10 Galaktische Abenteuer Box 4

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„Er hatte aufgehört zu grinsen. Fast hatte ich den Eindruck, er wäre voll bei der Sache. Das war das erste Mal, dass ich ihn so ernst sah, fast zu ernst.“
„Wer ist er, Chris?“ Sie waren beide aufgestanden und hatten sich auf den Weg in die Zentrale des Schiffes gemacht, wo die anderen sich aufhielten.
„Vielleicht bekommen wir die Antwort noch früh genug“, meinte Reed und legte den rechten Arm um die Taille der Frau, als sie im Verbindungstrakt zur Zentrale standen. Ein akustisches Signal deutete die letzten Sekunden vor dem Überlichtflug an.
„Nicht, Chris!“, presste Christine leise zwischen den Lippen hervor. „Wir sind krank, nicht normal!“ Sie musste sich zwingen, weiterzugehen und nicht zurückzuschauen. Tränen traten in ihre geschwollenen Augen. Christine dachte an die wundervolle Nacht in der kleinen Bucht an der Westküste. Kaum eine Woche war dies her, und doch trennten sie Welten von der glücklichen Christine, die aus Übermut mit einem Fischerjungen geflirtet hatte.
Skip! fuhr es ihr durch den Kopf. Immer noch schwieg er. Sie hatte den Eindruck, als sei die Krankheit bei ihm bereits weiter fortgeschritten. Irgendetwas tat sich in ihm, aber er redete nicht darüber.
„Irgendwann stoßen wir auf das ,Du' miteinander an, Chris, irgendwann holen wir all das nach, was uns hier versagt bleibt.“ Sie hörte die Antwort wie aus weiter Ferne. Bevor sie die Zentrale erreichten, sagte Christopher Reed noch: „Ich verspreche es.“
Dann tauchte das Schiff in einen für menschliche Sinne nicht fassbaren Raum ein.
6.
Die Welt unter ihnen war Caalis. Grünschimmernd zog der Planet seine Bahn um eine gelbe, kleine Sonne, die die Menschen auf den ersten Blick an die Sonne der Erde erinnerte. Aber schon bald darauf wurden jegliche Spekulationen in dieser Richtung beendet.
Caalis hatte keinen Mond. Das war alles, was die Primitiven von der Erde selbst feststellen konnten. Die Daten, die ihnen ihre Begleiter von Loord übermittelten, waren noch eindeutiger. Diese Sonne besaß nur diesen einzigen Planeten.
Aber Caalis war nicht das, was sich die Menschen ausgemalt hatten. Insgeheim hatte wohl jeder von ihnen gehofft, eine hochzivilisierte Welt vorzufinden.
Aber dort, vor ihnen auf den Schirmen, drehte sich ein Dschungelplanet im All. Nirgendwo waren Spuren einer Zivilisation zu entdecken. Nirgendwo Hinweise auf die mysteriösen Unsterblichen.
Was bedeutete das eigentlich: Der Schritt, der die ewige Erfüllung des Lebens bringen sollte? Die Gedankenbilder der Loorden waren vage gewesen. Alles, was die gelb gekleideten Fremden, die eine so große Ähnlichkeit mit den Menschen der Erde hatten, über diese Unsterblichen und Caalis, über die Mission der Schiffe (womit eindeutig die Walzen gemeint waren) und die angestrebte Entwicklung ihrer Rasse wussten, schien das Ergebnis einer jahrtausendelangen Mythenbildung zu sein.
Die einzige Tatsache, die als sicher galt, war die, dass die so genannten Unsterblichen, wer immer sie auch sein mochten, vor kurzer Zeit Loord verlassen hatten und sich auf den Weg nach Caalis gemacht hatten.
Irgendwo dort unten warteten sie auf sie. Die Menschen gaben es auf, sich danach zu fragen, weshalb ausgerechnet eine verwilderte, urzeitliche Dschungelwelt so wichtig für diese Wesen sein sollte. Vielleicht würden sie hier eine Erklärung finden für all das, was an Fragen aufgetaucht war, seitdem sie entführt worden waren. Sie spürten den Hauch des Geheimnisses, und oft vergaßen sie darüber die mörderische Krankheit, die sie von innen her auffraß.
