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»Ich danke Ihnen, dass Sie, einer der hoffnungsvollsten und erfolgreichsten Techniker Frankreichs, meinem Ruf gefolgt sind«, setzte sie das Gespräch freundlich fort. Irgend etwas in ihrer Stimme zwang den Bulgaren, ganz gegen seine Gewohnheit, unhöflich zu bleiben.
»Ich bin nicht Ihrem Ruf gefolgt, Madame, sondern meine Behörde hat mich nach Benares geschickt, um dort technische Arbeiten zu leiten.«
Der süße Geruch der Zigarette legte sich wohltuend auf seine Sinne.
»Benares? Die Stadt des heiligen Wassers?« wiederholte sie. Es war wie ein Singen. »Sie ist schön, diese Stadt, aber geheimnisvoll, Benares. Waranasi...«
Ein eigenartiger Zauber ging von diesen Silben aus, als sie sie sprach. Dumascu sah plötzlich deutlich das Bild dieser Stadt vor sich, leibhaftig, greifbar, wie auf der Leinwand eines Lichtspieltheaters. Die endlosen Reihen der Moscheen und Tempel, die Badeplätze mit den Tausenden badender Pilger, die hier mit Inbrunst das heilige Wasser tranken, in dem tagaus, tagein zahllose Leprakranke Heilung suchten, und verkohlte Überreste verbrannter Leichen vorbeitrieben... Waranasi, die Stadt des heiligen Wassers... Benares... die Stadt des Wahnsinns...
Wie aus einer anderen Welt kam die Stimme da vorne zu ihm, und doch glaubte er, die Augen der Frau ganz dicht vor sich zu sehen, wie zwei flammende Sonnen. Dazu dieser seltsame, süßliche Duft...
»Wenn Sie gewusst hätten, dass ich Sie rief, wären Sie also nicht gekommen?« gurrte es zärtlich.
Benares... Waranasi... bohrte es in seinem Gehirn.
»Nein!« wollte es in ihm aufbegehren, aber der feine, bläuliche Rauch der Zigarette in seinem Munde umfing sein Willenszentrum mit einem seligen Rausch.
»Ich - weiß - nicht,« meinte er leise. Es war wie ein Hauch. »Ich - weiß - nicht ...«
Wie eine Liebkosung fühlte er eine weiche Hand auf seiner Stirn, einmal - zweimal - dann sank er glücklich lächelnd zurück auf sein Polster - tief - tief - immer tiefer...
Die Indierin schaute stumm auf ihn hinab. Unverrückt bohrten sich ihre Blicke fest auf die Nasenwurzel des Schlafenden, dessen Kopf in ihrer geöffneten Hand lag.
Leise, wie eine fremdartige Beschwörungsformel kamen kurze fremdartige Silben aus ihrem Mund.
»Tat wam asi - Du bist ich - ich bin du -«
Dann schlug sie den Gong und verschwand durch den Vorhang...
2
Wie ein silbernes Schlangenpaar zog sich das schmale Gleis der neuen elektrischen Bahn vom nördlichen Benares hinaus in das Land.
Wagen auf Wagen rollte aus den riesigen Lagerhäusern am Bahnhof und nahm den Weg zur neuentstandenen Märchenstadt, die fast über Nacht aus dem Nichts gewachsen war. Zwanzig Kilometer vom heiligen Ufer des Ganges, mitten in der Einsamkeit. Walter-Werndt-Stadt sagten die Europäer, Stadt des Zauberers nannten sie die Eingeborenen.
Jeder Wagen, der das Gleis entlang rollte, war hochbeladen mit Material aller Art: Eisenträger, Aluminiumtafeln, Glasscheiben, Bretter, Betonplatten, verschnürte Pakete.
Indische Lastträger hockten auf dem hinteren Trittbrett und pressten sich unter die überstehende Ladung, um eine Handbreit Schatten zu finden vor der glühenden Sonne.
Oder sie schimpften mit den braungebrannten Burschen, die mit verwegenem Übermut auf den Wagen herumturnten und sich jeden Augenblick das Genick zu brechen drohten.
