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«Sie ist meine Cousine. Rösli und ich sind zusammen gross geworden. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, sie zu heiraten, aber mein Vater und mein Onkel wollten es so. Alle, fast die ganze Familie Kurt und sogar der Pfarrer, waren dafür. Er meinte sogar, dass Gott es so gewollt hat. Doktor Leuenberger, ich muss Sie etwas fragen. Wenn ich mir die vielen Bücher hier so ansehe – Sie lesen sogar mehr als der Pfarrer. Mir gehen so viele Fragen durch den Kopf, auf die ich einfach keine Antwort finde …»
«All diese Bücher reichen nicht aus, um auf alles eine Antwort zu finden. Aber vielleicht können wir die Antworten auf deine Fragen gemeinsam finden. Worum geht es denn?»
«Der Pfarrer Hohl sagte, dass der Brand von Heiden Gottes Fügung war. Zur Heirat mit meiner Cousine sagten auch alle, dass Gott es so gewollt hat. Und als auf der Schwägalp ein Rudel Wölfe alle Schafe und Ziegen gerissen hat, hiess es wieder, das war Gottes Wille. Ich verstehe das alles nicht. Warum ist Gott so grausam, warum bringt er die Menschen so in Bedrängnis? Ich begreife das nicht!»
Leuenberger blickte Ueli nachdenklich an.
«Sieh mal, Ueli. Gott will überhaupt nichts», erklärte er dann. «Bloss wir Menschen schreiben alles Gott zu. Die Frage, die dich beschäftigt, ist ganz leicht zu beantworten, dafür braucht man keine Bücher zu lesen. Wenn wir Menschen bei allem immer meinen, Gott habe es so gewollt, dann können wir weder uns selbst weiterentwickeln noch die Gesellschaft, in der wir leben. Deshalb ist es notwendig, dass wir nicht einfach ständig Gottes Hilfe erwarten, sondern im Gegenteil Fragen stellen, nach Antworten forschen, ja uns sogar auflehnen. Nur so kann eine Entwicklung zum Besseren stattfinden. Wenn ich meinen Patienten mit der Auffassung gegenübertrete, deren Krankheit sei von Gott gewollt, dann brauche ich gar nicht nach Behandlungsmethoden zu suchen. Wir müssen versuchen, an schlechten Erfahrungen zu wachsen. Ich lerne jeden Tag etwas dazu.
Erstens hat Gott das Dorf Heiden nicht in Brand gesetzt. Wenn ich jetzt hier mitten im Haus ein offenes Feuer entfache, brennt das ganze Haus ab. Wir machen es uns zu leicht, wenn wir das Gott in die Schuhe schieben. Der Grund für den Brand in Heiden war ein nachlässiger Schmied. Seiner Unaufmerksamkeit ist es zuzuschreiben, dass der Brand ausbrach, der schliesslich das ganze Dorf in Flammen aufgehen liess. Hinzu kam der heisse Föhnwind, der damals zwei Tage lang alles aufheizt und ausgedorrt hatte. Ausserdem waren die Häuser aneinander gebaut, so dass die Flammen leicht von einem Haus zum nächsten übergreifen konnten. Der Schmied konnte das Feuer in seiner Werkstatt nicht löschen, weil er nicht wusste, wie man das anstellt. Hätte man sich in Heiden auf so einen Fall vorbereitet und einen Plan zum Feuerlöschen gemacht, wären vielleicht nicht mehr als zwei Häuser abgebrannt. Doch inzwischen zog man eine Lehre aus der Brandkatastrophe. In Heiden gibt es jetzt eine Feuerwehr. Wir haben für den Brandfall einen zweirädrigen Löschwagen mit einem Wassertank. Es wird hier wieder Brände geben, aber wir haben eine ausgebildete Feuerwehr. Das wird die Ereignisse seltener machen, für deren schlimme Folgen wir Gott die Verantwortung zuschieben. Und es gibt noch andere, vergleichbare Fälle. Vor drei Jahren, also 1841, wurde für den Kanton Appenzell Ausserrhoden eine Gebäudeversicherung gegründet. Die übernimmt jetzt den Schaden, wenn ein Haus abbrennt. Doch dafür muss man jährlich einen bestimmten Betrag einbezahlen, und leider versichern nur wenige Leute ihre Häuser, die anderen möchten diesen Betrag nicht bezahlen. Was kann Gott dafür? Für vieles, was uns zustösst, sind wir Menschen selbst verantwortlich. Wenn wir im Winter barfuss im Schnee spazieren gehen, erkälten wir uns. Um das zu vermeiden, ziehen wir Strümpfe und Schuhe an, und zwar bevor wir hinausgehen. Eine Versicherung funktioniert so ähnlich.»
