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Bislang hatte er nur zwei Wochen lang die Rolle eines Outlaw-Bikers gespielt. Er warf einen nervösen Blick auf das Team mit den ins Auge stechenden Kutten und Stirnbändern – eine Gang angeblicher Onepercenter und der einzige Puffer zwischen ihm und den Hells Angels.
Der leicht angegraute Pops, ein vertrauenswürdiger Informant, der bereits seit über 15 Jahren an seiner Seite stand, zog sich schon lange Dope rein und dealte. Und nun machte er Karriere, indem er einen Doper und Dealer spielte!
Der riesige Timmy, Detective bei den Cops von Phoenix, hatte Beef praktisch darum angebettelt, mit Bird arbeiten zu dürfen und seine Hände in der Kloake der widerlichsten Polizeiarbeit dreckig zu machen. Bird studierte nachdenkliche Timmys Gesichtsprofil. Seine Haut war mit Schweiß bedeckt, verfilzte Bartsträhnen hingen am Kinn herunter, und ein leichtes Zucken am Kiefer verriet die Nervosität.
Carlos war ein erfahrener ATF-Agent, mit so viel Salsa in den Blutbahnen, dass er problemlos die Rolle eines Solo Angeles ausfüllen konnte. Doch er wirkte verängstigt, als er sich sein recyceltes Bike packte. Ja, und da war noch Rudy – Präsident des nicht existierenden Nomad Chapters der Solo Angeles und ein karrieregeiler Outlaw-Biker.
Ständig zu spät.
Unberechenbar.
Schweiß rann an Birds Körper herab und vermischte sich mit dem Dreck auf der Haut, doch er traute sich nicht, die orange-schwarze Kutte abzulegen. Er wollte nicht, dass ihm ein anderer die Furcht anmerkte. Er steckte die Hand in die Tasche der Kutte und spielte mit der Sammlung grauer Kiesel – „Glückskiesel“ –, einem Abschiedsgeschenk seines siebenjährigen Sohnes. „Denk bitte an mich, wenn du sie anfasst“, hatte sich der Kleine mit ernster Miene gewünscht. Die Kiesel fühlten sich rau und spitz an. Bird dachte an seinen Sohn, seine wunderschöne Frau Barbara5, und die Zerrissenheit der Familie – das Schuldgefühl fühlte sich wie ein Kloß im Hals an.
Konzentrier dich!
Er schüttelte die Grübelei wie lästigen Ballast ab und verdrängte die Angst durch sinnvolle Gedanken. Bird hatte die ganze Nacht mit dem Undercover-Team gearbeitet, Fluchtpläne besprochen, Ziele in Augenschein genommen, die Hintergrundstorys wasserdicht gemacht, sich in seine Biker-Montur geworfen und den Bock auf Hochglanz gebracht. Das war ein Akt gewesen. Keiner der Männer wusste genau, wie man Motorrad fuhr. Das ATF verhielt sich nicht kooperativ und verweigerte Gelder für neue Maschinen. Fahrzeugscheine und Fahrzeug-Identifikationsnummern konnte man fälschen, doch Bikes für Undercover-Einsätze zu recyceln – auch wenn es sich um Unfallmaschinen handelte – barg Risiken. Entweder starben die Agenten bei einem Unfall oder durch die Hände der Hells Angels.
Bird checkte den Motor, warf einen Blick auf die abgewetzten Stiefel und seine dreckverkrusteten Klamotten. Er mochte zwar wie ein Biker aussehen, doch noch wichtiger als das Erscheinungsbild war eine hieb- und stichfeste Story. Bloß keine Lücken! Keine Ungereimtheiten! Keine unerklärbaren Zeiten. Er spürte die Nerven bis in den Nacken. Adrenalin rauschte durch seine Adern. Genug geübt? „Ich bin seit 15 Jahren ein Waffenschmuggler und Schuldeneintreiber“, murmelte er wiederholt. Zu lang. Bird hatte sich selbst schon davon überzeugt, dass er der gewissenlose Kriminelle war, den er spielte. Nun musste er noch die Angels täuschen. Man konnte ihn als überragenden Schauspieler bezeichnen – ein professionelles Chamäleon. Lag darin der Grund, dass Beef ihn ausgewählt hatte?