Christopher Reed verhandelte wieder lange mit den Loorden, wobei er auf jedes Wort achtete. Er berief sich auf die lange Zeit im All und die daraus resultierenden Erinnerungslücken, verstand es immer wieder, die Loorden reden zu lassen und zog seine Schlüsse aus ihren stereotypen Antworten.
Am Ende der „Besprechung“ stand schließlich eine vage Vorstellung von dem Punkt auf dem Planeten, wo die Station der Unsterblichen, in die sie sich zurückgezogen hatten, zu suchen sei. Dieser „Punkt“ hatte allerdings einen ungefähren Durchmesser von einigen hundert Kilometern. Reed nahm an, dass ihre Begleiter, die über gewisse telepathische Kräfte verfügten, nach der Landung in der Lage sein würden, ihre Herren und Meister zu espern.
Nach einer weiteren Umrundung des Planeten ließen sie den Diskus in dem anvisierten Kreis landen. Sie fanden eine große Lichtung inmitten von undurchdringlich scheinendem Ranken-, Baum- und Buschdickicht und ausgedehnten Sumpfgebieten.
Bevor das Schiff den Boden berührte, brach Skip in der Zentrale zusammen. Er schien tatsächlich stärker unter der rätselhaften Krankheit zu leiden als die Erwachsenen. Einige an Bord werteten es als ein schlechtes Omen.
Hätten sie gewusst, auf welcher Höllenwelt sie sich nun befanden, wäre ihnen die Seuche vergleichsweise harmlos vorgekommen.
*
Die Landung des Schiffes blieb auf Caalis nicht unbemerkt. Unsichtbare Beobachter und unvorstellbar feine Sensoren registrierten den Diskus und drangen durch die Hülle in das Innere ein. Daten über jede Einzelheit, über jede Person an Bord flossen stoff- und lautlos einem gemeinsamen Zentrum zu.
Irgendwo dort wurden die Informationen aufgenommen und ausgewertet. Normalerweise hätte eine eindeutige Entscheidung am Ende der Sondierung gestanden. Doch das, was sich hinter dem perfekten System verbarg, das alles lenkte und alle Entscheidungen traf, wartete ab.
Eine Komponente passte nicht in das Bild.
Aber es war auch etwas in dem stummen Beobachter selbst, das ihn zögern ließ. Etwas, das Unsicherheit signalisierte.
Weitere Informationsströme erreichten das Zentrum allen Seins und die Wesen, die erst vor wenigen Zeiteinheiten dieser Welt die Kontrolle übernommen hatten, aber der Befehl zur Aktion blieb vorerst aus.
*
Der Landeplatz schien wirklich eine Insel in der Wildnis zu sein. Caalis war eine Urwelt. Die Luft war schwül und schwer, und große Vögel, mitunter auch Flugechsen, flogen über den Wipfeln der Riesenbäume, die zweihundert Meter messen mochten. Unter ihnen, breitete sich ein bis zu 50 Meter hohes Dickicht von Schlingpflanzen, riesigen Blüten in einer auf der Erde nie gesehenen Pracht und Dornengewächsen aus. Das Unterholz wurde von kleineren Büschen, Rankengewächsen und weiteren Schlingpflanzen gebildet.
Christopher Reed stand in der Bodenluke des Diskus. Etwa drei Meter unter ihm breitete sich weiches, gelbes Gras mit saftigen Blättern aus. Reed fragte sich, ob die Früchte dieser Welt wohl essbar für sie waren.
Die Schmerzen hatten wieder stärker eingesetzt, und Reed spürte jetzt das steigende Fieber. Die Krankheit zehrte an seinen Kräften.
Wir müssen durchhalten, bis wir die Burschen gefunden haben!
Skip lag bewusstlos in einem Bett und wurde von Christine gepflegt, so gut es ging.