Stadt des Zauberers... Je näher die dunkle Masse am Horizont rückte, desto lebhafter wurde das Treiben. Baracken, Lagerschuppen, Betonhäuser schoben sich an die Gleise heran und verteilten sich spinnennetzartig nach allen Seiten.
Weiße, gelbe, braune Gestalten wimmelten zwischen den freien Räumen, zu Fuß und mit dem Pferd, mit Ochsen und Elefanten, hastig rennend oder keuchend unter allerlei Lasten.
Tausend Geräusche zerschnitten die Luft, Hämmern und Kreischen, Rattern und Knarren, Bohren und Sägen, ein höllischer Lärmpegel. Dazwischen das Schreien der Arbeiter, die kurzen Rufe der Aufseher, Dampfsirenen und Pfeifensignale, Läutwerke und Motorknattern. Die ganze Szenerie glich einem bunten Jahrmarkt mit Hunderten von beschäftigen Menschen.
Europäische Techniker empfingen die Züge und verteilten die Wagen nach flüchtigem Blick auf die Anschrift der Ladung auf Anschlussgleise. Wie das dunkle Zentrum einer Schießscheibe lag der Bahnhof inmitten der anderen Bauten, die das größte Laboratorium aller Zeiten enthielten.
Riesige Hallen und langgestreckte Steingänge waren ebenso zu sehen, wie breite, runde und eckige Türme von seltsamen Formen. Dazwischen befanden sich dicke Betonwände, tief in die Erde versenkt, bergwerkartige Stollen und erdüberdachte Labors. Die Wachen vor ihren Eingängen zeigten, das ihre gefährliche Ladung schon innen verstaut war.
Von einem der bremsenden Wagen löste sich die schlanke Gestalt eines einzelnen Mannes. Einer der Techniker kam ihm diensteifrig entgegen. »Ah - Mister Nagel - schon wieder zurück?«
Der Ankömmling reichte ihm freundlich die Hand. »Direkt von München. Hier noch alles in Ordnung?« Er schob den Hut in den Nacken und streckte den sehnigen Körper. Mit aufmerksamen Augen überblickte der das Gelände und quittierte das geschäftige Treiben mit einem zufriedenen Lächeln.
»Ihr habt tüchtig geschafft in der letzten Woche. Halle drei und vier sind schon fertig -«
»Und eins und zwei schon ganz eingerichtet. Auch Ihr Sternwartengebäude. Wir kommen noch schneller voran, als gedacht.«
»Wo ist Doktor Werndt jetzt?«
Dem Techniker strahlte der Stolz aus den Augen. »Im Hauptbau fünf. Er richtet die beiden Turmräume ein. Der neue Ingenieur ist auch bei ihm.«
Doktor Nagel hob erstaunt die Brauen. »Ein neuer Ingenieur? Seit wann...?«
Der andere schien den Einwurf erwartet zu haben. »Es ist der Vertreter der internationalen Stiftungskommission. Ein Franzose oder Bulgare.«
»So.« Das sonnengebräunte Gesicht des Ingenieurs verfinsterte sich. »Na, ich werde ja sehen.«
Mit einem kurzen Gruß drehte er sich ab und ging geradenwegs auf den Turmbau zu, der die Mittelstadt abschloss.
Beim Anblick der lärmenden Arbeit erhellte sich seine Miene allmählich. Mit impulsiver Lebhaftigkeit erwiderte er die Grüße der Aufseher und Ingenieure, an deren Herzlichkeit er seine Beliebtheit erkennen konnte.
Einer der älteren Herren schloss sich ihm an. Sie stiegen die Treppe zum Hauptbau hinauf. »Hier hat sich einiges verändert in den acht Tagen, die Sie in Deutschland waren. Wir sind mächtig vorwärtsgekommen. Was sagen Sie zu unserem Hauptsaal?«
Doktor Nagel blieb überrascht stehen, die Klinke der Türe noch halb in der Hand.
