10 Galaktische Abenteuer Box 4

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Es gab für sie in diesem Augenblick keinen Zweifel mehr, dass sie dem Herrn der Station gegenüberstanden.
Und damit einem der legendären Unsterblichen von Loord.
Und das wiederum hieß, dass sie hier, und nur hier das Serum gegen den schleichenden Tod in ihren Adern bekommen konnten.
Aber es sah nicht so aus, als wolle der Mann auf der Projektion verhandeln.
Er öffnete den Mund, und wieder hörten sie das von allen Seiten kommende Gelächter.
Sie sahen, wie die Augen des Riesengesichts sich hoben und sich auf etwas richteten, das hinter ihnen zu sein schien.
Reed drehte sich um und erblickte den Alten, der in die Halle getreten war.
*
Der alte Mann sah die Dinge so klar, als liefe ein Film vor seinem inneren Auge ab. Plötzlich war alles wieder gegenwärtig, die Mission der Walzen, die Rolle der auf Loord Zurückgebliebenen, die Katastrophe und sein eigenes Schicksal auf jener Welt, die ihre Bewohner Erde nannten.
Er selbst war einige Jahrmillionen lang einer der Menschen gewesen, wie sie sich heute bezeichneten. Ein verwahrloster alter Trottel, der seine Vergangenheit und seine Aufgabe vergessen hatte.
Und wie es schien, kam er zu spät, um diese Aufgabe, die ihm vor unendlich langer Zeit aufgetragen worden war, noch zu erfüllen.
Die Aspiranten für Caalis! War das, was nun von dem Projektionsfeld stierte, alles, was übrig geblieben war von den Idealen und Hoffnungen seines Volkes?
Wieder standen die schrecklichen Bilder in seinem Bewusstsein. Bilder sterbender Loorden, Bilder leerer Korridore und Räume auf den Schiffen, die ausgeschickt worden waren, das Leben zu bringen und stattdessen als Totenschiffe ihre Bahn gezogen hatten, nur von Robotgehirnen und rechtzeitig eingegebenen Programmen getrieben.
Sie hatten ihre Aufgabe dennoch erfüllt, aber es gab niemand auf Loord mehr, der etwas davon gehabt hätte.
Er selbst war der einzige Loorde gewesen, der die Seuche überlebt hatte. Er war immun gewesen. Wie viele andere Immune hatte es auf Loord gegeben?
Er wusste, dass diese Immunen von damals heute diejenigen waren, die sich die Unsterblichen nennen ließen. Und sie waren es tatsächlich, ebenso wie er. Die Erreger der Seuche hatten in jenen, die gegen sie gefeit waren, eine Veränderung hervorgerufen, die den Zellverfall stoppte und die Gehirnzellen einer ständigen Regenerierung unterzog.
Und nun stand er einem derjenigen gegenüber, die die letzten Loorden darstellten. Er wusste, dass dies der Zeitpunkt der Entscheidung war, denn die beiden Terraner dort vor ihm waren ohne ihn hilflose Opfer eines wahnsinnig gewordenen, unsterblichen Gehirns, dessen Machtfülle auch er nur vage erahnen konnte.
Aber etwas anderes verrieten ihm die schwachen telepathischen Impulse des Wesens: Der Unsterbliche starb! Und der nahende Tod hatte seinen Geist mit Wahnsinn überzogen.
Der Alte sah, wie die beiden Männer sich zu ihm umdrehten. Aber er konzentrierte sich auf das, was hinter der Projektion steckte. Irgendwo innerhalb der Station befand sich das Wesen, und er warf all seine wiedererwachte psychische Kraft in den verzweifelten Versuch, die Schranke des Wahnsinns zu beseitigen und zu dem Wesen vorzudringen, das ebenso alt war wie er selbst, sich aber doch so von ihm unterschied.
Ein Duell auf einer für menschliche Sinne unfassbaren Ebene begann.
