10 Galaktische Abenteuer Box 4

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»Genetische Bausteine von jenen, die dieses unterirdische Labor schufen«, sagte Rosgard in stiller Genugtuung. »Na, arbeitet es bereits in Ihrem begrenzten Verstand …?«
»Sie kamen nicht von der Erde, ja?«
»Absolut korrekt.« Rosgard ließ das Söldnerpaar noch einige Momente schmoren, ehe er hinzufügte: »Wie Sie bereits an der Oberfläche sehen konnten, verträgt sich die außerirdische DNS nicht sonderlich gut mit irdischer und führt zu unvorhergesehenen Mutationen.«
»Wer sind die Aliens?«, forderte Jericho eine Antwort.
Rubin Rosgard schritt nah an den unsichtbaren Energieschirm heran. Offenbar wusste er genau, wo er sich befand. Jericho war vorsichtiger, trat aber ebenfalls näher an den Wissenschaftler. Sie waren sich zum Greifen nahe. Beinahe überkam es Jericho, einfach durch den Schild zu greifen und seinen Widersacher in Stücke zu reißen wie ein vor Schmerz und Zorn blindes Tier.
Eindringlich starrte Rosgard in Jerichos orange gefärbte Augen.
»Wer?«, setzte Jericho nach. Seine extrem angespannten Muskeln zitterten.
Rosgard blieb entspannt.
»Osh-Mecc«, antwortete er gleichmütig.
*
Nicoleta Belà kochte vor Angst und Wut.
»Sie kooperieren mit den Feinden der Menschheit!«, schrie sie. »Sie ebnen den ›Schatten‹ den Weg, die Erde zu erobern!«
»Falsch!«, folgte die scharfe Erwiderung Rosgards. »Ich benutze sie! Und ich habe vor, daraus enormes Kapital zu schlagen. Auf monetärer und ideeller Ebene. Außerdem basiert die Verbindung zwischen Osh-Mecc und den ›Schatten‹, wie Sie sie nennen, auf reiner Spekulation.«
»Dann haben Sie von den ›Schatten‹ gehört?«, fragte Nici hintergründig. Rubin Rosgard konnte im Normalfall nichts wissen von den Vorgängen im General-Custer-Tower von Central Metrocity III.
»Die Regierungsfrequenzen sind leicht abzuhören«, erwiderte Rosgard geringschätzig. »Was denken Sie, woher ich von Ihrem Einsatz in Midland weiß? Sind Sie außerdem tatsächlich der Annahme, Shane Grissom wäre Ihnen rein zufällig über den Weg gelaufen …?«
»Was ist Ihnen über die Osh-Mecc bekannt?«, ging Nicoleta auf die Frage nicht ein.
»Ich verfüge über eine unglaubliche Datenmenge der Außerirdischen.« Rosgard unterbrach sich und machte eine Geste des Bedauerns. »Leider ist es mir bisher nicht gelungen, sie auszuwerten.« In einer weit ausholenden Bewegung mit dem rechten Arm deutete er auf eine eigenwillig geformte Konsole, die mit Kristalldatenträgern bestückt war. Sie war Jericho und seiner Gefährtin bislang nicht aufgefallen. Nun aber deckte Nici einen bedeutenden Zusammenhang auf.
»So ein Ding haben wir Beck überlassen.« Ihre Lungen arbeiteten schwer. »Seine Experten sind ebenfalls mit der Entschlüsselung beschäftigt.«
»Ein langwieriges Unterfangen«, ließ Rosgard verlauten. »Die Struktur der menschlichen Genetik verhindert den Decodierungsvorgang.«
»Ein Schutzmechanismus auf biomolekularer Ebene?«, staunte Nici. »Wieso lassen sich dann diese Anlagen von Ihnen bedienen?«
»Nun«, begann Rosgard eine Erklärung, »die Osh-Mecc experimentierten mit irdischer DNS. Die Technologie musste bereichsweise angepasst werden, um sich nicht selbst zu blockieren. Das ist auch der Grund, weshalb Sie und ich an diesen Ort transferiert werden konnten.«
Nicoleta kam ein kühner Gedanke.
