10 Galaktische Abenteuer Box 4

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Die Belegschaft tauschte kurz einige Blicke aus und schien sich einig zu sein.
»Auf Ihr Risiko«, sagte einer spröde, und schon setzten die Männer sich in Bewegung. Ihre Schraubenschlüssel, Eisenstangen und Schleifgeräte hatten sie in eindeutiger Geste erhoben.
»Wunderbar«, ballte Jericho die Fäuste und setzte sich in Marsch. »Ein kleines Massaker hebt die Laune …«
Noch bevor die Kontrahenten aufeinanderstießen, peitschte eine schrille Stimme durch die Halle.
»Zum Teufel! Was ist los da unten?«
Auf einem Metallsteg hoch über dem Hallenboden stand ein Mann in grün-blauem Overall.
»Ein Kunde, dem’s nicht schnell genug geht, sucht Streit, Chef!«, rief ein Monteur nach oben.
»In meiner Werkstatt will ich keinen Ärger!«, trampelte der Mann lautstark die Stufen des Gerüsts herunter. »Und ihr macht euch an die Arbeit! Ich regele das!«
»Schade, Jungs«, zwinkerte Jericho den Technikern zu, »wär’ bestimmt lustig geworden mit euch …«
»Und Sie!«, schrillte der Werkstatt-Chef weiter und erreichte das Ende der Treppe. »Sie sagen mir jetzt sofort, weshalb Sie diesen Auflauf provoziert haben!«
»Keine Panik, Meister«, zeigte sich Jericho gelassen. »Will nur mein Schmuckstück abholen und bin schnurstracks wieder weg.«
»Ich erinnere mich an Sie«, sagte der grün-blaue Overall. »Sie haben mir doch diesen durchlöcherten Gleiter abgeliefert! – Den können Sie vorerst abschreiben. Keine Ahnung, wie lange die Reparatur dauert. Mit Schweißen und Lackieren ist das eben mal nicht getan.«
»Vergiss den Lack, Bursche! Die Kiste soll fliegen. Und am besten wär’ es, wenn sie’s jetzt gleich tun würde.«
»Völlig unmöglich!« Der Mann bekam einen hochroten Kopf. »Wir haben jede Menge zu tun! Ich kann keinen meiner Leute von den Auftragsarbeiten abziehen. Kommen Sie übernächste Woche noch mal her!«
»Wenn ich das korrekt verstanden habe«, blieb Jericho ruhig, »bist du in dem Laden der Boss …«
»Ich bin Garth Garson. Ich leite diese Werkstatt.«
»Schön. Denn der Boss hält immer die Rübe für seine Mitarbeiter hin.«
Bevor Jericho den verdutzten Mann packen konnte, sprang Nicoleta dazwischen.
»Hören Sie, Garson. Wir haben’s wirklich eilig. Würden Ihnen 20.000 Extra-Dimes eventuell auf die Sprünge helfen …?«
»20.000 …« Garth Garson verzog herablassend die Mundwinkel und musterte Nici. »Woher wollen Sie so viel Geld haben? Offenbar reicht es bei Ihnen nicht mal für die Anschaffung von vernünftigem Schuhwerk. Ich überlege tatsächlich, ob ich den Reparaturauftrag übernehmen soll …«
»Zeig’s ihm, Großer«, sagte Nici zu Jericho. Der holte bereits mit der Faust aus, wurde dann jedoch von seiner Freundin zurückgehalten.
»Zeig ihm die Überweisung«, tadelte sie ihn.
Jericho holte sein NET-Phone hervor und hielt es Garson hin.
»Überprüf’ meine ID«, erklärte er. »Und grüble nicht zu lange drüber nach …«
»Ich will eine Vorschusszahlung«, erwiderte Garson prompt.
Jericho wickelte den Transfer noch in derselben Sekunde ab. Über den Namen des Werkstattinhabers konnte er die genaue Bankverbindung ermitteln. Garth Garson fingerte nach seinem eigenen NET-Phone und überprüfte den Eingang. Er enthielt sich jeglichen Kommentars, nickte nur kurz und drehte sich seinen Leuten zu: »Alle Arbeiten einstellen! Der zerschossene Gleiter dieses Herrn hat absoluten Vorrang! Es wird rund um die Uhr gearbeitet!«
»Geht doch«, meinte Jericho gutgelaunt.