*
Chaos bestimmte das Denken und Handeln des Unsterblichen. Das Wesen wusste, dass das Leben sich dem Ende zuneigte. Die Flucht aus den Lebenskapseln auf Loord war zu überstürzt vollzogen worden. Irgendein Prozess hatte eingesetzt, der die durch die Immunität gewonnene Unsterblichkeit wieder aufhob. Er war der letzte seiner Art. Seine Begleiter waren tot. Und er würde folgen.
Panik überflutete das uralte Gehirn und ließ den Wahnsinn keimen.
Aber plötzlich war da etwas, das nicht hatte sein dürfen. Der Unsterbliche hatte es schon vorher ungenau registriert – als vagen Faktor, der mit den Fremden auf seiner Welt gelandet war. Und jetzt spürte er, dass der fremde Geist, der seinem eigenen so ähnlich war, den gezielten Kontakt suchte.
Sollte doch einer der Begleiter überlebt haben? War er doch nicht der letzte seines Volkes? Einen Augenblick lang öffnete sich der Vorhang, den der Wahnsinn vor seinen Geist gelegt hatte. Er vergaß auch die unbedeutenden Fremden in der Projektionshalle und lauschte nur den suchenden Impulsen.
Und plötzlich war es, als dringe neue Kraft in ihn. Er begriff, wer ihm da gegenüberstand. Noch einmal blühte das dem Tod geweihte Wesen, das länger gelebt hatte als ganze Planetenkulturen, auf, und mit ihm wurde das Erbe seines ebenso alten Volkes lebendig, das von der furchtbaren Seuche hinweggerafft worden war, als es an der Schwelle der Ewigen Erfüllung des Lebens gestanden hatte. Als man endlich ein Gegenmittel entwickelt hatte, war es zu spät gewesen.
Sie, die Überlebenden der Katastrophe, die sich zurückgezogen hatten, um auf die Schiffe zu warten, hatten nicht mehr ernsthaft daran geglaubt, jemals noch lebenden Rückkehrern der Mission gegenüberstehen zu können, nachdem die ersten Schübe der toten Schiffe über Loord erschienen waren.
Dem Unsterblichen wurden nach einer kurzen Sondierung die Zusammenhänge klar. Er wusste jetzt, was die Fremden hierher geführt hatte, und er hatte die Macht, ihnen zu helfen.
Eine schwere Entscheidung lag auf seinen Schultern. Es war nicht leicht, sein Volk zu vergessen. Aber es hatte nicht umsonst gelebt und gewirkt. Er sah, dass Loord dem Universum seinen Stempel aufgedrückt hatte und dass seine Rasse in den vielen anderen, die sich nun auf die kosmische Bühne wagten, weiterleben würde. Und vielleicht würden sie eines Tages das vollenden, was den Loorden versagt geblieben war.
Das Wesen öffnete sich seinem Gegenüber und machte sich daran, seinem Leben einen würdigen Abschluss zu geben.
Der Unsterbliche gab seinem telepathischen Partner ein Zeichen.
*
Reed und Vanderbuilt hatten schweigend beobachtet, wie sich der lautlose Dialog zwischen dem Alten, der im Eingang der Halle stand, und dem Wesen auf dem Projektionsfeld vollzogen hatte. Irgendetwas hatte sie gezwungen, zu schweigen und den Kontakt nicht zu stören. Irgendetwas hatte ihnen gesagt, dass es in diesen Minuten um ihre Existenz ging, vielleicht sogar um noch viel mehr.
Als dann der alte Mann die Augen öffnete und sie ansah, erinnerte er in nichts mehr an den vergammelten Alten, der sie bis hierher begleitet hatte auf ihrer unfreiwilligen Odyssee. In seinem Blick stand der gleiche Hauch von Ewigkeit, der jetzt, wo der Wahnsinn gewichen war, auch das Gesicht auf dem Schirm umgab. Erschreckt erkannten die beiden Menschen, wie ähnlich sich diese beiden waren. „Er wird euch helfen“, sagte der alte Mann übergangslos und kam näher.
„Wer sind Sie?“, fragte Reed. Vanderbuilt stand mit offenem Mund da und schwieg.
