Buschfieber - von Kanada und Alaska

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Eine leichte Verstimmung muss ich allerdings zugeben. Oder, vielleicht hat mir ein anderer Umstand die Laune etwas bewölkt: Bei der Waldarbeit wurden dichte Schwärme von Stechmücken aufgescheucht. Nicht gerade ein Vergnügen, wenn du von diesen verhassten Biestern gnadenlos verfolgt und gequält wirst. Ralf hat uns zu Hause bereits auf diese Unbequemlichkeit hingewiesen und die Beschaffung des speziellen Abwehrmittels „Muscol“ verordnet. Immerhin, derart brutale Überfälle hätte kaum jemand erwartet. Diese entsetzlichen Plagegeister werden nicht umsonst Pest des Nordens genannt. Auch in Finnland und der russischen Tundra wissen sie davon ein Lied zu singen. Beim folgenden Marsch in den Wald, trug, trotz übler Wärme, jeder Hut mit Moskitonetz, Hemd und Hosen fest geschlossen, sogar gerne Handschuhe. Nichts wie ran an die schweißtreibende Schufterei. Wer wollte da nicht auch gerne bei leichter Brise am Ufer sitzen und Schießprügel polieren. Schwamm drüber, das Leben ist eben nicht immer ein Honiglecken, und schon gar nicht das Buschleben.
Einige Tage liegen mittlerweile hinter uns. Die „Scharfschützen“ waren bislang erfolglos auf der Pirsch. Wen wundert’s auch, bei deren Rumballerei zwecks Übungsschießen, so das Alibi für diese offensichtlich so maskuline Kinderei. Da wird sich bestimmt weit und breit kein Wild einstellen. Nun ja, dafür ist die Fischwaid ziemlich erfolgreich und man braucht lediglich tagsüber ein wenig Kohldampf zu schieben, denn das allmorgendliche knappe Müsli hat man bald über und mittags die abgezählten Reiskörnchen in der Suppenbrühe sorgen im Bauch auch nicht gerade für Glücksgefühle. Gottseidank bieten die ringsum üppig wuchernden Blaubeeren etwas Abwechslung für den Gaumen. Dennoch, jeden Abend Grillfisch ist auch nicht besonders erbauend.
Erfreulicherweise hatte da jemand eine glorreiche Idee: „Leute, heute wird geräuchert!“
Was denn? Fisch natürlich!
Wie denn? Not macht bekanntlich erfinderisch!

Da kam dem Erfinder der Zufall entgegen, wahrscheinlich der Auslöser des genialen Einfalls: zwei leere Benzinfässer lagen unter anderem Gerümpel hinter der Cabin. Geeignetes Werkzeug lag ebenfalls an der Hütte rum. Damit wurden die Blechtonnen entsprechend mühevoll bearbeitet und übereinander gesetzt. Darunter kam ein zusätzlich vorhandener kleiner Blechofen zwecks Feuerstelle. Damit ist die Räucheranlage perfekt und der Betrieb wird aufgenommen. Schöne Hechte hängen von oben herab im heftigen Qualm. Neugierig und erwartungsvoll steht die Mannschaft um das Wunderwerk. Bald wird es so weit sein, können die gelüstigen Gaumen befriedigt werden. Und was gibt es zur Beilage? Ist doch klar, morgen ist der heizbare Unterbau frei, dann bruzzeln wir die berühmten Bannocks, denn auch geeignete Pfannen hat der Trapper hinterlassen. Dann ein prüfender Blick von oben in die Räucherkammer: Nanu, hatten wir nicht fünf Fische reingehängt? Sehen lediglich zwei davon!
O weh und ach, da macht es krach,
und ist nach unten, der letzte Fisch verschwunden.
Nein, kein Mirakel ward geschehen. Des Rätsels Lösung ist ganz einfach: Die Dilettanten haben zu heftig geheizt, zu heiß geräuchert, sodass die Drahtaufhängung durch die Kiemen die schweren Fische nicht tragen konnte.
Wer hat da mit spöttischer Miene was von Fischkuchen gesagt, den es heute geben soll? Das Produkt war nämlich Matsch, eher zum Brei geeignet, oder vielleicht mit Müsli vermischen. Igitt!
