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Ueli stürzte zum Pferch. Auch andere Sennen auf der Alp hatten das Geschrei gehört und kamen herbei. Während er mit seinem Stock in der Erde herumstocherte, seufzte ein alter Bauer: «Allmächtiger Herrgott! Was für ein Gemetzel! Wie viele Wölfe müssen das wohl gewesen sein? Ein solches Blutbad habe ich noch nie gesehen! Gott steh euch bei!»
Der Pferch für Schafe und Ziegen grenzte direkt an die Hütte. Überall waren grosse Blutlachen. Alle Tiere waren verendet. Manchen war der Leib aufgerissen, die Gedärme herausgezerrt, anderen der Kopf abgebissen. Ueli und Rösli fürchteten sich schon beim Anblick. Beide zitterten wie Espenlaub und starrten hilflos vor sich hin. Sie gingen in die Hütte und weinten verzweifelt. Rösli streichelte die beiden Lämmer neben der Feuerstelle und flüsterte: «Dem Allmächtigen sei Dank, dass uns diese beiden erhalten geblieben sind. Vielleicht vermehren sie sich, und wir bekommen wieder eine grosse Herde. Vielleicht haben wir gestern Nacht ein Kind gezeugt, und Gott hat sich das Vieh als Dankesopfer geholt.»
Ueli blickte seine Frau wütend an: «Das sind beides Böcke, und wir sind nicht so reich, als dass wir Gott so ein grosses Opfer bringen könnten!»
Die Nachricht von dem Unglück verbreitete sich schnell. Am nächsten Tag erschien eine Gruppe neugieriger Urnäscher mit der Familie Kurt auf der Alp.
Das erste Wort, das der Vater zu Ueli sagte, war: «Ja, habt ihr denn auf den Ohren geschlafen? Es ist doch nicht möglich, dass man so etwas nicht hört! Ihr habt nicht mal genug Hirn, um auf ein paar Viecher aufzupassen! Aber wir sind ja selbst schuld. Wir hätten wissen müssen, wie es herauskommt, wenn man sich auf zwei halbschlaue Hohlköpfe verlässt!»
Hätte der Grossvater nicht eingegriffen, wer weiss, was dem Vater noch alles eingefallen wäre … Der Grossvater legte Ueli tröstend den rechten Arm auf die Schulter: «Alles kommt, wie es kommen muss. Gott schlägt eine Tür zu und öffnet eine andere. Zukünftig musst du dich noch mehr auf die Schreinerei verlegen und dein Brot damit verdienen.»
Der Verlust all ihres Viehs war ein schwerer Schlag für die ganze Familie Kurt. Und dass die kleine Herde sich in der Obhut der beiden Jungverheirateten befunden hatte, war ein bitterer Zufall.
Mit Hilfe der Nachbarn wurde das Fleisch der verendeten Tiere geborgen, verwurstet und getrocknet oder geräuchert. Die Kinder waren die Einzigen, die sich insgeheim darüber freuten, denn sie hatten lange kein Fleisch mehr gegessen, und in diesem Jahr kam so viel Fleisch auf den Tisch wie vorher und nachher nie mehr. Niemand war so dumm oder so reich, um nur um des Fleisches willen ein Tier zu schlachten. Fleisch kam nur bei den Reichen auf den Tisch, die Kurts hatten dafür kein Geld übrig. Und von der Jagd brachten Ueli und der Grossvater im Allgemeinen keine Beute heim. Sie brachten es noch nicht einmal übers Herz, einen Hasen abzuschiessen. Wenn sie sich in den Wald aufmachten, gingen sie auf die Suche nach einem verletzten Tier, doch die wilden Räuber waren ihnen meist schon zuvorgekommen. Einmal trugen sie einen halb verhungerten Hirsch auf dem Rücken heim, da lachte das ganze Dorf über sie. Schulterklopfend hatte der Grossvater zu Ueli gemeint: «Achte nicht auf sie. Die können Lachen und Weinen nicht auseinanderhalten.»
In jenem Jahr blieben die Kurts nur vier Tage auf der Alp, denn was gab es dort noch zu tun? Ueli legte die beiden Lämmer in einen Korb, den er sich auf den Rücken band. Gott sei Dank hatte die Kuh gerade am Tag der Alpfahrt gekalbt, so dass man sie nicht hinauftreiben konnte. Wenigstens sie blieb der Familie erhalten. Die beiden Lämmer mussten nun mit Kuhmilch grossgezogen werden. Je besser genährt sie waren, desto besser würde man sie eintauschen können.
