10 Galaktische Abenteuer Box 4

- -
- 100%
- +
Reed blickte seinen Freund betroffen an. Dann winkte er ab. „Wir müssen nach oben. Der Alte macht mir Sorgen. Wer weiß, was er anstellt, wenn er weiter allein herumstreicht.“
Sie machten sich auf den Weg zum nächsten Antigravschacht.
„Alles funktioniert wie von unsichtbarer Hand gesteuert“, sagte Vanderbuilt, bevor sie in den Schacht stiegen und sich nach oben tragen ließen. „Ich gäbe einiges dafür, wenn ich wüsste, wie alt dieser Kasten ist.“
Reed gab keine Antwort mehr. Selbst wenn er versucht hätte, das Alter der Geisterflotte zu schätzen, wäre er nicht annähernd an die Wirklichkeit herangekommen.
*
Skip stand mit offenem Mund vor der Wand und betrachtete staunend die Bilder. Eigentlich waren es eher in die Wand eingearbeitete Reliefs, aber das fiel Skip kaum auf.
Dies war schon der dritte Raum, den er durch die offen stehende, ovale Tür betreten hatte. Überall standen bequeme Sitzgelegenheiten um große, runde Tische herum. Der Raum erinnerte Skip an eine gemütliche Bar in seinem Dorf. Es waren keine Einzelbilder, sondern ganze Bildfolgen, immer fünf Szenen untereinander angeordnet, und sie zeigten Menschen, Tiere und immer wieder diese Männer in den seltsamen Anzügen. Skip schien fast sicher, dass solche Männer einmal mit diesen Schiffen geflogen waren.
Die Bilder, vor denen Skip jetzt stand, waren anders als die bisher gesehenen. Die dunklen Farben stimmten ihn traurig. Außerdem war die Bildfolge nicht zu Ende geführt. Der Künstler hatte anscheinend mitten in der Arbeit aufgehört.
Das oberste Bild zeigte zwei der Männer, wie er sie oft in den Anzügen gesehen hatte, aber diesmal waren sie nackt. Auch auf dem zweiten Bild waren sie da, aber sie hatten überall rote Flecken auf dem Körper. Aus den kleinen Flecken wurden große Fladen, die den Körper auf dem dritten Bild überzogen, und die Gliedmaßen waren an einigen Stellen seltsam verformt.
Auf dem vierten Bild schließlich konnte er kaum etwas erkennen. Es war nicht mehr fertiggestellt worden.
Der Fischerjunge von der kalifornischen Küste verließ den Raum, um in den nächsten zu treten, zu dem die Tür offen stand. Er dachte nicht weiter über die unvollendete Bildfolge nach.
Als er dann wieder auf dem kahlen Gang stand, fiel ihm plötzlich ein, weshalb er eigentlich den Schacht verlassen und den Gang betreten hatte.
Das Lachen!
Als er in dem großen Schaltraum spürte, wie ihm langsam schwindlig wurde, war er losgerannt und hatte sich voller Panik in einen der Schächte gestürzt. Christine hatte nichts davon gemerkt, wahrscheinlich war sie ebenfalls von dem Taumel erfasst worden.
Zu Skips Erstaunen war er nicht gefallen, sondern langsam nach oben geschwebt. Bevor er endgültig ohnmächtig wurde, war es ihm gelungen, den Schacht zu verlassen. Er befand sich mindestens drei Decks über Christine.
Als er unter Schmerzen erwacht war, hatte er das Lachen gehört – ein meckerndes Lachen wie von einer alten Ziege. Es war von oben gekommen, also hatte er erneut den Schacht betreten und sich noch weiter hoch tragen lassen. Dann hatte er den Hut auf einem der Gänge gesehen. Skip war ausgestiegen, und kurz darauf war das Lachen erneut da.
Überall hatte der Junge geöffnete Türen gefunden und war in die Kabinen gestiegen. Die Bilder an den Wänden hatten ihn das Lachen vergessen lassen, aber jetzt war es wieder da.