Nicht tragisch. Beim nächsten Mal gelingt das Experiment sicherlich. Aus Fehlern lernt man schließlich.
Ein anderer Lapsus passiert mit der gleich zu Anfang montierten Bärenwarnanlage, an welcher man bereits zu Hause rumgetüftelt hat. In entsprechendem Abstand von den Zelten wurde eine Schnur um Bäume und Pflöcke gespannt, verbunden mit akustischen Signalgeräten, welche durch Zug Alarm auslösen. Leider wurde nicht bedacht, dass Naturfaser sich je nach Witterung unterschiedlich dehnt; der Effekt ist einleuchtend.
So war es auch kein Wunder, dass wir eines nachts unangemeldeten Bärenbesuch bekamen, unzweifelhaft erkennbar an den frischen Spuren, ohne dass Meister Petz unseren Schlaf störte, denn der Alarm wurde, weshalb auch immer, nicht ausgelöst. Er wollte wahrscheinlich nur mal sehen, wer sich da in seinem Refugium herumtreibt und hat scheinbar die Fremdlinge akzeptiert.
Doch zwei Tage später war besonders denkwürdiges vorgefallen.
Es passierte ebenfalls in der Dunkelheit.
Die wunderbare Stille wird lediglich von Roswitha gestört. Sie grunzt neben mir wie ein rosiges Ferkelchen. Fast erheiternd.
Na – was war da plötzlich für ein fremdartiges Geräusch? Von irgendwo, außerhalb des Zeltes, vernehme ich Rascheln und Knistern; dann wieder Ruhe. Meine Partnerin gibt jetzt keinen Laut von sich. Aber ich grunze wieder im üblichen Takt.
Da zerreißt lautes Schreien das tiefe Schweigen der Nacht. „Hau ab – weg hier – Hiiilfe.“
Es ist unverkennbar die Stimme meines Freundes Christian. Und schon der Griff nach dem stets neben mir liegenden Karabiner, nachdem ich mich rasch vom Schlafsack befreite. Da ich immer, entgegen anderer Leute Gewohnheit, mit dem Kopfe Richtung Eingang penne, ist die Hand sofort am Reißverschluss; robbe bewaffnet aus dem Wigwam und richte mich auf.
Oh, mein Gott, was muss ich seh’n? Grizzly gegen Grizzly! Einer davon ein wahrhaftiger, der andere mein Freund, welcher mit erhobenem Arm, wild herumfuchtelnd, das große Buschmesser gegen den hoch aufgerichteten, um vieles größeren Bär sticht, der mit seinen Pranken zum wuchtigen Schlag ausholt.
Ich sehe alles ganz genau in dieser hellen Mondnacht. Und kann nichts tun, steh wie angewurzelt da; kann nicht schießen, ohne Christian zu gefährden. Stattdessen brülle ich aus Leibeskräften um die Wette mit dem Ungetüm. Inzwischen ist auch Rosi von dem Lärm erwacht und hinter mir. Ihre göttliche Eingebung reicht mir die Machete. Und schon stürze ich mich von hinten auf das wütende Ungeheuer; bohre ihm mit aller Kraft den scharfen Stahl in den Leib. Laut aufbrüllend geht der graue Riese zu Boden. Sein Namensvetter versetzt ihm den tödlichen Stoß von vorne, worauf die Bestie röchelnd sein Leben aushaucht. Die Freunde fallen sich heroisch triumphierend in die Arme; da fährt ein erschütternder Ruck durch meinen schweißgebadeten Körper und kenne mich momentan überhaupt nicht aus. Bin völlig wirr. „Christian, wo ist der Bär? Hier war doch der Bär!“
Total konsterniert antwortet der Freund: „Was für ein Bär?“
Fassungslos rede ich von dem soeben Erlebten, wobei er mich unterbricht: „Bin von deinem Geschrei aufgewacht, sofort raus um nachzusehen was da los ist, da schlägst du hier mit dem Messer wie wild in die Luft.
Dann wird uns beiden die Situation klar!