Nach der Katastrophe auf der Alp stürzte Ueli sich vollends in die Schreinerei. Wenn es irgendwo eine Holzarbeit zu erledigen gab, eilte er sofort hin.
Die Welt, in der sie lebten, war ein Schlachtfeld, auf dem die Starken über die Schwachen herfielen. So erklärte es stets der Grossvater. Niemand hatte noch das Geld, einen Schreiner zu beschäftigen. Der Grossvater verzeichnete ständig neue ausstehende Beträge in sein Buch. Und gleichzeitig verschuldete sich die Familie Kurt bei anderen. Die Arbeit an dem Haus am Geissenpfad, das der Vater für das junge Paar vorgesehen hatte, ging nur schleppend voran. Röslis Bauch war schon reichlich dick, doch sie konnten noch immer nicht einziehen.
Rösli klagte unentwegt: «Ach, Ueli, wie viele Monate sind es her, seit wir geheiratet haben? Bald kommt unser Kind. Anstatt umsonst für andere zu arbeiten, mach unser eigenes Haus fertig! Seit damals auf der Schwägalp sind wir nicht mehr zusammen gelegen. Wir sind doch frisch verheiratet und müssen auch einmal für uns allein sein! Begreifst du das denn nicht?»
Wenn Ueli an dem Haus am Geissenpfad arbeitete, widmete er sich liebevoll jedem Detail. Wochen brachte er damit zu, die Fensterläden auf der Talseite mit Vögeln und Blumenmotiven zu bemalen. Auch die Schäftchen und Ablagen in der Küche verzierte er aufwendig, während der Vater schimpfte: «In der langen Zeit hätten andere schon drei Häuser gebaut, und zwar viel grössere!»
Ueli baute für das Haus einen riesengrossen Kleiderschrank, in dessen farbiger Bemalung er regelrecht aufging. In den Bergen hatte er zu diesem Zweck Färberpflanzen gesammelt. Manchmal widmete er winzigen Einzelheiten ganze Tage, und das Lob des Grossvaters spornte ihn noch weiter an.
Man schrieb das Jahr 1844. Ueli Kurt zählte achtzehn Jahre und war Vater eines Kindes. Es gab nicht viel Arbeit für Zimmerleute und Schreiner. Zwei Jahre waren seit dem Blutbad auf der Schwägalp vergangen, und die Familie hatte die beiden verbliebenen Lämmer verkaufen müssen. Die Kurts verarmten von Tag zu Tag mehr, und Ueli gab sich die Schuld daran. Denn der Vater hörte nicht auf, ihm den Verlust des Viehs vorzuhalten und trieb den Stachel tiefer und tiefer ins Fleisch.
Nach dem Tod des Grossvaters gingen die Aufträge weiter zurück. Niemand wollte einen Achtzehnjährigen beschäftigen. Als auch die Arbeit beim Klosterbau am Fuss des Kronbergs keinen Lohn einbrachte, stand die Familie vor einem sehr harten Winter. Der Mönch, der die Arbeiten leitete, hatte Uelis vierwöchige Arbeitsleistung mit einem Sack Kartoffeln und einer langen Gebetslitanei vergolten.
«Hochwürdiger Pater, ich hab daheim ein kleines Kind und mehrere Angehörige zu versorgen. Sie hoffen sehnlichst auf die paar Gulden, die ich mit nach Hause bringe. Sie haben sie bitter nötig. Könntet Ihr mir nicht etwas geben, damit ich sie ernähren kann?», bettelte Ueli, doch der Mönch fuhr ihn harsch an:
«Ach, wenn doch dein Grossvater noch lebte! Was würde er wohl dazu sagen? Deine Arbeit hier tust du für Gott, und er weiss dich sehr wohl angemessen zu entlohnen. Danke du besser Gott dafür, dass er dir Weib und Kind geschenkt hat! Um Gottes Lohn hast du hier ein paar Nägel eingeschlagen, und nun bist du mit dem Sack Kartoffeln nicht zufrieden, den er dir schenkt!» Nachdem der Mönch Ueli diese Worte voller Verachtung entgegengeschleudert hatte, drehte er sich um und schlurfte davon.
