10 Galaktische Abenteuer Box 4

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»Ich weiß aber nichts«, zeigte sich der Junge trotzig. »Wie oft soll ich euch das noch erklären?«
»Überzeugen kannst du mich sowieso nicht«, machte Jericho deutlich. »Wir kommen dem Geheimnis dieser Anlage schon auf die Schliche. Ob mit oder ohne deine Hilfe.«
Sie setzten ihren Weg fort. Annähernd eine Viertelstunde arbeiteten sie sich die Korridore hindurch, bis sie eine neuerliche Gabelung erreichten, an der sternförmig drei Gänge abzweigten.
»Rechts geht es zu meiner Unterkunft«, sagte Naud.
»Da wollen wir aber nicht hin.« Jericho setzte einen grimmigen Gesichtsausdruck auf.
»Was soll ich denn noch mehr tun als euch zu bitten, auf dem Weg zu bleiben?«
Nici sah den Anflug von Furcht auf den Zügen des Jungen.
»Spürst du etwas?«, fragte sie sanft.
»Meine innere Stimme drängt mich nach Hause«, erwiderte Naud. »Bitte – folgt mir! Es ist nicht gut, vom eingeschlagenen Pfad abzuweichen.«
»Es ist auch nicht gut, auf wimmernde Pimpfe zu hören«, gab Jericho barsch zurück. »Und heute ist nicht der Tag, mit alten Gewohnheiten zu brechen.«
»Bleibt bei mir!«, jammerte Naud. »Ich will nicht, dass euch etwas zu–« Das letzte Wort sprach er nicht aus. Mit einem Mal wirkte er extrem angespannt.
»Was ist los?«, erkundigte sich Nicoleta. »Droht Gefahr?«
Naud nickte. Er zeigte in die Richtung, in der sein Unterschlupf lag.
»Etwas stimmt nicht!«, hauchte er. »Die warnenden Empfindungen kommen nun auch von rechts.«
»Wie sieht’s mit dem Weg aus, der geradeaus führt?«
»Ich kann die Gefühle nicht auseinanderhalten!«, geriet Naud in Panik. »Sie kommen von überall!«
»Also links!«, entschied Jericho. »War sowieso meine erste Wahl.«
»Ich weiß nicht, was ich tun soll!«, klagte der Junge. »Das Orakel will nicht, dass ich in die Finsternis gehe. Doch hier ist nur noch Dunkelheit und Schrecken!«
»Bei uns bist du sicher«, versuchte Nici ihn zu beruhigen. »Es ist unser Job, mit unbekannten Gefahren fertig zu werden.«
Verhaltenes Grollen pflanzte sich durch den Korridor zu ihrer Rechten fort.
»Hört sich nach unseren schwabbeligen Freunden an«, bemerkte Jericho. »Sie haben uns den Weg abgeschnitten. Du kannst eh nicht mehr zurück, Kleiner.«
»Ich kann nirgendwohin!«, versetzte er klagend. »Wie kann ich mich vor dem hüten, was das Orakel voraussagte?«
Jericho packte den Jungen und hob ihn auf seine Schultern.
»Indem du aufhörst zu lamentieren und an unseren Fersen klebst.«
»Schnell!«, forderte Nici ihn auf. »Die Geräusche kommen näher.«
Um die fünfzig Meter rannten sie in den Korridor zur linken Hand hinein, bevor Jericho und Nici abrupt stehenblieben.
»Jetzt schlägt’s aber dreizehn!«, fluchte er laut.
Hinter einer oval gezogenen Biegung wären sie fast vor eine Wand gelaufen.
Der junge Naud verkrampfte sich in Jerichos Nacken.
Keine Türöffnung. Keine Abzweigung.
Sie befanden sich in einer Sackgasse.
Und gleichzeitig mit dieser Erkenntnis ging das Licht aus!
*
»Bist du irgendwo draufgelatscht?«, meckerte Jericho seine Gefährtin an.
