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Schlossgeist! Weste ist ganz Ohr und kommandiert: „Auf zur Burg!“
Wir ziehen bis zu einer zerfallenen Mauer, klettern durch eine Spalte und befinden uns auf einem verwinkelten Hof, der auf einer Seite von der Burg begrenzt wird. Ein düsterer quadratischer Bau mit winzigen Fenstern, an drei Ecken efeuumrankte Türmchen. Hinter einem der Fenster, wissen wir, ist das Büro des Schlossgeistes. Im Sommer campiert er dort auf einem Feldbett und ernährt sich von Beutelsuppe und löslichem Kaffee. Der Schlossgeist ist natürlich kein Geist, sondern ein dürres, langbärtiges Männchen, das eher an Rumpelstilzchen erinnert und Herr Machade heißt. Herr Machade ist uns manchmal nicht geheuer. Einesteils kann er ganz nett sein und weiß allerhand Geschichtliches zu erzählen. Andererseits mag er es nicht, wenn wir Kinder ihm zu dicht auf die Pelle rücken.
Weste stemmt die schwere Tür auf. Es quietscht erbärmlich. Und schon steht Herr Machade vor uns, in der Hand ein Riesenschlüsselbund. „Was wollt ihr denn hier?“
Vor Wochen war es uns gelungen, Herrn Machade in seinem Büro zu beobachten. Durch die einen Spalt geöffnete Tür sahen wir, wie er mit einer Lupe in irgendwelchen Papieren las. Ich musste an die Geschichte von der Schatzinsel denken, wo ein alter Seeräuber auf einer Landkarte den Ort eines Schatzes findet.
„Entschuldigung, Schloss..., äh, Herr Machade.“ Jule legt ein artiges Lächeln auf, das hat sie drauf. „Wir sind zufällig vorbeigekommen.“
Machade meckert auf. „Zufällig, aha. Jetzt ist keine Öffnungszeit.“
Tim, den wir Professor nennen, er hat auf dem Zeugnis 'ne Latte Einsen, Professor Tim drängt sich vor, schüttelt ihm die Hand und erklärt angeberisch, dass wir „wissbegierig“ sind. Mann, Herr Machade muss das gefallen, denn er lädt uns zu einer Besichtigung ein. „Habe da Interessantes. Aber unbedingt Stillschweigen bewahren, verstanden.“
„Haben Sie einen Schatz gefunden?“, frage ich.
Herr Machade zeigt ein unergründliches Lächeln und führt uns in einen großen Raum. Das war sicher mal der Raubrittersaal. Ein langer Tisch, überall Bauschutt, an der Wand lehnt eine Leiter, Plastesäcke liegen herum.
„Und?“ Tim hampelt herum.
Herr Machade grinst, schiebt mit dem Fuß zwei Säcke beiseite, zieht an einem in der Wand eingelassenen eisernen Ring. Knarrend öffnet sich eine Tür. Herr Machade winkt uns heran. Ein schmaler Gang, halb zerfallene Wände, Spinnweben. Drei Stufen abwärts, eine weitere Tür – bräunliche Balken, ein rostzerfressener Riegel. Als er den Riegel zurückschiebt, halten wir den Atem an. Es kratzt und rumpelt schauerlich.
Eine kleine Kammer. Vor einer abgeblätterten Wand, an der eine Zeichnung zu erkennen ist, steht eine eisenbeschlagene Truhe.
„Ja, guckt nur, guckt.“ Herr Machades langer Bart wippt.
Wir schieben uns heran.
„Herrliche Wandmalerei“, haucht Machade, „ich schätze, die ist ganz alt, vielleicht 14. Jahrhundert.“
Wir sagen nichts. Machade scheint zu bemerken, dass uns die Wandmalerei nicht gerade vom Hocker reißt. Eifrig erklärt er: „Die Wandmalerei ist ein großes Rätsel.“ Machade zeigt auf einen Fleck rechts oben auf der Zeichnung. „Ich denke, wir stehen hier vor einem großartigen geschichtlichen Zeugnis.“ Er lachte geheimnisvoll auf und stiert dann auf die Truhe, so dass uns kribblig wird.
„Lieber Herr Machade“, schleimt Jule, „das ist eine interessante Truhe. Kann man die öffnen?“
Herr Machade schaut zu Boden. Einesteils ist er wohl der Ansicht, dass uns das nichts angeht, andererseits – wir spüren das – juckt es ihm in den Fingern. Er wuchtet tatsächlich den Deckel auf. Es glitzert und funkelt. Wir kriechen fast in die Truhe rein, jedenfalls mit den Augen. Sehen verzierte silberne Kerzenständer, sehen Ringe, glänzend, edelsteinbesetzt, erblicken schillernde Halsketten.
