10 Galaktische Abenteuer Box 4

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Jericho rutschte zwischen den Beinen eines Gegners hindurch, wirbelte hoch und verpasste dem Wesen, das ihn zuvor vermöbelt hatte, einen Roundkick gegen die Stirn. Die Zeit, die ihm sein Angriff verschafft hatte, nutzte er, um zum Ausgang des Kraftwerks zu schnellen. Nici war ihm dicht auf den Fersen.
»Auf offenem Gelände sind wir eine leichte Beute«, sagte er keuchend. »Wir brauchen einen Unterschlupf.«
»Rennen wir zum Aero-Car und verständigen Beck!« Noch während sie es aussprach erkannte sie die Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens. Der Gleiter wurde von mindestens fünf der monströsen Kolosse belagert, die sofort losliefen, als sie auf sie aufmerksam wurden.
»Andere Richtung!«, schwenkte sie um und hoffte inständig, dass ihr Fluchtweg, der sie tiefer in den Industriekomplex hineinführte, nicht auch versperrt war. »Wenigstens haben wir nun überall Beleuchtung.«
»Lauf!«, brüllte Jericho. »Die Biester aus dem Kraftwerk haben uns schon wieder auf’m Kieker!«
Insgesamt sieben der grotesken Ungeheuer hetzten nun hinter ihnen her.
»Keine Ahnung, wo wir uns verschanzen können!«, keuchte Nici atemlos. »Ich sehe bloß Röhren, Pumpen und Turbinen!«
»Schwing dich zwischen den Rohrleitungen durch! Da haben die Viecher es schwerer, uns zu verfolgen!«
Jerichos und Nicis verzweifelte Flucht wurde zu einem angstschweißtreibenden Marathon.
»Da muss doch bald mal ein Gebäude kommen!«, rief sie prustend aus. »Die Bastarde hetzen uns wie der Teufel die arme Seele!« Sie stoppte mitten im Lauf, drehte sich um und feuerte ihre COLTs ab. Fleischfetzen wurden einem Ungetüm aus der Brust gerissen; gelb-grüner Saft spritzte umher.
Sofort spurtete Nici wieder los, folgte Jericho mit gewagten Sprüngen zwischen mannsstarken Rohren hindurch, kletterte hinter ihm über einen Gitterzaun und landete beim Absprung mit den nackten Füßen auf steinigem Untergrund. Der Schmerz stach durch ihre Fußsohlen bis in die Waden, ließ sie straucheln und der Länge nach hinfallen. Jericho bemerkte es rechtzeitig, kehrte um und lud sich Nici über die Schultern. Dann stürmte er weiter.
Nicoleta machte aus der Not eine Tugend und nahm ihre Jäger ins Visier. Aufgrund der Erschütterungen beim Laufen konnte sie nicht sonderlich gut zielen, doch verfehlen würde sie die Monstren nicht. Ein halbes Magazin jagte sie dem vordersten der Angreifer in den Leib. Das Fleisch explodierte förmlich, Geschwüre platzten auf und verspritzten Unmengen gelblichen Blutes. Wie eine gefällte Eiche fiel der Mutant vor und grub sich in die Erde.
»Nur noch sechs!«, triumphierte Nicoleta.
»Spar deine Munition, Babe!«, hielt Jericho dagegen, der allmählich zu körperlicher Hochform auflief und dem die Anstrengung kaum mehr anzumerken war. »Wer weiß, wann wir deine Knarren das nächste Mal brauchen.« Gleich einem Hochleistungssportler preschte er über das Gelände. Im Schein von Strahlern und Scheinwerfern konnte er sich ausgezeichnet zurechtfinden. Doch es war abzusehen, dass sie nicht ewig vor den Scheusalen davonrennen konnten. Der Abstand zu ihnen verkürzte sich stetig.
»Was soll ich denn machen?«, jammerte Nici. »Die holen enorm auf! Lass mich runter! Ich schaffe das schon!«
»Keine Zeit!«, erwiderte Jericho knapp. Er hatte einen Bau ausgemacht, der nicht weit entfernt lag. Noch einmal mobilisierte er sämtliche Kraftreserven und erhöhte sein Tempo. Er wusste, sie konnten es schaffen.