»Alle Achtung!« entfuhr es ihm. »Es wirkt doch in WirkIichkeit noch etwas anders als auf dem Papierplan.«
Der andere strahlte. »Diesen Saal macht uns auch niemand nach. Mein Ressort, der Apparatepalast. Sehen Sie sich nur einmal diese Torsionswaage an, die auf ein milliardestel Gramm reagiert. Diese ganze Wand hier enthält alle Vorrichtungen für die Bestimmung von Längen und Volumen, für Dichte-, Druck- und Temperaturmessungen. Die Instrumente liefern im Durchschnitt sechs Dezimalen ihrer Messeinheit - bitte!«
»Und Doktor Werndt?« fragte Nagel. Seine Gedanken schienen ganz woanders zu sein, als bei diesen zahllosen Apparaten, die auf Stellagen und Tischen verstreut standen, lagen und hingen.
Aber der Ingenieur ließ ihn nicht los. Mit liebevoller Sorgfalt fuhr seine Hand über eine funkelnde Linse. »Wir haben hier die besten Apparaturen vereinigt, die bisher auf dem Gebiet der Photographie, Photochemie, Kristallographie und Spektroskopie konstruiert wurden.«
»Um Himmels willen!« Der Jüngere hielt sich mit gespielter Bestürzung die Ohren zu.
»Aber den Vogel schießen doch meine optischen und elektrischen Messinstrumente ab, für Brechungsindex, Beugungserscheinungen, Linsenkrümmungen und Interferenzen. Da sehen Sie mal das große Sphärometer an, das Spektrometer, Pyrheliometer, Bolometer -« Er unterbrach sich mit einem verwunderten Blick auf den Kollegen.
Nagel flüchtete mit einem katzenähnlichen Sprung auf die obere Treppenstufe zum Mittelsaal. »Bolometern Sie mal ruhig allein in Ihrem Panoptikum weiter, lieber Fred«, rief er lachend von oben, »ich habe einige tausend Kilometer im Leib und sonst nichts. Weitere Meter verträgt er für heute nicht mehr.«
Ehe der andere sich von seiner Entrüstung erholt hatte, verschwand er durch die gepolsterte Türe.
»Oho!« empfing ihn eine sonore Stimme, als er in den Saal schoss. »Schon da? Und so heiter?«
Nagel drehte sich mit einem Ruck um. Vor ihm stand ein hagerer, wettergegerbter Mann in weißem Labormantel, das Gesicht mit der scharf gebogenen Nase und den wachen klaren Augen erinnerte an ein Adlerprofil.
Herzlich streckte der Jüngere ihm die Hand hin, noch immer lachend.
»Verzeihung, Herr Werndt! Herr Fred überfiel mich mit seiner Bolo- und Sphärometerei da drüben. Er war auf dem besten Weg, die Krümmungskurve meines leeren Magens zu messen. Ich konnte mich nur durch schleunigste Flucht retten. Guten Tag, lieber Freund!«
Walter Werndt drückte ihm kräftig die Hand. Immer wieder erfrischte ihn die unverwüstliche, sonnige Art des jungen Freundes, mit dem er so seltsame und gefährliche Abenteuer überstanden hatte. Erst jetzt bemerkte dieser den Fremden an Walter Werndts Seite. Der berühmte Erfinder sah diesen Blick und stellte den Unbekannten vor.
»Doktor Nagel, mein treuer Assistent und langjähriger Adjutant - Herr Dumascu, Mitglied der internationalen Ingenieurskommission aus Paris, dem wir das Modell unseres großen Explosionsraums verdanken.«
Mit einem seltsam forschenden Blick reichten sich die beiden Männer die Hand. Dann huschte ein liebenswürdiges Lächeln über Dumascus Gesicht.
»Ich habe schon so viel von Ihren Taten gehört, geehrter Herr Kollege, dass ich mich sehr freue, Sie auch einmal persönlich kennenlernen zu dürfen. Vor allem wegen Ihrer Jagd nach dem Meteor, der uns jetzt alle beschäftigt, wurden Sie für die ganze Welt zu dem Symbol für - für...« Er stockte, ein wenig verlegen.