Leuenberger trank einen Schluck Wein, um seine trocken gewordene Kehle anzufeuchten. Dann fuhr er fort: «Nun zum zweiten Punkt: Du bist nicht der Erste, der seine Cousine geheiratet hat. Die Älteren in deiner Familie haben so etwas schon öfter erlebt und müssen wissen, dass aus solchen Ehen behinderte Kinder hervorgehen. Das nennt man unbelehrbar! Andere Dinge sind ihnen eben wichtiger. ‹Wenn wir die Kinder untereinander verheiraten, müssen wir unsere Kartoffeläcker und Getreidefelder nicht mit Fremden teilen.› Wichtiger als die Gesundheit der Kinder ist ihnen, dass die Äcker in der Familie bleiben. Die Behinderung der Kinder nehmen sie auf die leichte Schulter, denn sie sind im Denken selbst behindert.
Und nun zu deinem dritten Beispiel, da liegt die Sache ähnlich, es geht um Ursache und Wirkung. Der Wolf jagt nun einmal Schafe und Ziegen, das ist ein Gesetz der Natur. Es liegt an dir, dein Vieh vor der Gefahr zu bewahren. Wenn deine Tiere den Wölfen zum Opfer gefallen sind, hast du nicht gut auf sie aufgepasst. Wenn du dann behauptest, das war Gottes Wille, sagst du das, um die Last der Verantwortung abzuwälzen.»
Später auf seinem Zimmer dachte Ueli noch lange über die Worte des Doktors nach. Doktor Leuenberger war keiner, der ständig den Namen Gottes im Mund führte wie die Menschen aus Uelis Umfeld. Und es war unglaublich, dass er für die Kuhfiguren zehn Gulden angeboten hatte. Vielleicht hatte Ueli ihn missverstanden … Ein Gulden wäre schon ein sehr guter Preis für die Holzfigürchen gewesen. Ueli hatte noch nie im Leben ein Zimmer für sich allein gehabt und schlief wie ein Murmeltier bis zum nächsten Tag.
Beim Morgenessen berichtete der Doktor, dass er als Arzt sehr lange in Zürich tätig gewesen war. «Dann sind wir hierhergezogen, einerseits, um den Rest meiner Tage an dem Ort zu verbringen, in dem ich geboren bin, und andererseits, um den Menschen hier zu dienen. Wenn hier jemand krank wird, hält er es nicht für notwendig, einen Arzt aufzusuchen, man wendet sich eher an den Pfarrer oder an Wunderheiler. Die Leute rufen mich erst, wenn sie schon im Sterben liegen. Dann kann ich meist auch nicht mehr viel für sie tun. Wir leben hier noch von dem, was ich in Zürich verdient habe. An einem Ort, wo die Menschen Hunger leiden, kann ein Arzt kein Geld verdienen. Mir geht es letztlich wie dir: Du bist Schreiner, aber die Leute haben kein Geld, um deine Arbeit zu bezahlen.»
Ueli unterbrach den Doktor, um zu gestehen, dass auch er Maria schon oft zu Mönchen und Wunderheilern gebracht hatte.
Leuenberger verzog ein wenig das Gesicht. «Tu das nie wieder», riet er. «Diese Art der Behandlung ist für Kinder sehr schädlich. Bei Erwachsenen liegt die Sache anders. Sie glauben fest an die Wirkung solcher Quacksalberei und meinen anschliessend, Besserung zu verspüren – und ich muss zugeben, dass es Leute gibt, die allein aufgrund dieser Überzeugung tatsächlich gesund werden. Denn der Glaube versetzt Berge und ist der entscheidende Faktor bei der Genesung. Doch weil bei Kindern dieser Glaube an die Wirksamkeit noch nicht vorhanden ist, kann es keinen Nutzen geben. Bring Maria nur noch zu Leuten, die über medizinische Kenntnisse verfügen.»