Die gelbe Sonne stand am grünblauen Himmel und war bereits halb hinter den Baumwipfeln verschwunden. Bald würde es dunkel werden. Reed hatte den Vorschlag gemacht, dass bis zum nächsten Morgen niemand das Schiff verlassen solle, und die anderen hatten akzeptiert. Keiner von ihnen schien sich danach zu sehnen, die Bekanntschaft irgendwelcher Urwaldbestien zu machen.
Als der Abend anbrach, sahen die Menschen sich nach geeigneten Schlafstätten um, während die Loorden an Bord weiterhin die Instrumente der Zentrale beobachteten. Zwischen den drei Fremden schien es so etwas wie eine stillschweigende Verbindung zu geben. Aber sie waren ja auch bis zu einem gewissen Grad Telepathen.
Und dann fielen die Menschen in den tiefen Schlaf der Erschöpfung.
Die Laute des nächtlichen Urwalds drangen nicht mehr an ihre Ohren.
*
Skip wachte in seinem seltsamen, den Körperformen angepassten Bett auf und wusste, dass es Nacht und dass er allein war. Er wusste es einfach.
Skip fühlte die Hitze in seinem Körper, der ihm schon seit Tagen nicht mehr zu gehören schien. Irgendetwas geschah mit ihm, und der Junge konnte sich nicht dagegen wehren. Er hatte Angst davor, und er hatte Angst, mit anderen darüber zu reden. Schließlich hatte er sich in eine Psychose hineingesteigert. Begonnen hatte es mit den Wandbildern und der darauf folgenden Entdeckung der Mumien der früheren Besatzung an Bord der Walze. Es war Skip nicht schwergefallen, einen Zusammenhang zwischen den unvollendeten Reliefs und den Leichen herzustellen.
Die Raumfahrer hatten die Bildfolge nicht vollenden können, weil das, was sie festhalten wollten, sie vorher ereilt hatte.
Immer wieder hatten die anderen versucht, Skip aufzuheitern, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Besonders Christine hatte sich um ihn gekümmert. Aber er wollte kein Mitleid von Leuten, die nicht in der Lage waren, ihm zu helfen, weil sie selbst zu den Opfern der Krankheit zählten. Er hatte Angst, aus ihrem Mund die Bestätigung seiner Befürchtungen zu hören, obwohl er wusste, dass sie zutrafen.
Es fiel ihm schwer, noch klare Gedanken zu fassen. Alles, was um ihn herum vorging, kam wie durch schwebende Nebel zu ihm. Skip begann zu fantasieren.
Er richtete sich in dem Bett auf, in das sie ihn gelegt hatten. Er schwitzte und bunte, verzerrte Figuren tanzten vor seinen fiebrigen Augen. Eine kalte Faust schien sich auf seine Schultern zu legen. Skip schlug die Decke zurück und setzte sich auf die Bettkante. Sie hatten ihn ausgezogen.
Er stand auf und nahm sich seine alte Hose und das weiße T-Shirt von einer Konsole. Einen Augenblick lang wurde ihm schwindlig, und er musste sich festhalten.
Niemand der anderen sollte ihn so sehen! Keiner sollte neben ihm stehen und zuschauen, wie er verrückt wurde und als phantasierendes Monstrum starb.
Leise schlich er sich hinaus aus seiner kleinen Kabine und ging den matt erleuchteten Korridor entlang, bis er vor der Bodenschleuse stand. Es war still an Bord, nur einige Aggregate liefen leise summend irgendwo im Leib des Diskus. Skip schlich an der Zentrale vorbei.
Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Der quälende Wunsch, das Schiff zu verlassen und irgendwo dort draußen in der Einsamkeit sein Ende zu finden, ließ ihn noch einmal die Benommenheit und die Halluzinationen abschütteln.
Zu seiner Überraschung stand die Bodenschleuse offen. Dies ersparte ihm die Suche nach einem Öffnungsmechanismus. Er trat vor und machte sich zum Sprung bereit.
