Schöpfer der Wirklichkeit

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Doch wie die heutige Forschung beweist, ist das Gehirn keineswegs so festgelegt, wie wir einst dachten. Wie wir inzwischen wissen, kann jeder von uns, in jedem Alter, neues Wissen erwerben, in seinem Gehirn verarbeiten und zu neuen Gedanken formulieren, wobei diese Prozesse in unserem Gehirn Spuren hinterlassen, genauer gesagt: neue synaptische Verbindungen. Das macht Lernen aus.
Neben Wissen zeichnet das Gehirn auch jede neue Erfahrung auf. Wenn wir etwas erleben, übertragen unsere Sinne Unmengen von Informationen ans Gehirn und übermitteln, was wir sehen, riechen, fühlen, hören und schmecken. Die Neuronen organisieren sich in entsprechenden Verbindungsnetzwerken, die diese Erfahrungen widerspiegeln. Die Neuronen bewirken auch die Ausschüttung von Chemikalien, die bestimmte Gefühle bewirken. Diese unterstützen uns dabei, uns an eine Erfahrung zu erinnern. Der Prozess der Ausformung von Erinnerungen hilft, die neuen neuronalen Verbindungen längerfristig aufrechtzuerhalten. Unser Gedächtnis ist einfach ein Prozess der Aufrechterhaltung neuer synaptischer Verbindungen.9
Die Wissenschaft ist dabei, genauer zu erforschen, wie wiederholte Gedanken diese neurologischen Verbindungen stärken und unsere Gehirnfunktionen beeinflussen. Wie einige interessante Studien belegen, ruft mentales Üben nicht nur Veränderungen im Gehirn hervor, sondern zeigt auch im Körper Wirkung. Probanden, die sich beispielsweise vorstellten, mit einem bestimmten Finger eine Zeit lang Gewichte zu heben, stärkten damit nachweislich den Finger.10
Anders als der Mythos vom festgelegten Gehirn uns glauben machen wollte, wissen wir heute: Das Gehirn verändert sich durch jede Erfahrung, jeden neuen Gedanken und durch alles, was wir neu lernen. Man nennt das »Plastizität«. Und es mehren sich die Beweise dafür, dass das Gehirn sich in jedem Alter verändern und formen lässt. Je tiefer ich in die Erkenntnisse über die Plastizität des Gehirns eindrang, desto mehr faszinierte mich, dass man das Gehirn mithilfe bestimmter Informationen und Fähigkeiten gezielt beeinflussen kann.
Die Plastizität des Gehirns ist seine Fähigkeit, sich bis weit in unser Erwachsenenalter hinein umzuformen und umzuorganisieren. Bei professionellen Geigern zum Beispiel findet man eine bemerkenswerte Vergrößerung des somatosensorischen Cortex (der mit dem Tastsinn verbundenen Gehirnregion), allerdings überwiegend im Bereich der linken Hand, die den Geigenhals hält und sich auf dem Griffbrett über die Saiten bewegt, und deutlich weniger im Bereich der rechten, den Bogen führenden Hand. Auch die beiden Gehirnhälften wurden verglichen: Der Bereich des Gehirns, der die Finger der linken Hand koordiniert, war deutlich größer als der (normal groß gebliebene) Bereich für die rechte Hand.11
Erst in den 1980er-Jahren löste die Vorstellung vom festgelegten Gehirn sich allmählich auf. Heute verstehen die Neurowissenschaftler das Gehirn als einen Bereich, der sich im gesamten Leben eines Menschen immer wieder neu organisiert.
Interessante Beweise widerlegen einen alten Mythos über die Nervenzellen. Lange Zeit glaubte man, Nervenzellen könnten sich nicht mehr teilen und vermehren. Wir haben damals gelernt, die Anzahl von Neuronen, über die wir verfügen, sei bei unserer Geburt festgelegt, und einmal beschädigte Nervenzellen könnten nicht mehr ersetzt werden. Das sieht man heute anders. Wie neuere Studien bezeugen, produziert ein normales, gesundes Erwachsenengehirn durchaus neue Gehirnzellen. Man nennt diesen Prozess »Neurogenese«. In den letzten Jahren hat die Forschung gezeigt, dass ausgereifte Nervenzellen im »Hippocampus« genannten Gehirnbereich sich nach Beschädigungen durchaus wieder regenerieren können.12
Und es können nicht nur geschädigte Bereiche wiederhergestellt werden: Es gibt inzwischen sogar Hinweise darauf, dass ein voll ausgereiftes Erwachsenengehirn jeden Tag neue Nervenzellen produzieren kann.
