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Ich legte den Kopf auf die Faust und studierte das Werk aus der Nähe. Vince machte es mir nach, womit wir ideale Modelle für die Skulptur „Der Denker“ abgegeben hätten.
Bevor ich zu einer großartigen Schlussfolgerung gelangte, nickte Vince mit dem Kopf. Er ähnelte einem der Wackel-Dackel, die unvermeidlich auf der hinteren Ablage eines Chevy standen.
„Geschickt“, sagte er.
„Wirklich geschickt“, ergänzte ich seine Einsicht.
Auf der nächsten Seite zeigte ein weiteres anregendes Dalí-Gemälde eine grotesk verformte Struktur, die wie ein zusammengeworfener Haufen Körperteile anmutete. Auf ihr ruhte ein abgrundtief hässlicher Kopf. Doch sofort entdeckte Vince die Figur von Freud. Sie glich dem des vorigen Gemäldes, war nur kleiner. Der winzige Freud wirkte im Kontext der ausgearbeiteten Vision Dalís noch beeindruckender.
Was geschah in dem Moment der Entdeckung? Ich möchte behaupten, wir wussten, dass etwas Großes stattgefunden hatte. Etwas hatte sich verändert.
Ich wurde im Herbst 1961 in die Cortez High eingeschult. Die gerade erst eröffnete Schule lag am nördlichen Rand von Phoenix und besaß noch keine Klimaanlage. Jedes Klassenzimmer glich einem Hochofen. Die Schulregeln waren noch nicht festgeschrieben, woraufhin die Kids die ganze Zeit die Grenzen austesteten und sie zu überschreiten versuchten.
Ich trat dem Leichtathletik-Team bei. Coach Emmett Smith bemerkte sofort mein Talent für den Langlauf. Glorreiche Zeiten. Schnell fand ich heraus, dass Geländerennen genauso beliebt waren wie die Wettkämpfe auf der Aschenbahn, bei denen wir uns abrackerten. Zuschauer? Nein, während des Trainings schaute niemand zu – mal abgesehen vom Hausmeister und seinem Hund.
Im Team begegnete ich einem meiner zukünftigen Musikerkollegen. John Speer hatte lockiges dunkles Haar, einen großen und breiten Brustkorb und den Körperbau eines Bullen. Ihn zeichnete ein Gespür für Humor aus, obwohl dieser von dunklen Wolken des Pessimismus getrübt wurde. Zwischen uns entwickelte sich eine kollegiale Rivalität.
Nicht jeder auf der Cortez kam so gut über die Runden wie die Jungs unseres Teams. Oftmals regelten die Schüler ihre Differenzen mit den Fäusten nach dem Unterricht. Jeder, der sich einen Ruf erkämpfen wollte, wenn auch einen fragwürdigen, musste sich regelmäßig auf dem Schulparkplatz beweisen.
Der schlimmste Unruhestifter der Schule war ein stämmiger, Hulk-ähnlicher Typ namens Ruben. Er hatte drei ältere Brüder, die ihn nach dem Unterricht abholten. Wenn die sich in den weißen Corvair drängten, hing die Karosserie fast auf dem Boden. Die Brüder warfen stechende boshafte Blicke aus dem Wagen, der einem Nest voller Klapperschlangen glich.
Rubens Lieblingsschikane lief folgendermaßen ab: Er kam mit ausgestreckter, nicht abzuschlagender Pranke auf dich zu, quetschte dann deine Hand, bis du voller Qualen auf die Knie gingst, zog dich zum Mülleimer und stopfte dich da rein. Deine Schmerzen bereiteten ihm Freude.
Dann aber tauchte ein spindeldürrer Neuling namens Vince Furnier auf. Er war mit Sicherheit der ungefährlichste Mensch auf dem ganzen Planeten. Ruben fand das lustig. So rekrutierte er Vince als „Zwangs-Freiwilligen“ seines Terrorregimes des brutalen Händedrucks. Wenn die beiden Seite an Seite standen, ähnelten sie den Comic-Figuren Tweety Bird und Spike. Ruben versuchte sich hinter Vince zu verbergen, seiner knochigen Gestalt, die die unschuldige Beute anlockte.