»Für Dusel!« ergänzte Werndt lächelnd. »Sagen Sie es ruhig. Er ist es tatsächlich.« Er wandte sich seinem Freund zu. »In Deutschland war alles in Ordnung?«
Sein Assistent nickte. »Ich habe eine größere Menge Radium aufkaufen können, als alle Laboratorien der Erde zusammen besitzen. Auch die Röntgenapparate habe ich mitgebracht. Es war eine wertvolle Fracht...«
»Und die junge Frau als wertvollste?«
Nagels Augen strahlten. »Sie kam mit mir im Flugzeug. Ich setzte sie in Benares ab und fuhr selbst mit der Elektrobahn.«
Dumascu blickte interessiert auf. »Ah - die Tochter des Mathematikers Earthcliffe? Sie haben die seltsamste Hochzeitsreise gemacht, die jemals zwei Menschen zusammen erlebt haben.«
Nagel wandte sich ihm höflich zu. »Welche Abteilung werden Sie leiten, Herr KolIege?«
Werndt kam ihm zuvor. »Herr Dumascu hat die Isolierungsarbeiten der einzelnen Räume übernommen. Diese Aufgabe erfordert ganz besondere Sorgfalt und Erfahrung, da wir mit einer Reihe netter, unerhört durchdringender Strahlungsarten zu rechnen haben, die leicht als unsichtbare und ungebetene Störenfriede bei unseren Versuchen auftreten könnten. Herr Dumascu ist Spezialist auf diesem Gebiet. Er wird übrigens auf Wunsch der internationalen Stiftungskommission bei unseren Experimenten anwesend sein.«
Nagel wollte etwas erwidern, aber ein schneller, mahnender Blick Werndts ließ ihn verstummen. Er kannte diesen Blick aus den Jahren der Zusammenarbeit genau. Er war ein Zeichen, dass sein Lehrer und Freund etwas zu sagen hatte, was nicht für Dritte bestimmt war.
Doktor Werndt hatte den Arbeitsmantel abgelegt und ging zu den nördlichen Säalen. An der Türe stockte er plötzlich.
Ein lautes Durcheinander von Rufen und Schreien kam ihnen entgegen. Dazwischen eine einzelne, schimpfende Stimme. Die Metallwände und Glasfenster vervielfachten den Schall, wie durch einen Trichter.
»Mio dio! Caramba torri...«
Einige indische Arbeiterinnen kreischten hell auf.
»Wer hier hineinsieht, dessen Seele fährt durch die Röhre hinauf in die Sterne und zerstäubt dort in zwei Zentner Atome, dass die ganze Welt niesen muss, ohne Pause...! Fort da von der Röhre, stoß nicht gegen den Tubus! Kerls! Wartet nur, ich drehe hier an diesen Schrauben...«
Man hörte das Knacken von Schaltern und ängstliche Rufe.
»Ihr verdient es nicht, Krokodilnasen, dass ich euch noch einmal verschone, aber wer seine fettigen Finger nicht von diesen Linsen hier lässt, den vergrößere ich, bis seine Eingeweide zerplatzen wie ein aufgeblasener Frosch! Finger weg!«
Die Inder verstanden ihn nur zur Hälfte, aber sie standen mit offenen Mündern da, die einen lachend, die anderen mit ängstlichem Zweifel, und starrten hinauf zu dem zornigen Sprecher.
Werndt lächelte Nagel verständnisvoll zu.
»Ihr Don Ebro als Wachhund.«
Der Redner hörte das Klirren der eisernen Tür. Sofort unterbrach er seine Schimpftirade und stellte sich in Positur. Unbeweglich, würdevoll, einen Fuß leicht nach vorne geschoben, als wolle er tanzen. Das gelbe Gesicht von Falten zerfurcht, ohne Regung, mit todernstem Ausdruck. Nur die pechschwarzen Augen lachten.
Nagel gab ihm die Hand. »Wieder so zornig, mein Lieber?«
Don Ebro zog den Fuß wieder an. Die Falten seines Ledergesichts machten einen hastigen Rundmarsch und standen dann wieder. »Wie soll ein galanter Spanier hier seine Würde behalten? Ich verstehe die Inder nicht, sie verstehen mich nicht, sie turnen mit unseren Röhren herum, wie mit Stöcken aus Bambus. Man wird den Angstschweiß nicht los, wie in Madrid im Juli - sennor mio -, dass sie etwas zerbrechen.«
»Vorsichtig mit dem Konkavgitter, du Heupferd! Bobby, schaffen Sie das Uviolsystem und den kleinen Kometensucher in das Sternwartengebäude. Wo ist das Meridianinstrument?!«
Seine hagere, schwarze Gestalt verschwand in einem Labyrinth von Kisten und Ballen, im Gedränge der Träger...
