10 Galaktische Abenteuer Box 4

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Jericho brauchte nicht lange zu überlegen.
»Auf in die nächste Kneipe«, sagte er gut gelaunt. »Es gibt noch ’ne Menge zu tun.«
Gereizt stieß Nici die Luft aus, folgte dem Söldner jedoch.
Sonderlich weit kamen sie allerdings nicht …
*
Gleich vor dem Ausgang stellte sich Jericho und Nici ein Mann in den Weg. Er war herangehuscht wie ein Schatten, hager und mit einem langen schwarzen Ledermantel samt Stetson bekleidet. Unvorsichtigerweise packte er Jericho am Oberarm, um ihn aufzuhalten, und hätte dieser nicht sofort gemerkt, dass der Dürre für ihn keine Gefahr darstellte, er hätte ihm die vorwitzige Hand abgerissen und den Kerl ungespitzt in den Boden gerammt. So aber blieb er stehen und wartete, bis der Fremde sich zu erkennen gab.
»Sie sind am Leben«, wisperte der Schwarzgekleidete heiser. »Das kommt selten vor, wenn sich jemand mit den Arbuckle Brothers anlegt.«
»Aha«, machte Jericho, »die Speckklöpse haben auch einen Namen. Dann wird sich der, der noch übrig ist, wohl umbenennen müssen in ›Brother‹.«
»Sie haben zwei von denen getötet?«, kam es erstaunt.
»Ich war das!«, spielte sich Nici in den Vordergrund. »Mein Partner« – sie deutete mit dem Kinn auf Jericho – »fand es komisch, sich erst mal aufmischen zu lassen.«
»Dennoch – meinen Respekt.«
»Gibt’s irgendeinen Grund«, fragte Jericho, »dass deine Gischtklaue an meinem Arm klebt? Ich frage mich gerade, warum ich sie dir nicht mit dem kompletten Arm in den Hals stopfe.«
»Verzeihen Sie«, sagte der Hagere, und seine Hand zuckte augenblicklich zurück. »Mein Name ist Shane Grissom. Ich habe ein wenig an der Tür gelauscht und mitbekommen, dass Sie sich für die MS ›Commonwealth‹ interessieren …«
»Weißt du was über das Schiff, Bursche? Dann spuck’s lieber gleich aus!«
»Ich komme viel herum und höre eine Menge«, wich Grissom aus. »Vielleicht habe ich genau die Informationen, nach denen Sie suchen.«
»Vielleicht«, meinte Jericho abweisend, »bist du aber auch nur ein Aufschneider, der uns für dumm verkaufen will. In diesem Fall solltest du dich mit Lichtgeschwindigkeit verdünnisieren, bevor ich meine guten Manieren vergesse.«
»Nicht doch!«, wehrte Grissom ab. »Ich weiß mehr als Sie glauben. Schließlich bin ich einige Zeit auf der ›Commonwealth‹ mitgefahren, bis –« Er stockte plötzlich.
»Bis was?«, hakte Nici nach.
»Ist ein verflixt großer Kahn«, erwiderte Shane Grissom, »mit ordentlich Platz für allerlei zwielichtige Fracht.«
»Aus Regierungskreisen wird berichtet, dass der Pott bis obenhin vollgeladen war, als er gesunken ist«, war Jerichos Interesse geweckt.
Shane Grissom äugte ihn neugierig an.
»Sie arbeiten für die Regierung?«, erkundigte er sich schwach.
»Das habe ich nicht gesagt«, entgegnete Jericho barsch.