»Nicht da rein!«, zerschnitt eine helle Stimme die Luft. »Kommt hierher! Schnell!«
Überrascht verlangsamte Jericho seinen Lauf.
»Bleib jetzt bloß nicht stehen!«, schrie Nici ihm ins Ohr.
»Warte!«, sagte Jericho. »Dort drüben …«
Vor einem Schuppen hatte sich eine Bodenklappe geöffnet; eine schattenhafte Gestalt war erkennbar.
»Frag mich nicht wieso«, meinte Jericho, »aber ich denke, da sind wir besser aufgehoben.«
»Dann steh nicht rum wie eine Wachsfigur, sondern schaff uns rüber!« Entsetzt beobachtete Nici die Monstren, die wie blutgierige Raubtiere heranpreschten. Unter ihren kraftvollen Bewegungen wurde die Erde hochgeschleudert. Verbissen ballerte die Rumänin ihre Magazine leer und brachte zwei weitere Ungetüme zu Fall. Energisch stieß sie Jericho mit spitzem Ellbogen in den Rücken. Der Söldner beschrieb eine Biegung weg vom rettenden Gebäude und hin zu der schmalen Luke, in der die Gestalt wild gestikulierte.
»Aus dem Weg, Hoschi!«, donnerte Jericho, griff über seine Schultern hinweg und packte Nici. »Dreh dich so, dass du an mir heruntergleiten kannst!«
Sie zog ihre Beine über seine linke Schulter, hielt sich an seinem Hals fest – und sprang ab!
Mehrmals überschlug sie sich, rollte hinter Jericho her, der zu einem Sprung ansetzte und mit den Füßen voraus in die Bodenöffnung stieß. Haltlos kullerte Nici über den steinigen Boden ihm nach und verschwand ebenfalls in der Luke.
Keine Sekunde zu früh! Nicoleta spürte noch den Lufthauch, mit dem eine der Monsterpranken über sie hinwegfegte. Aber da hatte ihr Retter die Klappe bereits zugezogen.
*
Dumpfes Poltern wurde über ihnen laut. Fäuste wie Dreschflegel hieben auf die solide Stahlplatte ein.
»Keine Angst«, klang die helle Stimme auf. »Die kommen nicht durch.« Die Gestalt stand dicht an eine Eisensprossenleiter gelehnt, während Jericho rücklings aufgeschlagen war und als Puffer gedient hatte, der Nicis Fall ausgebremst hatte. So war sie auch als erste wieder bei sich, tastete ihre geschundenen Fußsohlen und die Blessuren an ihrem Körper ab und fixierte schließlich die Erscheinung, die auf der Leiter zu ihnen hinabgeklettert kam.
»Das ist ja ein Kind!«, stieß Nici verwundert aus. Es kam aus dem dunklen Schacht zu ihnen hinunter und zeigte sich im Licht der uralten Neonröhren.
»Mein Name ist Naud«, sagte der Junge. Er konnte nicht älter als dreizehn oder vierzehn sein.
Erneut folgte brutales, hämmerndes Schlagen gegen die Bodenluke.
»Du bist sicher, das Ding hält?«, deutete Jericho nach oben.
»Ich vermute es«, war Naud nicht mehr überzeugt. »Den Schlupfwinkel habe ich nicht oft benutzt. Aber stabil ist die Klappe schon.«
»Wir sollten uns nicht länger als nötig hier aufhalten«, bestimmte Jericho. »Wohin führt dieser Gang?« Er wies mit ausgestrecktem Arm voraus.
»Es gibt viele Abzweigungen«, wich der Junge aus. »Einige führen an die Oberfläche, einige weiter zum Zentrum. Ich kenne mich gut aus, aber …« Er stockte.
»Was befindet sich im Zentrum?«, wollte Jericho wissen.
»Nun dräng ihn doch nicht!«, schaltete sich Nici ein. Sie wandte sich an Naud: »Lebst du an diesem Ort? Und wenn ja, seit wann?«
»Ich weiß es nicht genau«, antwortete Naud wahrheitsgemäß.
