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>> Also, was ist los?<<
>> Ich habe mich mit einem Arzt angelegt und nun hat er sich über mich beim Chefarzt beschwert. Um neun muss ich bei ihm sein und mich rechtfertigen.<<
>> Kannst du dich denn rechtfertigen?<<
>> Ich glaube schon. Ich muss jetzt nur noch ruhiger werden, damit ich gleich nicht explodiere, wenn ich den Arzt wiedersehe.<<
>> Dann bleib einfach hier liegen und genieße die Ruhe.<<
>> Ich glaube, ich brauche ein wenig mehr Ablenkung.<<
Sie setzte sich wieder hin und sah mir tief in die Augen, was meinen gesamten Körper sofort in helle Aufregung versetzte. Zärtlich und vorsichtig strich sie über meine Wange, kam mir immer näher und küsste mich schließlich, als sie mit ihrer Zunge auch schon Einlass in meinen Mund forderte und unser Kuss schnell leidenschaftlicher wurde. In meinem Bauch explodierte ein Feuerwerk, da es einfach zu lange her war, dass wir uns richtig leidenschaftlich geküsst hatten und ich damit nicht gerechnet hatte.
Sofort vergrub ich meine Hände in ihren Locken, hielt sie fest und drückte sie an mich, damit der Kuss hoffentlich niemals endete. Ich war süchtig nach ihr, nach ihrem Geschmack, ihrem Geruch und ihren Liebkosungen, die mich vollkommen um den Verstand brachten und auf die ich lange hatte verzichten müssen.
>> Davon werde ich nie genug bekommen mein Engel.<< flüsterte ich nach einem sehr langen und absolut feurigen Kuss, wobei ich ihr tief in die Augen sah.
>> Ich auch nicht.<<
Sofort zog ich sie wieder zu mir und küsste sie erneut, da wir viel aufzuholen hatten und ich hier eh nichts Besseres zu tun hatte. Doch plötzlich riss sie sich von mir los und stellte sich neben mein Bett, weswegen ich sie verdutzt ansah.
>> Was ist?<< fragte ich sie verwundert, als die ersten Ärzte den Raum betraten.
>> Guten Morgen Mr Humphrey.<< begrüßte mich der Oberarzt, bevor er mich fragend ansah.
>> Dr. Chamberlain, guten Morgen.<<
>> Guten Morgen Dr. Philips.<<
>> Müssten Sie nicht auf ihrer Station arbeiten?<<
>> Nein, es ist grade sehr ruhig bei uns, deshalb nutze ich die Zeit.<<
>> Verstehe.<< sagte der Oberarzt immer noch ein wenig irritiert, bevor er wieder mich ansah.
>> Möchten Sie, dass Dr. Chamberlain den Raum verlässt, während wir reden, oder kann sie hier bleiben?<<
>> Von mir aus kann sie gerne hier bleiben.<<
>> Gut, wenn das so ist. Wie geht es Ihnen denn heute?<<
>> Perfekt.<< antwortete ich ihm und sah kurz zu Evelyn, die interessiert neben mir stand und alles beobachtete.
>> Dann würde ich mir gerne die Wunde ansehen.<<
Ich nickte und schob die Bettdecke nach unten, woraufhin ich mein Shirt nach oben zog und die Wunde zeigte. Im Augenwinkel fiel mir auf, wie Evelyn immer wieder auf meinen Bauch sah und anschließend die weiblichen Ärzte böse anfunkelte.
>> Dr. Lordan würden Sie bitte einmal das Pflaster beseitigen?<< fragte der Oberarzt eine der Ärztinnen, die daraufhin zu mir kam und mich freundlich anlächelte. Sie versuchte es vorsichtig abzuziehen, was schon wirklich übervorsichtig war, weswegen Evelyn laut seufzte und sich in einen Stuhl in der Ecke setzte.
>> Ist irgendwas Dr. Chamberlain?<< hakte der Oberarzt nach und sah sie streng an.
>> Nein Dr. Philips, es ist alles bestens.<< antwortete Evelyn in einem übertriebenen, zuckersüßen Ton und grinste dabei breit über das Gesicht, was sofort wieder verschwand, als er wegsah.
