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Beef quälte die Ungeduld. Er wollte nicht länger warten, nicht so lange, bis die Aktivitäten der Angels kaum mehr nachzuweisen waren.
Der Hass zwischen den Mongols und den Hells Angels war mehr als offensichtlich. Er wurzelte in einer Reihe von Geschehnissen, die im Jahr 2001 begannen. Mitglieder beider Clubs hatten sich in einer American Legion Hall in San Diego mit Messern und Schusswaffen bekämpft. Die brutalen Auseinandersetzungen loderten einige Monate danach in Reno, Nevada, wieder auf. Member der Angels stellten den Präsidenten des Carson City Chapters der Mongols zur Rede, denn er hatte es gewagt, ohne Erlaubnis einen Patch zu tragen (einen angestickten Aufnäher), der ihn als Mitglied der Nevada Angels identifizierte.
Es folgte ein weiterer Zusammenstoß in Orange County. Auf einem lokalen Flohmarkt bekämpften sich die rivalisierenden Biker mit Benzintanks, Stoßdämpfern und Lenkern. Die Gewalt eskalierte, nachdem der Präsident der San Jose Mongols bei einem Open Air von Hells Angels angefallen und niedergestochen wurde. Daraufhin jagten die Mongols die Angels, trieben sie vor den Absperrungen in die Enge und feuerten wahllos auf die verhassten Opponenten. 2002 fand der Vizepräsident der Mongols zwei Stangen Dynamit unter seinem Auto, das in der Nähe seines Hauses parkte. Die Zündschnur war angesteckt worden, brannte jedoch zu früh ab. Im April des Jahres – in Laughlin, Nevada, während des jährlichen River-Run-Treffens – führte ein Kampf zwischen den Bikern im Harrah’s Casino (in der Nähe von Las Vegas) zu drei Todesopfern und elf Verletzten. Die Polizei konfiszierte verschiedene Patches der Angels, und die Biker gaben offiziell den Krieg gegen die Mongols bekannt.
Patches (auch „Rockers“ oder „Colors“ genannt) repräsentieren nicht nur die Zugehörigkeit zum Club. Sie symbolisieren einen hart erarbeiteten Lifestyle, gekennzeichnet von schweren Straftaten und absolutem Respekt zwischen den verschiedenen Mitgliedern mit Blick auf die Rangordnung. Die Outlaw Motorcycle Clubs unterscheiden sich durch die drei Patches auf der Kutte und den diamantförmigen „Onepercenter“-Aufnäher von den normalen Bikern. Diese Gangster stehen für das (symbolische) eine Prozent der Motorradfahrer der USA, die ihr Leben nach dem Credo „Fuck the World“ ausrichten.
Das Hells Angels Patch besteht aus einem „Bottomrocker“ (einem bogenförmigen Aufnäher), der das Territorium des Clubs angibt (zum Beispiel Arizona), einem Aufnäher in der Mitte (Centercrest), der einen geflügelten Totenkopf zeigt (auch „Death Head“ genannt), und dem Toprocker, der den Club angibt, in diesem Fall die Hells Angels. Ein reguläres Member, das alle drei Patches auf seiner Kutte trägt, wird in der Bikerszene als „Full Patch“ oder „Fullpatcher“ bezeichnet.
Die Kutte kommuniziert den Status des Bikers im Club. Bottomrocker stehen für den niedrigen Grad des „Prospects“.1 Prospects sind Biker auf Probezeit, die sich erst noch bewähren müssen (sie stehen einen Rang über den Hangarounds, die sich nur durch den Lebensstil angezogen fühlen und offiziell nicht zum Club gehören). Ein Prospect wird sogar noch eine Stufe unter Frauen und Hunden eingeordnet. Er ist eine von einem Member ausgewählte Person, die es sponsert. Hangarounds (spöttisch auch „Slick Backs“ genannt, da ihre Kutten kein Abzeichen tragen dürfen) stehen auf der alleruntersten Stufe der Leiter. Diesem Personenkreis wird sogar noch ein geringerer Status als Prospects zugesprochen. Sie tragen sogenannte „Nummernschilder“ oder Anhänger um den Hals, damit man sie im Falle einer Schlägerei erkennt, wodurch die Member der Angels gezwungen sind, die eigenen Leute zu verteidigen.