Wir umarmen uns in großer Freude wegen dem erlösenden Sieg über den schrecklichen Traum. Ein Alptraum, ein böser Spuk! Kein Wunder, der begründete Bärenverdacht der letzten Tage, sowie die Lektüre vielfältiger Bärenstories, hat meiner Fantasie übel mitgespielt.
Nun, lieber Leser, mancher wird jetzt mit dem Kopf schütteln und meine künftigen Ausführungen von vornherein mit Zweifeln lesen mögen. Da wäre vielleicht besser gewesen, ich hätte folgende Begebenheit zuvor beschrieben, um dem Verdacht einer Mär vorzubeugen. Doch alles schön der Reihe nach.
So wahr der Traum von vorhin eben ist, hat die nächste Erzählung in der nackten Realität stattgefunden, im wahrsten Sinne des Wortes, was wir gleich hören werden. Ein ungewöhnlich kurioses Geschehen, aber ganz gewiss keine Fantasie. Ein Trauma anderer Art!
Wenige Tage nach obigem Horrorphantome passierte es! Nicht mehr in Erinnerung, wer alles im Camp beisammen saß, jedenfalls, Christian war dabei und schreckt in meiner Abwesenheit die Umsitzenden hoch: „He, da oben, am Hang, beim Outhouse (damit war das ebenfalls vorhandene Plumpsklo gemeint), da bewegt sich doch was?!“ Alle stieren gleichzeitig in gemeinte Richtung und schrecken spontan hoch. „Verflixt, da kommt Besuch angetrottet“, der knapp vor dem offenen Holzhäuschen anhält und sichtlich ungehalten den wuchtigen Schädel schüttelt, als wollte ihm eben etwas nicht genehm sein. Man könnte auch sagen: Grizzly bemerkte Blacky! (wie man in Kanada den Schwarzbär tituliert).
Weshalb hatte Blacky bald die Schnauze voll? … und trollt sich in den dichten Wald?
Als ich nach einer Weile zu der heiß diskutierenden Runde komme, wird mir brühwarm und aufgeregt das Vorgefallene eingehend geschildert.
„Darf ich Euch erzählen, was eben mir zugestoßen ist?“, übernehme ich gleichfalls in sichtlicher Erregung das Gespräch: „Ich weiß, warum der verflixte Bär vor dem Outhouse plötzlich aufmerksam anhielt und sodann naserümpfend in das Gebüsch floh.“ Zweifelnde Antwort: „Was willst Du schon wissen, warst ja gar nicht da?“
Mit der Erwiderung mache ich die Crew neugierig: „Natürlich hab’ ich Blacky geseh’n, näher sogar wie Ihr.“ Man hört mir gespannt zu: „Als er vorhin vorbeikam, saß ich nämlich, was Ihr nicht wissen konntet, gerade auf dem Donnerbalken, mit freier Sicht auf die beängstigenden Störenfried.“
Schallendes Gelächter hallte durch die Wildnis!
Dann gebe ich zum Besten, wie ich die ganze Szenerie aktuell erlebte und dass ich gottseidank die Hosen nicht voll, weil gerade unten hatte.
Soviel zu dieser Bärenstory, die aber, wie eingangs versichert, nichts desto weniger wahr ist.
Und weil’s gar so schön war, auch gleich noch die Fortsetzung:
„Hallo, Hilfe, hallooo“, … was ist denn jetzt los? Klar doch, das war Monis alarmierende Stimme. Sie hat meinen Report gar nicht mitbekommen, denn die Gute war unbemerkt und unbewacht im nahen Wäldchen bei der Blaubeerernte. Keuchenden Laufes und stolpernd, dabei die meisten Früchte verschüttend, erreicht sie die rettende Hütte. Ihre Augen spiegeln die nackte Angst.
„Moni, was ist, was hast Du?“
Völlig aufgelöst, außer Atem, stößt sie wimmernd hervor: „Mensch, da drüben, Richtung Ufer, ein Bär! Ich lief so schnell ich konnte.“
Genau das ist eben der Fehler, den viele Leute machen. Renne nie vor dem Bär weg, er wird dir meist instinktiv folgen … und er ist gewiss schneller. Was ebenso nicht unüblich ist: Wenn Meister Petz sich scheinbar trollt, kommt er gerne von anderer Seite wieder zurück. Diese Eigenart gilt vor allem für den Schwarzbär, er ist besonders neugierig. So war es offensichtlich mit meinem Blacky von vorhin.