Vince stellte den vorbeigehenden Kindern Ruben vor, der mit erhobener Hand grinsend aus seinem Versteck kam. So lange Ruben genügend Unterhaltung hatte, war sein Knecht vor dem „Handschlag aus der Hölle“ sicher. Er schien Spaß an der Rolle als Lockvogel für nichtsahnende Kinder zu haben. Es war ja nicht seine Schuld, denn letztendlich wurde er von Ruben gezwungen.
Auf der Schule betrachtete man den Journalismus-Kurs als „Mädchen-Ding“. Natürlich meldete ich mich dazu an, was zugleich das Verfassen von Beiträgen für die Studentenzeitung Tip Sheet bedeutete. Die Mädchen sahen mich als merkwürdigen „Abweichler“ und ließen mir die spezielle Behandlung zukommen, die da überschwängliche Fürsorge lautete. Oh ja, ich war ein böser Junge. Sie wollten nicht, dass ich mich angesichts des bevorstehenden Redaktionsschlusses stresste, und schrieben demzufolge die Storys für mich. Für einen Text gewann ich sogar einen Preis.
Auch die Jungs auf dem Campus verordneten mir eine Sonderbehandlung: Sie schimpften mich einen Homo. John Speer nahm mich besonders aufs Korn. Doch nach einiger Zeit, in der ihnen klarwurde, was für ein kuschliges Leben in einer Klasse voller süßer Mädels ich führte, realisierten Speer und die anderen Gammler mein Genie. Vince meldete sich natürlich so schnell wie möglich für den Kurs an und leitete das Sport-Ressort des Tip Sheet.
Obwohl ein Jahr jünger, war Vince ein ausgeprägter Charakter, zu dem ich mich augenblicklich hingezogen fühlte. Freunde zu gewinnen, schien für ihn mühelos zu sein. Er begab sich nicht auf die Suche, musste nicht mal einen Raum durchqueren. Er zog die Menschen mit seinem Magnetismus förmlich an.
Als wir uns begegneten, war seine Familie gerade aus Detroit nach Phoenix gezogen, was nur den letzten Umzug in einer ganzen Reihe von Wohnortwechseln bedeutete. Ein Junge, dessen Familie ständig umzieht, auf permanenter Durchreise ist, der lernt, wie man alte Freunde schnell vergisst und neue gewinnt. Doch manchmal ist die Anpassung auch überaus schwierig: Vince’ ältere Schwester Nickie etwa verarbeitete die Umzüge durch das Vermeiden jeglicher Form von Freundschaft. Damit verringerten sich die traurigen Abschiede, die sie ertragen musste.
Vince hingegen verhielt sich konträr zu seiner Schwester. Egal, wo auch immer er sich befand, behandelte er alle wie Freunde. Er unterhielt sich mit jedem über jedes beliebige Thema. Blitzschnell erkannte er, was sein Gegenüber hören wollte, und plauderte es aus, auch wenn er die Wahrheit ein wenig strapazierte. Man könnte sogar behaupten, dass ihm Übertreibungen zusagten. In seiner Welt war die gute alte Wahrheit viel zu langweilig, und so kleidete er sie in ein schilderndes Kostüm. Jedoch wusste er genau, wie weit er mit den Ausschmückungen gehen konnte.
Man muss bedenken, dass sich sein Vater, ein Luftfahrtingenieur, auch als Pfarrer engagierte. (Er war aber trotzdem ein cooler Typ, mit einer höchst interessanten Frisur und einem bleistiftdünnen Oberlippenbart, der ihn wie einen Spieler auf einem Schaufelraddampfer erscheinen ließ. Witzig: Auf vielen von Vince gezeichneten Skizzen trugen die dargestellten Personen Oberlippenbärte!) Von Haus aus mit einer gehörigen Portion Religion konfrontiert, glaubte Vince an ehrliches Verhalten und hätte demzufolge niemals gelogen. Das war jedoch nicht nur Folge des Respekts vor seinem Vater, auch Vince teilte denselben Glauben. Dennoch – ich habe schon darauf hingewiesen – hatte Vince ein ständiges Bedürfnis nach Übertreibung, was er als einfachen Weg empfand, um die Wahrheit ein wenig interessanter zu gestalten. Da ist nun mal nichts Verwerfliches dran!