Links liegt ein altes, verrußtes, abgebrochenes Brett. Ich presse mich noch ein Stückchen weiter heran, das Brett ist schmal und geschwungen. Wie ein Schlangenkopf mit Krone. Ich drehe das Brett herum, auf der Rückseite sind Buchstaben ins Holz geritzt, ich buchstabiere: „W – U – Z.“
„Schluss, Kinder“, schimpft Schlossgeist, nimmt mir mit unfreundlichem Blick das Brett weg, legt es behutsam in die Truhe zurück, klappt sie zu. „Nochmals: Stillschweigen bewahren!“ Er scheucht uns zur Tür. Draußen fällt mir ein, dass wir gar nicht nach dem Raubritter Genollek gefragt haben.
Auf dem Rückweg hat es uns die Sprache verschlagen. Die Mädchen denken bestimmt an den prächtigen Schmuck in der Truhe, und der Professor stößt aus: „Das muss wissenschaftlich erforscht werden.“
5
BILLERBACHS MITTELPUNKT IST EINDEUTIG DER FRÜHLINGSPLATZ MIT DEM SPRINGBRUNNEN. An der linken Seite des Platzes befindet sich der Supermarkt, rechts steht eine stuckverzierte Villa. Daneben das Café Sorgenfrei. Fast alle Erwachsenen arbeiten im Werk und in der Grube. Als Baggerfahrer, Bergmänner, Fabrikarbeiter, Energieerzeuger. Das schweißt zusammen.
Bei dem Wort zusammenschweißen muss ich unwillkürlich an unseren Barbaratag denken. Die Barbara soll eine heilige Frau gewesen sein. Ja und, was hat das mit Billerbach und zusammenschweißen zu tun? Klar, das hat was damit zu tun, denn am Barbaratag finden sich alle Einwohner zu einer mächtigen Sause zusammen. Die heilige Barbara, erklärt mir Mutter, ist geschichtlich gesehen Freund und Helfer der Bergleute. Darum wird in Billerbach ein Barbaratag gefeiert. Schon Tage vorher stellt der Bauhof auf dem Frühlingsplatz lange Reihen Tische und Bänke auf und eine Bühne und eine Hüpfburg. Kioske werden errichtet für Bier und Zuckerwatte und für Spielzeug. Eine Rummelplatztruppe baut ein großes und ein kleines Karussell auf. Und dann, am Sonntag, zieht jeder bei uns, der laufen kann, zum Frühlingsplatz. Das ist so, als ob eine große Familie zusammenkommt. Backe an Backe auf den langen Bänken. Der mickrige Herr Hagedorn spendiert Bier und für alle Kinder Fanta. Der Baggerfahrer Ollfried mit dem goldenen Eckzahn singt wie in jedem Jahr mit Schmalz in der Stimme das Lied „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt“, und Frau Müchelschmitt lacht und lacht. Großer Zusammenhalt.
Habe ich etwa behauptet, dass alle unsere Väter im Braunkohlenwerk arbeiten? Halt, das stimmt nicht ganz, es gibt Ausnahmen. Jules Vater zum Beispiel beschnattert neuerdings als Staubsaugervertreter die Hausfrauen, und Tims alter Herr ist ganz ohne Arbeit. Ich begegne ihm manchmal, sitzt knittrig unterm Sonnenschirm vor dem Schluckspecht, neben sich eine große Zeitung und eine Büchse Bier.
„Die brauchen nicht mehr so viele Kohlearbeiter“, erläuterte mir Tim, „das macht meinen Vater kaputt.“
Außerdem existiert noch der Stab der Lehrer und Rentner.
Am Tag nach dem diesjährigen Barbarafest ist so ein prima Wetter, dass sich unsere Truppe am See versammelt. Diesmal hat sich Ralf Breidenbarth hinzu gesellt. Wir haben so ein komisches Gefühl – Ralf möchte zu uns gehören. Wir sind erst einmal vorsichtig, kennen ihn ja gar nicht richtig, wissen nur, dass er seit einigen Wochen bei seinen Verwandten, den Happs in der Veilchenstraße wohnt. Ralf ist sehr zurückhaltend, kommt aus einem blitzeblanken Dörflein in den Bergen. Sein Vater ist, wie er uns stockend erzählt hat, „davongelaufen“, die Mutter liegt in der Klinik.