Skip ging weiter in den Gang hinein, der plötzlich endete. Aber da war direkt vor ihm noch eine Öffnung, und dahinter musste sich der Lacher verbergen. Die große Tür war von innen nur angelehnt.
Skip griff nach dem Metall, aber bevor er die Tür aufreißen konnte, wurde sie von innen bewegt. Ein verrunzeltes, altes Gesicht erschien, und ein dürrer Körper schob sich auf den Gang. Noch nie hatte Skip einen so zerlumpten Menschen gesehen.
„Tot“, sagte der Alte mit knarrender Stimme, wobei Skip ein paar vereinzelte Zähne zwischen den Bartstoppeln und den aufgeplatzten Lippen erkennen konnte.
„Alle tot!“ Der Alte grinste und zeigte mit einer Hand auf den Türspalt.
*
Christopher Reed bückte sich und hob den alten Hut auf.
„Er scheint hier zu sein“, stellte Vanderbuilt fest.
„Jedenfalls war er es“, meinte Reed. „Sehen wir uns den Gang an.“
Wenig später erreichten sie die ersten offenen Einstiege in große, saalartige Räume. Sie brauchten nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, dass dies einmal die Aufenthaltsräume der mysteriösen Besatzung gewesen waren.
Es gab keinen Zweifel mehr: Irgendwann einmal mussten sich Hunderte von Raumfahrern an Bord des Schiffes befunden haben. Wo aber waren diese jetzt? Und warum hatte man sie selbst hierher gebracht? Irgendein Sinn musste doch hinter dem Ganzen stecken!
Sie kamen nicht dazu, den Raum mit dem unvollständigen Relief zu. betreten, der ihnen vielleicht eine Antwort hätte geben können, denn plötzlich stand der Alte vor ihnen und neben ihm ein Junge, der am ganzen Leib zitterte.
„Alle sind sie … tot“, kam es aus dem Mund des Alten, als Reed ihn fragend ansah. Die Augen des Alten leuchteten irr. Immer wieder zeigte er auf das Ende des gekrümmten Ganges.
„Wer ist tot?“, fragte Vanderbuilt ärgerlich, während er sich um den Jungen kümmerte. „Wer sind ,sie'?“
„Alle tot!“, wiederholte der Alte. Vanderbuilt nahm den Jungen in die Arme, der bei den Worten zusammenzuckte und zu zittern begann.
Reed gab seinem Freund ein Zeichen, auf die beiden aufzupassen. Dann ging er zum Ende des Korridors und stieß die Tür nach innen auf.
Der fahle Schein des vom Gang einfallenden Lichtes genügte, um Reed erkennen zu lassen, was den Boden des saalartigen Raumes, der größer war als alle bisher gesehenen, bedeckte.
Hunderte von menschlichen Mumien lagen da, und Reed hatte das Gefühl, aus vielen toten Augen zugleich angestarrt zu werden. Er hielt sich am Rahmen des Einstiegs fest und übergab sich.
4.
„Ein Königreich für eine Flasche Whisky!“, sagte Vanderbuilt und zog eine Grimasse. Sie befanden sich in dem Hauptschaltraum eines der unteren Decks des unbekannten Schiffes, das nicht mehr ganz so unbekannt war. Zumindest wussten sie nun, dass sie die einzigen lebenden Wesen an Bord waren. Sie teilten sich das Schiff mit einigen hundert Toten.
Es war nicht allzu schwer, sich vorzustellen, wie es an Bord der anderen Walzen aussah. Immer noch stand die lautlos dahinziehende Prozession der Schiffe scheinbar bewegungslos im absoluten Nichts.
Aber der Anblick konnte die Menschen nicht mehr sonderlich erschüttern. Nicht mehr, nachdem sie wussten, dass sie tatsächlich in einer metallenen Gruft eingesperrt waren.