Er hatte die hämmernden Fragen am Abend zuvor überstanden. Das war in einem alten Warenlager für Konserven auf der Südseite von Phoenix gewesen. Die Agenten nannten den Laden scherzhaft „die Kürbisfarm“. Er und die Kollegen stellten sich in der drückenden Hitze nacheinander vor Beef auf und wurden von ihm und einem großen Überwachungsteam mit Fragen gelöchert. Wie waschechte Schauspieler rezitierten sie den Text ihrer Background-Storys. Birds alte Dame lebte in Tucson. Gelegentlich besuchte er seine Kids, die mal hier, mal dort wohnten.
Bloß die Lücken füllen.
Das Profil vervollständigen.
Wissen wo, warum und wie man die Kumpels von den Solo Angeles kennengelernt hatte.
Das Dröhnen eines Bikes kündigte Rudys Erscheinen an. Hinter ihm wehte eine Mähne blonden Haares im Wind. Unglaublich! Er hatte eine abgehalfterte Mieze aufgelesen. Dünne, nackte Beine drückten sich um seine Taille. „Was zur Hölle?“ Bird starrte die Frau an und erkannte ein befremdliches, nervöses Glitzern in ihren Augen.
Rudy grinste dümmlich und zuckte mit den Achseln: „Ich traf Sheila in einem Circle K und dachte, dass ich meiner Alten mal eins auswischen sollte.“
Bird wusste nicht, ob er den Informanten auf der Stelle umbringen oder ihm für seine Brillanz gratulieren sollte. Rudys Anhängsel verlieh der ganzen Operation eine höhere Glaubwürdigkeit. Eigentlich hätte hinter jedem Fahrer eine Biker-Bitch sitzen müssen! Doch Bird zweifelte daran, dass seine Behörde solche Accessoires besonders schätzte, denn das bedeutete zusätzliche Haftungsansprüche.
Er und die Kollegen hatten eigentlich schon genug Sorgen, und jetzt mussten sie sich auch noch um die Sicherheit der Tussi kümmern. Falls das Treffen mit den Angels in die Hose ging, war ein zusätzlicher Plan vonnöten, damit die Frau aus dem Schussfeld kam. Verfluchter Rudy!
Die heiße Sonne brannte auf Rudys Gesicht, entzog ihm jeden Tropfen Flüssigkeit. Er blickte zu Timmy, der schon jetzt genervt und völlig fertig wirkte. „Du wirst uns doch nicht ohnmächtig werden?“, zog ihn Bird auf, damit auf Timmys Angst vor einem Hitzschlag oder einer Lebensmittelvergiftung anspielend. Zu stolz, um sich hinter verdorrten Kakteen zu verstecken, hielt der Junge ohne Meckern tapfer durch.
Verglichen mit Carlos war das schon ’ne Kante vorbildlicher. Der saß neben ihm, grunzte wie ein brünstiger Ziegenbock und beschwerte sich über die stundenlange Extra-Arbeit, die er ohne Bezahlung geleistet hatte. Er war nur für kurze Zeit zum Team abgestellt worden, um das Fundament für die Arbeit mit den Angels zu legen, bevor er sich einem neuen Job in Florida widmen musste.
Die Zeit drängte, und der Startschuss musste schnellstmöglich erfolgen.
Bird gab ein Signal, und die Männer starteten die Motoren, darauf eingestimmt, die letzten Meilen bis zum Camp zu fahren, wo das Meeting stattfand. Schon in der Nacht hatten sie die Bikes aus dem Trailer geholt, mit dem sie die Karren transportierten. Jetzt stand der erste Auftritt als Solo Angeles bevor. Ziel: Sich geschickt unter die Hells Angels zu mischen. Die Agenten mussten die Engel nicht nur davon überzeugen, dass sie „echte“ Outlaw-Biker waren, sondern auch mit einer stundenlangen Fahrt durch die brütende Hitze, um nach „Too Broke For Sturgis“ zu gelangen. Jetzt bloß nicht daran denken, dass Birds Team so gut wie nichts von der Reparatur und Wartung eines Motorrads verstand.
