10 Galaktische Abenteuer Box 4

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Er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, brachte kein Wort heraus und blickte sie verzweifelt an. Connie bewegte sich schneller als er mit den Augen folgen konnte, und so fand er sich nur Sekunden später geschnürt wie ein handliches Paket. Mit aufreizenden Bewegungen zog sie sich an, durchsuchte kurz seine Kleidung und nahm neben einer kleinen Waffe einen Kreditchip aus der Tasche.
»Ich denke, meine geleisteten Dienste waren einiges mehr wert als nur die Passage auf diesem Seelenverkäufer«, sagte sie zur Begründung. »Und nun werde ich dir erklären, wie es weitergeht. Ich habe ein wenig in deiner Kabine herumgewühlt und dabei bin ich auf einige nette Kleinigkeiten gestoßen, die eine hübsche und wirkungsvolle Bombe ergeben haben.«
»Du bluffst«, stieß er hervor und funkelte sie an.
»Das habe ich nun wirklich nicht nötig. Kleine Kostprobe gefällig?« Connie hatte tatsächlich einen kleinen Sprengsatz gebastelt, doch der würde höchstens ausreichen, um einen Hund zu erschrecken. Die Demonstration sollte jedoch genügen. Wichtig war nur, dass der Kapitän glaubte, es befände sich ein größerer Sprengsatz hier in der Kabine.
Connie lächelte ihm schmelzend zu, drückte auf den Schalter der Bettbeleuchtung, und es knallte ganz gehörig. Rauch stieg auf, und der stechende Geruch nach Chemikalien breitete sich aus.
»Du verdammte Hexe«, stieß Robinson hervor.
»Du solltest die Beschimpfungen lassen, mein Lieber«, sie ungerührt fort. »Du wirst jetzt Jackson rufen und sagen, dass du dich nicht wohl fühlst, er soll die Landung allein durchführen und sich um die notwendigen Formalitäten kümmern. Zwei deiner Leute kommen direkt vor der Landung hierher und eskortieren mich von Bord, sollte ich auch nur den Verdacht haben, dass etwas nicht stimmt, fliegt hier alles in die Luft, und du bekommst einen Freiflug in die Hölle. Sobald ich sicheren Boden unter den Füßen habe, gebe ich Bescheid, wo sich die nette kleine Bombe befindet. Das ist der Deal.«
»Verdammtes Miststück«, kam eine weitere Beleidigung.
»Aber nicht doch, Kapitän, noch vor einer Stunde hattest du hübschere Kosenamen für mich.«
»Ich will mich erst einmal anziehen«, forderte er, doch sie lachte. »Du gefällst mir so, wie du bist. Du brauchst deine Kleidung jetzt nicht.«
»Warum sollte ich dir trauen? Du bist im Stande, die Bombe auch dann zu zünden, wenn ich dir deinen Willen lasse. Ich verlange Garantien.«
»Das einzige, was du garantiert bekommst, ist Feuer unter dem Hintern. Ich werde notfalls auch ohne dich einen Weg nach draußen finden, aber du darfst sicher sein, dass ich dann ganz bestimmt auf den Knopf drücke.« Sie hatte Recht, und er wusste es. Er verwünschte sich, nicht schon früher Vorkehrungen getroffen zu haben, er war sich ihrer zu sicher gewesen.
»Also gut«, gab er nach. »Aber du tust gut daran, nie wieder meinen Weg kreuzen.«
»Sollte mir das etwa Angst machen?«, fragte sie spöttisch. »Du kannst mir doch gar nicht das Wasser reichen, erspare uns also beiden diese leeren Drohungen.«
Angespannt und zornig gab der Kapitän seine Anweisungen, dann wartete er gemeinsam mit Thielmann auf die beiden Besatzungsmitglieder, die sie von Bord bringen sollten.
»Warum tust du mir das an?«, grollte Robinson. »Habe ich dich nicht gut genug behandelt? Du musstest nicht arbeiten, du bist bestens versorgt worden, ich habe dich nicht an meine Leute ausgeliefert. Was willst du eigentlich noch mehr?«
Sie ließ ein perlendes Lachen hören. »Ist das wirklich alles, was du einer Frau zugestehst? Dann wundert es mich nicht, dass du solo bist und dir vor allem eine Menge Erfahrung fehlt. Nun gut, ich denke, ich habe jetzt lange genug die Lehrerin gespielt.«
»Du bist ein arrogantes Stück Dreck«, stieß er hervor.