»In den Medien ist noch kein Ton vom Verschwinden der ›Commonwealth‹ verlautet worden. Woher also haben Sie Ihre Informationen?«
»Ich hab sie eben. Das wird wohl reichen.«
»Nun gut«, lenkte Grissom ein. »Kann mir auch egal sein. Wichtig ist nur, dass endlich ans Tageslicht kommt, was auf dem Schiff transportiert wurde, woher es stammt und wofür es gedacht ist.«
»Sie wissen es nicht?«, schaltete Nicoleta sich ein. »Sagten Sie nicht, Sie seien ein Besatzungsmitglied gewesen?«
»Das stimmt. Doch Captain Jorge Blunt hat sich nie dazu geäußert. Vermutlich wusste er es selbst nicht. Er hat sich immer damit herausgeredet, wir würden gut für unseren Job bezahlt und hätten keine Fragen zu stellen. Anfangs habe ich mich damit zufriedengegeben, doch die Umstände haben mich schwanken lassen. Schließlich hielt ich es für das Beste abzumustern.«
»Umstände?«, fragte Jericho ungeduldig. »Welche Umstände? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!«
»Ich muss Sie doch höflichst bitten, Ihre gute Kinderstube nicht zu vergessen«, sagte der Schwarzgekleidete forsch. »Ich bin der einzige ernstzunehmende Informant, den Sie in ganz Galveston finden werden. Zudem zwingt mich niemand dazu, Ihnen Auskünfte zu geben.«
»Willst dir wohl ein saftiges Taschengeld verdienen«, schloss Jericho.
Shane Grissom zeigte sich nachgiebig.
»Gegen eine kleine Aufwandsentschädigung hätte ich natürlich nichts einzuwenden.« Er sah sich um. »Müssen wir das auf offener Straße besprechen? Ich nehme an, Ihr Geplänkel hat einiges Aufsehen erregt. Ich möchte nur ungern den Cops in die Arme laufen.«
»Er hat recht«, sagte Nici. »Wir sind nicht in den Wastelands. Hauen wir ab!«
Grissom rückte seinen Stetson gerade.
»Ich weiß ein Plätzchen, an dem wir ungestört sind.«
»Soll mir recht sein«, nickte Jericho. »Aber dann lässt du die Katze aus dem Sack …«
*
Fünf Minuten etwa schlenderten sie durch Nebenstraßen und lichtlose Gassen, bis sie ein Gebäude erreichten, das einer klassischen Hafenspelunke alle Ehre machte. Auf dem Gehsteig lagen komatöse Zecher, eine Scheibe des Hauses war eingeschlagen; ein paar Meter weit auf dem löchrigen Asphalt lag ein Stuhl, der wohl während einer handgreiflichen Auseinandersetzung hindurchgeflogen war. Nah beim Eingang waren zerbrochene Flaschen verteilt und eine Unmenge Scherben. Der ausgelaufene Fusel hatte dunkle Flecken auf der Straße hinterlassen und bildete einen nett anzusehenden Kontrast zu dem hellen Brei, der in mehreren Pfützen aus Erbrochenem schwamm. Es konnte noch nicht allzu lange her sein, dass an diesem Ort reger Betrieb geherrscht hatte.
»Keine Sorge«, sagte Shane Grissom. »Um diese Zeit ist nichts los. Wir werden ungestört sein.«
Sie traten ein. Der Geruch der vergangenen Nacht lag wie ein schweres Parfüm in der Luft, aber außer einem verschlafenen Barkeeper, der die Ankömmlinge nicht weiter beachtete, befand sich keine Menschenseele im Gastraum.
»Setzen wir uns«, forderte Grissom seine Begleiter auf.
»Ich hoffe, das wird kein Endlos-Smalltalk«, mäkelte Jericho. »Würde nämlich lieber noch ein paar Bars auseinandernehmen.«
»Sie sind ein Mann der Tat, ja?«, sagte Grissom anerkennend.
»Er ist ein großes, dummes Spielkind«, mischte Nici sich ein. »Und Galveston ist sein neuer Sandkasten.«
»Kommen wir wieder auf die außergewöhnlichen Umstände zu sprechen, von denen du geredet hast, Hoschi«, sagte Jericho zu Grissom und widmete seiner rumänischen Freundin einen scharfen Seitenblick.
»Wie wäre es vorher mit einer kleinen, ähm, Anerkennung …?« Grissom hob die Hand und rieb Daumen und Zeigefinger gegeneinander.
Jericho kramte ein paar Terra-Dimes hervor und knallte sie auf den Tisch. Shane Grissom hob den Stetson an, fuhr mit der Hand über die Scheine und zog sie auseinander.
»Ist recht wenig«, meinte er und verzog den Mund.
