10 Galaktische Abenteuer Box 4

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Und dann entfernte sich das Gesicht, und eine dürre, alte Gestalt stand vor ihm. Dann verschwand sie. Vorher winkte der Alte noch einmal.
Skip wusste nicht, wo er sich befand. Seine Augen nahmen Bilder auf und leiteten sie zum Gehirn weiter. Überall war helles Licht, unnatürliches Licht, es schien von den metallenen Wänden zu kommen, die ihn umgaben.
Bunte Figuren schwebten vor den Augen des Jungen. Er hob eine Hand, um danach zu greifen. Plötzlich brachte Skip ein Lachen über die Lippen. Ein großer Schmetterling tanzte vor seinem Gesicht. Skip griff danach, aber er konnte das Insekt nicht fangen. Und dann sah er die vielen kleinen Boote, die auf das Meer hinausfuhren. Und er, Skip, befand sich an Bord, zwischen den alten Männern, deren Gesichter vom Wind und dem Meer gezeichnet waren. Skip kappte die Taue und lachte mit den Männern. Dann tranken sie zusammen.
Skip lachte. Er lachte wirklich. Ein unbeholfenes, hysterisches Bündel in der Ecke des Ganges, wo der Alte es abgesetzt hatte.
Der Wahnsinn griff unbarmherzig nach dem Geist des Jungen. Die Halluzinationen wurden stärker, und mit jeder Bewegung, jedem Schrei und jedem Lachen wich ein Stück seiner letzten Lebenskraft aus ihm.
*
Der alte Mann stand schweigend vor einem Feld aus reiner Energie. Seine Augen waren geschlossen, und das Grinsen war aus dem Gesicht gewichen.
Er verharrte eine halbe Stunde in dieser Stellung, und hin und wieder lief ein Zucken durch seinen Körper. Und auch das energetische Feld, dessen Leuchten die gesamte Halle erfüllte, flackerte immer wieder unruhig.
Es war, als ob eine stumme Konversation zwischen den beiden so unterschiedlichen Partnern im Gange wäre.
Das Flackern des Feldes verstärkte sich, je länger sie sich gegenüberstanden. Das, was hinter dem Feld steckte, erregte sich mehr und mehr.
Und dann verblasste die Energie. Das Feld verschwand, und der Alte schlug die Augen auf. Ein zufriedener Ausdruck lag in seinem Gesicht. Er verließ die große Halle.
*
Nur langsam verschwand der Druck. Unsichtbare Ströme flossen zwischen jedem Atem der mutierten Welt hin und her. Und die mutierte Natur reagierte.
„Was war das?“, fragte Vanderbuilt stöhnend, als er sich langsam aufrichtete. Er schüttelte heftig den Kopf, wie, um die verbleibende Benommenheit loszuwerden.
„Frage mich nicht, ich bin ebenso schlau wie du. Los, weiter!“
Reed lud sich Christine wieder über die Schulter. Seine Glieder schmerzten, und er spürte die Schwäche in den Beinen.
„Der Alte ist weg“, stellte Vanderbuilt fest. „Und Skip mit ihm!“
Reed nickte nur. Er ging weiter, als wäre nichts gewesen. Vanderbuilt folgte ihm.
„Ich werde nicht mehr aus dir schlau, Chris! Es scheint dir völlig egal zu sein, was hier mit uns passiert. Wenn der Alte uns nun in eine Falle gelockt hat? Was dann? Ich sehe keine Station!“
„Was hätte er davon?“
„Was weiß ich? Auf jeden Fall passt mir das Ganze nicht.“
Reed lächelte vor sich hin. „Ich wäre auch lieber im Casino und würde einen schlürfen.“
„Wenn wir jemals zur Erde zurückkommen, schlürfe ich ein ganzes Fass aus, das kannst du glauben. Dann werde ich den ganzen Dilettanten dort unten erzählen, was wir erlebt und wie wir das Ding hier geschaukelt haben.“
„Und dann werden dich die Dilettanten in die nächstbeste Klapsmühle stecken.“
„Soll mir egal sein, ich komme mir sowieso schon vor wie einer, der einen zu viel intus hat.“
„Ich denke, du bist noch ganz klar im Kopf?“ Reed wusste, dass sie versuchten, sich selbst von der scheinbar ausweglosen Situation abzulenken, aber er war froh, auf diese Weise ein paar Minuten lang nicht an ihr Schicksal denken zu müssen.