Nach einer Studie im Journal Nature vom Januar 2004 wächst ein bestimmter Bereich des Gehirns, wenn jemand beispielsweise Jonglieren lernt.13 Wie wir aus funktionellen Hirnscans wissen, kann Lernen die Gehirnaktivitäten verändern, doch diese Untersuchung wies nach, dass aus dem Erlernen von etwas Neuem sogar anatomische Veränderungen entstehen können.
Die Forscher der Universität Regensburg hatten 24 Freiwillige, die noch nie jongliert hatten, in zwei gleich große Gruppen aufgeteilt: Die eine Gruppe sollte drei Monate lang jeden Tag Jonglieren üben, die andere diente nur als Kontrollgruppe – ohne entsprechende Aufgabe. Am Anfang und am Ende der Studie wurden bei allen teilnehmern Gehirnscans mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) durchgeführt. Untersucht wurden jedoch nicht nur die Unterschiede in der Gehirnaktivität, sondern mittels einer hochkomplexen Analysetechnik (der »voxelbasierten Morphometrie«) prüfte man auch, ob sich Veränderungen in der grauen Substanz des Neocortex ergeben hatten. Die Dicke dieser grauen Substanz ist ein Hinweis auf die Gesamtzahl der Nervenzellen im Gehirn.
Bei den Probanden, die Jonglieren gelernt hatten, zeigte sich ein nachweisbarer Zuwachs der grauen Substanz in den mit visueller und motorischer Aktivität verbundenen Bereichen, und zwar sowohl im Volumen als auch in der Dichte: Ein Hinweis darauf, dass das Gehirn eines Erwachsenen neue Nervenzellen bilden kann. Die Neurowissenschaftlerin und Expertin für bildgebende Verfahren, Dr. Vanessa Sluming von der englischen University of Liverpool, meint dazu: »Was wir im täglichen Leben tun, könnte sich nicht nur auf die Funktion unseres Gehirns auswirken, sondern auch auf unsere Körperstruktur auf makroskopischer Ebene.« Interessanterweise schrumpften die vergrößerten Bereiche der Menschen, die Jonglieren geübt, aber anschließend mit dem Training aufgehört hatten, innerhalb von drei Monaten wieder auf ihre normale Größe zurück.
Selbst die Meditation hat vielversprechende Ergebnisse gezeigt, nicht nur auf die Gehirnwellenmuster, sondern auch bezüglich der Erzeugung neuer Hirnzellen durch achtsam nach innen gerichtete Aufmerksamkeit. Das Journal Neuroreport veröffentlichte im November 2005 eine Studie, die bei 20 Teilnehmern mit umfassender Erfahrung in buddhistischer Meditationspraxis eine vermehrte graue Substanz nachwies.14 Das Beste an den Ergebnissen dieser Studie: Die meisten Teilnehmer waren Normalsterbliche mit Job und Familie, die nur 40 Minuten am Tag meditierten. Man muss also nicht zum Heiligen werden, um seine Gehirnzellen zu vermehren. Die an dieser Studie beteiligten Wissenschaftler vermuten, Meditieren könnte auch die im Alter häufig auftretende Ausdünnung des Frontallappens verlangsamen.
