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Allerdings darf das kapitalistische Expansionsparadoxon weder mit einem Zusammenbruchsautomatismus noch mit einer überhistorischen Steigerungslogik verwechselt werden, die das System aus sich heraus an eindeutig fixierbare absolute Grenzen seiner Entwicklungsfähigkeit treiben würde. Der Zeitpunkt für einen möglichen Systemkollaps lässt sich, das belegt die Geschichte des Kapitalismus, immer wieder aufschieben und mithilfe von Selbststabilisierungsmechanismen über lange Zeiträume hinweg in die Zukunft verlagern. Das Finanz- und Kreditsystem, der Unternehmens-Innovationsnexus, Wohlfahrtsstaat und organisierte Arbeitsbeziehungen, Institutionen der Lebensproduktion sowie nicht zuletzt die Regulationen von Naturverhältnissen stellen solche Selbststabilisierungsmechanismen dar. Sie lassen gesellschaftliche Regulationsweisen entstehen, die unterschiedliche Spielarten des Kapitalismus möglich machen. Jede evolutionäre Weiterentwicklung von Selbststabilisierungsmechanismen fordert jedoch ihren Preis. Stets wird sie von einer neuerlichen Stimulierung expansiver Kräfte und einer Verschiebung des damit verbundenen Krisen- und Destruktionspotenzials begleitet. Selbstverständlich kann der Kapitalismus sterben. Sein Ende tritt aber nicht infolge eines plötzlichen Herzstillstandes mit nachfolgendem Systemkollaps ein. Die Überwindung dieser Gesellschaftsformation muss aktiv, in ausdifferenzierten Feldern und damit sozial, kulturell und politisch herbeigeführt werden. Sie benötigt die erfolgreiche Ausbildung und Ausübung sozialistischer Handlungsfähigkeit oder vergleichbarer antikapitalistischer Impulse, andernfalls kann selbst ein Kapitalismus mit akutem Katastrophenpotenzial sehr lange überleben.
Historisch betrachtet, thematisiert der Landnahmebegriff eine Entwicklung, die während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, dem imperialen Zeitalter, einsetzte. Seit dieser Zeit werden Tempo und Wachstumsdynamik der Weltwirtschaft von kapitalistischen Kernstaaten vorgegeben, die den großen »Rest« der Welt beherrschen. Erst der Aufstieg von Schwellenländern, allen voran der Chinas, hat eine gewisse Trendumkehr eingeleitet. Das aus der ungleichen Entwicklung resultierende Privileg, in einem reichen Land geboren zu sein, hat über Jahrzehnte hinweg und in wachsendem Maße die Komposition globaler Ungleichheit bestimmt, und es ist eine, wenngleich nicht die einzige Ursache für weltweite Migrationsströme und zwischenstaatliche Konflikte.5
Rosa Luxemburg war eine der ersten marxistischen Theoretiker:innen, die diese Gleichzeitigkeit ungleicher Entwicklungen systematisch analysiert haben. Das strukturelle Problem der erweiterten Reproduktion des Kapitals besteht nach ihrer Auffassung darin, dass es für den zusätzlich erzeugten und sodann zumindest teilweise kapitalisierten Mehrwert der jeweils vorausgegangenen Produktionsperiode keine zahlungsfähige Nachfrage innerhalb interner kapitalistischer Märkte der Nachfolgeperiode geben kann. Der Sozialgeograf David Harvey hat das treffend als »Kapitalüberschuss-Absorptionsproblem«6 bezeichnet. Gemeint ist ein Komplex basaler Ursachen, der das Expansionsstreben des Kapitals antreibt. Das strukturelle Missverhältnis von anlagesuchendem Kapital und aufnahmefähigen Märkten erzeugt einen systemischen Wachstumsdrang, aber eben auch eine gegenläufige Tendenz in Gestalt periodisch auftretender und teilweise auch länger anhaltender Krisen.7
Dieses strukturelle Ungleichgewicht zwingt nach Auffassung von Rosa Luxemburg zur Ausdehnung von Absatzmärkten auf nichtkapitalistische Milieus: Die Akkumulation des Kapitals bleibe jederzeit an »nichtkapitalistische Kreise gebunden«8 und erst durch Einverleibung von nichtkapitalisierter Arbeitskraft und Erde erwerbe das Kapital »eine Expansionskraft«, die es ihm erlaube, »die Elemente seiner Akkumulation auszudehnen jenseits der scheinbar durch seine eigene Größe gesteckten Grenzen«.9 Der Kapitalismus, so die Zuspitzung Luxemburgs, sei die erste Wirtschaftsform mit der Tendenz, »sich auf dem Erdrund auszubreiten und alle anderen Wirtschaftsformen zu verdrängen«.10 Er sei aber auch die erste Gesellschaftsformation, die »allein, ohne andere Wirtschaftsformen als ihr Milieu und ihren Nährboden, nicht zu existieren« vermag.11 Je erfolgreicher sie expandiere, desto näher rücke der Zeitpunkt, an dem sie an ihrer inneren Unfähigkeit zerschellen müsse, eine »Weltform der Produktion«12 zu sein.
