10 Galaktische Abenteuer Box 4

- -
- 100%
- +
Reed schluckte. Er spürte, dass er den Tränen nahe war. Es fiel schwer, den alten Mann allein zu lassen, allein in dieser toten Station einer Welt, die für ihn einmal das Symbol der Unsterblichkeit seiner Rasse und der ewigen Erfüllung gewesen war.
Unsterblich war er, aber er war dazu verdammt, sein Leben allein zu verbringen.
Der Loorde schien seine Gedanken zu erraten, denn er reichte Reed die Hand und sah ihn lange an. Sein Blick schien aus einer anderen Welt zu kommen. Dann sagte er leise: „Wir werden uns wiedersehen, Reed! Wir sehen uns wieder auf Caalis, dem Caalis meines und deines Volkes.“
Und dann war er verschwunden. Die silbern schimmernde Gestalt hatte sich in Nichts aufgelöst.
Welche Macht steckte in diesen Wesen?, fragte sich Reed erschüttert. Und er dachte daran, dass die Menschheit der loordischen Programmierung folgen würde. Eines Tages würden sie ebenfalls Telepathie, Teleportation und vieles andere beherrschen.
Aber zuerst musste dafür gesorgt werden, dass sie nicht das Schicksal der Loorden teilten. Die Andeutung des Alten war klar genug gewesen: Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich das Virus auf der Erde ausgebreitet hatte, als die rückkehrenden Walzen sie gestreift hatten, war groß, sehr groß.
Christopher Reed drehte sich abrupt um und ging zurück in die Kugel, wo seine drei Begleiter auf ihn warteten.
10.
Auf den Schirmen schimmerte ein von Wolken überzogener blauer Planet. Deutlich konnte man die Landmassen der Kontinente und der großen Inseln ausmachen.
„Sie ist wunderschön“, sagte Christine.
Christopher Reed saß nur schweigend neben ihr und betrachtete den Monitor „seiner“ Kabine. Sie befanden sich wieder an Bord eines gewaltigen Diskusschiffs, noch größer als das, mit dem sie Caalis erreicht hatten. Und diesmal hatten sie sich während des Fluges wie zu Hause gefühlt. Sie wussten und spürten, dass sie niemals mehr wie die anderen Menschen dort unten sein würden. Das, was sie erlebt hatten, hatte sie geprägt. Sie waren keine Genies, sondern einfache Menschen, aber sie standen den Wundern des Kosmos ein winziges Stück näher als alle anderen Menschen.
„Ja, sie ist herrlich“, stimmte der Ex-Major zu. Dann legte er den Arm um Christine und zog sie fest an sich. Sie war gesund, gesund wie Skip und wie Vanderbuilt. Und wie Reed. Innerhalb weniger Tage waren alle Deformationen verschwunden, und auch der Geist war wieder in Ordnung. Das Serum hatte gewirkt.
„Chris?“, setzte Reed zögernd zu einer Eröffnung an.
„Ja?“
„Es gibt da eine Sache, die ich dir immer schon sagen wollte, aber es … na, du weißt, die Lage, in der wir …“
„Du wolltest mir sagen, dass du mich liebst. Und dass wir jetzt ein halbes Leben lang Urlaub auf einer verlassenen Insel in der Südsee machen. Und dass wir alles nachholen werden, was wir in den letzten Wochen entbehren mussten. Das war's doch, oder?“
Reed war noch niemals in seinem Leben verlegen gewesen, wenn es um Frauen ging und darum, wie man bei ihnen am besten punktete. Aber jetzt sah er Christine an wie einen Geist. Schließlich stammelte er: „Äh … ja. Das ungefähr wollte ich sagen!“
Sie blickte ihn abwartend an. Langsam besann er sich seiner Rolle als Mann und fand zur gewohnten Selbstsicherheit zurück. Für Christopher Reed, Major der US-Navy, war es immer ein Abenteuer gewesen, eine „Neue“ kennenzulernen, aber diesmal war alles ganz anders.
Was noch nie passiert war: Reed liebte diese Frau!