»So etwas sagtest du schon.« Sie beugte sich vor, gab ihm einen Kuss auf die Nasenspitze und glitt dann mit der Zunge spielerisch durch sein Gesicht. Die Tür öffnete sich, zwei Männer standen da und schauten betroffen auf ihren Kapitän.
»Kein Wort zu irgendwem«, donnerte der. »Bringt dieses verfluchte Weib auf den Planeten und lasst euch dann von ihr sagen, wo sich der bewusste Gegenstand befindet. – Na los, macht schon.«
Völlig ungeniert betrachteten die zwei ihren nackten Vorgesetzten, der sich in einer ausgesprochen misslichen Lage befand. Das Bedauern hielt sich offenbar in Grenzen, denn sie lachten dröhnend auf. Wie die Anzeigen auf dem Monitor bewiesen, war das Schiff gerade gelandet.
»Lebt wohl«, sagte Connie spöttisch. »Ihr werdet verstehen, dass ich nicht auf Wiedersehen sage.« Sie ging voran, dicht gefolgt von den beiden Männern, die es nicht lassen konnten, die Frau in Gedanken auszuziehen.
Es gab keine Schwierigkeiten in das Raumhafengebäude zu gelangen.
»Bis hierher reicht die Eskorte«, meinte Connie, die es kaum glauben konnte, mit diesem dreisten Trick durchzukommen. Sie schenkte den beiden Männern ein letztes Lächeln.
»Sagt dem Kapitän, es gibt keinen Sprengsatz, ich habe gelogen. Bindet ihn los, aber achtet darauf, keine edlen Teile zu verletzen.« Lachend lief sie davon, die beiden Männer verstanden offenbar gar nichts, trollten sich dann aber.
Thielmann nahm zielstrebig Kurs auf ein Kaufhaus, in dem alles zu haben war, was Raumfahrer brauchen konnten. Nach einigem Suchen fand sie alles, was sie nutzen konnte, um sich in jemand anderen zu verwandeln. Haarfärbemittel, Kleidung, Kosmetika und zum Schluss sogar eine Perücke. Noch hatte sie keinen Plan, wie sie weiter vorgehen sollte, aber auch hier konnte sie nicht bleiben, wie sie nach einem kurzen Blick ins Vid-Terminal feststellte. Selbst hier auf Monteverdi prangte ihr Bild inmitten anderer Gesichter, und sie musste hoffen, dass niemand auf diesem abgelegenen Planeten einen Blick in die Verbrecherkartei warf.
Monteverdi war ein Bergbauplanet, die Auswahl der Möglichkeiten war beschränkt, und Connie beschloss, sich selbst als Prospektorin auszugeben, die nach einer neuen Arbeitsstelle suchte. Auch das kam alle Tage vor, wie viele Prospektoren hatten ihr gesamtes Hab und Gut verloren, weil sie es nicht lassen konnten, nach längerem Flug die nächste Spielhölle aufzusuchen und dann alles zu setzen?
Ein schmuckloser Overall, die Perücke und der geschickte Einsatz von Schminke machten aus Connie in wenigen Minuten eine jener freiberuflichen Gestalten, die nicht viel Wert auf Äußerlichkeiten legten, dafür jedoch ein ganz besonderes Gespür besaßen, mit dem sie Bodenschätze finden konnten, wo andere Leute nichts als toten Felsen entdeckten.
Thielmann war in der Lage, sich wie ein Chamäleon der jeweils herrschenden Umgebung anzupassen. Trotzdem musste sie vorsichtig sein, auch diese Verkleidung würde einen erfahrenen Jäger nicht lange täuschen können. Sie hoffte, dass sich nicht rein zufällig einer der Kopfgeldjäger hier befand, doch gerade Bergbauplaneten waren für Flüchtige oftmals Anlaufstellen, weil sie hofften, sich hier nicht nur verstecken zu können, sondern auch Passagen zu Planeten zu erlangen, auf denen sie sich sicher fühlten. Die Jäger wussten das, und wer nicht gerade eine heiße Spur zu einem anderen Flüchtigen hatte, nahm hier oftmals die Fährte auf. Es war also nicht ohne Risiko, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, doch Connie hatte keine Wahl. Sie fühlte sich nicht unbedingt sicher, sie hielt es auch für möglich, dass Robinson nach ihr suchte, um sich für die erlittene Schmach zu rächen. Verletzte Eitelkeit war eine starke Triebfeder, Connie machte sich nichts vor, sich lange auf diesem unfreundlichen Planeten aufhalten zu können, doch sie musste sich zunächst einmal einen Überblick verschaffen.