Der Arzt schloss Marias Behandlung innerhalb von drei Tagen ab. Ihre Luftröhre war von Geburt an sehr eng, weshalb sie sich leicht entzündete, was ihr das Atmen schwer machte. Drei Tage lang massierte Leuenberger den Brustkorb des Kindes mit verschiedenen Techniken, um ihn zu weiten und das Atmen zu erleichtern. Ausserdem bereitete er einen Sirup aus dem Inhalt verschiedenfarbiger Flaschen zu und schärfte Ueli ein, Maria diesen dreimal täglich einzuflössen. Zu Marias Beinen sagte er, sie werde niemals laufen können, doch bei guter Ernährung könne sie kriechen. Wenn sie zu krabbeln beginne, solle man ihr zur Schonung der Knie die ledernen Knieschoner anziehen, die er vom Schuhmacher hatte anfertigen lassen.
Als sie sich auf den Heimweg machten, waren ihre Taschen mit reichlich Kleidung gefüllt. Und trotz Uelis heftigem Protest hatte der Doktor nach all seinen Wohltaten auch noch zehn Gulden daraufgelegt.
Diesmal schneite es nicht auf dem Rückweg wie vor sechs Jahren, sondern es herrschte strahlender Sonnenschein. Nur der Gipfel des Säntis war weiss von Schnee. Auf Uelis Rücken spielte Maria mit den Haaren des Vaters und summte vor sich hin. Ueli tastete in der Tasche nach den zehn Gulden. Er war unvorstellbar glücklich. Wenn er Maria zu Mönchen oder Quacksalbern gebracht hatte, war er jedes Mal mit leeren Taschen heimgekehrt.
Spontan schlug er einen Umweg über Appenzell ein. «He, Maria, ich zeig dir Appenzell!»
«Was ist das?»
«Was das ist? Ein Schleckstängel.»
«Ja, jaaaaa!»
In Appenzell kaufte Ueli dem Grossvater hundert Gramm Tabak, der Mutter und Rösli je ein Handtuch und vier Meter Stoff, der mit Blumenmotiven bedruckt war, dem Vater einen neuen Hammer und für den Rest der Familie Süssigkeiten. Danach hatte er immer noch fünf Gulden in der Tasche.
Der Werkzeughändler erkannte ihn. Als er das Pferd und die vollen Taschen sah, murmelte er: «Die Geschäfte der Familie Kurt laufen wohl wie am Schnürchen. Dein Pferd ist wohlgenährt.»
Ueli nickte und machte sich eilig davon. Er wollte nicht Herrn Dörig über den Weg laufen, denn die Familie Kurt stand bei ihm mit mindestens zweihundert Gulden tief in der Kreide.
Maria nuckelte indessen an ihrem Schleckstängel. «Appenzell ist aber gut», murmelte sie.
Die Hochzeit
Pfarrer Johannes hatte Ueli vor der Hochzeit ins Pfarrhaus geladen. Zum ersten Mal betrat Ueli das grosse, auf mächtigen Mauern errichtete Gebäude direkt hinter der Kirche. Der schwarzweiss gestrichene, hölzerne Dachhimmel war weit nach vorne über die Fassade gezogen. Direkt neben dem Haus stand eine riesige Tanne, die fast bis zu seinem First reichte.
Rösli war sehr oft zum Putzen dort und erzählte bewundernd von dem geräumigen Haus, angefangen bei den vielen Büchern, die ein ganzes Zimmer füllten, den glänzend lackierten Schränken bis hin zu den glitzernden Weingläsern. Auch den Pfarrer verehrte sie sehr, er war sehr höflich, kultiviert und trotz seines hohen Amtes nicht überheblich. Den Reichtum wertete sie als Lohn seiner Nähe zu Gott.
Pfarrer Johannes empfing Ueli an der Tür. Höflich erkundigte er sich nach dem Befinden, um ihn dann ins riesige Wohnzimmer zu führen. Sie setzten sich an einen grossen Tisch. Der Pfarrer warf einen kurzen Blick in die aufgeschlagene Seite der Bibel auf dem Tisch, als suche er eine bestimmte Stelle, dann klappte er das Buch behutsam zu. Dabei murmelte er etwas Unverständliches. Sie prosteten sich mit Wein zu, der in grossen Gläsern schon bereit stand.