»Eine Perle von Diener!« meinte Dumascu. »Seine Teilnahme an der Fahrt Ihres ‚Falken‘machte ihn zu einer internationalen Berühmtheit.«
Werndt blickte befriedigt über die vollen Stellagen und blitzenden Tische. »Ich möchte mir noch die Kühlanlagen und unseren elektrischen Ofen ansehen. 1600 Grad soll er geben. Nur zwei Wochen noch, dann kann unsere Arbeit beginnen.«
3
In dem hohen Kuppelsaal des Sternwartengebäudes der Walter-Werndt-Stadt herrschte blauweißes Halbdunkel. Gespenstisch zeichneten sich die im Mondlicht glitzernden Silhouetten der Fernrohre und Riesenteleskope auf der weißen Wand ab. Wolkenschatten huschten über die halboffene Kuppel und ließen alle Umrisse verschwimmen in einem ständigen Gleiten und Wiegen, Schweben und Fließen...
Ein leises Klirren, wie das Anschlagen einer Tür, sprang in die sonst lautlose Nacht. Ein schnell wachsender Schatten huschte quer durch den Raum und stand einen Augenblick mitten im Licht. Der scharfumrissene Kopf eines Mannes drehte sich gegen das Dunkel, - ein Papier flatterte sekundenlang vor seinen Augen. Dann glitt er zu dem langen 20-Zöller hinüber, dessen anderes Ende die Kuppel durchbohrte. Schalter knackten, Hebel wurden bewegt, ein leises Surren lief rund um den Raum. Wie zu einem einzigen Fabelwesen verwuchs die schwarze Gestalt mit dem glitzernden Rohr.
»Tiens!« kam es nach einer Weile -- »merveilleux...!«
Dann blieb es minutenlang still. Plötzlich riss die Silhouette jäh auseinander. Der Kopf des Mannes stand mitten im Licht der Sterne. Er lauschte nur wenige Sekunden.
Dann schnellte der Schatten wie ein Spuk zur Seite und verschwand irgendwo in der grauen Dämmerung.
Im gleichen Augenblick klirrte die eiserne Tür von draußen. Ein Schalter klickte, dann sprang helles Licht an.
»Kommen Sie, Frau Mabel!« sagte Walter Werndt, während er den Turmsaal betrat.
»Es ist das reinste Spukschloss, in das Sie mich führen«, kam es zurück. Eine jungen Frau stieg aus dem Halbdunkel des Aufzugs nach oben. Das flutende Licht beschien ein zartes Gesicht von auffallender Schönheit.
Gleich hinter ihr kam Doktor Nage1. Seine Augen leuchteten beim Anblick des Saals. »Gibt es etwas Schöneres, Mabel, als eine Sternwarte im Mondschein? Das Mondlicht hat etwas Magisches, dazu die Dunkelheit der Nacht, die offene Kuppel, wie das Tor zum Rätsel der Schöpfung! Und wir Menschen dürfen diese Geheimnisse erforschen! Und doch verschlafen Millionen von Menschen Nacht für Nacht diese Wunder des Weltalls, sehen den Himmel nur wie ein Gemälde, wie eine stumme Kulisse, ahnen nichts von all dem Zauber da droben, vom Lauf der Planeten, von Geburt und Vergehen der Sterne - und sterben, sterben - ohne es je kennengelernt zu haben!«
Seine junge Frau drückte ihm verständnisvoll die Hand. Die Erinnerung an den greisen Vater, den berühmten Astronomen Earthcliffe, und an die furchtbaren Ereignisse des letzten Jahres wurden wieder lebendig.
Ihr Gatte erriet ihre Gedanken sofort. »Denke auch an die Nächte, die wir zwei in der Michiganwarte verbracht haben, an unsere Jupiterbeobachtung und an...«
Sie legte ihm lächelnd die schmale Hand auf die Lippen. »Ich denke daran. Darf ich das Licht wieder ausdrehen, Mr. Werndt?«
Werndt kam ihrer Bitte zuvor.