Der kleine Ort selbst, der hier als Knotenpunkt für den gesamten Planeten diente, interessierte sie nicht, sie brauchte eine Passage weg von hier. Auf dem Raumhafen gab es Terminals, auf denen in rascher Folge die Namen und Daten von Schiffen aufleuchteten, im Augenblick herrschte hier reger Verkehr. Doch keines dieser Schiffe war ein Passagierraumer, es handelte sich ausnahmslos um Frachter, die keine Gäste an Bord aufnehmen würden; aber auch kein Frachter war da, der in die von ihr gewünschte Richtung flog. Nun, irgendwo auf dem Raumhafen würde sie schon eine Gelegenheit entdecken, sie musste nur aufmerksam sein.
Zwei Männer blickten sie mit unverhohlener Bewunderung an, unwillkürlich lächelte Connie.
»Hast du zwei Stunden Zeit, Schätzchen?«, fragte einer von ihnen unverblümt.
»Glaubst du wirklich, du kannst zwei Stunden durchhalten?«, fragte sie spöttisch. Die beiden brachen in Gelächter aus und gingen weiter. Es tat gut, für kurze Zeit so etwas wie Normalität zu spüren. Ihre Gedanken richteten sich jedoch sofort wieder auf das Naheliegende. Sie musste hier weg!
Die Kneipen in derartigen Raumhäfen boten vermutlich die beste Gelegenheit, denn dort gab es Gerüchte, Tatsachen und Möglichkeiten, wenn man nur die Augen offen hielt. In ihrem Hinterkopf hatte Thielmann eine Information, mit der sie im Augenblick noch nichts anfangen konnte.
Ein Gerücht besagte, es gäbe ein geschütztes System, in dem die Rechtsprechung und natürlich auch die Gesetze der Vereinten Kolonien nicht gültig waren. Doch bislang hatte offenbar noch niemand dieses System ausfindig gemacht. Das wäre für Connie jedoch der beste Zufluchtsort. Nun, gerade auf einem Bergbauplaneten war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es jemanden gab, der diesen Ort kannte. Connie war entschlossen, sich Zeit zu nehmen, um herauszufinden, ob es jemanden gab, der mehr wusste. Dann würde sie auch den Weg dorthin finden, soviel stand fest.
Zwei
»Man gewinnt seine Schlachten, wenn man keine Fehler begeht.«
Sun-Tzu (534 v. Chr. bis 453 v. Chr.)
»Die Kunst des Krieges«, Taktische Entscheidungen
Wer noch vor einem Jahr auf Glenn Finnan gelandet war und jetzt zurückkehrte, hätte den Planeten und die Stadt Glastonbury Tor nicht wieder erkannt. Von Anfang an hatte es die Bestimmung gegeben, im Einklang mit der Natur zu leben. Das hatte zunächst dazu geführt, dass die Häuser weit auseinander gebaut wurden. Es gab keine schädliche Technik, die die Umwelt belastete, die außerirdische Technik ermöglichte es, Gebäude und Transportwege zu installieren, die Rücksicht auf die natürlichen Gegebenheiten nahmen.
Mittlerweile gab es jedoch schon eine ganze Reihe von neuen Einwanderern, die ebenfalls alle Platz finden mussten, und so waren die Abstände zwischen den Häusern geringer geworden. Zusammen mit der wachsenden Bevölkerung waren auch die administrativen Aufgaben mehr geworden. Der Friedensplanet Glenn Finnan brauchte ebenso eine geordnete Regierung wie jede andere Zivilisation auch. Neben einem Magistrat, in dem Vertreter der verschiedenen Völker sitzen sollten, war es nötig geworden, Verwaltung, Gesetzgebung und Polizei einzurichten.