„So klar wie du bin ich jederzeit.“ Vanderbuilt schwieg eine Weile, dann stöhnte er laut. „Chris, mein ganzes Leben lang träumte ich davon, einmal etwas ganz Großes zu machen. Was noch keiner geschafft hat. Irgend etwas, das ganz allein mir gehört, was mir keiner nehmen kann.“
Reed ging schweigend weiter und nickte nur. Er verstand, was der Freund sagen wollte.
„Aber das hier …“, fuhr Vanderbuilt fort und breitete die Arme zu einer allumfassenden Geste aus. „Das hier reicht für ein paar tausend Menschen. Es liegt jenseits der Grenze, wo das Fassbare aufhört. Du wirst von einem komischen UFO aufgelesen, findest dich in einem Raumschiff wieder. All das genügt schon, um einen am eigenen Verstand zweifeln zu lassen. Dann fliegst du quer durch die Galaxis und segelst durch den Leerraum zu einer anderen Milchstraße. Das ist etwas, was eigentlich vollkommen unmöglich ist! Wir kommen gerade rechtzeitig, um auf einem fremden Planeten, noch dazu einer zweiten Erde, eine Revolution mitzuerleben und spielen zu allem Überfluss den guten Geist, der die Verfolgten im letzten Moment rettet. Und jetzt sind wir auf der Suche nach Wesen, die sich irgendwo hier vergraben haben und angeblich unsterblich sind! Glaubst du nicht, dass wir in einer riesigen Illusionsmaschine sitzen, die irgendein Verrückter erfand, der uns gekidnappt hat, um sein Teufelsding auszuprobieren?“
Reed schüttelte bitter den Kopf. Das Gehen fiel ihm immer schwerer, und die Last der Frau auf seinen Schultern schien von Minute zu Minute zuzunehmen.
„Leider nicht, Harry. Wir stecken mitten drin in einer Sache, die ebenso real ist wie unsere verbeulten und aufgeplatzten Körper und das verdammte Fieber sind. Irgendjemand ist verantwortlich für die Seuche und die Diskusse, die auf der Erde die Menschen aufsammeln – wer weiß, ob wir die einzigen sind? Und ich gebe nicht auf, bis ich diesen Jemand gefunden habe.“
Vanderbuilt schwieg, aber Christopher Reed bemerkte, dass er an irgendeiner Sache herumgrübelte. Dann sah er, wie sein Freund sich ein Herz nahm:
„Da ist etwas, über das ich mir schon die ganze Zeit den Kopf zerbreche, Chris. Diese UFOs. Wie oft sind sie angeblich beobachtet worden, von allen möglichen Leuten und an allen möglichen Orten. Vor 50 Jahren ging's zum ersten Mal richtig los damit, und bevor sie uns schnappten, geisterten wieder diese Schlagzeilen durch die Zeitungen und Radios. Es ist ziemlich sicher, dass die Geheimdienste und die Armee eine Menge Beweise für ihre Existenz in ihren Panzerschränken liegen haben. Wahrscheinlich sind wir wirklich nicht die einzigen, die entführt wurden. Wenn nun all diese Schiffe verseucht sind …“
„… dann lebt keiner mehr von den Entführten. Ich glaube kaum, dass noch jemand soviel Glück hatte wie wir.“
Vanderbuilt schüttelte stumm den Kopf. „Das meine ich eigentlich nicht. Stelle dir vor, jemand kommt mit solch einem Ding, einem solchen UFO, in Berührung, aber es gelingt ihm, noch rechtzeitig zu fliehen. Aber das Ding war verseucht und der Betreffende war schon infiziert, als er irgendwo seine Story erzählte. Das Virus sitzt in ihm … Du weißt, worauf ich hinaus will?“
„Es entsteht eine Epidemie auf der Erde. Aber dann müsste dies bereits vor fünfzig Jahren, bei der ersten großen UFO-Welle, passiert sein …“
