Blaue Diamanten

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Totzauer fuhr fort und alle machten sich eifrig Notizen. Danach ließ er eine Infomappe mit den Anweisungen und den Fotos der zu schützenden Minister austeilen. Trotz der eben an Kleinert erteilten Abfuhr meldete der sich erneut.
„Wir sind auch für den Theaterbesuch eingeteilt? Das soll wohl ein Witz sein! Wenn ich die Arbeitsstunden grob überschlage, sind wir am Donnerstag weit über zwölf Stunden im Dienst. Das ist viel zu viel und widerspricht den Arbeitsrichtlinien.“ Kleinert sah sich um und hoffte auf Zustimmung, die aber ausblieb.
„Der Plan steht. Ich habe nicht mehr Leute zur Verfügung und bitte um Verständnis. Selbstverständlich habe ich versucht, den Theaterbesuch zu streichen, aber der Ministerpräsident besteht darauf.“
„Ein Ministertreffen ohne Kulturprogramm? Es war doch klar, dass irgendetwas Kulturelles angeboten wird und dieser Einsatz aus dem Rahmen fällt,“ sagte Leo. „Ich mache mir keine Sorgen um meine Arbeitsstunden. Es muss nun mal gemacht werden, was gemacht werden muss.“
„Auch das noch, ein pflichtbewusster Patriot,“ lachte Kleinert und sah die Kollegen an. Niemand lachte mit ihm. Sie waren alle für den Schutz der Minister hier und das Programm war dabei völlig gleichgültig. Auch sie scherten sich nicht um Arbeitsstunden und Arbeitsrichtlinien, als ob das in ihrem Job schon jemals berücksichtigt wurde.
„Sollte jemand Bedenken haben, kann er gerne gehen.“ Totzauer wartete einen Moment, aber niemand ging. „Gut, dann wäre das geklärt. Gibt es noch Fragen?“
Auch hier meldete sich niemand. „Egal was passiert: Sie halten sich genau an die Anweisungen und schützen nur diese Personen und halten sich jeweils in dem Ihnen zugeteilten Bereich auf. Haben wir uns verstanden?“
Totzauer war zufrieden, alle hatten verstanden. Nur dieser Kleinert machte Probleme, obwohl er mit seinen Einwänden nicht so falsch lag. Natürlich verlangte er von den Kräften einiges ab, aber was sollte er daran ändern? Er war sich sicher, dass er sich mit der einen oder anderen Beschwerde auseinandersetzen musste, aber darüber konnte er sich jetzt keine Gedanken machen, das hatte später auch noch Zeit. Er hatte noch zu viel Arbeit vor sich, um die er sich kümmern musste.
Bruno Kleinert fühlte sich missverstanden und suchte nach einem Verbündeten, dem er sein Leid klagen konnte. Die anderen standen abseits und hatten sich von ihm abgewendet, nur Tatjana war noch hier. Er vermutete in ihr wegen ihres Alters und ihrer Erscheinung eine Angestellte niederen Ranges und sprach sie an.
„Dieser Totzauer ist doch ein dominantes Arschloch. Ich denke, er hat nicht viel Ahnung von seinem Job und sollte das Profis überlassen. Wenn ich mir überlege, wie viele solcher Einsätze ich schon geplant habe, würde er nicht so mit mir umspringen.“ Kleinert strahlte Tatjana mit seinen gelben Zähnen an.
Tatjana blieb ruhig. Sie wurde wegen ihres Aussehens schon oft unterschätzt, denn sie legte auf ihr Äußeres keinen großen Wert. Sie trug eine praktische Kurzhaarfrisur und verzichtete auf Make-up. Zu Jeans und Turnschuhen hatte sie immer einen dicken, selbstgestrickten Wollpullover an, da sie leicht fror. Selbstverständlich hatte sie für den Einsatz in der Staatskanzlei eine weiße Bluse und eine dunkle Jacke eingepackt. Sie wusste schließlich, was sich gehörte, auch ohne die Anweisung des Chefs. Sie sah Kleinert nur an. Sie hatte keine Lust, mit ihm zu sprechen, da sie ihn für einen selbstüberschätzenden Idioten hielt.
