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Vince hatte eine dünne nasale Stimme, doch er traf die Noten und behielt die Texte. Sein wohl größter Vorzug lag in der wundervollen geselligen Persönlichkeit, die ihn zum geborenen Frontmann machte. Er war einfach ein sympathischer Typ. Hatte er Charisma? Tja, wenn man mal über den spindeldürren Körper und den riesigen Zinken hinwegsah, erkannte man sein brennendes Verlangen, in jedem sozialen Umfeld zu unterhalten. Und das war so tief verwurzelt und verlief so gleichmäßig wie der Colorado River.
Wenn Vince mit einer seiner fantastischen Geschichten begann, wechselten Glen und ich nur einen flüchtigen Blick und wussten: „Hol die Schaufel raus, er erzählt wieder einen Mist, den man schnell untergraben muss.“ Vince spulte seine Storys ab, die mich jedoch niemals langweilten, die ich ständig hören wollte – sogar bei Wiederholungen. Er hatte durchaus Recht, denn sie verwandelten das normale und routinierte Alltagsleben. Auch interessierten uns die neuen Schlenker, die er in die alten Kamellen einbaute.
Doch auch Gespräche mit Glen hatten einen hohen Unterhaltungswert, obwohl er eher einem griesgrämigen W.C.-Fields-Charakter glich. Er empfand das Leben als so absurd, dass er nicht anders konnte, als ständige Kommentare abzulassen. Wir gewöhnten uns schnell an den Redefluss des ätzenden Spottes.
Die Earwigs verfügten über keinen eigenen Proberaum, und so benutzten wir abwechselnd die Häuser unserer Eltern. Glens Zuhause stand schnell an erster Stelle, da man sich hier über die Privatsphäre einer abgetrennten Garage freuen durfte. Allerdings gleicht eine Garage in Phoenix eher einem Heizofen, und man könnte dort seitliche Schilder anbringen: BÄCKEREI, GRILL, BARBECUE.
Glens Vater arbeitete gemeinsam mit Vince’ Daddy in einer Fabrik namens AiResearch, wo Turbolader und Ausrüstung für den Raketenbau gefertigt wurden. Mr. Buxton hegte natürlich die Hoffnung, dass Glen – bedenkt man sein Interesse an technischen Spielereien – auch eines Tages dort arbeiten würde. Die Firma schien eine deutlich hoffnungsvollere Zukunft zu bieten als eine Karriere mit den Earwigs. Doch alles, was einem Wecker oder einer Stechuhr glich, löste bei Glen eine Phobie aus, die mit Begleitsymptomen wie ausgeprägtem Ekel einhergingen. Was die Stunden des Tageslichts anbelangte, war Glen immer auf der Hut.
Wie viele jüngere Geschwister stand er im Schatten eines älteren Bruders, der schon einiges erreicht hatte. Glen beschlich das Gefühl, ständig mit Ken verglichen zu werden, einem schlauen Köpfchen – und zugleich ein in praktischen Belangen höchst geschickter Mann.
Während einer unserer verschwitzten Brutkasten-Proben öffnete sich die Garagentür, und Glens Familie kündigte einen Wochenendurlaub an.
Mrs. Buxton starrte Glen mit einem stahlharten Blick an: „Wir vertrauen dir, dass du auf das Haus Acht gibst“, forderte sie mit einem bedrohlichen Unterton. Wie schon erwähnt, sah es in Glens Haus sauber, aufgeräumt und höchst ordentlich aus. Wenn wir auch nur einen Hauch von Fehlverhalten hätten an den Tag legen wollen, so stoppte uns Mrs. Buxtons unheilvoller Gesichtsausdruck von einer auf die andere Sekunde. Man nannte ihn den „bösen Blick“.
Glen machte eine lapidare Handbewegung und antwortete: „Du musst dir überhaupt keine Sorgen machen.“
Nach einigen weiteren bedrohlichen Blicken stiegen seine Eltern in den Wagen und fuhren fort.
Glen warf einen verstohlenen Blick die Straße hinunter und frohlockte: „So, wir werden jetzt im Wohnzimmer proben!“
„Bis du wahnsinnig?“, versuchte ich einzuwerfen.
