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Der Ingenieur winkte leicht ab. »Es waren diesmal nur wenige Zeilen. Dazu in einer verschlüsselten Geheimschrift, die nur ich kenne. Der Finder wird wenig damit anfangen können. Aber es ist richtig - ich darf es auf derartige Möglichkeiten nicht ankommen lassen. Meine Entdeckungen müssen von meiner Person losgelöst werden. Ich hatte daran gedacht, sie Ihnen mitzuteilen, lieber Nagel, da ich keinen verschwiegeneren Hüter finden könnte, als meinen Freund und Assistenten. Aber das genügt jetzt nicht mehr. Auch Ihnen drohen die gleichen Gefahren wie mir.«
Mabel drückte sich unwillkürlich an den Geliebten. »Und deshalb will ich mich noch einem Menschen anvertrauen, auf den ich mich verlassen kann.« Er wandte sich an die junge Frau. »Frau Mabel, wollen Sie diese Aufgabe übernehmen?«
Die junge Frau antwortete nicht sofort. Sie war sichtlich bewegt von der Größe dieses Vertrauens, das ihr mit dieser Frage entgegengebracht wurde. Sie reichte Werndt schweigend und herzlich die Hand.
Er verstand, dass dieser Händedruck genausoviel galt wie ein Schwur.
»Dann kommen Sie jetzt bitte an dieses Rohr!« Er griff nach den Hebeln, um den Tubus zu richten, doch seine Hand blieb reglos am Griff. Ein leiser Pfiff der Überraschung entfuhr seinem Mund. Er drehte sich zu Nagel um. »Waren Sie heute nach sieben Uhr noch an diesem Rohr?«
»Ich war den ganzen Tag nicht im Sternenturm.«
»Sie haben die Schlüssel zum Tor noch?«
»Hier sind sie.«
Werndt dachte einen Augenblick nach. »Merkwürdig. Ich glaubte, das Rohr in einer anderen Stellung zurückgelassen zu haben.«
Noch immer nachdenklich drehte er an den Schrauben und Schaltern. Dann trat er prüfend zurück und überließ Mabel den Platz.
Die Tochter des Astronomen Earthcliffe war an den Umgang mit Fernrohren gewöhnt. Interessiert blickte sie durch das Glas.
»Das Rohr hat sich verschoben«, meinte sie nach kurzer Prüfung.
Werndt verneinte.
»Ich sehe aber nichts«, kam es verwundert zurück.
»Ich glaube es Ihnen.«
»Und?«
»Und dennoch steht jetzt im Gesichtsfeld des Fernrohrs ein Stern, den ich als einen der außergewöhnlichsten bezeichnen möchte. Drehen Sie einmal den Okularrevolver auf schwächste Vergrößerung«, erklärte Werndt und wartete bis Mabel seine Anweisung ausgeführt hatte. »Jetzt müssen Sie in dem größeren Gesichtsfeld fünf Sterne sehen, die ein fast gleichseitiges Fünfeck bilden.«
»Ich sehe sie, und?«
»Und in diesem Fünfeck ist der Himmel wüst und leer.«
»Ja. Ich sehe keinen Stern in seinem Feld.«
»Und Sie sahen auch nichts, als ich Ihnen vorhin das Innere des Fünfecks bei stärkerer Vergrößerung einstellte. Und doch steht hier ein Gestirn, heller als Wega, strahlender als Sirius und flammender selbst als Venus, der glänzendste aller Fixsterne. Nur ist sein Licht kein Licht, das auf die Netzhaut des menschlichen Auges wirkt.«
»Dann sendet der Stern also ausschließlich ultraviolettes Licht aus, welches auch in der Strahlung unserer Sonne enthalten ist? Licht von so kurzer Wellenlänge, dass das Auge nichts davon wahrnimmt?« fragte Mabel nach.
»Keineswegs. Der Stern sendet vielmehr Licht mit einer Wellenlänge in der Gegend der Natriumlinie aus.«
»Das ist doch die Wellenlänge des sichtbaren Spektrums?« warf Nagel schnell ein.
»Gewiss. Und trotzdem ist es ein transzendentes Licht. Dieselbe Strahlung, die das Spektrum des Meteors gezeigt hat und durch meine ultrachromatische Platte aufgenommen wird.«
Nagel griff unwillkürlich nach dem Arm des Gelehrten. »Sie haben den Stern ultraphotographisch entdeckt?«
»Ja, vorgestern nacht.« Werndt machte den Eindruck als wäre die Entdeckung ganz unspektakulär.
