10 Galaktische Abenteuer Box 4

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»Du machst Witze, ja?«, sagte er perplex und verlieh seiner Miene den Ausdruck von Fassungslosigkeit.
»Nicht im Mindesten«, erwiderte Nici. »Schließlich geht es hier nicht allein um dein Vergnügen.«
Es klopfte an die Zimmertür. Jericho zog sich flink Shorts über und schlüpfte in die untere Hälfte seiner Nano-Panzerung.
»Wir reden zu Hause weiter«, sagte er hart, ging zur Tür und öffnete sie.
Seine Verblüffung steigerte sich noch, als er einem kindlich wirkenden Hotelboy mit streng gescheiteltem Haar und zierlichem, gestutztem Oberlippenbart gegenüberstand.
»Goten Morgen, werter Herr!«, sagte der kleine, quirlige Kerl im Pagendress des Hotels. »Öch bringe Ihnen Fröhstöck mit den besten Empfehlungen des Hauses!«
»Nun sieh mal einer an«, besserte sich Jerichos Laune schlagartig. »Ein abgebrochener Riese mit Servierwagen. Wie finde ich denn das?«
»Lassen Sie sich von meiner oißeren Erscheinung nicht toischen«, entgegnete der Hoteljunge. »Öch bin reinen Geblöts und kann eine beeindruckende Ahnenreihe vorweisen.«
»Da bin ich sicher«, lachte ihn Jericho breit an. »Zähl mal auf, du Lusche, wer sich in deinem Stammbaum so tummelt.«
»Öch verzeihe Ihnen die verbale Entgleisung, werter Herr!«, sagte der Page jovial. »Mein Name ist Alfons Hilter.« Er sah Jericho auf eine Weise an, als erwarte er eine verstehende Reaktion. Jericho jedoch blieb bei seinem frechen Grinsen, was den jugendlichen Hilter veranlasste, eine nähere Erklärung abzugeben.
»Öch stamme ab von einer der bedoitendsten Größen der Weltpolitik. In direkter Linie sozusagen. Daher sehe öch meine Aufgabe in diesem Etablissement lediglich als Sprungbrett zu großen Taten, die noch vor mir liegen.«
»Fang doch erst mal mit kleinen Taten an, Hoschi«, warf Jericho ein, »und fahr das Frühstück ins Zimmer.«
»He!«, rief Nici vom Bett aus. »Lass den Wichtel draußen! Ich liege hier splitterfasernackt!«
»Nun denn«, meinte Jericho und starrte Alfons Hilter glasig an, »dann schiebe ich das Teil selbst rein.«
»Selbstverständlich«, gab Hilter zur Antwort. »Öch froie mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben!« Der Hotelboy drehte sich zackig auf dem Absatz herum und wanderte steif wie ein Spazierstock den Gang hinunter.
»Komischer Kauz«, wandte sich Jericho an Nici und zog den Servierwagen in die Suite.
»Hält sich wohl für einen Hitler-Spross«, kommentierte die Rumänin den Auftritt des Hotelboys. »Allein die Aussprache spricht Bände, ganz zu schweigen von dem fettigen Scheitel und der Rotzbremse.«
»Hitler«, antworte Jericho zögerlich, »das ist doch der Bastard, der die Juden aufgemischt hat …«
Nicoleta schmunzelte.