Sie, das waren eine junge, attraktive Frau aus New York, die an der kalifornischen Küste Urlaub gemacht hatte, als sie gekidnappt wurde, und der Junge, der dabei war, sich von dem Schock zu erholen. Weiterhin zwei Offiziere der US-Luftwaffe und ein alter Mann, über dessen Herkunft keiner der anderen etwas wusste.
„Wie geht es Ihnen?“, fragte Reed, der sich um Christine kümmerte.
„Schon besser. Die Stunden allein hier unten waren furchtbar.“
„Seien Sie froh, dass Sie nicht oben waren“, tröstete Reed. Mit Schaudern dachte er an die Mumien. Was hatte die Leichen so konserviert, dass sie aussahen, als wären sie gestern gestorben?
„Wer ist er?“, fragte Christine und zeigte auf den Alten, der in einer Ecke vor einer Konsolenbank saß und neugierig die Knöpfe und Armaturen betrachtete. Dann und wann lachte er albern wie ein Kind.
„Wir wissen es selbst nicht. Wir stießen auf ihn, als wir die ersten Schritte aus unserer Kabine taten, in der wir aufgewacht waren. Er stammelt dummes Zeug und wir haben keine Ahnung, wie lange er schon an Bord des Schiffes ist. Vielleicht weiß er's selbst nicht.“
Der Alte sah kurz zu ihnen herüber, und es schien für einen Augenblick fast so, als wüsste er, dass das Gespräch sich um ihn drehte. Reed vergaß ihn für einen Moment, als Christine sich am Ärmel kratzte. Es war schlimmer geworden in den letzten Stunden.
Reed betrachtete die Frau verstohlen. Sie war schön. Die langen silbernen Haare fielen auf die Schultern. Sie trug eine leichte Bluse mit Blumenmustern, dazu eine ausgefranste, verwaschene Jeans. Ihre Haut war braun. Christine hatte alles, was eine attraktive Frau ausmachte.
„Wir können nur warten“, sagte Reed. „Warten und hoffen, dass dieser Flug bald ein Ende haben wird. Allerdings wissen wir nicht, was uns bevorsteht. Schlimmer als dies hier kann es jedoch nicht sein.“
In Skip sah es finster aus. Der Junge fühlte sich zwischen verschiedenen Gefühlen hin und her gerissen. Manchmal war er eifersüchtig auf den Offizier, der sich für seine Begriffe viel zu oft in der Nähe von Christine aufhielt. Er kannte die Blicke, die Männer Frauen zuwarfen, wenn sie etwas ganz Bestimmtes von ihnen wollten.
Aber dann standen die Bilder wieder vor seinen Augen. Jene Bildfolge, die nicht zu Ende geführt worden war.
Keiner der anderen hatte sie gesehen, außer dem Alten. Er schwieg ebenso wie Skip.
Immer mehr der roten Flecken erschienen auf der Haut der Menschen. Auch Skip hatte sie. Es waren die gleichen Flecken, wie er sie auf dem Relief gesehen hatte.
Die Menschen redeten nicht sehr viel, und die Schiffe zogen weiter auf ihrer lautlosen Bahn.
Nach zwei Tagen gingen sie wieder zum Überlichtflug über. Als sie in den Einsteinraum zurückfielen, befanden sie sich im Sterngewimmel einer fremden Milchstraße.
Aus den kleinen, roten Flecken waren große Fladen geworden. Der Juckreiz war fast verschwunden. Dafür schmerzten die roten Stellen auf der Haut ganz leicht.
Auf den Außenschirmen stand schimmernd ein Planet. Er war seit dem Eintauchen in den normalen Weltraum größer geworden. Keiner in der Schaltzentrale zweifelte daran, dass dies die Endstation für sie war.
*
Fünf Tage, nachdem Pat und Billy Jennings sich mit dem Juckreiz und den roten Flecken ins Bett gelegt hatten, begannen sich die Leute im Dorf zu kratzen. Bei einigen von ihnen zeigten sich bereits die roten Flecken.