Aber den Zuhörern hatte es die Sprache verschlagen. Ihre Gedanken standen ganz unter der Wucht des Gehörten.
»Und was hat der Stern für eine Bedeutung?« unterbrach endlich Mabel das Schweigen.
»Ich denke, dass er uns hilft große Rätsel der Natur zu lösen, aber auch neue Fragen aufwerfen wird.«
Nagel blickte erregt durch das Rohr. »Glauben Sie, das unser Meteor mit jenem Stern in Zusammenhang steht?«
»Gewiss. Ich vermute, dass unser Meteor ein Bote von jenem Stern ist, dass er Millionen von Jahren durch das All flog, um endlich von unserer Sonne eingefangen zu werden, und auf der Erde zum Schrecken ihrer Bewohner zu zerschellen.«
Beinahe ehrfürchtig sah Nagel zu seinem Lehrer hinüber. »Sie, Werndt, hat der Himmel geschickt!«
»Nicht mich, sondern den Meteor. Auch ich glaube nicht an Zufälle sondern an eine Bestimmung. Warum musste dieser Meteor gerade die Erde erreichen, den einzigen bewohnten Planeten in unserer Milchstraße? Warum musste er gerade jetzt auf die Erde fallen, wo die technischen Möglichkeiten zumindest so weit fortgeschritten sind, dass wir diesen Boliden untersuchen und seine Zusammensetzung analysieren können. Warum löschte dieser Bolide nicht die gesamte Menschheit aus bei seinem Sturz auf die Erde. Warum stürzte nicht der ganze Meteor in den Ozean, sondern Bruchstücke für uns zugänglich auf festes Land. Und endlich, warum steht uns das Muttergestirn jenes Meteors so relativ nahe und nähert sich uns mit rasender Geschwindigkeit noch weiter, wie meine Aufnahmen am Spektrographen unzweifelhaft ergaben? Man mag heute noch den Kopf darüber schütteln, aber ich sage, dass hinter all diesen Fragen ein Zusammenhang besteht, vielleicht sogar göttliche Fügung. Dieser Meteor wird uns helfen, die Entstehung des Weltalls und des Lebens auf der Erde zu verstehen.«
»Glauben Sie, dass dieser Stern der einzige seiner Art ist?« überlegte Nagel.
»Vielleicht ist er der einzige, vielleicht werden noch ganze Sternensysteme entdeckt. Jedenfalls handelt es sich um eine Materie von ganz besonderer Eigenart. Wir wissen nicht, ob nicht gerade diese Materie verantwortlich ist für den Ursprung des Lebens und ob unbekannte Lebewesen auf diesem Stern existieren. Ob es uns Menschen gelingen wird, aus jenem Staubkorn, das dieser Stern uns sandte, sein Rätsel zu lösen.«
Von Begeisterung getrieben rief Nagel aus: »Ja! Ihnen wird es gelingen. Sie werden diesem Geheimnis auf den Grund gehen!«
Alle drei schauten hinauf in das silberne Mondlicht und in der Kuppel des Sternwartengebäudes hallten Nagels Worte noch lange nach, als wären sie eine Prophezeiung.
4
In einer unglaublich steilen Spirale, - ein Zuschauer hätte bestimmt einen Absturz befürchtet -, schoss das kleine, rote Flugzeug zur Erde und landete auf einer Felsenterrasse mitten im zerklüfteten Bergland.
Wie ein bunter Schmetterling wiegte es sich noch sekundenlang hin und her. Dann öffnete sich schnell der Türschlag und ein einziger Insasse stieg ins Freie.
Es war eine Frau in enganliegendem Ledergekostüm. Sie knöpfte die Jacke leicht auf und nahm den Sturzhelm vom Kopf. Ihre großen, glänzenden Augen prüften mit suchendem Blick ihre Umgebung.
Dann ging sie mit ruhiger Sicherheit auf eine Pflanzenwand zu, deren überhängendes Schlinggewächs jedes Weiterkommen unmöglich zu machen schien. Sie schob die grüne Wand zurück wie einen Vorhang. Hinter ihm wurde es hell.
Ein schmaler Pfad aus natürlichen Felsstufen führte zu einem zackigen Vorsprung hinauf. Ihm gegenüber lag, wie aus dem Fels gewachsen, ein steinernes Tor, das im Widerschein der Sonne gIitzerte und tiefe Schatten nach unten warf.