Wir also am See. Der Raubritter Genollek geht uns noch immer nicht aus dem Kopf. Tim ist ganz zappelig, möchte dieser geheimnisvollen Sache unbedingt nachspüren und fährt auf einmal in die Höhe. „Ob Emma etwas darüber was weiß?“
„Psst“, Jule legt einen Finger auf den Mund und weist mit einem Kopfnicken auf Ralf. „Topsecret.“
Plötzlich dringt aus Richtung Frühlingsplatz Krach zu uns, wird immer lauter und wir rennen hin. Noch stehen die Tische und Bänke und die zwei Karussells. Aber was ist das, ein helmbedeckter Mann wummert mit einer gigantischen Bohrmaschine an der steinernen Brüstung des trockengelegten Brunnens herum. Brocken stieben nach links und nach rechts. Herr Bodeslawski, unser Bürgermeister, beugt sich vor, den Mund verkniffen. Starrt zu dem Mann mit dem Helm und dem Bohrer, schnauft auf, wendet langsam und guckt zum Cafe, das halb wie ein Märchenschloss, halb wie eine Lagerhalle aussieht. Über dem breiten Eingang prangt eine steinerne Rose mit einem künstlerischen Blumenkranz drum rum. Ein Ungetüm von Raupenfahrzeug bellt auf, verbeißt und verkeilt sich in die Terrasse von Sorgenfrei. Im Hintergrund lauert ein Lastkraftwagen. Dessen Motorhaube erinnert mich an die lange Nase meines Onkels Helmut. Frauen stehen da, bekommen kein Wort hervor. Nur die schmächtige Frau Müchelschmitt spuckt Gift und Galle. „Schauderhaft, wie im Krieg!“ Einige Schritte entfernt hat Tims Vater eine Art Beobachterposten bezogen. Sein Blick ist irgendwie leer, die Verwüstung muss ihm an die Nieren gehen.
Jule wühlt sich durch den Schutt. „Was machen Sie?“, schreit sie den Mann in der Fahrerkabine der Raupe an. Der hört nichts, jedenfalls zeigt er keine Reaktion.
„Ihr Hundesöhne!“, gellt es auf einmal über den Platz. Wir drehen uns um. Etwas abseits ist Frau Warsönke auf einen Klappstuhl geklettert und winkt wie wild.
Emma Warsönke ist die älteste Einwohnerin Billerbachs. Schon ihr Großvater hat in der Grube, im Schacht „Henriette“ gearbeitet. Sie ist in Billerbach nicht wegzudenken. Emma ist hilfsbereit, sie macht Babysitter, hat, als sie dazu noch in der Lage war, freiwillig den Frühlingsplatz gekehrt, und sie passt auf, dass die Angestellten im Gemeindeamt nicht, wie sie sagt, “übermütig“ werden. Sie getraut sich auch, den Bürgermeister offen zur Rede zu stellen, wenn sie es für erforderlich hält. In der letzten Zeit ist sie aber ruhiger geworden. Jetzt steigt die alte Frau in der dunkelblauen Kittelschürze ungelenk vom Klappstuhl. Wäre bald hingefallen. Lea und Jule springen herbei und setzen sie auf den Stuhl. Emma Warsönke reißt den Mund auf, will etwas sagen, senkt den Kopf. Sie weint. Die Mädchen streichen ihr über die Schultern.
Der Helmmann tobt mit seinem großen Bohrer gnadenlos umher. Viehisches Getöse. Langsam fährt der Laster mit der Onkel-Helmut-Motorhaube heran. Was jetzt? Ich zottele zum LKW, bin dicht dran, das Auto muss stoppen. Der Fahrer steckt seinen Kopf aus dem Fenster. „Junge, pass bloß auf.“
Die Frauen rücken näher, Proteste werden laut. Frau Müchelschmitt schimpft wie ein Rohrspatz.
„Saubande.“
Für einen Augenblick habe ich den Eindruck, dass auch Weste etwas sagen will. Er nickt Frau Müchelschmitt wie bei einer Verschwörung zu und hebt den Arm. Der Bohrer verstummt, der Fahrer beugt sich wieder aus dem Fenster. „Meinje, Leute, regt euch nicht auf. Euer Nest ist sowieso bald von der Landkarte verschwunden.“
„Von der Landkarte verschwunden? Das gibt es doch gar nicht!“, brüllt der dünne Ralf Breidenbarth fassungslos.