«Lieber Ueli, du bist jetzt ein richtiger Mann. Gott möchte, dass du eine Familie gründest und hat dir das Zeug gegeben, sie zu ernähren. Das beweist schon die Kirchentür, die du gerade mit deinen geschnitzten Reliefs so schön verziert hast. Du beherrschst dein Handwerk. Deine Fähigkeiten und dein Fleiss ermöglichen es dir, eine Familie zu ernähren. Und Rösli ist genau die richtige Frau für dich. Gott hat euch für einander erschaffen. Wenn Gott einen Menschen schafft, gibt er ihm auch einen Partner. Zusammen mit deiner Frau sollst du auf Gottes Wegen wandeln, möge er euch leiten. Je näher ihr Gott seid, desto mehr ist Gott mit euch und steht euch bei. Ein Heim zu gründen, Nachkommen zu zeugen, ist eure heilige Pflicht als Gottes treue Diener. Wer dieser Pflicht nachkommt, tut Gutes.»
Die Ratschläge und Ermahnungen wollten kein Ende nehmen. Während der Pfarrer sprach, blickte er Ueli ruhig und fest in die Augen, wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Doch was in Ueli Kurt vorging, war etwas ganz anderes. Er hatte zu hören gehofft: «Ihr seid sehr nah miteinander verwandt. Es ist nicht richtig, dieses Mädchen zu heiraten.» Aber nach dieser Unterredung mit dem Pfarrer erschien die Eheschliessung unausweichlich.
Doch die schöne Kirchentür aus Kirschbaumholz fand noch mehr Bewunderer. Eine Woche nach ihrer Vollendung hatten Ueli und sein Grossvater im Haus der Familie Schmied zu tun, der reichsten Familie des Dorfs. In St. Gallen besassen die Schmieds ein Juweliergeschäft, ihr Haus in Urnäsch war das grösste und prächtigste im Dorf, und sie hatten zwei vierspännige Kutschen. Bei den Schmieds sah Ueli zum ersten Mal im Leben silberne Tabletts, Schalen und Besteck. Und ihre Tochter war das schönste Mädchen im Dorf. Lange Jahre erschien sie Ueli im Traum, ja, er war sogar in sie verliebt. Die beiden waren gleichaltrig und hatten als kleine Kinder am Bach zusammen Frösche gefangen. Julia hatte ein Kindermädchen, und wenn sie einmal einen Frosch erwischten, packte sie das Mädchen gleich am Arm. Julia blickte Ueli dann hilfesuchend an und weinte, während das Kindermädchen sie am Arm fortzerrte. Ab einem Alter von acht Jahren war sie im Dorf kaum mehr zu sehen. Man konnte von dieser wohlhabenden Familie natürlich nicht erwarten, dass sie ihre Kinder in die Dorfschule schickte. Ueli erfuhr, dass Julia in St. Gallen ein Internat besuchte. Fortan sah er sie nur noch beim Silvesterklausen oder wenn sie in den Schulferien nach Hause kam und manchmal auf dem Balkon ein Buch las. Sie war ein schönes junges Mädchen geworden, und womöglich war sie auch noch gebildet. Für Ueli glich sie den Prinzessinnen in Grossvaters Märchen. Ihr blondes Haar fiel ihr in zwei langen Zöpfen über die Schultern, und wenn sie Ueli mit strahlenden Augen ansah, wurde er rot und blickte zu Boden.
Als sie an jenem Tag zur Arbeit ins Haus der Schmieds gingen, hoffte Ueli insgeheim, Julia zu sehen, und allein der Gedanke machte ihn schon nervös. Der Hausverwalter zeigte ihnen ein paar kleine Schreinerarbeiten, die zu erledigen waren. Ueli machte sich daran, den Parkettboden im Wohnzimmer zu polieren. Auf der ganzen Fläche war feiner Sand ausgebracht, der mit einem Reibstein, ähnlich einem Wallholz, dazu diente, den Boden abzuschleifen – normalerweise Frauenarbeit. Plötzlich kam gazellengleich Julia in den Raum gehüpft. Sie stemmte beide Hände in die Hüften und stellte sich vor Ueli hin. Alles ging so schnell, ihm wäre beinahe das Herz stehen geblieben. Hilfesuchend blickte er den Grossvater an, doch der tat so, als merke er gar nichts.