>> Sie müssen nicht so vorsichtig sein, ich halte das schon aus.<< sagte ich zur Ärztin, die immer noch versuchte, das Pflaster abzuziehen.
>> Wenn ich es zu schnell, oder zu ruckartig abziehe, dann könnten die Nähte reißen.<<
>> Dr. Philips hat ihn operiert und er macht gute Nähte, da brauchen Sie keine Angst haben, dass die reißen könnten.<< sagte Evelyn genervt und biss sich immer wieder auf die Lippe, während sie auf meinen Bauch starrte und die Ärztin böse anfunkelte.
>> Danke für das Kompliment Dr. Chamberlain, wollen Sie vielleicht Dr. Lordan einmal zeigen, wie man das effizienter lösen könnte?<<
Der Oberarzt hatte seine Frage noch nicht einmal zu Ende gestellt, als Evelyn auch schon neben mir stand und mit einer schnellen Bewegung das Pflaster entfernte.
>> Gut, das war sehr effizient. Wie sieht ihrer Meinung nach die Wunde aus Dr. Lordan?<<
>> Die sieht gut aus. Keine Entzündungen, keine offenen Stellen und es heilt sehr gut.<<
Nachdem Dr. Philips sich ebenfalls einen Überblick verschafft hatte und ihre Einschätzung abnickte, klebte Evelyn bereits ein neues Pflaster auf die Stelle, wobei sie dabei liebevoller mit mir umging.
>> Haben Sie Schmerzen wegen ihrer geprellten Rippen?<<
>> Ich merke sie, aber das sind Schmerzen die auszuhalten sind.<<
>> Gut. Haben Sie sonst noch Fragen?<<
>> Wann darf ich entlassen werden?<< fragte ich, da ich unbedingt wieder arbeiten musste und es mir eh gut ging, was also sollte ich hier? Ich hasste Krankenhäuser, wobei der angenehme Part hierbei war, dass ich Evelyn öfter zu Gesicht bekam.
>> Ich denke, dass wir Sie morgen früh entlassen werden.<<
>> Das sind gute Nachrichten.<<
>> Haben Sie denn sonst noch Fragen?<<
>> Ich hätte noch eine.<< sagte Evelyn plötzlich und lehnte sich gegen das Bett.
>> Und die wäre?<<
>> Als er eingeliefert worden und hier auf die Station gebracht worden war, sagten Sie mir, dass er ein leichtes Schleudertrauma hätte, allerdings klagt er weder über Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Schwindel oder über sonstige Symptome, die bei einem Schleudertrauma gegeben wären. Weswegen wurde diese Diagnose also gestellt?<<
>> Fragen Sie mich das, oder die Assistenzärzte Dr. Chamberlain?<<
>> Das überlasse ich Ihnen.<<
>> Wer kann Dr. Chamberlain das beantworten? Dr. Kane?<<
>> Ich schätze, dass es aus reiner Vorsicht diagnostiziert wurde, da Mr....<<
>> Mr Humphrey heißt er.<< half ihm Evelyn in einem strengen Ton auf die Sprünge, woraufhin der Arzt fortfuhr.
>> Richtig, entschuldigen Sie, also, das geschah, da Mr Humphrey nicht ansprechbar gewesen war, als er eingeliefert worden war und aufgrund eines Autounfalls hierher gekommen war, wo es schnell zu einem Schleudertrauma kommen könnte.<<
>> Richtig Dr. Kane. Dankeschön, aber das hätten Sie selbst wissen müssen Dr. Chamberlain.<< tadelte er sie und wollte grade gehen, als Evelyn antwortete.
>> Wer sagt, dass ich die Antwort nicht wusste Dr. Philips? Ich habe es lediglich wissen wollen, da mein Freund gestern nicht wusste, weshalb die Diagnose gestellt wurde, da es ihm blendend ging und als ich in seine Akte sah, konnte ich nicht feststellen, dass diese Diagnose irgendwann revidiert wurde. Sie wissen, worauf ich hinaus möchte und ich weiß auch, wie oft Sie mir in meiner Ausbildung genau eines ans Herz gelegt haben...<<
Er nickte nur, sah daraufhin kurz in die Akte, woraufhin er seine Assistenzärzte streng ansah und vor Wut zu kochen begann.