Das Team wird aufgestellt –
Tucson, Arizona, Frühjahr 2002
Beefs Plan, die Arizona Hells Angels durch Rudys Kontakte zu infiltrieren, stieß bei den Anzugträgern des ATF auf Widerstand. Einen bereits als Informanten bekannten Outlaw ins Feld ziehen zu lassen, war ein kleiner Schritt. Das Leben von ATF-Agenten zu riskieren, um Infos über die Angels zu sammeln, was zugleich erforderte, dass sie bei den Straftaten der Biker mitmischten, stand jedoch auf einem ganz anderen Blatt. Beef konnte kaum erwarten, dass sein verantwortlicher Boss, Special Agent Virginia O’Brien, zustimmte. Er hoffte, dass die unzähligen vertraulichen Memos, die er ihr zukommen ließ, O’Briens Einstellung ändern würden. In ihnen wies er auf Verstöße gegen den vielfach anwendbaren Title 18 des Strafgesetzbuches hin2, die er zur Verhaftung der Rocker geltend machen konnte. Doch O’Brien wollte Details wissen: Wer? Wie? Wie lange? Besonders wichtig war für sie die Frage, wie viel die Operation das ATF möglicherweise kostete.
In den folgenden Wochen der Vorbereitung stellte Beef sein Team zusammen. Rudy akzeptierte die Führungsrolle als Präsident der angeblichen „Nomads“ Solo Angeles. Die Tarnung schmeichelte nicht nur dem übergroßen Ego des Informanten, sondern eröffnete zudem die Möglichkeit, mit ihm arbeitende ATF-Agenten und lokale Vertreter der Strafverfolgungsbehörden unauffällig einzuschleusen. „Nomads“ waren vollwertige und hoch angesehene Member, die keinem speziellen Charter angehörten. Sie mussten ihren Clubbeitrag für das ursprüngliche „Mutter-Chapter“ entrichten, verfügten jedoch nicht über die Mindestzahl von sechs Mitgliedern, um ein eigenes Chapter zu gründen, wodurch sie noch unter der Direktive des „Mutter-Chapters“ standen und den Befehlen von dort folgen mussten. Nomads lebten meist in ländlichen Regionen, wo sich zwangsläufig nur wenige Member fanden. Gelegentlich wurden sie vom Club auch in ländliche Regionen entsandt, mit der Instruktion, andere Mitglieder zu rekrutieren, um ein eigenständiges Chapter zu gründen.
Die Solo Angeles verfügten über eine perfekte Tarnung. Sie informierten die Hells Angels, dass sie vom Mutterclub der Solo Angeles – der in Tijuana residierte – geschickt worden seien, um in Arizona ein Charter auf die Beine zu stellen. Da die einzigen legalen Member der Solo Angeles in Südkalifornien lebten, erschien den Hells Angels die Geschichte plausibel. Die Agenten mussten höllisch vorsichtig sein, damit ihnen die echten Solo Angeles in Mexiko nicht auf die Schliche kamen, denn sie hatten natürlich niemals die Gründung eines Charters in Arizona veranlasst. Rudy versicherte jedoch, dass es nie zu einer Überprüfung kommen würde.
Aber da gab es noch ein Problem mit Rudy. Er war zwar ein offizielles Mitglied der Solo Angeles aus Tijuana, doch nicht ihr Präsident! Sein neuer Status in der Tarnorganisation nötigte die anderen, ihn ständig zu kontrollieren. Man musste ihn daran erinnern, dass er schauspielerte, dass die Rolle als Präsident der Nomads eine Tarnung darstellte und dass er im Grunde genommen ein Schwerverbrecher war, der den Befehlen des ATF zu gehorchen hatte.
Beef stellte einige spezielle Beamte ab, um das Verhalten des Informanten genau zu beobachten. Es waren erfahrene Agenten, die das Risiko der Operation auf sich nehmen und nach minimaler Ausbildung in die Biker-Identität schlüpfen konnten. Nicht nur kreierte Beef einzelne Nomads-Charaktere für die falschen Solo Angeles, sondern er beachtete auch die Hackordnung und das Rangsystem des „Marionetten-Clubs“. Er brauchte also nur noch verschiedene und allzeit bereite Schauspieler, die glaubhaft Vollmitglieder und Prospects verkörperten.
