vierte Gruppe diente ausschließlich als Kontrollgruppe und tat gar nichts; in dieser Phase der Studie trat sie nicht einmal in Erscheinung.
Nach Ablauf der fünf Tage wurde bei allen Probanden mithilfe der sogenannten »transcranialen magnetischen Stimulation« und ein paar anderer technologisch hoch entwickelter Apparate gemessen, ob sich in ihrem Gehirn etwas verändert hatte. Zur allgemeinen Überraschung wiesen die Gehirne jener Gruppenteilnehmer, die rein mental geübt hatten, beinahe identische Veränderungen auf – die Erweiterung und Entwicklung neuronaler Netzwerke in dem gleichen Bereich des Gehirns –, wie die Gehirne derjenigen, die tatsächlich physisch Klavier geübt hatten. Die Gehirne der zweiten Gruppe, die nichts Spezifisches gelernt und geübt hatte, zeigten nur geringe Veränderungen: Ihre Übungen hatten aufgrund ihres Zufallscharakters nicht wiederholt dieselben Netzwerke stimuliert und deshalb keine bestimmten Nervenzellverbindungen gestärkt. Und bei der »untätigen« Kontrollgruppe hatte sich gar nichts verändert.
Wie konnte es dazu kommen, dass die dritte Gruppe beinahe identische Veränderungen im Gehirn aufwies wie die erste, wobei doch die Teilnehmer nie eine Klaviertaste berührt hatten? Durch ihren mentalen Fokus hatten sie immer wieder bestimmte neuronale Netzwerke in spezifischen Bereichen des Gehirns feuern lassen. Das bewirkte, dass diese Nervenzellen stärkere Verbindungen untereinander entwickelten. In den Neurowissenschaften nennt man das »Hebb’sches Lernen«.7 Das Konzept ist simpel: »Neurons that fire together, wire together« (»Nervenzellen, die gemeinsam feuern, verschalten sich.«). Werden bestimmte Gruppen von Neuronen regelmäßig stimuliert, verstärken sie ihre Verbindungen zueinander.
Demzufolge hatten die Probanden, die rein mental geübt hatten, ihr Gehirn genauso stark aktiviert wie jene, die tatsächlich Klavier gespielt hatten. Das wiederholte Feuern der Neuronen bildete in einem bestimmten Teil des Gehirns eine Neuronengruppe, die das bewusst gewählte Muster unterstützte. Die damit verbundenen Gedanken wurden dem Gehirn willentlich eingeprägt. Interessanterweise bildeten und verstärkten sich die neuen Netzwerke an genau der gleichen Stelle wie bei der Gruppe, die körperlich übte. Sie veränderten ihr Gehirn einfach durch ihr Denken. Wenn der Fokus stark genug ist, erkennt das Gehirn keinen Unterschied zwischen dem Vorgestellten und dem tatsächlich Ausgeführten.
Sheilas Erfahrungen bei der Heilung ihrer Verdauungsprobleme illustrieren diesen Prozess der Neuerfindung: Sie hatte beschlossen, sich nicht mehr mit Erinnerungen an die Vergangenheit und ihrer damit verbundenen Opferhaltung plagen zu wollen. Sheila hatte die zur Gewohnheit gewordenen Gedankengänge erkannt, die sie loslassen wollte, und genug Aufmerksamkeit entwickelt, um ihren unbewussten Gedankenfluss unterbrechen zu können. Als Resultat feuerten nicht mehr dieselben alten neuronalen Netzwerke täglich in ihr. Nachdem Sheila die Oberhand über die alten Denkmuster gewonnen hatte, begann ihr Gehirn, diese nicht länger genutzten Kreisläufe allmählich aufzulösen. Das ist ein weiterer Aspekt des Hebb’schen Lernens, er lässt sich auf die knappe Formel bringen: Nervenzellen, die nicht mehr gemeinsam feuern, lösen sich voneinander. Hier gilt das alte Sprichwort: »Wer rastet, der rostet.« Dieses Prinzip kann bei der Veränderung unserer selbst wahre Wunder wirken.
Im Lauf der Zeit legte Sheila immer mehr von der Last der hinderlichen alten Gedanken ab, die ihr Leben bis dahin geprägt hatten. Das erleichterte ihr, sich vorzustellen, was für eine Art von Mensch sie sein wollte. Nun gestand sie sich Möglichkeiten zu, die sie früher nicht einmal in Erwägung gezogen hatte. Wochenlang konzentrierte sie sich darauf, wie sie als diese neue, unbekannte Person denken und handeln würde. Sie übte dieses neue Bild von sich selbst ein, sooft es irgend ging, um sich immer wieder daran zu erinnern, wer sie sein würde. Schließlich wurde sie zu einem Menschen, der gesund und glücklich in die Zukunft blickte. Gleich den Klavierspielern hatte auch Sheila neue neuronale Schaltkreise errichtet.
