10 Galaktische Abenteuer Box 4

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Jericho pegelte den Kurs aus und stabilisierte ihren Flug. Die Gleiterhülle hatte sich kurzzeitig stark erhitzt, kühlte aber durch den Flugwind ebenso schnell wieder ab.
»Denkst du, Rosgard hat die Zerstörungen überlebt?«, fragte Nici.
»Unkraut vergeht nicht«, antwortete Jericho lapidar. »Der hatte noch ein Ass im Ärmel. Jede Wette, dass wir ihn früher wiedersehen, als uns lieb ist. Außerdem« – der Söldner sah Nici keck über seine Schulter hinweg an – »muss er mir doch die Gelegenheit geben, ihn Mann gegen Mann zu Kleinholz zu verarbeiten.«
»Darf ich zusehen?«, wollte Naud wissen und beugte sich neugierig vor.
»Kriegst sogar Backstage-Karten, Wichtel«, entgegnete Jericho gönnerhaft. »Ich mag Jungs, die auf blutige Massaker stehen.«
Naud zog die Nase kraus, Nici lachte.
»Bin ich froh, bald wieder daheim zu sein«, meinte die junge Rumänin. Sie rekelte sich im Schalensitz und legte die Füße in gewohnter Manier auf das Armaturenbrett. »Bin außerdem tierisch scharf. Kann’s kaum erwarten, dass du mich wieder richtig durchf–«
»Pssst!«, machte Jericho und legte den Zeigefinger an die Lippen. »Es sind Jugendliche an Bord.«
Naud lief rot an und legte demonstrativ die Handflächen an die Ohren.
*
Mit gedrosselten Triebwerken passierte das Aero-Car die Nano-Tubes von METROCITY III und fädelte sich in den Verkehr ein.
»Erst sieben Stunden Flug und jetzt noch mal drei«, klagte Nici und reckte sich. »Hoffentlich krieg ich meine Knochen noch mal gerichtet, damit ich nicht zeitlebens als Fragezeichen rumrenne.«
»Mir geht’s genauso«, meinte Naud. Er wusste schon gar nicht mehr, wie er sich drehen sollte. Seine Gelenke und Muskeln schmerzten in jeder Position, in die er sich begab.
»Was soll ich denn sagen?«, beschwerte sich Jericho. »Ich hab das Ding nämlich geflogen.«
»Der Autopilot hat’s geflogen, Freundchen«, korrigierte Nici. »Da wollen wir doch mal die Kirche im Dorf lassen.«
»Und das hier?« Jericho deutete auf den gespaltenen Schulterpanzer. »Damit musste ich mich auch noch rumärgern. Das vaporisierte Metall hat sich höllisch in die Haut gebrannt.«
»Ist so was in deinen Augen nicht nur ein Kratzer?«, bedachte Nici ihren Freund mit einem kritischen Blick. »Verlierste ja auch sonst kein Wort drüber.«
»Meckern einstellen!«, befahl Jericho und konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen. »Bevor es nach Hause geht, statten wir Beck noch einen Besuch ab. Will wenigstens sehen, wie ihm die Kinnlade auf die Zehen klappt.«
»Eher verwandelt sich eine Zitrone in Zuckerwatte«, meinte Nici. »Becks Emotionsausbrüche sind ebenso heftig wie ein Glühwürmchen laut ist.«
»Wir werden sehen«, schloss Jericho das Thema ab. Routiniert und in altbewährter Rücksichtslosigkeit lenkte er den Gleiter durch die Häuserschluchten. Bald schon erreichte er die Maschinenfabrik mit dem unterirdischen Hauptquartier der GSA und landete den Gleiter auf einer Plattform.
»Sie kommen spät«, schnarrte es verzerrt aus dem Funklautsprecher, »aber zumindest kommen Sie.«
»Howdy, Beck«, grüßte Jericho fröhlich. »Fahren Sie endlich die Plattform runter. Es gibt Neuigkeiten.«
»Das will ich für Sie hoffen«, antwortete der Agent. »Sie verursachen immense Kosten und verwüsten ganz nebenher noch den halben Globus. Die Raffinerie in Midland geht doch auf Ihr Konto, Mister Blane, oder?«
»Das kann man so und so sehen«, antwortete Jericho ausweichend. »Eigentlich trägt Rubin Rosgard die Hauptschuld …«
»Weil du ihn auf die Energiesteuerung gepfeffert hast«, zischte Nici und knuffte ihren Gefährten in die Seite.