Um seine Überzeichnungen glaubhaft wirken zu lassen, sprach er mit lässigem Selbstvertrauen und lachte oft dabei. Man gewann dabei den Eindruck, dass er ausdrücken wollte: „Wow, das kann ich selbst kaum glauben.“ Sein Lachen signalisierte allen – und möglicherweise auch ihm selbst –, dass es sich hier um schelmisches Gelaber handelte, nicht um ein ernsthaftes Gespräch. Und es gab noch einen Grund, warum man Gespräche mit Vince bis zum Ende genoss: Er stellte sich niemals über andere, wollte sich nie als einen besseren Menschen herausputzen.
Wir reden hier über den Teenager namens Vince und nicht über die bedrohliche Bühnenrolle namens Alice, also über den spindeldürren Jungen und sein entspanntes, aber trotzdem energisches Gebaren, den witzigen Typen mit einem unbeschränkten Repertoire an Storys.
In dem unaufhörlichen Schwall wundervoll übertriebener Geschichten wurzelt ein Teil meiner großen Sympathie für ihn. In dieser Fähigkeit liegt der Grund, warum er die Welt mit seinem Charme verzauberte.
Vince’ offenes Wesen und seine allgemeine Zugänglichkeit verstärkten unser enges Verhältnis. Wir waren beste Freunde. Uns verband das gemeinsame Interesse am Surrealismus und der Pop Art. Dadurch wirkten Vince und ich sogar so untrennbar, dass die Leute kaum über uns als Individuen sprachen, sondern uns als Gemeinschaft anerkannten.
Auch die Mädchen mochten uns, obwohl Vince und ich hinsichtlich des weiblichen Geschlechts verdammt schüchtern waren. Meine Wenigkeit verhielt sich damals mitleidserregend verklemmt. Als introvertierter Mensch schloss ich Freundschaften über andere. Dennoch wurde ich in die Kategorie „Netteste Persönlichkeit“ gewählt und stehe seitdem im Cortez-Highschool-Jahrbuch 1965. Allerdings fiel es mir schwer, das nachzuvollziehen, denn ich fühlte mich nie so beliebt. Ich bin mir sicher, dass der Football-Quarterback sich seitdem vor Verwunderung immer noch am Helm kratzt.
Im Kunstkurs schmiedeten Vince und ich Pläne für die Revolution. Wir saßen weit hinten und redeten leise über Künstler und Kunststile. Eines Tages zeigte mir Vince das berühmte Magritte-Gemälde von dem Geschäftsmann, dessen Gesicht von einem Apfel verdeckt wird. Jetzt ist mir klar, wie sehr das Werk Vince’ Stil der Darstellung schräger Charakter-Porträts beeinflusste. Doch es war auch gut möglich, dass wir uns in der nächsten Sekunde über den neusten Hit unterhielten, wie zum Beispiel „Surfin’ Safari“.
Ich stand auf Hot Rods, während Vince sportliche Autos favorisierte wie Volkswagens Karmannn Ghia. Egal, welches Traumauto man fahren würde, wir stimmten in einem Punkt überein: Auf dem Beifahrersitz musste Brigitte Bardot sitzen und diese spitz zulaufende Harlekin-Sonnenbrille sowie ein mit Punkten getupftes Kleid tragen, wobei ihre blonden Haare in der lauen Brise wehten.
Vince’ Redeschwall war von Fernsehreferenzen durchzogen. Er schaute alles: The Steve Allen Show, Twilight Zone – Unwahrscheinliche Geschichten, The Ernie Kovacs Show, Peter Gunn, die Serie Die Unbestechlichen, Ozzie and Harriet, The Andy Griffith Show, Meine drei Söhne und die Dick Van Dyke Show. Wenn das Programm um 22 Uhr endete, kam zuerst das Testbild eines Indianerhäuptlings, wonach man auf den verschneiten Bildschirm starrte. Vince behauptete, er sehe sich sogar das Testbild an.
An besagtem Tag im Kunstkurs wurden wir jäh in die Realität zurückbefördert, da wir die hinter uns lauernde Mrs. Sloan bemerkten.