Interessanterweise berichtete der überwiegende Teil meiner Gesprächspartner, sie hätten sich bei diesen Übungen nie disziplinieren müssen. Sie hatten es geliebt, mental zu trainieren, wer sie werden wollten.
Genau wie Sheila war es allen meinen Gesprächspartnern erfolgreich gelungen, sich selbst neu zu erfinden. Sie hielten an ihren neuen Idealen fest, bis diese ihnen »in Fleisch und Blut übergegangen« waren. Sie wurden zu neuen Menschen mit neuen Gewohnheiten. Sie brachen mit den alten Gewohnheiten, ihrem alten Selbst. Wie sie das fertig brachten, bringt uns zum vierten Credo, das alle, die körperliche Heilung erfuhren, gemeinsam haben.
Koinzidenz Nr. 4: Wir sind in der Lage, uns so zu fokussieren, dass wir Zeit und Raum vergessen
Da meine Interviewpartner wussten, dass schon andere vor ihnen sich selbst von Krankheiten geheilt hatten, glaubten sie daran, es sei auch ihnen möglich. Doch wollten sie ihre Heilung nicht dem Zufall überlassen. Einfach hoffen und wünschen würde wohl kaum ausreichen. Auch das bloße Wissen, was zu tun wäre, genügte nicht. Um das erwünschte Ergebnis zu erzielen, mussten diese ungewöhnlichen Menschen ihren Geist bewusst und dauerhaft verändern. Jeder Einzelne musste an den Punkt absoluter Entschlossenheit, Willenskraft, Leidenschaft und Konzentration gelangen. Wie Dean gesagt hatte: Man muss seinen Kopf klar kriegen.
Dieser Ansatz erfordert große Anstrengungen. Bei allen bestand der erste Schritt darin, diesem Prozess den wichtigsten Platz in ihrem Leben einzuräumen. Das bedeutete, aus den gewohnten Zeitplänen, sozialen Aktivitäten, Fernsehgewohnheiten und so weiter auszusteigen. Wären sie weiter bei ihrer täglichen Routine geblieben, wären sie auch dieselben Personen geblieben, die ihre Krankheiten entwickelt hatten. Um sich zu verändern, um aufzuhören, ihr altes Selbst zu sein, mussten sie sich auch von ihren typischen Gewohnheiten trennen.
Also setzten sich alle, aber jeder im Alleingang, Tag für Tag hin und unternahmen es, sich selbst neu zu erfinden. Da ihnen das wichtiger war als alles andere, widmeten sie diesem Prozess jede freie Minute. Alle übten sich zunächst darin, ihre gewohnten Gedanken zu beobachten und ließen sich durch nichts davon ablenken.
Vielleicht sagen Sie jetzt: »Angesichts einer ernsthaften Erkrankung ist das ja auch nicht so schwer, aber bei mir steht schließlich nicht gerade das Leben auf dem Spiel.«
Nun, haben wir nicht alle unter irgendwelchen Gebrechen zu leiden – seien sie körperlicher, emotionaler oder spiritueller Natur –, die unsere Lebensqualität einschränken? Verdienen diese Beschwerden nicht dieselbe Aufmerksamkeit?
Natürlich hatten auch meine Gesprächspartner sich mit Zweifeln, widrigen Überzeugungen und Ängsten herumzuschlagen. Jeder musste sich sowohl seiner eigenen, altvertrauten inneren Stimme gegenüber taub stellen wie auch den Kommentaren von außen, von anderen Menschen, die ihm Sorgen einreden wollten und entgegenhielten, was ihn aus schulmedizinischer Sicht erwarte.
Fast alle Betroffenen wiesen darauf hin, diese neue innere Haltung sei nicht so leicht zu erringen. Wie unendlich viel der untrainierte Geist vor sich hin plappert, war ihnen vorher nie klar gewesen. Zuerst fragten sie sich, ob sie wohl in ihre gewohnten Muster zurückfallen oder ob sie überhaupt stark genug sein würden, dem alten Modus Widerstand zu leisten. Würden sie es schaffen, sich den ganzen Tag über ihrer Gedanken bewusst zu sein? Wie sich im Lauf der Zeit jedoch herausstellte, merkten sie es rasch, wenn sie in alte Muster zurückfielen, und so konnten sie das Programm unterbrechen. Je mehr sie trainierten, auf ihre Gedanken zu achten, desto einfacher ging es und desto besser fühlten sie sich hinsichtlich ihrer Zukunft. Und aus diesem Gefühl der Ruhe, Gelassenheit und Klarheit tauchte allmählich ein neues Selbst auf.