Wieder hatte Ueli für Gotteslohn gearbeitet … Nach seiner wochenlangen Arbeit an der Kirchentür hatte er ebenfalls zu hören bekommen, Gott wisse ihn angemessen zu entlohnen.
Hatte ihm Gott Rösli etwa als Lohn zur Frau gegeben und ihm das Vieh auf der Alp zum Dank vernichtet? «Wenn das mein Lohn ist, dann verzichte ich lieber darauf! Diese Wohltaten Gottes sind so ähnlich wie die gemeinen Ungeheuer, die mich im Traum verfolgen», ärgerte sich Ueli.
Er schulterte den Kartoffelsack und trat den Heimweg an. Wenn noch nicht einmal Gott mehr Geld hatte, dann brauchte man sich über gar nichts zu wundern. Ueli seufzte, als er an das Heft mit den geschuldeten Geldbeträgen dachte, das der Grossvater hinterlassen hatte.
Er hatte geglaubt, Rösli würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er mit nichts als dem Kartoffelsack ankäme, doch sie verhielt sich unerwartet anders.
«Gibt es denn etwas Schöneres, als Gott zu dienen, ohne etwas dafür zu erwarten? Wenn Gott eine Tür schliesst, macht er zugleich eine andere auf. Schau, ausgerechnet heute hat mir Pfarrer Johannes Zucker, Salz, Weissmehl und eine Menge Früchte gegeben.» Rösli deutete auf ein Bündel in der Küche.
«Wenn du ja sowieso den ganzen Tag bei dem Pfarrer bist, während meine und deine Mutter sich um Maria kümmern, kannst du dir gleich den Heimweg sparen und dort übernachten. Die Betten sind da bestimmt weicher als bei uns», ärgerte sich Ueli.
«Wenn du Geld nach Hause brächtest, bräuchte ich nicht putzen zu gehen. Dann könnte ich Essen und Kleidung für Maria und mich kaufen, und alles wäre gut. Hast du noch nicht gemerkt, dass das meiste von dem, was hier auf den Tisch kommt, von Pfarrer Johannes ist? Seit unserer Hochzeit schaust du mich nicht mehr an, du sprichst kaum noch mit mir. Deine ganze Zeit bringst du damit zu, Bilder auf deinen Kleiderkasten zu pinseln. Dein Vater hat dir doch schon so oft gesagt, dass es Unsinn ist, den Kasten dermassen herauszuputzen. Du verschwendest bloss deine Zeit damit. Ein Kasten ist dazu da, um Kleider hineinzuhängen. Aber du hörst ja nicht einmal auf deinen Vater. Und auf mich schon gar nicht. Pfarrer Johannes ist ganz anders. Er spricht mit mir. Er sieht in mir nicht nur seine Putzfrau, sondern ein Geschöpf Gottes mit Wünschen und Gefühlen. Und er bringt mir das Lesen bei! Ich möchte endlich auch lesen lernen. Während meine Kameraden zur Schule gegangen sind, habe ich Geissen und Schafe in die Berge treiben müssen. Mein Vater hat nicht eingesehen, wozu ein Mädchen in die Schule soll. Sie wird ja doch nur Hausfrau. Ich möchte eines Tages auch mehr kennenlernen als nur den Säntis und die Schwägalp!»
«Gut, gut, du hast ja Recht», wimmelte Ueli sie ab.
Das Jahr 1846 war für Ueli und seine Familie noch härter als das vorhergegangene. Schon Ende Januar waren alle Lebensmittel in der Vorratskammer aufgebraucht. Ueli stellte keine Schränke, Holzbänke und Kuhskulptürchen mehr her, sondern schleppte für einen Eimer Mais oder Gerste das Getreide der Bauern zum Mahlen zur Mühle von Heinrich Müller und wieder zurück. In der ersten Februarwoche machte Ueli sich nach Appenzell auf, um sich bei Herrn Dörig etwas Geld zu leihen.
