Im Bann der bitteren Blätter

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„Guck mal, Nili, Willi winkt uns gerade hektisch zu, er hat wohl etwas entdeckt. Gehen wir rüber, hier gibt’s für uns eh nichts mehr zu erfahren.“
Willi eilt ihnen entgegen. „Ratet mal, was wir soeben in der Scheune entdeckt haben!“
Alle drei gehen zur Scheune. Diese ist vollgestopft mit Heu- und Strohballen sowie altem Gerümpel. „Vorsicht, bitte nur am Rand gehen, es gibt wichtige Spuren! Seht mal, hier!“ Willi deutet auf den matschigen Scheunenboden. Da das Dach nicht mehr ganz dicht und die Bodenfläche von dem heruntertropfenden Regenwasser aufgeweicht ist, zeichnen sich auf dieser deutliche Reifenabdrücke sowie zwei komplette Fußspuren ab. „’n Auto hatten die beiden doch nie, oder?“
„Das Profil zeichnet sich perfekt und tief ab, müssen ganz neue Reifen gewesen sein“, meint Hauke.
„Und dann auch dies noch!“ Stolz deutet Willi auf ein im Heu halb verstecktes Knäuel Plastikfolie. „Das da sind sicher die Reste einer Plastikhülle, mit der man ein neues Fahrzeug beim Transport zum Händler schützt.“
„Du meinst …“ Nili lässt die Frage unvollendet.
„Yes, my lady! Das waren ganz bestimmt unsere beiden Galgenvögel, wie Waldi sie nannte. Die zwei Russen haben wohl den Golf gestohlen und sich nach meiner Verfolgungsjagd hier ein paar Tage verkrochen, während wir sie überall in der Umgebung vergeblich suchten. Dann haben sie die beiden armen Frauen einfach erschossen, das Haus angezündet und sich aus dem Staub gemacht.“
„Deine Vermutung könnte stimmen. Gute Arbeit, Willi, prima!“ Nili ist begeistert und auch Hauke geht freudig auf Willi zu: „Give me five, Kumpel! Lass mal die Spusi Abdrücke von den Reifenspuren und denen der Schuhsohlen machen, und auch das Plastikzeug muss zur KTU. Wenn du recht haben solltest, dann sind da sicherlich ihre Fingerabdrücke drauf, und dann haben wir sie!“
Nili und Hauke gehen zurück zum Einsatzwagen, wo Prof. Dr. Kramm gerade Staatsanwalt Pepperkorn von seinem ersten Befund berichtet hat. Dann kommen die beiden Kriminaloberkommissare an die Reihe und erzählen von den heißen Spuren, die Polizeimeister Seifert in der Scheune gefunden hat.
„Na also, lieber Stöver, da haben wir ja ’ne Menge ordentliche Ansätze. Ich schlage vor, Frau Masal und Steffens machen sich auf den Weg nach Kiel, sobald die KTU-Untersuchungsergebnisse vorliegen. Jedenfalls rufe ich sofort das Oberkommissariat und auch den Oberstaatsanwalt in Kiel an, damit da ja nichts schiefgeht und die ganze Bande noch so lange festgenagelt bleibt.“
Nili berichtet, dass sie sowieso von Waldi Mohr angefordert worden sei, bei der Vernehmung der beiden festgenommenen Drogendealer mit ihren Sprachkenntnissen behilflich zu sein.
