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Zwischenzeitlich hatte sich eine Drogenschlampe dem Tisch genähert. Strähnen blonden Haares fielen ihr ins Gesicht. An den Mundwinkeln bildeten sich Blasen – zu viel Stoff! Die Augen schienen in den Höhlen zu verschwinden. Die Gesichtshaut war unnatürlich gespannt. Auf dem ausgewaschenen T-Shirt stand ein schreiendes „The Bitch is Back“. Die geisterhafte Erscheinung einer Frau setzte sich auf Birds Schoß, legte ihre dürren und ausgemergelten Arme um seinen Hals und knabberte an seinem Ohr. Niemand schien davon Notiz zu nehmen. Für Biker waren Frauen ein Stück billigen Schmucks –Besitz, Objekte, die man benutzte, misshandelte, für einige Cents versteigerte und teilte. Wenn Bird den plumpen Annäherungsversuch ausschlug, würden überall die Alarmglocken läuten – wer lehnte schon einen lockeren und schnellen Fick ab?
Ghost musterte Bird kritisch und versuchte ihn einzuschätzen – würde er oder würde er nicht? Nach einigen brenzligen Sekunden rotzte er der Schlampe ins Gesicht und fuhr sie an: „Verpiss dich!“ Die Biker hatten hier wichtige Dinge zu besprechen, nämlich den sich aufheizenden Konflikt zwischen den Hells Angels und den Mongols in Mexiko. Das erforderte ihre ganze Aufmerksamkeit. Ohne mit der Wimper zu zucken, leckte sie an Birds Ohr und flüsterte ein heiseres „Später“.
„Ich brauche eine Frau“, drängte Bird während einer Besprechung im Hautquartier der Operation, von den Bikern „Pumpkin Patch“ oder auch „Black Biscuit Kangaroo Court“ genannt.
„Brauchen wir doch alle, oder?“, kommentierte Beef lakonisch, während er den Käfig der Eidechse reinigte.
„Früher oder später werden die sich die Frage stellen, warum meine Alte nicht mitkommt“, gab Bird zu bedenken, doch Beef deutete mit dem Mittelfinger auf ein Schild, das oben an einer Wand im Lagerhaus angebracht war: Beefs Goldene Regeln: Keine Weibergeschichten! Kein Gejammer! Übersetzt: Er arbeitete an einer Lösung des Problems. Ärgerlicherweise boten sich da nicht so viele Kandidaten. Die einzigen verfügbaren Frauen waren entweder zu alt, zu kräftig gebaut oder zu nervös, um als Biker-Schlampen durchzugehen. Der Einsatz dieser Frauen hätte Bird den sicheren Tod gebracht. Allerdings konnte er die sich ihm anbietenden Weiber nur so lange abwimmeln, bis sich das erste Misstrauen der Angels regte.
Um 1 Uhr kehrten Bird und das Team ins Mesa-Clubhaus zurück, um sich weiter zu unterhalten und noch mehr Bier zu kippen. Die Anspannung verdrängte jeden Hauch von Müdigkeit. Bird hörte nur noch einen undurchdringlichen Klangwirrwarr – schallendes Gelächter, Halbsätze und das Geräusch nasser Körper, die sich auf den grünen Plastikstühlen neben ihm ableckten. Der Tagesanbruch würde ihn erlösen, ihm ermöglichen, unauffällig den Bock zu besteigen und seinen mitleiderregenden Arsch zum Pumpkin Patch zur nächtlichen Besprechung zu fahren. Es war nur ein kleiner Trost, dass seine Ankunft für das Überwachungsteam eine kurze Auszeit signalisierte, für die Männer, die sich aufgeputscht die Nächte mit Glücksspielen und Pornos auf dem Laptop um die Ohren schlugen. Der trostlose Highway erstreckte sich vor ihm, verführte Bird dazu, das Bike in Richtung seines Hauses zu steuern. Nur einen kurzen Moment, einfach mal schauen, ob es seiner Frau gutging. Doch er hatte keine Familie – zumindest nicht heute Nacht.
Erinnerung war eine schmerzhafte Krankheit!