„Und wie soll ich auf das Haus aufpassen, wenn ich in der Garage bin?“
Wir marschierten also vorsichtig in das verbotene Paradies des von einer Klimaanlage gekühlten Wohnzimmers. John schnappte sich den Fußabtreter von der Haustür (mit einem aufgestickten „Welcome“) und legte ihn unter das Bass-Drum-Pedal, damit das Schmierfett nicht den hellblauen Teppich verschmutzte. Dann stöpselten wir die Instrumente in die Verstärker und legten los.
In einer kurzen Spielpause riss ich gerade einen Witz, wie wir dem „bösen Blick“ Sand in die Augen gestreut hätten – als plötzlich gespenstische Ruhe herrschte. Ich drehte mich um und schaute Mrs. Buxton direkt ins Gesicht, die mit ihrem Ausdruck einen Satanisten in die Flucht geschlagen hätte. Niemals zuvor hatte ich einen so hochroten Kopf. Ich fühlte mich, als würde mir die Haut in Streifen abpellen. Entschuldigungen flogen durch den Raum, während wir eingeschüchtert wieder zum Hochofen zurückkehrten.
Hatten seine Eltern womöglich etwas vergessen? Oder kannten sie Glen besser als gedacht? Eins war klar: Wieder einmal erwies er sich als eine große Enttäuschung.
„Ich habe mich niemals so mies gefühlt. Dabei hat sie noch nicht mal geschrien“, meinte Vince kleinlaut. „Könnten wie doch diese unheimliche Energie nutzen!“
Wir nahmen die Instrumente in die Hand und beschäftigten uns mit einigen Fassungen für den Werbeclip unseres neuen – imaginären – Produkts: die „Böser Blick“-Drops.
Vince’ Vater hingegen war ein echt cooler Typ. Er stellte das unter Beweis, indem er den ersten ernsthaften – und bezahlten – Gig für die Earwigs buchte. Zwischenzeitlich hatten wir genügend Lunchtime-Konzerte in der Cortez High gegeben, und nun war es an der Zeit, berühmt zu werden.
Die Dunes Lounge war ein halbwegs anerkannter Schuppen, der an der Straße zur Schule lag. Obwohl die Lehmziegel des Gebäudes eine Art Wüstenkarawanserei vermuten ließen, handelte es sich um eine stinknormale Kneipe, auf deren Bühne kaum mehr als fünf Musiker Platz fanden. Erstmalig spielten wir vor einem Publikum, das fliehen konnte.
Merkwürdigerweise flohen sie auch.
Der letzte übrig gebliebene Gast torkelte aus der mit „SCHEICHS“ markierten Herrentoilette. Während er sich die Hände an der Jeans trockenrieb, taumelte er Richtung Bühne, fischte fünf Dollar aus der Geldbörse und lallte ein kaum verständliches „Melancholy Baby“.
Alle Blickte richteten sich hilfesuchend auf Glen. Er zuckte mit den Achseln. Der Gast ließ die fünf Dollar auf den Boden fallen und latschte unsicheren Ganges zum Ausgang. Durch die geöffnete Tür fiel ein Schwall Sonnenlicht in einen leeren Raum.
Dann entdeckten wir den an der Bar sitzenden Mr. Furnier. Er hatte die ganze Zeit über hier gehockt und warf uns nun einen ermutigenden Blick zu.
Nach Beendigung des Programms händigte er allen die Gage aus und lächelte aufmunternd. Wir sagten ihm offen heraus, dass er ein verdammt cooler Typ sei.
Nur auf Vince’ Stirn zeigten sich Sorgenfalten: „Ich kann nicht glauben, dass es Menschen gibt, die sich tatsächlich ‚Melancholy Baby‘ wünschen. Ich dachte, dass passiert nur in Zeichentrickfilmen.“

Treten Sie ein: Das Rock-Theater beginnt …
Wenige Jahre später, mittlerweile waren wir die erste Band, die als Pioniere eine neue Art Bühnenshow vertraten, machten sich einige Rockkritiker über uns lustig. Sie belächelten die Theater-Darbietung von Rockmusik, hauten uns einige befremdliche Artikel um die Ohren und stellten seltsame Interpretationen an.