»Deine profunden Geschichtskenntnisse zeichnen dich als Mann von Welt aus.«
»Aber weshalb sollte jemand mit solchen Ahnen prahlen wollen? Der Hitler-Hoschi war doch ein kümmerlicher Zwerg.«
»Aber er hat einiges bewirkt«, stellte Nici richtig und schwang sich aus dem Bett. »Und wie bei Dschingis Khan oder Napoleon erzeugt die verstrichene Zeit ein verschwommenes Bild der Ereignisse. Das verklärt den Blick für die Tatsachen.«
»Bist ja ’ne richtige Bildungsleuchte«, grinste Jericho. Er war mit den Gedanken bereits beim Frühstück, dessen verführerischer Duft ihm in die Nase stieg. »Rühreier, Speck und Rostbratwürstchen. Da fängt der Tag doch absolut edel an.«
»Der Tag hat schon edel angefangen, als du mich eben durchgebumst hast«, widersprach Nici und zeigte erneut das angriffslustige Funkeln ihrer Augen. »Oder hast du das bereits vergessen, Großer?«
»Hab mich versprochen«, lenkte Jericho ein und machte sich bereits über das Essen her. »An den Service könnte ich mich gewöhnen. Besonders wenn man bedenkt, dass dieser aufgeblasene Beck die Zeche zahlt.«
»Bei der Gelegenheit erkundigst du dich am besten Mal nach dem Fortschritt der Reparaturen am Aero-Car.« Nici tapste barfuß an den Servierwagen heran und schnappte nach einem Würstchen. »Ich möchte sobald wie möglich zurück in die Heimat.«
»Uns geht’s doch gut in METROCITY II«, versetzte Jericho mit vollem Mund. »Lass uns das noch ein paar Tage genießen.«
»Mir steckt das Luftduell mit der ARKTUR CARION noch in den Knochen.**siehe BLACK JERICHO #5: »Armee der Vergessenen« Und im Loft kann ich am besten ausspannen.«
In dem Moment schlug das Zimmer-Visiophone an.
»Wer zum Henker will denn nun wieder was von uns?« Unwirsch linste Jericho zum Visiophone hinüber, das gleich neben dem Bett auf dem Nachttisch stand.
»Geh ran und du erfährst es«, sagte Nici fröhlich und nahm sich einen Teller mit Rührei.
Jericho kaute zu Ende und nahm das Gespräch entgegen. Auf dem Schirm erschien das unverbindlich dreinblickende Gesicht eines Rezeptionsangestellten.
»Ein Anruf aus Übersee für Sie, Sir«, sagte eine Stimme.
»Her damit!«, erwiderte Jericho brüsk.
Das Bild auf dem kleinen Monitor wechselte, und Jericho stieß einen Seufzer aus, als er das Gesicht erkannte, in dem der prägendste Bestandteil die obligatorische Sonnenbrille war.
»Beck!«, zischte Jericho. »Welchem Umstand verdanken wir Ihre persönliche Kontaktaufnahme? Wenn’s um das Aero-Car geht: Das ist noch in der Werkstatt. Kann dauern. Aber wir wissen zu schätzen, dass Sie sich derart rührend um uns kümmern.«
»Unterlassen Sie Ihren süffisanten Ton, Mister Blane!«, gab GSA**Global Security Agency, hervorgegangen aus dem US-amerikanischen Nachrichtendienst NSA-Agent Anthony Beck einen scharfen Kommentar ab. »Die Regierung braucht Ihre einzigartigen Talente, nicht Ihre drittklassige Rhetorik!«
»Ich bin zu allem bereit, wenn ich fertig gefrühstückt habe«, überging Jericho die Zurechtweisung. »Aber ohne mobilen Untersatz bin ich für Sie nicht von großem Nutzen.«
»Dann forcieren Sie die Fertigstellung Ihres Gleiters! Die notwendigen Mittel werden Ihnen zur Verfügung gestellt.«
»Das ist ein Wort!« Jericho knipste Nici ein Auge und hob den Daumen.
»Ich werde Ihnen Ihre Aufgabe in groben Zügen darlegen«, fuhr Agent Beck fort. »Meine Spezialisten konnten gestern den Notruf eines Containerschiffes abfangen, das im Golf von Mexiko kreuzte.«
»Hm, da kommt ja echte Urlaubsstimmung auf …«
»Ich bin noch nicht fertig, Blane!«, wurde Beck laut. »Wenn Sie mich freundlicherweise ausreden lassen würden …«
»Nur zu«, entgegnete Jericho heiter.
»Das Schiff, die MS ›Commonwealth‹ hatte eine außergewöhnliche Fracht geladen, über deren Herkunft und Inhalt wir bedauerlicherweise nichts wissen. Dennoch schätzen wir sie als Risiko ein und erwarten, dass Sie, Mister Blane, sich vor Ort kundig machen und herausfinden, worum es sich handelt und wer der Auftraggeber ist.«
»Mächtig viel Wirbel um ein paar Kisten«, hielt Jericho dagegen.