Nici tappte auf der Stelle herum. Tatsächlich fühlte der Untergrund sich anders als der des restlichen Korridors. Er war kühler, und die Oberfläche schien bedeckt von einem feinen metallischen und gleichmäßigen Geflecht. Die junge Rumänin spürte es deutlich unter ihren nackten Füßen. Noch bevor sie jedoch eine Antwort geben konnte, erschien ein filigranes Lichtmuster auf der Wand. Ein greller Lichtimpuls sprang von einem Knotenpunkt zum anderen. Die Reihenfolge, in der er die Punkte markierte, schien willkürlich. Jericho konnte sich dennoch nicht des Eindrucks erwehren, dass eine präzise Abtastung dahintersteckte.
Eine Weile beobachteten sie den hüpfenden Lichtpunkt. Eine Wiederholung der Bewegungen konnte keiner von ihnen erkennen. Aber es geschah auch sonst nichts.
»Nun stehen wir da wie die Ölgötzen«, stellte Nici fest. »Irgendeine Idee?« Fragend blickte sie Jericho an.
»Gefahr!«, flüsterte Naud. Die stetig lauter werdenden Geräusche von jenseits des Korridors bestätigten seine Äußerung auf dramatische Weise.
»Hätte ich ein FLUX, wüsste ich, was zu tun wäre«, bemerkte Jericho säuerlich. Zaghaft streckte er seine linke Hand nach dem Lichtgitter aus.
»Was tust du?«, erschreckte sich Nici. »Das kann ein Energieschirm sein, der dich zu Asche verbrennt!«
»Das finden wir nur raus, wenn wir’s ausprobieren.«
Seine Hand ruckte vor und durchbrach das irisierende Muster. Der springende Lichtpunkt kam zum Stillstand und sonderte einen hauchdünnen Strahl aus, der Jerichos Unterarm entlangkroch, die Konturen von ihm und dem auf ihm hockenden Naud grell leuchtend nachzeichnete und schließlich seinen gesamten Körper erfasste.
»Verfluchter Holzkopf!«, schrie Nici wütend und bestürzt zugleich. Hilflos musste sie mitansehen, wie die gleißende Kontur sich in Millionen winziger Lichtpunkte aufspaltete. Von dem Impuls auf dem Lichtmuster ging nun ein fließender Strahlenkranz aus.
Einen Lidschlag später wurden Jericho und Naud von der Wand verschluckt!
*
Ein Transmitter!, jagte der Gedanke durch Nicoleta Belàs Verstand.
Sollte sie Jericho folgen? Eine Seite von ihr sprach sich dafür aus, die andere dagegen. Niemand wusste, wohin der Transmitter – sofern es überhaupt einer war – sie verfrachten würde. Sie konnte unmittelbar vor den Waffen unbekannter Widersacher materialisieren. Möglicherweise waren Jericho und Naud bereits tot. Konnte sie dieses Risiko eingehen? Gab es auch nur einen vernünftigen Grund, sich auf ein solches Wagnis einzulassen?
Sogar zwei!, gab sie sich selbst die Antwort und presste die Kiefer aufeinander. Eine Meute mordgieriger Bestien hängt mir am Rockzipfel. Und wichtiger noch: Ich lasse meinen Loverboy und Kampfgefährten nicht im Stich!
Todesmutig durchdrangen ihre Hände das Lichtgitter. Der Vorgang der Abtastung begann von Neuem – und war nach zwei Sekunden beendet. Nicoleta löste sich auf, nur um einen flüchtigen Atemzug später wieder in Materie verwandelt zu werden. Der Transport zeigte keinerlei Nebenwirkungen wie etwa Schwindel oder eine vorübergehende Beeinträchtigung der Sehkraft. Und für einen Moment wünschte sie sich, sie wäre nicht unverzüglich mit der Wahrheit konfrontiert worden und hätte noch mit ihren Sinnen ringen müssen.
Nur aus den Augenwinkeln erkannte sie Jericho und seinen kleinen Begleiter Naud. Doch dafür hatte sie keinen Blick. Mit offenem Mund stand sie reglos da, unfähig zu begreifen, was ihre Augen ihr zeigten.
»Heilige Scheiße!«, hauchte sie überwältigt.
*
Verena Dambrosi schrak auf der Couch hoch, als das Kreischen einer New-Metal-Punk-Band die Lautsprecher ihres NET-TV erschütterte. Schläfrig warf sie einen Blick auf die Zeiteinblendung des Bildschirms.