»Besteht die Möglichkeit, dass die Osh-Mecc mit den Ereignissen um Merkur in Verbindung stehen?« Sie stupste Jericho an. »Du weißt schon. Dieses … dieses Tor …«
»Da sagen Sie mir nun etwas völlig Neues«, bekannte Rosgard. »Und vielleicht könnten Sie den einzigen lebenden Ableger der fremden Spezies befragen, der sich hinter Ihnen unter einem Partikelschirm befindet, falls es Ihnen gelingen würde, seine Lebensfunktionen zu reaktivieren.«
Jericho drehte den Kopf und fixierte das pulsierende Gespinst unterhalb der rotierenden Lichtkugeln. Für einen Moment sah er klar umrissen die Gesichtszüge des Extraterrestriers mit seinem kantigen Schädel, den aufgesetzten, halbkugeligen Augen, den Atemschlitzen anstelle einer Nase und dem lippenlosen Mund. Doch wenn er sich auf den Anblick konzentrierte, verlor dieser an Schärfe, wurde diffus und verwaschen.
»Ist mir momentan schnuppe«, entgegnete der Söldner und wandte sich dem Wissenschaftler in dem weißen Anzug zu. »Wir sollten jetzt besser Klartext reden.«
»Klartext?«, dehnte Rubin Rosgard.
»Ja«, sagte Jericho missmutig. »Wie soll’s jetzt mit uns weitergehen?«
»Ganz einfach«, meinte Rosgard jovial. »Ich werde Sie alle töten!«
*
Nicht zum ersten Mal an diesem Tag verfluchte Jericho den Umstand, dass sein FLUX EP 6000 zu Bruch gegangen war. Argwöhnisch musterte er die Gestalt, die neben Rosgard aus dem Dunkel der technischen Anlagen trat und ein kompaktes Gewehr unbekannter Bauart in den Händen hielt.
»Mister Sucksbee«, begrüßte Rosgard den Neuankömmling, »würden Sie sich bitte um unsere ungebetenen Gäste kümmern?«
Denford Sucksbee hob das Gewehr an und zielte entschlossen auf Jericho. Der wiegte sich in Sicherheit, da der unsichtbare Schutzschild noch zwischen ihnen stand. Dennoch hatte er ein Gespür für die unmittelbare Gefahr – und das rettete ihm das Leben!
Ein instinktiver Reflex ließ ihn sich zur Seite werfen, genau in dem Augenblick, da Rosgards Mitarbeiter abdrückte. Ein grün schillernder Strahl raste auf ihn zu und zog eine brennende Schneise durch den Schulterpanzer von Jerichos Nano-Rüstung. Die dünne, extrem verdichtete Metalllegierung verkochte unter der Einwirkung des Energiestrahls. Jericho spürte einen heftigen, stechenden Schmerz und wusste, dass ihnen nur Sekundenbruchteile blieben, bevor der nächste Schuss sie vaporisierte.
»Zum Ausgang!«, brüllte Jericho und blickte bereits wieder in die Mündung des Gewehrs. Erneut konnte er knapp ausweichen, während der Boden zwischen seinen Beinen verdampfte.
Nici beugte sich schützend über Naud und stieß den Jungen vor. Sie fanden Schutz hinter einer Konsole, in die ein Energiestrahl einschlug und Schwaden verdampfenden Stahls erzeugte. Zwei Sekunden darauf war Jericho bei ihnen und deutete auf die andere Seite des Alien-Labors, wo er einen Ausgang entdeckt hatte.
»Sie müssen üben, Mister Sucksbee«, hörten sie Rosgards Stimme. »Wie kann es sein, dass Ihnen eine Gruppe Unbewaffneter entwischt?«
Sucksbee nahm die Konsole unter Dauerfeuer. Das zornige Zischen kochenden Metalls überlagerte für Sekunden jegliches andere Geräusch.
»Hören Sie auf, die technischen Einrichtungen zu zerstören!«, fuhr Rosgard seinen Mitarbeiter an. »Sie sollen die Eindringlinge töten, nicht unsere Arbeit zunichte machen!« Er entwand Sucksbee das Gewehr, schaltete den Schutzschirm ab und machte einige Schritte vor.
»Wenn man sich nicht um alles selbst kümmert«, bedachte er Sucksbee mit einem kritischen Blick.
