10 Galaktische Abenteuer Box 4

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Über seinem Kopf bewegten sich die dünnen, behaarten Beine einer riesigen Spinne, die ihn aus ihren vier Augen, die schwach leuchteten, anzustarren schien. Jedes der grauenhaften Beine mochte einen guten Meter lang sein, und der Körper des Rieseninsekts maß ebenfalls einen Meter im Durchmesser. Die Spinne produzierte weiter die klebrigen Fäden und verstärkte das Netz. Es würde nicht mehr lange dauern, bis es einen undurchdringlichen Kokon um Skip bildete.
Der Junge wollte schreien, wollte wegrennen, aber kein Laut kam über seine gesprungenen Lippen, kein Weg führte aus der Falle der Spinne heraus.
Skip hatte in der Einsamkeit, fernab von den anderen, sein Leben beenden wollen, aber als er jetzt sah, wie die Beine der Spinne immer näher kamen, packte ihn blankes Entsetzen, und sein erschlafftes Bewusstsein fand noch einmal in die Realität zurück.
Und irgendeine Hilfe konnte er nicht erwarten. Nur er und das Untier waren in dem gesponnenen Käfig.
Unendlich langsam glitt der Körper der Riesenspinne auf Skip zu.
*
Die Pausen wurden immer länger, und die Wegstrecken, die die drei Menschen zurücklegten, immer kürzer. Aber das Ziel, Skip zu finden, trieb sie voran. Sie kämpften gegen Schwindel und Fieber an, gegen vorschnellende Ranken und große Insekten, die sich auf ihrer Haut festsetzten und stachen.
Schließlich wurde es Nachmittag, dann Abend. Die Sonne versank hinter der grünen Hölle und tauchte die Umgebung in Zwielicht.
Die nahende Dunkelheit würde die Suche erschweren. Bereits jetzt waren die Spuren im Moos schwer auszumachen.
Keiner der drei sah zurück, und keiner bemerkte die leuchtenden Augen, die sie, dicht über dem Moosboden, verfolgten. Sie hörten nicht die kratzenden Geräusche, die die unheimliche Armee aus vielen kleinen Lebewesen verursachte, die sich an ihre Spur geheftet hatten. Der Tod hatte viele Gesichter auf Caalis. Zwar waren Christine, Reed und Vanderbuilt vor den tückischen Pflanzen gewarnt, aber sie machten den Fehler, gerade deshalb ihre Aufmerksamkeit nur oder fast nur den Pflanzen am Weg zu widmen.
Darüber vergaßen sie, dass die Natur dieser Welt nicht nur aus einer Flora bestand.
Krabbelnd auf vielen tausend kleinen Füßen folgten ihnen die Mordinsekten, die nur darauf zu warten schienen, dass die Menschen stehen bleiben würden, um sich auszuruhen.
*
Skip schloss die Augen, als er eines der behaarten Spinnenbeine auf seinem Kopf spürte.
Ein weiteres Bein berührte die Schulter. Gleich würde sich der monströse Körper auf den Jungen herabfallen lassen.
Skip hatte bereits mit dem Leben abgeschlossen, als er ein Geräusch hörte. Es kam von außerhalb des Netzes, das ihn umschloss, und irgendwie erinnerte es ihn an etwas.
Und plötzlich spürte er, wie das Gewicht der beiden Beine auf Schulter und Kopf verschwand. Als er die Augen öffnete und aufblickte, sah er, wie sich der Körper der Riesenspinne zusammenzog und konvulsivisch zuckte. Das Tier krallte sich mit seinen acht riesigen Beinen an der Decke des Netzkäfigs fest und begann zu rotieren. Immer schneller raste der Körper im Kreis. Skip wich so weit an den Rand des Netzes zurück, wie es ihm möglich war, ohne kleben zu bleiben. Was er instinktiv erwartet hatte, traf ein: Das Monstrum verlor den Halt und klatschte mit einem dumpfen Laut auf dem Boden auf, dort, wo Skip eben noch gehockt hatte.