„Ihr werdet es verstehen, wenn ihr die Geschichte Loords kennt“, antwortete der Alte und deutete auf zwei wie aus dem Nichts entstandene Würfel, die ebenfalls aus reiner, leuchtender Energie geformt zu sein schienen. Nur zögernd setzten sich die Männer.
Der alte Mann zeigte auf das Feld, das das Gesicht des anderen zeigte, ein müdes Gesicht, aber mit einem undefinierbaren Ausdruck, der die Menschen in seinen Bann zog.
Sie starrten auf das Feld, dann verschwammen die Formen. Das Energiefeld überschritt die Grenzen ihres Blickfeldes und breitete sich um sie herum aus. Die beiden Männer steckten mitten in dem Bild, das nun erschien …
9.
Das Volk von Loord hatte den Höhepunkt der technischen Entwicklung erreicht, längst die Fesseln seiner Welt gesprengt und den Weltraum erkundet. Aber das All war leer, und die Schiffe kehrten enttäuscht zurück. Mineralien und Erze steigerten den Lebensstandard auf Loord ins Unermessliche, und es kam der Zeitpunkt, wo der Wunsch in den Loorden übermächtig wurde, die nächste Stufe der Evolution an sich zu vollziehen: die Loslösung von der Körperlichkeit und die vergeistigte Einheit aller Loorden.
Es gab nur eine Welt im Universum, die den Wissenschaftlern von Loord dafür geeignet erschien: eine Welt, deren hyperphysikalische Konstante allein die Voraussetzung für diesen Schritt bildete. Denn die bisher geltenden physikalischen Gesetze verloren dort ihre Gültigkeit, wo es darum ging, in höhere Ebenen vorzustoßen.
Diese Welt hatte den Namen Caalis erhalten. Teams von hochqualifizierten Spezialisten starteten nach Caalis, während auf Loord ein anderes Projekt parallel vorbereitet wurde:
Die Erkenntnis, im All keine Brüder gefunden zu haben, war für die Loorden schmerzhaft gewesen. Deshalb hatte man ein Programm beschlossen, um das Vakuum, das der Exodus der Loorden hinterlassen würde, auszufüllen, und nicht nur das: Gewaltige Schiffe wurden gebaut, um ihren Weg ins All anzutreten und während ihres Fluges geeignete Planeten mit Lebenskeimen zu „impfen“, als deren Ergebnis eines Tages Leben entstehen würde, wie es sich auf Loord entwickelt hatte. Die Saat des Lebens sollte auf Urwelten gelegt werden, und bereits in der Entwicklung begriffenes Leben würde mittels genetischer Manipulationen auf den gewünschten Kurs gebracht. Die durch die Manipulation hervorgebrachten Arten würden die Kraft haben, sich gegenüber primitiveren Arten durchzusetzen und schließlich zu dominieren. Die Schiffe sollten viele Galaxien durchqueren, bis sie ihre Saat abgesetzt hatten. Dann erst würden sie gemeinsam nach Loord zurückkehren und dabei die Beobachter aufnehmen, die die Entwicklung der Welten überwachten.
Auf Caalis wurden die Vorbereitungen für den Evolutionsschritt des loordischen Volkes geschaffen, während die Armada der Walzen entstand. Die Loorden, die zurückblieben, würden so lange warten, bis die Schiffe zurück waren. Es würden mehrere Millionen Jahre vergehen, aber für die Loorden hatte diese Zahl ihren Schrecken verloren. Ihr Horizont hatte sich im Laufe der Entwicklung erweitert.
Die Schiffe nahmen ihre Fracht und ihre Besatzungen an Bord und starteten, um das Leben ins Universum zu tragen. Leben, wie es auf Loord entstanden war.
Wenige Wochen, nachdem sie am Firmament verschwunden waren, trat auf Loord die Seuche auf. Innerhalb kurzer Zeit hatte sie die Bevölkerung hinweggerafft. Nur wenige Personen waren immun, und bei ihnen bewirkte die Krankheit eine erstaunliche Entwicklung: Sie alterten nicht mehr und wurden unsterblich.