Drep Doye, der Gründer des Friedensplaneten, der sich damit einen lang gehegten Traum erfüllte, hatte eine klare Vorstellung davon gehabt, wie sich der Planet mit Leben gestalten sollte, die administrativen Aufgaben waren ihm jedoch relativ gleichgültig gewesen. Durch die nun doch hohe Population wurde es zu einem drängenden Problem, das er jedoch geschickt delegierte, schließlich gab es Bewohner in Glastonbury Tor, die sich bestens damit auskannten.
Zwei von ihnen waren Damien Cavelorn und Amber Cavelorn-Donegal, seine Frau. Amber hatte lange Jahre als Polizistin gearbeitet und war daher bestens vertraut mit dieser Einrichtung, die nun auch hier dringend aufgebaut werden musste.
Amber und Damien waren seit über einem Jahr verheiratet und hatten eine kleine Tochter, Marian Sara, die auf diesem paradiesischen Planeten eine unbeschwerte Kindheit verbringen konnte. Aber ein Jahr war eine lange Zeit, Amber würde sich vermutlich schon zu Tode langweilen, als Hausfrau konnte sie einfach nicht ausgelastet sein.
Der Aldebaraner Doye ging in seinen Gedanken großzügig darüber hinweg, dass Amber sich im Rat und auch beim Aufbau der Stadt selbst engagierte. Er war der Meinung, dass ihre unbestreitbaren Fähigkeiten dem ganzen Planeten zugute kommen sollten. Warum nicht Amber zur Polizeichefin machen, es blieb ihr dann überlassen, die notwendigen Einheiten selbst aufzustellen.
Und Damien? Der ehemalige Kopfgeldjäger, der so viele Erfolge zu verzeichnen hatte, war hier auf Glenn Finnan zur Ruhe gekommen. Auch er war aktiv im Rat und beim Aufbau der Stadt. Ihm war es zu verdanken, dass die Planung der Stadtteile nicht in ein vollkommenes Chaos ausgeartet war. Sein kluger und praktischer Rat, sein analytischer Verstand und seine Autorität sorgten dafür, dass die Arbeiten planvoll und zügig vorangingen. Aber Damien war längst nicht ausgelastet, fand Drep Doye.
Das Volk der Jasnoraner, wie die Bewohner des Planeten sich selbst nannten, brauchte dringend nach außen hin eine Persönlichkeit, die nicht nur Verhandlungsgeschick besaß, sondern auch von den übrigen Völkern und besonders den Vereinten Kolonien anerkannt und respektiert wurde. Damien Cavelorn sollte Bürgermeister werden.
Von diesem ehrenwerten Plan wusste er allerdings noch nichts, und Doye war nicht sicher, ob er das Amt überhaupt annehmen wollte. Ganz sicher würde Damien darauf verweisen, dass dieses Amt nur dem ehemaligen Botschafter der Aldebaraner selbst zustehen konnte. Der war sich aber bewusst, wie viel Arbeit und Anstrengung auf Dauer damit verbunden wäre, er selbst war alt und hegte nur noch den Wunsch in Ruhe gelassen zu werden – nun, mal abgesehen von seiner wesentlich jüngeren Frau Kwankiji.
Glastonbury Tor, und damit der Planet Glenn Finnan, brauchte eine starke Hand und einen klugen Kopf. Damien Cavelorn besaß beides, er war der Richtige für den Posten. Der Aldebaraner war niemand, der lange zögerte, sobald er einen Entschluss gefasst hatte. Er verließ sein Haus und suchte Damien daheim auf.
Marian Sara Cavelorn war ein reizendes Kind. Obwohl erst eineinviertel Jahre alt, ging sie mit unsicherem Trippelgang durch die Welt. Ihre großen dunklen Augen blickten ständig neugierig in die Welt, und ihr kleiner Mund stand einfach nicht still, auch wenn man meist nicht verstand, was sie wollte. Damien war ganz vernarrt in seine kleine Tochter und verbrachte jede freie Minute mit ihr, was Amber bereits zu der Bemerkung veranlasst hatte, dass sich irgendwann ein Eifersuchtsdrama abspielen würde – spätestens dann, wenn Marian soweit war, einen eigenen Freund nach Hause zu bringen. Sie selbst konnte jedoch auch nicht über mangelnde Aufmerksamkeit klagen. Damien, der ewige Jäger, schien endlich den Lebensstil gefunden zu haben, den er unbewusst gesucht hatte. Er war ruhig und ausgeglichen geworden, der Jäger war zum Siedler mutiert.