In dieser Nacht wollte er der sich schlängelnde Straße zum Lagerhaus folgen und dabei jegliche Spuren vermeiden. In dem verbarrikadierten Haus im Süden von Phoenix würde er sich auf eine verdreckte Matratze legen, neben den anderen Solos, viel zu aufgekratzt, um ein Auge zuzumachen.
8 Slang für Methamphetamine.

Juli 2002
Das „Hauptquartier“ der Operation Black Biscuit war ein eher unauffälliges Lagerhaus, eine drückend heiße Blechbüchse ohne Fenster, aber mit einem Bürobereich und einer Garage. Es lag am verdreckten Ende einer Straße im Süden von Tempe. Beef hatte Hürde nach Hürde bürokratischen Wahnsinns überspringen müssen, um eine überzeugende Geschäftsfassade aufzubauen. Man konnte hier problemlos und innerhalb kürzester Zeit die Fahrzeuge für die Einsätze und das Überwachungsgerät unterbringen. Bedachte man Beefs finanzielle Beschränkungen, war es kein leichtes Spiel gewesen, einen geeigneten Ort für die Operationsbasis zu finden – sein Team war viel zu groß und die Sicherheitsvorkehrungen zu wichtig, um sich im offiziellen Büro der Phoenix Field Division zu treffen. Beef hatte auf einen Ort für problemlose Treffen und die Koordination der Undercover- sowie Überwachungseinsätze bestanden. Noch wichtiger waren Schutzvorkehrungen, um die Integrität der Agenten zu schützen und zu gewährleisten.
Beef holte sich die Zustimmung von Joe Gordon ein, des Assistenten der verantwortlichen Special Agents, um dem Ganzen einen kommerziellen Anstrich zu geben, die Einrichtung zu bezahlen und mehrere Telefonleitungen zu legen. Darüber hinaus mussten wasserdichte Undercover-Identitäten garantiert werden. Doch mit dem Aufbau einer Operationszentrale war erst ein Teil der Schlacht gewonnen. Beef musste sich ständig Gordons vorhersehbare Drohungen anhören: „Ich kann die Operation jederzeit abblasen.“ Aber der Typ brauchte sich eigentlich gar keine Mühe zu geben, den Einsatz zu gefährden. Er hatte bereits die gesamte Operation in Gefahr gebracht, weil er unangemeldet zu einer „Notfallbesprechung“ im Lagerhaus aufgetaucht war – in seinem ATF-Polo-Shirt und mit einem vom Ei eines Frühstück-Hamburgers verschmierten Kinn.
Gordons grundlegende Ignoranz stellte ein Beispiel dar für den großen Unterschied zwischen Anzugträgern und Agenten, die an vorderster Front kämpften. Für Letztere stand nämlich das nackte Überleben an erster Stelle – und keine intellektuellen Gedankenspiele.
Doch Beef tat sein Möglichstes, um das Theater weiterzuspielen. Er ließ Visitenkarten mit der großen goldenen Aufschrift „Black Biscuit Enterprises“ drucken. Der Name stammte vom Eishockey, einem recht blutigen Sport. Beef plante die Infiltration der Hells Angels durch seine Agenten mit der Geschwindigkeit und Präzision eines gut gezielten Hockey-Pucks – einem „Black Biscuit“. Er stellte den Männern Kreditkarten mit falschen Identitäten aus, kümmerte sich um Bankkonten mit erfundenen Umsätzen und imaginäre Versicherungen.
„Wir machen das, damit Kriminelle aus korrekten Beobachtungen falsche Rückschlüsse ziehen“, erklärte er der Crew wiederholt. Und fügte hinzu: „Neben dem äußeren Erscheinungsbild ist eure innere Einstellung wichtig.“ Alle sahen wie Outlaw-Biker aus, besonders nachdem sie die Kutten mit Dreck, Schmiere und Bier „getauft“ hatten. Auf dem Leder zeigten sich auch Messerspuren. Darüber hinaus ließen sie den Truck und den Trailer über die Kutten fahren, um den Dingern einen authentischen „Noch nie gewaschen“-Look zu verpassen. Kaum vorhandene Hygiene, kahlrasierte Schädel, verfilzte Bärte und tätowierte Arme vervollständigten das Bad-Boy-Image.