>> Danke für den Hinweis Dr. Chamberlain. Ich weiß, dass Sie immer eine sehr gute und fleißige Assistenzärztin waren und freue mich darüber, dass Sie so geflissentlich arbeiten. Möchten Sie zur Abwechslung den anderen erklären, um was es hier geht?<<
Evelyn sah in die Runde von Assistenzärzten, die wahrscheinlich noch nicht so lange am Krankenhaus waren wie sie und die schon ein wenig verängstigt aussahen, als sie anfing eine Predigt zu halten.
>> Sie haben vergessen, in der Akte zu notieren, dass Mr Humphrey kein Schleudertrauma hat und deshalb auch keine Medikamente dafür benötigt. Diese Akten sind sehr wichtig und müssen deshalb immer auf dem neuesten Stand gebracht werden. Bei dieser Diagnose ging es jetzt lediglich um Schmerzmittel, die er eventuell zu viel bekommen hätte. Aber jetzt stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie würden in der Kardiologie arbeiten und Sie vergessen einzutragen, dass jemand Bluter ist und geben diesem Patienten, weil es in der Akte nicht vermerkt war, Blutverdünner. Wie wollen Sie ihn dann noch retten? Wie erklären Sie den Angehörigen ihren Fehler? Wie leben Sie dann mit diesem Fehler und mit ihrem Gewissen? Wie rechtfertigen Sie sich dann vor Gericht? Achten Sie darauf, dass die Akten vollständig sind.<<
>> Jeder von Ihnen wird die nächsten zwei Stunden damit verbringen in alle Akten seiner Patienten nachzusehen, ob auch alles richtig notiert wurde und damit fangen Sie jetzt an! Sehe ich nachher noch irgendeinen Fehler, sind die nächsten Operationen gestrichen!<< forderte Dr. Philips in einem strengen, autoritären Ton, woraufhin alle Assistenzärzte nach draußen liefen und sich Akten schnappten.
>> Immer noch die gleichen Methoden wie vor sechs Jahren.<< schmunzelte Evelyn und blickte nach draußen.
>> Wieso sollte ich etwas ändern, wenn es funktioniert? Danke für den Hinweis Eve.<<
>> Immer wieder gern.<<
>> Aber es freut mich, dass auch du etwas von mir gelernt hast, auch wenn es nur die Vollständigkeit von Akten ist. Wie geht’s dir denn sonst so?<<
>> Mir geht’s gut. Noch jedenfalls.<<
>> Ich habe schon vom Termin bei Dr. Hawn gleich erfahren.<< seufzte er ein wenig mitfühlend, bevor er näher zu ihr ging und sich in mir leichte Eifersucht breit machte.
>> Lass dich nicht unterkriegen und verkaufe dich nicht unter Wert! Nur weil du noch in der Ausbildung bist, heißt es nicht, dass du klein beigeben musst, ok?<<
>> Ich weiß, danke.<< antwortete sie, woraufhin der Oberarzt den Raum verließ und wir endlich wieder allein waren.
>> Er nennt dich beim Vornamen?<< fragte ich sie verwirrt, da ich eigentlich gedacht hatte, dass die beiden sich nicht leiden könnten, jedenfalls kam das am Anfang so herüber, doch dann waren sie auf einmal so vertraut miteinander umgegangen, was alle Alarmglocken in mir aufschrillen ließen.
>> Wir haben viel zusammen gearbeitet, außerdem war er eine Zeitlang der Nachbar von Laura, weswegen wir uns oft über den Weg gelaufen waren, da haben wir uns irgendwann geduzt. Wenn jedoch andere Ärzte dabei sind, dann sprechen wir uns mit dem Nachnamen an.<<
>> Ich dachte, ihr mögt euch nicht.<<
>> Es muss ja auch nicht jeder wissen, dass man sich gut versteht, dann entstehen nur falsche Behauptungen und die Frischlinge fühlen sich dann zu sicher und denken, sie könnten auch so mit ihm umgehen.<<
>> Frischlinge?<<
>> Die Neuen halt.<<
>> War diese Dr. Lordan auch neu?<<
>> Mhm. Normalerweise kann sie das besser mit den Pflastern und dem Versorgen von Wunden, jedenfalls als sie in der Notaufnahme war. Vielleicht war sie einfach nur wegen dir nervös.<<
>> Wegen mir?<< fragte ich ungläubig nach, als Evelyn nickte und sich neben mich setzte. Vorsichtig streifte sie wieder mein Shirt nach oben und strich die einzelnen Muskeln des Six-Packs nach.