Das Leben in Glastonbury Tor bot dennoch genügend Abwechslung, es gab neue Freunde und viel Aufbauarbeit, jeder Tag war ausgefüllt, es gab keine innere Leere. So zumindest schien es. Amber schwieg darüber, doch es gab Zeiten, in denen sie ihre Arbeit vermisste. Als Polizistin war sie immer mitten im Geschehen gewesen, auf Glenn Finnan gab es bisher jedoch kaum Kriminalität, ihre Talente wurden nicht gebraucht. Obwohl, das stimmte nicht so ganz – Amber dachte lächelnd an den Vorfall, der sich erst gestern ereignet hatte.
Sie war am Raumhafen gewesen, der sich ebenfalls noch im Aufbau befand, einem riesigen Areal, das vom übrigen Planeten aus Umweltschutzgründen streng abgeschirmt wurde, und hatte dort ihren freiwilligen Dienst bei der Anflugkontrolle versehen. Durch einen reinen Zufall sah sie einen Dieb bei der Arbeit. Ohne lange nachzudenken war sie aufgesprungen und hatte den Mann nach kurzer Verfolgung gestellt. Doch dann gab es ein echtes Problem, denn trotz des rasenden Fortschritts, den es auf Glenn Finnan mittlerweile gab, waren bislang weder eindeutige Gesetze erlassen worden, noch hatte der Rat eine Polizeibehörde installiert oder gar ein Gefängnis gebaut. Amber hatte sich vorgenommen, bei der nächsten Ratssitzung darauf zu sprechen zu kommen. Doch es hatte sie auch erschreckt, wie schnell das Jagdfieber wieder in ihr erwacht war.
Ging es ihrem Mann vielleicht genauso, ohne dass er sich etwas davon anmerken ließ? Er zeigte keine Anzeichen dafür, und sie schob diese Gedanken beiseite. Der Dieb war mit dem nächsten Raumschiff abgeschoben worden, seine ID-Daten hatte man gespeichert, um eine erneute Einreise zu erschweren.
Amber hatte in Gedanken bereits ein Konzept erstellt, mit dem eine kleine, aber effiziente Polizeitruppe aufgebaut werden konnte, und sie fragte sich unwillkürlich, ob sie diesen Job gerne übernehmen würde. Die Antwort darauf wollte sie sich allerdings selbst nicht eingestehen.
Sie schaute aus dem Fenster des Hauses, das Damien und sie gebaut hatten. Die technischen Möglichkeiten der Aldebaraner sorgten dafür, dass nicht nur die Gebäude in atemberaubender Schnelligkeit in die Höhe schossen, auch das tägliche Leben wurde durch die verschiedenen Einrichtungen erleichtert. Ob es um hauswirtschaftliche Vorgänge ging oder um den Transport, überall war der Einfluss der Außerirdischen sichtbar.
Amber freute sich, als sie sah, dass Drep Doye mal wieder zu einem Besuch auftauchte. Sie mochte den alten Mann und war, wie alle Jasnoraner, von einer tiefen Ehrfurcht vor seiner Persönlichkeit erfüllt. Obwohl der Aldebaraner seit einiger Zeit fast blind war, schien er auf Glenn Finnan keine Hilfe zu benötigen. Es war fast, als hätte er direkten Kontakt zum Kern, zur Seele des Planeten. Das stimmte so natürlich nicht, Drep Doye hatte durch Kenji Tanaka, den Japaner, das meditative Beten erlernt, und auf diesem Planeten war daraus eine ganz besondere Beziehung mit der Umwelt entstanden.
Amber lief auf ihn zu und nahm ihn zärtlich in die Arme. »Wie schön, dass du vorbeikommst. Damien ist mit der Kleinen im Garten, ich rufe die beiden gleich. Ich glaube, wenn es nach ihm ginge, würde er sie gar nicht mehr aus den Augen lassen.«
Die tastenden Finger des alten Mannes glitten über das Gesicht der schönen Frau. Sie hielt still, wusste sie doch, dass er auf diese Weise in der Lage war, sich seinen ganz persönlichen Eindruck zu verschaffen.
