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„Ja“, sagte Caterina und warf Tommy einen Blick zu.
„Sie haben die Aussage zu Protokoll gegeben und wurden bereits wieder entlassen“, warf Tommy ein.
Donna Leandra nickte.
„Wir stehen am Anfang unserer Ermittlungen, alles ist noch offen.“ Caterina machte eine kurze Pause. „Nun, Ihr Mann war nicht irgendwer. Wenn man seine beachtliche Karriere so betrachtet, kommen viele Mordmotive infrage. Aber die Brutalität, mit der die Tat verübt wurde, lässt zunächst zwei Vermutungen zu: Entweder steckt die organisierte Kriminalität dahinter oder es handelt sich um persönliche Beweggründe.“ Caterina biss sich auf die Unterlippe, als hätte sie bereits eine genaue Vermutung, die sie nicht preisgeben wollte, um die Reaktion der Witwe zu testen.
„Persönliche Beweggründe, absurd, welche persönlichen Beweggründe? Ein wunderbarer Ehemann und Vater, nicht perfekt, aber wer ist das schon, jedoch offen, loyal und zuvorkommend, zu allen.“
Caterina hob die Augenbrauen und betrachtete die Witwe kühl.
„Hat Ihr Mann in letzter Zeit Drohungen erhalten?“
„Nein, nicht das ich wüsste. Er sprach nicht viel über seine Arbeit.“
„Gab es sonst noch etwas, was Ihnen verdächtig vorkam.“
Sie schüttelte den Kopf.
Caterina warf erneut Tommy einen Blick zu. Der nickte nur, das sagte ihr, dass er keine Fragen hatte.
„Nun, wie ich bereits sagte, es ist noch alles offen und ein Motiv, das mir bei solch einem brutalen Mord in den Sinn kommt, wäre Leidenschaft. Wenn ich mir seine Handykontakte so ansehe, so stehen dort erstaunlich viele Namen von Damen“, sagte Caterina.
„Ein attraktiver Mann in einer Machtposition ist nun mal begehrt. Und jede Stimme zählt, Commissario“, antwortete die Witwe mit einstudiertem Lächeln.
„Bitte verzeihen Sie die Frage, aber hatte er vielleicht eine Affäre, mit einer anderen verheirateten Frau? Ich muss diese Fragen leider stellen.“
Donna Leandra schwieg.
„Verstehen Sie, Signora Della Porta, das ist nicht der richtige Ort für falsche Scham. Als Frau kann ich Ihre Position verstehen. Aber als Ehefrau wäre ich weniger daran interessiert, das Andenken meines Mannes zu wahren, als seinen Mörder zu finden.“
Donna Leandra schwieg weiter.
„Darf ich Sie fragen – Signora Della Porta – wo sie heute Mittag zwischen ein und drei Uhr waren?“
„Lächerlich, verdächtigen Sie mich jetzt etwa, das ist absurd“, fauchte sie. Sie winkte mit einer Handbewegung ab, als gäbe sie nichts auf die Theorien der Kommissarin.
Was wussten deren klare Augen aus dem Norden, schien sie zu denken. Donna Leandra hob das Kinn und senkte den Blick. Mit den Fingern knetete sie das Leinentuch bis sich die mit rotem Faden aufgestickten Initialen so weit auseinander dehnten, dass man die Einstichlöcher sah.
Vielleicht ein Einstichloch für jedes Opfer, das sie für den politischen Aufstieg ihres Mannes hatte bringen müssen: Seitensprünge, abgebrochenes Studium, Geld ihrer Familie.
Caterina Calanca kannte diesen Gesichtasausdruck, für diese Frau brach eine Welt zusammen. Sie wusste was in ihr vorging.
Eine Jugend, die sie anstatt ausgelassen zu feiern auf Parteiversammlungen mit alten, langweiligen Menschen verbringen musste, würde ihr niemand zurückgeben. Es war ein steiniger Pfad, bis die politischen Erfolge kamen, die dies alles kompensierten sollte. Dies war jetzt alles für immer verloren und den Verantwortlich für diesen Verlust würde man niemals fassen. Nicht mit dieser Kommissarin!