Bird verspürte zunehmende Übelkeit in seiner Magengrube. Die Hitze stellte einen Feind dar, den sie alle unterschätzt hatten. Auch wenn der getrocknete Schlamm auf ihren Gesichtern als Effekt aufgetragen wurde, waren der Schweiß und die Erschöpfung mehr als real. Da die Zusammenkunft ihre erste Operation war und damit die riskanteste, begleitete sie ein Überwachungsteam in Zivilkleidung mit kugelsicheren Westen und großkalibrigen Waffen. In der Luft zog ein Helikopter seine Kreise, und ein SWAT-Team konnte jede Sekunde abgerufen werden. Birds Angst schwand, als man ihn daran erinnerte, dass die Patches auf der Kutte eine Art Eintrittskarte darstellten, ihm sofortige Glaubwürdigkeit und Akzeptanz verleihen würden. Bird und das Team hatten sich Schlamm wie eine Art Kriegsbemalung ins Gesicht geschmiert und bereiteten sich auf die Fahrt zum „Too Broke For Sturgis“ wie erfahrene Outlaws vor. Die Erinnerung an die Tage der Vorbereitung schwand und wich Momenten voller Panik.
„Stell dir das Treffen wie eine normale Party vor“, hatte Beef den Beamten am vorhergehenden Abend eingetrichtert. „Schüttet mit den Angels ein paar Bier, labert irgendeinen Scheiß mit den Typen – zeigt euch einfach!“
Eine normale Party? Nicht unbedingt, denn mit der Feuerkraft der Hells Angels konnte man ein ganzes Gebäude hochgehen lassen. Bird verließ sich auf Rudy. Der sollte die Biker miteinander bekanntmachen, die Angels überzeugen, dass er und seine Gang Streuner waren, Einzelgänger, darauf versessen, ein eigenes Nomad Solo Angeles Chapter in Phoenix zu gründen. Sheila stellte ein authentisches Element in ihrem Erscheinungsbild dar, mit ihren Augen, die Schattenmenschen sahen. Da sie voll auf Drogen war, plagten Bird keine Sorgen, dass sie Scheiße quatschte oder das Team auffliegen ließ. Vielleicht hatte Rudy sogar Recht? Möglicherweise brauchten sie alle ein paar hübsche Accessoires? Eine Tour ohne Groupies erschien vielleicht verdächtig.
Sich unters Volk mischen – mit Miezen abhängen –, war das okay?
Oder riskierte man unwillkommene Fragen der Hells Angels und anderer Biker? Unnötige „Sex-Touren“ mit „Club-Muttis“? Eventuell hätte Bird darauf bestehen sollen, dass Beef ihm auch eine Mutti zukommen ließ?
Doch eventuell wusste er es besser!
Weibliche Begleitung konnte möglicherweise die Spannungen zu Hause verstärken. Bird musste schon genug Fragen abschmettern. „Wie oft willst du noch deinen eigenen Tod vortäuschen?“, hatte ihn seine Frau provoziert und den Finger auf die Narbe des Einschusslochs einer Kugel gelegt, das immer noch auf seinem Brustkorb zu sehen war. Darüber stand in tätowierten Buchstaben „DOA“6.
Seine Frau nahm ihm auch den Umzug nach Chicago übel. Wegen des letzten Undercover-Einsatzes hatte die Familie aus Sicherheitsgründen die Zelte abgebrochen und war in eine andere Stadt umgesiedelt. „Du hast Kinder. Was soll ich ihnen denn sagen?“ Ihre Augen schimmerten in der sich ausbreitenden Dunkelheit des Wohnzimmers, als er ihr die Nachricht beibrachte, dass das ATF ihn rekrutiert hatte, um die Hells Angels zu infiltrieren. „Das wurde bisher nie so durchgezogen“, meinte er enthusiastisch, den Einwand seiner Frau ignorierend. „Cops sind da noch nie reingekommen, nicht so, nicht indem sie die Identität einer echten Biker-Gang angenommen haben.“ Er redete selbstsüchtig weiter, bis ihn der wütende Gesichtsausdruck seiner Frau stoppte. Sie kümmerte die sich ihrem Mann bietende Chance nicht – sie war einzig und allein an seiner Sicherheit interessiert.
Sie wollte, dass Bird zu Hause blieb.
Sicher eingeschlossen!
Genug von dem Mist!