»Rubin Rosgard?« Jericho konnte förmlich spüren, wie sich Agent Becks Miene verfinsterte. »Ich erwarte Ihren ausführlichen Bericht, Mister Blane.«
Die Plattform begann sich abzusenken. Durch die Einzäunung des Geländes war der Vorgang von außen nicht zu sehen. In einer kreisrunden Halle kam die Plattform Dutzende Meter tiefer zum Stehen. Durch eine der vielen Türen kam Beck in gemäßigtem Laufschritt heran.
»Sie haben ein Kind mitgebracht?«, fragte Anthony Beck säuerlich, als die drei Passagiere ausgestiegen waren. »Das ist eine geheime Station und nicht Disneyland.«
»Wir erwarten auch nicht, dass Sie sich irgendwelche Grinsegesichter überstülpen«, erwiderte Nici mit schelmischem Lächeln und trieb mit dieser Äußerung weitere dunkle Wolken auf Becks Gesicht.
»Keine Sorge«, schlug Jericho in dieselbe Bresche, »der Bursche ist in Ordnung. Schweigt wie ein Grab, wenn’s sein muss.«
»Wie heißt du, mein Junge?«, wandte sich der Agent an den Vierzehnjährigen.
»Naud«, sagte der. »Naud Henderson.«
»Also schön, Naud. Was du hier siehst, unterliegt strengster Geheimhaltung. Glaube mir, ich meine, was ich sage. Die GSA ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, Integrität zu bewahren.«
»Nun machen Sie dem Jungen keine Angst!«, ging Nicoleta dazwischen. »Und benutzen Sie keine Wörter, die er nicht kennt.«
Beck straffte sich.
»Du wirst genau an dieser Stelle warten, während ich mit Mister Blane und Miss Belà in den Besprechungsraum gehe. Hast du das verstanden, Naud?«
»Jawohl, Sir!«, rief Naud aus und salutierte flippig.
Beck drehte sich um und bedeutete den Söldnern, ihm zu folgen.
»Ich kann es nicht leiden«, sagte er leise, »wenn man Scherze auf Kosten meiner Person macht …«
*
Durch einen mattschwarzen Korridor führte Agent Beck seine Begleiter in einen Besprechungsraum. Sie setzten sich, und der GSA-Mann eröffnete die Gesprächsrunde.
»Wir sind zu einigen wenigen neuen Erkenntnissen gelangt«, begann Beck. »Aber bevor ich Sie einweihe, hätte ich gerne Ihren Bericht zu den Vorfällen in Midland. Vor allem interessiert mich die Verbindung zu Mister Rosgard, wie Sie sich denken können.«
»Die Raffinerie beherbergte einige bedeutsame Einrichtungen«, fing Nici an zu erzählen und wurde sogleich von dem Agent unterbrochen.
»… bis Mister Blane – wie auch immer es sich zugetragen haben mag – der Meinung war, sie in die Luft sprengen zu müssen. Die Explosionen wurden von Seismografen und unseren Satelliten aufgezeichnet.«
»Ihre Satelliten«, betonte Nici das Wort spöttisch, »scheinen aber wichtige Fakten nicht registriert zu haben. Denn obwohl die Raffinerie seit Jahrzehnten stillstand, gab es weit unter ihr beunruhigende Aktivitäten. Es gab eine verborgene Station, ein großes Labor. Die Einrichtungen dieser Station waren nicht von dieser Welt …«
»Der Posten einer außerirdischen Intelligenz?«, fragte Agent Beck.
»Osh-Mecc«, erwiderte Jericho tonlos. Mehr sagte er nicht und ließ seine Äußerung wirken. Kaum sichtbar befiel Beck innere Unruhe.