Melberville hatte nicht mehr als 500 Einwohner. Es war ein kleiner Ort abseits der großen Highways und Autorouten. Die Leute, in der Hauptsache Farmer, lebten hier noch, wie es ihre Väter und Großväter getan hatten. An Melberville war der große Fortschritt vorbeigegangen. Und die Dorfbewohner waren in der Regel froh darüber. Ihre Luft war noch frisch, und sie hatten ihre Ruhe.
Jetzt jedoch begannen sich viele zu wünschen, in der Nähe einer großen Stadt zu leben. Die Nachrichten, die von den Jennings-Kindern verbreitet wurden, brachten die Angst ins Dorf.
Angeblich waren die Kinder am ganzen Körper rot und hatten Schmerzen an den Gliedmaßen. Der Arzt konnte ihnen nicht helfen. Als das Kalzium keine Wirkung zeigte, hatte er es mit anderen Mitteln versucht, aber ohne Erfolg. Er war als erster angesteckt worden. Auch den Eltern der beiden erkrankten Kinder ging es schlecht.
Irgendwie war bekannt geworden, dass die Kinder ein UFO gesehen haben wollten. Dies und die Tatsache, dass der Arzt bei jeder Gelegenheit versichert hatte, ihm seien die Krankheitssymptome gänzlich fremd und unerklärlich, sorgten für eine sich schnell ausbreitende Hysterie.
Der Mediziner telefonierte mit Kollegen in den Städten, von denen er sich Rat erhoffte, aber auch sie waren hilflos. Einige kamen, um sich die Patienten anzusehen, aber sie fuhren schulterzuckend wieder zurück.
Einen Tag, nachdem die großen Zeitungen über die seltsamen Krankheitsfälle in Melberville zu berichten begannen, tauchten Fahrzeuge der Armee in dem Ort auf. Flugzeuge hingen plötzlich am Himmel.
Aus den Wagen, Transportern und Panzerfahrzeugen stiegen Männer und Frauen in Schutzanzügen, deren Gesichter hinter Atemmasken verborgen waren.
Aber alles, was sie taten, war sinnlos. Längst war das Virus, denn um ein solches handelte es sich, auf dem Vormarsch in die Metropolen der Menschheit. Eine Katastrophe, die vor Jahrmillionen bereits ein Planetenvolk dezimiert hatte, begann, ihren Lauf zu nehmen.
5.
„Ich wünschte, wir hätten uns woanders kennengelernt“, sagte Reed.
„Wozu?, fragte Christine, ohne ihn anzusehen. Reed hatte es so eingerichtet, dass er zusammen mit ihr nach oben gekommen war. In den letzten beiden Tagen, an denen die Schiffe scheinbar unbeweglich vor dem Planeten verharrt hatten und auf etwas zu warten schienen, hatten sie beschlossen, in Gruppen zu zwei Leuten das Schiff weiter zu untersuchen.
„Wozu?“ Reed schien verwundert über diese Frage. „Ich bin ein alter Junggeselle, und es wird Zeit für mich, einmal an eine andere Zukunft zu denken.“
„Dort vorne liegt unsere Zukunft“, meinte Christine und zeigte auf den Planeten. Sie waren weit oben in der großen Walze, weiter, als jemand vor ihnen bisher gekommen war. Sie befanden sich in einem komfortabel eingerichteten Raum, der wie ein Schlauch rund um das Schiffszentrum gebaut war. Und die nach außen gerichtete Wandung war ein einziger großer Bildschirm, der den Eindruck vermittelte, als sähen die Menschen direkt durch die gläsern gewordene Schiffswand ins All. Es war eine Art Reling, an der sie standen.
Unter anderen Umständen hätten sie die Faszination des Anblicks genossen. Sie standen scheinbar direkt im Weltraum.
„Sie wissen, was ich meine“, griff Reed den Faden auf. „So wie Sie müsste sie sein.“
„Wer?“
„Christine, tun Sie doch nicht so. Meine Frau natürlich, jene Frau, die mich dazu bringen könnte, mein trostloses Dasein zu beenden und heimisch zu werden.“
„Sie Ärmster!“, sagte Christine kühl. „Dort unten sind noch mehr von diesen Städten.“
Der Major stöhnte. Natürlich wusste er, dass es Städte auf den Kontinenten gab. Das wussten sie alle bereits seit fast zwei Tagen.