»Wir haben auch noch nichts bekommen!«, fauchte Jericho. »Bin doch kein Kreditinstitut.«
»Nun gut«, lenkte der Mann in Schwarz ein. »Sie sollen bekommen, wofür Sie zahlen.« Eine längere Pause folgte. Dann sprach Grissom weiter. »Während meiner Zeit unter Captain Blunt sind wir etwa zehn Mal von Galveston aus aufgebrochen. Wir hatten Fracht aufgenommen von Kolonnen aus dem Landesinnern, die wir die Küste hochtransportierten.«
»Wo haben Sie sie abgeladen?«, wollte Nici wissen.
»METROCITY III. Die Container wurden von einem Konvoi abgeholt. Das weitere Ziel ist mir unbekannt.«
»Ziemlich vage.« Nici kratzte sich am Kinn.
»Keinen müden Dime sind die Infos wert!«, wurde Jericho laut, packte Grissoms Hand, die die Scheine hielt, und wollte sie zur Seite biegen.
»Warten Sie!«, rief ihr geheimnisvoller Gesprächspartner. »Ich bin noch nicht fertig!« Er wollte seine Hand wegziehen, doch Jericho hielt sie eisern fest. »Die Wagenkolonne, die die MS ›Commonwealth‹ belieferte, stammt aus Midland. Dort gibt es einen riesigen Industriekomplex, eine ehemalige Erdölraffinerie. Ich bin sicher, Sie finden dort Antworten auf Ihre Fragen.«
»Wie weit ist Midland entfernt?«, fragte Jericho.
»Annähernd 750 Kilometer.«
»Woher wissen Sie, dass der Konvoi von dort gestartet ist?« Nicoleta Belà verengte die Augen und beobachtete jede Regung in Grissoms Gesicht. Der ließ sich aber nicht aus dem Konzept bringen.
»Einer der Fahrer hat es mir berichtet. Ich war neugierig, verstehen Sie?«
»Offenbar nicht neugierig genug«, versetzte Jericho. »Von dem Frachtgut haben wir immer noch keinen Dunst.«
»Der Schlüssel liegt in Midland«, beharrte Shane Grissom. »Glauben Sie mir. Mir selbst ist die Sache zu heiß geworden. Ich habe schnell herausgefunden, dass an dem Auftrag etwas faul ist. Nennen Sie es Instinkt oder Weitsicht – aber da wollte ich einfach nicht mehr mitmachen …«
Jericho zog seine Hand zurück.
»Behalt den Schotter«, sagte er großzügig. »Ist aber das Einzige, was du siehst.«
Shane Grissom widersprach nicht und ließ die Scheine rasch in einer Manteltasche verschwinden.
»In Ihrem Gleiter sind Sie in einer Stunde in Midland«, sprach Grissom an Jericho gewandt.
»Woher weißt du von unserem Gleiter?«, wurde Jericho hellhörig. »Spionierst du uns nach, Wichtel?«
»Ihre Ankunft war nicht zu übersehen«, entgegnete Grissom und stand auf. »Ist eine kleine Stadt, dieses Galveston.«
Jericho und Nici erhoben sich ebenfalls.
»Je eher wir hier fortkommen, desto besser«, knurrte Jericho. »Midland ist zumindest ein brauchbarer Anhaltspunkt.«
Grußlos verließen er und seine Gefährtin die Bar. Kurze Zeit darauf war das Donnern startender Triebwerke zu hören. Shane Grissoms Züge wurden von einem Lächeln umspielt. Unter seinem Mantel holte er ein NET-Phone hervor. Die Verbindung war voreingestellt und baute sich in Sekundenschnelle auf. Am anderen Ende der Leitung wurde abgehoben, aber eine Stimme war nicht zu hören.
»Sie haben angebissen«, sprach Grissom in das Gerät.
Es erfolgte keine Erwiderung. Lediglich ein leises Knacken verriet, dass die Verbindung unterbrochen worden war.
*
Träge aber unaufhaltsam legte sich Dunkelheit über das Land. Gewitter lag in der Luft, und hoch über den Wolken trafen kalte und warme Luftmassen aufeinander, die hin und wieder das Aero-Car erschütterten. Nicoleta hob ein Augenlid an und blinzelte aus dem Cockpit, während Jericho die Triebwerke drosselte.
»Machst du eigentlich noch was anderes als pennen?«, fuhr er sie an und stabilisierte dabei den Flug des Gleiters.