Jericho, Nici und Naud rannten los. Rosgard gab ein paar Schüsse ab, schien jedoch mit der Handhabung des Gewehrs nicht vertraut und verfehlte die Flüchtenden. Dafür zerplatzten mehrere Schalttafeln und lösten sich in ihre atomaren Bestandteile auf.
»Herrgott noch mal!«, polterte Rosgard los. Genau dieser Ausruf ließ Jericho mitten im Lauf stoppen. Er sah die verzweifelten Versuche seines Widersachers und setzte zum Sprint auf ihn an.
»Bist wohl den Umgang mit Waffen nicht gewohnt«, rief er zu ihm hinüber, duckte sich unter heranrasenden Strahlenschüssen weg und riss Rosgard kraftvoll zu Boden. Spielend leicht entwand er ihm das Gewehr und packte es mit festem Griff. Den kurzen Lauf presste er dem Wissenschaftler gegen die Stirn.
»Fast zu schön, um wahr zu sein«, zischte Jericho und grinste gehässig.
»Sie drücken nicht ab!«, spie ihm Rubin Rosgard entgegen. Er hoffte insgeheim darauf, dass Denford Sucksbee eingreifen würde, doch sein engster Mitarbeiter rührte keinen Finger. Er war der Überzeugung, dass jedes Eingreifen von ihm Rosgards unweigerlichen Tod zur Folge haben könnte.
»Du hast recht, Hackfresse«, sagte Jericho verächtlich und zog den Gewehrlauf nach rechts weg. »Ein Schuss in den Kopf würde mich um den ganzen Spaß bringen.« Hart packte er Rosgard am Kragen und zerrte ihn auf die Füße. Mit der flachen Hand schlug er ihm ins Gesicht, holte mit dem anderen Arm weit aus und schleuderte Rosgard gegen einen Konsolenschrank. Die Armaturen zerbarsten unter dem Aufschlag. Rubin Rosgard schrie auf und rollte haltlos über ein Pult zu Boden. Gleichzeitig fuhren Energieanzeigen hoch; irgendwo blinkte eine holografische Anzeige auf, die man auch ohne Kenntnis der fremden Technik als Warnsignal deuten musste.
»Verdammter Narr!«, schrie Rosgard auf. »Die Energiekontrollen sind zerstört! Der Meiler produziert einen Überschuss, der nicht zu regulieren ist!«
»Wird ein schönes Feuerwerk«, freute sich Jericho, schenkte Sucksbee, der seine Chance zum Angriff witterte, ein mildes Kopfschütteln, und hob das Strahlengewehr auf.
»Jetzt komm schon rüber, Jerri!«, rief Nici aufgebracht. »Oder willst du, dass wir alle draufgehen?«
Als sie erleichtert erkannte, dass Jericho sich in Bewegung setzte, stieß sie mit Naud durch das Transportgitter und löste sich innerhalb von einer Sekunde auf.
Zufrieden folgte ihr Jericho im Laufschritt, das Gewehr wie einen wertvollen Schatz in den Armen haltend.
Unter dem Wüten von Rubin Rosgard entmaterialisierte er …
*
»Das ist nicht der Korridor, durch den wir reingekommen sind!«, hatte Jericho mit einem flüchtigen Rundblick erkannt.
»Kunststück«, belehrte ihn Nici. »Wir haben schließlich auch einen anderen Ausgang genommen.«
Naud in ihre Mitte genommen rannten sie den langen Gang hinunter. Sie hatten nicht einmal die Hälfte zurückgelegt, als an seinem Ende furchterregende Kreaturen um die gewundene Ecke jagten.
»Bleibt hinter mir!«, befahl Jericho und trat vor. Er legte das Gewehr an und gab einige Salven ab. Mit der Präzision von chirurgischen Skalpellen fraßen sich die Energiestrahlen durch die Meute aus grausam entstellten Körpern, zerschnitten die Leiber und trennten Gliedmaßen ab. Gelbgrünes Blut spritzte und verdampfte noch in der Luft. Gequälte Schreie hallten grauenerregend durch den Korridor. Die nachrückenden Bestien trampelten rücksichtslos über ihre verstümmelten und toten Artgenossen und wurden von Jericho gnadenlos niedergemetzelt. Erst als der Boden mit Leichen, Halbtoten, Armen, Beinen und Fleischbrocken übersät war, senkte Jericho die Waffe.