Den Ergebnissen einer Studie von Fred Gage vom Salk Institute for Biological Studies in La Jolla, Kalifornien, zufolge, weisen Mäuse, die in einem Umfeld leben, das sie mental und physisch zusätzlich stimuliert, 15 Prozent mehr Gehirnzellen auf als Mäuse, aus einer für Nagetiere üblichen Umgebung. Darüber hinaus konnten Gage und eine Gruppe schwedischer Forscher im Oktober 1998 zum ersten Mal demonstrieren, dass menschliche Gehirnzellen über die Fähigkeit zur Regeneration verfügen.15
Anlass zur Hoffnung
Untersuchungen an Schlaganfall-Patienten haben einige spektakuläre Erkenntnisse über das Veränderungspotenzial des Gehirns zutage gefördert. Steht im Gehirn aufgrund einer Durchblutungsstörung plötzlich zu wenig sauerstoffhaltiges Blut zur Verfügung, wird neuronales Gewebe beschädigt. Häufig führen Gehirnschläge (Schlaganfälle) in dem mit Armen oder Beinen verbundenen Bereich des Gehirns zu entsprechenden Lähmungen. Gewöhnlich ging man davon aus, diese Lähmungen wären irreparabel – falls sie sich nicht in den ersten zwei Wochen zurückbildeten.
Doch auch dieser Mythos wird heute durch viele Studien infrage gestellt. Schlaganfall-Patienten, die diese erste Zeit längst hinter sich hatten – selbst über Siebzigjährige mit bis zu 20 Jahre alten Lähmungen –, konnten gewisse motorische Fähigkeiten dauerhaft zurückgewinnen. In einigen Forschungsprojekten, die Ende der 1970er-Jahre an der Abteilung für Neurologie des Bellevue Hospitals in New York City durchgeführt wurden, erlangten bis zu 75 Prozent der Teilnehmer wieder die volle Kontrolle über ihren gelähmten Arm oder ihr gelähmtes Bein. Der »Schlüssel« zur Neuverknüpfung in ihrem Gehirn war: Wiederholung.16
Unter Anleitung übten die Teilnehmer fleißig, ihren Geist auf die mentale Bewegung ihrer gelähmten Gliedmaßen auszurichten. Hoch entwickelte Biofeedback-Apparate lieferten ihnen Rückmeldungen. Konnte ein Patient durch bloßes Denken an die Bewegung dieselben Hirnmuster zu erzeugen, die er bei der Bewegung des entsprechenden nicht gelähmten Körperglieds aktivierte, löste die Lähmung sich allmählich auf. Sobald die Patienten ähnliche neuronale Muster erzeugten, wenn sie das betroffene Glied bewegen wollten, nahm die Stärke des neurologischen Signals an den gelähmten Arm (oder das Bein) und damit dessen Beweglichkeit zu. Unabhängig vom Alter der Patienten und der Dauer ihrer Beschwerden bewies das Gehirn seine erstaunliche Fähigkeit, Neues zu lernen und den Körper zu »reparieren« – einfach durch Geistes-Willenskraft.
Gehirn und Geist – ein verflixtes Mysterium
Diese positiven Ergebnisse bei Schlaganfall-Patienten werfen die Frage auf, was erhöhte Aufmerksamkeit und tägliches Üben dann wohl im Gehirn gesunder Menschen zuwege bringen könnten – vorausgesetzt, die Betreffenden verfügen über die nötigen Kenntnisse und Anleitungen. Hier führt eine Frage zur nächsten und übernächsten, doch fange ich einmal mit folgender an: Wenn das Gehirn eines Menschen in seiner physischen Struktur beschädigt ist, können wir dann daraus Rückschlüsse auf seinen geistigen Zustand ziehen? Sie haben sicher schon von Menschen gehört, die in mancher Hinsicht als geistig behindert oder krank gelten könnten, jedoch gleichzeitig in gewissen Bereichen erstaunliche Begabungen an den Tag legen. Letztlich muss die Frage lauten: Was ist der menschliche Geist, und wie sieht die Beziehung zwischen Gehirn und Geist aus?
Das Gehirn ist das Organ mit der größten Anzahl von Neuronen. Es funktioniert durch Impulse, sowohl bewusst als auch unterbewusst, und steuert unsere physischen und mentalen Funktionen. Ohne das Gehirn kann kein anderes Körpersystem funktionieren.