Noch einmal zuckten die Beine, noch einmal schienen die rotglühenden Augen Skip anzustarren, dann war das Leben aus dem Insekt gewichen.
Gleichzeitig war das Geräusch von draußen erstorben. Skip hatte es die ganze Zeit über nur unbewusst wahrgenommen – ein seltsamer, monotoner Singsang. Und die Stimme war alt und knarzend gewesen.
Skip sah sich um. Immer noch war er in diesem Netz gefangen. Die Spinne war zwar tot, aber er konnte nicht nach draußen.
Aber dann, auf einmal, hatte er das Gefühl, als würde es plötzlich heller um ihn herum. Als er aufsah, löste sich das Gewebe über ihm langsam auf und ließ das noch verbliebene Tageslicht herein. Und dann wurde das Loch über ihm größer und größer, breitete sich nach allen Seiten hin aus, bis Skip über die Reste des Netzes hinwegsteigen konnte.
Und da sah er den alten Mann, der im Moos einige Meter vor ihm hockte und ihn schweigend angrinste. Skip erinnerte sich an den Alten und er erinnerte sich auch daran, wie er ihm das erste Mal begegnet war, auf einem der unzähligen Gänge dieses seltsamen Schiffes. Das alles schien schon eine Ewigkeit her zu sein.
Skip ging auf den Alten zu. Er grinste noch immer, sagte aber kein Wort. Irgendetwas war an dem Mann, das Skip störte. Irgendetwas, das er nicht verstand.
Und dann, als Skip nur noch ein paar Schritte von ihm entfernt war, verschwand er! Von einer Sekunde zur anderen! Es schien, als habe er sich in Luft aufgelöst. Skip schritt weiter auf die Stelle zu, wo der Alte eben noch gehockt hatte, und sah deutlich die plattgedrückte Stelle im Moos.
Der Junge wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war unheimlich schwül. Oder war es nur das Fieber? Wieder fühlte er, wie sich sein Bewusstsein zu trüben begann. Bald würde er wieder als seelenloses Stück Mensch durch die Wildnis irren.
Skip suchte die Gegend ab, soweit er den Dschungel durchdringen konnte. Mit dem Abend kam das Zirpen unbekannter Insekten, kleine Tiere huschten durch das Unterholz, und einige der Pflanzen begannen fluoreszierend zu leuchten. Skip wollte weglaufen, irgendwohin, aber er wusste nicht, wo sein Weg war. Er hatte Angst.
Plötzlich wurden keine zwanzig Meter von ihm entfernt einige Büsche zur Seite geschoben, und ein menschlicher Körper erschien. Dann kam ein zweiter zum Vorschein, dann ein dritter.
Der Junge wollte weglaufen, so geisterhaft wirkte die Szene, aber da rief jemand laut seinen Namen.
Skip spürte einen kurzen Augenblick lang seinen Herzschlag, der ihm die Brust zu zerreißen drohte, dann sank er ohnmächtig auf das dunkle Moos.
*
„Skip!“, rief Christine fassungslos. Dann stürzte sie auch schon auf den Jungen zu, kniete neben ihm nieder und nahm den Kopf in ihren Schoß.
„Er ist ohnmächtig“, stellte sie fest. „Vielleicht haben wir ihn erschreckt. Eben stand er doch noch!“
„Aber er lebt!“, sagte Reed, der zusammen mit Vanderbuilt herangekommen war.
„Sein Herzschlag ist schwach. Hoffentlich hält er durch, bis wir …“ Christine sprach nicht aus und senkte den Blick.
Wir machen uns alle etwas vor! dachte Reed bestürzt. Wohin sollen wir den Jungen bringen? Es gibt hier keine Arztpraxis um die Ecke, und wir selbst sind auch fast am Ende!
„Da ist was!“, warnte Vanderbuilt. Reed zog den Strahler. Vanderbuilt zeigte schweigend in die Richtung, wo er glaubte, eine verdächtige Bewegung gesehen zu haben. Oder war es ein Geräusch, das ihn alarmierte? Vanderbuilt wusste es nicht.