Caalis nannten die anderen diese Welt. Irgendwo wollten sie ein Serum gegen die Krankheit finden. Skip glaubte nicht daran. Sie versuchten, sich selbst zu betrügen.
Er stieß sich ab und segelte die drei Meter bis zum weichen Boden hinab. Auch hier bestand eines dieser rätselhaften Felder, die das Gewicht und die Schwerkraft nahmen.
Der Junge atmete auf. Er spürte die Schmerzen und das Pochen des Blutes in den Gelenken nicht mehr. Alles, was für ihn zählte, war, dass es ihm bisher gelungen war, unentdeckt aus dem Schiff zu entkommen. Noch hundert Meter bis zum Rand des Unterholzes, dann würden sie ihn nicht mehr finden.
Nur von dem Wunsch besessen, schnell im Wald zu verschwinden, lief er geduckt im gelben, dicken Gras, das etwa einen halben Meter hoch war, auf den Waldsaum zu. Einmal blieb er kurz stehen und betrachtete verwundert die umgeknickten Grashalme und die Schleifspur, die vom Schiff weg führte. Dann war er im Gebüsch verschwunden.
Skips Gliedmaßen bewegten sich nun automatisch. Immer weiter bahnte sich der zerschundene und von der teuflischen Seuche gezeichnete Körper den Weg in den Dschungel.
Hunderte glühender Augen beobachteten den Jungen, aber er nahm nicht mehr wahr, was um ihn herum vorging.
Das, was sich in ihm ausgebreitet hatte wie ein bösartiger Tumor, legte sich auf sein Denken und ließ ihn wie eine willenlose Puppe voranmarschieren.
Als es Tag wurde, war er weit weg von dem Schiff, das ihn auf diese Welt gebracht hatte.
*
Christine hatte länger geschlafen als beabsichtigt. Aber die Strapazen der letzten Tage hatten ihren Tribut gefordert. Trotzdem fühlte sie sich nicht viel wohler als am Tag zuvor. Im Gegenteil: Das Fieber machte sich jetzt stärker bemerkbar.
Als sie nach Skip sehen wollte, sein Bett leer vorfand und auch seine Kleider nicht entdecken konnte, wusste sie, dass etwas nicht stimmte. Sie fühlte das Unheil, das sich über dem Schiff zusammenbraute, fast körperlich. Der herrliche Sonnenaufgang auf einer scheinbar unberührten Welt, wie er auf einigen Bildschirmen der Außenübertragung zu sehen war, stand daher in krassem Gegensatz zu Christines Gefühlen. Sie eilte in die Zentrale und traf dort Reed und Vanderbuilt.
„Wo ist Skip?“, fragte sie, in der Hoffnung, dass die beiden Männer für sein Verschwinden eine Erklärung geben könnten. Aber der kurze Blick, den sie sich zuwarfen, nahm ihr auch diese letzte Hoffnung.
„Der Junge also auch“, hörte sie Vanderbuilt murmeln. Er saß neben Christopher Reed an einem mit Folien bedeckten Tisch und schlürfte eine Flüssigkeit, die sich mit irdischem Kaffee vergleichen ließ.
„Was heißt das?“, fragte sie, und eine Ahnung stieg in ihr auf. „Chris, was ist los?“
„Sieh dich um“, gab Reed mit einem trockenen, humorlosen Lachen zurück. „Wir sind alle, die übrig geblieben sind.“
„Was heißt das?“
Vanderbuilt bekam einen roten Kopf und tobte: „Was heißt das? Das heißt, dass die anderen weg sind! Die gelb verschnürten Schrumpfköpfe und auch dieser alte Narr!“
„Nein!“ Christine stöhnte und ließ sich in eine Sitzgelegenheit fallen.
„Oh doch!“ Vanderbuilt konnte sich nicht beruhigen. „Und wissen Sie, was noch fehlt? Beide Gleitboote haben diese Verbrecher mitgenommen, damit wir richtig festsitzen und nicht von der Stelle können. Ich sage Ihnen, wenn wir jemals diesen alten, scheinheiligen Halunken in die Finger bekommen, dann drehe ich ihm eigenhändig den Hals um. Und für die drei Gelbkittel fällt mir auch noch etwas ein!“
„Und das findest du so lustig?“, fragte Christine entrüstet, als sie sah, wie Reed schmunzelte.