»Es handelt sich unserer Vermutung nach um eine größere Anzahl FEU**Forty-Foot Equivalent Unit = 40 Fuß oder 12,19 Meter-Container mit einem Füllvolumen von 67,6 Kubikmetern oder 26,5 Tonnen. Sie werden verstehen, dass uns diese Mengenangaben einiges Kopfzerbrechen bereiten.«
»Ich kann mich darum kümmern, wenn Sie sich im Gegenzug um das Aero-Car bemühen.«
»Ich regele das mit einer Blitzüberweisung. Sehen Sie zu, dass Sie umgehend wieder in der Luft sind!«
»Dafür trete ich den Werkstatt-Fuzzis gehörig in den Arsch, Meister!«
»Sie erhalten weitere Instruktionen beim Abflug. Vielleicht finden Sie in dem Zusammenhang noch etwas heraus über den derzeitigen Verbleib der MS ›Commonwealth‹.«
»Das Schiff ist verschwunden?«
»Wir nehmen an, dass es gesunken ist. Die Ursachen hierfür sind uns nicht bekannt. Liefern Sie uns welche!«
»Wenn Sie mich dafür bezahlen, bekommen Sie von mir auch die Wahrheit über den Kennedy-Mord.«
Anthony Beck schwieg einige Sekunden.
»Nur das, wofür wir Sie engagieren«, sagte er schließlich reserviert und unterbrach die Verbindung.
»Ein neuer Job?«, erkundigte sich Nici mit vollen Backen, als Jericho sich vom Visiophone entfernte.
»Haste nicht mitgehört?«
»War beschäftigt.« Fleißig schlang Nici ihre Mahlzeit hinunter. »Poppen macht ungelogen tierisch hungrig.«
»Würg deinen Mampf runter und schmeiß dich in deine Kluft.« Jericho hob eine Braue und setzte ein verschwörerisches Hohnlächeln auf. »Wir statten unserer Werkstatt einen Besuch ab und nehmen die Monteure in die Mangel …«
*
»Neue Zeiten sind angebrochen. In jeder Beziehung.«
Verena Dambrosi drehte den Kopf vom NET-TV fort und blickte zur Wendeltreppe hinüber, auf deren oberstem Absatz Zach Darkovicz stand und ihr ein aufforderndes Lächeln zuwarf.
»Möchtest du mich wieder mit Ausführungen zu deiner neusten Erfindung unterhalten?«, fragte die 23-Jährige gelangweilt.
»Dein Scharfsinn«, erwiderte der alte Konstrukteur, Waffentechniker und ehemalige Weltraumpionier, »wird nur von deiner Schönheit übertroffen. Und dieses Mal habe ich wirklich eine revolutionäre Sache entwickelt.«
»Wie bereits Dutzende Male zuvor …«
»Hast du einen Moment Zeit, Bros?« Zachs Augen signalisierten eine hohe Erwartungshaltung.
»Wenn du versprichst, mich danach in Ruhe meine Sendung gucken zu lassen …«
»Ich kann später wiederkommen …«
»Nein, nein, Zach. Ist schon gut. Überrasche mich mit deinen geistigen Ergüssen.«
Darkovicz betrat den offenen Living-Room und setzte sich neben Verena auf die Couch.
»Es geht um Fische«, begann der Senior seine Ausführungen.
»Große? Kleine?«, erkundigte sich Verena. »Oder gar um einen lukrativen Fischzug?«
»Weder noch. Oder anders gesagt: Es geht ganz allgemein um den Fischfang.«
Verena Dambrosi unterdrückte ein Gähnen und schaffte es sogar, ein aufmunterndes Lächeln aufzusetzen.
»Das hört sich auf den ersten Blick nicht sonderlich aufregend an«, erzählte Red Zach weiter. »Und daher will ich dir eine Frage stellen: Was ist die größte Schwierigkeit, der sich ein ambitionierter Angler ausgesetzt sieht?«
Die Dambrosi dachte einen Augenblick nach und antwortete: »Dass er statt des Köders versehentlich seinen eigenen Finger auf den Haken spannt?«
Darkovicz schmunzelte.