Der britische Biologe Sir Julian Huxley, der im frühen 20. Jahrhundert einige Schriften zum Thema »Evolution« veröffentlicht hat, schreibt als Antwort auf die Frage, ob der menschliche Geist sich durch das Gehirn erklären lasse: »Das Gehirn allein ist nicht verantwortlich für den Geist, auch wenn es ein für seine Manifestation notwendiges Organ ist. Ein isoliertes Gehirn ist biologisch genauso sinnlos wie ein isoliertes Individuum.«17 Nach Huxley musste der Geist also noch eine weitere Komponente haben.
Schon seit Beginn meiner Collegezeit faszinierte mich der menschliche Geist. Als Studienanfänger rätselte ich, wie es sein konnte, dass man in bestimmten Bereichen der Psychologie versuchte, den menschlichen Geist mithilfe des menschlichen Geistes zu erkennen und zu beobachten. Es erschien mir seltsam, dass man den Geist erforschte, ohne sich mit jenem Organ zu befassen, das den Geist hervorbrachte. So als sähe man einem Auto beim Fahren zu, ohne je unter die Motorhaube zu schauen und herauszufinden, was es eigentlich antreibt. Natürlich ist die Verhaltensforschung wichtig, aber ich fragte mich oft: Was könnte man wohl durch Beobachtungen eines lebendigen, funktionierenden Gehirns über den Geist erfahren?
Schließlich lassen sich aus den Gehirnen von Verstorbenen nur begrenzt Rückschlüsse ziehen. Die leblose Anatomie eines Gehirns zu studieren, um dadurch etwas über seine Funktionsweise zu erfahren – das ist gerade so, als wollte man etwas über die Funktionen eines Computers herausfinden, ohne ihn einzuschalten. Der einzige Weg, den menschlichen Geist wirklich zu verstehen, besteht darin, einem lebendigen menschlichen Gehirn bei der Arbeit zuzusehen.
Heute verfügen wir über die nötige Technologie: Wie wir durch funktionelle Hirnscans wissen, ist der menschliche Geist das Gehirn in Aktion. Das ist die neueste Definition für »Geist« (engl. mind) in den Neurowissenschaften. Ein lebendiges und aktives Gehirn kann Gedanken erzeugen, Intelligenz demonstrieren, neue Informationen aufnehmen, Fähigkeiten erlernen, Erinnerungen abrufen, Gefühle zum Ausdruck bringen, Bewegungen koordinieren, neue Ideen erzeugen und die Funktionen des Körpers aufrechterhalten. Das lebendige Gehirn kann auch Verhalten auslösen, Träume hervorbringen, die Wirklichkeit wahrnehmen, Überzeugungen vertreten, sich inspirieren lassen und – vor allem – sich dem Leben zuwenden. Damit der menschliche Geist existieren kann, muss das Gehirn lebendig sein.
Daher gilt: Unser Gehirn ist nicht unser Geist; es ist der physische Apparat, durch den unser Geist erst entsteht. Ein gesundes, funktionierendes Gehirn führt zu einem gesunden Geist. Das Gehirn ist ein Biocomputer mit drei individuellen anatomischen Strukturen, die drei verschiedene Aspekte des menschlichen Geistes produzieren. Der menschliche Geist ist das Ergebnis eines Gehirns, das die Gedankenimpulse seiner verschiedenen Regionen und Unterstrukturen koordiniert. Weil wir das Gehirn leicht auf unterschiedliche Weisen funktionieren lassen können, gibt es viele verschiedene »Geistes-Zustände«.
Das Gehirn erzeugt den menschlichen Geist in Form eines komplexen Datenverarbeitungssystems, weshalb wir nötigenfalls innerhalb von Sekunden Informationen sammeln, verarbeiten, speichern, abrufen und kommunizieren können, aber auch vorausschauen, Hypothesen erstellen, reagieren, uns verhalten, planen und Vernunft anwenden. Das Gehirn fungiert auch als Kontrollzentrum, durch das der menschliche Geist sämtliche für unser Leben und Überleben notwendigen Stoffwechselfunktionen organisiert und koordiniert. Ist Ihr Biocomputer angeschaltet bzw. lebendig und kann er Informationen verarbeiten, dann bringt er den menschlichen Geist hervor.