>> Bei dem Anblick wird manch eine Frau ziemlich unsicher und ist vollkommen abgelenkt.<<
>> Warst du etwa eifersüchtig eben?<< hakte ich belustigt nach, da ich gesehen hatte, wie missmutig sie auf dem Stuhl gesessen und die anderen Frauen böse angefunkelt hatte.
>> Ein wenig.<< gab sie zu und seufzte erneut, weswegen ich ihr Kinn anhob und sie dazu zwang mich anzusehen.
>> Evelyn?<<
>> Ja, ich war eifersüchtig. Zufrieden? Immerhin sind wir erst wieder seit kurzem zusammen und das ist alles noch so frisch und ich bin immer noch so unsicher, weil da diese andere Frau war in der Bar, bei der du schwach geworden warst und dann gaffen dich hier alle Frauen an, weil du heiß bist und dann auch noch so viele Muskeln hast und....<<
Ich brachte Evelyn mit einem zärtlichen Kuss zum Schweigen, da ich bemerkt hatte, wie sehr sie angefangen hatte zu zittern und wie kurz davor sie war zu weinen, was ich nicht aushalten würde. Es zeigte mir, was ich angerichtet hatte und was ich unbedingt wieder gut machen musste.
>> Ich will nur dich Evelyn, das wollte ich seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe und das will ich weiterhin. Nur dich!<< gestand ich ihr und strich ihr liebevoll über die Wange, während sie wieder auf ihrer Unterlippe herumbiss.
>> Wieso hast du...<< schluchzte sie kurz und wischte sich eilig ihre Tränen weg.
>> Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung. Ich habe mich das selbst immer wieder gefragt, denn als ich die Videos und Emails meines Vaters mit seinen Affären gesehen und gelesen hatte, hatte er mich so dermaßen angewidert und dann mache ich direkt selbst so etwas widerliches und ekelerregendes... Ich schätze, ich war einfach zu durcheinander und hatte mich zu sehr in der Sache mit Charly und dir verrannt, weswegen ich dir unbedingt wehtun wollte, aber das ist keine Entschuldigung dafür. Ich kann dir nur sagen, dass du die einzige Frau bist, die mich anmacht, die ich wunderschön finde, die mich um den Verstand bringt und die ich als Freundin an meiner Seite haben möchte.<<
Wieder küsste ich sie und umgarnte ihre Zunge mit meiner, wobei es mir egal war, wer uns eventuell von draußen zusah. Hier ging es grade um uns und unsere Zukunft und der Rest war mir vollkommen egal.
Als Evelyn sich von mir löste, holte sie tief Luft und wischte sich noch einmal die letzten Tränen weg, während mir ihr Kummer ein Tritt in die Eingeweide verpasste.
>> Ich liebe dich mein Engel.<< versicherte ich ihr, woraufhin sie aufstand, mit einem zaghaften Lächeln den Raum verließ und mich mit meinem schlechten Gewissen allein schmoren ließ.
Kapitel VIII
Evelyn
Nachdem ich im Treppenhaus noch einmal kurz Luft geholt und versucht hatte, die Situation von grade mit Blake abzuschütteln, ging ich nun nach oben zum Chefarzt. Ich hatte keine Zeit mehr über Blake und mich nachzudenken und ich wollte mir auch nicht mehr den Kopf über uns zerbrechen.
Es tat einfach noch zu sehr weh, da ich nicht wusste, ob ich auf seine Worte bauen konnte. Er wusste genau, was ich hören wollte, mit welchen Sätzen er bei mir Erfolge erzielen würde, also wer sagte mir, dass er die Wahrheit sagte? Ich wusste, dass ich versuchen musste nicht alles in Frage zu stellen, da es sonst keine Chance mehr zwischen uns gab, dennoch blieb ich misstrauisch und hielt Abstand.