»›Köder‹ ist schon das richtige Stichwort. Aber da ist noch mehr.«
»Die hässlichen, kniehohen Gummistiefel?«
»Die Zeit, Bros!«, erklärte Zach übergangslos. »Stunde um Stunde verbringt der Angler damit, auf seine Beute zu warten, muss den entscheidenden Moment exakt abpassen und geht dabei oftmals mit leeren Händen nach Hause.«
»Und du möchtest am Fischteich ein Kiosk-Geschäft einrichten, in dem der frustrierte Fischer sich seine Trophäe am Ende eines langen, erfolglosen Tages kaufen kann, damit er vor seinen Angehörigen nicht als perspektivloser Loser dasteht.«
Verwirrt blinzelte Darkovicz.
»War nur ein Scherz«, lachte Verena, erkannte jedoch im Gesicht des Mannes einen nachdenklichen Ausdruck.
»Die Idee hat was …«, murmelte er vor sich hin und starrte blicklos in die Ferne. Dann fand er zu seinem eigentlichen Gedanken zurück. »Wie dem auch sei, geht es mir vorrangig darum, dem Angler ein garantiertes Erfolgsversprechen anzubieten. Mit meiner Erfindung geht er keinesfalls ohne die Früchte seiner zeitraubenden Tätigkeit heim.«
»Willst du den armen Tierchen ein Schlaflied singen, damit sie sich mit dem Bauch nach oben anstandslos einsammeln lassen?«
»Du hast eigenwillige Ideen«, musste Darkovicz zugeben und schien leidlich pikiert, nicht ernst genommen zu werden. »Wobei die Bauch-nach-oben-Taktik dem Prinzip meiner Fangmethode durchaus zuträglich ist.«
»Also raus damit!«, drängte Verena. »Mir fällt nichts mehr ein.«
»Ich rede von Electro-Fishing«, ließ der alte Zach die Bombe platzen. »Ein Tornister mit einem leistungsfähigen Strom-Aggregat versorgt die Angel mit der nötigen Energie, um einen 1.000-Volt-Stromstoß durchs Wasser zu schicken und auf einen Schlag alle Fische schachmatt zu setzen. Der Petrijünger braucht die Kadaver dann nur noch aufzulesen und kann den Rest des Tages für einträglichere Aktivitäten nutzen.«
Verena Dambrosi stutzte.
»Hast du dabei nicht einen wesentlichen Faktor übersehen, Zach?«, fragte sie hintergründig. »Ich meine, dir ist schon klar, dass Strom und Wasser sich nicht sonderlich gut vertragen …«
»Um Himmels willen, Kindchen!«, fuhr Darkovicz hoch. »Natürlich ist bei der Anwendung dieser Methode äußerste Vorsicht geboten!«
»Jetzt wundern mich unsere Probleme mit den fabrikinternen Versorgungsleitungen nicht mehr annähernd.«
»Was willst du damit sagen?« Vorwurfsvoll nahm Red Zach die junge Dambrosi ins Visier.
»Nichts«, entgegnete sie. »Zumindest nichts, was unseren letztendlichen Erfolg bei der Installation infrage stellen könnte …«
»Das will ich meinen! Schließlich funktioniert nun alles einwandfrei.«
»Woran ich, gelinde gesagt, beträchtliche Zweifel gehegt habe.«
»Nun denn«, wechselte Darkovicz das leidige Thema, »was hältst du von meiner Idee?«
»Eine Idee ist immer so gut wie die Leute, die sich von ihr begeistern lassen.«
»Das wird der Verkaufsschlager!«, war sich Zach sicher. »Ich kann nicht verstehen, warum ihr euch ständig gegen innovative Konzepte sträubt.«
»Weil«, setzte Verena vorsichtig an, »du unser schmales Budget für zweifelhafte Entwicklungen verpulvern willst.«
»Daran ist absolut nichts zweifelhaft!«, begehrte Red Zach auf. »Ein Prototyp ist mit minimalem Aufwand hergestellt. Ich unterbreite meine Erfindung mehreren Konzernen – und wir schwimmen alle im Geld …!«
»Wie die toten Fische im Wasser, nicht wahr?«
Darkovicz seufzte schwer.