Aber er wurde sich darüber klar, dass er sich lächerlich benahm. Er zog Christine mit der Linken noch näher an sich, griff mit der freien Rechten in ihr langes Haar und sagte: „Genau das war es. Und je früher wir es nachholen, desto besser. Auf der Erde wartet eine Menge Arbeit auf uns, wenn wir erst einmal unten sind. Also …“
Er küsste sie, als sich die Kabinentür öffnete und Vanderbuilt erschien. Der zeigte sich peinlich berührt, als er sah, in was er gerade hineingeplatzt war, und er wollte sich unter dem Gemurmel verschiedener Entschuldigungen zurückziehen.
„Komm schon 'rein!“, rief Reed und schüttelte mit verdrehten Augen den Kopf.
„Es ist nur …“, begann Vanderbuilt, „… also, es sieht so aus, als ob wir landen würden …“
Reed sah auf den Monitor. Der Erdball war bedeutend größer geworden.
„Wir sollten die Zeit, die uns bleibt, genießen“, meinte Reed, der sich, ebenso wie die anderen, in der Euphorie einer nie erhofften Rückkehr befand. „Das Schiff landet automatisch, wir brauchen uns um nichts zu kümmern. Es geht erst los, wenn wir unten sind.“
„Vielleicht sind schon alle tot“, murmelte Vanderbuilt. Reed sah dem Freund an, dass er Angst vor der Landung hatte und Gesellschaft suchte. Christine stand auf und meinte, sie müsse nach Skip sehen. Sie ließ die beiden Männer allein. „Entschuldige, Chris, wenn ich …“
„Du warst immer ein Kamel und wirst es immer bleiben!“, sagte Reed ein wenig verärgert. „Sie sind nicht tot, Harry“, beruhigte er dann den anderen. „Aber es ist höchste Zeit für uns, der Erde das Serum zu bringen.“
„Woher willst du überhaupt wissen, wie es dort unten jetzt aussieht, von hier oben, eh?“, erkundigte sich Vanderbuilt.
„Ich weiß es, Harry. Außerdem fangen wir ihren Funkverkehr auf. Ich weiß es eben. Frage nicht, wieso, es ist einfach da. Es gibt so vieles, für das wir keine Erklärung haben, weil es allen herkömmlichen Weltbildern, die Menschen sich gemacht haben, widerspricht. Wie ist es möglich, dass seit unserer Entführung auf der Erde erst zwei Wochen vergingen? Einstein! Aber der Alte sagte es voraus, und die aufgefangenen Sendungen bestätigen es. Wir stehen an einem Neubeginn, Harry. Die UFOs – sie waren nichts anderes als Beiboote der Walzen, die zur Kontrolle der genetischen Manipulationen auf der Erde zurückgelassen wurden. Als die Schiffe zurückkehrten, wurden sie aktiv. Schon vor fünfzig Jahren, bei der ersten großen UFO-Welle, muss ein Teil der heimkehrenden Saatflotte an der Erde vorbeigezogen sein. Es sind Dinger aus totem Metall, aber die Boten einer neuen Zeit, einer neuen Welt jenseits unseres festgefahrenen Materialismus. Der Mensch hat seine Grenzen auf seinem Planeten erreicht, und er steht auf dem Sprung in den Kosmos. Wir bringen die Steine, um die Brücke zu bauen, Harry!“
Vanderbuilt sah ihn lange an und runzelte die Stirn.
„Eine tolle Rede, Chris. Und das Komische ist, dass ich anfange, dich zu begreifen. Trotzdem sollten wir leise treten.“ Er machte ein gespielt unglückliches Gesicht, zog den zerknitterten kleinen Zettel aus der Brusttasche und betrachtete ihn wehmütig. Es würde lange dauern, bis sie die chaotischen Verhältnisse auf der Erde im Griff hatten, und selbst dann würden sie keine Ruhe finden.
Das Schiff würde vor unzähligen Augen landen, und diesmal konnte niemand die unverrückbaren Tatsachen leugnen.