Also, hochgeschreckt ergreifen wir die Waffen … und die Filmkamera. Das ist doch die gesuchte Gelegenheit für schöne Aufnahmen.
Nun denn, übermächtig mit gleich drei „Kanonen“, wollen wir Monis Feind nachpirschen. Und tatsächlich, da, in den nahen Büschen ist er, hatte die Verfolgung aufgegeben. Denn Heidelbeeren sind ihm scheinbar doch lieber als Menschenfleisch. Als er uns bemerkte, nimmt Blacky reißaus, Richtung tieferen Wald, ins hügelige Hinterland … und wir mutig hinterher.
Surrr … surrr! Bekanntlich sind Bären außerordentlich telegen!
Erst als ausreichend Material im Kasten ist und die Augen sich genug an dem herrlichen Tier geweidet haben, während es sich selbst an den vielen süßen Früchten laben konnte, kehrt man retour. Da gab’s freilich heute am abendlichen lodernden Feuerchen ausreichend Gesprächsstoff … und manche(r) war gar froh, dass die lästige Singerei deshalb ausfiel. Bloß Rosi lässt mal erneut, vielleicht passend jubelnd zur wiederholten Plumpsklo-Geschichte, ihren obligatorischen „Juchaza“ los; zum Ausdruck bester Laune beim genüsslichen Bierchen.
Da wir gerade bei telegenen Objekten sind, da wäre noch anzumerken, dass ich, obwohl doch wenig mit einem Bär gemeinsam hab’, weder furchterregend noch zum Knuddeln putzig, dafür aber besondere Künste vorzuweisen hätte; will sagen, die Fischerei mit der Flugangel hat schon was Ästhetisches.
Genug langer Vorrede. In medias res.
Ich fahre in Begleitung des Kameramannes mit dem Kanu zu den nahen Stromschnellen, wo ich auf reißend umströmten großen Steinen stehend, eifrig und elegant zu Werke gehe. Wollte eben zeigen, dass der Meister seines Faches in einer anderen Liga spielt.
„Na, wann beißt denn jetzt endlich eine Forelle auf die angebotene Kunstfliege?“ Sie wollten halt leider nicht für die geplanten Staraufnahmen. Oder vielleicht steht hier gerade kein Fisch. Also Standortwechsel … und springe behende ein paar Steine weiter … endlich bin ich ganz toll filmreif … aber wie?
Auf einem verflixt glitschigen Fels rutscht der Meister ab, plumpst samt Gerätschaft ins verdammt kühle Nass. War jetzt weniger ästhetisch … und Ralf bringt höchst belustigt die Szenerie auf Zelluloid.
Für diese blamable Einlage, welche der Nachwelt erhalten bleibt, zu entschädigen, wollte ich auf andere Weise mein großes Können unter Beweis stellen. Nämlich mein Nimbus als „King of Pike“ wird in Anspruch genommen.
Und so schleicht er sich zu früher Stunde, magisches Morgenrot spiegelt sich im See, das Gefühl tiefsten Friedens hüllt ihn ein, klammheimlich davon und paddelt Richtung einer kleinen seekrautumwachsenen Insel, wo der Experte gute Hechte vermutet.
Fleißig wirft die Spinnrute das verführerisch blinkende Eisen in alle Richtungen … und der Erfolg ließ auch gar nicht lange auf sich warten … da liegen zwei prächtige Hechte im Boot.
Na, denen zeig’ ich’s heute; den Fischen sowie den Camp-Kollegen, die allesamt bisher bei der Anglerei deutlich erfolgreicher waren. Also, fleißig weiter im Geschäft!