»Was ist passiert, Kleiner?«, hakte Nici nach. »Wo sind deine Eltern?«
»Vater starb kurz nach meinem letzten Geburtstag«, erwiderte Naud. »Glaube ich wenigstens. Jeder Tag ist wie der andere. Die Zeit vergeht, doch ich kann nicht sagen wie viel.«
»Und deine Mutter?«
»Sie war sofort tot, als … als …« Nauds Blick wurde glasig, und er schien in weite Fernen zu entschwinden. Rasch jedoch war er wieder bei der Sache. »Gefahr!«, stieß er aus. »Sie werden gleich durch sein!«
Jericho runzelte die Stirn.
»Was soll das heißen?«
Er erfuhr es noch im selben Moment. Stahl ächzte und verbog sich. Es gab einen scheppernden Knall. Die Eisenluke kam mit tosendem Gepolter den Schacht hinuntergesaust, knallte gegen die Sprossen der Leiter, dann an die gegenüberliegende Wand und zurück an die Leiter, bis sie donnernd am Boden aufschlug. Naud stürzte augenblicklich den erhellten Gang entlang. Nici und Jericho überlegten eine Sekunde, ob sie dem Jungen folgen oder ihr Glück auf eigene Faust versuchen sollten. Doch sie besannen sich und rannten ihm nach.
»Der weiß schon, was er tut«, meinte Jericho, als würde seine Freundin eine dahingehende Erklärung erwarten.
»Viel Auswahl haben wir ja auch nicht, du Witzbold«, keifte Nici.
Grollen schwang durch den Schacht von der Oberfläche her, gleich darauf das Aufprallen schwerer Körper und das Stampfen muskulöser Beine.
»Wie viele sind noch übrig?«, fragte Jericho und versuchte zur selben Zeit zu ergründen, wohin Naud auf flinken Füßen lief.
»Vier«, antwortete Nici. »Falls die Spießgesellen keinen Zuwachs bekommen haben.«
Naud bog an einer Abzweigung nach links.
»Wohin führt der Gang?«, rief Jericho ihm hinterher.
»Zu einem Stahlschott!«, brüllte der Junge über die Schulter. Jericho und Nici waren etwa zwanzig Meter zurückgeblieben. »Dahinter kann uns nichts mehr passieren!«
»Das will ich hoffen«, raunte Jericho. »Mein Bedarf an Überraschungen ist für heute gedeckt.« An der Abzweigung sah er den Gang hinunter. An dessen anderem Ende tummelte sich ein Gewirr aus verwachsenen Leibern und grässlich entstellten Kreaturen, die teilweise nicht die mindeste Ähnlichkeit mehr mit Menschen oder Humanoiden im Allgemeinen besaßen.
»Vier, ja?«, reckte Jericho sein Kinn in Richtung der Meute vor. Immer noch fielen groteske Wesen durch den Schacht zu Boden.
»War nur eine grobe Schätzung«, entgegnete Nici abwehrend, linste um die Ecke Naud nach und gab ihrem Gefährten einen Klaps gegen die Schulter. »Noch ein paar Meter«, sagte sie, »und wir haben es geschafft.«
Naud stand bereits in dem kreisrunden Schott und winkte aufgeregt. Als Jericho und Nici ebenfalls hindurchschlüpften, zogen sie das Stahltor zu und verriegelten es.
»Ein viertel Meter grundsolider Stahl«, gab Jericho eine anerkennende Bemerkung ab. »Daran beißen sich die Fichtenheinis die Zähne aus.« Er stupste Nici an. »Rück mal eine Fackel raus.«
»Hab ich verloren.«
»Ich mache Licht«, bot sich Naud an. Mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegte er sich in der Finsternis. Irgendwo klackten Schalter und Hebel. Wenige Sekunden später wurde es hell.
Nicoleta Belà schaute sich um. Schwarze, gusseiserne Kessel standen umher, dazwischen Konsolenschränke mit Anzeigetafeln. An den Wänden und der Decke verliefen dicht gedrängt Rohrleitungen.
»Hältst du dich nachts in diesem Raum auf?«, erkundigte sie sich bei Naud.