Der leuchtende Umriss der Lampen versank wieder im Dunkel, blauweiße Nacht lag jetzt über der Gesellschaft.
»Wir wollen uns ein wenig setzen«, lud Werndt ein und schob der jungen Frau einen Stuhl hin.
Sein Assistent sah ihn erwartungsvoll an. Der Ingenieur wartete noch eine Weile.
»Ich habe Sie nicht ohne Absicht noch zu dieser späten Stunde hierher geführt, meine Lieben«, sagte er langsam, mit ernster Stimme. »Man ist tagsüber so selten allein. Und ich habe Grund, das, was ich Ihnen heute sagen und zeigen möchte, vor Dritten geheim zu halten. Ich habe das Gefühl, dass ich verfolgt werde, belauscht werde- «
Nagels Faust schlug auf die Lehne. »Dumascu! Also doch!«
»Vielleicht Dumascu, vielleicht ein anderer. Jedenfalls er nicht allein. Schon vor einigen Wochen kam ein Mann - ich hielt ihn für einen Inder, einen Parsen wahrscheinlich - und versuchte, mich durch seltsame Angebote für ein Privatkonsortium zu gewinnen. Diesem Konsortium sollte ich meine bisherigen Forschungsergebnisse über den Meteoriten zur Verfügung stellen...«
»Ist der Kerl größenwahnsinnig! Er wusste doch, mit wem er sprach!«
»Sogar sehr genau. Als ich ihn abwies, bat er mich, ihm zu einem Fakir zu folgen, der mir wichtige Mitteilungen für meine Aufgabe machen könne«
Mabel hörte mit großem Interesse zu. »Sie taten es nicht?«
»Ich habe seine Aufforderung ignoriert und ihm schweigend den Rücken zugedreht. Als ich mich nach einiger Zeit umdrehte, war der Inder verschwunden. Aber an seinem Platz lag ein Zettel mit der Aufschrift: »Fürchte den Zorn der Herrin! Gehorche!«
Nagel lachte laut auf. »Köstlich! Der reinste Krimi.«
Werndt jedoch fuhr ernst fort zu erzählen. »Ich nahm es zunächst ähnlich auf und zerriss den Wisch. Heute, nach vier Wochen, fand ich den gleichen Zettel auf meinem Schreibtisch in Benares...«
Nagel gab keine Antwort, er war nachdenklichlich geworden. »Wenn ich den Burschen erwische!« polterte er endlich los.
Mabel fröstelte plötzlich.
Werndt nickte ihr beruhigend zu. »Wir brauchen darum noch keine Gespenster zu sehen. Ich würde das Ganze auch für einen belanglosen Scherz oder die Drohung eines Irren halten, wenn mich diesmal mein Instinkt nicht so deutlich warnte.«
»Ich habe dem Bulgaren schon gleich nicht getraut«, brachte Nagel seinen Unmut deutlich zum Ausdruck.
»Ich habe gegen Dumascu bisher keinen Grund zum Verdacht. Wenn ich auch mit der Möglichkeit rechnen muss, dass er zu meiner Kontrolle hier ist«
»Aber was sollte man für einen Grund haben?« wendete Mabel ein.
Werndt erwiederte gelassen. »Gründe gibt es genug, Frau Mabel. Sie dürfen nicht vergessen, dass es sich um Untersuchungen handelt, von denen die ganze Welt besondere Ergebnisse erwartet, und deren Wissen für den Besitzer unter Umständen eine Macht darstellen kann. Zu welchen Verbrechen solche Machtgier fähig ist, haben wir erst vor wenigen Monaten unter dem Einfluss des Meteors erlebt.«
»Ein unseliger Stern! Unselig, wie das Nibelungengold!« seufzte Mabel.
»Dann müssen Sie bedenken, wie scharf der Wettbewerb um den Besitz der japanischen Meteorstücke war, und dass die japanische Regierung mich mit der Erforschung der Meteorstücke beauftragt hat, obwohl mehr als zehn Mitbewerber diese Brocken erwerben wollten.«
»Das wäre ja noch schöner, wenn sie ein anderer erhalten hätte!« brauste Nagel impulsiv auf. Für ihn war der Gedanke eines siegreichen Rivalen neben seinem bewundertem Freund absurd.