Kurz nach Mitternacht, murmelten ihre Gedanken. Die Müdigkeit in den Knochen raffte sie sich auf und stellte das Gerät ab. Auf dem Weg zu ihrem Bett zog sie das enge Top aus und schlüpfte aus ihrem Slip. Vor dem Spiegel ihres Schlafzimmers blieb sie kurz stehen und betrachtete sich. Der schmale Streifen ihrer Schambehaarung stieß ihr unwillkürlich ins Auge.
Könnte mal wieder gestutzt werden, dachte sie und fuhr mit den Fingern durch den weichen Flaum. Schlaftrunken wankte sie zum Bett und krabbelte unter die Decke. Ihre Lider waren schwer und fielen ganz von selbst zu. Wenige Momente später jedoch riss sie sie schon wieder auf, als der Eindringlingsalarm durch das Fabrikgebäude gellte.
Das darf doch nicht wahr sein! Bros strampelte die Decke herunter und sprang aus dem Bett. Automatisch langte sie nach ihren zwei COMBAT MARK357 und spurtete nackt los. Über die Wendeltreppe war sie im Nu im Parterre angelangt, wo auch Zach Darkovicz bereits aufrecht im Bett saß und Stielaugen bekam, als er die Söldnerin ohne einen Faden am Leib heranhuschen sah.
»Himmel, Mädchen!«, stöhnte der alte Waffenmechaniker. »Erst der Alarm, der mir das Herz in die Hose rutschen lässt – und nun das!« Seine offene Handfläche deutete auf Verena, die völlig ungeniert durch Zachs Wohnräume turnte.
»Ich wette«, überging Bros den Vorwurf, »das ist derselbe Kerl wie am Vormittag. Aber diesmal erwischen wir ihn!« Die Söldnerin spurtete durch die offene Küche zur Hintertür und riss sie auf. Vorsichtig pirschte sie sich zur Ecke des Gebäude und lugte herum. Deutlich erkannte sie den Schattenriss einer stämmigen Gestalt, die vom rein Äußeren her Jericho nicht unähnlich war.
»Flossen hoch!«, schrie Verena. Die Läufe ihrer schweren Pistolen ruckten hoch und nahmen den Fremden ins Visier. Der machte jedoch keinerlei Anstalten, die Flucht zu ergreifen. Stattdessen ging er sogar weiter auf die nackte Frau zu.
»Ich mach einen Schweizer Käse aus dir, wenn du nicht sofort die Griffel hochnimmst!« Es war Bros todernst. Sie würde nicht zögern, ihre beiden Waffen abzufeuern.
»Keine Angst«, dröhnte eine ihr unbekannte Stimme. »Ich habe Sie nicht aufgesucht, um Ärger zu machen. Aber ich muss dringend mit Jericho sprechen.«
»Ist nicht da!«, stieß Verena hervor. »Wer sind Sie überhaupt?« Immer noch hielt sie die halbautomatischen Pistolen auf den Mann gerichtet. »Treten Sie ins Licht, damit ich Ihr Gesicht erkennen kann! Aber schön langsam.«
Der Fremde schälte sich aus dem Schatten und stellte sich unter einen der Scheinwerfer, die rund um das Fabrikgebäude angebracht waren.
»Sie kennen mich nicht«, sagte der Mann ruhig. »Wahrscheinlich kennt Jericho mich ebenso wenig. Dennoch habe ich ihm eine wichtige Mitteilung zu machen.«
»Was soll das sein?« Angespannt betrachtete Verena die Gestalt. Sie war annähernd zwei Meter groß, durchtrainiert und muskulös. Sie nahm an, dass der Kerl es durchaus mit Jericho aufnehmen konnte. Immer vorausgesetzt, der Fremde verfügte über dieselbe Zähigkeit und den absoluten Willen, vor keiner noch so abartigen Gewalttätigkeit zurückzuschrecken.
»Mein Name ist Smasher. Zumindest nennen mich die Leute so, die ich zu Brei geschlagen habe.«
»Beeindruckend«, meinte Bros abfällig. »Haben Sie sonst noch etwas zu bieten?« Sie hatte gänzlich verdrängt, nichts am Leib zu haben. Smasher registrierte es zwar, enthielt sich jedoch eines Kommentars.