»Wissen Sie, was Sie da sagen, Mister Blane? Ist Ihnen bewusst, welche Konsequenzen das mit sich bringen kann?« Der GSA-Agent holte hörbar Luft. »Sind Sie sich absolut sicher, dass die Osh-Mecc in die Sache verwickelt sind?«
»Nicht nur verwickelt«, antwortete Nicoleta Belà an Jerichos statt. »Sie sind die Urheber. Die Anlage bestand vollständig aus Osh-Mecc-Technik. Rosgard hat es uns verraten. Außerdem gab es in dem Labor, das wir entdeckten, jede Menge dieser Datenkristalle, von denen Sie einen seit geraumer Zeit untersuchen, ohne seinen Inhalt ergründen zu können.«
»Rosgard hat mit den Fremden kooperiert?« Beck schien bestürzt, auch wenn seine Miene dies nicht ausdrückte.
»Er hat sich ihre Technik angeeignet«, verbesserte Nici. »Ohne wirklich zu verstehen, wie sie funktionierte, hat er sie benutzt. Wir haben die Auswüchse seiner Experimentierfreudigkeit am eigenen Leibe erfahren. In der Raffinerie tummelten sich scheußliche Kreaturen, die das Ergebnis einer Kreuzung zwischen Mensch und Osh-Mecc waren.«
»Dennoch will ich den Aspekt nicht ausschließen«, betonte Beck, »dass Rosgard indirekt für die Zwischenfälle mit den ›Schatten‹ verantwortlich sein könnte. Falls er den Osh-Mecc den Weg zur Infiltrierung unserer höchsten Ämter geebnet hat, erhebt ihn das in den Status des Weltfeindes Nummer eins. Allerdings …« Beck überlegte.
»Worauf wollen Sie hinaus?« Nici hatte eine böse Ahnung.
»Die Gen-Industrie ist ein wichtiger Zweig unserer Wirtschaft«, erläuterte der Agent. »Millionen Menschen nutzen Gen-Präparate; die Gen-O-Matics sind als leistungsfähige Arbeitskräfte nicht mehr wegzudenken.«
»Sie sind eine Gefahr«, sagte Nici kalt. »Die Degenerierung ihres Erbgutes ist nur eine Frage der Zeit. Wir haben eine Bedrohung erschaffen, derer wir nicht mehr Herr werden.«
»200 Millionen Menschen in jeder METROCITY«, bekräftigte Jericho mit tiefem Bass. »Jeder Einzelne ein potenzielles Risiko. Aber solange Sie Prämien zahlen, schicke ich die Durchgeknallten in den Ruhestand.«
»Die Situation in unserer Gesellschaft lässt sich nicht von heute auf morgen bereinigen«, setzte Beck zu einer Erklärung an. »Wir würden die Ordnung demontieren, nähmen wir die Präparate vom Markt. Der Prozess ist in Gang gesetzt und zu einer Lawine geworden. Unsere Bemühungen können also nur auf Schadensbegrenzung hinauslaufen. Genau das bewerkstelligen Sie beide. Alle weiterführenden Konsequenzen müssen auf andere Art und Weise behandelt werden. Eine Art und Weise allerdings, von der niemand auf Entscheiderebene eine blasse Vorstellung hat.«
»Da ist doch noch mehr«, warf Nici energisch ein. »Ich habe genau gemerkt, wie Ihre grauen Zellen in Bewegung geraten sind, als ich die Verschmelzung menschlicher und extraterrestrischer DNS erwähnte.«
Der GSA-Mann schürzte die Lippen.
»Denken Sie an die Möglichkeiten«, bekannte er. »Nicht nur, dass wir unseren Gegner besser verstehen lernen, nein – wir könnten aus einem völlig neuen Gen-Pool schöpfen, die In-vitro-Gezüchteten verbessern und in neue Dimensionen biogenetischer Schöpfungskraft vordringen.«
Nicoleta starrte den Agent stumm an. Schließlich fand sie ihre Stimme wieder.
»Sie denken an einen militärischen Einsatz«, sagte sie ihm auf den Kopf zu. »Effizientere und leichter kontrollierbare Kampfmaschinen. Kriegsführung auf höchstem Niveau.« Nici verzog abfällig die Oberlippe.