Worauf ihre Frauen mit unverhohlenem Protest reagierten!
„Ich möchte eines Tages mal im vorderen Teil eines Restaurants einen Platz zugewiesen bekommen“, hatte sich Birds Frau in einem der seltenen Momente beklagt, in denen er mit ihr ausgehen wollte.
Nach 20 Jahre Ehe hätte sie sich eigentlich schon an Birds Erscheinungsbild als Street Agent gewöhnt haben müssen. Sie wusste, dass er kein Bürohengst war und nie einer werden würde. Bird vermutete, dass sie sich insgeheim noch nie mit den Opfern arrangiert hatte, die Einsatzkräfte bringen mussten – Gedanken, nur auf ein Ziel gerichtet, Schlafentzug, die merkwürdige und beklemmende Isolation, die nur die Männer kannten, die so eine Rolle spielten, und das Wechselspiel zwischen zwei Persönlichkeiten, das höchstens Schauspieler verstanden. Er wusste, warum Beef ihn für die Rolle ausgewählt hatte – es gab keinen anderen!
Egoismus war nicht das ausschlaggebende Element, denn der Pragmatismus bestimmte Beefs Entscheidung. Beef benötigte einen Mann, der innerhalb der Szene arbeiten konnte, der sich schon eine Identität aufgebaut hatte, eine Vertrauensperson, die sich unauffällig unter die finsteren Bastarde der Outlaws mischte. Sein Mann musste vollkommen in der Rolle aufgehen, damit die Ermittlung niemals in Gefahr geriet. Während der Karriere beim ATF hatte sich Bird schon fünf bestätigte Todesdrohungen eingefangen. Statt sich zu ducken oder in eine andere Stadt zu ziehen, akzeptierte er das „Trostpflaster“ des ATF – Mitglieder einer mit Sturmgewehren bewaffneten Sondereinheit, die sich in seinem Haus niederließen, die die Kinder überwachten, während diese mit ihren Tonka-Spielzeugtrucks in Sandgräben purzelten, und Floristen „grillten“, wenn diese an der Eingangstür auftauchten, um weiße Nelken von besorgten Nachbarn und Freunden abzugeben.
Beef musste wohl gespürt haben, dass Bird kein Typ für das „Ruhmeskarussell“ war, das Popularität und Berühmtheit mit sich brachten. Birds Talent zeigte sich durch seine Geschicklichkeit und Schläue auf der Straße. Das ATF mochte sich der Illusion hingeben, die Agenten für den Außeneinsatz zu trainieren, doch ein Typ wie Bird lernte die Regeln instinktiv. Er kreierte einen überzeugenden Background, wusste, wo die Trennlinien zwischen legal und illegal verliefen, und spürte, wann man aus einer brenzligen Situation aussteigen musste. Bird kannte den Unterschied zwischen dem Provozieren einer strafbaren Handlung und einer Ermittlung und zog sich niemals Drogen rein. Allerdings konnte auch der Fall eintreten, dass Ausnahmen von der Regel den Tagesablauf bestimmten. Bird wusste, dass der Konsum illegaler Substanzen unvermeidbar war, falls er vermutete, dass höchste Lebensgefahr bestand. Möglicherweise würde die Behörde ihn vor rechtlichen Konsequenzen schützen, doch der darauf folgende übermäßig aufwändige Papierkram hielt ihn ab, jemals diese Ausnahmeregelung in Anspruch zu nehmen.