Bird verstand die Einwände und Bedürfnisse seiner Frau. Sie waren real, profund und nach 20 Jahren Ehe überaus willkommen, da sie zugleich ihre Liebe verdeutlichten. Doch seine Prioritäten standen an erster Stelle. Er verfügte über ungeschliffenes Talent und eine raue und harte Charakterseite. Bird hatte seinen Spaß, wenn er gegenüber Kriminellen den Spruch wiederholte: „Jesus hates a Pussy.“7
Autsch! Bird zuckte wegen seiner erschreckenden Gefühlskälte gedanklich zusammen. Er wollte seine Frau beschützen, nicht sie ausschließen. Weniger war mehr, gab er zu bedenken, als sie ihn während der unregelmäßigen Besuche auszuquetschen versuchte. Sie wollte nähere Details erfahren, doch Bird durfte sein Doppelleben nicht mit ihr teilen. Es war gefährlich, zwei voneinander getrennte Welten zu vermischen.
„Du kannst uns nicht so einfach ignorieren und so tun, als hättest du keine Familie!“, protestierte sie, die Hände in die Hüften gestemmt, die Augen vor Wut aufgerissen.
„Das ist kein glamouröser Job.“
„Ich will mir hier keine Geschichten anhören.“
„Ich bin aber eine Geschichte“, antwortete er kleinlaut, sich nicht sicher, ob seine Frau ihn hörte. Bird hatte sich eine Art Theater der Straße aufgebaut und sich selbst die Hauptrolle zugeschrieben. Es existierte eine Schar angeblicher Frauen, Ex-Knackis, Drogenterroristen, die ihn anriefen, ihm schrieben und ihn vergötterten. Barbara musste die Details nicht erfahren.
„Der Typ ist verrückt genug, um erfolgreich zu sein“, meinte Beef und rechtfertigte die Rekrutierung des Mannes gegenüber seiner Behörde. Die Sonne glitzerte auf Birds Gesicht, als er sich die verbleibenden Meilen über die Straße zum Campingplatz der Biker schlängelte. Der Fahrtwind kitzelte in seinem Spitzbart und strich über die rasierte Glatze.
Rudys Motor hatte keinen guten Sound. In Birds Vorstellung drängten sich Schreckensszenarien. Was wäre, wenn Rudy das Treffen versaute und so richtig Scheiße baute? Timmys Gesicht wirkte so verzerrt, dass man dachte, der arme Junge hätte seit Tagen nicht mehr geschissen. Bird fragte sich, ob sein Gesicht Angst oder Schmerz ausdrückte. Oder musste er kotzen? Nur Pops machte einen allzeit bereiten Eindruck. Der angegraute Bart wehte wie ein Tuch um seinen Hals. Aber er spielte ja keine Rolle: Er war ein waschechter Biker.
Rudy gab ein Zeichen, als sie langsam auf die Hunderte von Motorrädern zufuhren, die schon auf dem Platz parkten. Sich unbemerkt unter die Leute mischen! Okay! Bird und seine Gang fuhren in lockerer Formation hinter Rudy. Sie wirkten verloren – angesichts eines riesigen Maschinenparks und von Outlaws verschiedener Gangs, die Biere kippten und ihre Frauentrophäen wie preisgekrönte Tiere angafften.
Die Müdigkeit verflog im Nu. Adrenalin schoss durch die Adern. Sich unauffällig unters Volk mischen! Beefs Anweisung klang wie ein Pistolenschuss in Birds Kopf. Die Agenten stiegen von den Bikes, sich bewusst, Außenseiter zu sein – Hühner in einem Rudel Wölfe. Jeden Augenblick konnten sie verschlungen werden. Endlich entdeckte Rudy das Zelt der Angels, wo sie auf die beiden Wachen trafen – Dennis Denbesten (den man wegen seiner legendären Künste beim Meth-Kochen „Chef Boy Are Dee“ nannte), ein bedrohlich wirkender Kerl, der schon aufgrund von Verstößen gegen Betäubungsmittel- und Waffengesetze verurteilt worden war, und „Turtle“, Chefs fettleibiges Alter Ego.