»Wie auch immer Sie das interpretieren wollen, ermöglicht uns die fremde Technologie eine enorme Weiterentwicklung. Sie wird in vielfältiger Weise nutzbar sein.«
»Vergessen Sie nicht, dass der Komplex zerstört worden ist.«
»Das«, erwiderte Beck vieldeutig, »erfordert eine neue Herangehensweise. Ich werde das mit den zuständigen Abteilungen erörtern. Nichtsdestotrotz haben Sie wertvolle Einrichtungen zerstört, was Ihren privilegierten Status beeinträchtigen könnte.«
»Sind wir jetzt die Bösen?«, erregte sich Jericho. »Es ging um Leben und Tod. Da hatten wir nicht viel Auswahl.«
»Sie sind Interessenvertreter der globalen Regierungsgewalt«, unterstrich Beck. »Nur aus diesem Grund tolerieren wir Ihre Eskapaden, Mister Blane. Denken Sie, Sie könnten sich sonst wie ein Psychopath in der Öffentlichkeit aufführen?«
»Meine besonderen Fähigkeiten, wie Sie immer betonen, haben Sie doch bisher stets für Ihre Zwecke genutzt und sind gut dabei gefahren.« Der Söldner blieb erstaunlich gelassen, obwohl es in ihm brodelte.
»In Ihrem Fall handelt es sich um eine Kosten-Nutzen-Rechnung«, belehrte ihn der Agent. »Dahinter steckt ein mathematisches Prinzip. Sollte die Rechnung unter dem Strich nicht mehr stimmen –«
»Schon verstanden!«, fuhr Jericho dazwischen. »Ich mache mir ebenfalls Gedanken, ob ich weiterhin eine Unbekannte in Ihrer Gleichung sein möchte.«
»Sie sind zornig«, lenkte Beck ein. »Halten Sie lediglich den Ball flach, damit wir unsere Zusammenarbeit fortführen können. Schließlich wollen beide Seiten von einer solchen Kooperation profitieren.«
»Hatten Sie nicht ebenfalls Neuigkeiten für uns?«, wollte Nici das Gespräch in eine erfreulichere Richtung lenken.
»In der Tat«, bestätigte Beck. »Und erst unter Berücksichtigung Ihrer Erkenntnisse macht unsere Entdeckung Sinn. Im Golf von Mexiko konnte ein krakenähnliches Wesen geortet werden. Laut unserer Messungen hatte das Tier eine Ausdehnung von annähernd achtzig Metern. Wir gehen davon aus, dass es für den Untergang der MS ›Commonwealth‹ verantwortlich ist. Setzen wir weiterhin voraus, dass es sich um eine Mutation aus den Laboren der Rosgard-Forschung handelt, ist Rubin Rosgard mehr oder weniger selbst an dem Verlust seiner Fracht schuld. Durchaus denkbar, dass er sich dieses Umstands nicht bewusst ist.«
»Laut eigener Aussagen tappt er im Dunkeln«, berichtete Nici.
»Wurde das Ungeheuer vernichtet?«, fragte Jericho.
»Bedauerlicherweise ist es unseren Sensoren entkommen«, gab der Agent zu. »Wohin es sich entfernt hat, ist uns nicht bekannt.« Der GSA-Mann knetete seine Finger. »Was den Jungen angeht –«
»Naud!«, sagte Nici energisch. »Dieser Junge hat einen Namen. Er ist ein Individuum und keine austauschbare Komponente in Ihrem vielgepriesenen System.«
»Nun, haben Sie sich Gedanken gemacht, was seine Zukunft angeht?« Agent Beck zog einen PDA aus der Jackentasche und überflog die Anzeigen auf dem Display. Offenbar hatte er eine Mitteilung erhalten. »Er ist der Sohn von Linda und Jeremy Henderson. Sein Vater hat in der Entwicklungsabteilung der Rosgard-Stiftung gearbeitet. Ich will diesen Umstand nicht dramatisieren, aber der Junge – Naud – könnte sich zu einem Sicherheitsrisiko entwickeln.«
»Er weiß nicht viel über die Arbeit seines Vaters«, sagte Nici. »Außerdem setzt dies nicht voraus, dass er in dessen Fußstapfen tritt.«
»Dennoch sollte er unter Beobachtung bleiben«, hielt Beck an seiner Meinung fest. »Haben Sie dahingehend konkrete Vorstellungen? Ansonsten könnten wir das übernehmen.«
»No chance!«, erwiderte Nicoleta herrisch. »Wir kümmern uns drum.«
Jericho rieb sich das Kinn und schmunzelte plötzlich.
»Ich denke, mir ist da gerade eine Idee gekommen …«
*
Zehn Minuten später startete das Aero-Car unter Vollschub vom Gelände der Maschinenfabrik.