»Gab es in den letzten Tagen eine Postzustellung, die Sie stutzig gemacht hat?«, erkundigte sich der Fremde.
»Was ist denn das für eine Frage?«, antwortete Verena verblüfft. Sie konnte keinen Zusammenhang sehen zwischen ihrer Post und Smashers Auftauchen.
»Steif und Burlinger?«, setzte Smasher nach. »Ist Ihnen ein Schreiben der Agentur bekannt?«
»Die sind doch für Kopfgeldaufträge zuständig«, erwiderte Verena. »Ich sehe immer noch nicht, was –«
Sie wurde unterbrochen, als Zach Darkovicz ihr ins Wort fiel.
»Vielleicht kann ich helfen«, bot sich der alte Mann an. Er hatte den Alarm abgeschaltet, einen Morgenmantel angelegt und stand mit zerzaustem Haar im Schein der Außenlampen. »Ich erinnere mich an ein solches Schreiben.«**siehe BLACK JERICHO #5: »Armee der Vergessenen«
»Haben Sie es geöffnet?«, wollte Smasher wissen.
»Es war an Jericho gerichtet. Er wollte es sich nach seiner Rückkehr anschauen.«
Smasher verzog das Gesicht. Seine Enttäuschung war ihm anzusehen.
»Es ist von äußerster Wichtigkeit, dass ich mit Jericho über den Inhalt des Briefes rede.«
»Da müssen Sie vorerst mit uns Vorlieb nehmen«, meinte Verena schnippisch. Sie hatte die Waffen sinken lassen, stand aber weiterhin breitbeinig vor dem nächtlichen Besucher, um ihre Kampfbereitschaft zu signalisieren. »Wie können wir Ihnen trauen, wo Sie doch am vergangenen Tag auf dem Gelände herumgeschlichen und sich ohne eine Erklärung wieder verdrückt haben?«
»Der Alarm hat mich aufgeschreckt«, gab Smasher zu. »Zu viel Wirbel um eine Sache, die besser im Verborgenen bleibt.«
»Was Sie nicht abgehalten hat, mitten in der Nacht dieselbe Show abzuziehen«, hielt Bros ihm vor.
»Ich habe keine andere Lösung gesehen«, bekannte Smasher. »Ich musste irgendwie mit Jericho in Kontakt treten.«
»Was steht denn nun in diesem ominösen Schreiben?«, trat Zach in den Vordergrund. »Was macht es so außergewöhnlich?«
»Es ist eine Einladung«, antwortete Smasher. »Zu einer Art Wettkampf.«
»Ist doch ideal für Jericho«, zwinkerte Bros dem alten Darkovicz zu. »Da kann er mal richtig die Sau rauslassen.«
Smasher schüttelte den Kopf.
»So interessant es sich auch anhören mag, habe ich ernsthafte Zweifel an der eigentlichen Absicht des Contests. Meiner Vermutung nach bezwecken Steif und Burlinger etwas völlig anderes als sie propagieren. Nur deshalb will ich mit Jericho reden.«
»Der ist viel zu scharf drauf, Prügel auszuteilen, als dass er sich mit den Hintergründen beschäftigt«, gab Verena Dambrosi zu bedenken. »Aber Sie können Ihr Glück in den nächsten Tagen gerne versuchen …« Bros zog anerkennend eine Braue hoch und lächelte geheimnisvoll, als sie den Körper des Mannes begutachtete. »… Smasher«, gurrte sie.
Der muskelbepackte Koloss wandte sich mit einem kurzen Gruß ab und tat einige Schritte, nur um sich noch einmal umzudrehen und Verena zu mustern. Die Scheinwerfer zeichneten die Konturen ihrer weiblichen Formen und die Fülle ihrer Brüste scharf nach.