Julia fing sehr betont zu sprechen an: «Sag einmal, stimmt es, dass du die Kirchentür gemacht hast? Die Reliefs und das Schnitzwerk sind grossartig! Wenn das wirklich dein Werk ist, dann muss ich sagen: Hut ab!»
Ueli schluckte. Es hatte ihm die Sprache verschlagen. Kniend fuhr er fort, den Poliersand mit der Steinwalze über das Parkett zu reiben. Julia zog ihren langen Rock bis zu den Knien hoch und hockte sich vor ihm hin. Mit beiden Händen packte sie die Griffe des Poliersteins. Ihre zarten, warmen Finger berührten Uelis Hände.
«Bist du mir etwa böse? Sprichst du nicht mehr mit mir? Immer, wenn ich mit dir zwei Worte wechseln will, wendest du dich ab.»
Ueli wurde hochrot im Gesicht. Mit bebender Stimme stotterte er: «Nein, ich bin ganz bestimmt nicht böse auf dich.»
Der Grossvater, der gerade dabei war, den Namen Schmied in die Ecke einer Tür des Wohnzimmerschranks zu malen, konnte das Schauspiel nicht länger mitansehen. «Die Tür hat wirklich er gemacht. Nicht einmal ich hätte das so gut gekonnt.»
«Ein richtiges Kunstwerk! So schöne Motive gibt es nicht einmal am Dom von St. Gallen. Noch nicht einmal in Zürich oder Genf habe ich so etwas gesehen.»
Ueli verstand nicht ganz, was Julia meinte.
«Willst du damit sagen, dass du in deinem Alter schon in Zürich und Genf warst?», fuhr der Grossvater dazwischen.
«Ja, was ist denn dabei? Das sind doch heutzutage keine Entfernungen mehr. Mit der Kutsche meines Vaters sind wir an einem Tag von St. Gallen nach Zürich gefahren. Und in drei Tagen nach Genf. Oh, Zürich müsst ihr unbedingt sehen. Abends ist die ganze Stadt von Gaslaternen erleuchtet. Man kann durch die Stadt promenieren, ohne sich zu fürchten. Und tagsüber die vielen Kutschen, das könnt ihr euch nicht vorstellen. Hunderte von Bekleidungsgeschäften gibt es da, sogar Uhrenläden, alles, was ihr euch nur ausmalen könnt … Ja, also, es ist besser, wenn Vater nicht sieht, dass ich mit euch spreche. Ich muss jetzt auf mein Zimmer.»
Wie ein Schmetterling schwirrte sie davon und mit ihr Uelis Verstand. Es dauerte lange, bis er mit den Gedanken wieder bei der Arbeit war. Unkonzentriert liess er den Polierstein vor und zurückgleiten.
Der Grossvater schmunzelte in seinen Bart hinein: «Noch nicht ein einziges Wort hast du mit dem Mädchen gesprochen. Wenn du sie siehst, schmilzt du dahin. Wenn das nicht Liebe ist! Aber dafür ist es zu spät! Du bist ja schon so gut wie verheiratet.»
Als sie abends erschöpft und müde nach Hause gingen, packte Ueli den Grossvater am Arm: «Wäre es nicht besser, ich würde Julia heiraten? Dann wäre ich nicht mehr arm und ausserdem mit einer Frau zusammen, die ich liebe!»
Der alte Kurt nahm die Pfeife aus dem Mund und blies den Rauch aus. Wie immer lachte er erst einmal lange. Dann nahm er Ueli bei der Schulter und sah ihm halb spöttisch, halb ernst in die Augen. Als er den Jungen wieder losliess, schien es schon, als würde er gar nichts sagen. Doch dann schüttelte er ihn, wie um ihn aus einem Traum aufzuwecken: «Erstens: Wenn du Hunger hast, träumst du von Brathuhn. Alles ist möglich! Zweitens: Vergiss nicht, dass es zu Hause nur trockenes Brot und Kartoffelsuppe gibt. Drittens: Du verstehst noch nicht einmal, was Julia redet. Du bist nur bis zur zweiten Klasse gekommen, aber sie geht immer noch zur Schule. Viertens: Wir beide haben einen Bärenhunger. Es gibt nichts Schöneres, als heute Abend satt zu werden. Fünftens: Vergiss es. Gib in deinen Zukunftsträumen auch Rösli einen Platz. Dein Vater, dein Onkel, deine Mutter und deine Tante wollen es so.»