„Ganz und gar nicht, Chris. Ich musste nur einen Augenblick lang an die Erde denken. An die Abende in den Casinos bei der Navy, und an einen Haudegen namens Harry Vanderbuilt. Der gröbste Klotz weit und breit. Das“, er zeigte auf seinen Freund, „war nur eine winzige Kostprobe …“
„Moment mal“, fuhr Vanderbuilt dazwischen. Dann sah er Christine an und richtete den Zeigefinger auf sie. „Chris?“ Er starrte sie lange an und drehte sich dann zu Reed um. „Chris?“, fragte er noch einmal. Diesmal zeigte er auf Reed. „Christine und Christopher! Mein Gott, zwei von der Sorte sind für meine Nerven zuviel. Und beim ,Du' seid ihr auch schon. Moment …“ Er holte sich ein gefaltetes Blatt Papier aus der Hosentasche und kritzelte etwas darauf.
„Was soll das?“, fragte die Frau irritiert.
Reed begann zu lachen. „Da notiert er sich jeden Anlass, auf den er normalerweise einen Whisky trinkt. Immer gibt das einen Strich. Diesmal hat er drei Striche gemacht. Er hebt sich den Zettel auf, bis wir wieder auf der Erde sind. Dann …“
„Ich habe es auch gespürt, hier oben!“ Christine tippte gegen die Schläfe. „Manchmal vernebelt es einem das Bewusstsein. Aber dass es bei euch schon so weit ist, hätte ich nicht gedacht. Wenn ihr wieder normal seid, gebt mir Bescheid. Ich will den Jungen finden. Und wenn's sein muss, gehe ich allein!“
Reed und Vanderbuilt sahen sich mit ziemlich unglücklichen Gesichtern an, als sie die Zentrale verließ.
*
Es war Vormittag, als sie sich auf den Weg machten. Da keiner von ihnen eine Ahnung hatte, wie sich das Außenschott von draußen verschließen ließ, schlossen sie das innere Schott der Schleuse und hofften, dass das Schiff auf diese Weise vor ungebetenen Besuchern geschützt war.
Von nun an waren sie auf sich allein gestellt. Die Loorden hatten die beiden einzigen kleinen Beiboote, die als Gleiter konstruiert und für Atmosphärenflug gedacht waren, mitgenommen (keiner kam auf die Idee, jemand anders könnte mit einem der Boote geflohen sein).
Alles, was sie bei sich trugen, waren die Waffen. Die Handlaser hatten nichts mit den Lasern zu tun, die in den letzten Jahren auf der Erde an die Stelle der Projektilwaffen getreten waren, denn sie wirkten um ein Vielfaches verheerender, wie Reed auf Loord festgestellt hatte. Aber da sie nicht wussten, wie die Dinger arbeiteten, nannten sie sie der Einfachheit halber eben „Laser“. Außerdem schleppten sie die beiden von der Walze mitgenommenen Strahlgewehre mit, deren Wirkung noch vernichtender sein durfte. Noch hatten sie keine Gelegenheit gehabt, sie zu erproben, und eigentlich waren sie ganz froh darüber.
Die Sonne stand an einem wolkenlosen, grünblauen Himmel. Der Tag auf Caalis hatte nur etwa 18 Stunden. Bald würde die Mittagshitze ihren Höhepunkt erreicht haben.
Sie hatten beschlossen, Skip zu suchen. Der Junge musste in einem Anflug von Verzweiflung gehandelt haben, als er das Schiff verließ. Etwas Ähnliches war vorauszusehen gewesen.