Um eine entspanntere Haltung einzunehmen, richte ich mich auf und setze im Stehen die Werferei fort. Jedem wird klar sein, dass hierbei die Balance in einem ziemlich schmalen Boot nicht so leicht zu halten ist. Was dem vielleicht schadenfrohen Leser jetzt bereits seiner Erheiterung anzumerken ist … freilich, es passiert … die Wacklerei beginnt … und ehe sich der Kanute hinsetzen kann … plumps, da geht der Fischer unfreiwillig über Bord. Was gar nicht so lustig ist: das Wasser ist verflucht kalt und an jener Stelle zu tief, sodass ich mit den Füßen keinen Boden fand. Jetzt schwimm’ mal jemand in vollen Klamotten. Zu allem Überdruss ist leider das Boot gekippt. Da war aber Polen offen. Glücklicherweise hatte das Kanu Luftkammern, um ein Absaufen zu verhindern. Mit äußerster Mühe rette ich mich samt Gefährt und Paddel zur nicht weit entfernt gelegenen Insel, wo leider festzustellen war, dass bei der ganzen Aktion Angel sowie die Beute verloren ging. Soviel zu meinen bisherigen Missgeschicken.
Ja, das Buschleben ist nun mal kein Kindergeburtstag. Von täglicher Trapperidylle kaum die Rede!
Apropos Geburtstag!
Meine Roswitha und ich haben, genau zur Zeit, kurz nacheinander diesen Festtag. Ihrer wird zuerst zünftig gefeiert. Eine gar köstliche Torte, sogar mit Kerzlein drauf, wird überreicht. Ihr Pech allerdings, Plastik lässt sich schlecht kauen und verdauen.

Zwei Tage danach bin ich an der Reihe. Die Gratulanten stehen Schlange, jeder spendet eine Bierdose. Für mich von ganz besonderem Wert, denn mein Kontingent an dem edlen Gebräu liegt bereits im Minus. Zudem hab’ ich jetzt an der „Zigaretten-Bier-Börse“, hier wird gerne gefeilscht, wieder besseren Spielraum.
Über das Wetter wurde hier bisher noch wenig gesagt. Da gibt es eigentlich nichts Besonderes. Nächte kühl, tagsüber meist sonnig bei angenehmen Temperaturen; wohl manchmal leicht böig, kaum Regen. Pardon ja, neulich kam Sturm auf, vielleicht extra der Erwähnung wert: Da war nicht an vergnügliche Aktivitäten zu denken. Die Outdoors versammeln sich in der jetzt besonders willkommenen Cabin.

Zum Tratsch gab’s ohnedies genügend Stoff; und Rosi nützt die Gelegenheit, ihre stark in Mitleidenschaft gezogenen Wadeln zu pflegen, denn beim Beerensammeln im dichten Bewuchs, wurde sie gar arg von den Blackflies angefallen. Eine äußerst üble Sorte von Mücken: winzig klein, dafür aber ganz besonders unangenehm. Sie finden den kleinsten Zugang zur Haut und hinterlassen dort starke „Verwüstungen“; besonders juckende, teils schmerzende, bunte Schwellungen. Auch Moni hat sehr darunter zu leiden, ebenso beim Blaubeerpflücken eingehandelt. Beide machen jetzt intensiv Umschläge mit der vielseitig verwendbaren essigsauren Tonerde; dank gut bestückter Buschapotheke.
Aber was wollte ich eigentlich erzählen? Ach ja, die Sache mit dem Sturm! Als ich nämlich, trotz prasselnd stechendem Sand im Gesicht, die Hände schützend vor Augen, dringend mal austreten muss, ein prüfender Rundblick zu den drei Zelten. Was heißt hier drei?
„Christian, schnell komm raus, ich glaub Dein Zelt ist fort!“
So schnell auf den Beinen war Freund Grizzly lange nicht mehr gewesen.
„Verflixt, HP, komm rasch, unsere Behausung fehlt.“ Da galt es aber Beeilung. Alle Männer beteiligen sich an der Suche. Gottlob kam die steife Brise vom See her, sodass gesuchtes Objekt bald hinten am Waldrand gefunden wird. Aber in welchem Zustand? Etwas zerlegt!, würde man meinen. Zwei Telestangen geknickt. Das hat er nun von seinem billigen Italo-Klump. Nicht verzagen, Christian fragen. Dieser Alleskönner in Sachen Technik, hat deshalb den zusätzlichen Beinamen „Daniel Düsentrieb“. Tatsächlich, nach Abflauen des Sturmes konnte er seinen „Windjammer“, so wurde sein Zelt getauft, provisorisch reparieren. „Wird schon halten“, des Freundes lakonischer Kommentar.