Luxemburg hat diese Überlegung zu einer Theorie externer Mehrwertrealisierung ausgebaut und versucht, damit den Imperialismus ihrer Zeit zu erklären. Dieser Ansatz ist aufgrund seiner immanenten Schwächen und logischen Fehlschlüsse nicht zu halten.13 Löst man sich jedoch von der engen politökonomischen Interpretation, öffnet sich der Blick für »eine völlig eigenständige Betrachtungsweise von Gesellschaftsformationen«, die »im Gegensatz zu den linearen und evolutionistischen Auffassungen von ›Fortschritt‹« steht, wie sie bei Engels anklingt.14 Diese eigenständige Betrachtungsweise impliziert, eine begrenzte Pluralität an sozialen Antagonismen und Ausbeutungsverhältnissen als gleichgewichtig anzuerkennen. Mit der systematischen Berücksichtigung nichtkapitalistischer Milieus nimmt Rosa Luxemburg eine Kapitalismusdefinition vorweg, wie sie später von Fernand Braudel und der Weltsystemtheorie formuliert worden ist. Das »Raster der Weltwirtschaft« zeigt »sozial gesehen das Nebeneinander der verschiedenen ›Produktionsweisen‹ von der Sklavenhaltung bis zum Kapitalismus auf, der nur im Kreise der anderen, auf Kosten der anderen« existieren kann.15 Verschiedene »Methoden der gesellschaftlichen Ausbeutung lösen einander ab, ergänzen sich letztlich gegenseitig«.16 Diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen prägt auch die internen Austauschbeziehungen nationaler Kapitalismen; innere, das heißt sich in den Grenzen nationaler Gesellschaften vollziehende Landnahmen nichtkapitalistischer Produktionsweisen und Lebensformen sind jederzeit möglich. Im Grunde, so der Nestor der deutschen Arbeitssoziologe, Burkart Lutz, lässt sich jeder Wachstumsschub kapitalistischer Ökonomien als Landnahme verstehen, die mit der erfolgreichen Durchsetzung zugleich ihre sozioökonomischen und kulturellen Voraussetzungen unterminiert.17
Den basalen Modus Operandi kapitalistischer Landnahmen hat Thomas Morus in Utopia mithilfe des einprägsamen Bildes von menschenfressenden Schafen eindrucksvoll beschrieben. Gemeint ist eine Enteignungspraxis, bei der die Herrschenden den Pächtern das Weideland nehmen, um es für die profitablere Viehzucht zu nutzen:
[…] da lassen sich die Edelleute und Standespersonen und manchmal sogar die Äbte, heilige Männer, nicht mehr genügen an den Erträgnissen und Renten, die ihren Vorgängern herkömmlich aus ihren Besitzungen zuwuchsen; nicht genug damit, dass sie faul und üppig dahinleben, der Allgemeinheit nichts nützen, eher schaden, so nehmen sie auch noch das schönste Ackerland weg, zäunen alles als Weiden ein, reißen die Häuser nieder, zerstören die Dörfer, lassen nur die Kirche als Schafstall stehen und – gerade als ob die Wildgehege und Parkanlagen nicht schon genug Schaden stifteten – verwandeln diese trefflichen Leute alle Siedlungen und alles angebaute Land in Einöden. Damit also ein einziger Prasser, unersättlich und wie ein wahrer Fluch seines Landes, ein paar tausend Morgen zusammenhängendes Ackerland mit einem einzigen Zaun umgeben kann, werden Pächter von Haus und Hof vertrieben: durch listige Ränke oder gewaltsame Unterdrückung macht man sie wehrlos oder bringt sie durch ermüdende Plackereien zum Verkauf […].18
Thomas Morus beschreibt das Bauernlegen, die Einfriedung und private Inbesitznahme von Ackerland, die Marx später als ursprüngliche Akkumulation des Kapitals analysiert. Dabei handelt es sich um die historische Grundform kapitalistischer Landnahmen. Offene Gewaltanwendung zum Zwecke der Enteignung ist keineswegs das bestimmende Kriterium. Der entscheidende Punkt ist vielmehr die künstliche Verknappung von etwas, das zuvor, wenn nicht im Überfluss, so doch reichlich vorhanden war. Im Beispiel des Thomas Morus ist das Grund und Boden, der sich als Ackerland nutzen lässt. Dessen Verknappung erfolgt durch Anwendung eines Verfahrens, das Hannah Arendt hellsichtig vom »Besitz als einem dynamischen Prinzip«19 sprechen lässt. Die kapitalistische Aneignung eines nichtkapitalistischen Anderen ist von ihrer inneren Logik her betrachtet unendlich. Stets verlangt sie nach immer mehr Boden, Arbeitskraft, Geld und – wie wir noch sehen werden – nach Wissen und persönlicher Erfahrung. Denn Kapital, das sich, um Kapital sein zu können, permanent vermehren muss, sucht beständig nach neuen Anlagesphären.
Im Vollzug dieser expansiven Bewegung entstünden, so Luxemburg, die »seltsamsten Mischformen zwischen modernem Lohnsystem und primitiven Herrschaftsverhältnissen«20, wie das »Zerbröckeln« traditioneller Natural- und Bauernwirtschaften zeige. Als Beispiele nennt Luxemburg die »planmäßige, bewusste Vernichtung und Aufteilung des Gemeineigentums«, die die französische Kolonialpolitik in ihren arabischen Kolonien vornahm21, oder die »Zwangslohnarbeit«, welche spanische Eroberer zur Ausbeutung der indigenen Bevölkerung Lateinamerikas einführten.22 Ein aus heutiger Sicht besonders eindrucksvoller Fall ist die Zwangsarbeit ägyptischer Fellachen, die zur Finanzierung von Staatsanleihen beim internationalen Finanzkapital genutzt wurde.23 Landnahme bedeutet in den genannten Beispielen, dass unterschiedliche Formen unfreier, prekärer und nur teilweise kommodifizierter Arbeit über längere historische Perioden hinweg konserviert, neu kombiniert und so als Arbeit für das Kapital genutzt werden. Es bilden sich hybride Verbindungen aus Lohnarbeit und vorkapitalistischen Arbeitsformen in unterschiedlich strukturierten Märkten heraus, deren »Stoffwechsel« dominanten Akteuren Extragewinne verspricht.