»Soll ich lieber stricken?«, antwortete Nici und gähnte herzhaft. »Was soll ich denn eine ganze geschlagene Stunde lang anfangen?«
»Was weiß ich? Spiel an den Zehen! Ich kann mich ja auch nicht hinhauen.«
Nici grinste verstehend, sagte aber nichts. Stattdessen wandte sie den Blick voraus. Jericho hatte mit dem Sinkflug begonnen. Die Wolkenfetzen flogen an der Cockpitscheibe vorbei. Hinter ihnen sank die Sonne rasch dem Horizont entgehen, bis sie nur noch ein rotgoldener Halbmond war. Vor ihnen jedoch zeichneten sich die düsteren Konturen verschachtelter Industriegebäude ab. Jericho nahm mehr Schub von den Triebwerksdüsen, hielt ihre Position mehrere Hundert Meter über dem dürren, ausgetrockneten Land und orientierte sich. Der Scanner zeigte einen unüberschaubar großen Komplex auf einer Fläche von etwa 1,2 Quadratkilometern. Je näher das Aero-Car kam, desto bedrohlicher wirkte die Anlage.
»Nicht ein einziges Licht«, sagte Nicoleta bedrückt. »Nur finstere Gerüste, Hallen und Türme. Es ist fast, als würden wir in den Schlund eines gewaltigen Monstrums fliegen.«
»Weiß auch nicht, wie wir da was finden sollen«, brummte Jericho vor sich hin. »Am meisten trauere ich meinem FLUX nach. Lauf nicht gern komplett nackt durch die Gegend.«
»Stimmt, Großer. Irgendwas sagt mir, dass wir es gut gebrauchen könnten. So wie letztens auf Titan.«**siehe BLACK JERICHO #1: »Massaker in den Leichenminen«
»Müssen halt so klarkommen«, meinte Jericho und steuerte das Aero-Car über die ersten Gebäude hinweg. »Ich such uns mittendrin einen Landeplatz. Dann sehen wir uns um.«
»Und ich bin die Erste, die die Beine in die Hand nimmt, wenn’s Trouble gibt.«
»Bist doch sonst nicht zimperlich, Babe.«
Nici überlegte einige Sekunden, bevor sie antwortete.
»Ich kann’s nicht beschreiben, aber da unten ist etwas, das mir Angst macht …« Sie schaute Jericho mit ausdrucksloser Miene an.
»Da vorne liegt das Kraftwerk«, überging Jericho ihren Einwand. »Mit ein bisschen Massel erwecken wir die Raffinerie wieder zum Leben.«
»Die Anlage ist seit Jahrzehnten verlassen«, warf die Rumänin ein. »Wäre ein echtes Wunder, wenn wir da noch Saft rauspressen.«
Der Gleiter verhielt in der Luft und schwenkte kontrolliert mit dem Heck hin und her. Jericho zog das Aero-Car in einem kleinen Kreis bodenwärts und setzte es zwischen einem Gewirr von Rohrleitungen ab.
»Sehen wir zu, dass wir ins Kraftwerk kommen«, übernahm Jericho die Initiative. »Die Sonne steht tief. Bald wird es stockdunkel sein.«
Im Laufschritt hasteten sie zum Kraftwerk. Eine verschlossene Eisentür verwehrte ihnen jedoch den Zugang. Nici zog ihren COLT und gab aus drei Metern Entfernung einen gezielten Schuss auf das alte Schloss ab. Dem Aufschlag der Kugel folgte metallisches Kreischen. An der Einschussstelle hatte sich die Tür nach innen verbogen. Offen war sie aber immer noch nicht.
»Moment mal!«, sagte Jericho und trat wuchtig gegen die Tür. Dem ersten Stiefeltritt folgten zwei weitere, jedes Mal mit mehr Kraft und mehr Wut ausgeführt. Noch einmal kreischte die metallische Verriegelung, dann brach sie auseinander. Die Eisentür schoss zurück und krachte dröhnend gegen die Innenwand.
»Na bitte.« Jericho schritt durch den Eingang und sah sich um.