Interessanterweise berichteten alle von einem Phänomen, das Teil ihres neuen Lebens wurde: Widmeten sie sich über längere Phasen hinweg der Innenschau und Neuerfindung ihrer selbst, dann konzentrierten sie sich oft so sehr auf den gegenwärtigen Augenblick und ihre Absicht, dass etwas Erstaunliches geschah: Sie verloren vollkommen die Wahrnehmung von Körper, Zeit und Raum. Es existierte nichts mehr für sie – nur ihre Gedanken.
Lassen Sie mich das näher erklären. Unser alltägliches Bewusstsein ist für gewöhnlich mit drei Dingen beschäftigt:
• Erstens sind wir uns bewusst, in einem Körper zu sein. Unser Gehirn empfängt ein Feedback darüber, was im Körper vor sich geht und welche Reize er von unserer Umgebung aufnimmt. Wir bezeichnen das als »Körperempfindungen«.
• Zweitens sind wir uns unserer Umgebung bewusst. Der Raum um uns herum ist unsere Verbindung zur äußeren Wirklichkeit. Wir achten auf die Dinge, Objekte, Personen und Orte in unserer Umgebung.
• Drittens haben wir ein Bewusstsein der verstreichenden Zeit; wir strukturieren unser Leben innerhalb des Konzepts von Zeit.
Doch wenn Menschen sich mithilfe ernsthafter, selbstreflektierender Kontemplation nach innen richten und mental neue Möglichkeiten ausprobieren, wer sie werden könnten, dann versinken sie unter Umständen so tief darin, dass ihre Aufmerksamkeit sich völlig von ihrem Körper und ihrer Umgebung löst; beide scheinen zu verblassen oder ganz zu verschwinden. Selbst das Konzept von Zeit löst sich auf. Und öffnen sie Augen wieder, stellen sie vielleicht fest, dass die Zeitspanne, die ihnen wie Minuten erschien, in Wahrheit Stunden waren. In diesem Zustand wälzen wir keine Probleme und spüren keinen Schmerz. Wir lösen uns von den Empfindungen unseres Körpers und von der Verbindung mit den Dingen um uns herum. Wir können uns so tief auf diesen schöpferischen Prozess einlassen, dass wir uns darüber selbst vergessen.
Taucht dieses Phänomen auf, ist die betreffende Person sich nur noch ihrer Gedanken bewusst. Das Einzige ihr wirklich Erscheinende ist die Wahrnehmung dessen, was sie denkt. Fast alle meine Gesprächspartner haben das mit ähnlichen Worten zum Ausdruck gebracht: »Ich gehe innerlich zu dem anderen Platz in meinem Geist«, sagte eine Frau, »wo es keine Ablenkungen gibt, keine Zeit, wo ich keinen Körper habe, wo es nichts gibt – außer meinen Gedanken.« Alle verließen sie ihre gewohnte Verbindung mit dem »Selbst«, damit, »Jemand« zu sein, und wurden zum »Niemand«.
Und in genau diesem Zustand, so erfuhr ich, konnten sie beginnen, das zu werden, was sie sich vorgestellt hatten. Das menschliche Gehirn, insbesondere der Frontallappen, besitzt die Fähigkeit, Lautstärke zu drosseln, ja äußere Reize ganz auszuschalten, darunter auch die Zeitwahrnehmung. Wie neueste Erkenntnisse der funktionellen Hirnscan-Technologie belegen, kommen die mit den Zeit-, Raum-, Gefühls-, Bewegungs- und Sinneswahrnehmungen beschäftigten neuronalen Schaltkreise bei hoch konzentrierten Menschen buchstäblich zur Ruhe.8 Als Menschen genießen wir einen Vorteil: Wir sind imstande, unsere Gedanken realer werden zu lassen als alles andere, und wenn wir das tun, speichert unser Gehirn diese Eindrücke in den tiefen Falten seines Gewebes. Wenn wir diese Fähigkeit meistern, können wir anfangen, unser Gehirn neu zu programmieren und unser Leben zu verändern.
Was ist Aufmerksamkeit?
Zu den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften gehört: Um die Architektur des Gehirns zu verändern, müssen wir auf unser Erleben im gegenwärtigen Moment achten. Neuronale Netzwerke, die passiv stimuliert werden, d.h. ohne dass wir den Auslöser beachten, bewirken keine Veränderungen im Gehirn. Vielleicht hören Sie während Ihrer Lektüre dieses Buchs beispielsweise in der Wohnung über Ihnen jemanden staubsaugen. Hat dieses Geräusch für Sie keine Bedeutung, werden Sie es nicht weiter beachten, sondern einfach weiterlesen. Was Sie gerade lesen, ist Ihnen sehr wichtig, deswegen aktiviert Ihre Aufmerksamkeit nur ganz bestimmte neuronale Kreisläufe Ihres Gehirns, während andere, unwichtige Wahrnehmungen ausgefiltert werden.