An der Ladentür hing ein Schild, auf dem in riesigen Lettern zu lesen war: «Nur das Beste auf den Teller – Appenzeller». Und darunter etwas kleiner: «Einfach köstlich!» Das Geschäft von Herrn Dörig befand sich in der prächtigsten Gasse Appenzells. Die Fassaden der aneinander gebauten Holzhäuser waren mit Malereien geschmückt. Uelis grösstes Talent lag darin, sich jedes Detail merken zu können; was er einmal sah, blieb in seiner Erinnerung haften. Daher kannte er alle Appenzeller Händler, alle Geschäfte und deren Inhaber mit Namen – natürlich dank seines Grossvaters, der bei jedem Gang nach Appenzell ausgiebig mit allen geplaudert, während Ueli neugierig gelauscht hatte.
Im Geschäft von Herrn Dörig standen ein paar Bauern herum. Alle schrieen durcheinander, niemand hörte zu, und alle erzählten mehr oder weniger dieselbe Geschichte, nämlich wie gut die Eröffnung eines Hotels für Feriengäste in Weissbad sei. Dank der Gäste bekomme man einen besseren Preis für Käse, Handarbeiten und Gebirgskräuter.
Ein Dorfbewohner prahlte: «Letzten Sommer, als meine Kühe in Wasserauen auf der Weide waren, ist ein deutscher Feriengast zu mir gekommen und hat gefragt: ‹Verkaufst du mir eine Kuh, wenn ich eine haben will?› Ich hab geantwortet: ‹Sicher, gebt mir zwanzig Gulden, und ihr könnt die mitnehmen, die euch gefällt.› Der Deutsche hat gesagt: ‹Das ist sehr günstig, aber wie soll ich sie mit der Kutsche nach Deutschland bringen?› Wenn das mit der Kutsche einfacher wäre, hätte er mir auf der Stelle zwanzig Gulden für eine Kuh gegeben.»
Ein anderer Bauer fiel ein: «Sei froh, dass er kein Auge auf dein Weib geworfen hat! Was hättest du gemacht, wenn er sie hätte mitnehmen wollen? Da gäb es kein Problem in der Kutsche. Sie könnte bei dem Deutschen auf dem Schoss sitzen!»
Da blieben schlagfertige Antworten nicht aus: «Hätte ich doch so ein Glück! Wenn er meine Frau gewollt hätte, da hätte ich ihm die Kuh noch mit dazu gegeben!»
Im Geschäft brach dröhnendes Gelächter aus.
Herr Dörig mischte sich ein: «Das Interesse der Fremden an unseren Produkten rührt von den Molkenkuren her. Sie kommen dafür aus England, Frankreich, Deutschland und Österreich hierher. Wenn die Kurgäste nach der Molkenkur froh und erholt heimfahren, kaufen sie, soviel sie nur mitnehmen können. Vielleicht lacht euch irgendwann auch das Glück und jemand kauft eure Frau für ein schönes Sümmchen. Da habt ihr dann zwei Fliegen mit einer Klappe: Ihr seid das Genörgel los und habt leichtes Geld verdient.»
Wieder brach im Laden ein lautes Grölen los. Lange wartete Ueli Kurt in einer Ecke, dass die lustige Unterhaltung ein Ende fände, und lachte derweil mit.
Nach einer Weile stand Herr Dörig auf, um die Bauern hinauszukomplimentieren: «Also, meine Herren. Ich habe leider nicht die Zeit, um wie ihr den ganzen Tag herumzusitzen und zu plaudern. Ich habe viel zu tun. Geht jetzt nach Hause, setzt eure Weiber in die Badewanne, damit sie den Mistgeruch loswerden, und macht euch gleich an die Vorbereitungen, um sie gewinnbringend zu verschachern. Wenn bald der Schnee schmilzt, rollen wieder die Kutschen der Feriengäste zum Hotel Ochsen in Weissbad.»
Ein Bauer klemmte sich seinen krummen Stumpen zwischen die Finger, um zu murmeln: «Die Kurgäste in Weissbad sollen mehr für Hotelzimmer zahlen, die nahe am Kuhstall sind. Der Mistgeruch soll gut für die Lunge sein. Wenn die Gäste für diese Zimmer mehr bezahlen, brauchen wir unsere Weiber nicht einmal zu baden.»
Langsam setzte sich die Menge in Bewegung, um unter lautem Lachen den Laden zu verlassen.