Eines Tages würden Pioniere an Bord steigen, um den Weg der Loorden zu gehen. Und vielleicht würden sie irgendwann auf Caalis landen, um das fortzusetzen, was die Loorden vor langer Zeit begonnen hatten.
Aber keiner der Heimkehrer ahnte, dass sie bereits mitten drin steckten in einer Entwicklung, die schon jetzt ihr weiteres Schicksal bestimmte. Was hinter ihnen lag, war nur der Auftakt eines Abenteuers, dessen Ausmaß jede menschliche Phantasie überstieg. Schneller als sie glaubten, würden sie wieder auf Caalis stehen. Ihr Weg war vorgezeichnet, denn sie hatten auf Caalis an etwas gerüttelt, das eine halbe Ewigkeit geschlummert hatte.
Am Ende dieses Weges würden sie keine Menschen in ihrem Sinne mehr sein.
Vorerst aber lagen ihre Probleme dort unten auf der verseuchten Erde.
E N D E
Ebenfalls erhältlich in unserem
umfangreichen BOXEN-Programm:

MOLOCH DES GRAUENS
Box 4 – Story 2
Der Strahl der Taschenlampe stach durch die Nacht und blieb an der Verriegelung eines Stahlcontainers kleben. Es handelte sich um ein Spezialschloss, das nur für diese besonderen Container angebracht worden war.
Walther Jaspers grinste breit, als er in seiner Regenjacke nach dem Code-Stick tastete, den er dem wachhabenden Offizier praktisch unter der Nase weggestohlen hatte. Fest umklammerten seine Finger das kühle Metall. Dann blickte sich Jaspers mehrmals um, um auch wirklich sicherzugehen, unbeobachtet zu sein. Aber da konnte er relativ beruhigt sein; um kurz vor Mitternacht trieb sich kaum mehr jemand auf dem Oberdeck herum.
Die Taschenlampe zwischen den Zähnen machte er sich an dem Schloss zu schaffen. Der Code-Stick blinkte mehrmals rot auf, als Jaspers ihn in den Slot des Containerschlosses einführte. Rasch tippte er den Entsperr-Code ein, den er von einem befreundeten Systemadministrator bekommen hatte, und nahm die Lampe wieder in die Hand.
»Gleich werden wir sehen«, flüsterte er sich selbst mit triumphierendem Grinsen zu, »was Captain Blunt zu verbergen hat …«
Die Farbe der Leuchtdiode am Code-Stick wechselte von Rot nach Grün. Walther Jaspers packte mit der Linken den Steggriff der Tür und zog sie vorsichtig auf. Vernehmlich knirschend öffnete sie sich, sodass Jaspers zusammenzuckte und einen Blick über die Schulter warf, ob das Geräusch unwillkommene Zuschauer angelockt hatte. Im Anschluss steckte er den Kopf in den düsteren Spalt, der sich vor ihm auftat, zwängte die Hand mit der Taschenlampe hindurch und leuchtete ins Innere des Containers.
»Was ist denn das?« Seine Brauen zogen sich zusammen. Ein leicht angewiderter Ausdruck stahl sich auf seine Züge.
Mit der Schulter drückte er die Stahltür weiter auf und vergrößerte den Spalt, in dem er stand. Der Lichtkegel der Taschenlampe wanderte langsam über eine undefinierbare, weißgraue Masse. Jaspers erschrak heftig, als er in dem hellen Schein eine ruckartige Bewegung ausmachte. Nur für den Bruchteil eines Lidschlags. Und doch so deutlich wahrnehmbar, dass Walther Jaspers fror, als stünde er in durchnässter Kleidung im schneidenden Polarwind.
Noch bevor er seine Beobachtung verarbeiten konnte oder in der Lage gewesen wäre, in irgendeiner Art auf sie zu reagieren, hörte er ein dröhnendes Grollen und fühlte entsetzt, dass etwas nach ihm griff! Dieses Etwas schnappte mit brutaler Gewalt nach ihm, riss ihn in die Dunkelheit des Containers, noch bevor Jaspers einen Angstschrei hätte loslassen können.