„Wer weiß? Vielleicht wurden die Leute schnell genug isoliert, als man die ersten Anzeichen der Krankheit erkannte. Es ist logisch, dass die Behörden in einem solchen Fall nichts an die Öffentlichkeit dringen ließen – der Panik wegen. Sie verschweigen ja auch die UFOs, bestreiten sogar die Existenz dieser Dinger! Das wäre übrigens ein einleuchtender Grund dafür.“
„Und ein einziger unentdeckter Fall würde genügen …“
„… um die Erde zu entvölkern!“, vollendete Vanderbuilt mit finsterem Blick. Dann fuhr er auf, und all die Verzweiflung, die sich im Lauf der Tage in ihm aufgestaut hatte, kam in seinen Worten zum Ausdruck:
„Vielleicht schaffen wir es irgendwie, das Wunder zu vollbringen und die Station zu finden, einzudringen und das Serum zu erhalten. Vielleicht - lach mich nicht aus, Chris – treiben wir ein Schiff auf, das uns zurück zur Erde bringt, irgendeiner müsste es halt programmieren. Und dann kommen wir zurück zu einer Welt, die längst verseucht und tot ist!“
„Bleib auf dem Teppich, Mann!“, rief Reed, der sich von der düsteren Vision hatte anstecken lassen. „Wer weiß denn überhaupt, in welcher Zeit wir uns befinden. Wenn's nach Einstein geht, schreiben die auf der Erde längst das Jahr 3000, vielleicht 10.000!“
Sie gingen weiter, trotz des Fiebers, das ihre deformierten Körper schüttelte.
*
Am späten Nachmittag waren sie so erschöpft, dass sie beschlossen, eine einstündige Ruhepause einzulegen.
Reed begann sich zu fragen, wie lange sie sich der Strahlung, die zur Mutation der Natur hier geführt hatte, aussetzen durften, ohne selbst Schaden zu nehmen. Aber eigentlich spielte das nun keine allzu große Rolle mehr für sie.
Plötzlich stand der alte Mann vor ihnen, wie aus dem Nichts aufgetaucht. Er winkte und gab ihnen dadurch zu verstehen, dass sie mit ihm kommen sollten.
„Wenn das wieder ein Trick ist …“, knurrte Vanderbuilt.
Aber dann erhob er sich zusammen mit Reed. Irgendetwas sagte ihnen, dass sie dem Alten folgen mussten.
Nach knapp fünf Minuten erreichten sie das flache, wie aus dem Boden gestampfte Feld. Es war ein schwarzer Kreis im Moos, etwa zwei Meter im Durchmesser und den Männern schien es, als blickten sie in ein endloses Loch im Dschungelboden.
Der Alte stieg auf die Fläche. Zögernd folgten ihm die beiden Männer. Diesmal trug Vanderbuilt Christine.
Und dann löste sich die Welt um sie herum auf.
8.
Alles war in helles, matt schimmerndes Licht getaucht, das aus den Wänden zu kommen schien, wenn man das, was sie umgab, überhaupt als Wände bezeichnen konnte. Es waren jene Grenzen, wo der Blick nicht mehr weiter reichte. Eine Entfernung war schlecht abzuschätzen.
Sie befanden sich in einem großen, runden Raum. Es schien eine Kugel zu sein mit mattweiß leuchtenden Wänden, glatt und ohne irgendetwas, das die Harmonie des Raumes unterbrach. Nur die Bodenfläche war abgeplattet, und auf einer Seite führte eine Öffnung auf einen ebenfalls nach oben hin abgerundeten Gang hinaus.
Christopher Reed ließ seinen Blick lange über die neue Umgebung wandern. Er hatte wirklich aufgehört, noch irgendetwas begreifen zu wollen.
Er kam sich vor wie in einer riesigen Eierschale. Alle Versuche, den Abstand zu den Wänden und zur Decke abzuschätzen, blieben erfolglos. Es war, als wiche die helle Wand vor dem Blick zurück.