Da bemerkte Herr Dörig Ueli Kurt in seinem Winkel und grüsste ihn mit einem Lächeln. «Na, junger Urnäscher, seit wann bist du denn hier? Normalerweise grüsst man lauthals beim Eintreten. Deine Arbeit an der Kirche in Urnäsch ist bis hierher bekannt geworden. Aber wenn du mich fragst, arbeite besser an den katholischen Kirchen. Gegen die Pracht unserer katholischen Kirchen sehen die protestantischen aus wie schmucklose Hallen. Wem haben die Protestanten schon genutzt? Was hast du von denen also zu erwarten? Aber lassen wir das. Deine Handwerkskunst ist in aller Munde. Wenn du in eine Gesellschaft kommst, musst du dich vorstellen, damit die Leute dich erkennen und sich dir die Tür zu neuen Aufträgen öffnet. Niemand kennt den Wert eines verborgenen Schatzes. Er muss erst entdeckt werden, damit man ihn schätzen kann. Verstehst du, was ich sagen will?»
«Ihr habt Recht, Herr Dörig. Ich bin ein bisschen schüchtern.»
«Das ist nicht weiter schlimm, du bist ja noch jung. Du hast noch viel Zeit, um deine Scheu loszuwerden. Was führt dich her? Ich hoffe, dein Kommen ist auch zu meinem Nutzen. Im Augenblick werde ich nur froh, wenn bei mir die Kasse klingelt. Denn ich hole die Gulden nur aus der Kasse, um sie zu vermehren, nicht um sie zu verschleudern. Die Familie Kurt hat mit Zins und Zinseszins zweihundertfünfzig Gulden Schulden bei mir. Ich könnte mir vorstellen, dass du vielleicht ein bisschen Geld mitgebracht hast, oder täusche ich mich etwa?»
Ueli wusste nicht, was er sagen sollte, und wurde rot im Gesicht. In einem plötzlichen Impuls leerte er den Inhalt seines Rucksacks auf den Ladentisch. Die Kuhfigürchen fielen heraus. «Das habe ich Euch mitgebracht. Ich schenke sie Euch.»
Dörig nahm eines der Figürchen in die Hand, strich mit den Fingerspitzen darüber und sah sie aufmerksam an: «Die sind sehr schön. Ich danke dir sehr. Ich freue mich, dass du von Urnäsch extra hierhergekommen bist, um sie mir zu bringen. Du hast die Figuren sehr schön bemalt. Hast du auch die kleinen Schellen selbst gemacht, die ihnen um den Hals hängen?»
«Ja, die Schellen habe ich aus Blech geschnitten und die Halsbänder aus Lederresten.»
«Man kann dazu nichts anderes sagen als sehr schön. Aber wie ich dir vorhin schon sagte, der Schatz muss erst entdeckt werden … Du hast die Gespräche der Bauern mit angehört. Jede Arbeit braucht auch etwas Kreativität. Wenn ich mit meiner Molke Geld verdienen kann, kannst du das auch mit deinen Kuhfiguren. Aber du musst lernen, deine Fähigkeiten zu vermarkten. Heutzutage reicht es nicht, einfach zu produzieren, du musst den besten Weg der Vermarktung finden. Die Leute hier verkaufen den Gästen alles. Das musst du auch versuchen. Warum probierst du nicht, den Feriengästen deine Skulptürchen zu verkaufen? Damit könntest du Geld verdienen. Hör zu, ich weiss, dass du nicht hergekommen bist, um mir diese Figürchen zu bringen. Ich kann dir nur zehn Gulden geben. Ihr habt bei mir keinen Kredit mehr. Damit sind die Schulden der Familie Kurt auf zweihundertsechzig Gulden angewachsen. Von den zehn Gulden, die ich dir gebe, nehme ich keinen Zins. Aber sag deinem Vater, dass ihr bis August mindestens die Hälfte eurer Schulden bezahlen müsst. Normalerweise leihe ich niemandem ausserhalb Appenzells Geld. Der einzige Grund, warum ich euch Geld gegeben habe, war dein Grossvater, aber der ist tot. Eure Zahlungsmoral wird zeigen, wie ich in Zukunft mit euch umgehe.»
Herr Dörig nahm ein braunes Heft aus dem Schrank, liess Ueli unterschreiben und zählte die zehn Gulden auf den Tisch. Dann stieg er stampfend die Treppe nach oben.