„Ich hoffe, ich störe euch beide nicht“, grinste sie und stöpselte dabei einen tragbaren Plattenspieler ein. „Ihr beide denkt, ihr seid so hip. Ich möchte, dass ihr ruhig sitzt – falls das möglich ist – und euch das hier anhört.“
Sie reichte Vince ein Cover, auf dem ein Bohème-Pärchen mitten über die Straße einer verschneiten Stadt schlenderte. Der Typ schien gerade eine Runde „Taschen-Billard“ zu spielen, während sich das Mädchen bei ihm untergehakt hatte. Der Titel des Albums lautete The Freewheelin’ Bob Dylan.
Mrs. Sloan setzte die Nadel auf die Platte auf, und wir hörten eine angeschlagene Akustik-Gitarre und eine froschähnliche Stimme, die sozial bedeutende Fragen ansprach.
Wir hatten niemals zuvor so eine Ernsthaftigkeit in einem Song wahrgenommen. Vince lachte über die Stimme des Sängers, gab jedoch zu, dass es sich anscheinend um etwas Wichtiges handle.
Außerdem mussten wir uns geschlagen geben, denn unsere Kunstlehrerin hatte uns in puncto Coolness übertrumpft.
Nach all den Jahren trifft mich die Erkenntnis wie ein Blitz, dass diese Frau uns aus der Balance warf und auf einen recht eigentümlichen und wirren Pfad lenkte.
Mrs. Sloan war unbarmherzig und direkt. So eine Frau gab ihren Schülern keinen wohlwollenden und aufmunternden Klaps auf den Hinterkopf. Sie zeigte uns in aller Deutlichkeit, dass wir nicht unser volles Potenzial ausschöpften. Möglicherweise ließ sie sich gar nicht von unseren Stunts beeindrucken. Einmal kehrte Vince von der Toilette zurück, hatte sich von Kopf bis Fuß in Toilettenpapier eingewickelt und wankte wie eine unheimliche Mumie in die Klasse, die in schallendes Gelächter ausbrach. Mrs. Sloan nahm sich in aller Seelenruhe eine auf dem Tisch stehende Karaffe mit Eiswasser, schüttete sie ihm über den Kopf und meinte lapidar: „Touché!“
Den Rest des Tages fielen Streifen nassen Toilettenpapiers von Vince ab, der damit seinen Ruf als schick gekleideter Junge eingebüßt hatte. Aber auch Mrs. Sloan brachte einige Stunts. Eines Tages präsentierte sie der Klasse eine schwarze Tasche. „Stellt euch vor, ihr seid stockblind“, sagte sie und erklärte uns, wir sollten in die Tasche fassen, den Inhalt ertasten und dann unsere Empfindungen in einer Zeichnung ausdrücken.
Vince tastete sich behutsam vor und riss die Hand blitzschnell zurück: „Wow, was ist das?“, fragte er angeekelt. Er streckte die Hand von sich ab, als sei sie kontaminiert.
Ich starrte dann auf meine Hand, die in der Tasche verschwand. Booaah! Was sich auch immer darin befand, war verdammt eklig. Es fühlte sich wie getrocknetes Leder an, hatte ein verdrehtes Rückgrat, einen Schwanz und einen Kopf mit messerscharfen Zähnen.
Die Schüler ließen einer nach dem anderen das fiese Ritual über sich ergehen, während Mrs. Sloan wie die sprichwörtliche Cheshire-Katze grinsend auf dem Stuhl thronte.
Erst am nächsten Tag – wir hatte alle unsere Interpretationen auf Papier festgehalten – zog sie das Objekt unseres Horrors hervor.
„Es ist ein getrockneter Teufelsfisch aus dem Golf von Mexiko“, erklärte sie mit einem strahlenden Gesichtsausdruck und konfrontierte uns mit dem labberigen Ding.
Diane Holloways Arm schoss in die Höhe: „Darf ich mir die Hände waschen?“, bettelte sie. Von einer Sekunde auf die andere standen alle Mädchen am Handwaschbecken. Glauben Sie, dass dieses Experiment spurlos an Vince und mir vorüberging? Glauben Sie das tatsächlich?