Bird verstand, worauf es bei der Mission ankam. Es reichte nicht, wenn das ATF die Arizona Hells Angels infiltrierte und ihre Organisation zerstörte. Die Behörde musste auf eine höchstmögliche Anzahl von Anklageerhebungen und Strafverfahren abzielen. Für eine Outlaw-Biker-Gang war es ganz und gar nicht unüblich, Mordaufträge gegen Bundesstaatsanwälte und Agenten zu kommissionieren, wichtige Zeugen zu eliminieren und Informanten vor dem Prozess um die Ecke zu bringen. Ähnlich einer terroristischen Vereinigung regierten die Gangs dank der von ihnen ausgehenden Bedrohung und verängstigten ihre Widersacher. Sie orchestrierten ein Netzwerk intelligenter Köpfe, die auf kriminelle Art und Weise die Ermittlungen gegen Aktivitäten des Clubs störten und zum Einfrieren brachten. Die Biker waren, geradeheraus gesagt, organisierte Killer! Ihre Clubs liefen wie Firmen, und sie hatten eine Satzung und feststehende Regeln. Das Protokoll und eine feststehende Rangordnung bestimmten den Alltag. Und auch wenn Bird die Hells Angels erfolgreich zu Fall brachte, musste er immer noch mit den Richtern und Geschworenen fertigwerden, die eventuell gekauft wurden, um die Angeklagten freizusprechen.

August 2002
In der Biker-Community verbreitete sich die Nachricht schnell, dass sich die Solo Angeles als Mesa Bobs Gäste in Arizona aufhielten, und sich ein waschechtes Member in Bullhead City aufhielt. Doch Bird musste vorsichtig sein und dem Protokoll folgen. Es war wichtig, sich die Genehmigung zum Tragen der Solo Angeles-Kutte von Donald Smith (alias „Smitty“) einzuholen, dem altgedienten Member der Arizona Nomads. Der kräftig gebaute Mechaniker regierte angeblich die Stadt und erfreute sich einer geradezu harmonischen Beziehung zu den dortigen Strafverfolgungsbehörden.
Die Entscheidung, Smitty zu treffen, erfolgte eher aus strategischen denn aus praktischen Beweggründen – wenn Bird nicht zufälligerweise scharf auf eine Kugel im Rücken war. Smitty mochte es nicht, wenn jemand seine Führungsposition in Frage stellte.
Bird kannte den Typen noch aus seiner Zeit als Waffenschieber. Nun musste er Smitty und seiner kriminellen Gefolgschaft erklären, warum er ihn neun Monate lang getäuscht und angelogen hatte und ihm nicht erklärte, dass er in Wahrheit ein Outlaw-Biker sei.
„Frag Smitty, warum ich nicht mehr im Club bin“, riet ihm Dave B., ein ehemaliger Hells Angel, nachdem er einen Schluck aus Birds Bierkrug genommen hatte. Die beiden saßen in O’Learys Bar in Bullhead City. Dave war ein stämmiger Typ mit einem verschwitzten roten Gesicht, das bei der spärlichen Beleuchtung einem Lötkolben auf vollen Touren glich. Er drehte die Hand um und zeigte Bird das Death-Head-Tattoo. Unter dem Logo stand „out date“, womit er signalisierte, dass er nicht mehr zum Club gehörte. Offensichtlich hatte er Smitty in seiner Führungsrolle herausgefordert. Einige Zeit später verriet Smitty Bird im „Vertrauen“, dass Dave eines „natürlichen Todes“ gestorben sei. Angeblich hatte er aber vorher Smitty seine Bike-Papiere zur „sicheren Aufbewahrung“ überlassen.
Bird und Carlos trafen sich mit Smitty in seinem „Heiligtum“, dem Inferno, zum Abendessen. Smitty brachte sein Pixie-ähnliches Weib Lydia und das Hells Angels Member Chef Boy Are Dee mit. Zufrieden, dass die Solos Mesa Bobs Segen hatten, sich in Bullhead City breitzumachen, gab er sein Okay zum Tragen der Kutte. Allerdings machte er ihnen eins unmissverständlich klar: Er mochte den Tod nicht, außer, wenn er ihn befahl!
Kapiert! Erstaunlicherweise hatten sich die Solo Angeles innerhalb nur weniger Wochen die Sympathie von zwei Hells Angels-Anführern verdient und zugleich die Erlaubnis eingeholt, in dem Bundesstaat Geschäften nachzugehen.
