10 Galaktische Abenteuer Box 4

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Einige Stunden verbrachten die Menschen an Bord der Scheibe und versuchten, sich ein Bild von ihrer Umwelt zu machen.
Die Welt war wie die Erde, aber tot. Nirgendwo entdeckten die unfreiwillig zu Raumfahrern gewordenen Menschen eine Spur von Leben. Überall waren Verwitterung und Moder.
Mehrere Diskusse standen in unmittelbarer Umgebung. Etwa fünfhundert Meter entfernt ragten ein paar Türme aus der ebenen Fläche des Hafengeländes auf. Zwischen ihnen waren kleinere Kuppelbauten zu erkennen.
Wenn es einen Hinweis für die Menschen geben konnte, dann war es dort in den Kuppeln, und wieder war es der seltsame Alte, der ihnen die Antwort auf die Frage gab, ob draußen für Menschen erträgliche Lebensbedingungen herrschten.
Unbeobachtet von den anderen, hatte sich der Alte an einigen Armaturen zu schaffen gemacht, wobei ein Außenschott des Beiboots aufgeglitten war. Ohne eine Warnung abzuwarten, war der Mann in die entstandene Öffnung getreten und ließ sich auf das Gelände des Hafens hinabgleiten. Der Alte winkte.
„Langsam wird er mir unheimlich“, murmelte Reed. Dann traten sie nacheinander in die Öffnung, die in der Scheibe entstanden war, und ließen sich nach unten gleiten.
Ab nun kümmerte sich Vanderbuilt um den Alten und passte auf, dass er keine weiteren Alleingänge unternahm. Reed ging als letzter hinter Christine und dem Jungen. Skip schwieg noch immer. Irgendetwas lag schwer auf seiner Seele.
Reed stellte fest, dass er den Jungen gern hatte. Er war tapfer, trotz der Schmerzen.
In den letzten Stunden hatte etwas damit begonnen, ihre Haut weiter zu verändern. Sie schien zu einer rauen, roten Kruste werden zu wollen.
Die kleine Gruppe passierte zwei Diskusse, die sich kaum von dem unterschieden, mit dem sie gekommen waren. Es war ein faszinierender Anblick, die flachen Scheiben ruhig nebeneinander stehen zu sehen, die seit Jahrzehnten immer wieder für Schlagzeilen gesorgt hatten – auf der Erde.
Nichts rührte sich zwischen den Schiffen, und auch die Kuppeln schienen verlassen.
Die Umweltbedingungen dieser Welt glichen tatsächlich denen der Erde, nur die Luft war trockener, und es war heißer, aber dies konnte nicht der Grund für das Fehlen von Leben sein.
Die Menschen waren noch hundert Meter von der ersten Kuppel entfernt, als die Explosion erfolgte. Ein großes Stück wurde aus der Kuppeldecke herausgerissen und in den Himmel geschleudert, über dem eine unbekannte, rote Sonne stand.
Einen Augenblick später bildete sich eine Öffnung direkt vor ihnen, und drei Männer stürmten aus der Kuppel. Sie rannten genau auf die fünf Menschen zu.
Und dann tauchten die Verfolger auf. Als die ersten Schüsse fielen, befanden sich die drei Fremden genau zwischen den Angreifern, die jetzt aus der Kuppel kamen, und den Menschen.
*
„Zurück!“, brüllte Reed, der als erster die Situation erfasst hatte. Die anderen standen noch benommen da und starrten entgeistert auf die Szene.
„Macht, dass ihr zurück in die Scheibe kommt, los schon!“ Reed hatte den Laser in der Hand und fixierte die aus der Kuppel brechenden Männer. Auch sie schwenkten irgendwelche Strahlgewehre, und immer wieder standen blassblaue Strahlbahnen in der Luft. Noch galten die Schüsse den drei Männern, die zuerst aufgetaucht waren.