Nach der letzten Ecke, kam ich schließlich beim Chefarzt an und atmete noch einmal tief durch. Kaum saß ich vor seinem Büro auf einem Stuhl, öffnete er auch schon die Tür und bat mich hinein. Drinnen saßen sowohl Dr. Sterling, als auch Dr. Baskin, die mich beide mit roten Köpfen anstarrten. Anscheinend hatten sie schon hitzig diskutiert.
>> Setzen Sie sich doch.<< befahl mir Dr. Hawn und zeigte auf den Stuhl neben Dr. Sterling, während er sich gegenüber von mir neben Dr. Baskin setzte.
>> Gut, Dr. Chamberlain. Können Sie mir sagen, wer Mrs Evans ist und was genau gestern passiert ist?<<
>> Vorletzte Nacht gab es eine Massenkarambolage, weswegen mir Mrs Evans zugeteilt wurde. Sie war in der 29. Woche schwanger und klagte über Schmerzen in der Brust, weswegen sie die Kontrolle über das Fahrzeug verloren hatte. Durch einen Ultraschall stellte ich einen Thrombus in einem ihrer Herzgefäße fest, weswegen ich sie sofort operierte. Während der Operation fand ich dann noch einen weiteren Thrombus, den ich vorher nicht gesehen hatte. Während der Operation musste ihre Tochter geholt werden, da das Kind nicht mehr ausreichend versorgt wurde. Anschließend machte ich sie wieder zu und besprach mit den Gynäkologen die Dosierung für das Heparin. Während des Tages bat ich Dr. Baskin, sie auf weitere Thromben zu untersuchen, was er auch getan hat. Allerdings konnte er keine Thrombosen feststellen. Abends hatte Mrs Evans erneut einen Gefäßverschluss, weswegen Dr. Sterling und ich sie erneut operierten. Wir entfernten ihn, machten sie wieder zu und brachten sie wieder auf die Intensivstation.<<
>> Weiter?<< fragte Dr. Hawn, als er fertig war mit schreiben und ich schließlich fortfuhr.
>> Die Operation hatte länger gedauert und ich hatte acht Stunden später wieder Dienst, weswegen ich hier übernachtet habe. Ich sprach mit Dr. Sterling ab, dass ich angepiept werden sollte, wenn es Komplikationen bei Mrs Evans gäbe, da ich mit ihrem Fall vertraut war. Ich legte mich also schlafen und wurde gegen halb drei durch meinen Melder geweckt. Sie hatte erneut einen Gefäßverschluss, weswegen ich sie ein weiteres Mal operierte. Vorher wies ich Dr. Thompson noch an, den diensthabenden Gefäßchirurgen hinzuzurufen, damit dieser noch einmal einen Blick auf sie werfen könnte.<<
>> Warum haben Sie das getan?<<
>> Weil es das dritte Mal war, dass ich sie operieren musste und sie immer wieder Thromben in ihren Gefäßen hatte. Irgendwo mussten diese Thromben meiner Meinung nach herkommen. Ich kann sie natürlich jedes Mal wieder aufschneiden, den Thrombus aus dem Herzen entfernen und wieder zumachen, aber...<<
>> Dr. Chamberlain, ihr Ton!<< wies mich der Chefarzt zurecht, da ich zu locker redete, weswegen ich entschuldigend nickte und mich wieder zusammenriss.
>> Wenn es irgendwo eine Stelle gab, wo die Ursache für die Thromben lag und man diese beheben konnte, wäre es einfacher gewesen, deswegen wollte ich einen zweiten Blick eines Gefäßchirurgen. Zudem hätte auch eine Lungenembolie passieren können.<<
>> Gut. Sie haben sie also in den OP gebracht und dann?<
>> Ich machte sie wieder auf und suchte mit Dr. Thompson nach dem neuen Thrombus, bis ich ihn schließlich fand. Dabei kam Dr. Baskin in meinen OP.<<
Ich sah zu ihm herüber und konnte sehen, wie wenig er von mir hielt. Im ganzen Krankenhaus war bekannt, dass er Frauen verachtete, die sich emanzipierten und arbeiteten, doch heute Nacht war er bei mir zu weit gegangen.