„Totzauer weiß genau, dass dieser Einsatz den Arbeitsrichtlinien widerspricht. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken,“ sagte Kleinert.
Tatjana schwieg. Warum sollte sie auf diesen Blödsinn einen Kommentar abgeben? Sie packte ihre Unterlagen zusammen und drehte Kleinert den Rücken zu. Wie deutlich sollte sie ihm noch zeigen, dass sie sich nicht mit ihm unterhalten wollte?
„Wie sind Ihre Kollegen so? Wie geht man mit Ihnen als Frau um? Sagen Sie jetzt nicht, dass man in Mühldorf weiter ist als bei uns. Frauen werden auch bei uns nicht gerne gesehen. Ich hoffe, Sie können sich gegen Ihre Vorgesetzten durchsetzen,“ bohrte Kleinert nach, der den Drang verspürte, mit irgendjemand reden zu müssen, auch wenn ihm diese hässliche Frau die kalte Schulter zeigte. Kleinert mochte diesen Leo Schwartz nicht, der sich für seine Begriffe in den Vordergrund drängte und sich wichtigmachte. Dieser fürchterliche Akzent dröhnte in seinen Ohren. Aus welchem Loch ist er gekrochen? Was hatte ein Auswärtiger hier in Bayern verloren? Kleinert brauchte mehr Informationen über Leo Schwartz, dem er irgendwie ans Bein pinkeln wollte. Und die bekam er hoffentlich von dieser hässlichen Kröte Tatjana Struck, die in seinen Augen hier nichts verloren hatte. Zum einen war sie eine Frau, Frauen waren nicht für den Job geeignet. Sie war viel zu jung und unerfahren, und dazu sah sie auch noch schrecklich aus. Aber von ihr bekam er bestimmt Informationen über Schwartz, er musste nur lange genug nachbohren.
Tatjana sagte nichts und ging einfach davon, aber Kleinert folgte ihr.
„Sie können sich mir ruhig anvertrauen, ich bin für meine Verschwiegenheit bekannt. Vielleicht kann ich Ihnen sogar behilflich sein. Ich bin schon lange in dem Job unterwegs und kenne sehr viele, einflussreiche Personen.“
Tatjana ging einfach weiter. Was wollte der Mann von ihr? Warum konnte er sie nicht einfach in Ruhe lassen?
„Ihr Kollege Schwartz ist ein Wichtigtuer, habe ich Recht? Wie ist er so in seinem Job? Der ist doch kein Bayer, vermutlich ein Sachse. Die Ossis breiten sich auch bei uns immer mehr aus. Wer braucht die? Ich nicht.“
Tatjana hatte genug. Sie blieb stehen, drehte sich um und sah Kleinert an.
„Wissen Sie was Kleinert: Halten Sie einfach den Mund. Sie sind ein Kotzbrocken, aus dem nur gequirlte Scheiße rauskommt. Lassen Sie mich ein für alle Mal in Ruhe, sonst werde ich ungemütlich.“
„Was zum Teufel…“ Kleinert schäumte vor Wut.
„Sie erfahren von mir nichts über Kollegen, da sind Sie bei mir an der falschen Adresse. Ich hatte großes Glück, in Mühldorf bei sehr netten, zuverlässigen und fähigen Kollegen zu landen. Vor einem Trottel wie Sie es einer sind wurde ich verschont. Gehen Sie mir aus den Augen und sprechen Sie mich nie wieder an. Haben Sie Alkohol getrunken?“
„Ich?“ Kleinert bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Ja, er hatte ein paar Schlucke aus seinem Flachmann getrunken, den er seit einem schrecklichen Vorfall vor vier Jahren immer bei sich trug. „Ich habe keinen Alkohol getrunken!“
„Erzählen Sie keinen Unsinn Kleinert, Sie haben eine fette Fahne.“
Was fiel dieser kleinen, hässlichen Struck eigentlich ein? Einige der Kollegen hatten gehört, was sie sagte. Kein Wunder, denn sie sprach sehr laut. Sie wollte, dass es alle hören. Diese hinterfotzige Schlange! Die Kollegen grinsten nicht nur, sondern machten sich offen über ihn lustig. Kleinert wurde sauer. Das hatte dieses hässliche Entlein nicht umsonst gemacht! Er würde sie ab sofort im Auge behalten. Irgendwann ergab sich schon die Möglichkeit, es der frechen Göre heimzuzahlen.