Rudys Anwesenheit schmeckte den beiden Angels nicht. Wegen seiner Brutalität und Unberechenbarkeit kannte und fürchtete man ihn unter Bikern. Doch Rudy beruhigte Chef Boy Are Dee und versicherte dem Mann, dass seine Entourage nicht mitgekommen sei, um sich in das Drogengeschäft des Clubs einzumischen. Seine Männer hätten sich auf ein eigenes lukratives Geschäft spezialisiert – Waffenschmuggel von Arizona nach Mexiko. Zufrieden, dass das Team keine unmittelbare Bedrohung für das kriminelle Business der Hells Angels darstellte, akzeptierte Chef Rudys Aussagen, dass sie Gäste von Mesa Bob seien, und arrangierte ein Treffen mit dem Mesa-Club-Präsidenten, dessen bürgerlicher Name Robert Johnston Jr. lautete.
Nach nur wenigen Minuten Gequatsche hatte Rudy die Solo Angeles erfolgreich eingeführt. Sie waren drin. Bird konnte seine freudige Erleichterung kaum verbergen. Doch das Treffen mit Mesa Bob stand erst bevor.
3 Amerikanischer Slang für Cops.
4 Ein Treffen für die Biker, die wegen finanzieller Probleme nicht zum beliebten Meeting in Sturgis, South Dakota, erscheinen konnten.
5 Name geändert.
6 „Dead On Arrival“ – Tot bei Ankunft bzw. Tot bei Einlieferung.
7 „Jesus hates a Pussy“ oder JHAP ist eine Phrase, geprägt von ATF Special Agent Chris Bayless, und wurde zum inoffiziellen Motto der Solo Angeles.

Mesa, Arizona – Juli 2002
Zwei Wochen, nachdem die Agenten beim „Too Broke for Sturgis“-Motorradtreffen eingeführt worden waren, hielten die Solo Angeles einen Block vom Clubhaus der Mesa Hells Angels in der Lebaron Street entfernt. Nervös ließen sie die „Was ist, wenn“-Szenarien Revue passieren, plötzlich unsicher, ob sie den legendären Robert Johnston treffen sollten. Rudy, der seine Führerrolle zunehmend genoss, stampfte die Männer sprichwörtlich in den Boden und meckerte sie an. Sie seien „Pussys“ und „doch genau aus dem Grund hierhergekommen“. Er wusste nur zu gut, dass das Team auf jeden Fall eingeschleust werden musste, denn sonst war die Operation vorbei und er wanderte in den Knast.
Ein heißer Wind strich um Birds Wangen, als er und die Männer vor dem abgewrackten Clubhaus parkten, das einer kleinen Gefängnisbaracke ähnelte. Ein mit weißer Farbe getünchter Absperrzaun verlief um den Komplex. Im bläulichen Abendlicht stachen die auf den Jacken der Posten angebrachten geflügelten Totenkopfsymbole ins Auge – die sogenannten Death Heads. Selbstbewusst ging Rudy auf die diensthabenden Wachen zu und steckte ihnen, dass sie Gäste von „Mesa Bob“ seien.
Ghost, ein bleicher, dünner und stark tätowierter Hells Angel, eskortierte die Männer wortlos in das Clubhaus. Am hinteren Ende stand eine aus Blech gebaute Bar, wo ein Prospect den Angels Cocktails reichte. Sogar als unwichtiger Anwärter war der Biker bis an die Zähne bewaffnet, jederzeit bereit, bei einem abgedrehten Gang-Krieg mitzumachen. Eine Handfeuerwaffe steckte in seinem Gürtel, und die Griffe mehrerer Messer ragten funkelnd aus den Cowboystiefeln. Am Gürtel hingen zudem ein ausziehbarer Schlagstock, eine Totschläger aus Stahl, Schlagringe und sogar ein Hammer.
Timmy, der die Rolle von Birds Prospect spielte, machte dagegen einen blassen Eindruck. Mit seinem Kostüm, das unglücklicherweise viel zu neu aussah, war nicht viel anzufangen. Die gerade erst eingefettete Kutte, sein hochroter Kopf und die genervte Reaktion auf Rudys Kommandos konnten schnell die Tarnung auffliegen lassen.