Was wussten wir über das Rock-Theater? Nach unserer Auffassung waren wir die Ersten, die so ein Konzept vertraten. Wir kannten die Platten (nur die Platten) von Screamin’ Jay Hawkins, dem gruseligen und mysteriösen Sänger von „I Put A Spell On You“, ahnten aber nichts von seiner Show. Auf der Bühne saß er nämlich in einem Sarg, umgeben von Voodoo-Krimskrams.
Der Ansatz des „Rock-Theaters“ (Hair, Godspell und so weiter) lag noch in der weit entfernten Zukunft, doch wir entwickelten schon eine zunehmende Tendenz, ein Spektakulum aus unseren Auftritten zu machen. Es gab drei Ereignisse, die uns etwas über die Bühnenkunst lehrten.
Inspirierender Event Nummer 1: In der Nacht des 23. Oktober 1964 spielten die Earwigs an der Cortez High bei der Halloween-Tanzveranstaltung Das Pendel des Todes!. Jemand hatte sich ganz offensichtlich von dem B-Movie-Horrorstreifen mit Vincent Price anregen lassen.
Zu diesem Anlass baute der Vater unseres Freundes Scott Ward – wir kannten ihn von der Fotografie – eine funktionierende Guillotine. Allerdings bestand das Fallbeil nicht aus Metall, sondern aus mit silbernem Lack verziertem Holz. Mr. Ward versicherte uns, dass er einige Sicherungen eingebaut habe, damit sie uns nicht die Köpfe absäble.
Die Mädels aus dem Journalismus-Kurs beauftragten wir mit dem Weben gigantischer Spinnennetze aus Wäscheleinen, die man an den Bühnenseiten anbrachte. Vince und ich bastelten einen Sarg aus Hartpappe und malten ihn in der Farbe alten Holzes an.
Inspirierender Event Nummer 2: Fernsehauftritte. Die meisten glauben, dass in den USA der frühen Sechziger alles sauber, rein und geregelt war, doch schon damals fanden sich in der Popkultur allerlei „geschmackvolle“ Absurditäten. Comedians wie Peter Sellers, Ernie Kovacs und sogar Steve Allen arbeiteten an der Grenze zum Surrealen. Auf der lokalen Ebene ging es sogar noch freakiger zu. Bevor man die Fernsehindustrie unter einem großen Hut vereinte und dabei homogenisierte, gab es im ganzen Land regionale Programme bei Lokalsendern. In Arizona war eine winzige TV-Show namens The Wallace and Ladmo Show besonders angesagt, in der sie Sketche und Zeichentrickfilme brachten. Meine Güte, sie fütterten uns täglich aus einem riesigen Kessel des Wahnsinns.
Wallace, der Normale, trug eine Beanie-Mütze mit einem Propeller. Ladmo spielte den blöden Sidekick, trug einen viel zu großen Hut und eine gepunktete Krawatte. Wallace’ und Ladmos Sketche waren überirdisch gut. Natürlich passierten einige unglaubliche Pannen – Requisiten funktionierten nicht, oder Schauspieler vergaßen den Text –, doch was mich anbelangte, konnte es bei der Show gar kein Malheur geben. Die beiden machten sich eine Katastrophe zunutze und blieben letztendlich Sieger. Im Grunde genommen wurde es noch witziger, je mehr Missgeschicke vorkamen!
Eines Tages nahm Vince seinen ganzen Mut zusammen und wählte die Nummer des Senders KPHO. Wallace nahm den Anruf höchstpersönlich entgegen. Vince erzählte ihm von den Earwigs und dass wir gerne in der Show auftreten würden.
„Na klar“, meine Wallace großzügig. „Ich werde euch mit einbeziehen.“
Während der nächsten Wochen beschäftigten wir uns nur noch mit der Vorbereitung der uns zugestandenen zwei Songs. Vince bemalte das Fell von Johns Bass-Drum. Wir trugen schwarze Rollkragenpullover und dazu passend goldene Cordsamt-Jacketts ohne Kragen. Trotzdem gelang es uns, noch gammelig auszusehen.