»Übermorgen ist Ihr Fahrzeug in fabrikneuem Zustand«, versicherte Garson.
»Morgen!«, schüttelte Jericho den Kopf. »Wie meine zuckersüße Begleitung bereits sagte: Wir haben es eilig …«
Garth Garson wirkte wenig begeistert. Schließlich jedoch stimmte er zu.
»Wird erledigt«, sagte er knapp.
*
Weiches Kunstlicht erhellte den weißen Raum mit dem weißen Mobiliar und erzeugte eine Stimmung, die nicht von dieser Welt war. Geheimnisvolle Apparaturen blinkten. Ein Mann mit braunem, krausem Haar, gehüllt in einen weißen Einteiler, auf dem blau leuchtende Leitungen verliefen, war vertieft in die Anzeigen eines Monitors und wandte sich erst von diesen ab, als ein zweiter Mann den Raum betrat.
»Der Notruf der ›Commonwealth ist abgefangen worden«, teilte der Neuankömmling mit.
Der Kraushaarige verhielt einen Moment wie erstarrt. Dann sah er auf.
»Und?«, fragte er.
»Das Signal konnte nicht zu uns zurückverfolgt werden.«
Das Leuchten der blauen Leitungen schien eine Spur intensiver zu werden.
»Weitere Schwierigkeiten können wir uns auch nicht leisten.« Der Mann in dem Einteiler bewegte kaum die Lippen. »Der Verlust der Ladung ist schwerwiegend genug. Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass ich mir vor Ort ein Bild der Lage mache, bevor diese vollends eskaliert.«
»Die Einrichtungen dürfen keinesfalls verloren gehen«, gab der andere Mann unter Anspannung zu verstehen.
»Das werden sie nicht, wenn ich es verhindern kann. Die Anlagen sind zu wertvoll.«
Der Kraushaarige gab seinem Gegenüber ein Signal, dass er allein sein wollte.
Nachdem sein Gesprächspartner gegangen war, widmete er sich wieder konzentriert den Monitoranzeigen.
*
»Haste prima hingekriegt, Garson«, lobte Jericho und stiefelte zufrieden um das Aero-Car herum. Wie vereinbart waren er und Nicoleta vierundzwanzig Stunden nach ihrem letzten Besuch in der Werkstatt von Garth Garson erschienen, um ihren arg in Mitleidenschaft gezogenen Gleiter abzuholen. Zwischenzeitlich hatte Jericho sich mit Agent Beck ausgetauscht und diesen über den aktuellen Stand der Dinge informiert.
»Sogar die Gondeln sind bombig in Schuss«, nickte Nici anerkennend.
»Ist auch nicht ganz billig«, kam es zögernd über Garsons Lippen.
»Keine Sorge wegen der Bezahlung«, winkte Jericho lässig ab. »Meine Auftraggeber sind nicht zimperlich.«
»Sie arbeiten für die Regierung?«, hakte Garson nach. Unauffällig wollte er seinem Kunden einige Informationen entlocken.
»Hast gut aufgepasst, Hoschi«, sagte Jericho nebenher, war jedoch immer noch mit der Inspektion des Aero-Cars beschäftigt.
»Ich wollte auch immer schon an so einen Auftrag herankommen«, erklärte der Werkstatt-Chef. »Instandhaltung der Fahrzeuge und Ähnliches. Hat aber nie geklappt.«
Jericho klopfte auf die Verglasung des Gondelauslegers.
»Was so ein paar Mäuse doch alles bewirken«, meinte er im Selbstgespräch. Und an Garson gewandt fuhr er fort: »Musst dich nur richtig einbringen, dann leierst du denen ’nen Service-Vertrag aus’m Ärmel.«
Garth Garson bekam ein hoffnungsfrohes Glitzern in den Augen.
»Könnten Sie … ich meine, besteht die Möglichkeit, dass Sie da etwas arrangieren würden?«, formulierte er verhalten.
»No way!«, erwiderte Jericho unmissverständlich. »Bin doch keine Arbeitsvermittlung. Wenn du ’n Stück von dem Kuchen willst, musste’s dir schon selber abschneiden.«
»Ich dachte ja nur …«, brummelte Garson kleinlaut.