„Zwölf Stunden“, hatte Timmy vor Beginn der Charade den Mitstreitern eingetrichtert. „Zwölf Stunden von diesem Scheiß, und ich bin drin!“
Bird nahm es Timmy nicht übel, dass dieser Rudy am liebsten in der Wüste „vergessen“ hätte, denn der Biker hatte seine Rolle ein bisschen zu gut gespielt und Gefallen daran gefunden, „Timmy, dem Cop“ mit seinen ständigen Wünschen nach Bier, Zigaretten und Hot Dogs gehörig auf die Nerven zu gehen und ihn durch die Gegend zu scheuchen.
Timmy hatte schnell die Schnauze voll gehabt und sich Bird zur Seite genommen. „Ich muss diesem Motherfucker das Fressen anschleppen. Scheiß doch drauf. Wenn der mich noch weiter anmacht, werde ich ihm den Arsch aufreißen!“
Bird antwortete cool und beschwichtigend: „Wenn du dem Präsidenten vor den Hells Angels einen Tritt in den Arsch verpasst, können wir unser Zelt abbauen und verschwinden. Zieh’s dir rein und schluck den Scheiß runter. Trag heute mal Stiefel und keine Kinderschuhe.“
„Leck mich doch am Arsch. Du musst ja keine Hot Dogs für das dumme Schwein kaufen.“
„Ich mag meine mit der gleichen Menge an Senf und Ketchup. Ketchup auf der einen, Senf auf der anderen Seite“, erinnerte ihn Bird.
„Pass auf, dass du die Sache mit den Hot Dogs gut hinkriegst“, ergänzte Rudy. „Wenn du den Test bestehst, werde ich dich befördern. Dann darfst du Hamburger holen.“
Bird befürchtet, dass Timmy gleich explodierte. Doch er hatte sich für seine Karriere als Rudys „Hot-Dog-Schlampe“ eine kleine Variante ersonnen. Bevor er dem Präsidenten das Brötchen brachte, machte er einen Abstecher zum Klo und würzte den Hot Dog mit seiner „Spezialsoße“. Es überraschte niemanden, als sich Timmy 24 Stunden später einen Patch der Solo Angeles aus der Asservatenkammer des ATF „borgte“ und seine Frau dazu brachte, ihn morgens um 3 Uhr an die Kutte zu nähen.
21 Uhr. Für diese Zeit war es im Clubhaus noch recht leise. Hier stank es nach Schweiß, Bier, dreckigem Sex und Marihuana. Der Laden erinnerte an ein vollkommen heruntergekommenes Bruderschaftshaus. Man hatte die Wände lieblos in Rot und Weiß angestrichen, den Farben der Angels. Es erinnerte Bird unheimlicherweise an ein Damebrett. Blechschilder hingen in Reihen an den Wänden und riefen die „Errungenschaften“ der einzelnen Member ins Gedächtnis. An der hinteren Wand des Gebäudes prangte das als Graffito gesprayte riesige Wandgemälde eines geflügelten Totenkopfs. Darunter standen die Namen verschiedener Mitglieder.
Mesa Bob tauchte aus dem verschwommenen Dunkel auf, ein über 1,90 Meter großer, bulliger Biker, an dessen Körper massige Goldketten hingen. Er erinnerte an einen Godfather der Mafia. Er begrüßte die Agenten mit einem herzlichen Händedruck. Es wirkte so, als würde er sie schon eine ganze Zeit lang kennen oder zumindest ihren Ruf schätzen. Rudy hatte tatsächlich schon genügend Vorarbeit für eine ausreichende Vertrauensbasis zwischen den Bikern geleistet.