Als das Gegenmittel entwickelt war, war es zu spät. Nur noch die Immunen lebten. Und sie hatten auf die Rückkehr der Flotte zu warten.
Sie schufen ein Heer von perfekten Androiden, die die Zivilisation und den Ablauf der Technik auf Loord aufrechterhielten, während sich die unsterblich gewordenen Loorden in Lebenskapseln legten, um die Rückkehr der Schiffe abzuwarten. Erst dann sollten sie von den Androiden geweckt werden.
Aber sie sorgten sich um die Schiffe. Mit Schrecken dachten sie daran, dass auch die Besatzungen vor dem Abflug mit dem teuflischen Virus infiziert worden sein könnten …
*
Das Bild verschwand. Reed und Vanderbuilt schlugen die Augen auf. Sie waren zu keinem Wort fähig. Wie ein schwerer Kloß steckte ihnen das fast wirklich Erlebte im Hals. Das Drama der Loorden schien wie ein plötzlich aufgetauchter dunkler Schatten über der Halle zu lasten. Aber sie fühlten, dass sie längst noch nicht alles wussten.
Fast gleichzeitig wanderten die Blicke der Männer hinüber zu dem alten Mann, der inzwischen neben dem Projektionsfeld, das auf seine ursprüngliche Größe zusammengeschrumpft war, stand und sie prüfend musterte. Er schien einen Moment lang zu zögern. Vielleicht überlegte er, ob die Menschen die volle Wahrheit ertragen würden.
Es wird eher so sein, dass der Alte sich selbst vor seinen Worten fürchtete, versuchte Reed sich einzureden. Er war mittlerweile fest davon überzeugt, dass der Alte von dieser Welt Loord stammte, und er glaubte auch zu wissen, wie das Schicksal dieses Mannes ausgesehen hatte.
Und dennoch war er immer noch sehr, sehr weit davon entfernt, die ganze Wahrheit auch nur zu ahnen.
Der alte Mann begann zu berichten …
*
„Es waren viele tausend Schiffe, mit denen wir Loord verließen, wohl die gewaltigste Flotte, die das Universum jemals sah. Wir begannen, unserem Auftrag zufolge, die ersten Planeten mit dem Keim des Lebens in unserem Sinne zu infizieren. Manchmal war es einfach. Wir brauchten nur Lebenskeime in irgendwelchen Urmeeren abzusetzen und konnten weiterfliegen. Andere Welten hatten bereits eigenes, oft fremdartiges Leben entwickelt, so dass der Eingriff komplizierter wurde. Genetische Veränderungen mussten durchgeführt werden, und wir mussten Wächter zurücklassen, die die Entwicklung in die richtigen Bahnen lenken sollten.
Wir waren bereits einige Monate unterwegs gewesen, als die Seuche über uns kam. Die Frauen und Männer starben nach furchtbarer Krankheit und wurden mumifiziert. Es war die gleiche Seuche, deren Virus euch nun befallen hat, denn es lebte in den Schiffen fort. Jene wenigen, die immun waren, machte es unsterblich. An Bord der Schiffe war ich der einzige.
Wir fanden kein Mittel gegen die Krankheit, trotz unserer hoch entwickelten Wissenschaft. Das Virus war bereits auf Loord mit uns an Bord gekommen. Kurz bevor die letzten starben, programmierten wir die Schiffe so, dass sie den Auftrag auch ohne uns ausführen würden. Sie brachten das loordische Leben zu unzähligen Welten, aber es lebte kein Loorde mehr an Bord. Ich verließ mein Schiff mit einem Beiboot, als ich eine Welt fand, die mir geeignet erschien, die Zeit bis zur Rückkehr der Walzen auf ihrem Weg zurück nach Loord abzuwarten. Es war eines jener Beiboote, jener kleinen Scheiben, die über allen Planeten abgesetzt wurden, um die Evolution in unserem Sinne zu überwachen und zu kontrollieren. Und die Welt war eine urweltliche Dschungelwelt. Das Faszinierende an ihr war, dass sich Gattungen entwickelt hatten, die uns Loorden ähnelten, wenn auch viel primitiverer Art. Die Manipulation erfolgte, und ich konnte die ersten Fortschritte und Erfolge beobachten, während die Flotte weiterzog, weit hinaus zu den entfernteren Galaxien. Auf ihrem Rückweg würden sie mich mit dem Boot ebenso aufnehmen, wie es auf allen anderen Planeten geschah, auf denen die robotischen Wächter zurückgelassen worden waren.