Donna Leandra schluckte bitter und richtete ihr kinnlanges dunkelbraunes Haar. Ihr Blick wanderte zu den akribisch aneinandergereihten Codice in dem Regal rechts vom Holzschreibtisch, direkt unter dem Bild des Presidente Della Repubblica.
Das Gesetz, von Menschenhand geschrieben, war für Caterina heilig.
Das Gesetz, so wie es in den Büchern stand und nicht wie es nach Bedarf hingebogen wurde. Die dachte hier sperre man Verbrecher ein um sie mit einem Heiligenschein wieder zu entlassen. Ihr Vorgänger war da anpassungsfähiger, konnte es geschmeidig formen.
Aber sie war Idealistin, Tochter eines ermordeten Richters und hatte auf eine Karriere als Richterin verzichtet, um als Polizistin das Gesetz der Straße mit derselben Gewissenhaftigkeit durchzusetzen, wie ein Restaurator ein seltenes Meisterwerk zu erhalten sucht, in dem unbeirrbaren Glauben, etwas damit in der Gesellschaft zu bewirken. Das hatte sich bereits in der Stadt herumgesprochen.
„Nun, Signora Della Porta, ich sagte es gäbe noch eine weitere Möglichkeit, die organisierte Kriminalität. Als Zivilrechtler glaube ich allerdings nicht, dass ein wütender Mandant ihn niedergestreckt hat. Also bliebe noch diese Spur.“
Donna Leandra tauschte einen Blick mit ihrer Tochter.
„Commissario, mein Mann war ein anständiger Mensch, er hat das Verbrechen bekämpft, so wie sie es tun, nur auf seine Weise. Er machte es zu seiner Mission, diesen paradiesischen Ort von dem Geschwür der organisierten Kriminalität zu befreien. Er ist ein Märtyrer, Commissario, der seine Aufrichtigkeit mit dem Leben bezahlt hat.“
Caterina war kurz davor, die Geduld zu verlieren. Klar, wie konnte sie nur das Andenken dieses absolut ehrenwerten Mannes mit Dreck bewerfen!
„Natürlich, Signora Della Porta. Bliebe noch das politische Motiv. Vielleicht war ihr Mann nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Jetzt, wo er seinen persönlichen politischen Zenit erreicht hatte... Wir wissen beide, dass nicht das höchste Amt die wahre Macht besitzt, sondern man als Vorsitzender des Kommunalrats über mehr Einfluss verfügt als ein Bürgermeister.“
Caterina tappte jetzt nervös mit der Fußspitze auf dem Boden. Sie wusste nun, dass Donna Leandra ohne Anwalt keinen Ton mehr dazu herausbrachte und wendete sich ab.
Das war Tommys Stichwort, um einzugreifen.
„Signora Della Porta, mit Schweigen kommen wir hier auch nicht weiter. Niemand wird ohne Grund so brutal umgebracht.“ Seine Stimme wurde eindringlich und laut.
Sie presste die Lippen zusammen.
„Also gut, dann fangen wir eben damit an, die gesamte Rubrik der Damen abzuarbeiten, das kann Monate dauern. Bis dahin ist der Täter über alle Berge. Aber wenn Sie nicht kooperieren wollen...“ Tommy, dessen Geduldsfaden ebenfalls zeriss, hob resigniert die Schulter.
Hilfesuchend sah Donna Leandra zu ihrem Sohn, der bisher stumm in der hinteren Ecke des Büros gestanden hatte, mit erstaunlich klarem Blick und einer Glut darin. Er ergriff das Wort.
„Ein Ehrenmord, natürlich.“ Er schüttelte den Kopf, wobei seine braunen Locken wie tosende Wellen in das kindliche Gesicht peitschten.