Die Station! durchfuhr ihn die Erkenntnis. Wir sind in der Station!
Neben ihm hockte Vanderbuilt und kümmerte sich um Christine, die die Augen geöffnet hatte.
Und dort, wo der Gang einmündete, dessen Ende nicht erkennbar war, lag der Junge.
Reed stand auf und verständigte sich mit einem Blick mit Vanderbuilt, der sich weiter um Christine bemühte. Dann ging er hinüber zu Skip und kniete neben ihm nieder. Seine Schritte verursachten kaum ein Geräusch auf dem seltsamen Boden.
Skip sah den Mann aus irren Augen an, verzog das Gesicht zu einer lachenden Grimasse und spielte mit den Händen in der Luft herum. Immer wieder stieß er ein unverständliches Lallen aus.
Das also ist das letzte Stadium! dachte Reed bitter. Unbändiger Zorn wallte plötzlich in ihm auf, als er den Jungen, noch ein halbes Kind, das keinem etwas getan hatte, in diesem Zustand sah. Er dachte weniger an sein eigenes Schicksal. Skip war ihm ans Herz gewachsen, ebenso wie Christine.
„Wer immer ihr seid und wo immer ihr steckt! Kommt heraus und verkriecht euch nicht länger!“, schrie Reed in einem Anfall von Wut und Verzweiflung. Dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. Er sah sich nach Vanderbuilt um, aber der presste nur die Lippen aufeinander.
Und dann, wie aus heiterem Himmel, stand das hallende Gelächter im Raum. Die Köpfe der Männer fuhren hoch, und auch Christine richtete sich auf. Der Wahnsinn verschwand für ein paar Augenblicke aus ihren Augen. Sie alle schienen nicht glauben zu wollen, was ihre Ohren ihnen vermittelten.
Aber das Lachen erklang erneut. Es hallte wie aus tausend Lautsprechern in dem runden Raum, schien in den Gang hineinzureichen – es war überall. Ein verzerrendes Echo hallte nach und jagte den Menschen einen Schauer des Entsetzens über den Rücken. Christine verfiel wieder in Agonie.
Reed hatte plötzlich ein Bild vor Augen. Eine Erinnerung an einen Film, den er als Kind einmal im TV gesehen hatte. Dort hatte ein Junge eine Flasche gefunden, und als er sie öffnete, drang ein Geist heraus und stand am Ende als riesiger Gigant über dem Jungen. Das Lachen des Flaschengeists hatte ähnlich höhnisch und grauenhaft geklungen.
„Jetzt reicht's!“, fuhr Vanderbuilt auf und stellte sich neben den Freund. „Chris, uns hat es auch erwischt, wir merken es nur nicht. Der Wahnsinn sitzt so tief in uns, dass wir ihn für einen Normalzustand halten. Das kann hier alles nicht wahr sein, Chris, wir sind verrückt!“
„Es ist wahr, Harry!“
„Dann ist es der Alte! Nur er kann hier sein, und er ist verschwunden. Er hat uns hierher gebracht, um uns fertig zu machen!“
„Das hätte er bequemer haben können, Harry. Du vergisst, warum wir hier sind.“
„Du meinst… diese Unsterblichen?“
„Unsterblich oder nicht. Irgendjemand ist hier zu Hause, und gnade ihm Gott, wenn wir den Weg umsonst gemacht haben!“ Wieder blickte er Skip an. Noch zu gut hatte er den Jungen in Erinnerung, wie er gewesen war, bevor ihn die Seuche ereilt hatte. Und Christine.
Reed war entschlossen, den oder die Drahtzieher zu finden, bevor er selbst zum stammelnden Wrack wurde.
„Komm mit“, forderte er Vanderbuilt auf. „Die beiden müssen wir hier lassen. Vorläufig.“ Noch einmal ging er zu Christine und strich ihr durch das silberne Haar.