»Lausig dunkel«, stellte Nici fest. »Ich renn zum Gleiter und hol uns Magnesiumfackeln.«
Jericho nickte, und Nici lief los. Sie öffnete die Flügeltür auf der Pilotenseite, kroch zwischen den Schalensitzen hindurch zur Transportfläche und wühlte in einigen Taschen herum. Schnell wurde sie fündig, klemmte sich ein halbes Dutzend Fackeln unter den Arm und hangelte sich rückwärts zurück ins Cockpit.
Kaum hatte sie die Flügeltür geschlossen, nahm sie zwischen den Röhren und Zuleitungen eine Bewegung wahr. Zumindest war sie der Meinung, eine solche gesehen zu haben. Wie angewurzelt blieb sie stehen, bemühte sich, im Dämmerschein mehr zu erkennen, und suchte mit den Augen nach einem Hinweis, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Sie benötigte einige lange Augenblicke, um zu der Erkenntnis zu gelangen, einer Sinnestäuschung erlegen zu sein. Und genau da registrierte sie ein zweites Huschen, klar und deutlich, da sie zufälligerweise genau in jene Richtung geblickt hatte. Es war von oberhalb der großen Rohrleitungen gekommen und hinter einer Turbine verschwunden.
Die Scheiße kocht wieder auf großer Flamme, dachte Nici. Sie verzichtete darauf, eine der Fackeln zu entzünden. Der Schein hätte nicht weit genug gereicht und sie selbst hingegen zur Zielscheibe gemacht. Aufgewühlt sprintete sie zum Kraftwerk.
»Wir kriegen Besuch!«, rief sie ins Dunkel und hörte ein dumpfes Poltern.
»Verflucht!«, schrie Jericho. »Weshalb läuft hier ein Rohr in Kopfhöhe durch den Raum?«
»Hör auf zu jammern!«, drängte Nicoleta. »Draußen geistern irgendwelche Gestalten rum!« Sie riss eine Magnesiumfackel an und warf die Tür zu. Der abgebrochene Sperrriegel schnappte zwar zu, würde einem Eindringling jedoch keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzen.
»Hast du schon herausgefunden, wie du die Energiekonverter hochfahren kannst?«, fragte sie Jericho, der sich die lädierte Stirn rieb.
»Ist uralte Technik«, erwiderte der Söldner. »Hab noch keinen Überblick.« Er bedeutete Nici, ihm eine der Fackeln zuzuwerfen.
»Als würde man einen Schimpansen bitten, die Steuererklärung auszufüllen«, schimpfte Nici, meinte es aber nicht gegen Jericho gerichtet. Aus ihr sprach lediglich die Unruhe, die sich von Sekunde zu Sekunde verstärkte.
»Hier sind ein paar Schieberegler«, teilte Jericho mit. »Ich probiere die Dinger mal aus.«
Als nichts geschah, sagte Nici:
»Die Stromzufuhr muss zentral abgestellt worden sein. Such nach einem Verteilerkasten oder was Ähnlichem. Diese Raffinerien besitzen eine autarke Energieversorgung.«
Jericho pirschte im Licht der Fackel umher, während Nici versuchte, den Sinn der Hebel, Knöpfe und Schieberegler einer Schalttafel zu ergründen. Gehetzt sah sie dabei immer wieder über ihre Schulter zur Tür.
»Ich hab was!«, rief Jericho triumphierend auf. Er stand vor einem schrankhohen Kasten, an dem mehrere farbige Buttons und Skalen angebracht waren. »Hier sind Anzeigen für Volt, Watt und Ampere.« Ohne eine Reaktion von Nici abzuwarten, drückte er den erstbesten Knopf.
Ein dumpfer Schlag hallte durch den Generatorraum. Aus unbestimmter Richtung drang das Geräusch anlaufender Motoren heran. Kurz darauf flackerten hoch über ihnen Lampenreihen, blitzten mehrmals auf und strahlten sodann hell und unterbrechungsfrei auf.
»Funktioniert doch!«, meinte er lachend. Doch kaum hatte er die Worte ausgesprochen, polterte es an der Tür. Einen Sekundenbruchteil später wurde sie mit brachialer Gewalt aufgestoßen.
Entsetzt schrie Nici auf.