Die Aktion glich nicht nur einer Theateraufführung, sondern musste auch exakt so durchgezogen werden.
Beef spielte die Rolle des Zeremonienmeisters, des Masterminds, des Großmeisters.
ATF Special Agent „Carlos“ war eine eindeutige Wahl. Man rekrutierte ihn von der Miami Field Division. Er sprach fließend Spanisch und verfügte über jahrelange Undercover-Erfahrungen, gemacht bei seiner Arbeit mit mexikanischen Dealern im pazifischen Nordwesten und der kubanischen Mafia in Miami.
„Wie lange?“, schrillte O’Briens Stimme in Beefs Kopf.
„Höchstens vier Monate.“ Beef zeigte sich optimistisch.
Carlos sollte die Rolle eines neuen Members spielen, ein Drogenhändler, den man beschissen hatte und der ganz dringend die Hilfe von „Rudy-dem-immer-bereiten-Dealer“ benötigte, um sich die verlorengegangene Lieferung wieder unter den Nagel zu reißen.
„Und wer noch?“, fragte O’Brien mit Nachdruck. Für die Rolle der Vollmitglieder wählte Beef zwei Agenten vom Phoenix Police Department aus. Er überzeugte die Behörde, dass sie dem Wunsch eines ihrer jungen Beamten zustimmte, der sich freiwillig gemeldet hatte. Obwohl Timmy über keine größeren Erfahrungen als Undercover-Ermittler verfügte, kannte er sich bei Bikes gut aus und war darüber hinaus ein Kampfsporttrainer. Mit einer Körpergröße von über 1,80 Meter spielte er einen überzeugenden Geldeintreiber.
Schwieriger gestaltete es sich, die Rolle eines Prospects zu besetzen. Beef wusste, dass kein lokaler Cop sich freiwillig von einem Bundesagenten runterputzen lassen wollte. Und er wollte auf gar keinen Fall Öl ins Feuer gießen und die vorhersehbare Konkurrenz zwischen den Behörden anheizen. Ein Cop würde als Prospect nur zehn Sekunden überleben.
Davon abgesehen betrug die übliche Bewährungsfrist für einen Prospect der Solo Angeles 90 Tage. 90 Tage im Höllenfeuer der boshaften Erniedrigung! 90 Tage, in denen ein Anwärter herumhetzte, um den Bikern Bier zu bringen, kopfüber in Mülltonnen gesteckt wurde und alle Launen der Rocker zu ertragen hatte. Das war eine undankbare, jedoch notwendige Rolle. Beef durfte keine Rücksicht auf das Ego des Kandidaten nehmen, denn er musste ein All-Star-Team aufstellen. Zwei Minuten, 90 Tage – wen interessierte schon der Unterschied.
Beef wollte dem Cop nicht unbedingt erklären, dass die Hells Angels mindestens ein Jahr erwarteten oder – realistischer – „so lange es eben dauert“.
Ein größeres Problem stellte das Motorradfahren dar. Bislang hatten nur Timmy und Rudy auf einem Bike gesessen. Und es gab nur wenig Zeit, den anderen das Fahren beizubringen. Beef überzeugte O’Brien vom Leasen eines überdachten Motorradanhängers oder Trailers. Damit konnten die Agenten die Hells Angels in dem Glauben wiegen, dass sie schon an langen Touren teilgenommen hatten. Kleinere Strecken stellten das geringere Problem dar, doch man wusste von den Angels, dass sie manchmal stundenlang oder sogar tagelang in größeren Rudeln von mehreren Bikern unterwegs waren.
Die von der Regierung zur Verfügung gestellten Bikes sahen recht schäbig aus, hatten einige Macken und stammten aus recycelten Teilen, beschlagnahmt bei anderen Fällen. Manchmal waren es Motorräder aus älteren Fällen. Über den Agenten schwebte ständig die Gefahr, dass einer der Biker seine Harley aus einer früheren Konfiszierung wiedererkannte, aber das Risiko wollten Beef und die Kollegen eingehen. Dem Mastermind boten sich keine großartigen Wahlmöglichkeiten, und er musste nun mal ein Team von Zweiradfahrern zusammenstellen.