„Ihr seid meine persönlichen Gäste“, erklärte der Präsident mit der geschmeidigen Stimme eines Gebrauchtwagenverkäufers (das war sogar sein regulärer Job!) und klatschte einen Mesa-Supporter-Sticker in Birds Hand. „Kleb ihn auf deinen Bock.“
Der Präsident des Chapters deutete den Männern mit einer Handbewegung an, sich hinzusetzen. Die Bar erinnerte an eine Lounge voller abgewetzter Sofas. Bird zupfte an einem Kissensaum, während Mesa Bob in den weichen Polstern versank. Der Präsident stellte die Hände mit gespitzten Fingern auf den Tisch und versicherte ihnen: „Ihr habt meine Erlaubnis, mit Unterstützung des Clubs Drogen in Arizona zu verschieben.“ In seinen Augen zeigte sich amüsiertes Funkeln. „Echt schade, dass ihr unseren kleinen Zeitvertreib gestern Abend verpasst habt. Eine Gruppe von Stewardessen hat uns zu einer netten Orgie eingeladen.“
Marihuana-Rauch hing wie ein seidenes Netz über der Bar. Die Männer hörten Stimmen, die dann wieder leiser wurden und einer Art weißem Rauschen Platz machten. Einige Hells Angels, Vollmitglieder und gleichzeitig Geldeintreiber, standen dicht gedrängt in der Nähe, jederzeit bereit, Bird eine Kugel zu verpassen, wenn er sie nur schräg ansah. Doch der Agent verzog keine Miene. Er spürte die Fähigkeit dieser Clowns, Angst wahrzunehmen, ähnlich Raubtieren, die einen in die Enge getriebenen Hirschbock auf einer Waldlichtung rochen. Glücklicherweise war Rudy in seinem Element und laberte Mesa Bob voll. Sie redeten über die schwierige Lage mit den Mongols, wobei er einige Hinweise wie Brotkrumen fallen ließ, dass „seine Jungs“ noch einige Geschäfte in Bullhead regeln müssten. Timmy zapfte zwischenzeitlich Bierkrug nach Bierkrug, während Pops die ihm regelmäßig angebotenen Methamphetamin-Trips abwehrte.
Bird beobachtete Rudy nervös. Der Kerl kippte sich fast einen ganzen Krug Bier die Kehle runter und schnippte mit den Fingern, damit Timmy für Nachschub sorgte. Das konnte Bird im Moment überhaupt nicht gebrauchen – einen besoffenen Informanten, den er kontrollieren musste. Nach eineinhalb Stunden voller Anspannung schlug Bob vor, die Party in der Spirits Lounge in Gilbert weiterzufeiern. Doch zuerst bot er jedem einen kleinen „Straßenfeger“ an. Im Hinterzimmer des Clubhauses hatte er einen prächtigen Haufen Methamphetamin versteckt.
Birds Blick in Richtung Rudy sagte alles: „Mach jetzt bloß keinen Scheiß.“ Dabei legte er sich einen Plan zurecht, den Informanten zu kontrollieren. Timmy verspannte sich bei der Aussicht auf Drogen augenblicklich. Bird musste ihm in einem ruhigen Moment kräftig die Leviten lesen. Nur Pops und Carlos wirkten cool und lehnten die Einladung zu einem Trip als zu verfrüht ab. Sie waren schon sternhagelvoll und brauchten momentan nicht noch einen weiteren Anlass, um die Aufmerksamkeit der Cops auf sich zu lenken. Bird wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bevor die Pumpkins neuerlich Dope ablehnen mussten. Die Hells Angels boten Glass8 wie Süßigkeiten an. Für sie stellte es einen netten Nebeneffekt der Mitgliedschaft dar. Die Agenten benötigten dringend einen gemeinsamen Plan, eine ausgearbeitete und gut eingespielte List, der auch das über 30 Zentimeter lange Metzgermesser nichts anhaben konnte, das an Johnstons Seite baumelte.
Es war schon fast Mitternacht, als Bird und die anderen bei der Spirits Lounge eintrafen. Eigentlich hätte er todmüde sein müssen, doch die Aufregung brachte das Blut in den Adern zum Pulsieren. Im Laden dröhnten Heavy-Metal-Songs. Bird hatte das Gefühl, dass der Druck seinen Brustkorb einquetschte. Members des Lost Dutchman Motorcycle Club drückten sich in den Ecken herum. Hells Angels eskortierten Bird und seinen Haufen zu einem abgetrennten Privatbereich der Bar. Draußen bewachten Timmy und Pops die Bikes wie scharfe Hunde, dabei Ghosts ständige Drogenangebote ablehnend. Ghost langweilte es schon nach kurzer Zeit, die Anwärter zu verarschen, und er kehrte an Mesa Bobs Tisch zurück, wo er mit viel Aufhebens die kugelsichere Weste ablegte. „Man erwartet von uns, die Dinger in der Öffentlichkeit zu tragen, doch ich bin das einzige Member, das sich an das Club-Protokoll hält“, murrte er und überreichte Timmy die Weste, der sie zu einem Prospect der Angels auf dem Parkplatz brachte.