„Ich glaube, Sie können mich nicht besonders leiden, was?“, versuchte er es noch einmal auf die andere Tour. Reed kam sich irgendwie plump vor. Normalerweise fand er die Worte schneller, und es waren bessere Worte. Aber hier fühlte er sich seltsam unbeholfen.
„Entschuldigen Sie, Christine“, murmelte er schließlich und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Bei der Bewegung spürte er den stechenden Schmerz in der Schulter.
Christine blickte ihn an. „Lassen Sie's gut sein, Major. In einer anderen Situation wüsste ich auch etwas Besseres, als …“ Sie schwieg und machte eine vielsagende Armbewegung.
„Ich weiß nicht, was mit mir los ist“, meinte Christopher Reed. „Vielleicht muss sich jeder von uns ablenken. Nur nicht daran denken, was uns dort unten erwartet.“
„Kann es schlimmer sein als dies hier?“ Die Frau krempelte den rechten Ärmel hoch. Nur noch wenige Hautstellen waren nicht von der Rötung befallen. Dort, wo die roten Flecken zuerst aufgetreten waren, fing die Haut an sich zu kräuseln. Und an diesen Stellen begannen die stechenden Schmerzen.
Die Menschen vermieden es, von der Krankheit zu reden. Umso mehr bewegten sich ihre Gedanken um das, was weiter auf sie zukam. Wie würde das nächste Stadium der unbekannten Seuche aussehen? Und was stand am Ende?
Christine drehte sich abrupt ganz zu Reed um und sprach das aus, was sie seit Tagen quälte: „Sie sind an dieser Krankheit gestorben, oder?“
Christopher Reed brachte es nicht fertig, eine Antwort zu geben, obwohl er sie zu kennen glaubte. Noch immer hatte Skip nichts von dem letzten Wandbild gesagt, und die anderen hatten es nicht entdeckt.
„Der Junge macht mir Sorgen“, meinte Reed. „Seit wir die Mumien der Besatzung fanden, hat er kaum drei Worte geredet. Er ist in Sie verknallt, eh?“
„Er ist ein Kind.“
„Tun Sie mir einen Gefallen, Christine: Versprechen Sie mir etwas!“
Sie sah ihn mit einem seltsamen Blick an.
„Und?“
„Wenn wir das hier hinter uns haben, machen wir beide zusammen drei Wochen Urlaub in der Südsee. Wir beide ganz allein. Geben Sie mir Ihr Wort?“
Christine lachte zum ersten Mal seit ihrer Begegnung. „Drei Monate, wenn's sein muss, drei Jahre.“ Sie schüttelte immer noch lachend den Kopf. „Sie sind auch ein Kind, Reed. Gehen wir?“
Er nickte, und sie warfen einen letzten Blick auf das Panorama vor ihnen. Wie stille Wächter standen die großen Walzen um den Planeten herum, soweit das Auge sie erfassen konnte. Reed hatte den Eindruck, als wären es mehr geworden.
Waren bereits andere Walzen hier gewesen, bevor sie diese Welt erreichten?
„Zwei Tage!“, stellte Reed missmutig fest. „Zwei Tage sitzen wir hier fest, und nichts tut sich. Vielleicht hat Harry Recht, wenn er sagt, dass wir selbst runter müssen. Vielleicht ist dort unten ebenfalls alles tot.“
„Seien Sie still!“, bat Christine. „Die beiden sind unten?“
„Vanderbuilt und der Junge. Sie sehen sich unter den Maschinendecks um. Irgendwo dort müssen die Beiboote sein.“
„Die ,UFOs'. Eigentlich hatte ich mir sie anders vorgestellt.“
Sie betraten den Antigravschacht, mit dem sie mittlerweile vertraut waren. Überhaupt hatten sie sich in den letzten Tagen schneller als erwartet an die Umgebung gewöhnt. Einige Instrumente hatten sie zu bedienen gelernt.