Jericho beachtete den Mann nicht weiter, stieg ins Aero-Car und spielte an einigen Knöpfen und Schaltern herum. Die MG-Lafette auf dem Dach des Gleiters schwenkte nach rechts und links, das Maschinengewehr selbst nach oben und unten. Kurz betätigte Jericho den Abzug und gab eine kleine Salve ab. Im hinteren Werkstattbereich hackten die Kugeln in ein Regal, durchlöcherten einen Motorblock und ließen einige Behältnisse zerplatzen. Mehrere Mitarbeiter warfen sich in Panik zu Boden und hielten schützend die Hände über dem Kopf verschränkt.
»Funktioniert ja bestens«, strahlte Jericho und hüpfte aus dem Gleiter. »Lass mal die Rechnung rüberwachsen. Dann können wir ’nen Abflug machen.«
Garth Garson hielt den entsprechenden Ausdruck bereits in der Hand, den ihm Nici mit einer flinken Bewegung aus den Fingern riss.
»Jau!«, stieß sie wie vom Donner gerührt aus und reichte Jericho das Blatt.
»Mann«, sagte der, »dafür kann ich ein Jahr im Puff übernachten!«
»Wir mussten komplette Karosserieteile austauschen«, verteidigte sich Garson. »Und die Leute wollen auch bezahlt werden.«
»Gibt’s da eine Lücke im Sozialsystem?«, fragte Jericho barsch. »Ist doch alles abgedeckt!«
»Aber die Überstunden muss ich extra vergüten.« Garth Garson ging unwillkürlich einen Schritt rückwärts, als er Jerichos finstere Miene erblickte. »Und die Leute haben im Akkord ohne Pause gearbeitet.«
Jerichos Empörung verrauchte schlagartig.
»Na, ist schließlich nicht meine Kohle, die du verjubelst. Sollst auch nicht leben wie ein Hund.«
»Wie … verbleiben wir denn jetzt mit der Rechnungsbegleichung?«, erkundigte sich Garson schüchtern.
»Den Bonus haste doch schon. Die Rechnung leite ich weiter.«
»Verstehe …« Dem Werkstatt-Chef war anzusehen, dass ihm diese Regelung nicht gefiel, doch er hielt sich mit weiteren Bemerkungen zurück. Auch ging er nicht auf die kleine Zerstörungsorgie ein, die Jericho abgehalten hatte. Eher hoffte er, dass seine seltsame Kundschaft zügig die Halle verließ, ohne neuen Schaden anzurichten.
Nici hatte sich derweil auf dem Co-Piloten-Sitz breit gemacht und in gewohnter Weise die Füße auf das Armaturenbrett gelegt. Jericho nahm ebenfalls Platz und startete die Maschine.
»Nettes Städtchen!«, rief er Garson durch die geöffnete Flügeltür des Aero-Cars zu und versuchte das Donnern des Triebwerks zu übertönen. Schon hob der Gleiter ab, schwenkte gemütlich um die eigene Achse und positionierte sich mit der Schnauze zum Hallentor.
»Schau mal in die Datenbank, ob Beck die Auftragsanweisungen übertragen hat«, forderte Jericho seine Freundin auf. Als er die Flügeltür schließen wollte, sah er Garson noch einmal heranwieseln.
»Geben Sie bitte Acht beim Verlassen der Halle!«, schrie der Werkstatt-Chef gegen den Motorenlärm an.
»Alles cool!«, beschwichtigte ihn Jericho. »Bin doch kein Verkehrsrowdy!«
Kaum hatte er es ausgesprochen, gab er Vollschub. Es gab einen Knall, der einer mittelschweren Detonation ähnelte und als grollender Donner von den Hallenwänden widerhallte. Blitzartig schoss das Aero-Car zwischen den Torflügeln hindurch und entfachte einen Orkan, der alles, was nicht angenagelt war, wild durch die Gegend fliegen ließ. Die explosionsartig ins Vakuum einfallende Luft schleuderte Garth Garson gegen einen Tisch, mit dem er gemeinsam zu Boden ging. Das flammende Triebwerksaggregat hinterließ breite Schmauchspuren auf dem Untergrund.