»Nein, nein«, sagte der. »Das ist nur eine Zwischenstation.« Der Junge lächelte vielsagend. »Die Raffinerie ist mein Zuhause. Das Versteck, in dem ich mich am meisten aufhalte, liegt auf der anderen Seite des Geländes.«
»Weshalb hast du dich so weit vorgewagt?«, bohrte Nici. »Ist das nicht viel zu gefährlich?«
»Ich war auf Nahrungssuche. Es wird immer schwieriger, etwas zu essen zu finden.«
»Krieg auch langsam Hunger«, machte sich Jericho bemerkbar. »Was steht denn auf der Speisekarte, Wichtel?«
Naud räusperte sich.
»Ab und zu verirren sich wilde Tiere hierher. Einige verenden, die meisten werden von den Monstren erschlagen.«
»Die Scheusale fressen Fleisch?«, erschrak Nici und stellte sich lebhaft vor, was ihnen widerfahren wäre, hätten die Ungeheuer sie in die Pranken bekommen.
»Meistens lassen sie genug übrig«, hielt Naud dagegen. »Selten finde ich auch eins der Ungeheuer tot vor. Naja …« Er ließ offen, was er damit meinte.
»Dann gibt’s Untier am Spieß«, grinste Jericho verstehend. »Na, soll mir recht sein –« Unwillkürlich zuckte er zusammen, als das Stahlschott unter einer wütenden Erschütterung erbebte.
»Unsere fiesen Freunde sind da«, meinte er gelassen. »Ich will weiter ins Innere. Möchte nicht im Schlaf von den Bestien zerrissen werden.«
»Die kommen nicht durch«, bekräftigte Naud. »Sie haben es oft genug probiert.«
»Vielleicht warst du ihnen die Mühe nicht wert«, gab der Söldner zu bedenken. »Außerdem haben wir einen Job zu erledigen. Der wird nicht einfacher, wenn wir länger warten.«
»Ich bringe euch in mein Versteck«, teilte Naud mit. »Aber ihr müsst mir versprechen, bei mir zu bleiben. Kommt nicht vom Weg ab. Bitte, kommt nicht vom Weg ab …«
Jericho und Nici sahen sich fragend an.
»Vorerst bleiben wir zusammen«, sagte Jericho. Suchend blickte er sich um und entdeckte den zweiten Zugang des Raumes. »Also los, Winzling, schwing die Hufe!«
*
Ein niedriger, aus Beton gegossener Korridor schloss sich an. Über den Boden ergoss sich ein Wasserrinnsal, an den Wänden und der gewölbten Decke hatte sich eine moosige Schicht abgesetzt.
»Es stinkt«, rümpfte Jericho die Nase.
»Dafür gibt’s keine qualligen Sabberviecher«, bemerkte Nici.
Jericho schritt weit aus und erreichte die angrenzende Halle. Ein vierzig Meter breites und mindestens zehn Meter hohes, rundes Becken füllte das Zentrum der Halle aus. An den Seiten führten Leitern auf einen Rundsteg.
»Wer sagt dir, dass die Viecher nicht auch von der anderen Seite reinkönnen?«, fragte er und funkelte Nicoleta an. Die zuckte mit den Schultern.
»Die Zugänge sind ebenfalls mit einem Stahlschott gesichert«, antwortete Naud an ihrer Stelle. »Außerdem sind sie niedriger. Die Monster kämen nur langsam voran.«
An Jericho vorbei drängte Nici in die Halle.
»Sieht nach einer Kläranlage aus«, mutmaßte sie. »Aber es muss noch eine Menge anderer Einrichtungen geben wie Werkstätten, Ersatzteillager und Labore.«
»In einer Werkstatt könnten wir Sachen finden, die als Waffen zu gebrauchen sind«, überlegte Jericho laut.
»Und in den Laboren einen Hinweis, was zum Geier in dieser Raffinerie vorgeht.« Nicoleta stemmte die Fäuste in die Hüften.