„Hat dich der Typ dumm angemacht?“ fragte Leo, der mitbekommen hatte, dass es mit Kleinert wohl Ärger gab.
„Kleinert ist ein armes Würstchen, das sich wichtigmacht. Keine Sorge, ich komme schon klar.“
„Sei vorsichtig. Ich kenne solche Typen, die lassen sich so etwas nicht einfach gefallen. Du hast ihn vor Kollegen bloßgestellt, das steckt der nicht einfach so weg.“
„Ich bin schon ein großes Mädchen und kann auf mich allein aufpassen. Trotzdem danke Leo.“
Am Abend saßen alle im Hotel beim Abendessen. Kleinert hatte Tatjana ständig im Blick und trank ein Bier nach dem anderen. Er provozierte sie, wo er nur konnte. Das wurde immer schlimmer, je mehr Alkohol er trank. Wie zufällig kippte er Bier über sie, fasste sie ständig an und machte sich über sie und ihr Äußeres lustig. Niemand lachte mit ihm, stattdessen herrschte betretenes Schweigen. Tatjana sagte nichts, sondern ignorierte ihn, was ihn nur zu noch mehr Boshaftigkeiten animierte. Dann platzte Leo der Kragen.
„Noch ein Wort, und ich werde ungemütlich,“ sagte er laut, sodass ihn alle hören konnten.
„Du lässt unsere Chefin ab sofort in Ruhe,“ sagte Hans, stand auf und baute sich vor Kleinert auf.
„Mühldorf hat ein hässliches Entlein als Chefin? Das ist nicht euer Ernst!“ Kleinert lachte laut, aber er war der einzige, der lachte. „Frauen haben in unserem Job nichts verloren. Sie sind und bleiben das schwache Geschlecht. Was soll dieser Mist mit der Frauenquote? Frauen sollen hübsch sein, Kinder kriegen und das Haus sauber halten, das ist meine Meinung und dazu stehe ich. Jeder sollte nach seiner Veranlagung und seinen Begabungen seinen Platz finden. Und Frauen gehören nun mal nicht zur Polizei!“ Kleinert sah in die Runde und blickte in betretene Gesichter. „Kommt Leute, jetzt tut doch nicht so, als denkt ihr nicht genauso.“
„Ich dachte mir schon, dass Sie von vorgestern sind,“ sagte Tatjana äußerlich ruhig, obwohl sie innerlich kochte. „Sie sind ein richtiger Neandertaler. Wir müssten uns eigentlich glücklich schätzen, dass wir eine so seltene Ausführung bei uns am Tisch sitzen haben. Wie sieht es aus? Waren Sie heute schon auf der Jagd und haben mit Ihrer Keule Wild erlegt?“
Jetzt lachten alle über Kleinert. Jeder einzelne machte Witze auf seine Kosten, die er überhaupt nicht lustig fand. Irgendwann war es ihm zu dumm und er ging an die Bar. Er wurde von den anderen isoliert und er gab Tatjana die Schuld dafür. Sein Hass auf die Frau, die ihn von oben herab behandelte, stieg. Leo gefiel das überhaupt nicht. Kleinert war einer von den Menschen, die sich viel zu wichtig nahmen und die explodieren konnten, wenn man sie zu sehr reizte.
Am nächsten Tag ging es los. Alle waren überrascht, dass Leo heute einen Anzug und ein einfarbiges Hemd anhatte, nur auf seine altbewährten Cowboystiefel konnte er nicht verzichten. Warum auch? Krohmer sprach nur von angemessener Kleidung, von den Schuhen hatte er nichts gesagt. Auch Tatjana sah heute völlig anders aus und war kaum wiederzuerkennen. Kleinert würdigte sie keines Blickes und setzte sich zum Frühstück demonstrativ an einen anderen Tisch.