Reed blickte sich schnell um und entdeckte in etwa zehn Meter Entfernung einen aus dem Moosteppich herausragenden Felsbrocken. Er gab Christine einen Wink, und gemeinsam schafften sie Skip zu ihm hin.
Dann hörten sie das Kratzen. Es drang aus der Richtung, aus der auch sie gekommen waren. Die Büsche am Rand des Pfades verdeckten ihnen die Sicht. Die fluoreszierenden Blätter einiger großer Pflanzen warfen ein fahles, gespensterhaftes Licht auf die Szene.
Das Kratzen und Schaben wurde lauter. Aber sie hatten keine Gelegenheit mehr, sich darauf zu konzentrieren, denn plötzlich krachte es im Unterholz zu ihrer Rechten. Irgendetwas Großes brach durch das von Lianen verhangene Dickicht. Ein markerschütternder Schrei aus der Kehle eines großen Tieres zerriss die Nacht. Zugleich ertönte ein lautes, helles Zischen. Und dann teilte sich das Unterholz, und ein etwa zwei Meter großes, känguruähnliches Tier erschien. Bevor jemand von ihnen reagieren konnte, raste das Tier in großen Sprüngen an ihnen vorbei, keine fünf Meter entfernt. Es nahm gar keine Notiz von den Menschen. In wilder Panik raste es davon, schlug einen Haken und tauchte links im Dschungel unter.
Und dann erschien der Verfolger. Niemals hatte das Auge eines Menschen ein solches Lebewesen gesehen. Christine stöhnte laut auf und unterdrückte einen Schrei.
Das Raubtier war eine etwa zwei Meter große Echse, die sich auf zwei muskulösen Hinterbeinen nach vorne schnellte. Der lange Schwanz peitschte in die Pflanzen und riss ganze Äste aus dem Dickicht heraus. Lianen wurden durch die Luft geschleudert, Blätter stoben durcheinander. Wie eine Gestalt aus einem Alptraum tobte die Echse und setzte dem känguruähnlichen Wesen nach. Reed, der am weitesten im Weg des Jägers stand, sprang zurück und entging so dem peitschenden Schwanz.
Wieder drang das schrille Zischen aus dem Maul der Bestie. Die Echse hatte inzwischen den dunklen Saum des Dickichts erreicht, in dem das gejagte Tier verschwunden war, als es mit einem Ruck stehen blieb und den Kopf den Menschen zudrehte.
Vanderbuilt schoss sofort, als das urweltlich anmutende Raubtier sich zum Sprung duckte. Als es sich dann auf sie zuschnellte, stand die blaue Energiebahn in der Luft und ließ den Kopf des Angreifers in einem Chaos sonnenheißer Energien vergehen.
Zwei Meter vor den beiden Männern klatschte der tote Körper auf den Boden. Christine schrie auf, und Christopher Reed ging zu ihr hinüber und legte den Arm um ihre Schulter. Aber sie wollte sich nicht beruhigen. Im Licht des Strahlschusses hatte sie nicht nur die springende Echse gesehen. Christine hatte den Blick gesenkt, um den Schuß nicht sehen zu müssen, und dabei hatte sie entdeckt, was sich ihnen von allen Seiten näherte.
Jetzt sahen es auch die Männer. Wie ein schwarzer Teppich schob sich das Heer kleiner Tiere an sie heran.
Reed hob den Strahler zum Schuß, aber dann senkte sich die Hand mit der Waffe wieder. Wohin sollte er schießen? Überall, wo der Strahl auftraf, würden nachrückende Viecher die Lücke schließen. Es mussten wirklich Tausende sein!
„Das also ist das Ende“, sagte Harry Vanderbuilt.
*
Die schwarze, lebende Masse ließ sich durch nichts aufhalten. Immer näher rückte sie an die Menschen heran, die dicht aneinandergedrückt um den Felsen herum standen.