»Was ist das für eine Idee, von der du gesprochen hast?«, fragte Nici ihren Gefährten. »Oder wolltest du Beck bloß in Sicherheit wiegen?« Sie warf einen kurzen Blick auf Naud, der sich wieder hinter die Schalensitze geklemmt hatte. »Du willst ihn doch nicht bei uns einquartieren?«
»Hast du Angst, dass du dann nicht mehr nackt durchs Loft laufen kannst?«, zeigte Jericho ein hämisches Grinsen. Naud riss die Augen auf und zeigte ein spitzbübisches Lächeln.
»Quatsch! Ist einfach zu gefährlich. – Jetzt sag schon, was du vorhast!«
»Kennst du Schwester Barklouse?«, wollte Jericho wissen.
Nici dachte einige Augenblicke lang nach. Dann erhellte sich ihr Gesicht.
»Die leitet doch einen Kinderchor. Schlampe Christel ›Sweet Lips‹ Lippenberry**Die lernt Ihr noch kennen hat in ihrer Kolumne über sie berichtet.«
»Schwester Barklouse ist nicht nur Sängerin, Tänzerin, eine begnadete Köchin und Psychologin, sie ist auch Mutter Oberin des ›Orphan’s Mansion‹.«
»Du willst Naud in ein Waisenhaus geben?«, staunte Nici und war leicht entrüstet. Sie legte eine Hand auf Nauds Schulter und klopfte beruhigend darauf. »Da fällt uns doch sicher was Besseres ein.«
»Oh, es ist kein gewöhnliches Waisenhaus«, klärte Jericho seine Freundin auf, schoss über einen mit mäßiger Geschwindigkeit fliegenden Gleiter hinweg und setzte sich brutal vor dessen Nase, sodass dieser abbremste und ins Schlingern geriet. Wütendes Hupen war die Folge. »Die Barklouse ist eine echte Wuchtbrumme. Da geht richtig der Punk ab.«
»Sehen wir sie uns an«, sagte Nici wenig überzeugt, hatte aber gegenwärtig keine sinnvollere Lösung parat. »Bin gespannt.« Argwöhnisch verfolgte sie den Kurs des Aero-Cars, der zur Stadtperipherie führte.
»Liegt etwas abseits«, kommentierte Jericho die Flugrichtung, »in einem der alten Stadtteile …«
»… mit Ziegelsteinromantik und grüner Lunge«, vervollständigte Nici.
Abseits der gläsernen Gebäude und Leichtmetalltürme füllte alsbald ein Stadtbezirk die Frontscheibe des Gleiters aus, der einem Arbeiterviertel aus dem 19. Jahrhundert zu entstammen schien. Rote Ziegelbauten reihten sich aneinander, durchzogen von schmalen, schmutzigen Straßen mit Fahrzeugen, die so gar nicht in die Gegenwart passen wollten. Das Saugen und Zischen von Dampfturbinen wurde hörbar, das Rattern altertümlicher Motoren.
»Hat den Charme unseres Retro-Viertels«, meinte Nici. »Bei Sonnenschein betrachtet sieht’s gar nicht so übel aus.«
Das Aero-Car donnerte über die Flachdächer hinweg und bremste stark ab, als sich die Bebauung lichtete und das Grün der Natur sich in den Vordergrund drängte. Auf einem Hügel erschien ein eigenwilliges Gebäude, flankiert von spitzen Türmchen mit schwarzen Schindeln. Ein Pfad, auf dem gerade einmal zwei Personen nebeneinander Platz fanden, führte vom Fuß des Hügels hinauf zu einer Pforte, die von derselben Farbe war wie die Spitzdächer.
»Gruselig«, schüttelte sich Nici. »Da halten sich Kinder auf? Außer Gespenstern hätte ich dort oben niemanden vermutet.«
Sanft setzte der Gleiter in leichter Schräglage auf dem Hügel auf. Ein wenig widerwillig stieg Naud aus und musterte das Haus misstrauisch.