Vince mochte das Zeichnen. Seine Charakter-Skizzen stellten eine Gemengelage aus Magritte, Peter Gunn und dem Mad-Magazin dar. Die Figuren waren stark stilisiert und ähnelten ihm häufig. Manchmal trat er als Beatnik auf, woraufhin man beinahe einen begleitenden Bongo-Rhythmus vor seinem „geistigen Ohr“ hörte.
Meine eigenen Bilder zeichneten sich durch eine großzügige farbige Pinselführung aus. Meist erkannte man kein konkretes Thema. Ich mochte es, mir freien Lauf zu lassen. Die Auswüchse meiner künstlerischen Orgasmen glichen einer Explosion in einer Schal-Fabrik.
Mrs. Sloans Malstil war auf eine bestimmte Art sehr lebendig, und so ließ ich mich von ihr denn anleiten. Eines Tages sah ich sie vor meiner Leinwand stehen. In nervenaufreibender Stille rieb sie sich mit der Hand am Kinn. Schließlich drehte sie sich um und urteilte: „Wenn alles schreit, schreit nichts mehr.“
Der Kommentar verwirrte mich einige Tage lang. Doch als mein Pinsel das nächste Mal über die Leinwand strich, erlaubte ich den Schreien Stille zum Verklingen.
Das sind die kleinen Lektionen, die man im Leben lernt. Den Ratschlag übertrugen Vince und ich später auf Songstrukturen, die Reihenfolge der Song auf den Alben, das Live-Programm und die Inszenierung der Bühnenpräsentation.
Ein weiteres Element von Mrs. Sloans Weisheit leitete sich von ihrer Methode ab, einen neuen und möglichst unvoreingenommenen Blickwinkel bei einer problematischen Bildkomposition einzunehmen. „Haltet das Bild vor einen Spiegel“, erklärte sie. „Manchmal zeigt sich dann das fehlende Gleichgewicht der Arbeit.“ Sie erläuterte uns, dass sich die Problematik einer malerischen Komposition dem Künstler zunehmend verberge, da sich die Wahrnehmung an Missverhältnisse gewöhne, wodurch man die Objektivität verliere.
Das war eine zusätzliche Lektion fürs Leben, die wir auch in der Welt der Musik anwendeten. Wenn man einen Song schreibt und er problematisch anmutet oder man nicht weiterkommt, sollte man ihn auf einem anderen Instrument spielen, durch einen winzigen Lautsprecher plärren lassen, ihn in umgekehrter Harmoniefolge testen und ihn dann mit unvoreingenommenen Ohren hören.
In jenem Jahr beeinflusste der Film West Side Story den Kleidungsstil von Vince und mir. Wir legten uns weiße Sneaker zu und verschmierten sie mit Dreck, als hätten wir entweder bei den Sharks oder den Jets einsteigen wollen. Eines Nachts versteckten wir uns hinter einem Gebüsch am Ende meines Blocks. Als sich ein Auto näherte, sprangen wir hervor und täuschten eine Schlägerei vor. Der Wagen fuhr mit schneller Geschwindigkeit davon, und wir ließen lachend die Handknöchel knacken, überzeugt, dass unsere kleine Aufführung den Fahrer zu Tode geängstigt hatte.
Kleine Streiche wie dieser zählten zu den Highlights unserer trostlosen Existenz. Wir waren keine kalifornischen Surfer. Unser Sexualleben beschränkte sich – mit etwas Glück – auf die Seiten des Playboy. Doch wir wussten, dass da draußen mehr war. Vince erkannte die Vorzeichen.
Die täglichen Gespräche ähnelten einem bunten Flohmarkt aus Popkultur-Ergüssen, vorgebracht mit fachwissenschaftlichen Termini, und Diskussionen zur Musik, wobei Letztere einen zunehmend höheren Stellenwert einnahmen.
Hinsichtlich der Musik hatte ich schon drei bedeutende Schlüsselerlebnisse hinter mir. An einem brütend heißen Tag mit fast 40 Grad Celsius in Phoenix, dem „Tal der Sonne“, wurden mir die Augen (und die Ohren) geöffnet. Ich saß zufrieden auf dem Balkon eines Kinos mit Klimaanlage, ließ mir das Popcorn schmecken und zog mir eine Doppelvorstellung von Peter Pan und Herkules und die Königin der Amazonen rein. Während der Pause schloss sich der rote Vorhang, und einige Typen bauten ein Schlagzeug und Verstärker auf der schmalen Bühne auf. Dann klopfte der Ansager gegen das Mikrofon.