„Ich komme wieder“, sagte er und dachte dabei an ein anderes Versprechen, das er ihr gegeben hatte. Wortlos nahm er Vanderbuilt beim Arm und ging mit ihm in den hellen Gang hinein. Die beiden Männer hatten keine Ahnung, was sie am Ende vorfinden würden, aber das kümmerte sie jetzt nicht. Sie hatten nichts zu verlieren.
Reed umklammerte den Strahler, der immer noch in seinem Gürtel steckte.
*
Wieder stand der alte Mann vor dem Feld aus Energie. In der Halle schwebten mehrere dieser Felder, und in jedem projizierte sich ein Bild. Nur das, vor dem der Alte schweigend stand, leuchtete in einem weißgelben Ton und schien zu pulsieren.
Der Alte hatte jedoch im Moment nicht viel Aufmerksamkeit für die Umgebung übrig. Die Augenblicke, in denen sich ein schwerer Vorhang vor seinem Bewusstsein aufzutun schien, wurden immer häufiger.
Wieder kam es ihm vor, als sei dies alles hier nichts Neues für ihn. Es war so vertraut, als hätte er diesen Raum erst gestern verlassen.
Caalis! War es vor ein paar Tagen nur ein Funke gewesen, der spontan in sein Bewusstsein gedrungen war, als die Loorden ihre telepathische Botschaft abgestrahlt hatten, so schälten sich nun immer mehr die Konturen jenes Begriffs heraus, der weit mehr darstellte als die Bezeichnung einer Welt, die von einer einsamen Sonne umkreist wurde irgendwo in der Galaxis seines Volkes.
Seines Volkes! Der Alte erschrak, als der Gedanke sich den Weg ins Bewusstsein bahnte.
Wie viele Jahre, Jahrhunderte oder Jahrtausende hatte er im Zustand der Vernebelung als Trottel verbracht, der nicht wusste, wohin er überhaupt gehörte? Was hatte ihn dazu getrieben, seine Herkunft zu vergessen, die jetzt Stück um Stück vor seinem geistigen Auge auftauchte? Immer mehr Teile eines phantastischen Mosaiks fügten sich zusammen.
Wie war er auf jene Welt gekommen, von der er nun in eine der Walzen gelangt war, zusammen mit den Planetariern? Er sah ihre Gesichter vor sich: den Jungen, den er ins Herz geschlossen hatte, die Frau, die verzweifelt war, und die beiden Männer.
Ohne zu wissen, warum, fühlte er sich für sie verantwortlich. Die Krankheit! Bilder tauchten auf, Bilder von Frauen und Männern, die ebenfalls von dieser Seuche befallen gewesen waren. Aber es waren Loorden gewesen! Der alte Mann sah lange Korridore vor sich, große Schiffe, die eine Welt verließen und zu Hunderten ins Weltall aufbrachen. Er versuchte sich an Einzelheiten zu erinnern. Warum waren sie gestartet, und wo hatte ihr Ziel gelegen?
Aber noch war das Bild zu verschwommen. Er sah nur die Bilder der Kranken, und diese Kranken waren seine Freunde gewesen.
Plötzlich hörte er wieder das hallende Lachen. Es schien ihn durch seine Ohren und über verborgene Sinne zu erreichen, die lange brachgelegen hatten. Dem Alten wurde bewusst, dass er Telepath war. Vielmehr war er es vor langer Zeit gewesen, und es würde eine Weile dauern, bis er die Fähigkeit wieder voll zurückerlangt hatte.
Er spürte die Anwesenheit des geisterhaften Gegenübers, das mächtiger war als er. Er wusste, dass er ihm ausgeliefert war und dass es ihn mit Leichtigkeit vernichten konnte, aber die Impulse, die er empfing, waren wirr und unlogisch.
Was war mit den Schiffen gewesen, jenen großen Walzen, die er, zusammen mit vielen anderen Frauen und Männern, bestiegen hatte?
Der alte Mann spürte, wie sich der Nebel wieder über sein Bewusstsein legte. In einigen Sekunden würde er erneut alles vergessen haben.
Dennoch machte er sich Sorgen um die Menschen in der Station. Zweimal hatte er gerade noch rechtzeitig eingreifen können. Das Glück hatte es gewollt, dass er gerade in dem Augenblick der Gefahr bei Sinnen gewesen war.