»Gefällt mir nicht«, sagte er und kickte einen Stein weg. »Ein Kloster ist im Vergleich ein Freizeitpark. Hier muss man bestimmt den ganzen Tag beten, arbeiten und um acht ins Bett.«
»Aber du hast ein Bett«, blaffte Jericho. »Vielleicht finden wir für dich lieber ein trockenes Plätzchen in der Kanalisation oder in Alpha minus.«
»Hört sich alles irgendwie Kacke an«, murrte Naud. »Wieso kann ich nicht bei euch bleiben?«
Jericho zeigte seine Zähne.
»Weil Nici Kinder nicht leiden kann, unsere andere Mitbewohnerin ein Ferkel ist und ansonsten nur noch ein komischer alter Mann bei uns lebt, der dich womöglich noch zum Kommunismus bekehrt oder dir sonstige Flausen in den Kopf setzt. Sei vernünftig und geh zu Schwester Barklouse. Da gibt’s drei Mahlzeiten am Tag und einen Gutenachtkuss. – Na?«
»Kotz«, machte Naud.
»Ich mag Kinder!«, blökte Nici.
»Hört auf zu nörgeln!«, schimpfte Jericho. »Das ist das hammermäßigste Waisenhaus an der ganzen Ostküste.«
»Weil das einzige.« Nici stellte sich hinter Naud und stupste ihn an. »Na komm. So schlimm wird’s nicht werden.«
»Du musst ja nicht hier leben«, erwiderte Naud. »Bestimmt muss man mit einer Zahnbürste das Klo schrubben oder den Aufpassern den inkontinenten Hintern abwischen.«
»Der redet schon genau wie du, Jerri«, setzte Nici ein keckes Grinsen auf. »Umso schneller sollten wir Naud bei der Barklouse unterbringen.«
»Barklouse«, brummelte Naud. »Das klingt wie eine Tüte voller Flöhe.«
»Und mein Name«, meinte Jericho streng, »klingt wie ein Sack voller Ärger.«
Jericho und Nici stiefelten zur Tür, Naud ließ sich ziehen. Noch bevor sie anklopfen konnten, wurde die Tür geöffnet. Das Gesicht einer muffeligen Dame mit hochgesteckten Haaren und Dutt erschien in dem Spalt.
»Was wollen Sie?«, krähte die Frau genervt. »Bettler mögen wir nicht!«
»Öhm«, war vorerst die einzige Lautäußerung, die Jericho von sich gab. Verdutzt sah er von der Dame mittleren Alters zu Nici und wieder zurück.
»Öhm«, sagte er erneut.
»Sprechen Sie unsere Sprache nicht?«, maulte die Frau ruppig. »Sind Sie Asylant oder Gastarbeiter? Falls Sie uns etwas verkaufen wollen: Wir brauchen nichts! Außer vielleicht einen Beutel Dachsleber und sechzehn mundbemalte Nachttöpfe.«
»Hauen wir ab!«, zerrte Nici ihren Gefährten am Arm. »Das kann ja wohl alles nicht wahr sein!«
»Öhm, ich …« Jericho war derart verdattert, dass er mehrmals ansetzen musste, bevor er mit der Sprache herausrückte. »Ist Schwester Barklouse im Haus?«
In die Augen der streng dreinblickenden Dame trat ein undefinierbares Funkeln. Sie zog die Tür auf und strich ihr beigebraunes Plisseekleid glatt. Dann machte sie aus dem Stand einen Salto rückwärts, steppte wie wild auf dem Holzboden herum, machte einen Spagat und federte in einer Bewegung wieder hoch. Breitbeinig blieb sie stehen, grinste mit gebleckten Zähnen und zog an einer Kordel, die von ihrem Hinterkopf baumelte. Sofort sprangen ihre Haare vom Kopf hoch, wechselten zu giftgrüner Farbe mit rostrot durchsetzten Strähnen und machten den Eindruck, als hätte die anfangs stocksteife Frau einen Griff in die Steckdose getan. Der Effekt war derselbe, als hätte man den Afrolook eines Schwarzen aus den 1970ern in eine Baseballkappe gezwängt und ihm diese im Anschluss ruckartig vom Kopf gerissen.
»Willkommen, Jericho, du fieser Racker!«, rief die Frau und schüttelte ihre Arme, als bewege sie sich zu einem heißen Rumba-Rhythmus. »Ich bin’s! Barklouse!«
»Da bin ich baff«, gab Jericho zu und hoffte, dass niemand seinen ungemein dümmlichen Gesichtsausdruck bemerkte.