„Und nun“, rief er, „präsentiert das Fox Theater voller Stolz (quiiiietsch – Rückkopplung!) Duane Eddy and the Rebels aus unser Stadt.“
Plötzlich füllte sich der Raum mit dem elektrifizierenden Sound des Twang-Meisters persönlich. Der Begriff „Twang“ wird immer benutzt, um Duane Eddys tiefen, mit einem Vibrato-Arm modulierten Sound zu beschreiben, kann aber nicht den mächtigen Donnersturm einfangen, den er mit Hits wie „Rebel Rouser“ und „Forty Miles Of Bad Road“ auf den Hörer losließ. Man muss wissen, dass das viele Jahre vor Acid Rock oder Heavy Metal stattfand. Duane Eddy war einer der ersten wichtigen Vertreter des brettharten und lustvollen Gitarren-Sounds. Musiker wie Duane Eddy, Link Wray und Bo Diddley legten schon früh das Fundament für kommende Musikergenerationen.
Duane Eddy – schon sein Name klang wie ein Gitarren-Lick – stolzierte von der einen auf die andere Seite der Bühne, während sein sich die Seele aus dem Leib spielender Saxophonist den entgegengesetzten Weg nahm. „Los, packt sie euch!“, brüllte der Drummer. „Go! Go! Go!“
Ein Junge auf der gegenüberliegenden Seite des Balkons krakeelte ein markerschütterndes „Hiiii-ya!“ Die Rebels rockten ihre drei Instrumental-Hits, winkten uns dann wie Helden zu und verschwanden hinter dem Vorhang.
Anschließend begann der Herkules-Film, mit all den Szenen von Muskelprotzen, die sich aus Ketten befreiten. Für mich hatte der Streifen keine Chance gegen die Echos der Twang-Gitarre, die immer noch in meinem nun erleuchteten Kopf hin- und herbangten. Was ich auch immer von dem Kinoabend erwartet hatte, war wie weggeblasen. Phoenix – Stadt der neuen Wege.
Doch ich hatte Musik schon vor dem Duane-Eddy-Konzert als ein großartiges Erlebnis wahrgenommen, das unbegrenzten Spaß versprach. Als kleiner Junge – damals wohnte ich noch in Creswell, Oregon – lauschte ich schon den Klängen meines Dads, der Familie und von Freunden, die in den Abendstunden musizierten. Sie liebten den alten, traditionellen Country, mit authentischer Geige und dem Gitarren-Picking, zu denen alle eine Art selbstgedichteter Texte sangen.
Man verstreute Salz über Großmutters Holzfußboden, damit die Schuhe beim Tanzen des Two Step ein kratzendes Geräusch hinterließen. Einige der Frauenzimmer runzelten die Stirn bei dem Gelage, doch als es später wurde, erkannte man mühelos, wer sich einige Schlückchen runtergespült hatte. Die Männer waren voll wie die Haubitzen und stritten sich darüber, wer den Frauen gerade schöne Augen machte. Ich fühlte mich wie gebannt.
Die Lust. Sie ist doch am wichtigsten, oder? Natürlich war Elvis der Anführer der Rock’n’Roll-Lüsternheit. Als Kind beobachtete ich meine Babysitterin, die jedes Mal unglaublich scharf wurde, wenn sie den King hörte. Ich erlebte das mit heruntergefallener Kinnlade. Meist tauchten dann ihre Freundinnen mit der neusten Scheibe auf, und sie tanzten den Dirty Bop mit wehenden Pudelröcken, diesen Faltenröcken mit einem aufgestickten „Pudel“.