Die Frage war, ob sie eine der Scheiben steuern konnten, wenn es notwendig wäre. Immer wieder kamen die quälenden Gedanken. Das Warten und die Ungewissheit waren das Schlimmste, sah man von der Krankheit ab. Wie lange würden sie auf den Beinen sein? Seit gestern hatten sie keine Nahrung mehr. Die Notrationen der Armee waren aufgebraucht.
Ein komisches Geräusch drang an ihre Ohren. Es kam von unten, aber noch lange waren sie nicht an ihrem Ziel. Irgendwo auf den Mannschaftsdecks trieb sich jemand herum.
Sie schwebten langsam nach unten. Als sie glaubten, das richtige Deck erreicht zu haben, verließen sie den Schacht. Und tatsächlich hörten sie nun das seltsame Geräusch ganz nahe.
„Da singt einer!“ flüsterte Christine verdutzt und klammerte sich instinktiv an Reeds Arm.
Dann hörten sie erste Wortfetzen, in einer Art Melodie vorgetragen:
„It's a long way … to Tipparrrarriee …“
„Das ist der Alte, ich werde verrückt!“ Reed ging einige Schritte in den Gang hinein. Dann stand er vor dem menschlichen Unikum.
Der Alte begann wieder zu grinsen, als er Reed sah. Christine war inzwischen auch herangekommen. Der alte Mann, über den sie eigentlich gar nichts wussten, hob beide Hände und machte eine Geste, als wolle er einen Chor dirigieren. Dabei sah er Christine und Reed aufmunternd an.
„It's a long way …“
„Schon gut, schon gut“, wehrte Reed ab und hielt sich die Ohren zu. Dann stutzte er und sah den Gegenstand in der rechten Hand des Alten. Im nächsten Moment streckte der alte Mann die Rechte aus und reichte Reed das Ding.
„Bitte sehr, Herr General!“, kam es aus dem Mund des Unikums. Der Alte schien sich zu freuen, Reed, den er offenbar als Anführer der kleinen Gruppe ansah, seinen Fund präsentieren zu können.
„Wo hast du das her?“, fragte der Major. Der Alte zuckte, mit den Schultern und deutete hinter sich.
Reed nahm den Gegenstand in die Hand. Die äußere Form ließ keinen Zweifel zu, wozu er diente.
„Haltet euch die Ohren zu“, forderte er Christine und den Alten auf. Christine gehorchte, der Alte grinste nur. Wieder einmal hatte Reed das Gefühl, dass er eine Menge wusste, wovon sie keine Ahnung hatten.
Reed zielte auf den Boden, dann drückte er ab. Aber der Knall blieb aus. Stattdessen fuhr ein hellblauer Strahl aus der Mündung der Handwaffe, und der Boden löste sich an der getroffenen Stelle auf.
„Puh!“, machte Reed und wischte sich über die Stirn. „Und jetzt sehen wir zu, dass wir nach unten kommen.“
Während sie im Schacht nach unten schwebten, sagte er vor sich hin: „Ich glaube, jetzt geht's los …“
*
Sie warteten noch einen Tag, dann stiegen sie in den nach unten führenden Schacht und kletterten in eines der Beiboote. Mehrere der Flugscheiben standen jeweils in einem Hangar, tief unten im Schiffsleib. Jeder von ihnen, mit Ausnahme des Alten, trug einen der in einem großen Arsenal gefundenen Handlaser. Außerdem schleppten sie zwei Lasergewehre mit. Vielleicht würden sie dort, wo sie ankommen würden, darauf angewiesen sein.
Hunger und die immer weiter fortschreitende Krankheit hatten sie zu diesem Schritt getrieben. Und die irre Hoffnung, auf dem Planeten Hilfe zu finden.