Doch es gab noch einen weiteren Anlass zur Sorge – die Haftungsfrage und die Versicherungsansprüche. „Was ist mit Unfällen? Pannen?“ Beef zerstreute O’Briens Bedenken und versprach, dass die Agenten so wenig wie möglich fahren würden. Stattdessen wollten sie die Maschinen in dem Anhänger transportieren, die Böcke eine Meile vor Tourbeginn ausladen und den Dreck und Schweiß eines langen Trips imitieren. Als Nomads der Solo Angeles mussten sie im Rudel in der letzten Reihe fahren, weit hinter den Engeln. Man würde meilenweit keine Notiz von ihnen nehmen. Zumindest hoffte das Beef.
Durch den Transport im Trailer waren Pannen so gut wie ausgeschlossen, doch für Notfälle führte jeder ein Werkzeugset bei sich, ausgestattet mit Schraubenschlüsseln, einigen Bolzen und einem Schraubendreher.
„Wie willst du das Ding überhaupt durchziehen?“, fragte einer der Kollegen mit einem schnippischen Unterton.
Es war ein einfacher Plan: Die Frischlinge sollten einige Tage wie Schatten an Rudy kleben und dabei üben, in der Stadt und auf der Interstate mit gemächlichen 45 Meilen die Stunde zu fahren. Als Gruppe würden sie sich in Bars sehen lassen, um sich an die Verhaltensnuancen der jeweils anderen zu gewöhnen. Auf dem Programm standen zudem kleinere Waffen- und Drogenkäufe in der kriminellen Szene rund um die Apache Junction. Nachdem das Team sich einige Tage in der Öffentlichkeit gezeigt und sich kennengelernt hatte, wollte Rudy sie den Hells Angels dann vorstellen.
So in der Art müsste es funktionieren.
Beefs Kritiker argumentierten, dass der Plan einige Macken habe, ja sogar undurchführbar sei. Wer sei so dumm, einen Biker zu spielen, ohne die wichtigste Fähigkeit draufzuhaben – ein Bike zu fahren? Beef schmetterte die Einwände mit der ihm typischen Respektlosigkeit ab. Meine Güte, jeder Agent war ein Schauspieler und wenn man ihm die Möglichkeit gab, einen „wahren“ Outlaw zu personifizieren – eine sowohl glamouröse als auch potentiell karriereförderliche Rolle –, würde er es schon lernen (oder zumindest glaubhaft rüberbringen).
Abgesehen von allem, was sich um ein Bike drehte, servierte Beef den Anzugträgern des ATF weitere schlagkräftige Argumente. Rudy stand schon längst in Kontakt zu den Hells Angels. Darüber hinaus war geplant, dass die Agenten in waschechter Solo Angeles-Kluft auftauchten, wodurch sie von der ersten Sekunde an glaubhaft wirkten. Die Patches nachzuahmen stellte kein großes Problem dar. Beef wollte sich Rudys authentisches Solo Angeles-Abzeichen ausleihen und die Mutter eines pensionierten Spezialagenten einspannen, damit sie seinem Team die Kopien auf die Lederwesten nähte. Die alte Dame sollte darüber hinaus Buttons fertigen, Bottomrocker für die Prospects sowie Namensschilder und Anhänger mit folgenden Motti: FSSF („Forever Solos, Solos Forever“), FTW („Fuck The World“ – ein beliebter Slogan der Outlaw-Biker), Pistoleros de Mexico, IIWII („It Is What It Is“). Hinzu kamen Anstecker, um den Rang jedes Agenten im Chapter zu verdeutlichen.
„Und wie willst du O’Brien klarmachen, dass sie Bundesagenten gestattet, Abzeichen von Outlaw-Bikern zu tragen?“, wollte ATF Special Agent Christopher („Cricket“) Livingston eines Morgens von Beef wissen. Die beiden saßen in einem Starbucks und hatten schon einige Tassen tiefschwarzen Kaffees intus. Cricket arbeitete weniger als fünf Jahre als Agent. Er war ein ehemaliger Marine, eingesetzt bei Spezialoperationen und Aufklärungsmissionen.