Der zurzeit gültigen neurowissenschaftlichen Definition folgend ist der menschliche Geist nicht identisch mit dem Gehirn, sondern vielmehr sein Produkt. Der Geist ist das, was das Gehirn tut. Wir können wahrnehmen, dass die Maschine läuft, ohne die Maschine zu sein. Ist das Gehirn lebendig, erzeugt es den menschlichen Geist. Man könnte also auch sagen: Der Geist ist das belebte Gehirn. Und ohne Gehirn kein Geist.
FORTSCHRITTE IN DER BILDGEBENDEN TECHNOLOGIE
Bis vor Kurzem war unser Verständnis des Gehirns sehr begrenzt, denn es stand uns zu seiner Erforschung lediglich die 80 Jahre alte Technologie des Elektroenzephalogramms (EEG) zur Verfügung. Das EEG lieferte grafische Darstellungen der Leistung eines Gehirns (Hirnstrommessungen), aber keine bildliche Darstellung eines lebendigen Gehirns. Heute lässt sich die Aktivität eines Gehirns von Sekunde zu Sekunde messen. Wir können die Struktur und Aktivität eines lebendigen menschlichen Gehirns mit noch nie dagewesener Detailgenauigkeit betrachten, denn das Verfahren ist in den letzten 30 Jahren revolutioniert worden: Inzwischen können EEGs ein funktionierendes Gehirn mithilfe der Computertechnologie dreidimensional abbilden.
Noch bedeutender sind die Fortschritte auf dem Gebiet der »bildgebenden Verfahren«. Diese Technologie beruht auf verschiedenen Prinzipien der Physik, von Veränderungen in lokalen Magnetfeldern bis zu Messungen radioaktiver Emissionen.
Eine Fülle neuer bildgebender Verfahren bringt eine Vielzahl von Informationen über das lebendige, arbeitende Gehirn hervor (und natürlich auch über den restlichen Körper). Dadurch können die Neurowissenschaftler von heute sich die unmittelbaren physiologischen Aktionen der Hirnsubstanz ansehen und die spezifischen, sich wiederholenden Muster eines funktionierenden Gehirns beobachten.
Als erste dieser neuen Technologien wurde 1972 die Computertomografie vorgestellt, auch CT oder CAT genannt. Ein Gehirn-CT ist eine Art »Schnappschuss« vom Hirninneren, auf dem sich erkennen lässt, ob die strukturellen Komponenten des Gehirns Anomalien, etwa beim Gewebe, aufweisen. CTs stellen nur Momentaufnahmen dar, sie können also nur zeigen, welche anatomischen Strukturen existieren, welche eventuell fehlen, welche Bereiche möglicherweise verletzt oder krank sind, und ob irgendetwas da ist, das nicht da sein sollte. Sie machen keine Aussage darüber, wie ein Gehirn funktioniert, sondern nur, was vielleicht nicht so ist, wie es sein sollte.
Wie wir heute wissen, verfügt das Gehirn über eine Vielzahl chemischer Mechanismen, die zu winzig sind, als dass man sie sichtbar machen könnte, und die wir nur an ihren Wirkungen erkennen. Doch auch sie können wir nur an einem arbeitenden Gehirn beobachten, und das ist mit CT-Scans nicht möglich.
Die Positronen-Emissions-Tomografie (PET) dient der Untersuchung der biochemischen Aktivität eines Gehirns. Das PET-Gerät verwendet Gammastrahlen, um Bilder zu erzeugen, die Rückschlüsse auf die Intensität der metabolischen Aktivitäten des jeweiligen Untersuchungsbereichs zulassen – d.h. man kann damit im Lauf der Zeit gewisse Funktionen des Gehirns nachvollziehen.