Jetzt stand eine Dankesbekundung auf der Tagesordnung. Auf Birds Anweisung hin ließ Rudy den Hells Angels von den Solos ein „Danke“ zukommen, und zwar in Form von 500 Dollar für den „Verteidigungsfonds“, der für die juristische Unterstützung von Mitgliedern eingesetzt wurde. Es war nur eine Geste, die sich aber für das Team in der Zukunft als wichtig herausstellen sollte, denn damit hatten sie sich das Vertrauen der Angels verdient. Eine zuvorkommende Attitüde war ein bedeutendes Merkmal für Respekt. Mit ein wenig Glück besänftigte das Team durch so einen Schachzug auch die wahren Solo Angeles in Mexiko, deren Unmut sich wegen der Präsenz des Nomad Chapters in Bullhead City regte. Eines Morgens erfuhren die Agenten bei einigen Waffeln, dass Rudy sich nicht die Genehmigung des Mutter-Chapters in Tijuana eingeholt hatte. Das überraschte allerdings kaum jemanden. Offiziell durften die Solos also ihre Nomads-Abzeichen nicht in Arizona sehen lassen.
Eiligst arrangierten Bird, Carlos und Rudy ein Meeting mit „Teacher“, einem alten Member der Solos, das in Sylmar, Kalifornien, lebte. Sie verbrachten zwei Stunden mit mühseligen Erklärungen und heuchlerischen Entschuldigungen, warum sie das Territorium der Solos ohne Erlaubnis verletzt hatten. Teacher bestand darauf, dass die neuen Nomads den Verstoß gegen die Club-Regeln sühnen und nach Tijuana fahren sollten, um dort „Suzuki“ zu treffen, den internationalen Präsidenten des Clubs.
„Da scheiß ich doch drauf“, wütete Beef und schlug dabei mit der Faust auf den Tisch.
„Uns bleibt gar keine andere Wahl“, lenkte Bird ein.
„Ich entsende doch keine Bundesagenten für einen Grenzübertritt und lasse sie in einem anderen Land Outlaw-Biker spielen“, kochte Beef, wobei sich in seinem Kopf die Gedanken drehten, denn so ein Unternehmen erforderte ausreichende Logistik, Sicherheit und eine komplizierte rechtliche Absicherung. Es war schon schwierig genug, ein Überwachungsteam in Arizona zusammenzutrommeln, das die Agenten unterstützte und für ihre körperliche Unversehrtheit sorgte. Solch eine Task-Force für ein anderes Land aufzustellen, provozierte regelrecht Ärger und Probleme. Beef wollte auf gar keinen Fall die Kontrolle über die Mission verlieren oder das Risiko einer Enttarnung der Männer außerhalb der USA eingehen.
„Das musst du nicht“, beruhigte ihn Bird. „Wir schicken Rudy und Pops.“
Pops stellte nicht die perfekte Wahl dar, da nur fünf von insgesamt 170 Mitgliedern der Solos Weiße waren. Doch die Männer hatten nur wenige riskante Optionen. Südlich der Grenze durfte man Pops und Rudy nicht mehr überwachen. Die Kontrolle der Informanten war ein wichtiges Element, denn so etwas wie Vertrauen gab es einfach nicht. Beef stand kurz davor, diese Grundregel zu brechen, was ihm schon jetzt Gewissenbisse bereitete. Die Stimme des Vorgesetzten Gordon dröhnte noch in seinem Kopf: „Ich kann die Operation jederzeit abblasen.“
„Wenn du bei dem Trip Scheiße baust, wirst du die Innenseite eines Gefängnisurinals auslecken!“, warnte er Rudy bei den Vorbereitungen. Diesen Informanten musste man ständig an seine Pflichten und die Verantwortung erinnern!
„Denk noch nicht mal daran, mit denen zu fahren“, meinte Beef, den Finger auf Bird gerichtet. In den Augen des Operationsleiters zeigte sich die nackte Panik und Verzweiflung. Bird wusste, dass er sich momentan eine Antwort verkneifen musste, doch in einem kurzen, abgedrehten Moment dachte er an das Undenkbare. Wer würde es schon mitkriegen, wenn er mal kurz über die Grenze fuhr? Beef kannte Bird viel zu gut, wusste, dass sein Mann sich dieses Risiko zutraute und eine Exkursion nach Mexiko durchzöge. Und warum auch nicht? Wenn Bird sich schon als Biker ausgab, konnte er mit Sicherheit eine überzeugende Vorstellung bei den echten Solo Angeles hinlegen.