Ein bedrohlich schmaler Felsgrat führte über eine tiefe Schlucht zu dem Tor. Ohne zu zögern überquerte die Fliegerin die Schlucht auf dem Grat. Hinter dem Tor führte eine feuchtglitzernde Steinspalte hinein in den Berg.
Tief ausgewaschene Felssäale zeigten Spuren eines gewaltigen Sturzbaches, der hier einst seinen Weg genommen hatte, bis er andere Ausgänge fand oder gewiesen erhielt. Kein Mensch war zu sehen. Nur riesige Fledermäuse hingen regungslos an den Wänden, und kleine, bunte Eidechsen und Schlangen huschten in den vertrockneten Rinnen des Bodens.
Das Brüllen des unter der Bergsohle in die Tiefe brausenden Wassers wurde schwächer und schwächer. Seltsame klagende, zischende Laute lösten sich von den Wänden, fern, unwirklich, wesenlos, und verstärkten den unheimlichen Eindruck der toten Umgebung.
Plötzlich zuckte die Frau zusammen. Dicht vor ihr saß eine schwarze Gestalt, ein hagerer Mensch, fast nackt, den Kopf hintenübergebeugt, die Hände reglos zum Himmel erhoben. Er saß vollkommen unbeweglich, wie leblos, zum Felsen erstarrt. Nur die weitaufgerissenen Augen liefen in ihren Höhlen hin und her, glühweiß, fieberig, wie gepeitschte Bestien.
Quer über den Weg lag ein betender Mann. Er hatte seinen Körper Lang auf einem schmalen Brett ausgestreckt, das mit langen Nägeln gespickt war, dessen rostige Spitzen sich gegen den Leib des Büßenden bohrten. Doch kein Laut der Klage war von ihm zu hören.
Hinter ihm hing ein Mensch von der Decke herab. Die Füße gefesselt an einem Pflock, den Kopf nach unten. Er gab kein Zeichen des Lebens von sich.
Immer neue Gestalten tauchten auf: Junge Männer, krumm zusammengeschnürt, mit wild atmenden Flanken. Weißhaarige Greise, in stummes Grübeln versenkt, den stechenden Blick auf die Felswand gerichtet. Ab und zu ein scheußlicher Kopf, unerwartet, aus einer Spalte heraus, wie ein höllischer Spuk.
Ohne sich umzusehen, schritt die Frau an den büßenden Yogis vorbei. Das Strombett teilte sich hier und bildete einen mächtigen Saal, dessen hölzernes Tor das erste Zeichen von Menschenwerk war. Die Frau schlug mit einem hölzernen Klöppel dreimal an die Türe. Die Schläge warfen ein laut hallendes Echo nach innen, dass die Felswände brüllten.
Dann wich das massive Tor wie durch Windhauch zurück. Helles Sonnenlicht flutete weit in den Gang. Das geöffnete Tor gab den Blick frei auf einen tempelartigen Hof, dessen Boden ein kunstvolles Mosaik bildete. Die Mosaiksteine formten einen Stern, aus dessen Mitte ein goldenes Becken aufwuchs. Breiter Urwald drängte sich dicht an die Ränder, und kreischende Affen schaukelten sich in seinem Geäst und knurrten die fremde Besucherin an.
Die junge Frau blieb regungslos stehen, den Blick fest auf den vordersten Felsblock geheftet. Wie ein versteinerter Baumstumpf ragte er über weit und schmal über den Abgrund hinaus. Wie eine Brücke ins Jenseits, deren anderes Ende jäh abgebrochen war. Unter ihm starrte die grausige Tiefe, von wogenden Schatten und der Gischt stürzender Wassermassen gefüllt.
Und auf dieser furchtbaren, schwindelnden Spitze stand ruhig ein Mensch. Gegen den Himmel hob sich sein Körper überlebensgroß ab. Ein langes, weißes Gewand fiel ihm bis auf die Füße und wehte im Wind, der sich aus der Schlucht hob. Er schien in seinem Gebet ganz in den Anblick der Sonne vertieft zu sein.
Nach einigen Minuten, die die junge Frau ruhig abwartete, wandte er sich auf der Felsspitze um, schritt sekundenlang auf der schmalen Brücke wie schwebend dahin und ging mit ruhigem Schritt auf das Goldbecken zu.