Ausbeutung von lebenspendender Arbeit
Wichtig für den hier interessierenden Zusammenhang ist die Feststellung, dass die kapitalistische Dynamik eine Doppelgestalt besitzt. Die eine Bewegung setzt sich in den Produktionsstätten des Mehrwerts, in den Fabriken, der durchkapitalisierten Landwirtschaft und auf den Warenmärkten durch. Hier reproduziert sich der Kapitalismus weitgehend auf seinen eigenen Grundlagen. Ausbeutung – ich bezeichne sie als primäre, weil formationsspezifisch kapitalistische – beruht in der Sphäre des Warentauschs auf dem Äquivalenzprinzip. Es handelt sich keineswegs um bewusste Übervorteilung, denn beim Tausch von Lohn gegen Arbeitskraft werden annähernd gleiche Wertgrößen gehandelt. Das heißt, die Lohnabhängigen bekommen, vermittelt über soziale Kämpfe und eine von ihnen beeinflusste historisch-moralische Dimension des Lohns, ein monetäres Äquivalent, das in etwa dem gesellschaftlich konstituierten Wert ihrer Arbeitskraft entspricht. Die korrespondierende Bewegung setzt sich in Märkten durch, in denen Austauschbeziehungen mit nichtkapitalistischen Produktionsweisen, Schichten und Territorien bestehen.24 In diesen äußeren, nichtkapitalistischen Märkten, die es auch innerhalb nationaler Gesellschaften gibt, gilt das Prinzip des Äquivalententauschs allenfalls eingeschränkt. Hier herrschen Disziplinierung, rassistische und sexistische Abwertung, Willkür und zum Teil offene Gewalt. Ausbeutung beruht in diesen Märkten auf diversen Formen eines ungleichen Tauschs. Das heißt, die durchschnittlichen Standards für die Reproduktion der Arbeitskraft werden mittels außerökonomischer Disziplinierung systematisch unterboten. Weil solche Aneignungsformen auch schon vor dem Kapitalismus existierten, können sie als Varianten sekundärer Ausbeutung bezeichnet werden.
Mit dieser Unterscheidung ist keineswegs gesagt, dass sekundäre Ausbeutungsmechanismen lediglich Nebenformen darstellen, die weniger bedeutsam wären als die primäre kapitalistische Ausbeutung. Das Gegenteil ist richtig, weil die kapitalistische Dynamik jederzeit beide Bewegungs- und Ausbeutungsformen umfasst. Außerökonomischer Zwang kann nach Rosa Luxemburg auch mit dem Ziel ausgeübt werden, soziale Gruppen, Territorien oder ganze Staaten zumindest zeit weilig in einem vorkapitalistischen oder weniger entwickelten Stadium zu halten. Landnahmen verschieben die Grenzen zwischen inneren kapitalistischen und äußeren nichtkapitalistischen Märkten. Es handelt sich aber nicht um eine lineare Inwertsetzung von »neuem Land«. Vielmehr tragen Landnahmen stets die Möglichkeit zu gesellschaftlicher Regression durch Überausbeutung, Prekarisierung und ungleichen Tausch, aber auch zur Stimulierung progressiver Gegenbewegungen in sich.
Bei dieser Erkenntnis darf eine Landnahmetheorie, die sich mit dem modernen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts befasst, aber nicht stehen bleiben. Rosa Luxemburgs Reproduktionsmodell zielt trotz aller Differenzierungen in erster Linie auf bezahlte Erwerbsarbeit. Ausbeutung erstreckt sich heute aber auf alle menschlichen Arbeitsvermögen. Dazu gehören verschiedenste Tätigkeiten jenseits der bezahlten Lohnarbeit – etwa die Eigenarbeit, die zweckfreie Tätigkeit in der Freizeit, die unbezahlten Sorgearbeiten, die Arbeit von Konsument:innen sowie die Koordinationsarbeit, die nötig ist, um die verschiedenen Lebensbereiche auszubalancieren. Ausbeutung bezieht sich heutzutage auf Arbeit in einem weiten Sinne, es geht um Arbeit als lebenspendenden Prozess. Ausbeutung erstreckt sich nicht allein auf Lohn- oder andere Formen bezahlter Erwerbsarbeit. In der Tendenz werden sämtliche Tätigkeitsformen zum Ausbeutungsobjekt. Wer eine Suchmaschine im Internet bedient oder ein Smartphone benutzt, hinterlässt in der Regel eine Datenspur, die von High-Tech-Unternehmen für kommerzielle Zwecke genutzt werden kann. Die unbezahlte Arbeit Ehrenamtlicher, die dazu beiträgt, Pflegeeinrichtungen am Leben zu halten, zugleich aber auch niedrige Pflegesätze ermöglicht, ist ebenfalls Gegenstand von Ausbeutung. Und selbst das Freizeitvergnügen mit einem Videospiel kann den Internetkonzernen zu wertvollen Innovationen verhelfen, ist mithin ausbeutbar. All diese Tätigkeiten sind, weil direkt oder indirekt profitabel, vom Standpunkt des Kapitals oder des aneignenden Staates aus betrachtet, produktive Arbeit.