»Vielleicht ziehen Sie sich etwas über, Miss«, sagte er väterlich. »Trotz der Waffen, die Sie zweifellos zu handhaben wissen, bin auch ich nur ein Mann …«
*
In Nicoleta Belàs Gesicht spiegelten sich Kaskaden bunter Lichteffekte, die hoch über ihrem Kopf vor einem schwarzblauen Hintergrund dahinzogen. Einzelne Lichter traten aus der Masse hervor, vergrößerten sich zu schimmernden Kugeln, in denen sich bewegte Bilder zeigten und in kreisförmiger Anordnung vorbeischwebten. Darunter erschien eine Lichtsäule wie aus filigranem Gespinst. Die sprudelnden Lichttropfen ähnelten einem Regenschauer, der geheimnisvoll leuchtete. Betrachtete man den gleißenden Vorhang allerdings genauer, so schien sich dahinter eine Gestalt abzuzeichnen. Je mehr man sich auf die Details konzentrierte und versuchte, ein Gesicht oder klare Bestandteile desselben zu erkennen, desto verwaschener und diffuser wurde es.
»Klapp die Kiefer zu«, drang Jerichos Organ an Nicis Ohren und zerstörte den Zauber des Augenblicks, »sonst regnet’s noch rein.«
Nici benötigte mehrere Sekunden, um sich von dem Anblick zu lösen und auf Jerichos Gepolter zu reagieren.
»Du tumber Bauerntrampel!«, giftete sie los. »Siehst du denn nicht, was um dich herum geschieht? Wie kannst du nur derart unsensibel sein, du grober Klotz?«
»Wenn es hier etwas Schönes gäbe«, erwiderte er rau, »wären wir am falschen Ort. In der Raffinerie laufen geifernde Ungetüme rum. Der Schrecken regiert in der Anlage. Ein paar bunte Lichter machen daraus keine Oase der Fröhlichkeit.«
»Selbst wenn dir ein Wunder wie dieses in den Arsch tritt, würdest du es nicht erkennen!« Wütend verschränkte Nici die Arme vor der Brust. Sogleich aber entspannte sie sich wieder und blickte zu Naud, der von Jerichos Rücken geklettert war und unschlüssig neben ihm stand.
»Was sagt dein Instinkt?«, fragte Nici den Jungen. »Bemerkst du Ungewöhnliches?«
Naud wollte den Kopf schütteln, überlegte es sich dann jedoch.
»Ich weiß es nicht.« Er wirkte unsicher, und ihm war anzumerken, dass er sich immens anstrengte, um eine brauchbare Empfindung aufzuschnappen. »Entweder ist es in diesem Saal sicher, oder es ist so wahnsinnig finster, dass diese Wahrnehmung alles andere überlagert. Die Eindrücke schwanken. Ich kann sie nicht eingrenzen.«
»Ein toter Punkt«, erklärte Nici. »Eine Art suggestiver Grauzone.«
»Bringen wir mal ein bisschen Farbe ins Spiel«, sagte Jericho und stapfte auf den Lichtvorhang zu. »Wüsste zu gerne, welcher Hoschi sich dahinter verbirgt.«
Einige der Lichtkugeln trudelten wie Seifenblasen heran. Eine von ihnen berührte Jerichos Kopf, und schon blähte sie sich auf, verdeckte die gleißenden Kaskaden und begann eine Szene abzuspielen.
»Das ist eine Filmaufzeichnung!«, stieß Nici aus. »Nimm mal die Rübe aus dem Bild, Jerri!« Aufgeregt richtete Nicoleta ihre Augen auf die Aufnahme. »Schau dir nur diese Wesen in den weiten Gewändern an!«
»Ich hab vorher schon Typen in bodenlangen Kutten gesehen«, murrte Jericho.
»Nein!«, beharrte Nici. »Ihre Köpfe! Die Gesichter! Fällt dir denn nichts auf?«
Drei befremdliche Gestalten schritten über einen Steg an der Kulisse des Weltraums vorbei. Ausschnittweise war ein gigantischer Planet zu erkennen, der von Ringen aus Gesteinstrümmern umgeben war.
»Die sind abgrundtief hässlich.« Jericho konzentrierte sich weniger auf das Äußere der Wesen, als vielmehr auf die Schriftzeichen, die im oberen Bereich des Bildes eingeblendet wurden. Allerdings konnte er nichts mit ihnen anfangen, sondern studierte lediglich den schneller werdenden Wechsel der Informationen. Kolonnen von Daten rasten durch den rechten Rand der Aufzeichnung.
