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Die Broschüre zur Genesis-Tour Anfang 1973 beschrieb Peter Gabriels Bühnenauftritt als „erschreckender als Alice Cooper und abgedrehter als David Bowie, aber noch einmal: es sind natürliche und keine gestellten Darstellungen, die die Charaktere, die er besingt, auszeichnen und die Herzen des Publikums bezaubern.“ Die Charaktere, in die Gabriel schlüpfte, gehörten zum jeweiligen Song. Bowie wurde hingegen zu einer zentralen Figur.
Gabriel verehrte Bowie, aber seine öffentlichen Liebeserklärungen wurden von Bowie nie erwidert. Gabriel bemühte sich in Folge, stets auf der Hut zu sein, wenn er mit Interviewern über ihn sprach. So auch 1974 im US-Magazin Circus:
„Circus: Lässt du dich von Bowies Kostümen beeinflussen?
Gabriel: Ich denke, wir gingen schon vor ihm in diese Richtung. Sicher bin ich mir aber nicht.
Circus: Denkst du, dass du ihn beeinflusst hast?
Gabriel: Nein, das würde ich auch nicht behaupten.
Circus: Was, denkst du, sind die grundlegenden Unterschiede zwischen Bowies und deinen Kostümen?
Gabriel: Soweit ich das überblicke, will er mit ihnen einen gewünschten Effekt erzielen. Sie sind nicht so wichtig für die Songs an sich. Wohingegen wir versuchen, ein paar der Charaktere aus den Texten zum Leben zu erwecken.“
***
Gabriel fühlte sich rasch wohl in der Haut seiner neuen Bühnenpersönlichkeit. Als er im Melody Maker darauf angesprochen wurde, antwortete er: „Es ist mir egal, wie sie reagieren, solange sie überhaupt reagieren. Ich würde mir nur dann Sorgen machen, wenn sie gar keine Reaktion zeigen würden. Ich hoffe, dass es die Leute entweder wunderlich oder amüsant finden.“ Wunderlich und amüsant war es tatsächlich. Gabriel schlüpfte nun auf der Bühne in eine Reihe von Charakteren. Gegenüber einem Journalisten in Los Angeles merkte er an: „Es ist leichter, über die Masken als über Akkord-Abfolgen zu schreiben, und die Leute wollen so etwas auch gar nicht lesen, weil sie es nicht verstehen oder es sich einfach nicht gut liest.“
„Das Problem war“, lacht Mike Rutherford, „dass man eben nicht viel über Musik schreiben kann. ‚Wummernder Bass‘, ‚donnernde Drums‘ – aber was kommt dann? Alles Visuelle war viel leichter zu beschreiben. Peters Kostümierungen und später die Leinwände, die Dias und Lightshow garantierten, dass es etwas gab, worüber man schreiben konnte. Das störte mich nie sonderlich.“ Gail Colson sah gerne dabei zu: „Nichts schockierte mich wirklich und Peter hatte eine sehr lebhafte und ergiebige Fantasie.“ Steve Hackett wartete stets ungeduldig, was für spannende neue Innovationen Gabriel als nächstes aus dem Hut ziehen würde: „Ich fand das alles mehr lustig als überraschend! Ich stand hinter ihm. Mir gefiel diese Art der Präsentation.“
Gabriel war bereit und offen dafür, die Band zu promoten. Er und Jill lebten in der Campden Hill Road in Notting Hill. „Peter war ein attraktiver Junge und sehr schlau“, erinnert sich Conroy. „Er kümmerte sich um die Öffentlichkeitsarbeit. Ein absoluter Frontmann. Peter war auch viel mehr in London als die anderen, die irgendwo außerhalb wohnten.“
Es waren definitiv die Masken und die visuellen Elemente, die Genesis auf die nächste Ebene beförderten. „Es war alles sehr fotogen, was dazu führte, dass sie wahrscheinlich – im Verhältnis zu ihrer Popularität – mehr Berichterstattung bekamen, als ihnen zugestanden wäre“, erklärt Chris Charlesworth, der mittlerweile der Nachrichtenredakteur bei Melody Maker war und teilweise mitverantwortlich dafür war, wer auf das Cover kam. „Es war toll, ihn etwa als alten Mann oder als Fuchs oder als Sonnenblume verkleidet auf dem Titelblatt zu haben – sehr auffällig, sehr dramatisch. Ich bezweifle nicht, dass unsere wohlmeinende Berichterstattung ihnen enorm weiterhalf.“
Chris Welch, einer der frühesten Bewunderer der Band, schrieb in seinem Buch The Secret Life Of Peter Gabriel über ihr erstes Treffen: „Ich fand ihn nicht nur charmant, sondern auch sehr verletzlich, sonderbar mysteriös und manchmal wie von einer unheimlichen Präsenz besessen. Ich spürte, dass er eine geistige Macht über Menschen hatte, wenn er sie mit seinem durchdringenden Blick fixierte und dabei lächelte, als würde er auf ein intuitives, dunkles Wissen zurückgreifen können. Dann löste er den Bann mit einem knarrigen Lachen und die Stimmung, die er beliebig heraufbeschwören konnte, löste sich und verflüchtigte sich rasch in eine andere Sphäre.“
Gabriels Präsenz und Persönlichkeit haben zweifellos eine verführerische Wirkung, wie auch Phil Collins meinte: „Pete gab sich immer sehr vage. Auf einen Beobachter kann das so wirken, als wäre er total high, obwohl er in Wahrheit immer komplett nüchtern war.“ Paul Conroy fügt noch hinzu: „Ich weiß noch, als er dieses Haus in der Campden Hill Road hatte und sich nie auf irgendetwas derartiges einließ, obwohl er sich ein paar ziemlich interessante Charaktere ausdachte.“ Charlesworth fasst die Gefühle vieler in Bezug auf Gabriel während dieser Ära zusammen: „Peter war ein sehr ernster Kerl, der ernsthafteste aus seiner Truppe. Er sah aus, als würde er sich ständig Gedanken machen – als wäre er niemals frei von Sorgen.“ Gabriel handelte mit Bedacht und großer Ernsthaftigkeit. So sorgte er sich über seine relative Armut und die Belastung, die es mit sich brachte, ein jungverheirateter Mann in einer tourenden Rockband zu sein. Auch darüber, rechtzeitig Songtexte beisteuern zu können, machte er sich seine Gedanken. Und da gab es nun so einen Song, den er versuchte zu vollenden – er beruhte auf einer wahren Begebenheit und erwies sich als besonders schwierig umzusetzen.
Bildstrecke 1