»Wir müssen diese Dinge berücksichtigen«, fuhr Werndt ruhig fort, »und damit rechnen, dass sich gewisse Interessenten und Gruppen mit dieser Entscheidung nicht gutwillig zufriedengeben. Machtgier wie Ehrgeiz können dabei Beweggründe sein. So haben es verschiedene Wissenschaftler bereits durchgesetzt, dass die Erforschung des Meteors durch Einsetzung einer Kontrollkommission zu einer internationalen Angelegenheit erhoben wurde.«
»Der Bulgare ist Mitglied der Kommission«, bekräftigte Nagel sein Misstrauen.
»Das beweist nichts. Er ist ein anerkannter Techniker von internationalem Ruf. Sein Modell zum Explosionsraum beim Laboratoriumswettbewerb war vorbildlich. Ich halte ihn auch für einen offenen Charakter.«
»Ich traue ihm nicht. Was will er hier?«
Werndt antwortet mit einem Schulterzucken.
»Überlassen wir das der Zukunft. Es genügt mir zunächst das Gefühl, dass man uns belauscht, oder vielleicht richtiger - verfolgt, wie die Drohung des Zettels beweist. Könnte ich unter normalen Umständen über diese Drohung einfach hinweggehen, so kann, so darf ich es in dieser Situation nicht mehr. Auf mir ruht die Verantwortung für meine Aufgabe, ruht vielleicht eine Schicksalsfrage für die Menschheit. Ich muss damit rechnen, dass der Meteor Kräfte und Eigenschaften zeigt, vor denen ich mich nur unzureichend schützen kann. Kurz, dass mich das eine oder andere Experiment das Leben kosten kann.«
Mabel schlug erschrocken die Hand vor den Mund, aber Werndt hob beruhigend die Hand. »Mit dieser Möglichkeit mussten wir ja schon tausendmal rechnen.«
Nagel schüttelte entschieden den Kopf. »Ihre Schutzmaßnahmen sind zu genial erdacht, um...«
»Ich hoffe es. Es könnte aber auch der Fall eintreten, dass man versucht, mich zu beseitigen, oder dass sonst ein Anschlag gegen das Laboratorium geplant wird.«
Seinem Assistenten hielt es nicht mehr. Er sprang vom Stuhl auf. »Ich kenne Sie ja nicht mehr wieder. Walter Werndt und diese Vorsicht, diese Bedenken! Derselbe Walter Werndt, dem einst in Berlin täglich dutzende Drohbriefe auf den Tisch flogen, und der den Kopf nicht verlor!«
Werndt lächelte geduldig. »Er verliert ihn auch jetzt nicht, mein junger Freund. Vorsorgen ist aber in diesem Fall nur eine einfache Maßnahme der Vorbereitung, wie jede andere. Unterlassung wäre ein Fehler, der sich bitter rächen könnte. Ich muss sicherstellen, dass meine Erkenntnisse und Forschungsergebnisse nicht mit meiner Person ausgelöscht werden können.«
»So legen Sie sie schriftlich nieder«, schlug Mabel vor.
»Ich habe es getan. Diese Aufzeichnungen wurden gestohlen.«
Nagel und Mabel warfen sich einen erstaunten Blick zu. »Gestohlen?«
»Gestohlen«, wiederholte Werndt ruhig. »Schon in New York vermisste ich einige Aufzeichnungen über die Emanationen des Meteors, Spektralanalysen und anderes. In den letzten Nächten machte ich hier aus ganz bestimmten Gründen ultrachromatische Aufnahmen verschiedener Himmelsgegenden. Meine Erwartungen wurden bestätigt. Diese Aufnahmen führten zu einer Entdeckung von großer Bedeutung.«
Gespannte Erwartung lag in der Luft. Die beiden Zuhörer starrten gebannt auf Werndt und warteten auf die Fortsetzung. Der Ingenieur erhob sich und ging zu dem 20-Zöller hinüber.
»Auch diese Aufzeichnung wurde mir vor einigen Stunden gestohlen. Aus meinem verschlossenen Schreibtisch.«
Nagel ballte die Fäuste. »Ich komme dem Kerl auf die Spur! Ich...«