Er hoffte, dass sie sich ruhig verhielten, bis er wieder klar denken konnte. Er hatte eine Aufgabe, die hier auf ihn wartete, obwohl er noch nicht wusste, welcher Art sie genau war.
*
Noch einmal drangen die verwirrenden Impulse in das Wesen, das nicht fähig gewesen war, der Entwicklung, die jetzt nicht mehr gestoppt werden konnte, Einhalt zu gebieten. Mit unbarmherziger Heftigkeit griff der Wahnsinn nach dem unsterblichen Geist.
Das Wesen, das über ein unvorstellbares Machtpotential verfügte, vergaß alle Logik und handelte in Panik. Wie seine Gefährten, so würde auch der letzte der Unsterblichen sterben. Die Furcht vernebelte den Geist, und das Chaos nahm seinen Lauf…
*
Sie konnten nicht sagen, wie lange sie sich in dem Gang vorwärts bewegt hatten, bis sie an die Gabelung kamen. Keine Unebenheit zerstörte den Eindruck, sich in einem aus einem einzigen Teil gegossenen Gebilde aus reiner Helligkeit zu befinden.
Der Gang endete in einem weiteren Kugelraum, von dem drei kleinere Gänge abzweigten. Bevor sie sich darüber Gedanken machen konnten, welcher sie weiter zu ihrem Ziel führen würde, schwebten glühende Leuchtkugeln mit einem Durchmesser von etwa zehn Zentimetern heran. Es waren viele Dutzend.
„In Deckung!“, schrie Reed, aber im gleichen Moment erkannte er die Unsinnigkeit seiner Worte. Wo sollten sie sich verschanzen? Es gab keine Unebenheiten hier, und die Kugeln kamen von allen Seiten.
Vanderbuilt zog den Strahler und drückte den Auslöser in den Schaft, aber der erwartete Schuß blieb aus. Er fluchte und schleuderte die Waffe mit Wucht in das Heer der angreifenden Leuchtkugeln. Als sie eine der flammenden Erscheinungen traf, gab es einen kurzen Blitz, dann waren Strahler und Kugel verschwunden. Eine andere Leuchtkugel streifte Reed an der Schulter. Er schrie vor Schmerzen auf.
„Hier hinein!“, rief Vanderbuilt und zeigte auf einen der drei Gänge, wo der Schwärm der Kugeln schwächer schien. Sie liefen geduckt auf die Abzweigung zu, erreichten sie und rannten weiter.
Sie gelangten in eine Halle, die aus einem halben Dutzend ineinander versetzter Kugeln zu bestehen schien. Und auch hier waren die Wände aus weißem Licht. In der „Mitte“ des Raumes standen einige fremdartige Apparaturen.
„Chris!“, entfuhr es da Vanderbuilt, und er zeigte auf den Boden, wo drei Gestalten in kleinen Vertiefungen lagen. Jetzt sah es auch Reed.
Sie gingen langsam, als zwinge sie etwas zur Vorsicht, auf die Liegenden zu, bis sie deren Gesichter erkennen konnten, was allerdings nicht nötig gewesen wäre, denn die gelben, verzierten Kombinationen sagten ihnen genug.
Vor den beiden Männern, direkt zu ihren Füßen, lagen die drei Loorden, die sie zu dieser Welt gebracht hatten, bevor sie verschwunden waren.
„Sind sie tot, Chris?“, fragte Vanderbuilt leise.
Es schien ein Zufall zu sein, der ihnen die Frage beantwortete. Eine Leuchtkugel erschien in dem Gang, durch den sie hierher gelangt waren, und kam auf die Männer zu. Sie wichen instinktiv zurück, bis sie merkten, dass die Kugel es nicht auf sie abgesehen hatte. Sie schwebte genau auf einen der Loorden zu und ließ sich auf seinen Brustkasten sinken. Unter einer matthellen Leuchterscheinung fraß sie sich in den Körper hinein. Vanderbuilt stöhnte laut auf und wollte hinzustürzen, aber Reed hielt ihn fest.