Sie waren zu schwach, um noch einmal Widerstand zu leisten. Alles, was ihnen jetzt noch blieb, war der schnelle Tod, bevor sie dem grauenhaften Schicksal zum Opfer fielen, das ihnen von den kleinen Tieren drohte.
Unendlich langsam hob Christopher Reed die Waffe und führte den Lauf an die Schläfe des Jungen. In wenigen Augenblicken würde alles vorbei sein, wenn die beiden Männer als letzte sich selbst erlösten.
Reeds Finger krümmte sich bereits am Abzug, als das monotone, auf- und abschwellende Summen an ihre Ohren drang, das in einen seltsamen. Singsang ausartete. Reed zog die Waffe zurück und spähte in die Nacht hinaus, aber es war nichts zu sehen.
„Da!“, schrie Vanderbuilt und zeigte auf den Boden. Und tatsächlich hielten die schwarzen Dinger ihren Vormarsch an und verharrten einen Moment.
Und dann zog sich der schwarze Teppich langsam zurück. Ungläubig starrten die Menschen auf das Wunder.
Der Singsang war stärker geworden. Als der Boden um den Felsen herum wieder frei war, brach er ab.
Eine dunkle Gestalt löste sich aus der Dunkelheit. Erst als sie auf wenige Schritte heran war, erkannten die Geretteten das grinsende Gesicht, das im fahlen Licht etwas Dämonisches hatte.
„Ich werd' verrückt!“, rief Vanderbuilt. „Der Alte!“
7.
Sie verbrachten die Nacht bei dem Felsen. Das weiche Moos hatte die Wärme des Tages gespeichert und war ein gutes Lager. Vanderbuilt und Reed teilten sich die Wache. Reed schlief die ersten drei Stunden, dann wurde er von Vanderbuilt geweckt.
„Alles in Ordnung?“, fragte Christopher Reed.
Der andere nickte. „Alles klar. Es wird Zeit, dass ich mich hinlege. Ich habe so ein dumpfes Gefühl im Kopf.
Wie benebelt. Lange machen wir's nicht mehr“, er deutete auf den scheinbar friedlich im Moos liegenden Skip.
Reed klopfte dem Freund auf die Schulter und setzte sich auf den Felsbrocken. „Eh!“, flüsterte er vorher noch. „Hast du was aus ihm herausbekommen?“ Vanderbuilt verneinte.
Der alte Mann saß schweigend auf der anderen Seite des Felsens und schien in irgendwelche angenehmen Gedanken vertieft zu sein. Jedenfalls lächelte er unbekümmert vor sich hin. Der Blick war in die Ferne gerichtet.
Wer ist er?, fragte Reed sich zum wiederholten Mal. Alles, was er bisher an rätselhaften Dingen getan hatte, verblasste im Vergleich zu dem Wunder ihrer Rettung. Keiner bezweifelte ernsthaft, dass der Rückzug der Kleintierarmee in direktem Zusammenhang mit dem Auftauchen des Alten gestanden hatte. Und mit dem komischen Gesang.
Welchen Einfluss hatte der Alte auf die Natur dieser Welt? Was verband ihn mit Caalis?
Wo, um Himmels willen, hatte ihn das UFO, das ihn an Bord ihrer Walze gebracht hatte, aufgesammelt? Irgendwo in Amerika, das schien klar, denn er sprach amerikanisch. Wenn er sprach. Reed konnte sich an nicht mehr als zehn Worte erinnern, die er von ihm gehört hatte.
Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf, aber er schüttelte ihn ab.
Er war zu phantastisch, als dass man ihm Beachtung schenken konnte.
Wieso grinste der Alte fortwährend? War er wirklich verrückt, oder verstellte er sich am Ende nur? Auf Loord war er plötzlich ernst gewesen, als die Loorden ihren telepathischen Bericht gegeben hatten.
Und wo war er gewesen, nachdem er den Diskus in der vorigen Nacht verlassen hatte? Wie hatte er zu ihnen zurückgefunden?