Sein gellender Schrei erstickte noch in der Kehle! Schon schwappte Blut aus dem düsteren Spalt, klatschte auf den Boden und sprenkelte ihn mit roten Tupfen. Würgen, Grunzen und Laute, die sich nach dem Schmatzen klebrigen Matsches anhörten, drangen aus dem Container nach draußen.
Die Taschenlampe, die Walther Jaspers durch den Angriff aus der Hand gefallen war, rollte im Halbkreis über den Boden des Oberdecks und blieb wie von Geisterhand gesteuert vor dem Spalt der halb geöffneten Containertür liegen. Was sich in ihrem Schein offenbarte, hätte einen zufälligen Beobachter an den Rand des Wahnsinns getrieben und vor seelischer Agonie haltlos brüllen lassen.
Doch schon eine Sekunde darauf verlöschte der Lichtstrahl, als ein Schwall aus Fleisch und Gedärm die Taschenlampe unter sich begrub!
*
Gemächlich schleppte sich das Containerschiff MS ›Commonwealth‹ durch die sternenlose Nacht über dem Golf von Mexiko. Die See war ruhig; ein schwarzer, glänzender Spiegel im Kegel der Schiffsscheinwerfer.
»Bei konstanter Fahrt erreichen wir morgen gegen Abend METROCITY III.«
Hellmar Kronen, 1. Maat der ›Commonwealth‹, sah Captain Jorge Blunt an, der regungslos von der Brücke aus in die Nacht starrte.
»Worauf Sie sich verlassen können, Kronen!« Nicht der Captain hatte gesprochen, sondern Maschinenführer Till Tempest, der in genau diesem Augenblick die Brücke betrat und zumindest die letzten Worte des 1. Maats noch mitbekommen hatte.
»Was machen Sie hier?«, fuhr Kronen herum. »Haben Sie nicht noch etwas Wichtiges im Maschinenraum zu verschrauben?«
»Da würde ich gerne mal bei den lockeren Dingern in Ihrem Schädel anfangen!«, knurrte Tempest zurück. »Keine Bange, Kronen: Meine Männer bugsieren den Kahn schon ans Ziel.«
»Mit dem Flickwerk, das Sie bei den Motoren hinterlassen haben und dreist als professionelle Reparatur bezeichnen, werden wir den nächsten Hafen wohl nur im Schlepptau erreichen.«
»Die ›Commonwealth‹ ist keine gelenkige Jungfrau mehr, sondern ein altes, narbiges Mädchen«, verteidigte sich Till Tempest und merkte, wie ihm die Zornesröte ins Gesicht stieg. »Seien Sie froh, dass sie sich überhaupt bewegt! Das ist unter diesen Umständen nämlich schon fast ein Wunder …!«
»Seemänner und ihre Weibergeschichten«, versetzte Hellmar Kronen herablassend. »Klar, dass unter so viel Romantik die eigentliche Arbeit leidet.«
Tempest riss drohend den Zeigefinger hoch.
»Das sagen Sie doch bloß, weil Sie doch nur den Seemann spielen und an sich ein Stubenhocker sind!«
»Und Sie«, erregte sich nun auch der 1. Maat, »haben Ihren Schraubenschlüssel doch lediglich als Phallusersatz!«
»Elende Landratte!«, keuchte Till Tempest wütend.
»Schmieriger Hobbymechaniker!«, blaffte Kronen zurück.
Mühsam hielten die beiden Männer sich zurück, nicht sofort übereinander herzufallen. Als es dann doch so aussah, als könnten sie der Versuchung nicht widerstehen, schaltete sich Captain Jorge Blunt ein, der bisher nur stumm gelauscht hatte.
»Bitte! Meine Herren!«, sagte er scharf. In seinen Augen funkelte wilde Entschlossenheit, wenn er auch äußerlich gefasst wirkte. »Wenn Sie freundlicherweise Ihren Disput zu den Akten legen könnten, damit Ihre volle Aufmerksamkeit der gegenwärtigen Situation gilt.«
»Welche Situation?« Hellmar Kronen warf dem Maschinenführer rasch noch einen geringschätzigen Blick zu, bevor er durch die Panoramaverglasung der Brücke auf die See schaute, die von den Scheinwerfern aus der Finsternis gerissen wurde. »Ist doch alles ruhig, Captain.«
Beinahe mitleidig schaute Jorge Blunt seinen 1. Maat an.