Ich wurde einer der Eingeborenen, die allmählich von primitiven Primaten zu einer intelligenten Art heranreiften. Und sie ähnelten uns in vielerlei Beziehung.
Aber im Laufe der Jahre verlor ich die Erinnerung an Loord und an meine Aufgabe und verdummte. Der Schmerz der Erinnerung hatte meinen Verstand getrübt.
Ich kam erst wieder zu mir, als ich wieder den Boden Loords unter meinen Füßen hatte. Es war ein phantastischer Zufall, dass ich an Bord eines der von der rückkehrenden Flotte ausgeschickten Beiboots, das ,Proben' des entstandenen Lebens einsammelte, geriet – zusammen mit euch. Hier auf Caalis dann lichtete sich der Vorhang endgültig, wenn auch sehr langsam. Jetzt weiß ich, wer ich bin und was in der Zwischenzeit auf Loord und Caalis geschah.“
*
Reed stand lange da und sah den Alten schweigend an. Die Worte bewegten ihn mehr, als er zeigen konnte. Eine ganz bestimmte Ahnung beschlich ihn, eine Ahnung, die, sollte sie sich bewahrheiten, ein ganzes Weltbild wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen lassen konnte.
Er wollte die Frage nach den Ereignissen auf Loord nach dem Start der Schiffe stellen, als ihm einfiel, was sie hierher geführt hatte.
„Das Serum“, sagte er leise, als fürchte er, in eine heilige Stille hineinzusprechen. „Wir müssen das Mittel haben, oder wir sterben.“
Reed sah, wie der Alte nickte. Dann drehte er sich um und blickte starr auf den Projektionsschirm aus Energie, auf dem nun wieder das Gesicht des Unsterblichen stand.
Reed erschauerte unwillkürlich bei dem Anblick.
Die beiden Loorden schienen sich wieder lautlos zu verständigen. Dann begann die Luft in der Halle zu flimmern. Ein großer Würfel entstand aus dem Nichts heraus, wie schon vorher ihre Sitzgelegenheiten. Wenig später materialisierten auf die gleiche rätselhafte Weise vier kleine rote Kapseln.
„Nehmt sie!“, forderte der Alte die beiden Männer auf und deutete auf den Ausgang der großen Halle. Die Menschen verstanden. Sie griffen nach den Kapseln und machten sich auf den Weg. Noch in der Halle schluckten sie ihre Pillen. Die anderen beiden waren für Christine und den Jungen. Die Männer eilten durch die hellen, runden Gänge der uralten Station und vergaßen für einige Minuten die beiden uralten Wesen. Reed hatte den Eindruck, dass sie jetzt allein mit sich sein wollten. Irgendetwas geschah in diesen Minuten mit ihnen. Ein dumpfes Unbehagen beschlich ihn, während er Vanderbuilt nacheilte. Es war nicht das Schicksal der Menschen, das ihn bewegte, vielmehr bedrückte ihn das Los der Loorden. Und er glaubte zu wissen, dass Loorden und Menschen mehr gemeinsam hatten als nur das Äußere.
Skip und Christine hockten beide nebeneinander am Boden und starrten aus großen, irren Augen vor sich hin. Sie verstanden nicht mehr, was um sie herum vorging.
Als die Männer näher kamen, wichen sie zurück und schlugen wild mit den Fäusten um sich. Reed fragte sich, woher sie noch die Kraft dazu nahmen. Er selbst fühlte die Schwäche mehr denn je. Mit vereinten Kräften gelang es den Männern, zuerst Skip, dann Christine die Kapseln einzugeben.