„Wir überzeugen sie, dass die Hells Angels parasitäre Arschlöcher sind!“, schlug Beef vor, während er sich einen Muffin nahm.
In der Öffentlichkeit präsentierten die Biker ihre „Bruderschaft“ als eine eklektische Bande harmloser Jungs mittleren Alters, die gerne ärmellose Kutten oder Bowling-Jeanshemden trugen und aufgemotzte Motorräder fuhren. Jedes Jahr verkauften die Biker Hells Angels-Merchandise in Millionenhöhe – Kappen mit der Aufschrift „Support Your Local 81“, „That’s Right, Red And White“-Shirts, „When In Doubt, Knock ’Em Out“-Sticker und Plakate mit der Aufschrift „We Ain’t Havin’ Fun Till Someone Dials 911“. In der Realität konnte man die Angels als einen Schwarm beschreiben, eine unbarmherzige Bande plündernder Schläger, die sich ihre Kohle mit den Einnahmen aus Drogengeschäften verdienten, aus Einbrüchen, dem Umbau gestohlener Fahrzeuge und dem Striptease-Geschäft.
„Wie sieht es mit den realen Solo Angeles aus? Die werden Fragen stellen. Es ist doch nicht so, dass unsere Jungs nach Tijuana zur gegenseitigen Umarmung fahren können!“, gab Cricket zu bedenken, wobei er sich in das Nasenbein kniff, als hätte er Kopfschmerzen.
„Wir werden Rudy losschicken“, antwortete Beef und wischte einige Krümel vom Tisch.
„Der Typ ist oft abgelenkt und kann die ganze Operation in Gefahr bringen“, mahnte Cricket zur Vorsicht und schüttete den restlichen Kaffee in die Mülltonne.
„Wir werden ihm einen Babysitter an die Seite stellen“, meinte Beef geradeheraus.
„Und wer ist der Glückspilz?“
„Bird“ oder „Jay Bird“ lautete der Spitzname, den der große, schlanke, über und über tätowierte ATF-Agent seit seiner Kindheit trug. Er war Spezialist für Undercover-Operationen und lebte seit neun Monaten in einem verbarrikadierten Haus in den Randbezirken von Bullhead City, einer heruntergekommenen Wüstenstadt in der Nähe von Laughlin, 140 Kilometer von Las Vegas entfernt. Das ATF hatte Bird nach Bullhead abgestellt, damit er die Operation Riverside leitete, eine Ermittlung, die sich um harte Kopfgeldjäger drehte, die ein illegales Waffengeschäft unterhielten.
Bird hatte die Identität eines Schuldeneintreibers angenommen, der allzu gerne den Baseballschläger für die Casinos in Las Vegas schwang und Waffen nach Mexiko schmuggelte. Als sich Birds zweifelhafter Ruf während der Monate verbreitete, die er in Bullhead lebte, begann die kriminelle Unterwelt mit ihm Waffendeals abzuschließen und gab sogar Morde in Auftrag. Auch die Hells Angels wurden auf Bird aufmerksam und begannen sich mit ihm zu treffen. Sie übernachteten bei ihm und schliefen oft auf den Sandsäcken, die an den Wänden der höhlenähnlichen Wohnung aufgestapelt waren. Die Angels entwickelten eine feste Beziehung zu dem Undercover-Cop, was Bird zum idealen Kandidaten machte, um die Operation Black Biscuit zu leiten.
Fünf Uhr morgens. Birds Fenster waren mit Sperrholzbrettern vernagelt. Seine Dusche stank nach dem Desinfektionsmittel Clorox, eine Erinnerung an die Reinigung des Badezimmers, denn der letzte Abhängige hatte dort voll reingekotzt. Bird empfing selten Besucher.
Er biss die Zähne zusammen, während er durch eine Spalte des Fensters blinzelte. Tommy, der Bombenbastler, stieg aus seinem Monte Carlo aus, den dreijährigen Sohn im Schlepptau. Er trug eine kugelsichere Weste und einen Motorradhelm und leckte an einem Eiscremehörnchen. Bird traf die beiden hinter dem Haus, wo sich der einzige Eingang befand. Schnell schnappte er sich die Napalmbombe, die das Kind achtlos in den Händen hielt.