„Das ist doch die beste Lösung für alle“, sagte er zynisch. „Der wahre Täter, sei es die Mafia oder sonst wer, hat das Hindernis aus dem Weg geräumt und wird noch nicht einmal verdächtigt. Die Polizei löst den Fall schnell, ohne die eh schon knappen Ressourcen für aufwendige Ermittlungen zu verschwenden. Sie, Commissario, meistern mit Bravour ihren Einstand, die Presse hat ein gefundenes Fressen für ihre Klatschspalten. Die Männer werden meinen Vater als feurigen Liebhaber feiern, die Frauen meine Mutter – die arme, betrogene Witwe - solidarisch bemitleiden und alle sind bedient. Perfekt!
Es gibt nur ein Problem bei der ganzen Sache: Ihre Hybris! So werden Sie den Mörder nie finden. Ja, mein Vater war ein Mann seiner Zeit, seine Kontakte bezeugen die Existenz eines überspannten Egos. Ich lasse es auf gar keinen Fall zu, dass Sie ihn auf den Altar der Scheinheiligkeit opfern, um sich im leichten Triumph zu sonnen. Wer könnte ein Motiv haben? Hunderte. Gewerkschaften, Steuerhinterzieher, politische Gegner, Kriminelle, Verrückte und von mir aus auch gehörnte Ehemänner. Finden Sie die Wahrheit heraus, Commissario!“
Caterina Calanca war nun klar, dass sie etwas wussten. Warum schwiegen sie dann?
Stille breitete sich in Caterinas Büro aus. In diese brennende Lautlosigkeit wurde die Tür aufgestoßen und Ugo trat mit der Assistentin des Opfers ein, die er vom Rathaus hierher begleitet hatte. Bösartige Blicke zwischen ihr und der trauernden Witwe ließen darauf schließen, dass auch sie zum Harem des Ermordeten gehört hatte.
„Ispettore, bitte bringen Sie die Dame in den Befragungsraum, ich komme sobald ich hier fertig bin“, sagte Caterina scharf, und Ugo schaute peinlich berührt. Schon wieder ein Patzer.
Das war der Moment in dem Donna Leandra die Fassung verlor, aufstand, auf ihren Sohn zuging und ihn auf die Wange küsste, gleich drei-, vier-, fünfmal. Sohn und Mutter verließen zusammen das Büro. Als die Tür ins Schloss fiel, schmetterte Caterina den Kugelschreiber auf den Boden. „Das lief ja wirklich beschissen!“
Der Verhörraum, in dem die Assistentin des getöteten Politikers wartete, lag am anderen Ende des Gangs, den Caterina und Tommy entlangschritten.
„Solche Leute führen sich immer noch auf als wären sie feudale Großgrundbesitzer“, sagte Tommy und zwinkerte Caterina zu. Ihre wütenden Schritte wurden von einem Beamten der Spurensicherung gebremst.
„Commissario, uns ist etwas aufgefallen. In dem Handy war auch die Nummer der Bellacqua. Wir fanden es seltsam, da sie doch erst vor zwei Tagen Selbstmord beging. Vielleicht besteht ein Zusammenhang.“
„Danke, gute Arbeit“, antwortete Caterina. „Findet bitte heraus, ob es auffällige Anrufe oder Nachrichten in letzter Zeit gab. Aber nicht nur von ihr. Auch von anderen Personen. Ruft den Staatsanwalt an, vielleicht wurde er überwacht.“
Kaltes Neonlicht durchflutete den zehn Quadratmeter kleinen Verhörraum, im Kommissariat „Aquarium“ genannt, welcher spärlich mit einem Tisch, zwei Stühlen, schalldichten Wänden und einer Kamera ausgestattet war. Zusammengekauert saß auf einem der Stühle gegenüber der grauen Wand die adrette Assistentin des Della Porta in ihrem blauen Kostüm, die Hände übereinandergelegt, die von nervösen roten Flecken überzogen waren.
Aber aus der zarten, mädchenhaften Frau war auch nicht viel herauszubekommen. Mit dem eingebrannten Schock in den Augen stammelte sie von einer Maske voller Blut, deren Anblick sie nicht länger ertragen konnte und sich deshalb im Büro des Chefs verbarrikadiert hatte, bis Ispettore Ugo Grillo gekommen war und sie aufforderte ins Präsidium für eine Zeugenaussage zu kommen.