>> Sie hatten also den Thrombus gefunden und Dr. Baskin kam herein. Erzählen Sie weiter.<<
>> Dr. Hawn... ich... ich kenne mich mit so etwas nicht aus. Also ich meine mit einer Situation wie dieser hier, weil ich noch nie mit jemandem aneinander geraten bin, deswegen weiß ich nicht, ob das hier zulässig wäre.<<
Ich legte das Diktiergerät auf den Tisch vor mir hin, woraufhin alle auf das Gerät sahen.
>> Was ist das Dr. Chamberlain?<< fragte mich der Oberarzt und nahm es in die Hand.
>> Das Diktiergerät von Dr. Thompson. Er hat es mir eben gegeben. Im OP hatte er es gestern an, da er anscheinend etwas lernt, wenn er sich noch mal einzelne Dialoge anhört. Gestern Nacht hat er auch den Dialog zwischen Dr. Baskin und mir aufgenommen. Sie müssten nur auf Play drücken.<<
Er drehte das Diktiergerät kurz und drückte schließlich auf Play, als die Stimmen von Dr. Baskin, Dr. Thompson und mir zu hören waren. Ich sah nur im Augenwinkel, wie Dr. Baskin nervös auf seinem Stuhl hin und herrückte, was mich jedoch innerlich freute.
>> Ich habe Dr. Baskin angepiept. Er sollte also gleich hier sein.<<
>> Danke Dr. Thompson.<<
>> Dürfte ich erfahren, was ich hier soll Dr. Chamberlain?<<
>> Gern Dr. Baskin. Sie haben die Patientin gestern nach Thromben untersucht und zu mir gesagt, dass da nichts ist, aber ich operiere sie inzwischen das dritte Mal, da sich immer wieder Thromben lösen und in ihr Herz wandern. Die müssen irgendwo herkommen. Könnten Sie also bitte noch einmal suchen?<<
>> Hauptsache den Fehler nicht bei sich suchen. Sie sind ja zu perfekt.<<
>> Wie bitte Dr. Baskin?<<
>> Schon mal an eine Arteriosklerose gedacht Dr. Chamberlain? Ich dachte, Sie sind die beste Assistenzärztin auf ihrem Gebiet, aber vielleicht habe ich mich da auch verhört, oder getäuscht.<<
>> Arteriosklerose, Dr. Baskin, ist eine Arterienverkalkung und es kommt zur Ablagerung von Blutfetten.<<
>> Ich weiß Dr. Chamberlain und man nennt sie Plaques. Wenn diese reißen, da manche instabil sind, kommt es zur Anlagerung von Blutplättchen, die einen Thrombus bilden können. Auch ich habe meine Grundausbildung absolviert Dr. Chamberlain! Also machen Sie gefälligst ihren Job!<<
>> Bei allem Respekt Dr. Baskin, den mache ich gerade. Meine Patientin hat keine Arteriosklerose. Sie ist durchtrainiert, raucht nicht, trinkt nicht, hat einen normalen Blutdruck, bewegt sich viel, da sie Marathonläuferin ist, nebenbei konnte ich in den drei Operationen, die ich bisher an ihr vornehmen musste, sämtliche Arterien begutachten und da waren weder Ablagerungen von Blutfetten, noch von Kalk. Ich möchte jetzt auch nicht mit Ihnen diskutieren, sondern bitte Sie lediglich sie noch einmal gründlich durchzuchecken, denn oben wartet ihre neugeborene Tochter, die sie noch nicht gesehen hat und ich versuche hier alles Menschen mögliche, damit dieses Kind nicht ohne seine Mutter aufwachsen muss.<<
>> Sie unterstellen mir Schlamperei Dr. Chamberlain und das lasse ich nicht auf mir sitzen! Ich habe sie bereits nach Thromben durchsucht und nichts gefunden, also ist da auch nichts. Im Gegensatz zu Ihnen verstehe ich meinen Job und habe ihn nicht wegen meines guten Aussehens bekommen, oder weil ich mich hochgeschlafen habe. Piepen Sie mich nicht mehr wegen ihr an.<<
>> Machen wir sie wieder zu Dr. Chamberlain?<<
>> Machen Sie sie zu Dr. Thompson, aber wir machen noch eine Dopplersonographie. Ich möchte sichergehen, dass wir wirklich nichts übersehen.<<
Da stoppte Dr. Hawn die Aufnahme und sah erst Dr. Sterling und dann Dr. Baskin an, wobei sein Kopf sich dunkelrot verfärbt hatte, was ich bei ihm noch nie gesehen hatte, da er sonst immer die Ruhe in Person war.