»Mister Kronen«, sagte er in belehrendem Tonfall, »angesichts einer Fracht wie der unseren, ist es niemals ruhig.«
Hellmar Kronen wurde blass. Magisch wurden seine Augen von den Containern angezogen, die sich tief unten auf Deck in langen Reihen aneinanderdrängten. Er konnte nicht viel erkennen, wusste aber nur zu genau, wovon der Captain sprach.
»Was transportieren wir da eigentlich?« Der 1. Maat hatte die Frage schon so oft gestellt und keine befriedigende Antwort darauf erhalten, dass die erneute Wiederholung eine absurde Groteske darstellte. Dieses Mal jedoch schien sich Jorge Blunt überraschenderweise zu einer Erklärung hinreißen zu lassen.
»Überlegen Sie doch mal, Kronen. Abgesehen von unserer normalen Fracht, stammen viele der Container aus dieser Erdölraffinerie in Midland.«
»Das weiß ich.«
»Dann wissen Sie sicherlich auch, dass diese Raffinerie schon seit Jahrzehnten stillgelegt ist.«
»Sicher …«
Captain Jorge Blunt schmunzelte.
»Also überlegen Sie mal fleißig, welches Produkt einer außer Betrieb befindlichen Erdölraffinerie wir wohl an Bord haben könnten, Kronen.«
»Was soll das heißen?«, wurden Hellmar Kronens Augen groß und rund. »Das kann jedes nur erdenkliche Produkt sein. Wie soll ich jemals das richtige herausfinden?«
»Sehen Sie«, erwiderte der Captain, »genau das habe ich mir auch gedacht. Und seitdem mache ich mir keine Gedanken mehr über unsere Fracht, sondern nur über die Bezahlung. In dem sozialistischen Sumpf unserer verlogenen Gesellschaft ist Bares das einzige Mittel, das jeder kennt und versteht …«
»Demnach wissen auch Sie nicht, was sich in den Containern befindet?«, hakte Kronen nach.
»Deshalb sind Sie der 1. Maat«, lächelte Blunt, »weil Sie mit dieser überlegenen Kombinationsgabe gesegnet sind.«
Till Tempest unterdrückte einen spontanen Lachanfall, was in einem prustenden Grunzen endete.
»Amüsieren Sie sich über irgendetwas?«, fuhr Hellmar Kronen den Maschinenführer barsch an.
»Hab mich verschluckt«, entgegnete Tempest und hatte Mühe, seine entgleisten Gesichtszüge einzurenken.
»Schluss jetzt mit den Streitereien!«, brauste Jorge Blunt auf. »Im Moment haben wir andere Sorgen, als uns mit Kleinkinderquerelen zu beschäftigen!«
Hellmar Kronen setzte eine interessierte, aber ratlose Miene auf.
»Wovon reden Sie, Sir? Was bereitet Ihnen Sorgen …?«
Der Captain ließ einige Sekunden verstreichen, in denen er in die Nacht vor dem Bug des Containerschiffes hinaussah auf die fast unbewegte See.
»Es ist diese Ruhe«, war seine Stimme ein raues Flüstern. »Diese gottverdammte Ruhe …«
»Die Ruhe vor dem Sturm«, fügte Till Tempest hinzu und bekam plötzlich einen verklärten Blick, der seine Augen wie Glasmurmeln erscheinen ließ.
Die äußere Stille breitete sich nun auch auf der Brücke aus, bis sie vom Schrillen eines Funkempfängers brutal unterbrochen wurde.
»Sicherheit an Captain!«, schnarrte es aus den Lautsprechern. »Wir haben bei den Containern die Leiche eines Menschen gefunden!«
Sofort war Blunt am Mikrofon.