Pops und Rudy erreichten am späten Nachmittag das in Tijuana gelegene Clubhaus der Solo Angeles. Das große freistehende Haus dominierte das Terrain. Ein angenehmer Geruch breitete sich über das Gelände aus. Außer Suzuki befand sich niemand im Gebäude. Der Typ trug einen Schwall schwarzen Haares, hatte einen überdimensionierten Kopf und kleine blutunterlaufene Augen, die die Neuankömmlinge wie Beute musterten. Er vermittelte den Eindruck einer Spinne in ihrem Netz. Totenstille breitete sich aus. Nach einigen Momenten kamen andere Member, ganz heiß auf die Versammlung, „Church“ genannt, und ein wenig neugierig auf die Mitglieder aus den Staaten. Eine wichtige Nacht stand bevor, denn angeblich wollten Mitglieder des Top Hatters Motorcycle Club den Solos beitreten, was bei den Bikern „Patching Over“ hieß. Nicht jedem gefiel es, dass hier Amis abhingen, denn es waren Außenseiter und sie hatten ihre Beiträge nicht gezahlt. Der Begriff Church stand in der Biker-Sprache für offizielle Versammlungen. Man erwartete von Mitgliedern, dass sie ihre Beiträge zahlten, an Versammlungen teilnahmen und an Geschäften des Clubs mitwirkten. Die Organisation verfügte über eine Satzung und feststehende Regeln. Oft bestimmten nicht die Verdienste auf den Straßen den Rang in der Hierarchie, sondern die allgemeinen Erfahrungen. Die „Predigt“ wurde auf Spanisch gehalten, einer Sprache, von der Pops kein Wort verstand.
Danach verdonnerte Suzuki Rudy für die Erlaubnis, ein Nomad Chapter in Arizona zu gründen, zu einer Zahlung von 800 Dollar und belegte ihn aufgrund seiner 3-jährigen Fehlzeit mit einer Geldstrafe. Falls das Nomad Chapter den uneingeschränkten Segen von Suzuki „empfangen“ wollte, nötigte man Rudy dazu, eine Harley Davidson Evolution Sportster springen zu lassen. Dann wären sie quitt. Doch das Schlimmste kam noch! Pops verzog das Gesicht, als Suzuki ihnen den Befehl gab, monatlich einen Repräsentanten nach Tijuana zu entsenden, um an der Church teilzunehmen und Kohle anzuschleppen.
„Wir werden dem Typen kein verdammtes Bike spendieren.“
Beef schaltete auf Stur.

Bullhead City – Oktober 2002
Wochen nach Pops und Rudys Rückkehr aus Tijuana ließen sich die Männer in ihren verschiedenen Rollen regelmäßig in der Stadt sehen. Sie verbrachten die Tage mit dem Abschließen von Drogengeschäften und hingen mit anderen Outlaws ab. Natürlich hechelten sie einer vernünftigen Auszeit hinterher – kurzen Zeitabschnitten, um ohne Unterbrechung zu pennen, den wenigen Stunden, in denen sie freiheraus sprechen konnten, ohne jedes Wort auf die Goldschale zu legen und sich zu ängstigen, dass ein anderer einen Satz falsch interpretierte. In dem Undercover-Haus teilte sich Bird den dreckigen Boden mit Timmy, Carlos und Rudy. Pops kauerte sich lieber in Reichweite der Tür zusammen. Sie hielten abwechselnd Wache, dazu gezwungen, dem jeweils anderen zu vertrauen. Bird konnte nie komplett abschalten. In Momenten totaler Dunkelheit, wo er als einziges Geräusch seinen Atem hörte, nickte er meist nur kurz ein.
Im Zwielicht der Morgendämmerung schnappte sich Bird die Sig Sauer. Eine merkwürdige Stimmung schien den Raum zu erfüllen. Auf dem Pager leuchtete die Uhrzeit grell auf – 3 Uhr. Da war es wieder, ein klopfendes Geräusch in einer Ecke des Raums. Plötzlich hellwach, rappelte er sich auf. Die Venen in seinen Armen hatten sich wie Stahltaue zusammengezogen. Er nahm keine Bewegung im Haus wahr und schaute zur Seite. Wo zum Teufel steckte Timmy? Pops lag beim Fenster und murmelte etwas Unverständliches. Schlief er, oder war er wach? Carlos stand bewegungslos im Flur. Sein Schatten bildete sich auf der langen Wand ab, während er Rudy ins Visier nahm, der in voller Montur auf der Ecke einer Couch saß.