Hätte man einen der drei Kranken gefragt, was sie eigentlich außerdem noch vorantrieb, so hätte wohl keiner von ihnen eine Antwort zu geben vermocht. Vielleicht war es ganz einfach der unbändige Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, der Wille, dem grausamen Schicksal zu trotzen und die Herausforderung anzunehmen. Sie hatten keine Möglichkeit mehr, die Station der geheimnisvollen Unsterblichen zu erreichen, sie wussten ja nicht einmal, wo sie sie suchen sollten.
Sie befand sich irgendwo auf dieser Welt.
Aber zwischen ihnen und dem unbekannten Ziel lag mörderische Wildnis. Und irgendwo dort in dieser grünen, schreienden Hölle steckte Skip.
„Also los!“, sagte Christine und schritt voran.
Vanderbuilt und Reed warfen sich einen Blick zu, dann setzten auch sie sich in Bewegung.
*
Skip hatte eine deutliche Spur im beginnenden Dickicht hinterlassen. Zuerst hatten umgeknickte Äste seinen Weg markiert, dann konnten die Frau und die beiden Männer den ins weiche Moos getretenen Fußabdrücken folgen.
Es war drückend schwül. Immer wieder mussten die Menschen Pausen einlegen, um sich ein wenig zu erholen.
Der erste Zwischenfall ereignete sich, als sie ein Gebiet durchquerten, wo zwischen den mächtigen Stämmen der Urwaldriesen große, klebrige Pflanzen ihre breiten, blauen Blätter nach allen Richtungen ausschickten. Immer noch sahen die Suchenden Skips Spur, konnten aber nicht sagen, ob sie näher an ihn herangekommen waren. Immer wieder hatten sie angehalten und gelauscht, wenn sie glaubten, ein Geräusch von ihm gehört zu haben, aber stets waren es kleine Tiere, gewesen, die sie aufgescheucht hatten.
Irritierendes Spiel von Licht und Schatten zeichnete dort ein bizarres Muster auf den Boden, wo das Licht der Sonne durch die Baumwipfel hoch über den Köpfen der Menschen drang und den Moosboden erreichte. Feine Ranken bedeckten den Weg, und große Lianen hingen von den Ästen der Baumriesen herab. Zwischen all dem breiteten sich bis zu zwei Meter in die Höhe reichende Büsche aus.
Schließlich gerieten die drei auf ein relativ freies Gelände, als Christine, die voranging, über eine Ranke im Moos stolperte und vornüber fiel. Bevor sie sich aufrichten konnte, schnellten aus einer der blauen, großen Pflanzen, die mehr als drei Meter von Skips Spur entfernt im Dickicht stand, zwei fingerdicke Ranken heran und legten sich um die Knöchel der Frau. Bevor einer der beiden Männer reagieren konnte, wickelten sich die Ranken um Christines Beine und zogen sie auf die Pflanze zu. Die blauen Blätter hoben sich vom Boden ab, wobei klebrige Fäden entstanden. Jedes der Blätter war mehr als anderthalb Meter lang und einen Meter breit.
Christine schrie auf und versuchte, mit den Händen einen Halt im Moos zu finden, aber die Büschel, in die sie ihre Finger gekrallt hatte, wurden aus dem Boden gerissen. Unglaublich schnell glitt der Körper der Frau auf die Pflanze zu.
Vanderbuilt hatte den Strahler aus dem Gürtel gerissen und stand einen Moment lang unschlüssig da.
„Schieß doch!“, brüllte Reed ihn an, der ebenfalls die Waffe in der Hand hatte, aber in einem ungünstigen Winkel zu Christine und der Pflanze stand. Wenn er schoss, würde er die Frau treffen.
Vanderbuilt drückte ab. Ein hellblauer Strahl fuhr gebündelt aus dem Lauf und fand sein Ziel im Schaft der Pflanze. Wenige Zentimeter von Christines Füßen entfernt zischte es, und die Pflanze löste sich dort, wo sie getroffen war, auf. Gleichzeitig erschlafften die Ranken, und die Blätter fielen langsam in sich zusammen.
Die Männer eilten herbei und zogen Christine aus dem Bereich der blauen Pflanze. Der Schock stand deutlich in dem geschwollenen und teilweise verkrusteten Gesicht der Frau, und es dauerte eine Viertelstunde, bis sie sich wieder beruhigt hatte und gehen konnte.