>> Erzählen Sie mir noch kurz, wie die Operation weiterging.<< bat er mich und zückte wieder seinen Stift.
>> Wie bereits erwähnt wurde, habe ich dann die Dopplersonographie gemacht. Allerdings ist es nicht mein Fachgebiet, weswegen ich länger für die Untersuchung brauchte. Dr. Thompson und ich fanden schließlich eine Thrombose in ihrer Bauchvene, die nicht sehr leicht zu erkennen war, da Mrs Evans ja grade erst entbunden hatte. Ich schnitt sie also auf und entfernte die Thrombose. Anschließend machten wir sie wieder zu und brachten sie auf die Intensivstation.<<
>> Danke Dr. Chamberlain. Haben Sie noch Fragen?<< fragte er Dr. Baskin und Dr. Sterling und sah sie fragend an.
>> Wie lang hat die Operation insgesamt gedauert?<< fragte mich Dr. Sterling.
>> Fast fünf Stunden. Wie gesagt, es ist nicht mein Fachgebiet und nachts war kein anderer Gefäßchirurg greifbar. Ich weiß, dass es eine Zumutung bei ihrem Zustand war.<<
Sie nickte und sah wieder zu Dr. Hawn, der sich noch mal zu Dr. Baskin drehte.
>> Möchten Sie Dr. Chamberlain vielleicht noch etwas sagen, oder sich für gewisse Äußerungen entschuldigen?<< sagte er in einem scharfen Ton, der nicht offen ließ, dass dies keine Frage war, sondern eher eine Aufforderung.
>> Es tut mir Leid, dass ich Sie persönlich angegriffen habe.<< entschuldigte sich Dr. Baskin nach einigen Sekunden ziemlich mürrisch, wobei er mich dabei nicht ansah.
Ich nickte nur, als mich Dr. Hawn schließlich bat draußen Platz zu nehmen. Fünf Minuten später kam Dr. Sterling heraus und sah wütender denn je aus.
>> Kommen Sie mit Dr. Chamberlain.<<
>> Muss ich nicht mehr warten?<<
>> Ganz bestimmt nicht. Der hat sie doch nicht mehr alle.<< fluchte sie und ging mit mir zu den Aufzügen.
>> Und so etwas nennt sich noch Arzt, wenn man noch nicht mal gewillt ist, einen zweiten Blick zu riskieren. Wer denkt der eigentlich, wer er ist und dann auch noch meine Assistenzärztin im OP anzuschreien und aufs Übelste zu beleidigen.<<
Wir stiegen wieder aus und gingen zum Tresen, als sie auch schon weiterfluchte.
>> Und hinterher so zu tun, als hätten Sie sich falsch verhalten. Und Ihnen zu sagen, Sie dürften ihn nicht mehr anpiepen, das ist Dienstverweigerung und nicht tragbar in unserem Beruf. Überhaupt ist dieser Mann nicht tragbar!<<
Ich blickte zu Dr. Jones, der Dr. Sterling verwundert ansah und ihr versuchte zu folgen.
>> Also hat Dr. Chamberlain nichts falsch gemacht?<<
>> Ganz bestimmt nicht, gar nichts und das konnte ich mir auch nicht vorstellen. Nicht bei Ihnen, die mit jedem eigentlich gut auskommt. Kritik nehmen Sie immer gut an, also konnte es nur an ihm liegen und der Ruf eilt ihm ja auch voraus. Aber seien Sie froh, dass Dr. Thompson alles aufgenommen hatte und Sie es vorspielen konnten, das hat es um einiges einfacher gemacht.<<