»Worauf wartet ihr?«, forderte er Nici und Naud auf, ihm zu folgen. »Schwingen wir uns ins Aero-Car und drehen Rosgard ’ne lange Nase.«
Angewidert wateten Nici und der Junge durch die Leichenteile. Hin und wieder zuckten einzelne Gliedmaßen, aber eine Bedrohung stellten sie nicht mehr dar.
»Ekelhafter Pamp!«, schimpfte Nicoleta und begutachtete oberflächlich ihre nackten Füße.
»Irgendwie müssen wir uns orientieren«, gab Jericho zu bedenken. »Die Zeit sitzt uns im Nacken, und ich hab keine Ahnung, wo der Gleiter steht.«
Der Gang endete an einem schwarzsilbernen Schott. Jericho hatte Mühe, es aufzuziehen, und als die drei hindurch waren, fanden sie sich in einer riesigen Halle wieder. Sie wurde gesäumt von mehreren Etagen aus Laufstegen, Treppen und Leitern, die mehrere Dutzend Meter in die Höhe ragten. Überall verliefen Rohrleitungen. An der Decke zeigte sich ein engmaschiges Netz kleiner und großer Pipelines sowie gebündelter Kabelstränge, dazu ein ausladender Schienenkran.
»Wohin jetzt?«, fragte Nici. Sie sah Naud an. »Was sagt deine innere Stimme?« Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, bemerkte sie, dass ihre Frage überflüssig gewesen war. Der Vierzehnjährige war blass geworden; ein unmerkliches Zittern hatte seinen Körper erfasst.
»Etwas ist hier«, hauchte er ängstlich. »Etwas Böses …«
Ein länglicher Schatten tauchte hinter den Gerüsten auf, wand sich gleich einem wirbellosen Insekt und verschwand sofort wieder.
»Da!«, schrie Nici. »Da hinten!«
Jericho blickte in die Richtung, in die ihr ausgestreckter Arm zeigte.
»Ich sehe nix«, brummte er. »Verlieren wir keine Zeit. Wir durchqueren die Halle und schauen, wo wir auskommen. Kann sein, dass wir direkt nach draußen gelangen.«
Der Söldner blieb wachsam und pirschte sich mit vorgehaltener Waffe auf das gegenüberliegende Ende der Halle zu. Nici blieb ihm dicht auf den Fersen, richtete ihren Blick nach links und rechts, dann wieder voraus. Allmählich gewann sie den Eindruck, sich tatsächlich getäuscht zu haben. Erst als sie sich nach Naud umdrehte und diesen wie gelähmt weit hinter sich entdeckte, den Kopf in den Nacken gelegt, wurde sie auf etwas aufmerksam, dass sich hoch über ihnen auf einem quer verlaufenden Steg unterhalb des Krans befand.
»Jericho …«, flüsterte sie und tippte ihrem Gefährten auf die Schulter. »Da oben …«
Eine unförmige Masse wand sich in luftiger Höhe. Ihre Bewegungen waren fließend, aber es war auf Anhieb nicht zu erkennen, worum es sich handelte. Stumpfe Glieder züngelten aus der Masse hervor, und feucht glänzendes Gelee tropfte metertief auf den Untergrund, spritzte auseinander und bildete Pfützen aus zäher Flüssigkeit.
»Tentakel«, sprach Jericho seinen ersten – und einzigen – Gedanken aus. »Da hockt ein fieser, hungriger Mutant und brütet irgendeine Schweinerei aus.«
In überlegener Pose und mit feinem Hang zur Theatralik richtete er sein Gewehr in die Höhe.
»Mach schon, Jerri!«, drängte Nici und hatte ebenfalls ihre COLTs gezückt. »Sonst werden unsere Hintern in die nächste Umlaufbahn gesprengt!«
Die Strahlenwaffe hatte keinen Abzug, sondern lediglich einen Schieberegler. Zudem erzeugte das Gewehr starke Vibrationen und ein heftiges Kribbeln in den Armen. Vermutlich waren es diese Umstände gewesen, die Rosgard die Handhabung erschwert und daneben hatten schießen lassen.
Noch bevor Jericho allerdings feuern konnte, erwischte ihn ein mörderischer Schlag in den Rücken. Nur die starke Panzerung der Nano-Rüstung verhinderte, dass ihm sämtliche Wirbel gebrochen wurden. Keuchend ging der Söldner zu Boden; das Gewehr schlitterte meterweit fort.