Sein schlankes Gesicht war von einem unwirklichen Gelb, hell und gleichmäßig, wie die Schale einer Zitrone. Langes, schneeweißes Haar fiel bis auf die Schultern herab und gab seiner ganzen Erscheinung etwas Heiliges, Ehrfurchterweckendes.
Ohne Überraschung schaute der Greis auf die wartende Frau. Wie zum Segen streckte er einen Augenblick die Hand über sie. Sie neigte den Kopf und wartete stumm.
»Ich sah den Blutgeier meiner Tochter aus den Wolken stürzen«, sagte er mit einer volltönenden Stimme, die seltsam jugendlich klang zu seinem schlohweißen Haar. »Womit kann ich der Herrin dienen ?«
Sie hob lebhaft den schönen Kopf. »Rate mir, Meister!«
»Was beunruhigt meine Tochter, die Herrin der Inder?«
»Man meldet mir seltsame Erscheinungen. Ein chinesisches Schiff auf der Fahrt von San Franzisko nach Peking berichtet, dass das Meer dort eine beulenartige Aufwölbung zeigt, von der das Wasser nach allen Seiten abströmt. Das Schiff wurde durch diese Erscheinung in seiner Fahrt aufgehalten.«
»Wann ist das geschehen?«
»Schon vor einem Monat.«
»Was meldet man jetzt?«
»Die sonderbare Erscheinung verstärkte sich täglich. Die Meereskuppel hob sich immer mehr. Eine ständige Wasserhose, ein Geysir entstand. Kegelförmig schleudert er eine Glocke von Wasserstaub hoch in die Luft. Zweitausend Meter hoch.«
Der Yogi schwieg eine Weile. Regungslos. Seine Augen waren geschlossen. Dann kehrte das Leben in ihn zurück.
»Sprich weiter!«
»Der Pilot des Fluges von Yokohama nach San Franzisko bemerkte vor einem Monat zum ersten Mal, und später in immer größerem Ausmaß eine Missweisung der Kompassnadel. Die Temperatur und die barometrischen Verhältnisse haben sich durch diese stehende Wassersäule verändert.«
Der Greis hatte wieder die Augen geschlossen. »Es liegt ein antizyklonaler Wirbelherd über der Stelle -«
»So ist es.«
»- in tieferen Wasserschichten haben sich mailstromartige Zyklone gebildet?«
»Du weißt es! Nach den Messungen der Asien-Amerika-Linie macht sich die Wirbelströmung schon in fünfzig Kilometer Entfernung vom Zentrum bemerkbar. Bei einem Radius von zwanzig Kilometern ist sie so heftig, dass ein Schiff nur mit Mühe den Kurs hält. Es ist ganz unmöglich, näher als bis auf zehn Kilometer ans Zentrum heranzukommen. An der Meeresoberfläche, wo das im Mittelpunkt empordringende Wasser eine Kuppe aufwölbt und allseitig abfließt, ist die Strömung, wie du sagst, antizyklonal. In geringer Tiefe aber wurde schon die Umkehrung gelotet, und bei größeren Tiefen eine ungeheuere, zentripetale Saugwirbelströmung gefunden.«
Ohne eine Antwort zu geben, schritt der Yogi zur Mitte des Platzes und trat vor das Becken.
Mit einer Handbewegung rief er die Inderin an seine Seite.
Dreimal strich er mit der Hand über das Wasser der Schale. Dann nahm er ein grünliches Fläschchen, das an einer Schnur um seinen Hals befestigt war und ließ einen einzigen Tropfen des Inhalts hinabfallen.
Sofort brauste das Wasser wild auf. Große Ringe bildeten sich um das Zentrum und warfen sich gegen die Ränder der Schale.
Mit einem einzigen Heben der schmalen Hand zwang er die Oberfläche des Wassers zum Stillstand. Ein leichtes Kräuseln lief an der Wandung entlang, dann zog sich die Flüssigkeit sichtbar zusammen, als spanne rnan auf einer Trommel das Fell an.
Glatt und fest wie ein Quecksilberspiegel lag die Oberfläche des Wassers. Der Greis saß mit untergeschlagenen Beinen neben dem Becken. Sein Kopf war nach vorne gesunken, kein Haar bewegte sich an seiner Schläfe. Die hellgelbe Haut des Gesichtes schien seltsam durchleuchtet.