Nun konnten sie nur warten und hoffen. Und beten.
Vielleicht lag es an dem Mittel, dass die Glieder plötzlich schwer wurden und Schwärze vor die Augen trat. Das letzte, das Reed sah, bevor sich der Mantel der Bewusstlosigkeit über ihn senkte, war das zernarbte und aufgeschwollene Gesicht der Frau und ihre verformt wirkenden Glieder, die verunstalteten Arme und die ebenso zugerichteten Beine, die unter den zerschlissenen Jeans zum Vorschein kamen.
Er fiel in einen tiefen Schlaf und träumte von fliegenden Untertassen, von uralten Mythen vergessener Kulturen auf der Erde und von unsterblichen Göttern der alten Religionen. Und er träumte vom ewigen Juden …
*
Christopher Reed hatte keine Ahnung, wie lange er geschlafen hatte. Er schlug die Augen auf, und neblige Schleier lösten sich langsam auf.
Die anderen schliefen noch, oder besser gesagt: Sie hatten noch nicht das Bewusstsein wiedererlangt. Um Vanderbuilt machte Reed sich die geringsten Sorgen: Er hatte die gleiche Konstitution wie er, und die Krankheit war bei ihm im gleichen Stadium gewesen wie bei ihm selbst.
Aber Christine und Skip. An ihren Körpern war keine Veränderung zu bemerken, aber ihre Gesichter wirkten gelöster, natürlicher als vorher. Sie schienen ruhig und tief zu atmen.
Reed wusste, dass er jetzt nichts tun konnte. Sie würden warten müssen. Aber er registrierte, dass das Fieber abgeklungen war. Und auch sonst fühlte er sich frischer.
Christopher Reed verspürte den Drang, irgendetwas zu tun, irgendwohin zu gehen, um sich selbst abzulenken. Er konnte nicht dastehen und die anderen beobachten, wie sie noch am Boden lagen. Und außerdem war da etwas, das ihn tief in seinem Innern beschäftigte.
Er blickte noch einmal auf die Schlafenden, dann verließ er den Kugelraum und machte sich langsam auf den Weg in die große Halle, die für seine Begriffe das Zentrum dieser Station bildete und sich irgendwo unter der Oberfläche von Caalis befinden musste. Er konnte es nicht mit Sicherheit sagen, nahm es aber an, denn sonst hätten sie die Anlage von der Luft aus sehen müssen.
Er wusste selbst nicht, was er eigentlich erwartete. Er wusste ja nicht einmal, wie viel Zeit vergangen war, seitdem sie die Halle mit den beiden Loorden verlassen hatten.
Wo waren die anderen der Unsterblichen? Bisher hatte er nur immer einen gesehen, auf der Projektionsfläche in der Halle. Wo waren die anderen?
Er erreichte die große Halle und blieb im Eingang stehen. Und dann fühlte er grenzenlose Trauer in sich aufsteigen, als er den alten Mann auf den Knien sah, mit gesenktem Kopf in der Mitte der Halle. Er trug nicht mehr die alten, zerschlissenen Kleider, sondern eine silbern schimmernde, nahtlos am Körper sitzende Kombination. Und der Körper, den sie bedeckte, war nicht der Körper eines Greises. Der Loorde, der Mann, der sie als scheinbar verkalkter Trottel auf ihrer phantastischen Reise begleitet hatte, kniete mit dem Rücken zu ihm vor dem Projektionsfeld, das nun nicht mehr hellgelb strahlte. Es gab auch kein Gesicht mehr darin.
Ohne sich seiner Bewegungen bewusst zu werden, ging Reed in die Knie und ließ sich hinter dem Alten auf den Boden sinken.
In diesen Minuten spannte sich eine unsichtbare Brücke zwischen Loorde und Mensch.
*
Der Alte stand auf und drehte sich um. Reed hob den Kopf. Auf eine Geste des Loorden hin stand auch er auf.