An dem Tag, an dem die Band das Fernsehstudio betrat, sahen wir voller Überraschung Wayne Newton. Er war ein junger Sänger aus der Gegend, der sich auf alte Standards spezialisiert hatte und uns beim Aufbau beobachtete.
„Stellt euch eng zueinander“, riet uns der zukünftige Mr. Las Vegas mit seiner samtweichen hohen Stimme. „Das hat auf dem Bildschirm eine bessere Wirkung.“ Allen war klar, dass er wusste, wovon er sprach, denn wir hatten schon die Newton Brothers bei Lew King Rangers gesehen.
Da standen wir also, vor unserer Nase die Aufzeichnungskameras, so groß wie Luftschiffe. Als sich Schweinchen Dick verabschiedete („Th-th-that’s all, folks!“) wurde uns kurz und bündig das Prozedere erklärt, und schon donnerten die nervösen Earwigs in das erste Stück. Wir waren so aufgedreht, dass die Nummer einem schnell laufenden Charlie-Chaplin-Film glich. Das zweite Stück verwirrte uns so sehr, dass wir aufhören mussten. Glücklicherweise rettete uns Vince, indem er in die Kamera winkte und „Yabbada-yabbada, that’s all, folks!“ intonierte.
Die Beleuchtung wurde abgedimmt. Unsere Herzfrequenzen näherten sich wieder dem unteren Hunderterbereich an. Wayne schritt locker-lässig an uns vorüber und sagte: „Gut aus der Affäre gezogen.“
1964. Längere Haare waren angesagt. Dadurch wurden wir für die strengeren Lehrer und ihre „Spitzel“, die Flur-Aufsichten, die uns nur allzu gerne verpetzten, zu geeigneten Angriffszielen. Jeder Typ mit langen Haaren musste ganz einfach ein Drogenfresser sein. Was noch hinzukam und die Situation verschlimmerte: Ganz Arizona schien voller mieser Typen zu stecken, denen es einzig und allein darum ging, sich an den Wochenenden bis zum Schielen volllaufen zu lassen und dann andere zu vermöbeln. Einige Langhaarige grün und blau zu schlagen, schien daher ein nettes Freizeitvergnügen zu sein.
Die Parkplätze der Teenager-Clubs verwandelten sich in regelrechte Schlachtfelder. In unserem Fall klappte es aber nicht immer mit dem blöden Anmachspruch der Cowboys: „Bist du ein Junge, oder bist du ein Mädchen?“ Einige der Typen lagen Sekunden später auf dem Boden, alle viere von sich gestreckt und mit blutigen Zähnen, während unser athletischer Freund John Tatum mit einem teuflischen Grinsen über sie gebeugt stand. Auch Glens Fäuste richteten einigen Schaden an.
Wir waren noch nicht so alt, dass uns die Eltern erlaubt hätten, diese Läden zu besuchen, hatten aber schon viel vom beliebtesten Club in Phoenix gehört, der VIP Lounge. Eines Abends tauchten wir dort unangekündigt auf und stellten uns dem Besitzer Jack Curtis vor, der sich zu einem Vorspielen überreden ließ. Jacks Stil ähnelte ganz und gar dem des höchst sympathischen Dick Clark.
Am nächsten Tag hörte er sich nur einige Stücke an und engagierte uns sofort. Doch der Bandname musste seiner Meinung nach gestrichen werden.
„Wir hätten es ohne den Namen nicht so weit gebracht“, warf Glen ein.
„Und wie wäre es mit Spiders?“, schlug Jack vor. „Das hört sich auch im Radio gut an.“
„The Spiders!“, frohlockte Vince. „Ist immer noch ein Insekt. Ich mag es.“
Jack schlug einen neuen, zum Namen passenden Bühnenaufbau vor, der „Spider Sanctum“ [dt. „Das Sanktuarium der Spinne“] heißen sollte.
„Ich habe zwar nicht die leiseste Idee, wie das aussehen soll“, sagte Jack, „doch wir werden es uns zurechtzimmern.“ Einige Tage später traf sich die Band im VIP zum Bau der großartigen Bühnendekoration. In unserem Arbeitseifer ähnelten wir einem Rudel Schimpansen. Mr. Ward, der Dad, der die Guillotine gebaut hatte, kam mit einem Transporter voller Holz. Sogar Mr. Furnier und Mr. Buxton rafften sich auf, um einige Tipps der hohen Ingenieurskunst vom Stapel zu lassen.