Die ökonomisch-ökologische Zangenkrise
Nicht allein bezahlte Lohn- und Erwerbsarbeit, sondern Arbeit als lebenspendender Prozess bestimmt auch den Stoffwechsel mit der außermenschlichen Natur. In ihrer kapitalistischen Anwendungsform haben sich verschiedene Bereiche eigentlich lebenspendender Arbeit jedoch mehr und mehr in eine ökologische Destruktivkraft transformiert. Neben der Erwerbsarbeit sind zunehmend auch die Freizeittätigkeiten, die Konsum- und Statusarbeiten an Störungen der Gesellschafts-Natur-Beziehungen beteiligt. Bei der Metamorphose dieser Tätigkeiten handelt es sich über längere Zeiträume hinweg um einen graduellen Prozess, der mit dem Übergang zum industriellen Kapitalismus einsetzt. Permanente und beschleunigte Interventionen in den arbeitsvermittelten Metabolismus von Mensch und Erde, die dem schrankenlosen Bedürfnis des Kapitals nach Aneignung von Mehrarbeit entspringen, setzen erst mit der Industrialisierung ein. Die Entstehung des Industriekapitalismus fällt mit dem Übergang zu raschem, permanentem Wirtschaftswachstum zusammen. Anfangs überwiegen die Vorteile der industriell-kapitalistischen Produktionsweise. Über Verteilungskonflikte vermittelt, können auch erhebliche Teile der beherrschten Klassen in den industriellen Zentren vom Produktivitätswachstum profitieren.
Doch die kapitalistische Nutzungsform deformiert die Produktivkraftentwicklung. Technologie und Technik werden in einer Weise entwickelt, die lineare und vor allem beschleunigte Eingriffe in ökologische Kreisläufe erfordert. End-of-Pipe-Technologie sorgt dafür, dass Naturzerstörung nicht schon bei ihrer Entstehung und ihren Ursachen, sondern erst mit Eintreten ihrer schädigenden Wirkungen bekämpft wird. Solche Fehlentwicklungen sind Ausdruck eines ökologischen Bruchs, den Marx und Engels in seiner Ursprungsform durchaus gesehen haben. Um diesen Bruch zu analysieren, nutzt Marx den Metabolismusbegriff, den er von dem Chemiker Justus von Liebig übernommen hat. Metabolismus »erfasst den komplexen biochemischen Austauschprozess, durch den ein Organismus (oder eine bestimmte Zelle) Material und Energie aus seiner Umgebung bezieht und diese durch verschiedene metabolische Reaktionen in Bausteine des Wachs tums verwandelt«.25 Marx verwendet diesen Begriff, um Arbeit als lebenspendenden Prozess zu begreifen, der die Reproduktion natürlicher Ressourcen einschließt.