»Was soll denn hier vorgehen?«, wunderte sich Jericho. »Draußen lungerten irgendwelche Streuner rum, die kontaminiert wurden und sich in hässliche Triefnasen verwandelt haben.«
»Das ist eine Erdölraffinerie«, tadelte Nici, »und kein Atomkraftwerk.«
»Nicht mal einen Grundriss der Anlage haben wir«, winkte Jericho ab. »Wird schwierig, sich zurechtzufinden, geschweige denn, gezielt zu suchen.«
»Ich führe euch«, meldete sich Naud nach längerem Schweigen zu Wort. »Ich war fast überall in der Anlage.«
»Fast überall?«, fragte Nici gedehnt. Ihr fielen einige Äußerungen ein, die Naud gemacht hatte. Auch rief sie sich in Erinnerung, dass der Junge das Durchbrechen der Kreaturen an der Bodenluke vorausgeahnt hatte. Nur ein oder zwei Sekunden zwar, aber die junge Rumänin vertraute ihrem Gespür für außergewöhnliche Vorgänge.
»Einige Bereiche habe ich gemieden«, erwiderte Naud kleinlaut. »Das solltet ihr auch tun. Weicht nicht von meiner Seite.«
»Junger Mann«, hob Nici mahnend den Zeigefinger, »du schuldest uns einige Antworten. Du hast uns immer noch nicht gesagt, warum du hier bist und was mit deiner Mutter geschah. Komisch finde ich auch, dass du so lange Zeit allein in dieser feindseligen Umgebung überleben konntest.«
»Ich habe nicht gelogen!«, verteidigte sich Naud. »Alles, was ich sagte, ist wahr!«
»Das glaube ich dir. Doch du verschweigst mehr, als du uns bisher mitgeteilt hast.«
Naud lehnte sich an die Wand und rutschte daran hinunter, bis er auf dem nackten Erdboden saß. Er reckte ein Bein vor und pitschte mit dem Fuß in das Wasserrinnsal.
»Papa kam irgendwann von der Arbeit heim. Er war sehr aufgeregt, rannte in der Wohnung herum und hat verschiedene Dinge eingepackt. Mama und ich hatten gar keine Zeit, unser eigenes Zeug mitzunehmen. Er scheuchte uns aus der Wohnung zu unserem Gleiter. Viel sagte er nicht. Nur, dass er uns alles erklären werde. Aber das müsse warten. Überstürzt verließen wir die Stadt. Papa hatte wohl einen bestimmten Plan, doch schon bald hingen Verfolger an uns. Sie eröffneten das Feuer. Anfangs konnten wir ausweichen, bis unser Gleiter schwer getroffen wurde. Meine Mutter starb im Maschinengewehrfeuer. Die Verfolger drehten ab, als sie sahen, dass wir abstürzten. Trotzdem schaffte Papa es noch, uns ein gutes Stück weit zu bringen. Dann versagten die Triebwerke, und wir machten eine Bruchlandung. Irgendwie schafften wir die vielen Kilometer von der Absturzstelle bis zu dieser Raffinerie. Wir glaubten sie verlassen und richteten uns einen Wohnraum her. Eifrig war Papa damit beschäftigt, den Gleiter zu reparieren. Täglich wanderte er den weiten Weg dorthin und kam erst spät abends zurück. Es war tiefe Nacht, als wir erstmals die Lastwagenkolonnen sahen. Sie durchfuhren das Gelände und verschwanden in einem Bereich, den wir nicht kannten. Jede Woche kamen die Wagen. Mein Papa wollte herausfinden, was es mit den nächtlichen Besuchen auf sich hatte. Mehrmals pirschte er sich an die Kolonne heran, hängte sich an einen Wagen und blieb immer lange fort. Auch machte er merkwürdige Andeutungen, als ahnte er, weshalb die Fremden regelmäßig hierher kamen. Jedes Mal wurde Papa wagemutiger und blieb länger fort. Bis er eines Tages nicht mehr zurückkam …«
»Trieben sich damals bereits Monstren in der Raffinerie herum?«, fragte Nici.
»Ich schätze, die ersten tauchten zwei, drei Wochen nach Papas Tod auf.«
»Er muss nicht tot sein, Naud. Vielleicht konnte er flüchten und holt Hilfe.«
»Er ist tot«, sagte Naud starr. »Ich weiß es.« Der Junge erklärte es mit einer Eindringlichkeit, die keinen Zweifel an ihrem Wahrheitsgehalt ließ.
Wieder beschlich Nici das eigentümliche Gefühl, dass dieses Kind über außerordentliche Wahrnehmungsfähigkeiten verfügte, eventuell sogar übersinnlich war.