Ralf macht Aufruhr, das haut mich fast um! Als ich ihn vor Tagen auf dem Frühlingsplatz traf, war er wie immer ziemlich zugeknöpft. Ich hatte nicht vor, ihn wunder wie herzlich in die Arme zu nehmen und grüßte nur oberflächlich. Was passierte? Ralf zupfte mich am Ärmel und guckte mich so merkwürdig an. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Er zog mich nach links zu den drei großen Steinen. Auf einen drückte er mich nieder, auf den Brocken daneben setzte er sich. Und wir hielten die Klappe, was mir gar nicht so leicht fiel, dieses seltsame Geschweige ging mir auf den Keks und ich deutete nach einer Weile auf unsere steinernen Sitze. „Das sind Findlinge.“
Ralf dachte nicht daran, begeistert zu sein. Warum auch? Viele Billerbacher aber sind stolz auf die drei Klötzer. Arbeiter hatten sie aus der Kohlengrube hier her gebracht. Die sind wie ein Denkmal. „Ralf, Findlinge sind was Besonders, die wurden in der Eiszeit bis zu uns transportiert.“
„Aha“, antwortete Ralf abwesend, und auf einmal geschah etwas Unerwartetes – Ralf heulte. Verdammt, was war denn nun los? Ich reichte ihm ungeschickt ein ungebrauchtes Tempotaschentuch, das ich zufällig in der Tasche hatte. Ralf schnaubte, und plötzlich befiel mich eine Ahnung – hat Ralf etwa Heimweh?
Es war kein Zufall, dass ich auf einmal daran dachte, wie spöttisch Ralf lachen musste, als Tim von unserem Rodelberg schwärmte. Die „Todesbahn“ an der dreißig Meter hohen Sandkippe, Billerbacher Alpen genannt, war für Ralf ein Witz. Er hatte damals abgewinkt und aufgekratzt von der Sprungschanze bei sich zu Hause im Grünen Grund geredet. „Schanzenrekord hält ein Norweger, 86 Meter.“ Genau so hingerissen war Ralf, als er mal auf den Schnitzer Wuttke aus seinem Dorf stotternd und rot im Gesicht einging. „Schnitzen ist bei uns Tradition. Schon unsere Vor-Vorfahren zogen mit einem Karren auf die Märkte und verkauften ihre Schnitzereien.“
Das hat Ralf übrigens den Spitznamen „Löffelschnitzer“ eingebracht.
Jetzt stürmt er wie ein Hase im Zickzack über den Platz, umkurvt Emma auf ihrem Klappstuhl, rennt zu den Resten des Springbrunnens, verheddert sich in einer Rolle Stacheldraht, die aus mir unerklärlichen Gründen dort liegt, fliegt der Länge nach hin. Rein in die Steinbrocken und zerfetzt das rechte Hosenbein. Er blutet. Drei Frauen hasten zu ihm, Lea und Jule hinterher.
„Nun reicht es aber“, schnauzt Bürgermeister Bodeslawski.
„Ein Arzt muss her“, schreit eine Frau.
Herr Bodeslawski stampft in sein Amt im Seitenflügel der großen Villa. Nach kurzer Zeit braust ein Rot-Kreuz-Wagen heran und bringt Ralf weg. Die Arbeiter tuscheln mit dem Bürgermeister, der Helmmann winkt ab, die ganze Kolonne verdrückt sich.
„Das mit Löffelschnitzer ist ein Verbrechen“, knurrt Tim.
„Ein fettes Ding.“ Weste ist außer sich.
Wir fühlen uns echt wie Verlierer.
6
WIR HÄNGEN DURCH UND WISSEN NICHT, OB HUMMELSPRUNG DEM DIREKTOR VON UNSERER MISSLUNGENEN ENTFÜHRUNG BERICHT ERSTATTEN WIRD. Aber was wir wissen – Ralf liegt im Krankenhaus. Sein Bein soll nicht heil sein, der Draht war rostig. Es versteht sich, dass wir den Klassenkameraden im Krankenhaus besuchen werden. Wir schaffen es, unsere Klassensprecherin zu überreden, nicht mitzukommen. Das sollte gefälligst XXZ7 tun, da hat keiner reinzureden.
Der Geheimbund trifft sich am Dienstag an der Brücke. Auf Jules Gepäckträger klemmt ein Blumenstrauß und Tim holt stolz ein Buch aus einem groben sackigen Beutel. „Wissenswertes aus Natur und Technik“. Überzeugt verkündet er: „Das wird den Verwundeten interessieren.“ Ich habe für Ralf eine Rolle Drops eingesteckt. Kiwigeschmack.