Die EU-Energieminister flogen ein und der Autokorso vom Flughafen zur Bayrischen Staatskanzlei verlief reibungslos. Die Besprechung in der Staatskanzlei begann hinter verschlossenen Türen höflich, wurde im Laufe der Zeit immer heftiger, teilweise wurde sogar gestritten. Der Inhalt wurde von den Polizisten nicht wahrgenommen. Sie achteten auf jede Kleinigkeit und jede Regung der Teilnehmer, und ließen die EU-Minister nicht eine Sekunde aus den Augen. Kleinert erwies sich trotz seiner ätzenden Persönlichkeit als guter Polizist, obwohl er Tatjana immer verächtlich ansah. Sie reagierte nicht, sondern behandelte Kleinert wie Luft, was ihn noch mehr verärgerte. In den wenigen Pausen, in denen sich die Polizisten unterhalten konnten, wurde Kleinert isoliert. Niemand wollte mit ihm zu tun haben, was er abermals Tatjana ankreidete.
„Irgendwann bist du dran,“ sagte er von den anderen unbemerkt zu ihr. „Ich erwische dich ohne deine Kollegen, dann werden wir sehen, was du drauf hast. Gegen mich hast du keine Chance.“
„So ein kleines Würstchen schaffe ich mit links,“ sagte Tatjana laut und lachte, obwohl sie jetzt Angst vor Kleinert bekam. Er gab einfach keine Ruhe. Sie musste höllisch aufpassen.
„War was mit Kleinert?“ fragte Hans, der sie gehört hatte. Leo und Werner waren weit weg und hatten nichts mitbekommen.
Tatjana schüttelte nur den Kopf, was hätte sie auch anderes tun können? Die Minister waren zurück und sie mussten arbeiten. Für Privates war keine Zeit. Sie hoffte darauf, dass sich Kleinerts Ego irgendwann wieder beruhigen würde. War sie zu frech gewesen? Hatte sie ihn zu sehr provoziert? Nein, Kleinert hatte sie provoziert und nicht umgekehrt, sie hatte nur darauf reagiert.
Während die Besprechung lief, wurde die Diamantenmesse mit einer Ansprache des 3. Bürgermeisters der Stadt München feierlich eröffnet. Eine solche Messe fand in München bislang noch nicht statt. Die Veranstalter hatten sich sehr darum bemühen müssen, die Rechte dafür zu bekommen. Diamanten zogen ein erlesenes Publikum an, worauf die Stadt München, die Hotelbetriebe, die Gastronomie und die Geschäftswelt an sich sehr stolz und auch scharf waren. Die Umsätze der verschiedenen Branchen würden in den vier Tagen üppig ausfallen. Dass parallel die Konferenz der EU-Energieminister stattfand, stellte die Verantwortlichen vor riesige Probleme. Die Zimmer für Aussteller und Besucher waren nicht das größte Problem, aber die Gewährleistung der Sicherheit. Als der Polizeichef Totzauer bekanntgab, wegen des Ministertreffens keine zusätzlichen Polizeikräfte bereitstellen zu können, waren die Veranstalter sauer. Totzauer und auch die Stadt München hatten zugesagt, auch ihrerseits für die Sicherheit zu sorgen. Vollmundig wurde versprochen, dass man sich darum bemühen würde, die gewünschten Polizisten zur Verfügung zu stellen. Diese Information wurde damals umgehend an die größten und wichtigsten Aussteller weitergegeben. Daraus wurde jetzt nichts und sie mussten schnell reagieren. Sie informierten und diskutierten mit den Ausstellern. Selbstverständlich engagierte die Messeleitung selbst einen privaten Sicherheitsdienst.
Schlussendlich hatte alles geklappt und die Messe konnte eröffnet werden. Auf einem reservierten Teil der ausgewiesenen Parkplätze standen die Fahrzeuge verschiedener Sicherheitsdienste, die aus ganz Deutschland und auch aus Österreich engagiert wurden. Es war offensichtlich, dass die Aussteller ebenfalls in diese Richtung reagierten und selbst für zusätzliche Sicherheit sorgten. Die Veranstalter der Diamantenmesse beteten, dass die Messe reibungslos ablief. Am Freitag war der Spuk vorbei, dann konnten auch sie wieder ruhig schlafen.