»Ich sehe schon, dass ich mit zukunftsträchtigen Kreationen bei dir an der falschen Adresse bin.«
»Kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken«, munterte Verena ihn auf. »Wenn du Jericho überzeugen kannst, soll dir meine Meinung doch eigentlich egal sein.«
»Jericho«, brummte der alte Zach. »Der ist ja noch sturer als du und kreativem Handeln ebenso aufgeschlossen wie die Schatzkammer der Weltzentralbank für neugierige Touristen.« Mehrere Momente vergingen, bevor er weitersprach: »Zur Not nehme ich die Herstellung auf meine Kappe. Ich bastele das Ding schon irgendwie zusammen.«
»Versuch dich doch lieber damit am Aero-Car«, warf Verena ein. »Nach der notdürftigen Reparatur in METROCITY II wird es noch einiges zu verbessern geben.«
Gerade wollte Darkovicz zu einer Erwiderung ansetzen, als der Außenalarm des Gebäudes losschrillte.
»Da will ein Unbefugter eindringen!«, federte Verena von der Couch hoch. Im Nu war sie bei der Anrichte und holte aus der obersten Schublade ihre beiden COMBAT MARK357 hervor. »Bleib hier, Zach! Ich kümmere mich darum!«
In jeder Hand eine großkalibrige Waffe stürmte Verena ins Erdgeschoss. Sie hielt sich nicht damit auf, das Rolltor hochzufahren, sondern verschwand durch die Hintertür ins Freie. Rasch umrundete sie das Fabrikgebäude und konnte gerade noch erkennen, wie eine Gestalt in den vorgelagerten Büschen untertauchte. Sofort suchte Verena Deckung hinter einem Betonblock, der einmal das Fundament für einen Stahlträger gebildet hatte. Vorsichtig lugte sie um den Block herum, sprang auf und flitzte auf die dichten Büsche zu, die Halbautomatiken in Vorhalteposition.
»Wer ist da?«, rief sie energisch. »Komm raus, dann passiert dir nichts!«
Eine Antwort wartete sie nicht ab, sondern rannte in das Gebüsch hinein, folgte einem schmalen Trampelpfad und suchte erneut Deckung hinter einem Strauch, als sie die offene Betonwüste erreichte, die sich vor ihr erstreckte. Von dem Eindringling jedoch war nicht mehr die geringste Spur auszumachen.
Der kann doch unmöglich in der kurzen Zeit das Weite gesucht haben, überlegte sie nüchtern.
Sie trat aus dem Dickicht heraus und senkte die Pistolen. Argwöhnisch ließ sie den Blick kreisen, ohne die Person zu entdecken, von der sie so gut wie nichts gesehen hatte und die sie auch bei einer direkten Gegenüberstellung niemals würde identifizieren können.
Unverrichteter Dinge begab sich Verena zurück zur Fabrik, suchte nach Spuren, wurde allerdings nicht fündig. Als sie durch die Hintertür Zachs Loft betrat, wurde sie von dem Konstrukteur bereits erwartet.
»Ich habe den Alarm abgestellt«, ließ er sie wissen. »Hast du etwas entdeckt?«
Verena Dambrosi zuckte mit den Schultern.
»Nichts Handfestes«, erklärte sie. »Irgendjemand ist draußen herumgeschlichen und hat sich flugs wieder verabschiedet als ich rauskam.«
»Wer sollte denn bei uns einbrechen wollen?«, wunderte sich Darkovicz. »Man sieht doch schon von außen, dass es hier nichts zu holen gibt …«
»Es sollte mich wundern, wenn es sich um einen gewöhnlichen Einbrecher gehandelt hat.« Verena spitzte die Lippen. »Dahinter steckt etwas völlig anderes. Mein Instinkt trügt mich nicht. Wir sollten auf jeden Fall alarmiert bleiben. Ich kann mir nicht helfen, aber ich fühle deutlich, dass das nicht der letzte unangemeldete Besuch war …«
Betroffen sah Darkovicz sie an, gewann jedoch rasch seine innere Ruhe zurück.
»Ich bastele noch ein bisschen in meiner Werkstatt«, teilte er mit.
»Tu das«, antwortete Verena knapp und nahm beide Pistolen am Lauf in die rechte Hand. »Ich gehe fernsehen.«
Wortlos stieg sie die Stufen zu ihrem Loft hoch.