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass der häufig als großer Vereinfacher kritisierte Friedrich Engels Marx in der Analyse eines zulasten der Natur gehenden ökologischen Expansionismus in nichts nachsteht. In Die Lage der arbeitenden Klasse in England beschreibt Engels detailliert Luftverpestung, Wasserverschmutzung und die daraus resultierenden gesundheitlichen Probleme als Teil der Lebensbedingungen des Industrieproletariats.26 Unter Berufung auf Schriften Liebigs beleuchtet er in der »Wohnungsfrage« das ökologische Destruktionspotenzial großer Städte.27 Sein Plädoyer für eine Aufhebung des Stadt-Land-Gegensatzes kann mit ein wenig Fantasie durchaus als frühe Vision einer ökologischen Kreislaufwirtschaft gelesen werden. Dementsprechend hat Engels lineares Fortschrittsdenken, das allzu oft als Charakteristikum Marx’scher Theorie attackiert wird, mit harscher Kritik bedacht:
Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, daß sie damit den Grund zur jetzigen Verödung jener Länder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen. […] Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.28
In ihrer Dialektik der Aufklärung argumentieren Horkheimer und Adorno mit kaum größerer Präzision, wenn sie feststellen, dass jeder »Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird«, »nur um so tiefer in den Naturzwang hinein« gerät.29 Allerdings, darauf weisen die beiden Vordenker der Frankfurter Schule mit Recht hin, ist das, was Engels als Vorzug der menschlichen Gattung betrachtet, im entwickelten Industriekapitalismus allenfalls noch eine vage Möglichkeit. Denn trotz und teilweise auch wegen sprunghafter naturwissenschaftlicher Erkenntnisfortschritte befinden wir uns inmitten eines gesellschaftlichen Umbruchs, der als ökonomisch-ökologische Zangenkrise mit lebensbedrohlichem Gefahrenpotenzial bezeichnet werden kann. Dieser Begriff, der dem ökosozialistischen Diskurs entlehnt ist30, hebt hervor, dass sich in der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise zwei langfristige Entwicklungslinien kreuzen, die beide mit der industriellen Revolution eingesetzt haben: rasches und permanentes Wirtschaftswachstum einerseits und beschleunigter Energie- und Ressourcenverbrauch sowie steigende Emissionen andererseits. Sofern Wirtschaftswachstum überhaupt noch generiert werden kann, zehren die mit ihm verbundenen ökologischen und sozialen Destruktionskräfte den äußert ungleich verteilten Wohlfahrtsgewinn nicht nur auf, sondern – und das ist historisch neu – sie kumulieren sich bis hin zu Schwellenwerten, an denen eine irreversible Destabilisierung globaler Ökosysteme einsetzt.
Zangenkrise besagt somit, dass das wichtigste Mittel zur Überwindung ökonomischer Stagnation und zur Pazifizierung interner Konflikte im Kapitalismus, die Generierung von Wirtschaftswachstum nach den Kriterien des Bruttoinlandsprodukts, unter Status-quo-Bedingungen (hoher Emissionsausstoß, hohe Ressourcen- und Energieintensität auf fossiler Grundlage) ökologisch zunehmend destruktiv und deshalb gesellschaftszerstörend wirkt.31 Diese Zäsur ist keine Krise wie jede andere. Sie erfasst alle sozialen Felder und gesellschaftlichen Teilsysteme. Das wird in Begriffen wie dem der multiplen Krise zu Recht thematisiert.32 Die regulationstheoretische Kategorie der großen Krisen kapitalistischer Akkumulation33 bezieht sich freilich auf das gleiche Phänomen und ist zudem historisch präziser, weil sie qualitative Veränderungen kapitalistischer Vergesellschaftung thematisiert.