Einen Moment lang schienen die Angreifer verdutzt und hörten auf, zu schießen. Sie hatten wohl erst jetzt die Menschen entdeckt. Vanderbuilt nutzte die Chance und trieb die anderen zum Beiboot zurück, während Reed noch wartete, bis sie einen Vorsprung hatten. Immer noch unsicher, hielt er den Laser auf die Fremden gerichtet.
Die drei Männer (Reed bezeichnete sie als „Männer“, denn sie wirkten auf den ersten Blick wie Menschen) trugen gelbe Kombinationen, die mit einer Menge Verzierungen versehen waren. Die Verfolger dagegen waren in farblose, einfache Uniformen gekleidet. Es schien sich um Vertreter zweier gegnerischer Parteien zu handeln. Die Gelben waren unbewaffnet. Der nächste Angriff würde ihnen keine Chance lassen.
Reed sah zu Vanderbuilt und den anderen hinüber und stellte fest, dass sie weit genug voran waren. Noch einmal blickte er zurück zu der Kuppel, bevor er ihnen folgte.
Der Major hätte später kaum zu sagen gewusst, was ihn dazu veranlasste, zu warten und die drei gelb gekleideten Fremden zu sich heranzuwinken. Vielleicht war etwas in ihrem Blick, das ihn zu dieser Geste trieb.
Wenn man ihnen nicht half, waren sie in weniger als einer Minute tot. Und die Fremden verstanden. Sie rannten hinter der kleinen Gruppe der Terraner her.
Die Verfolger begriffen sofort, was gespielt wurde. Als die ersten Schüsse in ihren Reihen aufblitzten und die ersten Strahlbahnen an ihm vorbeifuhren, drückte Reed auf den Auslöser. Er erschrak über die Wirkung der Waffe. Ein greller, blauer Strahl löste sich aus dem gedrungenen Lauf und fuhr in die Reihen der Angreifer. Drei von ihnen wurden bei dem ersten Schuß erfasst und wandten sich schreiend aus der Schussbahn.
Das waren nicht die Schreie von Menschen. Und Reed wurde klar, dass er gegen fremde Wesen kämpfte, von denen er nicht das Geringste wusste.
Der Strahl brach erst ab, als der Terraner den Finger vom Abzug nahm. Gewarnt durch die verheerende Wirkung der vermeintlichen Laserwaffe, gab er noch einen weiteren kurzen Schuß ab, diesmal zielte er aber über die Köpfe der Fremden hinweg, die sich nach allen Seiten geworfen hatten, um eine Deckung zu erhaschen. Der Strahl fuhr in das metallen scheinende Material der Kuppel, hoch über der Öffnung, und brachte es zum Glühen.
Dann drehte Reed sich um und rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, zurück zu dem Diskus, in dem seine Begleiter und die drei Fremden auf ihn warteten. Noch einmal zischte es heiß an seiner Schulter vorbei, dann war er in dem Beiboot. Irgendjemand ließ die Öffnung zufahren.
Reed hockte keuchend am Boden. Keiner der anderen sagte ein Wort, bis er sich aufrichtete. Und dann war es Vanderbuilt, der ihn mit undefinierbarem Blick betrachtete und feststellte:
„Du bist verrückt geworden, Chris!“
*
„Sie glotzen einen an wie Idioten!“, sagte Vanderbuilt ärgerlich. Er und Reed saßen nebeneinander vor einer Anzeigenwand, in die unzählige kleine Konsolen, Ein- und Ausgabeeinheiten und kleine Monitoren eingebaut waren. Der einzige große Bildschirm zeigte die Kuppeln auf dem Landefeld. Ein Blick genügte, um festzustellen, dass draußen alles ruhig war. Diejenigen, die von den Angreifern übrig geblieben waren, hatten sich zurückgezogen.“ Vielleicht (und das erschien den beiden Männern wahrscheinlicher) warteten sie aber auch nur auf Verstärkung. Die Kuppeln bildeten die Peripherie des Bildfeldes und verdeckten den Blick auf das, was hinter ihnen und somit hinter dem Landefeld lag.