Ueli Kurt verliess den Laden. Er war gerade ein paar Schritte weit gekommen, da hörte er hinter sich Hammerschläge. Herr Dörig nagelte unter sein Werbeschild für den Appenzeller Käse ein weiteres Schild mit der Aufschrift: «Export nach Deutschland und Frankreich».
Ueli ging sofort zur nächsten Bäckerei, um einen riesengrossen Laib Brot zu kaufen. Dann kaufte er einen Schleckstängel für Maria und machte sich auf den Heimweg. Schon auf dem Weg ass er gierig ein Stück des Brots.
Die langen Wintermonate brachte Ueli überwiegend damit zu, Holzlöffel, Teller, Schemel und Wiegen anzufertigen. Mit den zehn Gulden von Herrn Dörig und kleinen Schreinerarbeiten im Dorf kam die Familie mit Müh und Not über den Winter.
An einem sonnigen Samstag in der ersten Maiwoche machten er und Rösli sich mit Maria auf dem Rücken auf den Weg nach Appenzell, denn sie wussten, dass an diesem Tag Markt war. Ueli hatte Rösli von der Kaufwut der Feriengäste berichtet. Rösli schleppte alles mit, was die weiblichen Familienmitglieder den Winter über an Handarbeiten angefertigt hatten: gestrickte Wollstrümpfe und gehäkelte Spitzen, die vielfältigsten Trockenblumen und Kräuter. Ueli hatte sich mit Kuhfigürchen bepackt, mit hölzernen Küchengeräten und allem, was er tragen konnte.
Um auf dem Markt einen guten Platz zu ergattern, waren sie im Morgengrauen zu Hause aufgebrochen. Sie breiteten ihre Ware auf dem Boden aus. Aber später Angekommene scheuchten sie fort: Das sei ihr Stammplatz. Ueli und Rösli mussten sechs Mal umziehen. Auf dem Markt duldete man Leute aus anderen Ortschaften nur ungern. «Da kommt ihr von Urnäsch bis hierher, um den Platz auf unserem Markt zu belegen! Das hier ist nicht euer Land. Sammelt euren Mist sofort ein und verschwindet, sonst werfe ich euch mit eurem Plunder in den Bach!» Sogar solche Drohungen bekamen sie zu hören.
Dass Ueli daraufhin still ihre Waren einpackte, versetzte Rösli in Rage: «Was bist du nur für ein Kerl! Warum zeigst du dieser Drecksau nicht die Zähne? Wenn du so lammfromm bist, wenden sich die hier nur noch mehr gegen uns. Das ist auch unser Land, wir haben das Recht, hier unsere Ware anzubieten.»
Ueli sah seine Frau lange an. «Soll ich mich etwa um einen Platz auf dem Markt prügeln? Hast du vergessen, dass sie erst letzte Woche jemanden wegen eines Huhns umgebracht haben?»
Sie legten noch einmal ihre Ware aus. Nach jedem Umzug robbte Maria auf den Knien, um die Kuhfigürchen wieder aufzustellen.
Bis zum Mittag kam fast niemand zu ihnen. Nur ein schlauer alter Bauer feilschte lange, um die Wiege und die Schemel für einen Spottpreis zu erstehen. Wäre es nach Ueli gegangen, hätte er schon längst verkauft, doch Rösli versuchte, dem alten Bauern schreiend klarzumachen, dass sie für den von ihm gebotenen Preis nicht verkauften. Ueli setzte sich hin, nahm Maria auf den Schoss und beobachtete seine Frau. Er hatte längst gemerkt, dass das Verkaufen nichts für ihn war.
Nachmittags betrachtete ein gut gekleideter Herr ihre Auslage eingehend. Die Holzfigürchen nahm er einzeln in die Hand. Er setzte sich auf den Holzschemel und betastete die Schnitzereien darauf. Dann fragte er: «Das ist sehr schön gearbeitet. Hast du das gemacht?»
Ueli nickte mit einem müden Lächeln.
«Gut, alles das ist schön, aber schwer zu verkaufen. Hier kauft keiner so etwas. Höchstens die Feriengäste. Habt ihr Fremdsprachenkenntnisse?»
Er blickte Rösli an, als er das sagte.