Als Harold Demure aus „The Battle Of Epping Forest“, 1973. Mick Rock

Promofoto für Decca Records, 1968 – Anthony Phillips, Mike Rutherford, Tony Banks, Peter Gabriel, John Silver.

Der alte Mann aus „The Musical Box“ entwickelt sich, 1973. Michael Putland/Getty Images

Dublin, 1972. Richard Macphail: „So ist Peter eben, ein fantastischer Visionär.“
Barrie Wentzell

Momentaufnahme aus „Supper’s Ready“ – „Willow Farm“
Michael Putland/Getty Images, Michael Ochs Archives/Getty Images

Momentaufnahme aus „Supper’s Ready“ – „Apocalypse In 9/8“.
Michael Putland/Getty Images, Michael Ochs Archives/Getty Images

Ein fröhlicher Augenblick, der über die Spannungen hinwegtäuscht. Genesis während der Aufnahmen zu The Lamb Lies Down On Broadway, Headley Grange, Juli 1974. Michael Ochs Archives/Getty Images

Der Ausdruck eines unterbewussten Bedürfnisses, sich der Hare-Krishna-Bewegung anzuschließen, oder ein fataler Rasierunfall? Gabriel überarbeitet seinen Look, 1973. REX/George Harris/Associated Newspaper

Zu Beginn der Sessions zu The Lamb Lies Down On Broadway, Headley Grange. David Warner Ellis/Redferns

„… wie eine Art exzentrischer, aber lieber Onkel.“ Tony Stratton-Smith vor einem Brecht-Porträt in seinem Büro, 1972. Barrie Wentzell

„Dancing With The Moonlit Knight“ bot einen wehmütigen Blick auf Großbritannien und Gabriel eine weitere Gelegenheit, sich zu verkleiden. Barrie Wentzell

Das Slipperman-Outfit war Gabriels umstrittenste Kostümierung. Jorgen Angel/Redferns

Genesis 1974. David Gahr/Getty Images

Tony Banks: „Ich denke, wir waren eine der ersten Bands, die simple Visuals mit ihrer Musik kombinierten. Manches entstand zufällig und vieles hing von Peters Begabung ab, es umzusetzen.“ Barrie Wentzell

Eine Gabriel-Performance, die unter die Haut ging: „The Musical Box“. Laurens Van Houten/Frank White Photo Agency

Der ägyptische Prinz spielt auf seiner Flöte, 1972. Michael Putland/Getty Images

„I Know What I Like (In Your Wardrobe)“, Shepperton Studios, Oktober 1973. Fin Costello/Redferns

Gabriel entert die Bühne, 9. September 1978.
Denis O Regan/Getty Images

Vor ihrem abendlichen Konzert in New York posieren Genesis noch eine Runde inmitten der Thanksgiving-Parade 1973.
Waring Abbott/Getty Images
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