*
Der Begriff ›Großstadt‹ konnte nur unzureichend die wahren Ausmaße einer METROCITY beschreiben. Tausende Meter hoch drängten sich die Wolkenkratzer dicht an dicht auf einer mehrere Quadratkilometer großen Grundfläche, die das Fundament bildete für eine pyramidale Konstruktion, die sämtliche Gebäude umgab. Die sogenannten Nano-Tubes säumten ringsum die mächtigen Hochhaustürme und waren durchzogen von tunnelartigen Verbindungssegmenten, die über Laufbandstraßen die einzelnen Sektoren der City erreichbar machten. Gleichzeitig bestand die Möglichkeit, in Magnetschienenzügen und Gleitern die gewünschten Distrikte anzusteuern.
»Total ungewohnt, nicht selbst am Steuer zu sitzen.« Jericho stand in der Fahrgastnische einer Einschienenbahn und stierte aus dem Fenster der vorbeirasenden Landschaft aus Stahl und Leichtmetallverbindungen nach.
»Die nächste Station müssen wir raus«, sagte Nicoleta, die es sichtlich genoss, mit ihren nackten Füßen auf beheiztem Boden zu stehen.
Der Zug bremste scharf ab, doch durch die Gravitationskontrolle an Bord bekamen die Passagiere davon nichts mit.
»Dackeln wir ab«, drängte sich Jericho durch die aufgleitenden Zugtüren und ging dabei nicht zimperlich vor, sich Platz zwischen den anderen Fahrgästen zu schaffen. Nici trat gleich hinter ihm auf den Bahnsteig hinaus.
»Da vorne ist ein Expresslift«, deutete sie voraus. »Die Adresse hast du im Kopf, Großer?«
»Die Adresse – ja«, erwiderte Jericho. »Aber vom Boden aus betrachtet sieht doch alles ein wenig anders aus, als wenn man es im Aero-Car anfliegt.«
»Höre ich da eine gewisse Unsicherheit heraus?«, frotzelte Nici.
»Du kannst von mir aus heraushören, was du willst. Tatsache ist, dass ich mich lieber in meinem eigenen fahrbaren Untersatz bewege.«
Sie bestiegen den Lift und rauschten Sekunden später dem Erdboden entgegen. Keine halbe Minute verging, bis die Kanzel aufsetzte.
»Die Klitsche ist zwei Blocks entfernt«, verkündete Jericho.
»Nehmen wir ein Taxi?«
»Falls du es vorziehst, durch die gesamte Stadt bugsiert zu werden, nur weil der Fahrer ein paar Touristen wie uns ausnehmen will – gerne!«
»Es gibt kostenlose Fahrgelegenheiten«, klärte ihn Nici überflüssigerweise auf. »Anscheinend hat Zach dir mit seinen Geschichten aus der guten, alten Zeit einen Floh ins Ohr gesetzt.«
»Klar, nehmen wir die kostenlosen«, erwiderte Jericho spöttisch. »Allerdings werden wir dann heute unser Ziel nicht mehr erreichen, weil die Kisten lange vorher auseinandergefallen sind.«
»Meine Güte!«, stieß Nici hervor. »In welcher Welt lebst du eigentlich? Die Gratis-Angebote sind genauso gut wie die kostenpflichtigen. Gewöhne dich mal daran, dass sich seit der globalen Neuordnung einiges zum Positiven verändert hat. Wenn bei dir schlechte Kindheitserinnerungen ausschlaggebend sein sollten, ist jetzt eine gute Gelegenheit, diese über Bord zu werfen. Die Welt wird nicht mehr allein vom Geld regiert. Wir haben neue, humanistische Ansätze …«
»Blabla«, machte Jericho verächtlich. »Leider hab ich da gegenteilige Erfahrungen gemacht. Und ich hab keinen Bock, bloß ’ne 40-stellige Nummer in einer digitalen Verwaltungskartei zu sein. Mich steckst du nicht mehr in eine nummerierte, farbkategorisierte Schublade in einem miesen Kellerloch einer Alpha-Sektion. Da habe ich lange genug gehaust.**siehe BLACK JERICHO #1–3 Unsere Freiheit im Loft kostet Geld. Und das müssen wir irgendwie verdienen. Also komm mir nicht mit diesem sozialistischen Quatsch!«
»Mannomann!«, tat Nici erschrocken. »Da hab ich wohl ’ne Lawine losgetreten!«
»Wirst schon nicht dran sterben, die paar Schritte zu Fuß zu gehen.«
»Manchmal bist du ein richtiges Ekelpaket …«
»Na, komm schon, Babe«, gab sich Jericho versöhnlich. »Wir sind doch gleich da.«
Immerhin dauerte es noch über eine halbe Stunde, bis die Werkstatt in Sichtweite kam. Sie befand sich im unteren Bereich eines mehrstöckigen Gebäudes, das aus Stahlbeton bestand und im Glanz der schmalen Glastürme wie ein Relikt aus alten Tagen anmutete. Ein zur Straße zeigendes, grelles Neon-Band mit der Aufschrift ›Garson’s Garage‹ passte sich nahtlos ein in die funkelnden und flackernden Schriftzüge, mit denen die Fassaden und haushohen Werbeflächen entlang der Hauptverkehrsader bestückt waren.