»Es geht dir gut, und doch bist du aus irgendeinem Grund angespannt, Amber. Stimmt etwas nicht?«, forschte er, während sie Arm in Arm auf das Haus zugingen.
»Nein, es ist nichts«, sagte sie rasch, zu rasch. Drep machte sich seine eigenen Gedanken dazu. Wenige Minuten später hatte auch Damien den Besucher begrüßt, und die drei saßen in dem gemütlichen Wohnzimmer zusammen und sprachen über die Entwicklung ihrer neuen Heimat.
Damien musterte Doye immer wieder aufmerksam. »Du hast doch einen ganz bestimmten Grund, der dich hierher gebracht hat. Dies ist mehr als nur ein Freundschaftsbesuch, habe ich recht?«
»Deine Instinkte funktionieren offenbar immer noch hervorragend«, lobte der Aldebaraner. »Ich bin in der Tat aus einem ganz besonderen Grund hier. Glastonbury Tor wächst, wie ihr selbst recht gut wisst. Die Aufgaben werden immer mehr, und der Rat hat mittlerweile mehr zu tun, als ihm lieb ist. Aber der Rat braucht Unterstützung. Auch im Paradies muss offenbar eine gewisse Ordnung herrschen. Ich will nicht lange um das Thema herumreden. Amber, du bringst große Erfahrung mit, möchtest du den Polizeiapparat aufbauen? Dir wird selbstverständlich jede Hilfe zuteil, die du benötigst. Ich bin sicher, der Rat wird dir freie Hand lassen bei deiner Arbeit.« Er spürte förmlich das Verlangen in der Frau.
Amber wechselte einen langen Blick mit Damien. Er war sichtlich nicht ganz glücklich mit dieser Bitte, bedeutete sie doch, dass seine geliebte Frau wieder eingebunden wurde in die sturen Regeln eines Apparates, der für Recht und Ordnung zu sorgen hatte. Doch er sah ebenfalls das Verlangen in ihren Augen leuchten. Wie gut konnte er sie verstehen. Auch ihn trieb an manchen Tagen das Jagdfieber, und er war nahe dran, das nächstbeste Schiff zu besteigen, um wieder durch die Galaxis zu fliegen. Ja, doch, wenn es Ambers Wunsch war, sollte sie diese Aufgabe wahrnehmen. Eine besser geeignete Person war ohnehin schwerlich zu finden. Sein Blick drückte ein deutliches Ja aus, und die Augen seiner Frau funkelten.
Doye schien dieser lautlosen Zwiesprache auf unbegreifliche Weise zu folgen, seine Hand tastete nach der von Amber.
»Verstehe ich richtig, dass du nicht ablehnen wirst? Das ist gut. Ich habe mit den meisten Mitgliedern des Rates bereits gesprochen, und alle sind damit einverstanden.«
»Halt mal«, protestierte Damien. »Du arrangierst über unsere Köpfe hinweg eine derart verantwortungsvolle Tätigkeit, Drep. Was hättest du gemacht, wären wir nicht einverstanden?«
Doye lächelte gütig. »Dann hätte ich es morgen wiederum versucht«, gab er zurück.
Damien lachte. »Nun gut, damit haben wir dir also einen Weg erspart. Wann soll Amber mit der Arbeit beginnen? Nach der nächsten Ratssitzung, wenn weitere Einzelheiten besprochen worden sind?«
»Nun, ich dachte, gleich morgen, dann hast du heute noch Zeit, um Vorkehrungen zu treffen, Amber. Du hast bereits bei der letzten Sitzung ein gutes Konzept angestoßen. So, wie ich dich kenne, hast du deine Pläne längst weiterentwickelt. Falls du etwas Besonderes benötigst, brauchst du es nur zu sagen.«
»Das geht jetzt sehr schnell«, erwiderte sie langsam, doch dann strahlte sie. »Aber du hast natürlich Recht, wir sollten nicht länger warten. Es ist längst an der Zeit, etwas zu tun.«
Damien schüttelte ungläubig den Kopf. »Wüsste ich es nicht besser, hätte ich angenommen, es handelt sich hier um ein abgekartetes Spiel.«
»Das habe ich nicht nötig«, erklärte Doye würdevoll.