»Beck ist echt auf Zack«, meinte Nicoleta, als sie zwischen den Wolkenkratzern hindurchflogen. »Die Daten sind gestern Abend noch eingegangen.«
»Wie lautet unser nächstes Ziel?«, fragte Jericho nach und passierte das Außengerüst der Stadt.
»Wir sollen nach Galveston. Ist ’ne Hafenstadt am Golfstrom.«
Jerichos Miene bekam einen energischen Ausdruck.
»Dann los!«
*
Der Autopilot lenkte das Aero-Car in einem mehr als siebenstündigen Flug von METROCITY II an die texanische Küste. Jericho und Nici hatten sich einige Stunden Schlaf gegönnt und wurden von der Automatik geweckt, als sie kurz vor der Küstenstadt waren.
»Zieh dich wieder an«, raunte Jericho seiner Begleiterin zu, die pudelnackt neben ihm im Copilotensitz lag. »Sonst komme ich noch auf dumme Gedanken, bevor wir überhaupt mit der Recherche begonnen haben.«
Nici blinzelte schläfrig und sammelte ihre spärliche Bekleidung ein, die sie vor ihrem Nickerchen abgelegt hatte.
»Gibt nix Besseres, als sich über den Wolken bräunen zu lassen«, sagte sie und rekelte sich genießerisch im Schalensitz. »Die Vorzüge eines knackig-braunen Frauenkörpers solltest du doch zu schätzen wissen, Großer.«
»Ich setze zur Landung an, Babe«, ignorierte Jericho ihren Einwurf. »Wäre also gut, wenn du nicht jedermanns Blicke auf dich ziehen würdest.«
»Na denn«, murrte Nici, zeigte sich aber gleich wieder von ihrer heiteren Seite. »Ich hoffe doch, du hast nicht vergessen, was ich dir im Hotel ins Ohr geflüstert habe …«
Jericho übernahm die Anflugkontrollen und warf Nicoleta einen kurzen Blick zu.
»Alles zu seiner Zeit«, meinte er nur und zeigte einen grimmigen Gesichtsausdruck, der der jungen Rumänin verriet, dass ihr muskelbepackter Liebhaber gegenwärtig für Gespräche dieser Art nicht zu haben war. »Beck finanziert uns keine Vergnügungsreise. Und die Kohle haben wir bitter nötig. Vielleicht erinnerst du dich auch an dieses Gespräch.«
»Uuuhh, sei doch nicht so grummelig«, versetzte Nici, zog sich die Shorts über die Hüften und legte auch das knappe Top an. »Ein bisschen Spaß wird einem doch noch gegönnt sein.«
Das Aero-Car überflog die Dächer von Galveston. Konzentriert hielt Jericho nach einem geeigneten Landeplatz Ausschau und fand schließlich eine Stelle, die ihm geeignet erschien. Abseits der Hauptverkehrsstraßen setzte er den Gleiter auf einem kleinen Hof ab, der mit allerlei Gerümpel, Kartons und Kisten zugestellt war. Die Rückstoßdüsen erzeugten eine wallende Staubwolke. Als sie sich verzogen hatte, stiegen die beiden aus.
»Wir müssen sehen, wie wir an Waffen kommen«, gab Jericho zu bedenken. »Durch Beck haben wir uns nicht das erste Mal mächtigen Ärger eingehandelt.«**siehe BLACK JERICHO #1–3
Nachdenklich tappte Nici über den heißen, staubigen Boden.
»Und wo willst du welche bekommen?«, fragte sie. »Vor allem: Wo willst du hier irgendwelche Hinweise auf die verschwundenen Container und das gesunkene Schiff sammeln? Wir kennen doch kein Aas in der Stadt.«
Jericho grinste. Es war jenes Grinsen, das eine gewisse Hinterhältigkeit und gerissene Schläue vermuten ließ.