»Die haben entfernte Ähnlichkeit mit den Monstern, die uns verfolgt haben«, flüsterte Naud plötzlich. »Halbkugelige Augen auf Vierkantschädeln.«
»Möglich, dass die Viecher früher genau so ausgesehen haben«, zog Nici ihre Schlüsse. »Irgendetwas Schreckliches muss passiert sein.«
»Was hat sie aber zur Erde verschlagen?«, warf Jericho ein. »Falls ich mich nicht grundlegend täusche, ist der Planet im Hintergrund doch der Saturn.«
Als hätte Jericho ein geheimes Kommando gegeben, wechselte der Bildausschnitt, schwenkte in die Leere des Alls und tauchte mit Höchstgeschwindigkeit in diese ein. Daten rasten ungeheuer schnell über den Bildrand, sodass nur noch ein stetes Aufflackern der Schriftzeichen wahrnehmbar war. Ein winziger Punkt erschien im Zentrum der Aufnahme, der rasch größer wurde und schließlich die Hälfte der Projektionskugel ausfüllte.
»Die Erde«, hauchte Nici ergriffen. »Mein Gott, was hat das alles zu bedeuten?« Vermessungsgitter legten sich über das Abbild des Planeten. An den Kreuzungslinien blinkten Quadrate auf, wurden eingezoomt und mit fremdartiger Beschriftung versehen. Dann erloschen sie und traten in schnellen Wechsel mit anderen Flächen, die kurz aufflammten, bis sich ein reger Kreislauf entwickelte, der den gesamten Globus erfasste.
»Da hat einer unsere Erde kartografiert«, fasste Jericho zusammen. Er sprang auf der Stelle hoch und wischte die Blase beiseite, die augenblicklich schrumpfte und sich in den Reigen der unzähligen anderen Lichtkugeln einreihte. Mit spitzem Finger tippte er die nächste Lichtblase an.
»Das ist eine riesige Datenbank«, sagte Nici begeistert und heftete ihre Augen unweigerlich auf die anwachsende Projektionsfläche. Hier ließ sich allerdings nicht auf Anhieb feststellen, was dargestellt wurde. Erst der junge Naud gab den entscheidenden Hinweis.
»Das sind genetische Codierungsreihen«, brachte er vor. »Ich habe Ähnliches auf dem Rechner meines Vaters gesehen.«
»DNS-Stränge«, bestätigte Nici. »Aber sie sehen reichlich unterschiedlich aus, als gehörten sie verschiedenen Spezies an.«
Plötzlich und unerwartet schnitt eine scharfe Stimme durch den Saal.
»Das reicht!«, schallte es zu ihnen herüber. »Sie haben bereits mehr gesehen, als gut für Sie ist!«
Jericho wirbelte auf dem Absatz herum. Seine Augen verengten sich, und als er den Sprecher erkannte, der in einem weißen, fluoreszierenden Anzug dastand, verzerrten sich seine Züge zu einer wütenden Grimasse.
»Rosgard!«, presste er zwischen den Lippen hervor. »Du abgefuckter Bastard!«
*
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren stürmte Jericho wie ein wilder Stier mit geballten Fäusten los. Rubin Rosgard blieb gelassen stehen, nahm nicht einmal eine abwehrende Haltung ein, und verzog auch keine Miene, als Jericho wuchtig gegen eine unsichtbare Wand lief und unter dem gleißenden Blitzen hochenergetischer Entladungen zu Boden geschleudert wurde. Verdutzt betrachtete er seine Fäuste, von denen Brandschwaden aufstiegen. Auch seine Rüstung war in kochenden Dunst gehüllt.
»Nicht alle Probleme können mit roher Gewalt gelöst werden, Mister Blane«, tadelte Rosgard. »Haben Sie allen Ernstes angenommen, ich würde unvorbereitet eine Konfrontation mit Ihnen suchen?«
»Ich zerleg dich in deine Einzelteile!«, brüllte Jericho, sprang auf die Füße, hielt jedoch respektvollen Abstand zu dem Energieschirm.
»Fordern Sie keine Technik heraus, die Sie nicht verstehen«, belehrte ihn Rosgard aufs Neue. »Dies ist mein Refugium. Machen Sie sich nicht zu einem größeren Narren als Sie schon sind.«
Nici nahm Naud an die Hand und trat neben Jericho.