Christopher Reed wusste, dass es nichts einbringen würde, aber er versuchte es trotzdem. „He!“, rief er leise zu dem alten Mann hinüber. „Ich weiß, dass du mich verstehst. Und ich bin sicher, dass du kein Idiot bist. Also lass uns reden, einverstanden?“
Der Alte drehte den Kopf und grinste Reed an.
Reed konnte dieses Grinsen nicht mehr sehen!
„Sieh dir sie an!“, fuhr er auf, aber so leise, dass die anderen nicht geweckt wurden. „Da! Der Junge, noch ein halbes Kind! Willst du, dass er stirbt?“
Der Alte drehte den Kopf und blickte dorthin, wo Skip lag. Reed glaubte zu bemerken, wie das dümmliche Grinsen verschwand und einer eher traurigen Miene Platz machte.
Der Alte weiß mehr von Caalis als ein Normalsterblicher, dachte Reed bitter. Und dann kam ihm die ungeheure Konsequenz dieses Gedankens in vollem Umfang zu Bewusstsein: Wenn der alte Mann, woher auch immer, Informationen über diese Welt besaß, dann war es auch möglich, dass er wusste, wo sich die Station der Fremden, jener Unsterblichen, befand! Und damit das Serum, von dem die Loorden geredet hatten.
Der ehemalige Offizier spürte den heißen Schwall, der seinen Körper durchfuhr, als er die Frage stellte. Der Alte sah ihn lange mit ausdrucksloser Miene an, bevor er wieder das gewohnte Grinsen aufsetzte. Reed musste sich beherrschen, ihm nicht ins Gesicht zu schlagen.
Aber nach einigen Minuten merkte er, wie etwas in sein Denken einzudringen versuchte. Es war fast so wie auf Loord. Ein kurzer Schwindel packte ihn, dann standen die Bilder klar und deutlich in seinem Bewusstsein. Es waren keine Bilder im eigentlichen Sinne, eher Eindrücke und Erkenntnisse.
Als es vorbei war, wusste Reed, wohin sie sich am kommenden Tag zu wenden hatten. Und er wusste auch, dass sie noch nicht verloren waren. Er sah wieder den Alten an. Der schien unverändert in die Ferne zu starren und vor sich hin zu grübeln.
„Danke“, sagte Reed. „Wer immer du bist, alter Freund, danke!“ Dann nickte er ein, denn er wusste, dass sie im Moment sicher waren.
Früh am nächsten Morgen brachen sie auf. Skip hatte ein paar Mal kurz das Bewusstsein zurückerlangt und wirre Dinge phantasiert. Er hatte hohes Fieber. Alles kam nun darauf an, die Station zu erreichen, bevor es zu spät für den Jungen war.
Und auch Christine schien dem endgültigen Zusammenbruch nahe. Ihre Augen blickten fiebernd in die Ferne, und oft schien sie überhaupt nicht mehr recht zu begreifen, was um sie herum vorging.
Reed und Vanderbuilt bildeten die Spitze des kleinen Trupps. Reed hatte dem Freund erzählt, was in der Nacht vor sich gegangen war, und nach anfänglicher Skepsis schien Vanderbuilt ihm zu glauben. Christine hatte nicht gefragt, wohin sie gingen. Und der Alte hatte sich Skip über die Schulter gelegt und trug ihn vorsichtig.
Christopher Reed wusste selbst nicht, wohin ihr Weg sie führte. Er folgte einer Anleitung, die er nirgendwo gelesen und die ihm niemand gegeben hatte. Seine Füße bewegten sich automatisch, aber Reed war sicher, dass sie ihn in die richtige Richtung führten.
Irgendwann, so wusste er, würde die Natur beginnen, die ersten Veränderungen zu zeigen. Irgendwann in den nächsten Stunden würden sie durch eine Welt kommen, die unter den Strahlen einer nicht in diese Wildnis gehörenden Kraft mutiert war.
Bisher hatte Reed wortlos akzeptiert, dass es etwas gab, das es dem Alten, der mit ihnen marschierte, ermöglichte, die Natur, von Caalis unter Kontrolle zu halten. Aber wie würde es sein, wenn sie die Zone des veränderten Lebens erreichten?