„Wie lange sollen wir noch warten, Chris?“, fragte Vanderbuilt und nahm den Faden auf. „Du glaubst doch nicht etwa, dass die drei etwas aus ihnen rausbekommen?“
Reed schwieg. Irgendetwas ließ ihn daran glauben, dass die Kontaktversuche mit den Fremden Erfolg haben würden. Christine war verzweifelt dabei, mittels primitivster Gesten eine Verständigung mit ihnen herbeizuführen. Bisher ohne Erfolg.
Sie hatten irgendetwas an sich, irgendetwas in ihren Augen, in der Art, wie sie die Menschen ansahen. Wenn es nicht zu lächerlich gewesen wäre, hätte Reed gemeint, dass so etwas wie Ehrfurcht aus ihrem Blick sprach.
Vanderbuilt explodierte.
„Verdammt noch mal, ich rede mit dir! Was versprichst du dir von dem Zauber? Wir sitzen auf einem Pulverfass, das jeden Augenblick hochgehen kann! Wir haben nichts zu essen und werden von irgendeinem Virus gefressen! Wir sind eine Zielscheibe für die Burschen da draußen und stehen hier herum und warten darauf, dass diese Mondanbeter den Mund aufmachen! Was versprichst du dir, eh?“
„Was sollen wir deiner Meinung nach tun?“
„Raus aus dem Ding hier und zusehen, dass wir die Kuppel knacken! Erst dann können wir uns ein Bild machen. Vielleicht finden wir dort etwas zum Essen. Vielleicht auch Medikamente!“
Reed sah seinen Kameraden mitleidig an. „Und du meinst, ich sei verrückt?“
„Dann mache einen besseren Vorschlag!“
„Bis wir in den Kuppeln etwas gefunden haben, sind wir längst zu Mumien geworden. Wenn wir aber …“
„Mumien?“, unterbrach ihn der Freund. „Wie kommst du jetzt darauf?“
Reed zuckte mit den Schultern. „Glaubst du nicht, dass sie an unserer Seuche starben? Wie sonst sollten sich ihre Körper über all die Jahre hinweg konserviert haben, wenn sie nicht von innen her …“ Wieder sprach Reed nicht zu Ende, deutete aber dafür mit den Augen auf die verkrustete Haut an den Gelenken.
Vanderbuilt schwieg. Reed fuhr fort: „Wenn wir aber ein Gespräch zustande bringen, haben wir eine Chance. Vielleicht haben sie die Krankheit kennengelernt, vielleicht sind sie tatsächlich Nachkommen der ehemaligen Walzenbesatzungen und haben Medikamente entwickelt. Sie werden uns sagen, was sie wissen.“
„Du bist sicher?“
Reed nickte.
*
Es waren keine zwei Stunden vergangen, als die Verständigung erreicht war. Die Kehlen der drei Fremden vermochten durchaus menschlich klingende Laute zu erzeugen, wenn auch in einer gänzlich unbekannten Sprache. Reed sah seine Vermutung, es könne sich zumindest um Verwandte der Wesen handeln, die einmal die Schiffe gebaut hatten, bestätigt, als sie sich an einigen Apparaturen in der Scheibe zu schaffen machten und schließlich ein Gerät (eigentlich war es ein irgendwo in einer Schaltbank verstecktes Aufnahme-Wiedergabegerät) aktivierten, das ihre Laute in die menschliche Sprache übersetzte und umgekehrt.
Als die drei menschenähnlichen Fremden in ihren schnörkelbesetzten gelben Roben die an sie gerichteten Fragen beantworteten, geschah dies in einer Art und Weise, mit denen keiner der Menschen gerechnet hatte.
Es schien für die Wesen ein ritueller, fast hochreligiöser Akt zu sein, als sie sich bei den feingliedrigen Händen fassten und in eine Art Trance zu fallen begannen.
Als dann die Gedankenbilder in die Gehirne der Menschen drangen, war die Überraschung vollkommen. Bereits vorher hatte man sich auf normaler akustischer Basis mit den Fremden unterhalten, aber es waren Belanglosigkeiten gewesen im Vergleich zu dem, was nun auf sie einströmte.