7.
Die Diamantenhändler Benthuis & Co. und Sieveding waren die größten der Branche. Sie waren begeistert von der Idee, dass auch in Deutschland eine Diamantenmesse stattfand und hatten das Vorhaben und die Planung tatkräftig unterstützt. Damit wurde ihnen eine weitere Möglichkeit geboten, Kundenpflege zu betreiben und vor allem Neukunden hinzuzugewinnen, denn die Diamantengeschäfte waren seit Jahren rückläufig. Nicht nur wegen des schlechten Images der Diamanten, sondern hauptsächlich wegen des fallenden Goldpreises. Viele Anleger griffen lieber bei Gold zu und legten so ihr Geld an. Benthuis & Co. und Sieveding standen zwar offiziell in Konkurrenz, tätigten aber einige Geschäfte gemeinsam. Die Inhaber und Geschäftsführer der beiden Firmen waren auch freundschaftlich miteinander verbunden. Als die Möglichkeit einer weiteren Diamantenmesse in München bekannt wurde, hatten beide vor allem im arabischen Raum aggressive Werbung für diese Messe betrieben. Für besonders reiche Familien übernahmen sie sogar die Übernachtungskosten, die sich hoffentlich durch lukrative Geschäfte bezahlt machen würden.
Als den Geschäftsführern beider Firmen die Sicherheitsprobleme von Seiten der Messeleitung mitgeteilt wurden, waren beide sauer. Von den vollmundigen Versprechungen der Messeveranstalter war nichts übrig geblieben. Totzauer wusste nichts von diesen Versprechungen. Die Münchner Polizei war gerne bereit, mit zusätzlichen Kräften zu unterstützen; allerdings nur unter der Voraussetzung, dass sie über diese auch verfügte. Natürlich hatte die Messeleitung ihrerseits eine private Sicherheitsfirma engagiert, aber die reichte nicht für die gesamte Messe. Es blieben Benthuis & Co. und Sieveding nichts anderes übrig, als selbst aktiv zu werden. Schließlich hatten beide für die erlesene Kundschaft aus dem arabischen Raum sehr wertvolle Stücke dabei.
Beide Firmeninhaber waren nach dem ersten Messetag zufrieden. Die Verkäufe übertrafen die Erwartungen bei weitem. Auch die privaten Sicherheitsfirmen erwiesen sich als Glück im Unglück. Deren Mitarbeiter präsentierten sich professionell und vermittelten den betuchten Besuchern ein Sicherheitsgefühl, das der Polizei so nicht gelingen würde.
„Wir sollten das bei Messen und Ausstellungen beibehalten. Ich bin begeistert,“ sagte Jan Benthuis, der das Unternehmen von seinem Vater geerbt hatte und inzwischen in dritter Generation führte. Die Firma Benthuis & Co. hatte ihren Firmensitz im belgischen Antwerpen. Die goldenen Zeiten in der Branche waren längst vorbei. Die Diamantenhändler hatten alle mit dem Ruf der Blutdiamanten und Konfliktdiamanten zu kämpfen. Wo sie auch auftraten, mussten sie sich rechtfertigen und wurden schief angesehen. Nicht von Kunden, die weiterhin gerne erlesene Stücke kauften, sondern von Aktivisten und Menschenrechtlern. Benthuis musste zugeben, dass die Firma in den 50er-Jahren den Abbau der Diamanten unter menschenunwürdigen Bedingungen unterstützt und gefördert hatte. Auch mit Diamanten, von denen seine Vorfahren wussten, dass sie als sogenannte Konfliktdiamanten angeboten und verkauft wurden, wurde gerne gehandelt. Mit diesen Geschäften finanzierte man die gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Diamanten wurden illegal geschürft, um Rebellen und Invasionstruppen zu finanzieren. Dadurch wurde zur Verlängerung und Intensivierung der Konflikte beigetragen. Benthuis hatte sich davon längst distanziert und unterstützte seit Jahren Menschenrechtsorganisationen. Auch, um Jan Benthuis‘ Gewissen zu beruhigen. Er hatte sich in den alten Firmenunterlagen über die Vorgehensweise und Geschäfte seines Vaters und Großvaters informiert, als die Vorwürfe immer lauter wurden. Und ja, es gab einige dunkle Flecken in der Firmenpolitik, die er persönlich nicht zu verantworten hatte. Trotzdem fühlte er sich schuldig und änderte die Geschäftspolitik von Grund auf, als er die Firma von seinem Vater nach dessen frühen Tod übernahm.