Christine stöhnte und blieb stehen. Reed gab Vanderbuilt ein Zeichen und ging zu ihr, während die anderen langsam weitermarschierten.
Er erschrak, als er den Blick ihrer Augen sah. Christine schien weit entfernt zu sein. Der Schweiß brach ihr aus den Poren, und das Fieber hatte einen Höhepunkt erreicht. Reed nahm Christines Arm und stützte sie, während sie den anderen folgten.
Wie lange noch?, hämmerte die Frage in seinem Kopf. Verzweifelt hielt er Ausschau nach den ersten Zeichen der Veränderung.
Und dann kam sie so abrupt, dass er erschrak. Auch Vanderbuilt war stehen geblieben und wartete.
Vor ihnen lag das Mutationsgebiet, Ohne Übergang gerieten sie hinein in diese Welt, die die letzte Barriere vor der Station darstellte, die ihnen vielleicht die Rettung brachte.
Vielleicht aber auch die Erlösung durch den Tod. Doch vorerst machten sie sich darüber keine Gedanken.
Sie mussten durch die mutierte Zone - einen anderen Weg gab es nicht.
*
Jeder Schritt der Menschen wurde registriert und beobachtet. Während der vergangenen Stunden hatte sich eine gewisse Erregung im Zentrum ausgebreitet.
Dort, wo alle Daten zusammenliefen, herrschte Verwirrung. Es war nicht nur jener Faktor in der Mitte der Eindringlinge, der Rätsel aufgab – es war vielmehr etwas in dem Wesen selbst, das nicht stimmte, das nicht so war, wie es hätte sein sollen. Aber es saß so tief, dass es sich jeder Analyse entzog. Im Gegenteil – es breitete sich an der Wurzel des Denkens selbst aus und verzerrte das Bewusstsein.
Die Gelandeten drangen in den engeren Gürtel ein. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie das Zentrum erreicht hatten.
Wieder verschwammen die Maßstäbe, und das Wesen fühlte sich zwischen zwei entgegengesetzten Polen hin und her gerissen. Es war immer noch nicht zu einer Aktion entschlossen.
Da war dieser rätselhafte Impuls, der sich auf das Zentrum zu bewegte.
Irgendetwas in seinem Innern zwang das Wesen, zu warten.
Die Fremden kamen näher. Und mit ihnen das, was eine so unvorstellbare Beklemmung auslöste.
*
Reed fragte sich, wieso sie dieses Gebiet nicht während ihres Orbits aus der Luft hatten ausmachen können.
Die Bäume waren nicht mehr nur grün – die Stämme schimmerten in tiefem Violett, und die Blätter zeigten alle Farben des Regenbogens. Wie ein perlmutterner Baldachin breitete sich ein Gewirr von Blättern, Zweigen und herabhängenden Lianen über den Menschen aus. Und die Pflanzenwelt auf dem Boden um sie herum war nicht weniger phantastisch. Büsche mit halbstofflich wirkenden, oft gläsernen Blättern wechselten sich ab mit saftigen Gräsern. Kleine, palmenartige Bäume ragten bis zu einem Meter in die Höhe, und von der Spitze fielen zipflige, rote Blätter herab. Das Moos war violett. Und manchmal machte es den Eindruck, als lebte es. Kleine Wellen schienen über den violetten Teppich zu laufen und erregten Schwindelgefühle. Und einmal hatte es sogar den Anschein, als versuche etwas, in die Gehirne der Menschen einzudringen. Reed hatte den Alten angesehen, aber der war mit Skip beschäftigt gewesen.
Die beiden bildeten ein seltsames Paar. Noch immer trug der alte Mann den Jungen.
Christine ging wieder allein. Sie hatte sich ein wenig erholt.
Ein feines Singen lag in der Luft. Es schien von irgendwelchen Pflanzen zu stammen.
Und über allem lastete die Schwüle des frühen Nachmittags.