Als die Bilder kamen, war alles vergessen, das an möglichen Gefahren auf dem Landefeld lauerte …
*
Sie hatten niemals eine andere Aufgabe gekannt, als die Rückkehr der großen Schiffe abzuwarten. Erst dann würde der Zeitpunkt gekommen sein, wo sie die UNSTERBLICHEN aus ihrem ewig währenden Schlaf holen durften.
Jahrtausendelang waren sie die Wächter der UNSTERBLICHEN gewesen, und es hatte für sie niemals etwas anderes gegeben als zu warten und bereit zu sein für den Tag, an dem die Schiffe zurückkehren würden nach LOORD.
Alte gingen und Junge kamen. Die Alten überlieferten die Botschaft und bereiteten die Jungen auf ihre Aufgabe vor. Sie berichteten von den Schiffen, die einst, vor langer Zeit, den Weg ins All angetreten hatten, um ihre große Mission zu erfüllen, und sie lehrten die Gesetze jener, die unsterblich in den Lebenskapseln auf die Rückkehr ihrer Brüder warteten, um endlich den heißersehnten Schritt vollziehen zu können, der der einstmals auf LOORD entstandenen Kultur die ewige Erfüllung bringen würde.
Sie, die Wächter, würden teilhaben an diesem Schritt, denn auch sie waren Loorden.
Jahrtausendelang waren sie die Wächter der UNSTERBLICHEN gewesen, und sie hatten ihre Aufgabe versehen. Generationen waren gekommen und gegangen, hatten neuen Platz gemacht, die die Aufgabe fortführten. Bis dann eines Tages der Funke des Unmuts über die Wächter kam. Teile der Wächter begannen, sich von der Aufgabe zu lösen und den Auftrag der UNSTERBLICHEN zu vergessen. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen den Loorden.
Die Rebellion erfolgte, als die ersten Schiffe von ihrer Mission in den Tiefen des Alls zurückkehrten. Ein großer Teil der Wächter versagte die Erfüllung des Auftrags der UNSTERBLICHEN, und es kam zu Kämpfen zwischen den loyalen Loorden und den Rebellen. Inzwischen erschienen immer mehr der Schiffe am Himmel über LOORD.
Aber keines der Schiffe landete, und niemand ließ sich sehen.
Jahrtausendelang waren die Loorden die Wächter der UNSTERBLICHEN gewesen und hatten die ihnen erteilte Aufgabe erfüllt, doch plötzlich schien all das, was ihre Welt gewesen war, zusammenzubrechen.
*
„Sie haben Angst!“, stellte Vanderbuilt verwundert fest, als die Planetarier eine Pause einlegten, aber immer noch den Kontakt mit den Händen hielten. Sie sendeten im Moment nicht mehr, aber jeder der lauschenden Menschen hatte das bestimmte Gefühl, als gäbe es etwas, das die Loorden zögern ließ, in ihrem Bericht fortzufahren.
„Sie wissen nicht, was sie von uns halten sollen“, mischte sich Christine ein und nahm den Blick nicht von ihnen. „Immerhin scheinen wir etwas getan zu haben, auf das sie lange, sehr lange gewartet haben. Vielleicht sehen sie in uns sogar die, auf deren Rückkehr, von wo auch immer, sie warteten.“
„Wir kommen so nicht weiter“, meinte Vanderbuilt wieder. „Sie reden in Rätseln. Das alles scheint für sie eine Religion zu sein. Am Ende sind wir noch ihre Heiligen. Aber die Heiligen leben nicht mehr lange, wenn's nicht bald konkreter wird.“
Reed schwieg. Er versuchte, sich ein Bild zu machen. Aber dann schienen sich die Fremden ein Herz zu fassen. Wieder drangen die Eindrücke in die Gehirne der Menschen von der Erde …
*
Die Katastrophe war über sie gekommen, als die Schiffe so zahlreich am Himmel über LOORD hingen, dass sie des Nachts als viele helle Sterne das Firmament erleuchteten. Die Rebellen organisierten sich und sagten sich vom Auftrag der UNSTERBLICHEN los. Sie redeten von Betrug und trieben ihren Frevel auf die Spitze, als sie die Lebenskapseln der UNSTERBLICHEN angriffen.