Jericho, der sich derweil zurückgehalten und die Halle oberflächlich inspiziert hatte, ging dazwischen.
»Seid ihr mit eurem Sermon fertig? Außer getrockneter Scheiße gibt’s in diesem Abwasserloch nämlich nichts zu entdecken. Ich will endlich wissen, wer für den ganzen Zirkus verantwortlich ist.«
»Weicht nicht vom Weg ab«, ermahnte sie Naud aufs Neue. »Bleibt dicht bei mir.«
»Hast du etwas gespürt?«, fragte Nici. »Oder etwas gesehen?«
»Es gibt Orte innerhalb der Anlage, die mir Angst machen, wenn ich in ihre Nähe komme. Deshalb meide ich sie. Und weil das Orakel mich vor ihnen gewarnt hat.«
Nici stutzte; Jericho hob eine Braue.
»Das Orakel?« Die Rumänin kniete sich neben Naud. »Was ist dieses Orakel, und wann hat es dich gewarnt?«
»Ich war einige Male mit meinen Eltern dort. Wir mussten den Gleiter nehmen, um hinzukommen. Für jeden von uns hatte das Orakel eine persönliche Botschaft, die nur für den Empfänger bestimmt war und auch nur für diesen einen Sinn ergab.«
»Was hat dir das Orakel gesagt?«
Der Junge schwieg einige Sekunden. Dann antwortete er:
»Deine innere Stimme wird dich leiten, wenn du es ihr erlaubst. Versage dich den Einflüsterungen deines bewussten Selbst, denn es führt dich in die Finsternis …«
Nicoleta erschauerte.
»Auf, auf!«, drängte Jericho. »Schauergeschichten könnt ihr immer noch austauschen.«
Leicht benommen half Nici dem Jungen auf die Füße und folgte ihrem Gefährten. Mit jedem Schritt, den sie tat, wuchs ihre Beklemmung.
*
Hoch über den Dächern von METROCITY III glitten die Segmente eines Kuppelhangars auseinander wie die Finger einer vielgliedrigen Hand. Die Sonne brach sich auf der glasähnlich wirkenden Metalloberfläche und zauberte grelle Reflexe. Die beiden Männer, die sich zwischen den geparkten Gleitern bewegten, verloren sich in der Weite des Kuppelbaus.
»Ich habe den gepanzerten Omni-Gleiter vorbereitet«, erläuterte Denford Sucksbee und wies mit der Hand auf das imposante Gefährt.
»Disponieren Sie um«, erwiderte der Kraushaarige. »Nichts Auffälliges. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass wir unter der Beobachtung von Regierungsbeamten stehen. Der Untergang der MS ›Commonwealth‹ samt der zugehörigen, mysteriösen Umstände hat eine Menge Fragen aufgeworfen. Ich werde mich ihnen zu gegebener Zeit widmen. Aktuell aber ist es von äußerster Wichtigkeit, behutsam vorzugehen und die Wogen zu glätten.«
»Wie Sie wünschen, Sir.« Sucksbee wanderte zum Omni-Gleiter und holte allerlei Gerät daraus hervor, um es zu einem entsprechend kleineren Modell zu schaffen und dort zu verstauen. Die Aktion dauerte nur wenige Minuten.
»Henderson macht mir ein wenig Kopfzerbrechen«, meinte Sucksbee, als er im Pilotensitz Platz nahm. »Es bleibt weiterhin unklar, welche Informationen er gestohlen und weitergegeben hat.«
Der Kraushaarige bewegte zur Verneinung leicht den Kopf.
»Er ist tot. Auch wenn wir ein bisschen nachlässig bei seiner Beseitigung vorgegangen sind, scheinen die entwendeten Daten noch nicht in Umlauf gekommen zu sein. Das jedenfalls vermelden meine Informanten.«
Denford Sucksbee startete die Triebwerke. Sanft hob der Fluggleiter ab und beschleunigte mit Höchstwerten.
»Kein Aufsehen!«, ermahnte der Mann im weißen Einteiler. »Das bezieht sich auch auf unsere Reisemodalitäten. Ich möchte nicht als jemand erscheinen, der auf der Flucht ist oder in Panik handelt. Halten Sie sich an die Durchschnittsgeschwindigkeiten innerhalb der City.«
Sucksbee drosselte die Schubregulierung.