Von nun an waren sie noch wachsamer. Das eben Erlebte war eine deutliche Warnung.
Aber sie waren zu dritt und hatten Waffen. Skip jedoch irrte allein durch die feindliche Wildnis.
*
Für einen Moment kehrte die klare Denkfähigkeit zurück. Skip registrierte, dass er auf einem umgestürzten kleineren Baumstamm saß und aus einer Risswunde in der rechten Wade blutete. Die Hosenbeine waren zerrissen.
Er erinnerte sich, dass er mit ein paar anderen Männern und mit einer Frau hierher gekommen war, aber er konnte nicht sagen, wo er sich befand. Es war irgendwo weit weg von seinem kleinen Fischerdorf.
Skip ging es nicht gut. Es war heiß, und er sehnte sich nach einem kühlen Bad im Meer. Skip blickte sich um, aber überall war grünes, undurchdringliches, dichtes Laub und Buschwerk, und der Boden unter seinen Füßen war moosbedeckt.
Skip wollte zurück zu seinen Leuten, zurück zu seinem Dorf, aber er wusste nicht, in welcher Richtung er danach suchen sollte. Er konnte sich nicht erinnern, jemals hier gewesen zu sein. Alles war so fremd und anders.
Die Hitze! Der Junge schien innerlich zu kochen. Er merkte nicht, wie die verkrustete Haut an einigen Stellen aufsprang. Das Fieber umnebelte wieder seinen Geist. Skip stand auf und machte sich torkelnd auf den Weg. Er wollte nach Hause.
Er stolperte über kleine Ranken, die sich durch das Moos zogen, aber es gelang ihm immer wieder, sich aufzurichten und weiterzugehen. Nach Hause! Skip kannte keinen anderen Gedanken mehr.
Und dann griff eine eisenschwere Faust nach seinem Bewusstsein. Skip taumelte und fiel hin. Ohnmächtig blieb er in dem weichen Moos liegen. Sein Atem ging nur noch stoßweise.
Als er erwachte, begann es bereits dunkel zu werden. Die Dämmerung auf Caalis hatte eingesetzt.
Skip versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, sich zu erinnern.
Das Dorf! Die Fischerboote! Die Männer hatten ihm versprochen, dass er diesmal mitkommen durfte. Er musste zu ihnen. Aber er spürte, dass irgendetwas ihn hinderte.
Da waren wieder diese Menschen, die dunkel in seiner Erinnerung auftauchten. Die seltsamen Gegenstände und die fremden Gänge.
Skip stand mit Mühe auf, als er eine Bewegung über sich bemerkte. Er sah auf. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, wo er sich befand. Der Dschungel, Dickicht und Pflanzen, wohin er sah. Kleine Reptilien, die über den Weg huschten. Skip spürte, wie er wieder für einen Augenblick einigermaßen klar denken konnte.
Er blickte sich um. Er wusste nicht mehr, wie es hier ausgesehen hatte, bevor er das Bewusstsein verlor, nun aber spannte sich um ihn herum in einem Durchmesser von gut fünf Metern ein riesiges Netz, das in den kleinen Ästen umstehender Büsche und an Baumstämmen verankert war. Es zog sich in die Höhe, wobei es sich verengte und schließlich einen Baldachin über seinem Kopf bildete.
Skip fühlte erstmals wieder seinen Körper, der seit einiger Zeit taub zu sein schien. Er merkte, wie das Blut pochend durch die Adern schoss und das Herz wild klopfte.
Skip war gefangen in einer Art Haube aus klebrigen Fäden eines großen, um ihn herum gewobenen Netzes. Es war so dicht, dass er kaum erkennen konnte, was sich jenseits des Gespinstes befand. Nur von oben drang Licht ein, spärlich, aber ausreichend, um das zu sehen, was sich genau über ihm befand – dort, wo er eben die Bewegung ausgemacht hatte.