Die Entrüstung der loyal gebliebenen Wächter hatte keine Grenzen gekannt, aber sie waren bereits zu schwach, um gegen die skrupellos vorgehenden Rebellen Widerstand leisten zu können.
Die UNSTERBLICHEN wurden aus ihrem viele Jahrtausende dauernden Schlaf gerissen und mussten fliehen.
Keiner der Wächter und keiner der Rebellen konnte hinterher genau sagen, wie sie verschwunden waren. Aber sie hatten LOORD für immer verlassen.
Und dann brach die Ordnung endgültig zusammen. Die Aufrührer begannen die letzten treuen Anhänger der UNSTERBLICHEN gnadenlos zu verfolgen. Schließlich blieben nur noch wenige der Loyalen übrig.
*
„Der Rest ist euch bekannt“, übersetzte der unbegreifliche Mechanismus die Worte desjenigen der drei Loorden, der als ihr Sprecher zu fungieren schien. Jedenfalls lief über ihn die Kommunikation.
Die drei Gelbgekleideten hatten ihren Kontakt gelöst und die telepathische Sendung beendet. Die Tatsache, dass sie nun wieder „normal“ zu den Menschen redeten, verstärkte noch den Eindruck, das eben Erfahrene sei Bestandteil eines Ritus gewesen.
Die Gelben sahen ganz Offensichtlich etwas in den Menschen, das sie nicht waren. Ihre Botschaft hatte widerstrebende Gefühle in diesen ausgelöst.
Reed hatte die Nerven, aufs Ganze zu gehen und die Chance zu nutzen, die er so plötzlich in ihrem vollen Ausmaß erkannte.
„Wohin verschwanden die Unsterblichen?“, fragte er in die Richtung, wo er den Übersetzungsmechanismus vermutete. Dann sah er die Wächter, wie sie sich nannten, an.
Die Antwort kam prompt.
„Es war, wie ihr wisst, das große Ziel der Unsterblichen, nach der Rückkehr der Schiffe von ihrer Mission diese Welt zu verlassen und sich der Erfüllung allen Lebens hinzugeben – auf der einzigen Welt im Universum, die sie dazu auserwählt hatten. Ihr kennt den Namen.“
„Wir kennen ihn“, beeilte sich Reed zu sagen und kümmerte sich nicht um die Blicke der anderen. Wohl war ihm nicht in seiner Haut, aber er hatte zu pokern begonnen, und er musste die Runde zu Ende spielen.
„Es ist lange her, dass wir Loord verließen“, sagte Reed langsam, als überlege er jedes Wort.
„Die Zeit begann mit eurem Aufbruch, Brüder der Unsterblichen“, kam die Antwort. Der Major gab sich Mühe, ruhig zu bleiben.
Brüder der Unsterblichen! Reed war sich jetzt sicher, dass seine Vermutung zutraf. Die Burschen hielten sie für jene, die vor langer Zeit aufgebrochen waren zu irgendeiner Mission, von der die Menschen nichts ahnten.
Einen Augenblick lang fielen Reed die UFOs über der Erde ein. Was hatte die Erde, was hatten die Menschen mit dieser „Mission“ zu tun?
Reed beeilte sich, zum entscheidenden Bluff anzusetzen; er zog einen Ärmel seiner dünnen Kombination hoch und hielt den Gelbgekleideten das Handgelenk hin, das verkrustet und aufgedunsen war. Teilweise waren noch rote Stellen zu sehen.