Die Firma Sieveding war in Luxemburg ansässig. Sie wurde 1991 verkauft, als die Geschäftspraktiken des Firmeninhabers publik wurden. Der alte Sieveding kaufte nicht nur im großen Stil Konfliktdiamanten, sondern unterhielt selbst eine Diamantenmine im afrikanischen Kongo, deren Betreibung den Menschenrechten widersprach. Die Medien überschlugen sich damals mit Negativberichten, was den Verkauf von Diamanten für einige Monate in den Keller fallen ließ. Sieveding war damals 64 Jahre alt und bekam einen Nervenzusammenbruch. Niemand glaubte ihm, dass er nicht wusste, was im Kongo vor sich ging und beteuerte vergeblich seine Unschuld. Er behauptete, nie mit den Käufen zu tun gehabt zu haben und verwies auf seine Einkäufer. Auch die Geschäftsführung der Mine hatte eine im Kongo ansässige Firma übernommen, Sieveding hatte sich scheinbar nie um die dortigen Umstände gekümmert und gab auch hier an, nichts gewusst zu haben. Ob das der Wahrheit entsprach, konnte nie geklärt werden. Als Sieveding die Firma für ein Butterbrot verkaufen musste, starb er nur sechs Monate später und nahm sein Wissen mit ins Grab. Er hinterließ keine Aufzeichnungen oder Geschäftsunterlagen, was im Nachhinein betrachtet gegen seine Unschuld sprach.
1991 konnte Bertrand Denaux die Firma Sieveding übernehmen und tat seitdem alles, um das Image in der Diamantenbranche zu verbessern. Denaux verabschiedete sich vom afrikanischen Markt. Er konzentrierte sich auf den russischen und kanadischen Markt, wo es die meisten Diamantenvorkommen der Welt gibt. Bei einer seiner ersten Reisen nach Russland hatte Denaux Jan Benthuis kennengelernt. Die beiden verstanden sich sofort und arbeiteten seitdem oft zusammen. Beide waren Ende 50 und beide hatten das Problem, dass sie keinen Firmennachfolger hatten. Weder Jan Benthuis, noch Bertrand Denaux hatten Kinder. Benthuis war nie verheiratet und lebte nur für die Firma, und Denaux machte sich nichts aus Frauen. Oft saßen sie zusammen und dachten darüber nach, was aus ihren Firmen werden würde, wenn sie nicht mehr konnten. Obwohl beide Lebensgeschichten sehr unterschiedlich waren, einte sie einiges: Beide mussten wegen der Vergangenheit ihrer Firmen viel Zeit und Mühe aufwenden, um wieder nach oben zu kommen, was ihnen nach Jahren mühevoller Arbeit auch gelang. Ihrer beider Leben drehte sich nur um Diamanten, beide liebten die funkelnden, wertvollen Steine und waren Experten auf dem Gebiet. Unabhängig voneinander schafften sie es, ihre Firmen aus den roten Zahlen zu holen, was sie sehr stolz machte. Die Geschäfte liefen seit Jahren zwar nicht schlecht, könnten aber sehr viel besser laufen. Eigentlich hätten sich die beiden ihren Ruhestand mehr als verdient, aber sie hatten eine Verantwortung ihren Mitarbeitern gegenüber. Sie waren sich nicht nur in ihrem Geschäftssinn sehr ähnlich, sondern auch in ihrer Einstellung zu Pflicht und Verantwortung.
Auch der nächste Messetag lief reibungslos und war ebenfalls sehr erfolgreich. Dass das vorerst der letzte Tag sein würde, an dem sie unbeschwert miteinander umgingen, konnten sie noch nicht wissen.
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