»Was ist geschehen? Um wen handelt es sich!«
»Das … lässt sich nicht genau sagen! Der oder die Tote ist grässlich verstümmelt. Es ist furchtbar, Sir! So etwas haben wir noch nicht gesehen …!« Deutlich war aus der Leitung vernehmbar, dass sich jemand erbrach.
»Ich komme runter«, sprach der Captain tonlos ins Mikrofon. Und an Kronen und Tempest gerichtet fuhr er fort: »Es geht los, meine Herren …«
Keine zwei Lidschläge darauf wurde der Rumpf der MS ›Commonwealth‹ von einem verheerenden Schlag erschüttert!
*
Blunt, Kronen und Tempest wurden von den Füßen gerissen, stießen hart gegen Konsolen und gingen aufstöhnend zu Boden.
»Himmel!«, schrie der 1. Maat. »Wir sind auf Grund gelaufen!«
»Verfluchter Unsinn!«, presste Captain Blunt hervor, über dessen Lippen ein breites Blutrinnsal lief. »Das ist ein Angriff …!«
Zwischen Hellmar Kronen und Maschinenführer Till Tempest herrschte einvernehmliche Übereinstimmung, als sie sich ansahen und beide wussten, dass der Captain verrückt geworden war.
Erneut schwang der Rumpf des Containerschiffes wie ein gigantischer Resonanzkörper, als ein weiterer Schlag erfolgte und durch die Brückenverglasung der sich aufbäumende und seitwärts wegkippende Bug der MS ›Commonwealth‹ sichtbar wurde.
Jorge Blunt musste seine gesamte Körperkraft aufbringen, sich an der Steuerkonsole hochzuziehen, ohne quer durch den Brückenraum geschleudert zu werden. Kronen und Tempest schenkte er keine Sekunde seiner Aufmerksamkeit mehr, als sich seine Pupillen an einem Objekt festsaugten, das sich an der Außenwandung des Schiffes hochzog, sich darum schlang und immer größer zu werden schien.
Der Atem stockte dem Captain, als er die wahren Ausmaße einer Kreatur zu erahnen begann, die mit ihrem titanischen Leib und einer Unzahl an Pseudopodien den 150.000-GRT**Gross Registered Tons = Bruttoregistertonnen bzw. Bruttoraumzahl-Frachter nicht nur zum Stillstand brachte, sondern ihn jederzeit versenken konnte. Diese Bestie der See hielt den Schiffsrumpf unerbittlich umklammert. Der Stahl ächzte bereits markerschütternd unter dem Zugriff der mächtigen Tentakel.
Noch schien das Monstrum unschlüssig, was es mit seiner Beute zu tun gedachte. Doch Captain Jorge Blunt wusste, dass seine Zeit und die seiner Crew lediglich noch nach Minuten zählte. Oder weniger.
Er stürzte zum Funkgerät, stellte eine Frequenz ein und wartete mit angespannten Nerven, dass an der Gegenstation abgenommen wurde.
»Sie wissen doch, dass Sie diese Leitung nicht ohne Ortungsschutz benutzen dürfen«, meldete sich eine vorwurfsvolle, aber dennoch freundlich intonierte Stimme.
»Keine Zeit für Verschlüsselungen!«, spie der Captain regelrecht ins Mikrofon. »Ihre Ladung ist extrem gefährdet! Ich rechne mit dem völligen Verlust! Da ist etwas schiefgegangen! Wir werden alle draufgehen …!«
In der Leitung knackte es. Danach folgte ein Rauschen.
»Dieser verfluchte Bastard!«, presste Jorge Blut zwischen den Zähnen hervor.
»Von wem reden Sie, großer Gott?«, standen Hellmar Kronen die Haare zu Berge.
Die Brücke vibrierte. Jeder hatte Mühe, festen Halt zu bewahren.
»Vom Satan persönlich«, erwiderte der Captain nach einigen Momenten.