«Willst du auch, dass ich Rösli heirate?»
«Ich will dir verraten, was mein Herz mir sagt: Nein, ich will es nicht. Du solltest dir deine Frau selbst aussuchen können. Du müsstest sogar in sie verliebt sein. Die Ehe besteht nicht nur darin, der Familie ihre Kartoffeläcker zu erhalten. Doch so denken nur du und ich. Die anderen um uns herum denken anders. Wir sind in der Minderheit und können das nicht ändern. Der Stärkere siegt, nicht der, der im Recht ist. Und sie sind stärker und zahlreicher. Du bis sechzehn, und ich stehe mit einem Bein schon im Grab. Verstehst du? Im Leben ist es oft so, dass wir uns einer Sache beugen müssen, die wir nicht wollen.»
«Warum sagst du das nicht deinen Söhnen? Du kannst ihnen erklären, dass es diese Heirat nicht geben darf.»
«Glaubst du denn, ich hätte es ihnen nicht gesagt? Natürlich habe ich das! Sie meinten, ich sei unfähig, die Wirklichkeit zu sehen. Wenn man fünf Leuten gegenübersteht, die das sagen, fängt man selbst an, es zu glauben.»
Der Grossvater hatte den vierten Punkt ein wenig scherzhaft gesagt, aber er war tatsächlich sehr hungrig und hatte keine Kraft mehr für diese Diskussion.
«Schon gut, ich habe verstanden. Aber Rösli war überhaupt nicht in der Schule, also passt sie auch nicht zu mir. Und Julia geht zwar immer noch zur Schule, aber könnte sie so eine Kirchentür machen?»
«Du hast Recht, daran hatte ich nicht gedacht.»
Sie lachten.
Julia sollte Ueli noch oft im Traum erscheinen, auch nach der Hochzeit mit Rösli. Als er klein war, hatte er sogar geträumt, dass sie am Bach im Gras lagen und sich küssten. Meistens träumte er, mit Julia viele Kinder zu haben und in einem grossen Haus nahe am Bach zu leben, vor dem Kutschen standen.
Wenn Rösli die Bilder junger Mädchen betrachtete, die Ueli schnitzte oder malte, wurde sie ärgerlich: «Warum sehen diese Mädchen immer aus wie Julia? Warum sieht keines so aus wie ich? Ich weiss schon, warum. Weil du mich nicht einmal anschaust. Warum hast du nicht diese herausgeputzte Ziege geheiratet, wenn du sie so liebst?», beklagte sie sich.
In solchen Momenten wandte Ueli die Taktik an, die er vom Grossvater gelernt hatte: Schweigen. Wenn die Grossmutter Vorwürfe hageln liess, drehte er ihr den Rücken zu und tat so, als fühle er sich nicht angesprochen – was die Grossmutter natürlich noch mehr aus dem Häuschen brachte.
Der Tag der Hochzeit kam schnell. Als Ueli Kurt und Rösli an einem Sonntag des Jahres 1842 in der Dorfkirche heirateten, waren beide erst sechzehn. Zunächst hielt er die Ehe für eines ihrer früheren Kinderspiele. Es war erst wenige Jahre her, seit sie miteinander «Vater, Mutter, Kind» gespielt hatten.
Von der Hochzeitsfeier blieb ihm einzig in Erinnerung, dass Pfarrer Johannes ihn als sehr guten Schreiner gelobt und mehrfach betont hatte, die prächtige Kirchentür sei der Würde des Orts völlig angemessen. Danach wurde die Hochzeit im Gasthaus Krone gefeiert, der Dorfwirtschaft. Ueli musste wohl dem Wein zu sehr zugesprochen haben, denn anschliessend schlief er drei Tage und Nächte wie ein Toter und konnte sich später an nichts mehr erinnern.