In der Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus stellen, aus der Perspektive der industriellen Zentren betrachtet, die Große Depression (1873–1895), die Große Weltwirtschaftskrise (1929–1932) sowie die Neue Depression (1973–1974) große Krisen kapitalistischer Akkumulation dar.34 Derartige Krisen können, wie die Große Depression, lange Zeit andauern, weil die genannten Akteurs-Institutionen-Netzwerke ihre Regulationsfunktion nicht mehr erfüllen, ohne dass neue institutionelle Konfigurationen an ihre Stelle treten. In jedem Fall resultieren solch große Krisen aus der zunehmenden Inkompatibilität von Akkumulationsregimen und Regulationsweisen. Sie sind daher immer Krisen von (Re-)Produktionsmodellen, Staatsapparaten, Ideologien, sozialen Regeln und, soweit vorhanden, von demokratischen Institutionen. Es handelt sich, wenn man so will, stets um »multiple« Krisen, denn kein Funktionssystem, kein soziales Feld bleibt unberührt. Auch sind große Krisen kapitalistischer Akkumulation immer Wegscheiden. Sie können dazu führen, dass ein in die Krise geratener alter durch einen neuen Modus Operandi kapitalistischer Landnahmen abgelöst wird. Es kommt, mit Antonio Gramsci gesprochen, zu einer passiven Revolution, zur Revolutionierung des Kapitalismus in den Grenzen kapitalistischer Vergesellschaftung, um auf diese Weise gesellschaftliche Bedingungen für eine neue Prosperität zu erzeugen.
Doch weder das Konzept der multiplen Krise noch das einer großen Krise kapitalistischer Akkumulation genügt, um das Besondere des Umbruchs einzufangen, den wir gegenwärtig erleben. Dies zunächst aus methodologischen Gründen. Krisen sind überwindbare Zustände. Wenn alles andauernd und irgendwie in der Krise ist, wie das Konzept der multiplen Krise nahelegt, macht das den Krisenbegriff eigentlich überflüssig.35 Deshalb ziehe ich eine Begrifflichkeit vor, die eine klare Hierarchie der Krisenursachen beinhaltet. Gegenwärtig sehen wir uns mit einer epochalen Krise der Gesellschafts-Natur-Beziehungen konfrontiert, die mit dem Übergang zu einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän36, verbunden ist. Diese Krise kann dann als überwunden betrachtet werden, wenn es gelungen ist, einen Natur-Gesellschafts-Metabolismus zu etablieren, der die Reproduktionsfähigkeit der Netzwerke menschlichen und außermenschlichen Lebens sicherstellt. Misslingt dies, steht das Überleben der Gattung Mensch in ihren uns bekannten Formen auf dem Spiel.
Anthropozän oder Kapitalozän?
Anthropozän ist eine in den Erdsystemwissenschaften äußerst kontrovers diskutierte Bezeichnung für eine erdgeschichtliche Entwicklung, die dazu geführt hat, dass die Menschheit zum wichtigsten Faktor bei der Reproduktion auch von außermenschlicher Natur geworden ist.37 Erd- und Menschheitsgeschichte können nicht mehr separat gedacht werden, denn die Menschheit selbst ist zu einem »geologischen Faktor« geworden. Insofern darf die Natur nicht als bloßes »Opfer« eines gewinngetriebenen, menschengemachten Imperialismus betrachtet werden; sie ist selbst Agens, verrichtet »Arbeit« und beeinflusst so die Gesellschaft. Die Gesellschaft kann ihrerseits auf unterschiedliche Weise intervenieren. Anthropozän heißt zwar, dass die Menschheit ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstören kann. Sie hat es aber auch in der Hand, einen Gesellschafts-Natur-Metabolismus zu etablieren, der das instrumentelle Verhältnis zu Naturressourcen und nichtmenschlichen Lebewesen überwindet.
Weil die Störungen des Erdmetabolismus in der Gegenwart nahezu ausschließlich von kapitalistischen Gesellschaften ausgehen, halten Sozialwissenschaftler wie Jason Moore die Bezeichnung Kapitalozän für angemessener. Der Kapitalismus selbst müsse als weltökologisches System begriffen werden. Nicht trotz, sondern wegen des hohen Vergesellschaftungsniveaus der Arbeit träten die Naturschranken der Akkumulation wieder stärker hervor. Moore wertet dies als »ein Indiz dafür, dass wir wohl nicht nur einen Übergang von einer Phase des Kapitalismus zu einer anderen erleben, sondern etwas Epochaleres: den Zusammenbruch jener Strategien und Verhältnisse, die in den letzten fünf Jahrhunderten die Kapitalakkumulation aufrecht erhalten haben«.38