Wir überqueren die Brücke über die Ehrla, biegen ab und fahren eine lange, von Lindenbäumen eingefasste Straße entlang. Und da ist es schon, das Krankenhaus, es heißt ‚Bergmannskrankenhaus‘ und ist ein riesiges Gebäude mit breiter Treppe. In der Eingangshalle rückt Weste gar nicht seiner Art entsprechend nach hinten, Jule verschwindet hinter ihrem Blumenstrauß, Professor Tim studiert einen Aushang an der Wand. Eine rothaarige Schwester fragt: „Wo soll es hingehen?“
Ich lächle schief und spreche von einer wichtigen Angelegenheit. Dringend. Schulkamerad. Name Ralf Breidenbarth. Die Krankenschwester schaut mich freundlich an. „Station II, Erdgeschoss, gleich rechts, Zimmer fünf.“
Als wir aus vier Betten angestarrt werden, würden wir am liebsten ausreißen. Einer mit Gipsarm, der Mann daneben hat einen dicken Verband um den Kopf, wie ein Turban, unterm Fenster liegt einer halbaufgerichtet in seinem Bett, in den Nasenlöchern steckt ein Plastikschlauch. Ralfs Bett befindet sich zum Glück unweit der Tür, so dass es uns erspart bleibt, durch das ganze Zimmer zu wandern. Ralf: käsiges Gesicht, rechtes Bein verbunden. Er stiert uns verwundert und erfreut zugleich an.
Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Jule streckt wie in Zeitlupe den Blumenstrauß nach vorn und verlässt mit der Bemerkung „ich suche mal eine Vase“, fluchtartig das Zimmer, Lea hinterher. Wir Männer sind unter uns, was nicht bedeutet, dass nun ein lockeres Gespräch aufkommt. Tim überreicht sein Buch, Weste versprüht Trost. „He, Ralf, wird schon werden.“
Löffelschnitzer grient bekümmert und streicht über sein verbundenes Bein. „Jungs, als vor dem Café Sorgenfrei der Brunnen zerrammelt wurde, musste ich an unseren Brunnen in Biesenthal denken.“ Er schabt mit beiden Händen über die Bettdecke. „Früher wurden dort Kühe getränkt. Eigentlich braucht heute keiner mehr den Brunnen, aber er ist da und bleibt.“
Die beiden Mädchen kommen mit einem wassergefüllten Gurkenglas zurück, stecken die Blumen hinein, rupfen und zupfen, stellen das Glas auf das Nachtschränkchen.
Tim beugt sich Ralf entgegen. „Mit dem Brunnen hast du schon Recht, so ein altes Teil muss man schon achten.“ Er umfasst das Bettgestell, quatscht auf einmal von einer Kirche in Böhmen, die vom Abriss bedroht war. Was soll das? Kirche in Böhmen. Tim hat ‘ne weiche Birne.
Tim streckt wie Lehrer Bellon den Finger in die Höhe. „Die Kirche hat man nicht abgerissen, nee, es hagelte Proteste, Kulturgut und so. Wisst ihr, was dann passierte?“ Tim stellt sich breitbeinig vor das Bett. „Die Kirche wurde abgesägt, schwere Rollen drunter und Zentimeter für Zentimeter an einen sicheren Ort versetzt.“
„Was sollen wir denn absägen? Etwa das Café?“, nörgelt Weste.
Tim stülpt die Unterlippe vor. „Ach du! Ich meine doch nicht absägen, aber irgendwas muss zur Rettung Billerbachs geschehen.“
Eine Minute Ruhe. Mindestens. Etwas muss geschehen – aber was?
Ich weiß nicht, ob Jule dem Gespräch eine andere Richtung geben will. Jedenfalls erzählt sie eine Story von unserem lieben Bio-Lehrer. Sie stiefelt mit rundem Rücken, eine Hand in der Tasche, auf und ab und spricht wie Herr Bellon, abgehackt und klug. „Das durch den Kraftfahrzeuggebrauch bedingte Abblasen von Gasen verursacht erhebliche Umweltbelastungen.“ Jule macht eine bedeutungsvolle Pause. Dann tönt sie: „Nach der Schule ist Herr Bellon in seinen Golf gestiegen und davon gebraust.“
War das Spaß oder meinte Jule, dass Reden und Tun übereinstimmen müssen?
Bei unserer Verabschiedung blitzt in Ralfs Gesicht ein Lächeln auf. „Echt, ich habe mich gefreut.“
Im Krankenhauspark, in den wir unsere Fahrräder abgestellt haben, blickt der sonst so verwegene Weste abwechselnd in die Bäume und zu den Rhododendronsträuchern und poliert mit den Hemdsärmeln unsinnig das Rücklicht seines Fahrrades.
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