Jericho wirbelte auf dem Absatz herum und fluchte innerlich, kein FLUX zur Hand zu haben. Denn im Eingang stand eine Absurdität, die nur ein kranker Geist ersonnen haben konnte.
Jerichos ansonsten kalt-berechnende Miene zeigte einen Anflug von Verwirrung. Aber nur für einen winzigen Moment. Denn das fürchterliche Etwas in der Tür ging ansatzlos zum Angriff über.
Und ihm folgte eine ganze Horde seiner Art!
*
»Unser Mann in Galveston hat die Zielobjekte auf die Fährte angesetzt.« Der Sprecher war gerade einmal knapp über ein Meter sechzig groß, hatte dunkelblondes, strähniges Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel. In dem steril-weißen Raum wirkte er wie ein Fremdkörper, ganz im Gegensatz zu dem kraushaarigen Mann, der im weißen Einteiler mit seinen rätselhaft leuchtenden Anzugleitungen vor einem Bildschirm saß und schweigend eine Aufzeichnung betrachtete.
Eine Weile noch dauerte es, bis er auf die Worte seines Mitarbeiters reagierte.
»Wie erwartet, Sucksbee«, sagte er schließlich beinahe teilnahmslos. »Die Schritte unserer Kontrahenten lassen sich leicht vorausberechnen.«
»Dank der Überwachung des Regierungssatelliten«, trumpfte Denford Sucksbee auf. Er trat an den Kraushaarigen heran und warf einen Blick auf den Bildschirm.
»Wieder dieser Jericho Blane?«, fragte er. Der Monitor zeigte eine NET-TV-Dokumentation, bei der sich Jericho durch umstehende Passanten auf die Kamera zudrängte, bis dessen Gesicht in Großaufnahme zu sehen war. Das Kamerabild wackelte. Der Moderator der Sendung fuchtelte mit den Händen durchs Bild, wollte Jericho vertreiben, der sich aber nicht beirren ließ und den heftig Gestikulierenden wegstieß.
»Wieder dieser Jericho Blane«, wiederholte der Weißgekleidete tonlos. »Sein erster und einziger Auftritt im NET-TV. Aber die wenigen Sätze aus seinem Mund haben mich der Lächerlichkeit preisgegeben.«
»Das ist doch Jahre her«, versuchte Sucksbee den Vorfall herunterzuspielen.
»Ich sehe es mir immer wieder an, damit ich es nicht vergesse. Zur selben Zeit nähre ich meine Abneigung für diesen Mann. Das macht es mir leichter, ohne Gewissensbisse gegen ihn vorzugehen.«
Das Bild auf dem Monitor fror ein. Weitgehend emotionslos studierte der Kraushaarige die Züge von Jerichos wutverzerrtem Gesicht.
»Würden Sie Mitleid für diesen Herrn empfinden?«, erkundigte er sich bei Sucksbee.
»Das würde ich nicht unbedingt sagen, Sir. Ein Sympathieträger scheint er nicht zu sein.«
Der Mann im schneeweißen Einteiler ließ ein Schmunzeln erkennen.
»Es wird Zeit für mich aufzubrechen. Keinesfalls möchte ich zu spät kommen.«
»Ich verstehe«, nickte Denford Sucksbee. »Die Vorbereitungen für Ihre Abreise sind getroffen.«
Das blaue Licht der Anzugleitungen fluktuierte leicht, als Sucksbees Arbeitgeber aufstand. Er klopfte seinem Mitarbeiter auf die Schulter und schritt an diesem vorbei.
»Sie werden mich begleiten, Sucksbee. Ich habe gerne einen Trumpf im Ärmel.«
Anstandslos folgte ihm Sucksbee.
*
Nici war in der Bewegung erstarrt! Ihr blieb nur ein Augenzwinkern, um die schreckliche Kreatur zu betrachten. Diese war grotesk verwachsen, von pulsierenden Geschwüren übersät und wirkte, als wäre alles an ihr in ständiger Bewegung. Der Schädel des Monstrums war die bizarre Verformung eines annähernd menschlichen Kopfes, völlig kahl und dazu eckig. Die Augen waren halbkugelige Gebilde, die auf dem quaderförmigen, seltsam vom Rumpf abstehenden Schädel saßen. Dass dieses Wesen seinen grobschlächtigen, weit über zwei Meter großen und enorm breiten Körper derart schnell in Bewegung zu setzen vermochte, erschreckte die Rumänin fast noch mehr als der scheußliche Anblick selbst.