„Ihr kennt das?“, fragte er und spürte, wie sein Herz wild schlug. Noch verlief der Krankheitsverlauf relativ ruhig im Vergleich zu den ersten Tagen, aber Reed hatte keine Zweifel daran, dass sie von etwas infiziert waren, das vor ihnen bereits der Mannschaft des großen Schiffes zum Verhängnis geworden war
Und dann nickte der Sprecher der Fremden. Reed hatte Mühe, dem Blick standzuhalten. Was verbarg sich wirklich hinter diesen fremden Augen? Noch sahen die Loorden die zurückgekehrten Götter in ihnen, den vergleichsweise primitiven Bewohnern eines Planeten, der unendlich fern von Loord war. Was würde geschehen, wenn sie die Wahrheit erfuhren? Es genügte der kleinste Versprecher, um sie misstrauisch zu machen, die kleinste falsche Geste.
Wieso nahmen sie es als selbstverständlich hin, dass die Menschen eine andere Sprache benutzten als sie? Wie lange musste die Expedition unterwegs gewesen sein, dass man eine solch grundlegende Veränderung der Sprache akzeptierte?
„Die Seuche raffte vor Beginn der Mission der Schiffe den größten Teil der Bewohner Loords hinweg, sagen die Überlieferungen“, kam wiederum prompt die Antwort, und wieder hatten die Menschen den Eindruck, als redeten die drei Wächter auswendig gelernte Texte herunter. Wie Psalme in der Kirche! dachte Reed. „Nur die Unsterblichen entgingen dem Tod.“
„Sie waren immun“, sagte Reed, und der Sprecher der Fremden nickte.
„Ist es gelungen, ein Mittel gegen die Seuche zu entwickeln?“ Reed stellte die Frage, die alles entscheiden würde. Er beeilte sich, hinzuzufügen: „Wir waren bereits unterwegs, als die Seuche ausbrach.“
„Nur die Unsterblichen kennen das Serum“, antwortete der Loorde.
„Wir müssen zu ihnen“, erklärte Reed. „Könnt ihr ein Schiff auftreiben, mit dem ihre Welt erreicht werden kann?“
Als der Major den Blick des Gelben sah, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er fügte schnell hinzu: „Wir sind müde von der langen Reise und schwach von der Krankheit. Ich nehme an, ihr könnt ein Schiff zu der Welt unserer Brüder führen, auch ohne unsere Hilfe.“
„Wir können es, aber nur dann, wenn der Befehl von einem Unsterblichen kommt. Ihr kennt wirklich den Namen der Welt?“
„Caalis!“, rief die knarrige Stimme des Alten, der bisher still in einer Ecke gestanden und zugehört hatte, bevor Reed etwas sagen konnte.
*
Wieder waren sie im Raum, und wieder stand das Sternenmeer der fremden Galaxis auf den Schirmen.
Sie befanden sich an Bord eines der Schiffe, die auf dem großen Landefeld gestanden hatten. Eigentlich war es auch ein Diskus, genau wie die Beiboote, nur eben viel größer und viel schneller.
Und geräumiger.
Christine Schuberth und Christopher Reed saßen wieder einmal zusammen in einem Raum, der anscheinend ein Erholungszentrum in dem Diskusschiff darstellte. Christine war seit seiner „Verhandlung“ mit den Gelben nicht ansprechbar. Und wenn er ehrlich war, so musste er zugeben, dass er in ihr sein schlechtes Gewissen verkörpert sah.
Ein Lautsprecher verkündete, dass sie in zehn Minuten auf Überlicht gehen würden. Dieses Schiff war etwas ganz anderes als die Walze. Dieses Schiff lebte. Es lebte durch die drei Loorden und die Technik, die sie beherrschten.
Als das Stichwort Caalis gefallen war, hatten die Fremden begonnen, zu arbeiten. Es war, als ob eine tief in ihrem Innern schlummernde Kraft zum Leben erwachte. Innerhalb weniger Minuten hatten sie ein überlichtfähiges Diskusschiff ausfindig gemacht.
Und nun befanden sie sich auf dem Weg nach Caalis. Reed fragte sich, was hinter dem Begriff stehen mochte und wieso der Alte Bescheid wusste.