Im Reflex drückte Nici mehrmals ab, sah jedoch nicht mehr, welchen Schaden ihre Geschosse anrichteten, denn da musste sie bereits unter einem heranjagenden Tentakel hinwegtauchen. Naud hatte sich zu Boden fallen lassen und robbte außer Reichweite der peitschenden Krakenarme.
Während Jericho sich mühsam aufrichtete, einen weiteren Hieb einsteckte und sich mehrfach überschlug, hetzte Nici zu dem Strahlengewehr, hämmerte beim Rennen die letzten Kugeln aus ihren Magazinen und hielt die schwingenden Tentakel auf Distanz. Immer mehr griffen aus dem Dunkel hinter den Laufstegen nach ihnen, und es wurde stets schwieriger, ihnen auszuweichen.
Erstaunlich schnell schien Jericho sich erholt zu haben, warf sich gegen einen der rumpfstarken Fangarme und krallte seine Finger hinein. Die Spitzen bohrten sich in das nachgiebige Fleisch und rissen Stücke heraus. Doch schon wurden seine Beine von armdicken Pseudopodien umschlungen; auch der Hals wurde ihm zugeschnürt. Von allen Seiten rissen die Tentakel an ihm und würden ihm die Gliedmaßen ausreißen und den Kopf vom Rumpf.
In ihrer Hilflosigkeit betätigte Nicoleta den Strahler und zuckte entsetzt zusammen, als ein sengender Strahl Jericho nur um Haaresbreite verfehlte.
»Kannst du dich ein kleines bisschen beeilen, Babe?«, röchelte Jericho. Die Muskeln seiner Arme und Beine waren zum Zerreißen gespannt. Lange würden sie der rohen Gewalt des Monstrums nicht mehr standhalten können.
Nici feuerte erneut, diesmal besonnener. Sie versuchte krampfhaft, die Erschütterungen des Gewehrs zu kompensieren und fetzte einen der größeren Fangarme in der Mitte auseinander. Immer sicherer wurde sie im Umgang mit der Waffe, zerschnitt die Tentakel gleich im halben Dutzend und sah voller Erleichterung, dass Jericho einen Arm und ein Bein frei bekam.
»Nur weiter so«, verstärkte er seinen Widerstand, rupfte einige kleinere Auswüchse der Bestie aus und quetschte den dürren Tentakel ab, der sich um seine Kehle zuzog.
Inzwischen war Nici wie im Rausch, beherrschte das Strahlengewehr mit traumwandlerischer Sicherheit und schoss so lange um sich, bis sich nur noch zuckende Fleischstücke am Boden wanden. Auf dem Untergrund hatte sich ein Brei aus tintenschwarzer Flüssigkeit ausgebreitet.
»Her mit der Wumme!«, rief Jericho, hielt die Arme vorgereckt und fing das Gewehr auf, als Nici es ihm zuwarf. Ein überlautes Platschen gleich neben ihm ließ ihn herumfahren. Die schreckliche Mutation, die unter dem Hallendach auf einem Steg gelauert hatte, war in die Tiefe gefallen, aber lange nicht tot. Zuckende Tentakel und fingerdünne Auswüchse schnellten ihm entgegen.
»Schluss mit dem Zirkus!«, brüllte er auf und jagte eine Energieladung in die gallertartige Masse, aus der die Fangarme stachen. Die Kreatur explodierte in Tausende schwarzer Klumpen. Kochende Brocken spritzten umher und verflüchtigten sich noch in der Luft. Beißender Gestank zog den Söldnern in die Nase. Nici hechtete zu Naud und hob ihn hoch. Der Junge schlotterte und klammerte sich an die Rumänin.
»Später«, sagte Nici mitfühlend. »Erst müssen wir raus aus dieser Hölle.«
Stets in Erwartung neuer Angreifer erreichten sie den Ausgang. Ein Treppenhausschacht schloss sich an, der sie nach oben führte.
»Hoffentlich sind wir hier richtig«, bemerkte Nici zweifelnd.
Das Strahlengewehr in der Armbeuge überwand Jericho die ersten Metallsprossen.
»Wenn wir’s nicht probieren, werden wir’s nie wissen«, antwortete er lakonisch.