Beim Dirty Bop wurden einige anzügliche Beckenbewegungen in die Choreographie integriert, woraufhin man ihn natürlich im ganzen Land zensierte. Von einem ortsansässigen Rowdy hatte ich eine interessante Geschichte gehört: Er polierte ständig seinen schwarzen 53er-Ford mit der gemalten Aufschrift „C.C. Rider“ auf dem Kotflügel. „Mädchen“, steckte er mir im vertraulichen Ton, „tragen keine Höschen beim Dirty Bop.“ Mit Stilaugen musste ich schleunigst herausfinden, ob das stimmte.
Bislang hatte ich all die Versuchungen nur lüstern aus der Ferne erlebt, aber dann geschah es: in der achten Klasse. Washington Elementary School. Ein Lehrer gab bekannt, dass die Zeit für den Spotlight Dance gekommen sei, der ersten Tanzveranstaltung für Teenager. Ich sollte ihn eröffnen, was mir einen verdammten Schock versetzte. Noch erstaunlicher war die Ankündigung, dass meine Tanzpartnerin eine nette junge Dame namens Sharon sein würde. Sharon? Die Sharon? Dank ihrer aufblühenden Figur hatte ich sie schon längst bemerkt. Sharon brachte die Keimdrüsen sämtlicher Jungen auf allen Schulfluren zum Überkochen.
Sie schwebte unter dem grellen Spotlight auf mich zu, presste ihre gottgegebenen Vorzüge an meine Brust und führte mich über den Tanzboden innerhalb eines Kreises aus Gaffern. Sie tanzte wesentlich langsamer als die Tempovorgabe durch die Musik.
„In The Still Of The Night“ von den Five Satins verzauberte mein Herz, während der reine Duft ihrer gestärkten Bluse mich paralysierte und in eine himmlischen Trance versetzte. Plötzlich wurde aus meinem Schlaffen ein Knallharter. Oh nein! Nicht das! Nicht hier! Und nicht jetzt!
Voller Verzweiflung versuchte ich an etwas anderes zu denken: Zum Beispiel an die Autounfälle in den Lehrfilmen des Automobilclubs. Als ich mich abplagte, das „Holz aus der Hölle“ niederzuringen, endete der Song. Die glorreiche Frau nahm den Arm von meiner Schulter, flüsterte ein „Dankeschön“ und ließ mich mit weichen Knien stehen. Langsam bemerkte ich das Starren der geifernden Freunde. So entstand also die Analogie Musik = Sexualkraft.
In der Rangfolge der Coolness lagen Langstreckenläufer weit abgeschlagen hinter Baseball-Spielern und Ringkämpfern. Doch John, Vince und ich lernten den Wert und die Vorzüge kennen, Teil eines Teams zu sein. Wir mühten uns mit den gleichen Qualen ab – zogen Kakteennadeln aus den Füßen, schwitzten ungemein, stanken wie die Hölle und übergaben uns sogar gemeinsam. Voller Stolz nannten wir uns „The Pack“.
Als Vince und John auch beim Tip Sheet mitmachten, war es nur normal, dass das Langstreckenteam redaktionell all die Anerkennung bekam, die es sich so mühevoll erkämpft hatte.
Trotzdem darf man uns nicht als Hochstapler bezeichnen. The Pack stellte einen Saison-Rekord von neun Siegen und keiner Niederlage auf. Wir gewannen die Division II Cross-Country Championships. Zum Ende der Saison kamen wir auf über 450 gelaufene Meilen. Und ich stellte sogar einen Rekord für den 20-Meilen-Lauf auf, der noch Jahre nach meinem Abgang unerreicht blieb.
Was als Nächstes geschah, ähnelt einem ekligen Highschool-Streich, doch durch das Ereignis kamen die Räder ins Rollen, die uns in die glorreiche Zeit und die Gefilde der Verrufenheit beförderten.
Dank unserer Heldentaten als Geländeläufer qualifizierten John, Vince und ich uns für die Aufnahme in den Lettermen’s Club. Die Mitgliedschaft in so einer prestigeträchtigen Organisation wurde keinesfalls automatisch gestattet. Wir waren also verdammt nervös wegen der damit einhergehenden widerlichen Streiche, von denen man immer hörte.
Möglicherweise wurde man mitten in der Wüste abgesetzt (nackt), mit nur einer Wahlmöglichkeit, was man auf dem strapaziösen Rückweg tragen durfte – Schuhe oder ein Suspensorium.