»Die wichtigsten Informationen bekommt man da, wo sich das Volk tummelt und unter Alkoholeinfluss alles Mögliche ausplaudert, was man für gewöhnlich nicht zu hören bekommt.«
»Du willst einen Kneipenzug veranstalten?«, bekam Nici große Augen. »Da solltest du aufpassen, dass du nicht plötzlich irgendwas ausplauderst.« Sie klopfte demonstrativ auf die Griffe ihrer COLTs, die an ihrer Hüfte baumelten. »Die beiden werden uns vorerst über Wasser halten, Jerri, wenn’s hart auf hart kommt.«
»Ich verlass mich lieber auf meine eigenen Knarren«, erwiderte Jericho.
»Jungs und ihre fetten Wummen«, neckte ihn Nici. »Wenn du nicht eine große geladene Kanone in der Hose mit dir rumtragen würdest, könnte man glatt denken, du bräuchtest einen Phallusersatz.«
»Ich will ein FLUX!«, beharrte Jericho. »Mit deinen COLTs machst du ein halbes Dutzend Gegner platt, aber keine Armee.«
»Nu mal nicht gleich den Teufel an die Wand!«, regte sich die junge Rumänin auf. »Vielleicht löst sich die Sache ganz einfach und ohne Stress auf. Schiffe sinken nun mal, Frachtgüter gehen verloren. Ist doch nichts Ungewöhnliches.«
»Nicht, wenn die Regierung mit ihrer Nase im Dreck schnüffelt. Da steckt mehr dahinter. Und ich bin kein Freund von Überraschungen und gerne vorbereitet.«
Nicoleta Belà zuckte die Schultern.
»Dann hören wir auf zu quatschen und machen uns an die Arbeit.« Nici gestikulierte erwartungsvoll und drängend zugleich. »Wie gehen wir vor?«
»Wir schwingen uns in ein Taxi und lassen uns ins Zentrum kutschieren. Der Rest ergibt sich.«
Jericho sicherte das Aero-Car und schlenderte die schmale Gasse vom Hof zur Straße entlang. Zwei Minuten darauf preschten sie in einem Cab zur Innenstadt.
*
Das Zentrum von Galveston war weniger pompös und lebhaft, als sie es aus den METROCITYS kannten. Die höchsten Gebäude hatten gerade einmal zwanzig Geschosse, es gab kaum Neonwerbung und auch weniger Verkehr. In den Straßen liefen zwar eine Menge Menschen herum, doch es herrschte bei weitem nicht das turbulente Gedränge der Großstädte.
»Na, hier sind wir doch genau richtig.« Jericho stützte die Fäuste in die Hüften und begutachtete die Front einer Bar, an der verhaltene Leuchtreklame blinkte.
»Du suchst dir auch gleich mal wieder die finsterste Spelunke aus, die es im weiten Umkreis gibt«, nörgelte Nici und deutete auf die heruntergekommen wirkende Fassade und großflächige, eingetrocknete Flecken darauf, die an Blut erinnerten, das bereits in die Wände eingezogen war und sich kaum noch entfernen ließ.
»Da werden Erinnerungen wach an die schönsten Zeiten in ›Teague’s Tavern‹«, strahlte Jericho, machte zwei Schritte vor und stieß die Tür auf. Qualm und Fuselgeruch schlugen ihm entgegen. Nici, die ihm folgte, rümpfte die Nase. Und mehr noch zeigte sie sich pikiert, als sie im Dämmerlicht, das im Inneren herrschte, mehrere leichtgeschürzte Damen erkannte, die gelangweilt am Tresen und an den Tischen hockten.
»Hast echt ein gutes Gespür, Großer«, maulte sie. »Willst du jetzt ein paar Strichbienen ausquetschen? Glaub mir, die wissen nichts von dem Schiff. Die hängen dir höchsten die Syphilis an und behaupten, du hättest sie eingeschleppt.«
Schon setzten sich zwei Mädchen in Bewegung und schaukelten auf Jericho zu. Der ließ sie erst gar nicht zu Wort kommen, schob sich ruppig zwischen ihnen hindurch, sodass sie beiseite torkelten und unterdrückte Flüche losließen, und ging zielstrebig auf einen Tisch zu, an dem ein einzelner Mann saß und versonnen sowie offensichtlich benebelt in ein großes Glas Bier starrte.
»He, Alter!«, rief Jericho. »Ist dir’s Gebiss in die Brühe gefallen oder guckste immer so?«
Sekundenlang tat der Angesprochene völlig unbeteiligt, bis er den Kopf leicht drehte und Jericho aus trüben Augen anschaute.