In ständiger Alarmbereitschaft kletterten sie die Treppenstufen hoch. Ohne aufgehalten zu werden, gelangten die drei an ein vergittertes Tor. Als sie es öffneten und ihnen kühle Nachtluft entgegenschlug, wussten sie, dass sie es beinahe geschafft hatten.
»Ein paar Meter noch«, stieß Jericho hervor. »Ich will weit weg sein, wenn der Laden in die Luft fliegt!«
*
Im Schutz einer Reihe von Rohöltanks arbeitete die Gruppe sich über das Gelände.
»Kannst du was erkennen?«, zischte Nici an Jericho gewandt.
»Keine Mutantenbastarde«, erwiderte der Söldner. »Aber ich sehe das Kraftwerk.«
Nicoleta Belà verengte die Augen zu Schlitzen.
»Wir kommen von der anderen Seite rein«, meinte sie. »Das Transportsystem hat uns ganz schön rumgescheucht.«
»Ist das euer Flieger?«, deutete Naud voraus. Jericho und Nici mussten sich in der Dunkelheit anstrengen, um das Aero-Car zu erkennen. Als sie aber den Punkt fixierten, auf den der Junge zeigte, wurde der Gleiter für sie sichtbar.
»Die Biester haben sich verzogen.« Jericho peilte über den Kurzlauf des Gewehrs. »Also: einsteigen und abfliegen.«
Zwei Minuten später schwangen die Flügeltüren des Aero-Cars hoch. Mit der gebotenen Eile kletterten Nici und Jericho in die Schalensitze; Naud nahm in dem Spalt zwischen Sitzen und Ablage Platz. Plötzlich aber schrie er auf.
»Gefahr! Wir sind nicht allein!«
Wie als Bestätigung seiner Worte preschten verwachsene Gestalten von der abgewandten Seite des Kraftwerkgebäudes hervor. Sie waren unglaublich schnell. Instinktiv riss Jericho das Gewehr hoch und feuerte durch die Cockpitscheibe. Glas zerbarst und verdampfte. Die sengenden Strahlen rissen die vorderen beiden Kreaturen aus vollem Lauf zu Boden. Doch die Übermacht war zu groß. Eine regelrechte Woge aus Leibern schwappte über dem Aero-Car zusammen. Kraftvolle Schläge erschütterten den Gleiter, Arme wie Baumstämme rissen Teile der Verkleidung ab, zerschmetterten die Scheiben und verbogen die Türen, die sich gerade noch hatten schließen können.
In Nauds hilfloses Kreischen mischte sich das Zischen von Jerichos Strahlengewehr, bis ihn ein machtvoller Tritt vor die Brust traf und den Schalensitz aus seiner Verankerung riss. Das Strahlengewehr polterte in den Fußraum, unerreichbar für Jericho, der als einzigen Ausweg einen Blitzstart sah.
Donnernd heulte das Triebwerk auf. Der Düsenstrahl zerfetzte mehrere Monstren, verteilte sie in blutigen Stücken in weitem Umkreis. Heisere Wutschreie wurden laut. Der Angriff der mutierten Bestien steigerte sich zu tollwütiger Besessenheit. Nicoletas Kopf verschwand vollständig in der Klaue eines Monstrums. Wie eine leblose Stoffpuppe wurde sie aus dem Gleiter geschleudert. Ihre Knochen knackten überlaut beim Aufschlag auf den steinigen Untergrund. Sofort wurde sie unter einem Knäuel Leiber begraben, die sich wie hungrige Aasfresser auf sie stürzten.
»Nici! Nein!« Von dem Tritt betäubt verschwamm Jerichos Sicht. Deutlich jedoch erkannte er, dass seine Freundin keine Überlebenschance hatte.
Der Gleiter hob trudelnd ab, schwenke unkontrolliert von rechts nach links. Eine Anzeige blinkte warnend auf: das Triebwerk überhitzte sich.