Die zweite Woche ihrer Ehe fiel zufällig in die Zeit des Alpauftriebs. Oder vielleicht war das von den Eltern so eingefädelt worden. Wenn der Schnee auf der Schwägalp geschmolzen war, trieb man das Vieh hinauf und lebte drei bis vier Monate in einer Hütte auf der Alp. In Urnäsch brach grosse Hektik aus. Die Kuhglocken wurden hervorgeholt, geputzt und poliert, bevor man sie dem Vieh um den Hals hängte, und die Dorfleute zogen ihre traditionelle Tracht an, um die Alpfahrt würdig zu begehen. An den Hälsen der schönsten und gepflegtesten Kühe baumelten die Schellen an farbig und mit Messingbeschlägen verzierten Lederriemen. Die Männer trugen zu ihren gelben Lederhosen weisse Kniestrümpfe und weisse Hemden unter roten Westen, die mit ihren von Hand gestickten Verzierungen und den grossen silbernen Knöpfen ins Auge stachen. Die Frauen trugen ihre Trachten, die ebenfalls reichlich mit Stickereien verziert waren. Lachend und scherzend zogen die Menschen auf dem gewundenen Pfad zur Alp, sangen Volkslieder, jodelten und tranken Schnaps. Die Sennen trieben das Vieh mit langen Stecken an und trugen das Milchgeschirr und die Gerätschaften zur Käseherstellung mit.
Die Familie Kurt begleitete mit ihren achtzehn Schafen und Lämmern sowie vierzehn Ziegen und Zicklein die Jungverheirateten auf die Alp. Nachdem sie die Gerätschaften und einige Lebensmittel in der Hütte verstaut hatten, verabschiedeten sich die übrigen Familienmitglieder eilig und liessen das junge Paar allein. Für Ueli und Rösli war es das erste Mal seit ihrer Hochzeit, dass sie allein sein konnten, und das war von der Familie bewusst so eingerichtet worden.
Ueli und Rösli brachten das Vieh in den Pferch und stellten Wasser und Lecksalz hinein. Die Milch von Schafen und Ziegen wurde in getrennten Bottichen gesammelt. Ueli machte im offenen Kamin der Hütte ein Feuer. Daneben gab es einen eigenen Pferch für neu geborene Jungtiere, in dem er zwei kleine Lämmer unterbrachte. Die Mutter hatte ihn nämlich ermahnt: «Die Nächte auf der Alp sind kalt, das halten die Jungtiere nicht aus. Du musst sie jeden Abend zu euch in die Hütte holen.»
Rösli machte sich daran, Mehlsuppe zu kochen, dann stellte sie einen Becher Milch vor Ueli auf den Tisch. Ueli trank einen Teil und gab den Lämmern den Rest.
Die Abendsonne fiel durch die Ritzen in der Holzwand. Ueli legte sich auf den Rücken und sah dem Spiel der Staubteilchen in den letzten Sonnenstrahlen zu, wie er es seit Kindertagen liebte. Tagsüber hatte er bei dem festlichen Treiben etwas über den Durst getrunken. Kaum lag er ausgestreckt da, machte sich die Trunkenheit bemerkbar, der ganze Körper wurde ihm schwer. Nur mit der Hand führte er einen Tanz mit den Lichtstrahlen auf. Plötzlich fasste Rösli ihn bei der Hand.
«Spielen wir Vater, Mutter, Kind?»
«Aber wir sind doch schon verheiratet.»
«Ja, aber was ist das denn für eine Ehe? Wir haben uns noch nicht einmal richtig an der Hand gehalten. Ich bin verheiratet und schlafe immer noch mit meinen Geschwistern im selben Bett!»
Rösli liess sich in Uelis Arme sinken. Als später Maria geboren wurde, nannten sie sie scherzhaft ein Alpmäädli.
Am selben Abend gab es einen Wetterumsturz, erst donnerte es, dann prasselte der Regen herunter. Unter dem monotonen Trommeln des Regens auf dem Dach schliefen die beiden den Schlaf der Gerechten. Doch den folgenden Morgen sollte Ueli sein Lebtag nicht vergessen.
Rösli stiess einen gellenden Schrei aus und kam in die Alphütte gerannt: «Jessesgott! Alle tot, tot, tooooot! Steh auf, Ueli, aufstehen! Um Gottes willen! Was ist bloss passiert?»
Dichter Nebel lag über der ganzen Gegend, er hatte den Säntis und sogar die Tannenwälder an den Hängen des Kronbergs verschluckt. Wassertropfen hingen an den Grashalmen. Rösli zitterte.