»Lassen Sie mich zufrieden, Mister. Bin nicht in der Stimmung für Frage-Antwort-Spielchen.«
»Dann weißt du auch nichts über ein Schiff namens ›Commonwealth‹, das vor der Küste gesunken ist, ja?«
Für einen Moment war es Jericho, als würde der Mann am Tisch sich versteifen, doch dann raunte dieser ihm zu: »Hauen Sie ab! Ist gesünder.«
Jericho schürzte die Lippen, beugte sich vor und stützte sich auf die Tischplatte. Noch bevor er jedoch das Gespräch wieder aufnehmen konnte, tönte vom Tresen her eine scharfe Stimme herüber.
»Belästigen Sie meine Gäste nicht! Sie haben doch gehört, dass der Mann nicht gestört werden will!«
»Hab was an den Ohren«, meinte Jericho gelassen und drehte sich langsam zu der Stimme hin.
»Riecht nach Ärger«, flüsterte Nici. Unwillkürlich legte sie die Handflächen auf ihre beiden COLT M2011 G.
»Wenn Sie nicht trinken oder vögeln wollen, machen Sie sich schleunigst vom Acker.« Der Kerl hinter der Theke war um die vierzig, gut genährt vom eigenen Bier, stoppelbärtig und mit fettglänzender Haut. Seine Hände verharrten irgendwo unter dem Tresen, als könnten sie jederzeit einen verborgenen Alarmknopf auslösen.
»Keine Hektik, Meister«, entgegnete Jericho, blieb entgegen seiner Gewohnheiten gelassen und zeigte seine leeren Handflächen. »Ich will nur ein paar Auskünfte. Nicht mehr.«
»Die bekommen Sie bei uns nicht«, antwortete der Schankwirt widerborstig. »Bei mir gibt’s Bier, harte Sachen und Weiber.«
»Kein Bedarf«, winkte Jericho ab. »Ich interessiere mich für Schiffe.« Leutselig fügte er hinzu: »Das ist doch eine Hafenkneipe, nicht wahr?«
Unmerklich zuckte der linke Arm des Wirtes unterhalb der Theke. Starr blieb er stehen und verschränkte nun seine Arme vor der Brust.
»Falls Sie Streit suchen, können Sie den haben, Mister.«
»Und was willst du dagegen machen, Schwuchtel?«, funkelte Jericho ihn kampflustig an. »Haste über’n Alarmbutton deine Schlägerhoschis gerufen?«
Der Kerl hinter dem Tresen gab keine Antwort. Das musste er auch nicht, denn in diesem Moment flog die Tür der Bar auf, und drei fleischige Kolosse stampften herein.
Jericho wiegte den Kopf und hob eine Braue.
»Siehste!«, zischte Nici. »Das haben wir jetzt davon!«
Die drei Fleischberge schoben sich weiter vor. Einer wandte den Kopf in Richtung des Wirtes.
»Macht der Typ Stunk?« Er wiegte ein Eisenrohr in seinen Pranken.
»Nehmt ihn euch vor«, sagte der Keeper. »Das Landei stellt ’ne Menge dämliche Fragen. Der Weißkopf schreit geradezu nach Prügeln.«
Mehr wollten die drei Schläger nicht hören. Einer rasselte mit seiner Eisenkette, der Schmerbäuchige neben ihm hieb mit einem kurzstieligen Hammer immerzu spielerisch in seine Handfläche. Der Dritte im Bunde ließ die Eisenstange in der Hand kreisen, als wäre sie lediglich ein netter Zeitvertreib und nicht dazu bestimmt, einem Gegner den Schädel einzuschlagen.