Ähnlich wie bei der Das Pendel des Todes!-Tanzveranstaltung auf der Cortez nutzte man Wäscheleinen zur Darstellung von Spinnenweben. Ich malte eine gigantische Spinne auf Johns Bass-Drum-Fell. Glen fand einen mit Pailletten bestickten funkelnden Teppich in verblassendem Braun, den er am Bühnenhintergrund befestigte. Er nannte ihn „Die große Scheißeritis“. Ich befestigte einige Spots in Indigo und Magenta. Wir gingen ein paar Schritte zurück und bewunderten die Höhle der Verdammnis.
Jack hatte sich zwischenzeitlich um einige Radio-Jingles gekümmert, in denen er mit einem Echo „Das Spider Sanctum-sanctum-sanctum“ ankündigte.
Zu diesem Zeitpunkt machten wir eine bedeutende musikalische Entdeckung. Glen besuchte mich und brachte das Yardbirds-Album For Your Love [Compilation mit den Gitarristen Jeff Beck und Eric Clapton] mit. Die Gitarre brachte die einzelnen Songs zum Explodieren. Schneidende Triolen unterstützten die Hauptmelodie und verschwanden mit einem Echo, als glitten sie durch einen Canyon. Glen und ich konnten es gar nicht erwarten, den anderen davon zu erzählen, entschieden uns jedoch zuerst zum Erlernen einiger Songs. Wir verbrachten den Nachmittag damit, die einzelnen Teile abzuhören, hoben die Nadel von der Vinyl, setzten sie wieder auf und spielten jeden Part so lange, bis wir ihn draufhatten. Besonders eine Nummer, ein Song von Mose Allison mit dem Titel „I’m Not Talking“, erforderte unzählige Wiederholungen.
Später, als wir Vince die Scheibe vorspielten, lernte er die Mundharmonika-Parts von Keith Relf recht zügig. Die nasalen Teenager-Stimmen der beiden ähnelten sich, ja, stimmten fast überein.
Da uns eine Gage vom Horizont aus anblinzelte, gingen wir ins Arizona Music Center und kauften neue Fender-Verstärker. Glen legte sich seine Traum-Gitarre zu, eine Gretsch Chet Atkins Tennessean, eine Halbakustik mit einem Single Cut-Out. Vince erwarb Mundharmonikas für alle Tonarten, wobei er nicht auf die schicken chromatisch angelegten abzielte, sondern auf die 3-Dollar Hohner Marine Bands, die auch Paul Butterfield benutze. Er behauptete, die Blues-Noten klängen auf billigen Harps besser. Er stand darauf, „Harps“ zu sagen.
Ich war der stolze Besitzer eines nigelnagelneuen Fender-Bassman-Amps mit zwei hochbelastbaren 12“-Lautsprechern. Der Verstärker roch sogar noch neu. Mir lief ein kalter Schauder den Rücken runter, als mir die voluminösen fetten Noten entgegenschallten. In meiner Vorstellung machte mich allein schon der Amp zu einem waschechten Profi.
Jack schwebte die Idee vor, in seinem Club Nonstop-Entertainment zu präsentieren. Für die Hauptbühne plante er Headliner wie die Byrds oder die Lovin’ Spoonful. Nach deren Auftritten musste sich das Publikum nur umdrehen und sah schon in das dunkle und düstere Spider Sanctum am anderen Ende.
Als die Premiere an einem Freitagband immer näher rückte, stellten wir uns die Ankunft in Limousinen vor. Die Realität? Stattdessen quetschten wir uns an dem Abend in einen Mercury 1956. Da wir vier Stunden zu früh aufliefen, gingen alle in den nahegelegenen Jack-in-the-Box und kauften sich eine Tüte Tacos.
Unser erster Auftritt sollte ganz und gar nicht bescheiden wirken. Jack hatte zwei Suchscheinwerfer gemietet, die er in den nächtlichen Himmel strahlen ließ. Er engagierte sogar zwei Go-Go-Girls, die in den Bühnenecken einen heißen Tanz abzogen.