„Nun sagen Sie's schon, Christine!“, brach er das Schweigen. Christine sah ihn nicht an. Sie schien ihn gar nicht zu hören.
Reed brauste auf: „Herrgott, nun sagen Sie endlich, dass ich nicht das Recht hatte, den Glauben dieser Leute für unsere Zwecke auszunutzen! Dass wir lieber krepieren sollten, anstatt … ach, es hat doch keinen Sinn!“ Er winkte ärgerlich ab.
„Es hätte andere Möglichkeiten gegeben“, erklärte Christine trotzig.
„Sie machen sich selbst etwas vor“, stellte Reed fest. „Wir haben durch sie eine Chance. Wir haben ihnen ein Märchen erzählt, zugegeben, aber sehen Sie sich die drei Burschen an! Sie blühen auf, weil sie glauben, endlich neben ihren Ahnen, die sie vergöttern, zu stehen, und sie fiebern der Begegnung mit diesem Caalis entgegen. Verstehen Sie denn nicht, dass sie wieder an etwas glauben? Das Leben hat wieder einen Sinn bekommen für sie, nachdem ihnen alles genommen wurde.“
Reed hatte sich in Erregung geredet. Jetzt wunderte er sich über seine eigenen Worte und winkte verärgert ab. Christine sah ihn aus großen Augen an.
„Wieso erzählen Sie mir das eigentlich alles?“, fragte sie.
Weil ich mich in dich verliebt habe, du dummes Ding! wollte Reed antworten, stattdessen kam nur ein undeutliches Gemurmel über seine Lippen.
„Ich will nicht, dass Sie mich für einen skrupellosen Menschen halten, der die Gefühle anderer missachtet. Deshalb! Und es bringt uns nichts ein, wenn wir uns voneinander abkapseln.“
„Sie haben recht“, gab sie nach einer Weile zu und versuchte ein Lächeln. „Na endlich!“ Reed atmete auf.
*
Christine erkannte, wie unsinnig es war, Christopher Reed gegenüber den Trotzkopf zu spielen. Sie war anfangs wirklich wütend auf ihn gewesen, weil er die Gefühle der Planetarier, die auf ihre Weise ebenso verloren waren wie sie selbst, scheinbar eiskalt für seine Zwecke missbrauchte. Inzwischen wusste sie, dass es notwendig gewesen war. Aber sie hatte erst jetzt ihre ablehnende Haltung aufgegeben.
Sie wusste, dass er sich für sie interessierte, und sie fühlte sich ebenfalls zu ihm hingezogen.
„Sie haben Recht“, wiederholte sie. Dann brach es aus ihr heraus, und sie unterhielten sich über viele Dinge und viele Fragen, die sie beschäftigt hatten während dieser Tage. Und es tat gut, zu sehen, dass auch andere Menschen die gleichen Probleme bewegten.
Der Lautsprecher machte sie darauf aufmerksam, dass es in einer Minute soweit war. Sie standen kurz vor der Überlichtetappe. Sie hatten ihre Piloten nicht gefragt, welche Wirkungen der Übergang auf sie haben würde, weil sie nicht wieder Verdacht erregen wollten. Aber sie nahmen an, dass es so sein würde wie auf den Walzen.
„Wir sollten zu den anderen gehen, bevor's losgeht“, meinte Christine. Aber eine Frage brannte ihr noch auf der Zunge.
„Der Alte“, murmelte sie kopfschüttelnd. „Er ist nicht von der Krankheit befallen, macht immer wie zufällig die wichtigsten Entdeckungen und rettet uns im letzten Augenblick, indem er den Loorden den Namen der Welt verrät, die nur sie kennen können! Wer ist er, Chris, was weiß der Kerl? Langsam wird er mir unheimlich.“
„Mir auch“, gab Reed zurück. „Hast du ihn eigentlich beobachtet, als die Gelben ihren telepathischen Bericht gaben?“
„Wieso?“