»Wir verzeichnen leichte bis mittelschwere Umsatzeinbrüche im Bereich Gen-Präparate«, kam Denford Sucksbee auf ein anderes Thema zu sprechen. »Die Produktion der Gen-O-Matics stagniert.«
»Eine bedauerliche Entwicklung, die Mister Blane mit seiner Titan-Aktion ausgelöst hat.**Wer sich nicht erinnert, schlägt nach in BLACK JERICHO #1 Ein wenig zu viel Medienrummel, gefolgt von öffentlicher Verunsicherung. Aber ich habe Mittel und Wege, dem entgegenzuwirken. Ich denke, wir können gelassen in die Zukunft blicken. Das Bestehen der Stiftung ist gesichert. Der Markt liegt brach für Männer, die versteckte Chancen zu nutzen wissen.«
Geschmeidig und in moderatem Tempo steuerte Sucksbee den Gleiter zwischen den Nano-Tubes hindurch.
»Ich habe nichts anderes erwartet, Mister Rosgard«, sagte er kaltlächelnd.
*
An das Klärwerk schloss sich eine weitere, allerdings wesentlich kleinere Halle an. Sie mündete in einen lang gezogenen Schacht, der zu beiden Seiten mit Neonröhren ausgestattet war. Die meisten von ihnen verstrahlten helles, weißblaues Licht, ein paar von ihnen flackerten und einige wenige waren komplett ausgefallen. Große, geschlitzte Lüftungsklappen wiesen auf Frischluftschächte hin.
»Was ist das da vorne, Winzling?«, fragte Jericho barsch. Am Ende des Korridors erkannte er in der rechten Wand eine Unregelmäßigkeit in der glatten Verkleidung, die auf eine Öffnung hinwies.
»Ein Schacht, der nicht versiegelt wurde«, teilte Naud mit. Er blieb stehen und schloss die Augen. Offenbar horchte er nach ungewöhnlichen Geräuschen.
Oder nach außersinnlichen Wahrnehmungen, dachte Nici, die jede Regung des Jungen beobachtete.
»Der Kleine hat recht«, meinte Jericho und stellte sich vor die Öffnung. Kabelstränge hingen lose an den Bruchstellen herab. Dahinter zeigte sich nacktes Gestein, das kreisrund ausgehöhlt war. Aber nur etwa anderthalb Meter. Danach gab es lediglich unbearbeitetes Erdreich und nackten, kantigen Fels.
»Da hat wohl jemand frühzeitig aufgegeben«, kommentierte Jericho ihren Fund. »Die Frage bleibt, warum an dieser Stelle in die Tiefe gebohrt wurde.«
Naud öffnete die Augen.
»In den Gängen gibt es noch mehr dieser Bohrlöcher. Die reichen aber alle nicht weit in den Felsen hinein.«
»So hart sieht das Gestein gar nicht aus«, meinte Nici und äugte in die Öffnung hinein.
»Die Arbeiter müssen auf einen Widerstand gestoßen sein.« Jericho kratzte sich am Kopf und schaute Naud an. »Liegt noch ein weiterer Komplex unter der Raffinerie?«
»Nein!« Die Antwort kam zu schnell, um der Wahrheit zu entsprechen. Der Vierzehnjährige bemerkte es und setzte nach: »Ich habe mich nie über diese Ebene hinausbegeben. Ihr solltet nicht nach Dingen suchen, die nicht entdeckt werden wollen.«
»Genau die Dinge sind es aber, die mich interessieren«, erwiderte Jericho. »Unter deinem hässlichen Potthaarschnitt verbirgt sich mehr, als du preisgeben willst, Wichtel.«
»Hab mir die Haare selbst geschnitten«, brummte Naud beleidigt. »Kann nichts dafür, wenn es nicht wie vom Coiffeur aussieht.«
»Du weißt verdammt gut, was ich meine«, fixierte ihn Jericho angriffslustig. »Solltest du uns irgendwas verschweigen –«
»Nun lass ihn doch in Ruhe!«, schimpfte Nici mit ihrem Freund. »Ich bin sicher, Naud wird uns alles sagen, wenn er es für richtig hält.«