Als die Kugel etwa fünf Zentimeter tief im Leib des Fremden steckte, explodierte sie in einem kleinen Blitz.
Einen Augenblick lang herrschte Totenstille in dem großen Raum, dann traten die beiden Männer an die Versenkung heran, in der der Loorde lag. Als sie sich über das Loch beugten, das die Kugel in den Körper gefressen hatte, traf sie die Erkenntnis wie ein Schock.
„Das … das sind keine Menschen“, stammelte Reed. „Das sind Roboter! Androiden, Harry!“
Wie zur Bestätigung erklang in diesem Moment wieder das wahnsinnige Lachen und füllte die gesamte Halle aus. Die beiden Männer hielten sich die Ohren zu.
Wer spielte sein teuflisches Spiel mit ihnen?
Der ohnmächtige Zorn, die Wut, hilflos einem übermächtigen Etwas gegenüberzustehen, das sich über ihre Situation lustig zu machen schien, aktivierte noch einmal schon vergessene Kräfte in den Menschen.
Kein Gang, außer dem, durch den sie gekommen waren, führte aus dieser Halle. Sie waren in eine Sackgasse geraten. Sie mussten hier heraus, wollten sie ihr Ziel erreichen, und das wollten sie jetzt mehr als je zuvor. Noch einmal trieb ein unbändiger Wille sie voran.
Aber draußen warteten die Energiekugeln.
„Wir müssen es riskieren!“, meinte Reed und gab dem Kameraden ein Zeichen. Vanderbuilt konnte sich nicht erinnern, Reeds Gesicht jemals so grimmig gesehen zu haben.
Sie rannten wieder in den Gang hinein. Als sie am anderen Ende herauskamen, waren die Kugeln verschwunden.
Die Männer blieben stehen. Ein leichter Schwindel packte Reed, und das Fieber ließ das Blut heiß in seinen Schläfen pochen, aber er achtete nicht darauf. Sie mussten diejenigen finden, die verantwortlich waren für das, was in dieser Station vorging.
Und sie mussten das Serum haben.
*
Die Halle übertraf alles bisher Gesehene. Ein Ende ließ sich quasi nicht absehen. Überall begegnete ihrem Blick das helle, weiße Licht, das aus dem Nichts zu kommen schien und sich in den „Wänden“ der riesigen Halle stabilisierte.
Überall schwebten energetische Felder aus manifestiertem Licht. Sie zeigten Projektionen unbekannter Räume und Gänge. Auf einem erkannten die beiden Eindringlinge die Halle mit den Loorden.
Nein, es waren ja Androiden! verbesserte sich Reed im Stillen. Er spürte, dass er an der Schwelle eines Geheimnisses stand, das bis hin zu den Wurzeln aller Existenz reichte.
Wieder hallte das unheimliche Lachen durch den Saal, und diesmal spürten sie deutlich, dass es sich um das Lachen des blanken Wahnsinns handelte. Reed dachte an den Alten, aber dann verwarf er den Gedanken wieder. Hier hatten sie es mit einer Macht zu tun, die ungleich größer sein dürfte als das, was in dem alten Mann schlummerte.
Aber in welcher Beziehung stand er zu diesem Etwas?
Plötzlich nahm der große in der Luft schwebende Projektionsschirm, der alle anderen überragte und bisher in einem weißlich-gelben Ton geschimmert hatte, Farbe an. Formen kristallisierten sich heraus, und dann stand ein fremdes Gesicht auf dem Schirm. Groß und hell blickte es auf die beiden Männer herab – das Gesicht eines Mannes in mittleren Jahren, aber es war nicht eigentlich menschlich. Nicht der irre Glanz in den Augen, nicht der zu einem höhnischen Lächeln verzogene Mund machten die Faszination aus – von der Projektion schien eine hypnotische Kraft auszugehen. Und noch etwas fühlten die Männer: Der Fremde, dem dieses Gesicht gehörte, musste unvorstellbar alt sein, obwohl er das Gesicht eines gerade Fünfzigjährigen besaß.