Unverwandt starrte die Inderin auf das Becken hinab. Da lief eine leichte Trübung über den Spiegel. Wie eine ziehende Wolke, dann wieder und wieder.
Brodelndes Wasser brauste vom Grund der Schale auf, stieg in die Höhe und drehte sich abwärts, um eine glühende, schäumende Mitte, wie zwei riesige Schrauben, tiefer und tiefer, in wahnsinnigem Wirbel immer enger und enger.
Grünes, fluoreszierendes Licht wuchs auf und wurde schnell heller und heller, beißend und blendend, stieg mit der wirbelnden Schraube zur Tiefe, wechselte durch alle Skalen der Farbe, und - war jäh erloschen. Ein mächtiger, nachtschwarzer Block lag unter dem Spiegel des goldenen Beckens. Kleine Bläschen perlten nach oben und bildeten zierliche, glitzernde Ketten.
Dann war es, als sänke der Spiegel nach unten. Der leuchtende Boden der Schale wuchs aufwärts, als flöge er aus weiter Ferne zur Nähe. Ein leichtes Zittern lief durch des Yogis Gestalt. Er öffnete seine großen Augen, als würde er aus einer anderen Welt zurückkehren. Es vergingen Minuten, bis er langsam sprach.
»Man meldete mir die Wahrheit, meine Tochter. Es ist der Meteor, den du suchst.«
Die Inderin war aufgesprungen. Ihre bronzenen Züge leuchteten vor Erregung. Der Greis kam ihrer Frage zuvor. »Aber er ist unerreichbar für dich!«
»So soll der Fremde besitzen, was ich - ?!« brauste sie auf. Der Yogi schüttelte tadelnd den Kopf. Sie jedoch konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen.
»Ein Fremder drang in mein Reich und maßte sich an!«
»Auch Walter Werndt wird sein Ziel nicht erreichen, wenn Brahma nicht will!« beruhigte sie der Greis.
Überrascht sah sie auf. »Du weißt?« Er strich die Frage beiseite wie eine Torheit.
»Verzeih mir! Hilf mir den Fremden besiegen!«
Der Greis verschränkte die Arme über der Brust. »Fürchte nichts. Der Fremde ist ein Europäer. Er kennt nicht den ewigen Weg.«
Eine unsagbare Verachtung, ein spöttisches Mitleid sprach aus seiner Stimme. »Die sieben Globen des Erleuchteten sind ihm noch fremd. Mit Hebeln und Zahlen klopft er ans Rätsel der Welt. Mit den Armen Prakritis greift er zu Buddhi und Atma hinauf, und tastet - ins Nichts. Er ist ein Sohn der Physik!«
Die Inderin blickte verstört vor sich hin. »Und wenn es ihm doch gelingt, Vater?«
Die Augen des Yogi durchblitzte es jäh. »Malabar Hill!« gab er drohend zurück. »So warten die Geier der Parsen auf ihn.«
5
Don Ebro stand in würdevoller Unbeweglichkeit an der Türe, den Fuß leicht vorgeschoben, als wolle er tanzen. »Sennor Werndt bittet, in einer Viertelstunde ins Laboratorium hinüberzukommen. Es ist alles bereit.«
»Es ist gut«, nickte Nagel.
Seine junge Frau sah dem Diener gedankenvoll nach. Ihre Blicke glitten unruhig über das Zimmer und blieben immer wieder am Gesicht des Gatten haften.
Die Augen des Doktors strahlten. Er reckte die Arme. »Nun sind wir endlich soweit! Das erste Experiment soll beginnen. Der Augenblick ist also wirklich da. Seit Monaten warten wir auf diesen Moment -«
»- und fürchten ihn!« Er drehte sich überrascht um und bemerkte erst jetzt die Unruhe Mabels.
»Fürchten? Du? Ja, warum?«
Sie lächelte verlegen. »Du fragst noch warum? Ihr werdet ein neues Element erforschen, einen Stoff, der ungeahnte Gefahren in sich bergen kann. Unerwartete Explosionen, Kontaktgifte, Ausdampfen tödlicher Gase, unsichtbare, zerstörerische Strahlungen. Gefahr lauert in diesem unseligen Meteor auf euch in tausend möglichen Formen!«
Er strich ihr über das wellige Haar. »Närrchen! Welche Phantasien bei der Tochter eines Wissenschaftlers! Hunderte Male warst du bei solchen Versuchen dabei, hast selbst in Laboratorien mitgeholfen.«
»Aber da hatte ich dich noch nicht!«
»Und als du furchtlos mit uns zusammen den Absturz des Meteors im ,Falken’ beobachtet hast?«
»Da war ich an deiner Seite. Da hatte ich keine Angst!« verteidigte sie sich.