Grollend stürzte die Abnormität in den Kraftwerksraum, riss dabei die Türzarge aus der Verankerung und hechtete auf Nici zu. Hinter dem Ungetüm schoben sich weitere Monstren herein, orientierten sich kurz und jagten auf Jericho zu.
Panikerfüllt zog Nici ihre beiden M2011 G und feuerte die Halbautomatiken auf den ersten Angreifer ab. Die Geschosse schlugen fauchend in den bizarren Leib, fetzten große Löcher hinein und verspritzten grüne und gelbe Flüssigkeiten. Den Ansturm des Wesens konnten sie jedoch nicht stoppen.
Nicoleta Belà warf sich zur Seite und schleuderte im Flug die Magnesiumfackel in die Fratze des Ungeheuers. Außer einem zornigen Grollen zeigte sie allerdings keine Wirkung.
Behände sprang Nici auf die Füße, schoss erneut mehrere Salven ab und bemerkte, dass ihr Gegner ins Wanken geriet. Zäher Saft lief aus den großen Einschusslöchern; einige der Geschwüre waren aufgeplatzt und offenbarten rohes Fleisch. Dennoch wusste die Rumänin, dass es unmöglich sein würde, alle Monstren auf diese Weise auszuschalten. Dazu reichte ihre Munition nicht aus.
Jericho stand mit bloßen Händen da, warf sich todesmutig einer Kreatur von insgesamt vier entgegen und ließ seine Faust mit Macht in ihre Grimasse krachen. Bis zum Handknöchel drang sie in den Schädel ein. Jericho packte alles, was ihm zwischen die Finger kam, und riss es aus dem zerschlagenen Gesicht heraus. Mit der zweiten Hand zerquetschte er der Reihe nach die Augen des Mutanten, der aufbrüllend strauchelte und Jericho unter sich begrub. Selbst für den Söldner war es keine leichte Aufgabe, sich einen Freiraum unter dem zentnerschweren Leib zu verschaffen, um sich darunter herauszuschälen. Er war noch nicht aufgestanden, da riss ihn die zweite Kreatur bereits wieder zu Boden. Eitriges Gelee tropfte von ihren Lippen auf Jerichos Brustharnisch; schenkeldicke Arme prügelten auf ihn ein. Verbissen wehrte Jericho die Hiebe ab, umklammerte den verwachsenen Hals der Bestie und versuchte, ihn zu verdrehen.
Völlig unerwartet wurde die Bestie von ihm heruntergerissen, nur, um der nächsten Platz zu machen, die ihren verwundeten Artgenossen fortgeschleudert hatte und bereits zu einem vernichtenden Schlag ausholte. Jericho drehte sich fort und entging um Haaresbreite dem Hieb, der donnernd den Betonboden spaltete. In das bösartige Dröhnen des Monstrums mischten sich die Schüsse aus Nicis COLTs.
Jetzt wird’s echt brenzlig!, dachte Jericho und hievte sich bäuchlings vom Untergrund hoch. Gleichzeitig erhielt er einen schweren Treffer zwischen die Schulterblätter, sackte ächzend zusammen und spürte sofort im Anschluss einen weiteren schmerzhaften Schlag in den Rücken. Eine unnachgiebige Klaue packte ihn im Nacken und zerrte ihn hoch, sodass er glaubte, ihm würde die Wirbelsäule herausgerissen. Wie ein Spielzeug wurde er in die Luft gehoben, schlug mit den Armen um sich, hatte aber keine Chance, irgendetwas zu treffen.
Mehrmals brüllten Nicis Waffen auf – und Jericho registrierte erleichtert, dass der Griff sich lockerte und ihn schließlich aus seiner stahlharten Umklammerung entließ. Jericho federte auf dem Boden ab, entging dem vernichtenden Schlag des dritten Ungetüms und trat nach hinten aus.
»Alber nicht rum!«, hörte er seine Gefährtin schreien. »Ich hab nur noch zwei Magazine! Schaffen wir unsere Hintern raus!«