Nichts von „delikaten“ Unterlagen, die sie in Sicherheit gebracht hatte. Mit gefalteten Händen saß sie da, wie eine Klosterschülerin, bereit, ihre Pflicht zu tun, bereit, die Fragen der Kommissarin zu beantworten. Was wusste die schon.
„Hatte sich Amerigo Della Porta in letzter Zeit verändert, war er nervös, besorgt, fühlte er sich verfolgt, bedroht oder Ähnliches?“
Die Assistentin starrte auf den leeren Tisch, Tränen lösten die schwarze Tusche von den Wimpern.
„Aber nein, er war wie immer. Voller Elan und Lebensfreude.“
„Ihnen ist also nichts aufgefallen. Irgendwelche seltsamen Anrufe, Briefe, Nachrichten?“
Sie schüttelte stumm den Kopf und strich sich mit der linken Hand die langen Haare hinters Ohr.
„Wie war es, für ihn zu arbeiten? Schon erstaunlich, so jung, gerade mal zweiundzwanzig Jahre, kaum Erfahrung und gleich den ersten Job in so einer Position. Ich dachte immer als Assistentin eines Spitzenpolitikers bräuchte man eine gewisse, na ja, Erfahrung.“
„Nun –“ Sie räusperte sich in ihre Faust, die sie vor den Mund hielt. „Ich gebe zu, dass alles sehr schnell ging, aber Onorevole Della Porta förderte junge Talente.“
Ihre Stimme hatte einen piepsigen Unterton, der immer stärker hervorstechen schien, je unangenehmer ihr die Fragen wurden. Dabei wuchsen ihre Rehaugen zu großen unschuldigen Kugeln heran. Caterina schmunzelte.
„Hatten Sie eine Affäre mit Amerigo Della Porta?“ Als sie das theatralisch entsetzte Gesicht der Assistentin sah, fügte sie hinzu: „Entschuldigen Sie, aber ich muss Ihnen diese Frage stellen.“
„Ich finde das sind genug Fragen, Commissario. Mit Ihrer Erlaubnis, würde ich gerne gehen.”
„Natürlich. Aber hatten Sie eine Affäre oder nicht?”
Die Lippen der Assistentin zuckten nervös, sie erblasste. „Ich bin verlobt Commissario.”
Als ob das ein Hindernis wäre, dachte Caterina.
„Er sagte immer, ich würde ihn verzaubern, mit meinem Puppengesicht, aber ich ging nie darauf ein.“
Auffordernd blickte die Assistentin zu Tommy, appellierte an seinen männlichen Beschützerinstinkt, dieser Tortur ein Ende zu bereiten. Doch der ließ sich von ihren Methoden nicht einwickeln.
„Noch eine letzte Sache, wenn Sie erlauben, kannten Sie Emma Bellacqua?”
Ihre Augen wurden wieder zu Kugeln, aber ihre Mundwinkel verzogen sich bissig. Sie überlegte kurz.
„Nein, nicht dass ich … obwohl doch. Warten Sie, einmal kam sie zu einem Termin mit Amerigo.”
„Und?“
„Na ja, sie blieb lange in seinem Büro. Danach habe ich sie nie wiedergesehen. Ich glaube, sie wollte Arbeit. Wissen Sie, wie viele von denen deshalb zu ihm kamen. Aber er war doch kein Heiliger.”
Die Assistentin presste die Lippen aufeinander und Caterina überlegte. Die Leute hier waren gerissener als sie dachte. Sie teilte sie in Gedanken in zwei Gruppen auf: die Dummen und die Schlauen. Die Dummen versuchten, schlau zu wirken, ohne dass es ihnen gelang. Die Schlauen versuchten hingegen, dumm zu wirken, damit man sie unterschätzte, und sie unbehelligt an ihr Ziel kamen. Und das gelang ihnen in der Regel recht gut. Diese hier machte einen auf naives Püppchen, und Caterina wusste zweifellos, sie war eine Schlaue.
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