»Du brauchst dich auch jetzt nicht zu sorgen. Weshalb? Ich bin überzeugt, dass dieser Block so ungefährlich und still bleiben wird, wie nur irgendein Stein. Das Gefasel der Zeitungen hat dich nervös gemacht. Man redet soviel von Gefahren und Tücken, dass wir uns am Schluss noch blamieren, wenn gar nichts passiert!«
Mit gespielter Entrüstung entgegnete sie: »Du bist ein recht tüchtiger Schauspieler, Werner!«
Er machte ein ernstes Gesicht. »Aber wieso denn? Wenn wirklich was dran wäre, müsste sich doch längst irgend etwas davon gezeigt haben. Der Meteor ist glühend heiß vom Himmel gefallen und mit gewaltigem Stoß auf die Erde geschlagen und ist nicht explodiert. Menschen haben Bruchstücke des Meteors aufgehoben und auf Wagen gewälzt und keiner hat Hand oder Finger verloren. Tausende von Menschen haben den Block in Tokyo bestaunt und betastet, und niemand berichtet über gesundheitliche Schäden. Der Steinbrocken verhält sich doch soweit ganz zahm.«
Sie sah ihn voll Liebe, doch vorwurfsvoll an. »Erzählst du das einem ganz kleinen Mädchen oder der Tochter Mark Earthcliffes?«
Er wurde ein wenig verlegen.
Sie legte den Arm zärtlich um seinen Hals. »Du sprichst von der äußeren Hülle, ich spreche vom Kern. Ihr werdet das Material mit Reagenzien zersetzen, sein Verhalten bei Behandlung mit Säuren und Laugen, mit Druck und mit Hitze untersuchen. Einem Stoff, dessen seltsames Spektrum ihr kennt. Von dem ihr nur wisst, dass er unbekannt war bis zum heutigen Tag. Ihr tut einen Sprung in das Dunkel hinein und ich habe zum ersten mal Angst. Angst vor etwas Unbekanntem. Mein Instinkt warnt mich deutlich. Er schreckt mich auf, nachts in meinen Träumen. Könnte ich wenigstens dabei sein, wenn ihr...«
»Um Gottes willen!« entfuhr es ihm. Er bemerkte sofort seinen Fehler und lachte verlegen. »Was sollten wir denn auch zu viert dabei? Werndt, Dumascu und ich sind doch mehr als genug.« Er sprach immer schneller, als wolle er sie nicht zu Wort kommen lassen. »Übrigens du beleidigst Walter Werndt mit deiner Sorge. Glaubst du, er hätte nicht alles bedacht?«
»Soweit er es voraussehen kann.«
»Wir werden vorsichtig sein und alle nur erdenklichen Schutzmaßnahmen treffen. Kein Chemiker hatte bisher solche Laboratoriumskleider im Schrank. Du hast die Anzüge doch bei der Probe gesehen. Wie in einem Taucheranzug steckt man in diesen Asbestkautschukhüllen. In den Panzern kann uns ja gar nichts geschehen. Wir haben sie mit Schwefelsäure, mit Chlorwasser und Fluorwasserstoff übergossen. Wir haben sie in flüssiges Blei getaucht, sie mit Giftgas und mit Flammenwerfern attackiert. Die Dinger haben uns einfach ausgelacht, liebes Kind. Der Stoff wirkt durch seine Präparierung als Isolator für Elektrizität. Er ist imprägniert gegen Röntgenstrahlung und auch gegen alle anderen gefährlichen Strahlen. Ich wüsste wirklich nicht, was uns der olle Meteor da noch anhaben könnte.«
In der Türe stand die dunkle Gestalt seines Dieners, wie eine Mahnung zur Wahrheit.
»Ich komme«, winkte Nagel zurück. Er zwang sich zu einem lockeren Ton. »Also bis heute mittag, mein Mädel. Und keine Angst haben, hörst du?«
Sie drängte ihn mit einem Kuss zurück. »Ich gehe mit und helfe euch wenigstens in die Mäntel hinein«, sagte sie mit leicht zitternder Stimme.
Ohne seine Antwort abzuwarten, schlug sie den Weg zum Laboratorium ein.
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