»Lasst mal sehen, was ihr auf der Pfanne habt«, provozierte Jericho siegessicher. »Speckarme und Fettbäuche lassen mich nämlich nur kotzen und nicht vor Angst zittern.«
Gleichzeitig sprangen die drei vor, und sie legten eine Schnelligkeit und Gewandtheit an den Tag, mit der Jericho nicht gerechnet hatte. Aus der Luft kam das Eisenrohr herangedroschen, während der in der Mitte befindliche Kerl die Eisenkette losschnellen ließ. Die wickelte sich um Jerichos Unterschenkel, der in derselben Bewegung weggerissen wurde und den Söldner hart zu Boden gehen ließ. Im letzten Augenblick noch konnte er dem Schlag des Eisenrohrs ausweichen, das dicht neben seinem Kopf die Fußbodenkacheln zertrümmerte. Jericho zog kraftvoll das Bein an, das von der Kette umschlungen war, und zerrte den Dicken auf sich zu, der dabei das Gleichgewicht verlor und einen wuchtigen Stiefeltritt abbekam, den Jericho mit dem freien Bein ausführte. Sofort rollte er sich, getragen vom eigenen Schwung, zur Seite, wälzte sich auf den fettleibigen Kerl, der wie ein Sack Pudding aufgeschlagen war, und rammte ihm den Ellbogen mitten ins Gesicht. Der Nasenknochen krachte laut und wurde zertrümmert. Eine Rolle rückwärts brachte Jericho außer Reichweite des dritten Angreifers, der seinen Hammer schwang und damit die Luft quirlte. Geschickt landete Jericho auf den Füßen, stieß sich ab und bohrte dem Hammerakrobaten den Kopf in die Eingeweide. Als dieser über ihm zusammenklappte, hebelte Jericho ihn über sich hinweg und ließ auch ihn auf die Kacheln krachen. Doch da war Mister Eisenrohr bereits heran, hieb seine Waffe in Jerichos Seite, dass dieser aufstöhnte, und setzte zweimal mit blitzartiger Geschwindigkeit nach. Jericho ging in die Knie und stützte sich mit beiden Armen am Boden ab. Einen flüchtigen Moment lang drohte der Schmerz ihm die Besinnung zu rauben. Er erwartete den nächsten Schlag, der ihn vermutlich außer Gefecht gesetzt hätte. Stattdessen donnerte ein Schuss los – und in den darauffolgenden Schrei mischte sich das Platschen einer Unmenge Blut, das sich halb über Jericho und halb über den Boden ergoss. Ein weiterer Schuss folgte, dann das Poltern eines Hammers und der dumpfe Aufschlag eines schwergewichtigen Körpers.
»Schluss mit den Faxen!«, rief Nicoleta wütend. »Für Schulhofkeilereien hab ich nichts übrig!«
Schwerfällig drehte Jericho sich um. Misstrauisch betrachtete er den Kerl mit dem Eisenrohr, der stumm und starr vor ihm stand. Sein Gesicht war eine einzige blutende Wunde und zusätzlich durch ein großes Loch von der Kugel entstellt, die Nici ihm durch den Hinterkopf gejagt hatte. Der Fleischberg musste tot sein, aber irgendetwas hielt ihn noch aufrecht auf den Beinen. Erst jetzt begann er zu schwanken und kippte wie ein fettdurchsetztes Gebirge nach vorn. Beinahe hätte er Jericho unter sich begraben, wenn der nicht rasant zur Seite ausgewichen wäre.
Missmutig warf er einen Blick auf den Dicken, der die Kette ums Handgelenk geschlungen hatte und wimmernd am Boden lag. Zitternd tastete er nach seiner Nase und zuckte immer wieder unter Schmerzen vor der Wunde zurück. Der Hammerwerfer lag mit ausgebreiteten Armen gleich bei ihm. In seinem Rücken klaffte ein faustgroßes Loch.
»Haste noch mehr von der Sorte?«, fragte Jericho den Schankwirt frech. »Bin nämlich gerade erst warmgelaufen.«
Der Mann hinter dem Tresen hob abwehrend die Hände und duckte sich leicht.
»Ein kleines Dankeschön wäre nett«, brachte Nici sich in Erinnerung.
»Wieso?«, wunderte sich Jericho. »Hast doch den ganzen Spaß verdorben.«
Die Rumänin steckte ihren COLT ins Halfter.
»Du bist ein unverbesserlicher Ignorant! Und als Diplomat taugst du auch nicht.«
»Ich kann ja nicht nur Vorteile haben.« Jericho zwinkerte ihr schelmisch zu.
»Was machen wir nun?«, fragte Nici genervt. »Hast du noch ein paar von diesen tollen Ideen?«