Langsam füllte sich der Parkplatz. Ein knallrot lackiertes Hot Rod cruiste auf dem Asphalt. Dann kam ein Kleintransporter mit einem Surfboard auf dem Dach. Als Nächstes kreuzte ein staubiger schwarzer Pick-up auf. Aus dem Fenster ragte der Kopf eines Typen, der sich wahrscheinlich mit Whiskey hatte volllaufen lassen und nun brüllte, dass er auf eine Schlägerei aus sei.
Tja, eine ganz normale Nacht in Phoenix eben.
Einige Beamte des Maricopa County Sheriff’s Office schoben hier Dienst und waren bereit, Schlägereien aufzulösen. Zudem hielten sie die Augen nach beschlagenen Autofenstern offen, um ritterlich die Ehre (und besonders die Unschuld) junger Damen zu retten.
Der Einlass begann um 19 Uhr. Peanut Butter, eine lokale Band mit psychedelischen Anklängen, betrat die Bühne. Als sie ihr Programm mit dem Beau-Brummels-Hit „Laugh, Laugh“ beendet hatten, war das VIP bis zum Bersten gefüllt.
Die Lichter verdunkelten sich. Im Spider Sanctum glühte ein Spot. Ich zählte den ersten Song wie bei einem Pferdewettrennen an, und schon galoppierten Johns Drums davon. Die Go-Go-Girls zuckten und tanzten wie Wahnsinnige. Das Publikum drehte sich schnell um, wollte wissen, wer denn den ganzen Krawall machte.
Wir kannten einige der Gesichter, auf denen die Verblüffung über unsere Transformation geschrieben stand. Die unbeholfenen und laienhaften Earwigs gehörten der Vergangenheit an, und an ihrer Stelle stand nun eine frischere und professionellere Band auf der Bühne. Die coolen, super schicken neuen Jacketts und die uns zur Verfügung stehende Lichtanlage halfen dabei, eine selbstbewusste Show zu bringen. John und Glen hatten die blonden Haare modern gestylt – John ahmte Brian Jones von den Rolling Stones nach –, und die Spots ließen sie wie nordische Götter aussahen.
Was mein neues, mysteriöses Image anbelangte: Ich hatte mir die Haare über die Augen gekämmt. Allerdings hoffte ich nur, mysteriös zu wirken, denn ich sah überhaupt nichts mehr.
Eigentlich waren wir daran gewöhnt, von den Cops wegen der langen Haare angemacht zu werden, doch als Glen beim Yardbirds-Song „Shapes Of Things“ eine leidenschaftliche Gitarren-Arbeit ablieferte, entdeckten wir einen über beide Ohren grinsenden Police Officer, der Glen sein Lob mit hochgestreckten Daumen signalisierte. Hey, das war hier kein Cowboy-Song, sondern die kosmische Hymne für den Weltfrieden, angeheizt durch Jeff Becks brennende Gitarren-Soli, die ihn über den Umweg Jupiter direkt nach Marokko führten. Und da stand tatsächlich ein Cop, der groovte und den Sound mochte.
Nach dem Set gratulierte Jack der Band und prophezeite, dass uns eine lange Zukunft als VIP-Hausband bevorstehe. Darüber hinaus durfte die Gruppe den Club zum Proben nutzen. Am meisten freuten wir uns über die Zusage regelmäßiger Schecks.
Von da an spielten wir die VIP Lounge jeden Freitag und Samstag in Grund und Boden, und immer kam der Cop, deutete mit seinem Gummiknüppel in Richtung Glen und bestellte uns eine Runde „Shapes Of Things“.
Der Club war offiziell für 800 Personen zugelassen, doch an guten Abenden drängelten sich hier 1.000 Gäste. Nun schwammen wir in Knete, doch verdammt noch mal – alle Musiker lebten noch bei den Eltern. John Speer legte sich eine alte, spritzige Corvette zu, bei der die Lackierung schon verblasste. Vince kaufte sich einen brandneuen Ford Fairlane Convertible in knalligem Gelb. Er taufte ihn den „Chick-Pleaser“.