Der Schließriegel der Hallentür war kaputt. Sie hing nur noch an einem Scharnier und öffnete sich quietschend im Wind. Für einen flüchtigen Moment fragte sich Bird, ob Rudy die Tür wohl absichtlich aufgelassen hatte. Der Typ war durch und durch unberechenbar, und Bird hegte keine Zweifel, dass er des Verrats fähig wäre. Hatte er sich ohne Wissen des Teams gestern Abend entfernt? Das hätte das Überwachungsteam doch bemerkt, oder etwa nicht?
Mit gezogener Waffe und in gebückter Haltung schlich Bird zur Dusche, die im Dunkeln lag. Wasser tropfte langsam aus dem Hahn und bildete eine kleine Pfütze auf den Fliesen. Atmen. Einfach nur atmen. Kleine Füßchen kratzten über den Boden hinter ihm. Bird schnellte herum. Seine Finger zitterten. Aus einem Reflex heraus hätte er beinahe gefeuert, doch er fing sich trotz der Unsicherheit schnell genug wieder. Er konnte es kaum fassen, als er den Schwanz einer großen Ratte sah, die sich hinter einem Sandsack versteckte.
Ein Streichholz leuchtete im Dunkel auf. Rudy steckte sich eine Kippe an und machte es sich auf der Couch bequem. „Ihr Typen wisst doch einen Scheiß von Rockern“, giftete er, dabei mit dem Kopf in Richtung Tür nickend. Er rieb sich die Nase und zog das Gesicht schmerzverzerrt zusammen. Bird vermutete, dass Rudy der Zinken vom Drogenschnupfen höllisch weh tat.
„Und weißt du, warum? Weil wir Cops und keine Biker sind, du Schwachkopf“, erinnerte ihn Carlos. Die aufgeladene Atmosphäre zwischen den beiden war deutlich zu spüren. Er warf Bird einen wissenden Blick zu. Dieses dumme Arschloch hatte sich Dope von seinem letzten überwachten Kauf abgezweigt und nun den Nerv, das Zeug vor ihren Augen zu sniefen. Mit dem Zeigefinger machte Timmy eine eindeutige Geste an seinem Hals, dabei Bird signalisierend, was eigentlich alle wussten – Rudys Zeit war abgelaufen.
„Du meist, dass du was Besonderes bist“, forderte Rudy Carlos heraus. „Du bist kein bisschen besser als ich. Aus welcher mexikanischen Stadt kommst du überhaupt?“ Er wollte Carlos zu einer Schlägerei provozieren, ganz genau wissend, dass sein Gegenüber Puerto Ricaner war.
„Macht mal halblang, ihr beiden“, warnte Bird und verbarrikadierte die Tür mit einem Sandsack, während er sich einen Plan zurechtlegte.
Sein Blick fiel auf die am Boden liegenden Papierfetzen, die im Licht der nackten, milchigen Glühbirne unheimlich weiß erschienen: Namen der von Smitty ausgewählten Opfern, Gerichtsdokumente und Fotos von einem angepeilten Haus sowie von zu befragenden Zeugen. Smitty hatte Wind von Birds Ruf als Auftragskiller und Schuldeneintreiber bekommen. Die beiden hatten sich einige Stunden zuvor in seinem zugestellten Wohnzimmer getroffen, wo er Bird das Angebot unterbreitete, ausstehende Schulden von Drogendealern klarzumachen. Lydia zog sich während der Geschäftsbesprechung pflichtbewusst zurück, nicht ohne vorher aber durch den schwarzen Perlenvorhang zu verschwinden, um den Männern Bier zu besorgen. Smitty saß auf dem Rand der blutroten Couch, lehnte sich vor, grinste und flüsterte konspirativ in Birds Richtung: „Mach, was du machen musst.“