Nach zwei Stunden Weg durch die fremde Welt brach Christine schließlich zusammen. Reed lud sie sich über die Schulter.
„Mir ist ganz komisch“, brummte Vanderbuilt.
„Ja“, sagte Reed nur. Er wusste, was gemeint war. Sie hatten das Gefühl, als wolle sich etwas auf ihr Bewusstsein legen. Aber alles, was um sie herum zu sehen war, waren Pflanzen, Pflanzen in allen nur denkbaren Formen und Farben, aber sie bewegten sich nicht. Außer dem Singen war kein Laut zu hören. Alles schien still und friedlich. Zu friedlich!, befürchtete Reed.
Wieder sah er sich nach dem Alten um, und irgendwie beruhigte es ihn, zu sehen, dass er ihnen noch folgte.
„Ich traue der Ruhe nicht“, meinte Vanderbuilt. „Es ist etwas faul, Chris, ich kann es förmlich riechen!“
Reed nickte. Wieder sah er sich um. „Wie fühlst du dich?“, erkundigte er sich. Vanderbuilt warf ihm einen prüfenden Blick zu.
„Ich bin immer noch ganz klar im Kopf, wenn du das meinst“, antwortete er etwas zu heftig. Reed zweifelte nicht daran, dass auch Vanderbuilt, ebenso wie er selbst, die ersten Anzeichen der geistigen Trägheit spürte, die den Wahnsinn und das Ende jeden Willens einleitete.
„Ich meinte allerdings etwas anderes“, sagte er. „Dieser Druck im Schädel …“
„Das Moos, Chris!“
Reed starrte den Freund an wie einen Geist. „Was heißt das? Wieso das Moos?“
„Ich habe es beobachtet, während du dich um Christine gekümmert hast. Jedes Mal, wenn es in kleinen Wellen zu fließen scheint, kommt der Druck. Und so ein komisches Wispern.“
„Allerdings, das habe ich auch gemerkt. Das Wispern, meine ich.“
„Ich sage dir, es ist das Moos. Und wenn wir nicht bald die Station finden, sind wir erledigt. Wie lange dauert es noch?“
Reed zuckte die Schultern. Er wusste es nicht, aber er wusste, dass ihr Weg der richtige war. Der Alte hatte es gesagt.
Reed kam zu Bewusstsein, dass er längst begonnen hatte, den alten Mann als eine über ihm stehende Person zu betrachten. Er verließ sich blind auf ihn – was veranlasste ihn dazu?
„Das Moos, Chris!“, schrie in diesem Moment Vanderbuilt wieder und blieb stehen. Bevor Reed eine Frage stellen konnte, spürte er es auch: Das Moos bewegte sich in Wellen um sie herum. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, hilflos auf der Oberfläche eines unendlichen Meeres zu stehen und langsam darin zu versinken, dann drangen übermenschliche Kräfte auf sie ein.
Die beiden Männer sanken unter Schmerzen zusammen und pressten sich die Hände gegen die Schläfen. Christine lag stöhnend neben ihnen, und Skip …
Reed gelang es, den Kopf zu drehen und nach hinten zu blicken, aber weder der Alte noch Skip waren zu entdecken.
Es war, als hätten sich beide in Luft aufgelöst.
*
Skip schlug die Augen auf. Alles schien sich um ihn herum zu drehen. Bunte Nebel tanzten vor ihm. Er wusste nicht mehr, wer er war, wo er war und wie es um ihn stand. Er registrierte nur, aber er war nicht mehr in der Lage, zu erkennen.
Schließlich klärte sich das Bild. Ein altes Gesicht erschien in seinem Blickfeld und lächelte. Ein warmer Schauer durchrieselte den gefühllos gewordenen Körper des Jungen, der im fortgeschrittenen Stadium der Verformung stand.
Das Gesicht kam näher, und ein paar letzte intakte Nerven vermittelten dem Jungen das Gefühl, dass eine Hand sanft durch sein Haar strich. Der Mund in dem alten Gesicht bewegte sich und schien Worte zu formulieren, aber Skip hörte sie nicht.