Was also ist Aufmerksamkeit? Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf etwas richten, missachten Sie währenddessen alle anderen Informationen, die Ihnen sensorisch zur Verfügung stünden. Sie können auch zufällig aufkommende Erinnerungen unterbinden. Sie lassen Ihre Gedanken nicht zu den Überlegungen wandern, was es wohl zum Abendessen gibt, wie das letzte Weihnachtsfest war oder was Sie von Ihrem Kollegen denken. Sie hindern Ihren Geist daran, irgendetwas anderes zu tun als das, was Ihnen in diesem Augenblick wichtig erscheint. Ohne diese Selektionsfähigkeit könnten Sie nicht überleben. Und diese Fähigkeit, Ihre Aufmerksamkeit auf eine kleine Auswahl an Informationen zu konzentrieren, sitzt im Frontallappen Ihres Gehirns.
Der Frontallappen ermöglicht es Ihnen, Ihre Aufmerksamkeit auf eine Sache gerichtet zu halten – beispielsweise darauf, diese Seiten zu lesen –, weil er währenddessen andere Gehirnbereiche abschaltet, die mit Empfindungen wie Hören und Schmecken oder dem Bewegen Ihrer Beine, dem Spüren Ihres Gesäßes auf dem Sofa, mit Kopfschmerzen oder auch der Wahrnehmung Ihrer vollen Blase zu tun haben. Je besser es Ihnen daher gelingt, sich auf Ihre inneren mentalen Bilder zu konzentrieren, desto gründlicher können Sie Ihr Gehirn umprogrammieren und desto leichter wird es Ihnen fallen, andere Kreisläufe des Gehirns zu steuern, die ähnliche sensorische Reize verarbeiten. Mit anderen Worten: Aufmerksamkeit ist eine Kunst – und eine notwendige Voraussetzung!
Andere Gemeinsamkeiten
Darüber hinaus enthielten die Schilderungen meiner Gesprächspartner weitere Gemeinsamkeiten, die allerdings weniger gewichtig waren als die vier genannten. Ich beschränke mich auf die Erwähnung von zwei weiteren: Erstens wussten diese Menschen tief in ihrem Inneren mit großer Sicherheit, dass sie geheilt waren. Sie benötigten keinerlei diagnostische Beweise für das Verschwinden ihrer Krankheit – allerdings unterzogen sich dennoch viele bestätigungshalber entsprechenden Tests.
Zweitens hatten etliche der behandelnden Ärzte ihre Entscheidung gegen eine konventionelle Behandlungsmethode für Wahnsinn erklärt. Und sogar, als die Betreffenden sich ihren Ärzten als geheilt präsentierten, wollten diese es zunächst nicht glauben. Das ist in gewisser Weise verständlich, wenn auch sehr bedauerlich. Immerhin sagten die meisten Ärzte angesichts der bei diesen Menschen objektiv messbaren Veränderungen: »Ich weiß zwar nicht, was Sie anstellen, aber was auch immer es sein mag: Machen Sie damit weiter!«
Neue Durchbrüche in der Hirnforschung
Meine Erforschungen des Phänomens der Spontanheilungen ließen mein Interesse an allem, was es über das Gehirn zu wissen gibt, wieder hell aufflammen. Unsere heutige Zeit ist in dieser Hinsicht ungeheuer spannend: Noch nie zuvor konnten wir – dank der Neurowissenschaft – so viel über dieses bemerkenswerte Organ in Erfahrung bringen. Einige der jüngsten Erkenntnisse darüber, wie das Gehirn Gedanken erzeugt, könnten uns Hinweise liefern, wie wir in unserem Körper und in unserem Leben vieles zum Positiven wenden können.
Wer vor über 20 Jahren zur Schule ging, dem wurde noch beigebracht, das Gehirn habe wenig Veränderungsspielraum; unsere angeborenen Nervenzellverbindungen hätten uns im Hinblick auf Neigungen, Charakterzüge und Gewohnheiten bereits weitgehend festgelegt. Aus wissenschaftlicher Sicht galt das Gehirn damals als unveränderlich. Und sicher stimmt auch, dass alle Menschen in bestimmten Bereichen ihres Gehirns auf dieselbe, festgelegte Weise funktionieren, denn wir alle besitzen in vielerlei Hinsicht identische körperliche Strukturen und Funktionen.