Doch dann geschah es: Die Blonde tauchte auf.
Das denkwürdige Ereignis trug sich beim „Back to School Bash“ auf dem Gelände der Arizona Fair zu. The Turtles traten als Headliner auf, und wir gehörten zum Haufen der lokalen Vorbands. Um die lästigen Umbaupausen zu vermeiden, verabredeten wir, dasselbe Equipment zu nutzen. Alles lief reibungslos ab, bis eine Surf-Band mit Namen Laser Beats die Bühne betrat. Die Instrumente mussten zur Seite gestellt werden, um das gigantische Schlagzeug-Podest des Drummers mit dem „güldenen“ Haar aufzubauen.
Ich fand das lächerlich, stand im Publikum und ließ einige dumme Sprüche ab. „Was für eine Knallbirne“, meckerte ich lauthals. „Wozu braucht der denn ein Schlagzeug-Podest? Damit er ‚Wipe Out‘ spielen kann?“ Um den Unmut adäquat auszudrücken, rief ich das mit einer tuntigen Stimme.
Ein vor mir stehendes Mädchen drehte sich blitzschnell um und starrte mir direkt in die Augen. Sie war wunderschön, aber unglaublich sauer. „Er ist keine Knallbirne“, blaffte sie mich an. „Er ist mein Bruder, und er ist der beste Drummer auf der ganzen Welt.“
Und so stand ich zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht vor Neal Smiths schöner Schwester. Sie warf mir einen vernichtenden Blick zu und drehte sich um.
Ich fühlte mich wie ein Trottel und hielt während der langen Verzögerung lieber den Mund. Endlich spielten die Laser Beats ihre Surf-Nummern. Als Neals Schlagzeug bei der Fassung von „Wipe Out“ förmlich glühte, rastete das Publikum aus.
Ich dachte unaufhörlich an die große, coole Blondine, sogar dann noch, als wir auf ihren Bruder warteten, der das Podest mühevoll auseinandernahm.
Und dann kamen wir an die Reihe. Nie zuvor waren wir auf einer größeren Bühne aufgetreten, und die Halle beeindruckte mich durch den mächtigen Sound. Erbarmungslos rockten wir fremde Hits und begannen mit einem von Rachegefühlen auf die Vorband angeheizten „Road Runner“ (Bo Diddley). Vince’ Mundharmonika entwich ein klagender und heulender Sound. In der Vorstellung sahen wir uns schon wie Popstars.
Vielleicht lag darin unsere Stärke. Nach der Show fing uns ein elektrisierter Jack Curtis am Bühnenrand ab und schwärmte: „Was es auch immer ist – ihr Jungs habt es.“
An einem heißen Abend tauchten die Yardbirds zu einem Konzert in der VIP Lounge auf. Sie mochten sehr wohl unsere persönlichen Helden gewesen sein, hatten sich jedoch noch nicht einmal landesweit durchgesetzt. Damals konnte Jack erstklassige Acts noch mühelos und zu einem annehmbaren Preis buchen.
Als Vorband begrüßten die Spiders unsere Gäste auf eine nette Art und zollten ihnen damit Respekt. Wir spielten ein Set ausschließlich aus Yardbirds-Nummern! Erst als die Yardbirds die Leute mit ihrem Programm förmlich umbliesen, kam uns der Gedanke, dass wir ein wenig trottelig gewesen waren.
Glen hatte seine Show mit einigen Neuerungen bereichert – nämlich Essbesteck mit einbezogen! Er schlug Löffel gegen die Schenkel und spielte sogar mit einem Löffel Slide-Gitarre. Jeff Beck, der Gitarrist der Yardbirds, fand die Löffel-Aktion urkomisch. Nach Ende des Sets schlich sich Beck ins Spider Sanctum und „beschlagnahmte“ Glens Besteck-Tablett. Während der Yardbirds-Show spielte Beck dann eins seiner beeindruckenden und aufwühlenden Soli. Mit der linken Hand schlug er die Noten an, während er mit der rechten Löffel unter die Saiten klemmte. Einen nach dem anderen schoss er sie dann in den Zuschauerraum.