Jericho wollte sich nicht lange mit Formalitäten aufhalten und zog Nici vom Haupteingang weg, dessen Plexiglastüren bereits aufgeglitten waren.
»Wir latschen gleich rein in die Werkstatt«, erklärte er trocken. »Die Tussi im Sekretariat blubbert dir eh nur einen vor.«
Über einen Zufahrtsweg gelangten sie zum rückwärtigen Teil des Betriebes. Forsch zerrte Jericho die meterhohen Eisentore auf und gelangte in eine Halle, in der ein ganzes Rudel von Monteuren mit den unterschiedlichsten Aufgaben beschäftigt war.
»Yo, ihr Schraubenquäler!«, grölte er lauthals. »Rückt mein Aero-Car raus! Danach könnt ihr weiter in der Nase bohren!«
»He, wer sind Sie?«, sah einer der Techniker auf und legte sein Werkzeug beiseite.
»Ich bin der Kerl, der dir ’ne Naht vom Scheitel bis zur Arschfalte zieht, wenn mein Gleiter nicht sofort abholbereit parat steht!«
»Melden Sie sich gefälligst vorne an!«, erwiderte der Techniker ungehalten. »Hier kann doch nicht jeder einfach reinplatzen, wie er gerade will!« Mehrere Kollegen des Mannes wurden nun ebenfalls aufmerksam, ließen ihre Arbeit liegen und sammelten sich.
»Erstens bin ich nicht ›jeder‹«, stellte Jericho klar, »und zweitens hast du dir den verdammt Falschen ausgesucht, wenn du meinst, du wolltest dich mit mir anlegen.«
»Mal ganz locker jetzt«, sagte ein anderer und wiegte einen schweren Schraubenschlüssel in der Hand. »Sie haben keine Sonderrechte, Mister. Bei uns wird nach Auftragseingang verfahren.«
»Keine Regel ohne Ausnahme«, stellte sich Jericho breit auf und stemmte die Fäuste in die Hüften. Eine Weile sah er in die Runde, zückte anschließend sein NET-Phone und scrollte über das Touchscreen-Display, bis er den gesuchten Eintrag gefunden hatte.
Schelmisch grinsend wandte er sich Nici zu, die ein Stück hinter ihm gestanden hatte und nun zu ihm aufschloss.
»Ist ein fünfstelliger Betrag auf unserem Konto eingegangen«, sagte er und hielt Nici das Display vor die Nase. »Beck steht anscheinend bis zur Halskrause in der Kacke.«
Mittlerweile hatten die Werkstatt-Techniker sich formiert und kamen drohend näher.
»Gibt’s vielleicht ein Problem, das wir für Sie lösen könnten, Mister?«, tönte es aus der Gruppe. Auch ein paar andere hatten bereits nach schwerem Gerät gegriffen. »Möglich, dass Sie das mit uns ausdiskutieren wollen …«
»Eigentlich«, begann Jericho und steckte das NET-Phone in seine Nano-Rüstung, »hatte ich vor, euch den Mund mit ein paar Extra-Dimes wässrig zu machen. Aber wenn ich die Sache näher betrachte, können wir vorher auch gerne ein Tänzchen wagen, Hoschi.«