»Da Sie alles so genau zu wissen scheinen«, sagte Nici an Rosgard gewandt, »erklären Sie uns doch bitte, was dieser Saal darstellt. Eine Ihrer eigenen Konstruktionen? Ein neuer Versuch, Kontrolle über die Menschen dieser Welt zu erlangen?«
Rubin Rosgard verschränkte die Arme vor der Brust.
»Die Antwort auf Ihre erste Frage lautet nein«, gab der Wissenschaftler Nici in ruhigem Tonfall zu verstehen. »Ihre zweite Frage muss ich hingegen eindeutig mit ja beantworten.«
»Sie gefallen sich in Ihrer Position als Beherrscher der Elemente, was?« Nici zog ein verächtliches Gesicht.
»Ich genieße meine Macht«, lächelte Rosgard kühl. »Vor allen Dingen aber genieße ich Ihre Hilflosigkeit. Ich kann alles mit Ihnen machen, was ich will. Ein Fingerzeig von mir und Sie sterben …«
»Das will ich sehen«, knurrte Jericho ungehalten. Er war drauf und dran, sich erneut gegen den Schutzschild zu werfen.
»Sie haben sich in dieser Raffinerie eingenistet, um Ihre schändlichen Experimente fortzuführen«, beschuldigte Nici den Wissenschaftler. »Mit Ihrer Vergangenheit braucht man nur zwei und zwei zusammenzuzählen, um zu wissen, dass Sie für die grotesken Kreaturen in der Anlage verantwortlich sind.«
»Ich forsche«, erwiderte Rosgard unbeeindruckt von dem Hass, der in Nicoletas Augen glomm. »Nicht immer funktioniert alles wie geplant. Kleinere Rückschläge muss man hinnehmen. Aber eines kann ich Ihnen versichern: Ich habe mich nicht in diesem Komplex eingenistet. Ich habe ihn übernommen.«
Nici und Jericho tauschten einen kurzen Blick.
»Diese Technologie stammt nicht von Ihnen?«, fragte Nici. Ein eigentümliches Gefühl von Unbehagen breitete sich in ihr aus. Sofort fielen ihr die ›Schatten‹ ein, die bereits Regierungskreise unterwandert und für kurze Zeit beispiellosen Terror verbreitet hatten.**siehe BLACK JERICHO #2: »Blutdürstige Schatten«
»Wir entdeckten sie zufällig und hatten unsere Schwierigkeiten, an sie heranzukommen«, sprach Rubin Rosgard ganz offen. »Von der Oberfläche aus gab es keinerlei Zugang …«
»Daher die Bohrungen in den Korridorwänden!«, platzte Nici heraus.
»Ebenfalls ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt war«, bekannte Rosgard. »Eine unüberwindliche Abschirmung hat unser Vorkommen behindert. Bald aber entdeckte ich eine ebenso simple wie effektive Art des Eindringens.«
»Die haben wir auch gefunden«, grinste Nicoleta provozierend. »War das reinste Kinderspiel.«
»Überschätzen Sie sich nicht, Miss Belà. Hier unten erwarten Sie Dinge, von denen Sie nicht einmal träumen.«
»Mir kommt es eher vor, als hätten Sie diese ›Dinge‹ nicht unter Kontrolle, Rosgard. Sie spielen mit dem Feuer und können sich jederzeit die Finger verbrennen. War es so, als die MS ›Commonwealth‹ untergegangen ist …?« Nici tat einen Schuss ins Blaue.
»Wir arbeiten noch an einer Aufklärung des Unglücks«, ließ sich Rubin Rosgard nicht aus der Reserve locken. »Aber das braucht ganz sicher nicht Ihr Problem zu sein.«
»Es wurde unser Problem«, erhob Jericho die Stimme, »als die Regierung uns beauftragte, nach den Ursachen zu forschen. Und vor allem nach dem Verwendungszweck der geladenen Fracht.«
»Frisches Gen-Material für METROCITY III«, gab Rosgard unumwunden zu. »Eine heiße Fracht übrigens. Wir haben erstmals völlig fremdes Erbgut mit menschlichem verschmolzen.«
»Erbgut von wem?« Nici spürte, dass sie einer ungeheuerlichen Wahrheit auf der Spur waren.