Noch immer standen die Walzen wie eine Schale um die im All schimmernde Welt herum. Keiner der fünf hierher Verschlagenen hatte genügend astronomische Kenntnisse, um auch nur vage bestimmen zu können, wo sie sich befanden. Sie schwebten im Orbit um einen Planeten, der allem Anschein nach erdgroß war und auch so ähnlich wie die Erde wirkte. Nur die braunen Flächen schienen auf große Wüsten hinzuweisen.
Es war Vanderbuilt und Reed gelungen, einzelne Symbolgruppen zu entschlüsseln. Sie beruhten auf der gleichen mathematischen Logik wie die komplizierten Programmcodes, die man auf der Erde verwendete. Es gab nur eine Logik im Universum.
So kam es, dass zwei Männer, die nie im Leben in einem Raumschiff oder einer Rakete gesessen hatten, eine Automatik einer anderen, völlig fremden Kultur programmierten und das, was man in einem irdischen Flugzeug und den primitiven Raumfahrzeugen einen Autopiloten nannte, mit der Aufgabe der Landung versahen. Keiner konnte sagen, ob sie Erfolg haben würden.
Es hatte ebenfalls Stunden gedauert, bis sie den Mechanismus entdeckten, der das Hangarschott öffnete. Und wieder war es der Alte gewesen, der ihn scheinbar zufällig gefunden hatte, als er wieder einmal an den Armaturenbänken, die überall in den Wänden zu finden waren, entlanggeschritten war und dann und wann auf eines der bunt erleuchteten Knöpfchen drückte.
„Irgendwann wird er uns damit in die Luft jagen!“, befürchtete Vanderbuilt und setzte sich zu seinem Freund. Reed grinste.
„Ich möchte wissen, wer er ist“, sagte der Offizier. „Zuerst findet er die toten Raumfahrer, dann stöbert er die Waffenarsenale auf, und jetzt drückt er wie zufällig den richtigen Knopf fürs Schott!“
„Am besten setzen wir ihn an die Steuerung der Scheibe, dann brauchen wir uns um die gute Landung keine Sorgen zu machen.“
„Da ist noch was anderes, Harry!“ Reed sah mit zusammengekniffenen Augen hinüber zu dem Alten, der vor einem Monitor saß und das Bild immer wieder vergrößerte und dann wieder verkleinerte. Dabei lachte er still in sich hinein.
„Ja, er gehört in eine Klapsmühle!“, brummte Vanderbuilt.
„Sieh dir seine Hände an, seinen Hals.“
„Ich weiß nicht, was das soll, Chris?“
„Er hat keine einzige rote Stelle am Körper, und er hat sich bisher nicht ein einziges Mal gekratzt …“
*
Der Diskus durchmaß im Durchmesser etwa 50 Meter, die Höhe lag nicht über 10 Metern. Es war eher eine flache Scheibe.
Auf einen Knopfdruck hin, der die Automatik nach der Programmierung anlaufen ließ, schob sich das Beiboot der großen Walze aus dem Hangar hinaus ins freie All. Es schien auf unsichtbaren Schienen zu gleiten.
Dann raste die Scheibe im Sturzflug auf die schimmernde, blaubraune Kugel hinab. Reed sah zwei Monde auf den Schirmen.
Alles war in Dunkel und Rätsel gehüllt. Reed hoffte, dass sie lange genug leben würden, um das Geheimnis der UFOs, die auf der Erde aufgetaucht waren, zu erfahren, das Geheimnis der Walzen und ihrer mysteriösen, toten Besatzung.
Er spürte, dass es das Geheimnis eines Volkes war, dessen Vertreter vielleicht dort unten auf sie warteten.
*
Der Raumhafen war nicht von der gewohnten Sterilität, im Gegenteil: Dreck und Unrat bedeckten große Teile der Plattformen. Überall wucherte Unkraut.
Wie ein Leichentuch lag die weißgraue Wolkendecke über dem Hafen. Irgendein für menschliche Sinne nicht fassbarer Leitstrahl musste den Diskus hierher gelotst haben. Und die sichere Landung musste Bestandteil der Programmierung sein.