Die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) ist eine radiografische Technik, die auch Bilder vom lebendigen Gehirn zulässt und zeigt, welche Bereiche des Gehirns während einer bestimmten mentalen Tätigkeit aktiv sind. Bei der fMRT wird die Aktivität des Gehirns zwar nicht wirklich abgebildet, aber sie lässt weitreichende Rückschlüsse darauf zu, welche Teile des Gehirns aktiv sind, und zwar über die metabolische Aktion der Nervenzellen, da sie in verschiedenen Hirnregionen Energie und Sauerstoff verbrauchen.
Die Single-Photon-Emissions-Computertomografie (SPECT) verwendet multiple Gammastrahlen-Detektoren, die um den Kopf des Patienten rotieren, um seine Hirnfunktionen zu messen. Durch SPECT erzeugte funktionale Gehirnbilder ermöglichen es, bestimmte Muster von Gehirnaktivitäten mit neurologischen Krankheiten oder psychologischen Zuständen in Beziehung zu setzen. Ähnlich wie die fMRT sind die SPECT-Scans wertvolle Instrumente zur Messung des Energieverbrauchs von Nervenzellen des Gehirns im aktivierten Zustand.
Die drei letztgenannten bildgebenden Verfahren gehen weit über die Qualität von Schnappschüssen hinaus, auf denen – wie bei den typischen CT-Aufnahmen – eher ein Still-Leben zu sehen ist. Funktionale Gehirn-Scans liefern uns bewegte Bilder der gesamten neurologischen Aktivitäten des Gehirns – bezogen auf einen gewissen Zeitraum. Das ist sehr vorteilhaft, denn ein arbeitendes Gehirn verrät uns mehr über die normalen und unnormalen Aktivitäten des menschlichen Geistes. Die funktionale Gehirn-Scan-Technologie ermöglicht uns, den menschlichen Geist neurowissenschaftlich gründlicher zu untersuchen als je zuvor. Forscher entdeckten bei Menschen mit ähnlichen Beschwerden oder Verletzungen ähnliche Muster im Gehirn. Das kann einen Beitrag zu einer besseren Diagnose und Behandlung liefern.
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Eine Meditation über den menschlichen Geist
Betrachten wir eine relativ neue Untersuchung über die Beziehung zwischen Gehirn und Geist: Die Berichte der National Academy of Sciences vom November 2004 enthalten einen Artikel, der bestätigt, dass mentales Training durch Meditation und geradlinig ausgerichteten Fokus die inneren Funktionen den Gehirns beeinflussen kann.18 Einfach ausgedrückt: Wie der Artikel zeigt, ist es durchaus möglich, die Arbeitsweise des Gehirns und damit den Geist zu verändern.
In der betreffenden Studie wurden buddhistische Mönche mit umfassender Meditationserfahrung gebeten, sich auf bestimmte Geisteszustände wie Mitgefühl und bedingungslose Liebe zu konzentrieren. Um seine Gehirnaktivität möglichst umfassend messen zu können, wurden jedem Teilnehmer 256 Sensoren angehängt. Dabei stellte sich heraus, dass die Mönche Hirnwellen erzeugten, die weit über alles hinausgingen, was die ungeübte Kontrollgruppe zuwege brachte. Manche Mönche hatten bis zu 50000 Stunden Meditationspraxis hinter sich – ihre Gehirne, insbesondere der Frontallappen, bezeugten Aktivitäten, wie sie nur mit höherer mentaler Funktion und höherem Bewusstsein einhergehen können. Tatsächlich konnten sie ihre Gehirnfunktionen sogar auf Kommando verändern.
Bei den Mönchen mit der umfassendsten Meditationspraxis zeigten bestimmte elektrische Gehirnimpulse, die sogenannten Gammawellen, ein Niveau, das höher lag als alles, was die Forscher je bei einem gesunden Menschen gemessen hatten. Werden im Gehirn neue neuronale Verknüpfungen hergestellt, treten diese Gammawellen typischerweise in Erscheinung.
Im linken Frontallappen gibt es einen Bereich, der mit Freude verbunden ist. Bei einem der Mönche war die Aktivität in diesem Bereich so stark, dass die untersuchenden Wissenschaftler meinten, er müsse der glücklichste Mensch auf Erden sein.