»Nein, das hast du ganz sicher nicht. Verzeih, allein die Unterstellung ist schon …«
Der Aldebaraner hob abwehrend die Hand. »Kein Wort mehr, mein Freund. Erzähle mir lieber, ob du etwas Neues von Guy Duncan erfahren hast.«
Plötzlich malte sich Stolz im Gesicht von Damien, ein Gefühl, das er vor einem Jahr nicht empfunden hatte, als er völlig unvorbereitet mit der Tatsache konfrontiert wurde, dass er Vater eines achtzehnjährigen Sohnes war. Vielmehr stand Cavelorn damals zunächst unter einem Schock.
Die Mutter des Jungen, die ehemalige Prostituierte Kate Kilbourne, hatte den Absprung aus dem Rotlicht-Milieu allein geschafft und genauso allein Guy Duncan großgezogen. Er war ein prächtiger, wenn auch etwas eigensinniger junger Mann, der auf die Bekanntschaft mit dem bisher unbekannten Vater genauso störrisch und spröde reagiert hatte wie Damien selbst. Es hatte lange Zeit gedauert, bis aus dem Aufeinandertreffen der zwei Sturköpfe eine vorsichtige Annäherung und schließlich ein Vertrauensverhältnis geworden war.
Als Kate auf ihre Heimatwelt zurückkehrte, hatte sich G.D., wie er allgemein gerufen wurde, dafür entschieden, bei seinem Vater zu bleiben. Amber hatte sich nicht nur in dieser ungewöhnlichen Situation, sondern auch in der nachfolgenden Zeit großartig verhalten. Sie war nicht eifersüchtig auf Kate, Damiens Verhältnis mit ihr lag so lange zurück, dass sie keine negativen Gefühle empfand. Doch mit einem ausgewachsenen Stiefsohn konfrontiert zu werden, war auch für die kluge temperamentvolle Frau zunächst nicht einfach gewesen. Aber G.D. hatte es ihr leicht gemacht, er sah in ihr weniger eine Stiefmutter als eine Freundin. Als er dann auch noch feststellte, dass sie schwanger war, benahm er sich ihr gegenüber fast fürsorglicher als Damien selbst.
G.D. hatte als erstes lernen müssen, seine Vorurteile gegen Kopfgeldjäger aufzugeben. Es war ihm zunächst schwer gefallen zu akzeptieren, dass ausgerechnet sein Vater einer von ›denen‹ war. Doch bald hatte er begriffen, dass es sich dabei um einen durchaus ehrenwerten und verantwortungsvollen Beruf handelte. Diese Sinnesänderung war sicherlich auch Ben Connor, dem alten Freund von Damien, zu verdanken. Der Händler, der neben ganz legalen Waren insgeheim auch Waffen aller Art lieferte, hatte mit dem jungen Mann lange Gespräche geführt und ihm nach und nach die Unhaltbarkeit seiner Vorurteile aufgezeigt. Dennoch hatte es Damien maßlos überrascht, als G.D. nach relativ kurzer Zeit verkündet hatte, er wollte selbst Jäger werden. Der strikten Ablehnung durch den Vater war ein zähes Ringen gefolgt, in dessen Verlauf sich Amber auf die Seite des Jungen geschlagen hatte. Schließlich hatte sich Damien auf einen Kompromiss eingelassen. G.D. besuchte das letzte Semester der Schule bis zum Abschluss, erlernte von Amber und seinem Vater den Umgang mit Waffen und Selbstverteidigung, und er machte seinen Pilotenschein. Sollte er das alles tatsächlich unter einen Hut bringen, würde sich Damien nicht länger sträuben, sondern seinem Sohn sogar das erste kleine Raumschiff schenken. Er hatte selbstverständlich angenommen, dass G.D. nicht durchhalten würde, bisher hatte der Junge nicht gerade durch Beharrlichkeit geglänzt, sondern vielmehr eine Polizeiakte vorzuweisen, doch der sah plötzlich ein großes Ziel vor Augen.