Vom Wasser her ertönte ein grausiges Heulen. Die Meereskreatur drückte den Bug der ›Commonwealth‹ mühelos unter Wasser, sodass sich das Heck des Schiffes fast senkrecht aufrichtete. Tosend ergossen sich die Containerreihen in die aufschäumenden Fluten. Durch die Fenstergalerie der Brücke sahen die drei Offiziere den Meeresspiegel rasend schnell näher kommen. Eine Möglichkeit zur Flucht gab es nicht mehr.
Commonwealth, sinnierte Captain Blunt in den letzten Sekunden seines Lebens, wie widersinnig der Name doch klingt, wenn man weiß, wer hinter der Unternehmung steckt …
Die Fluten sprengten die Verglasung der Brücke und verschluckten die drei Männer.
Blasen werfend versank das Containerschiff in der kochenden See …
*
Von den Wänden der kleinen Suite im Hotel ›Les Cinq Étoiles‹ hallte ekstatisches Stöhnen wider.
»Oh ja! Schieb ihn mir tief rein!«
Nicoleta Belà reckte ihr Gesäß weit heraus, während Jericho sie von hinten nahm und heftig in sie eindrang.
»Ich spür’s kommen!«, stieß Nici keuchend hervor und erwiderte die wilden Stöße ihres Liebhabers. »Ja! Ja! – Jetzt!!!«
Von Zuckungen durchgeschüttelt bäumte Nici sich auf, krallte ihre Finger in das Laken und drückte ihr Gesicht hinein. Die Wogen des Orgasmus schossen wie elektrische Entladungen durch ihren Körper. Gleichzeitig zog Jericho seinen Freudenspender aus ihrer Vagina und ergoss sich auf den prallen Hintern seiner Freundin.
»Wow!«, sagte er ein wenig kurzatmig. »Das war mal wieder ein Fick ganz nach meinem Geschmack.«
Noch ein paar Sekunden gab sich Nici den Wellen der Lust hin, die sie immer noch durchströmten, wälzte sich schließlich zur Seite und sah Jericho streng an.
»Hast du denn sonst was auszusetzen an der Bett-Action?« Sie lag nackt vor ihm und wippte mit einem Bein.
»Nö, war doch ganz okay.« Jericho wollte einen treuherzigen Blick aufsetzen, was völlig misslang und ihm ein eher dümmliches Aussehen verlieh.
»Ganz okay«, betonte Nicoleta die beiden Worte, »heißt nichts anderes als ordinäre Hausmannskost.«
»Aber daran ist doch nichts auszusetzen«, bekräftigte Jericho, rutschte vom Bett und griff nach seiner Kleidung. »Außerdem sagte ich doch, dass der Sex richtig gut war.«
»Mit der kleinen Einschränkung, dass du dir wohl etwas anderes vorgestellt hast, was ihn herausragend gemacht hätte.« Sie funkelte den Söldner provozierend an.
»Nein, wirklich«, wehrte er ab. »Du hast mich irre geil gemacht, wir sind beide gleichzeitig gekommen, und das Feeling war einfach super …«
»Red dich nur raus«, ließ Nici nicht locker. »Aber hab wenigstens den Anstand, mir von deinen wahren Wünschen zu erzählen. Ich hätte da nämlich auch ein paar Kleinigkeiten, die verbesserungswürdig wären.«
»So?« Jericho schaute verdutzt drein. »Was denn für Verbesserungen …?«
»Erst du!«, sagte sie forsch und nickte ihm mit dem Kinn zu.
»Also schön.« Er ließ die Kleidung wieder fallen, beugte sich zu Nicoleta hin und flüsterte ihr ins Ohr. Dann stellte er sich neben das Bett und sah sie erwartungsvoll an.
»Du kleiner, perverser Schmutzfink«, raunte Nici ihm mit breitem Grinsen zu. »So läuft der Hase also …«
»Du wolltest es ja unbedingt wissen …«
»Dann hör dir mal meine Vorschläge an«, winkte Nici ihn heran.
Als Jerichos Ohr sich an ihrem Mund befand, flüsterte sie ihm ebenfalls etwas zu. Allerdings nahm er es nicht mit der Gelassenheit auf, die seine Freundin an den Tag gelegt hatte.