„Ich bin gleich zurück“, sagte er, legte die Bombe auf den Fußboden, brachte den Jungen nach draußen und sperrte ihn im Wagen seines Dads ein. Der Junge presste den Kopf gegen die verdreckten Fenster. Bird schluckte. Seine Gedanken drehten sich um den eigenen Sohn, den er schon seit Wochen nicht mehr gesehen hatte.
Am liebsten hätte er Tommy die verfluchte Bombe in die Fresse gesteckt und bis zum Arschloch runtergedrückt. Eigentlich wäre es notwendig gewesen, die Kinderfürsorge anzurufen, damit sie Tommy den Jungen wegnahm. Im Moment gab es nur eine Möglichkeit – den Kleinen am sichersten Ort zu verstecken, nämlich Tommys stinkender alter Karre, auf deren Sitzen Urinflecken und Drogenreste waren.
Bird schluckte seine Wut runter, biss sich in die Wange und versuchte den Bombenkauf mit Tommy durchzuziehen. „Die ist doch Scheiße“, spuckte er und hantierte vorsichtig mit dem Sprengstoff.
„Und warum lutsche ich an einem Eis, Mann?“ Tommy grinste, während ein Tropfen Vanille das Kinn herunterlief. Er klopfte auf seine kugelsichere Weste. „Wollte noch ein wenig Spaß haben, bevor ich hochgehe.“
„Er gehört zu mir“, antwortete ATF Special Agent Greg Cowan am Telefon. Beef hatte Bird wegen seiner unbestreitbaren Talente angefordert und bestand auf den Einsatz. „Er arbeitet jetzt schon seit neun Monaten an der Operation Riverside, und wir haben mittlerweile genügend Informationen, um diese Hurensöhne …“
„In Bullhead City nimmt ihm jeder die Rolle eines Bikers ab“, parierte Beef mit einer eine Oktave höheren Stimme. „Für den Job ist er ein Naturtalent. Mal ganz davon abgesehen – dort wimmelt es vor Hells Angels, und sie haben nie vermutet, dass hinter ihm ein Cop steckt.“
Das stimmte. Die Schauspielerei war für einen Ex-Footballspieler und ATF-Veteranen ein leichtes Ding. Bird hatte schon als V-Mann gearbeitet und die Gefängnisgang „Aryan Brotherhood“ sowie Familien-Clans der organisierten Kriminalität infiltriert. Darum zeigte er sich nicht allzu überrascht, als Cowan ihm von Beefs Vorschlag erzählte.
Bird ließ den Baseball seinen Unterarm herunterrollen und lächelte. Er mochte wohl in einer „Richie-Cunningham-Familie“ aufgewachsen sein, aber er verfügte über die richtige Einstellung und eine unüberbietbare Widerstandsfähigkeit. Fünf Tage, nachdem ihn das ATF als Frischling eingestellt hatte, fing er sich eine Kugel im Rücken ein (das erste von insgesamt fünf Geschossen während seiner Karriere beim ATF) und verblutete beinahe während einer Geiselnahme. Die Notärzte schnitten den Rumpf seitlich auf, verschoben die Knorpel mit einem Schraubendreher und legten einen Gartenschlauch durch den Brustkorb. Danach war Bird partiell gelähmt. Keine schöne Situation, wenn man mit einem durchgedrehten Verdächtigen auf der Flucht war und bewaffnete Security-Männer durch die Flure des Krankenhauses patrouillierten. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Am beklemmendsten empfand er die teilnahmslose Reaktion der Agency auf die darauf folgenden Morddrohungen. „Achte darauf, dass du immer eine Waffe bei dir trägst, und sag deiner Frau, dass sie sehr gut aufpassen soll“, meinte ein Assistent des verantwortlichen Special Agents der Operation lapidar.