»Wir haben festgestellt, dass eine lange Meditationspraxis zu Gehirnaktivitäten eines Ausmaßes führt, wie wir es noch nie zuvor beobachten konnten«, fasst der Leiter des Experiments, Richard Davidson, Ph.D., von der University of Wisconsin, zusammen. »Die mentale Praxis dieser Menschen wirkt sich auf das Gehirn genauso aus, wie eine langjährige Golf- oder Tennis-Karriere die entsprechende Leistung steigert.« In einem späteren Interview sagte Dr. Davidson: »Wie wir festgestellt haben, unterscheidet der trainierte menschliche Geist oder das trainierte menschliche Gehirn sich physisch von einem untrainierten.«19
Aus diesem Experiment wird deutlich, dass wir durch eine Verbesserung der Gehirnleistung tatsächlich den Geist verändern. Lassen Sie uns ein wenig dabei bleiben, was diese Studie bedeutet:
Wenn das Gehirn das Instrument der bewussten und unterbewussten Gedankenimpulse ist und der menschliche Geist das Endprodukt dieses Gehirns – wer oder was bewirkt dann eine Veränderung in Gehirn und Geist? Der Geist kann den Geist nicht verändern, weil er ein Ergebnis des Gehirns ist. Der Geist kann das Gehirn nicht verändern, weil er ein Produkt desselben ist. Und das Gehirn kann die Arbeit des Geistes nicht verändern, weil es nur die Hardware ist, wodurch der Geist wirkt. Und zu guter Letzt kann das Gehirn auch das Gehirn nicht verändern, weil es ohne eine den Geist bewegende Kraft nur ein lebloses Objekt ist.
Wenn es denn möglich ist, die Funktionen von Gehirn und Geist durch gezieltes Training zu verbessern – wer oder was bewirkt dann die Veränderung in Gehirn und Geist? Die Antwort liegt in einem schwer definierbaren Wort: »Bewusstsein«. Dieser Begriff bringt die Wissenschaftler schon seit vielen Jahren in Verlegenheit. Doch lassen sie den Begriff des Bewusstseins seit rund 10 Jahren allmählich als einen Faktor in ihre vielen Theorien über ein Verständnis der Wirklichkeit einfließen.
Ohne zu sehr ins Mystische oder Philosophische abgleiten zu wollen: Bewusstsein ist das, was dem Gehirn Leben schenkt. Es ist jene unsichtbare Essenz, die das Gehirn belebt. Es ist der unsichtbare Aspekt des Selbst, gleichzeitig bewusst und unbewusst, der das Gehirn verwendet, um Gedanken aufzufangen, und sie dann zusammenführt, um den Geist zu erschaffen.20
Geist, Materie und mehr
Als ich mich im Rahmen meiner Promotion in Chiropraktik auch mit Neuroanatomie befassen musste, habe ich unzählige Gehirne seziert und dabei etwas schnell begriffen: Ein Gehirn ohne Leben ist einfach ein Stück Materie, ein Organ, das weder denken noch fühlen, handeln, erzeugen oder sich verändern kann. Zwar mag das Gehirn unser wichtigstes Organ sein, aber es muss belebt werden. Es ist das Organ der Intelligenz, aber es ist eben nur ein Organ. Anders gesagt: Das Gehirn kann sich nicht aus sich selbst heraus verändern, es muss gesteuert werden.
Das Gehirn ist jenes Organ im zentralen Nervensystem, das über die größte Anzahl von Nervenzellen oder neuronalen Gruppen verfügt. Eine hohe Anzahl von Neuronen dient als Hinweis auf Intelligenz. Neuronen sind extrem winzig; auf einer Stecknadelspitze hätten ungefähr 30000-50000 davon Platz. In dem »Neocortex« genannten Bereich unseres Gehirns, dem Sitz unserer bewussten Wahrnehmung, kann jede Nervenzelle sich mit 40000-50000 anderen Nervenzellen verbinden. In einem anderen Bereich, dem Cerebellum, sind jedem Neuron sogar potenziell bis zu einer Million Verbindungen verfügbar. Auf Abbildung 2.1. sind diese beiden Neuronenarten dargestellt.