»O HAPPY DAY!«, stimmte die Barklouse an. »O HAPPY DAY – AY!« Die Türen zu beiden Seiten des Foyers flogen auf und entließen eine Schar Kinder und Jugendlicher, die den Song weiterführten und einen stimmgewaltigen Choral bildeten. Sie klatschten in die Hände, sangen und wirbelten um Schwester Barklouse herum. Eine kleine aber beeindruckende Choreografie entstand, bei der alle im Takt des Liedes mitschwangen und einige sich nicht scheuten, einen Solopart hinzulegen.
Erst standen Jericho, Nici und Naud stumm und steif im Eingang. Doch die Kinder begannen nun, gleich vor ihnen zu tanzen, ergriffen die Hände der drei und zogen sie in den Kreis der ausgelassenen Sänger und Tänzer. Nici fiel in das Klatschen ein und bewegte ihre Hüften zum Takt. Naud machte es ihr nach, während Jericho darüber nachdachte, den lärmenden Bälgern reihenweise Kopfnüsse zu verpassen. Schließlich aber ließ er die Prozedur über sich ergehen und war sichtlich erleichtert, als die letzte Note verklungen war.
»Was führt dich zu mir, Jericho?«, strahlte Schwester Barklouse und kniff ihn mit Daumen und Zeigefinger in die Wange. »Ich hab dich eine Ewigkeit nicht gesehen.«
Nicoleta wurde hellhörig.
»Hast du vielleicht absichtlich diese Episode aus deiner Vergangenheit verschwiegen?«
»Da gibt es nichts zu verschweigen! Ich hab als Kind oft hier gespielt.«
»O ja!«, zeigte sich die Barklouse begeistert. »Er hat leidenschaftlich gerne mit Pferdeäpfeln jongliert. Damals hatten wir eine Koppel hinter dem Haus. Jetzt ist da nur noch eine Wiese mit großem Spielplatz.«
»Pferdeäpfel?«, bekam Nici Stielaugen.
»Aber sicher.« Schwester Barklouse zeigte sich äußerst gesprächig. »Leider war Jericho nicht sonderlich geübt und hat sich immer von Kopf bis Fuß besudelt. So konnte ich ihn natürlich nicht nach Hause lassen. Aber ein Latschenkieferbad hat ihm den ganzen Schmutz runtergewaschen. Ich habe ihn dann immer in einem bunten Nachthemd heimgeschickt. Geschämt hat er sich, der Kleine, aber er ist stets gerne wiedergekommen.«
»Du hast ja seltene Neigungen«, meinte Nici hämisch grinsend zu Jericho. »Komm mir da nur nicht auf dumme Gedanken. Mein Loft soll sauber bleiben.«
»Ich war fünf!«, verteidigte sich Jericho. »Und das Nachthemd war scheußlich. Alle haben gelacht.«
»War leider nichts anderes da«, ergänzte die Schwester. »Am nächsten Tag aber waren seine Kleider gewaschen und getrocknet. Und schwupps – hat er sich wieder eingesaut.«
Die Kinder stimmten johlendes Gebrüll an.
»Jetzt gibt’s erst mal Mittagessen«, verkündete die Barklouse. »Ihr esst doch einen Happen mit, ja?«
Unschlüssig sahen sich Nici und Jericho an; Naud hatte sich bereits entschieden.
»Ich hab einen Bärenhunger!«, stieß er hervor.
»Na, kommt schon«, packte Schwester Barklouse die beiden Söldner bei den Händen. »Ihr könnt mithelfen, Besteck und Geschirr aufzutischen. Es sind viele hungrige Mäuler zu stopfen.«
Die Tische im Speiseraum waren in lockerer Anordnung aufgestellt. Nici hockte sich zu einigen Kindern an den Tisch, Naud wurde gleich von mehreren Mädchen zu einem anderen Tisch gezogen. Jericho sah sich um. Bei Nici war kein Platz mehr frei. Notgedrungen setzte er sich zu einer Gruppe aus sechs Kindern, die staunend seine beschädigte und mit Schleim und Blut besudelte Rüstung begutachteten. Von allen Seiten drangen Fragen auf ihn ein. Und erst als das Essen auf den Tischen stand und die Kinder sich mit Appetit über die Speisen hermachten, hörten sie auf, ihn zu löchern.