Rösli war verwirrt. Mit einer flinken Handbewegung fuhr sie durch die Socken und Spitzen: «Das nicht, aber ich habe Strümpfe und Spitzen.»
Der Mann lachte lange über Röslis Naivität. Dann wandte er sich an Ueli: «Sprecht ihr Englisch oder Französisch?»
«Nein.»
«Dann ist es sehr schwer, den Fremden etwas zu verkaufen. Ihr könnt ihnen ja noch nicht einmal klarmachen, wie viel ihr dafür haben wollt. Ich will euch einen Gefallen tun. Ihr habt ein kleines Kind, das ist müde. Plagt euch hier nicht länger. Überlasst das ganze Zeug mir, ich gebe euch fünf Gulden dafür. Einverstanden? Ich gebe euch das Geld bar auf die Hand. Und seid euch darüber im Klaren, dass ihr hier von niemandem einen so guten Preis bekommen werdet.»
Rösli mischte sich sofort ein: «Das ist zu wenig, mein Herr. Die Waren hier sind mindestens fünfzig Gulden wert. Allein für diese Handarbeiten haben wir Frauen zu fünft den ganzen Winter gearbeitet.»
«Zu wenig? Ja, hast du denn vor gar nichts Respekt? Hast du überhaupt schon einmal fünf Gulden auf einem Haufen beisammen gesehen? Junger Herr, warum lässt du mich mit einer Frau verhandeln? Sag etwas dazu!»
«Meine Frau hat Recht, ihr müsst mehr bieten.»
«Na gut, gut, ich gebe euch zehn.» Er griff sofort in die Tasche und drückte Ueli zehn Gulden in die Hand. Starr vor Staunen sah Ueli seine Frau an. Rösli nickte kaum merklich mit dem Kopf. Der gut gekleidete Herr packte in Windeseile alles in einen Sack und verschwand.
Ueli band sich das Kind auf den Rücken, dann gingen sie zum Einkaufen ins Dorf. Zu Hause gab es weder Mehl noch Salz mehr.
Unterwegs meinte Rösli: «Wir haben das alles sehr billig verkauft, aber wenigstens brauchen wir es nicht wieder zurückzuschleppen. Verkaufen ist keine schlechte Sache. Das können wir öfter machen.»
«Für mich ist das nichts», murmelte Ueli.
«Schau mal, wenn wir schon Geld haben – wollen wir ein bisschen Fleisch kaufen? Ich habe lange keins mehr gegessen. Ich koche euch einen schönen, fetten Schmorbraten. Das ausgelassene Fett tunken wir mit Brot auf. Das wird Maria schmecken.»
«Ja, das wäre gut. Mir steigt der Duft jetzt schon in die Nase.» Ueli war einverstanden.
Die Taschen mit Mehl, Zucker, Salz, Fleisch und einem riesigen Laib Brot gefüllt, machten sie sich auf den Rückweg. Das Klimpern der Münzen in ihrem Beutel und der Gedanke an den fetten Braten, der am Abend in die Röhre geschoben würde, machte sie richtig glücklich. Ueli fing an, sein Lieblingslied zu summen, und Rösli stimmte ein.
«Vor em Hüüsli of de Stege
singid ali, grooss ond chlii,
ond de Vollmoo geed de Sege
met sim milde Silberschii.»
«Dieses Lied singst du mir vor? Bin ich etwa das Mädchen?»
Ueli hörte ihre Frage gar nicht oder wollte sie nicht hören. Lauthals sang er weiter:
«Monter chlingled ääs am ääne,
s Singe macht äm nomme müed.
S ischt so fiirlig, chöntntischt määne,
s chäm en Bsuech os jedem Lied.»
Rösli zwickte ihn am Arm und wiederholte ihre Frage.
«Natürlich bist du das! Wer denn sonst?»
«Willst du damit etwa sagen, dass ich nicht einmal so viel wert bin wie eine Geiss?» Rösli hob einen Stock vom Boden auf und stiess Ueli damit am Bein: «Dann gibt es für dich heute Abend nichts vom Braten!»
Maria brüllte hinter Uelis Rücken hervor: «Nein, Mama, nein, Vater muss auch Fleisch essen!»
Darüber mussten sie beide lachen, und Maria lachte mit ihnen.