Interessant. Und nun zerrissen sich Beef und Cowen förmlich wegen seiner Mitarbeit. Cowen wollte Bird auf gar keinen Fall abtreten. Die Operation Riverside stand kurz vor dem Höhepunkt. Es war noch zu früh, den Fall „einzutüten“ und die Anklagen zu erheben. Würde Bird zu Beefs Team überstellt (und damit ein reguläres Mitglied der Operation Black Biscut), hätte Cowen neun Monate unter immensen Schwierigkeiten zusammengetragene Beweise verloren. Davon abgesehen müsste Bird den Kriminellen in Bullhead City erklären, dass er kein „Schuldeneintreiber/Auftragskiller“ für die Casinos in Vegas mehr sein würde, sondern schon bald ein „waschechter“ Biker der Solo Angeles.
Letztendlich gewann Beef das Tauziehen. Er riss sich Bird unter den Nagel und verpasste ihm die Rolle des Vizepräsidenten des Clubs – und was noch wichtiger war, die Aufgabe als Rudys Babysitter. Doch es kam noch besser, denn Bird wurde im „Doppelpack“ abgestellt und brachte „Pops“ mit, einen vertraulichen Informanten, auf den er große Stücke hielt. Beef wählte Pops für die Rolle eines Prospects aus. Mit ein wenig Schmeicheln und Überredungskunst konnte er Timmy, einen lokalen Polizeirekruten aus Phoenix, davon überzeugen, den anderen Prospect zu spielen. Doch Timmy stellte eine Bedingung – dass er innerhalb von zwölf Stunden ein vollwertiges Member der Solo Angeles mit allen Abzeichen würde.
1 Die Begriffe Prospect und Sponsor sind in einigen wenigen Fällen austauschbar.
2 Die Straftaten reichten vom illegalem Schusswaffenbesitz über Drogenhandel und Mord im Zusammenhang mit Drogen bis hin zu Verstößen gegen den RICO-Act und den National Firearms Act sowie Anklagen wegen Verabredungen zu einer Straftat.

Flagstaff, Arizona – Juli 2002
Bird hockte wartend gegenüber einer heruntergekommenen Tankstelle in der Nähe von Flagstaff. Mit Adleraugen beobachtete er die orange-goldenen Flecken, die in der trockenen Sommerhitze auf seiner am Motorrad hängenden Jacke leuchteten. Sein Herz hämmerte wie ein Trommelfeuer gegen den Brustkorb. Die Morgendämmerung zeichnete sich am bläulich-schwarzen Nachthimmel ab. Er stieg rittlings auf das klapprige Bike und spürte die Angst in der Magengrube. Nicht nur war er ein beschissener Fahrer, sondern auch vier Stunden zu spät für das abgesprochene Treffen mit Rudy.
„Rudy wird uns Kürbisköpfe kaum treffen wollen, wenn ein Haufen Rollers3 hier abhängt“, hatte Timmy Bird in der Nacht gewarnt, als sie zum ersten Mal versuchten, den Kontakt zu den Informanten herzustellen, um Waffen zu verschieben. Einige Kleinstadtbullen kamen ihnen in die Quere. Die Cops trafen sich zu einem Kaffee in der Tanke. Das Einsatzüberwachungsteam reagierte zu langsam und konnte die Typen nicht mehr verscheuchen. Bird nahm es Rudy nicht übel, dass er seine Solo Angeles versetzt hatte. Nach all den Geschehnissen war eine Festnahme ungefähr so wünschenswert wie ein klaffendes Loch im Kopf.
Beef mochte wohl Rudys Allerwertesten vor dem Bundesgefängnis gerettet haben, doch er stellte den größten Unsicherheitsfaktor dar und war unglücklicherweise momentan ihre wichtigste Schachfigur. Sie brauchten den rücksichtslosen Motherfucker, um sich den Hells Angels vorzustellen. Rudy wusste das und genoss es in vollen Zügen.
Schweißperlen zeichneten sich auf Birds Stirn ab, während er immer noch wartete, darauf hoffend, dass Rudy endlich auftauchte. Wo zum Teufel steckte der nur? In weniger als zwei Stunden sollten die falschen Solo Angeles zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auftreten, und zwar bei „Too Broke For Sturgis“4, einem der größten Treffen in Arizona. Dort wollten sie sich erstmalig unter die Hells Angels mischen. Bird fühlte sich so gut vorbereitet wie ein Kind am ersten Tag im Kindergarten. Er musste eine Oscar-verdächtige Vorstellung abliefern.