Wie war das nochmal, was hat in Yellowknife ein alter Trapper gemeint: „Entweder du liebst ihn, den Busch, oder du hasst ihn.“ Tja, so langsam scheiden sich jetzt hier die Geister … und weitere Prüfungen sollte ich alsbald zu bestehen haben, „als der Vater mit dem Sohne“ zu einem kleinen Rucksacktrip aufbrach. Eine Episode, die es sicher wert ist, ausführlich erzählt zu werden:
Seit Tagen schon beschäftigen wir uns anhand der topographischen Landkarten, in Yellowknife von den Damen beschafft, jeder hatte dort Aufträge zu erfüllen, mit dem genauen Studium des Umlandes. Dies ist freilich nur im geeigneten Maßstab von 1 : 50.000 möglich. Das Hinterland der Sandy schien uns weniger verlockend, desto mehr die dem Fluss gegenüberliegende Gegend: hügelreich und mit kleinen Seen durchwoben. Gerade geeignet für einen Tagestrip, zu Fuß selbstverständlich.
Also schnüren wir unser Bündel; jeder seinen Rucksack mit leichtem Marschgepäck: Schlafsack (sicherheitshalber), Plane, Regenklamotten, Notapotheke, Notproviant (Müsli), Trinkflasche, Leuchtraketen und allerlei Kleinkram. Gewehr und Angel darf natürlich nicht fehlen.
Los geht’s. Zu früher Morgenstunde setzt das Kanu über. Nun heißt es marschieren, aber gemütlich. Rasch kommt man ohnedies nicht voran, das lässt schon der dichte Urwald nicht zu, obwohl dann und wann eine angenehme, moskitofreie Lichtung überrascht. Es ist ein schwach bewölkter warmer Tag; bald fließt unvermeidlich der Schweiß. Von mancher Anhöhe gibt der schier unwegsame arktische Dschungel den Blick frei über die unermessliche, herbe Schönheit dieses gesegneten Stückchens Erde. Ja, man ist geneigt, sich in Superlativen zu ergehen.
Und schon nach einigen Stunden erreichen wir einen kleinen romantischen See, mit baumfreiem, schilfgesäumtem Ufer.
Jetzt scheint sogar die Sonne und zur Begrüßung springen die Forellen, dass es eine wahre Freude ist. „Hier bin ich König, hier darf ich sein!“
Bald brät ein Fisch am Stock über knisterndem Feuerchen. Anschließend ein genüssliches Nickerchen auf bunt mit Flechten überwuchertem warmen Fels. Herz was willst du mehr?
Als die Mittagsonne bereits den Zenit überschritt, war es Zeit für den Rückweg und brachen auf. Es begann freilich die Fortsetzung der Marschtortur. Der Weg zurück war allerdings etwas leichter, denn Wolken zogen auf und eine angenehme Brise sorgte für erträgliche Bedingungen.
Zwei, drei Stunden mochten vergangen sein, wollte man auf luftiger, baumfreier Höhe, wohlverdiente Rast einlegen. „Können wir uns erlauben“, meint Ralf, „weit kann es jetzt nicht mehr sein, hinunter zum Fluss“, und weist die Richtung. „Dein Wort in Gottes Ohr“, mein Kommentar, „das möchte ich allerdings stark bezweifeln!“ … und strecke den Zeigefinger entgegengesetzt. „Schau mal da drüben, was ist denn das für ein Gewässer, davon ist nix auf der Karte?“
„Hm“, meint Filius, „das ist wirklich komisch.“
Dann fällt es wie Schuppen von den Augen: Wir sind wieder an unserm vorigen See, oder einen nebendran. Also im Kreis gelaufen! Konnten während des Marsches keine Richtungskontrolle vornehmen, da leichtsinnigerweise den Kompass vergessen. Und weil wegen der zunehmenden Bewölkung der Sonnenstand ebenfalls keine Orientierung bot, war man auf den puren Instinkt angewiesen, der uns leider im Stich ließ und haben deshalb hoffnungslos verfehlt.
Was nun Freunde? Zum Camp schafft ihr es heute ohnedies nicht mehr. Am klügsten, beim kleinen See übernachten, einen schönen Abend verbringen, morgen sieht man weiter.