„Er ist tot, nicht wahr?“
Der Mann in der silbernen Kombination nickte wortlos.
„Was geschah, als ihr Loord verlassen hattet?“
„Die Androiden berichteten davon, wenn auch in Mythenform. Jene, die immun waren gegen die Seuche, erhielten die Unsterblichkeit. Sie wussten, dass der Wahnsinn ihre Gehirne packen würde, wenn sie, höchstens ein Dutzend, auf unsere Rückkehr warteten. Also legten sie sich in Tiefschlafkammern. Sie schufen Androiden, die die grundlegenden technischen Funktionen auf Loord aufrechterhielten und sie mit Energie versorgten. Es waren perfekte Androiden, zu perfekte. Sie entwickelten im Laufe der Jahrmillionen ein eigenes Rassenbewusstsein und hielten sich am Ende selbst für Loorden, für die Nachkommen jener, die sie geschaffen hatten, obwohl sie wissen mussten, dass dies nicht möglich war. Die Unsterblichen, zu deren Versorgung sie gedacht waren, wurden zu ihren Göttern. Und dann, lange Zeit später, wollten sie ihr eigenes Leben führen, jedenfalls ein Teil von ihnen. Als die ersten leeren Saatschiffe über Loord auftauchten, rebellierten sie. Den Rest kennst du.“
„Wieso dauerte es bei den Loorden Monate, bis die Krankheit durchbrach, bei uns aber nur Tage?“
„Ihr seid empfindlicher, als wir es waren. Die Natur bringt niemals genaue Kopien hervor, Reed.“
Der Navy-Pilot schluckte. Hier hatte er die Bestätigung, nach der er gesucht hatte.
„Der Planet, auf dem du die Rückkehr der Schiffe abgewartet hattest – war die Erde …“
„Ja, Reed.“
„Und die Primaten … unsere Vorfahren!“
„Das Programm sorgte dafür, dass ihre Gene entsprechend unseren Vorstellungen verändert wurden. Aber der Eingriff war nur unbedeutend. Deine Rasse hätte sich auch ohne uns entwickelt.“
„Wir sind also eure Geschöpfe“, stellte Reed mit plötzlicher Bitterkeit fest. Der alte Loorde schüttelte den Kopf.
„Auf Tausenden von Planeten entstanden unsere, wie du sagst, Geschöpfe, wir legten den Grundstein. Ihr aber wart auf dem Weg zur Intelligenz. Was wir dazu beitrugen, diente lediglich zur Beschleunigung dessen, was sowieso gekommen wäre.“
Reed war dankbar für die Worte. Er zeigte auf den leeren Schirm. „Die anderen … wo sind sie?“
„Er war der letzte Überlebende. Der Schock des plötzlichen Erwachens aus den Tiefschlafkammern hatte irgendetwas bewirkt, das die Lebensverlängerung wieder rückgängig machte. Niemand weiß, wie es geschah und was dahintersteckte. Und nun bin ich der letzte Loorde, Reed. Der letzte Überlebende eines einstmals großen Volkes.“
Reed spürte die Wehmut, die von seinem Gegenüber ausging. Er hätte gerne ein paar Worte des Trostes gesagt, aber er wusste, dass es diese Worte nicht gab. Der Loorde musste allein mit seinem Schicksal fertig werden. Niemand konnte ihm die. Last abnehmen, der letzte seiner Art zu sein.
„Es ist Zeit, Abschied zu nehmen, Reed“, sagte der Alte. „Ich habe vieles zu tun und über ebenso vieles nachzudenken, und eure Zeit ist knapp. Für euch steht ein Schiff bereit, das euch auf die Erde zurücktragen wird, es ist entsprechend programmiert. Es befindet sich genügend Serum an Bord – in kleinen Kapseln. Ihr werdet es brauchen, wenn ihr euer Ziel erreicht habt. Und eines Tages werdet ihr das Erbe unserer Rasse antreten. Die Loorden sind tot, aber sie leben in euch weiter, Reed!“