Jericho erwehrte sich nach Kräften der zwei Ungetüme, die sich am Gleiter festgeklammert hatten und halb ins Cockpit hineinragten. Ihre Fäuste zertrümmerten alles in ihrer unmittelbaren Reichweite. Immer mehr Warnsignale leuchteten auf, und Jericho fühlte nur noch dumpfe Hiebe auf sich einprasseln. Vor seine Augen legte sich ein Schleier. Er merkte nur noch, dass das Aero-Car nach links wegkippte. Sekunden darauf bohrte sich der Stahl berstend in den Boden. Derb wurde Jericho gegen die Innenverkleidung geprellt. Eine verbogene Strebe schrammte über seinen Kopf und riss ihm die Stirn sowie die linke Gesichtshälfte auf. Die beiden Ungeheuer wurden fortgeschleudert und rissen dabei Verstrebungen aus der Pilotenkanzel mit sich.
Nicht aufgeben!, stachelte Jericho sich an. Blut strömte über sein Gesicht und den Brustpanzer. Wenn ich ohnmächtig werde, ist es vorbei!
Die Kraft der Verzweiflung trieb ihn an, als er sich aus den Trümmern befreien wollte, dabei die Arme an scharfkantigem Metall zerschnitt und mit jeder Sekunde mehr zu der Erkenntnis kam, dass er es nicht schaffen würde. Sein verschleierter Blick zeigte ihm gelbe und rote Alarmsignale auf der Instrumententafel.
Nici!, war der Name seiner Gefährtin wie ein finaler Ansporn, die Situation doch noch zum Guten zu wenden. Nici, ich lass dich nicht im Stich …!
Einen Lidschlag später wurde das Aero-Car in einer brüllenden Explosion in Fetzen gerissen!
*
Gellend aufschreiend fuhr Nicoleta in ihrem Sitz hoch.
»O Gott! Wir sind alle tot!« Sie strampelte wild und schlug um sich.
»Biste bescheuert?«, maulte Jericho und zog die Brauen zusammen.
Ängstlich krallte Nici sich im Polster fest.
»Diese Viecher! Die Explosion …!«
»Den einen Irrläufer hab ich erledigt«, beschwichtigte sie Jericho. »Hab leider das Gewehr verloren, als du eins auf den Deckel gekriegt hast und kurz weggetreten bist. Was die Explosion angeht, sollten wir schleunigst Land gewinnen.«
»Das Aero-Car«, tastete Nici ungläubig um sich, »ist nicht zerstört.«
»Nicht mehr als dein Kappes«, grinste Jericho. Naud kicherte. Sein Kopf lugte zwischen den Schalensitzen ins Cockpit.
»Jericho hat das Viech richtig fertig gemacht«, sagte er und schien seine Angst überwunden zu haben.
»Bin mit dem Gleiter drübergeflogen und hab dem Hoschi den Schädel von den Schultern rasiert.« Er runzelte die Stirn. »Kann sein, dass ich die Schultern gleich mitgenommen habe. War bei dem Blutgespritze nicht so deutlich zu sehen.«
»Ich hab den Schock noch in den Gliedern.« Jericho sah, dass Nici zitterte. »Es war so real«, erzählte sie weiter. »Ich wurde aus dem Aero-Car geschleudert, und dann sind sie über mich hergefallen. Ich habe dich meinen Namen rufen hören und dachte nur: ›Hoffentlich kommt er dir rechtzeitig zu Hilfe.‹ Gleich darauf wurde der Gleiter mit dir darin am Boden zerschmettert und ist detoniert …«
»So leicht zerlegt’s mich nicht«, gab sich Jericho gelassen. »Und wer dich anpackt, handelt sich ’ne ordentliche Tracht Prügel ein. Dann raucht’s wirklich.«
Nicoleta schaffte es, ein dünnes Lächeln zu zeigen.
»Danke«, sagte sie nur, und es war ein verwehender Hauch. »Ich weiß das zu schätzen, Jerri …«
Gedämpfter Donner rollte heran. Das Land unter ihnen wurde wellenförmig aufgeworfen. Dann brach ein glühender Blitz, der in Feuer, Rauch und infernalisches Getöse gehüllt war, aus der Erde in den Himmel. Die Schockwelle erfasste das Aero-Car und verlieh ihm einen mörderischen Schub. Die Andruckkontrolle schlug voll aus, konnte aber den Druck nur bedingt kompensieren. Flammen hüllten den Gleiter ein, züngelten um die Außenhaut und hinterließen feurige Spuren in der Luft. Ein kleiner Monitor zeigte in der Rückansicht, dass mehrere Explosionspilze gleicher Art rund um und in der Raffinerie aufstiegen.