Bis zum Mittag werden wir spätestens erwartet. Das war zumindest vorsorglich als zeitliches Limit gesetzt. Andernfalls wird eine Suchaktion gestartet. Die Zurückgebliebenen haben deshalb die in Frage kommende Peilung auf gezeichneter Kopie von unserer Karte. Die orangefarbigen Leuchtraketen werden zusätzlich Hilfe leisten. Jetzt also erst mal klaren Kopf bewahren und relaxen!
In aller Gemütsruhe vor mich hinträumend, will ich mit der Angel das Abendessen besorgen. Da zerreißt ein ohrenbetäubender Knall die heilige Stille. Der gewählte Biwakort liegt am Ausläufer eines engen Tales, deshalb donnert ein mehrmaliges Echo durch den Busch. Als ich mich nach Ralf umsehe, ruft er mir zu: „Kannst mit Fischen aufhören, ich hab ein Karibu geschossen.“ (Anm.: diese Geweihträger trifft man zu momentaner Jahreszeit in dieser Region sehr selten).
Wahrlich, bald danach schleift er ein noch sehr junges Ren heran. Noch gut vom Lagerplatz entfernt, muss das noch warme Tier aufgebrochen, ausgeweidet und zerteilt werden. Blutiges Geschäft. Igitt! Für mich zumindest eine äußerst unangenehme Angelegenheit. Dennoch, ein frischer Spießbraten ist freilich nicht zu verachten, besonders nach vielen Tagen Fisch, Reis, Müsli. Den Hauptanteil werden wir zum Camp bringen, dort wird man sicher nicht minder über diese Abwechslung auf dem Speiseplan erfreut sein.
Nach dem abendlichen Festschmaus, diesmal fehlte leider ein Bierchen, und dem abschließenden Zigarettlein, schlüpfen die Waldläufer hundemüde in die Schlafsäcke, nachdem mit einer kleinen Plane das provisorische Wigwam gebaut war. Bald sinkt man wohlbehaglich ins Land der Träume.
Leider nicht allzu lange. Aufkommendes Gewitter. Grelle Blitze lassen die Umgebung bizarr aufleuchten, krachende Donner hallen durch die Nacht. Wahrlich eine gespenstische Szenerie! Zu allem Überfluss sorgen folgende heftige Regenschauer für eine gewisse Ungemütlichkeit.
Da in diesen nördlichen Breiten die Sommernächte bekanntlich kurz sind, überraschte bald das Morgengrauen. Die Buschgeister kommen, in rauchende Nebel gehüllt, über Wald und Wasser.
„Ralf, Du, wach auf“, melde ich mit beträchtlicher Bange ein nicht weit entferntes Rumoren. Auch Filius zeigte sich deutlich besorgt über das Jaulen, Fauchen und Geknurre aus keiner großen Entfernung. Als wir uns aufrichten, die Augen reibend die Umgebung absuchend: ja, genau dort, wo die Kaributeile in den niedrigen Astgabeln hängen: ein Rudel Wölfe balgt sich um das Fleisch, scheinbar uneinig in der Hackordnung.
„Ihr Bestien, das ist unsere Beute.“ – Sogleich der erste Kracher aus dem doppelläufigen Schießprügel streckt einen der Wölfe nieder. Ralf ist bekanntlich ein guter Schütze. Mal ehrlich, ein Warnschuss hätte auch gereicht.
Die anderen gierigen Mäuler weichen erschreckt zurück. Doch jetzt wenden sie sich völlig unerwartet, zähnefletschend uns zu, von mehreren Seiten, dies ist bekanntlich Wolfstaktik.
Sie haben uns als Futterrivalen ausgemacht und sind, mit gesträubten Nackenhaaren, zum Angriff bereit. Eine absolute Ausnahmesituation, denn normalerweise sind diese sehr scheuen Wildtiere den Menschen gegenüber nicht aggressiv.
Durchladen … Schuss … nochmals … päng … dann macht es nur noch klick. Das Magazin ist leer! Ein weiterer aus dem Isegrim-Rudel hat eine Kugel mit dem Leben bezahlt.