„Umso besser, verehrte KOK Masal, dann fahren Sie bitte gleich am Montagmorgen nach Kiel, ich informiere Ihren Boss Boie Hansen in Oldenmoor. Gute Arbeit, Leute, wirklich verdammt gute Arbeit! Und nun wollen wir unter der da draußen lauernden Pressemeute ein wenig Futter verteilen. Die lassen einem sonst überhaupt keine Ruhe! Dann sage ich erst einmal herzlichen Dank und wünsche Ihnen noch ein schönes und geruhsames Wochenende!“
***
Nachdem Hauke Steffens und Nili Masal am späten Nachmittag mit ihrem Dienstwagen zurück im eigenen Kommissariat eingetroffen sind, machen sie Feierabend. Nili wünscht dem Kollegen ein schönes Wochenende, steigt in ihren grünen Cross Polo um und fährt nach Hause. Sie parkt den Wagen direkt vor Onkel Suhls Haus in der Theodor-Heuss-Straße. Nach der Wiedervereinigung von DDR und BRD im Oktober 1990 hat man auch in der Kleinstadt einige Straßen umbenannt. Die vormalige Kaiserstraße – während der Nazizeit schnöderweise vorübergehend Adolf-Hitler-Straße – bekam gleich nach Kriegsende wieder den ursprünglichen Namen zurück, wurde aber nun zu Ehren des allseits beliebten ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland umgewidmet. Nili öffnet die Tür des Hauses, das sie seit der Ankunft aus Israel gemeinsam mit ihrer Mutter, Lissy Masal, und ihrer inzwischen sechsundneunzigjährigen Oma, Clarissa Keller, bewohnt. Ihr Großvater, Heiko Keller, war nach dem vierzehnjährigen Exil seiner Familie in Bolivien im Jahre 1952 gleich wieder in dieses Haus gezogen und hatte die ihm zurückerstattete Marschländer Backwarenfabrik bis wenige Jahre vor seinem plötzlichen Tod geleitet. Das noch bis zur politischen Wende in der DDR florierende Unternehmen konnte dem unlauteren Preiskampf mit den Billigbroten der Discounter- und Supermarktketten sowie den anderen, überall wuchernden neuen Bäckereiverkaufsstellen irgendwann nicht mehr standhalten. Der redliche Bäckergeselle und Kaufmann Heiko Keller weigerte sich, die stets hohe Qualität seiner Erzeugnisse den ruinösen Preispraktiken des Wettbewerbs zu opfern. Schweren Herzens gab er endlich auf: Die traditionsreiche Marschländer Backwarenfabrik (Tadeusz Rembowski Nachfolger – gegr. 1905) wechselte in die Hände eines Düsseldorfer Großbäckereikonzerns. Es dauerte nicht lange, bis dieser die gesamte Fabrikation aus Oldenmoor nach Thüringen verlagerte und die altehrwürdigen Fabrikgebäude abgerissen wurden. Auf dem umfangreichen Gelände in der Deichstraße entstanden danach neue Wohn- und Geschäftshäuser.
„Nili, eres tú? – Bist du es?“ Mit ihrer Großmutter Clarissa, die gerade fragend an der Küchentür erscheint, ebenso wie mit ihrer Mutter spricht Nili immer Spanisch, um ihre Kenntnisse in dieser Sprache aufrechtzuerhalten. Wenn ihre Mutter Lissy sich mit ihr allein unterhält, tun sie dies allerdings meistens auf Iwrith. Liebevoll betrachtet Nili ihre Großmama. Sie gehört zu jenen selten begnadeten Menschen, deren Gene trotz einiger Gesichtsfalten ihre in der Jugend gewesene Schönheit bis ins hohe Alter erahnen lassen. „Sí, abuelita, soy yo!“, bestätigt Nili, geht auf die alte Dame zu und umarmt sie liebevoll. „Ist die Mami noch nicht zu Hause?“, fragt sie und blickt auf die Armbanduhr. „Es ist ja schon fast halb sieben.“ In diesem Augenblick hören sie den Dieselmotor des Taro Pickup, den Lissy gerade hinter Nilis Polo abstellt.
Nili öffnet ihrer Mutter die Tür. „Shalom, Habibi, willkommen zu Hause!“
Mutter und Tochter fallen sich in die Arme. „Puh, Ima, welch ein apartes Hühnerparfüm!“ Nili rümpft die Nase und macht eine ulkige Grimasse.
„Schon gut, schon gut, ich geh ja gleich unter die Dusche! Was gibt es Gutes zum Abendessen?“, fragt Lissy. „Es duftet so verdächtig verführerisch aus der Küche.“ Sie nimmt auch Oma Clarissa liebevoll in die Arme.
„Überraschung! Wird nicht verraten!“
Wenig später sitzen die drei Generationen gemeinsam am Esszimmertisch und verspeisen genüsslich einige der heiß duftenden Humintas, die Clarissa aus dem Backofen gezaubert hat. Die beliebten Kuchen aus Maisbrei und Frischkäse, in Deckblätter von Maiskolben gewickelt und gebacken – das Rezept hat Clarissa aus Bolivien mitgebracht –, sind ein immer wieder willkommener Menüklassiker des Hauses.
„Als ich heute beim Einkaufen im Rewe-Markt die verlockend frischen Maiskolben in ihre grünen Chalas eingewickelt sah, konnte ich nicht an mich halten. Ich musste an unsere liebe Köchin Panchita denken, die uns doch so oft mit dieser Köstlichkeit verwöhnt hat. Erinnerst du dich noch, Lissy? Was wohl aus ihr und unserer schönen Villa in Sopocachi geworden sein mag?“ Es folgt ein tiefer Seufzer.
„Lass man, Mami, wollen wir hoffen, es geht ihr gut, ja?“
Sehr oft, vor allem seit sie ihren geliebten Ehemann Heiko, den sie alle den Deichkater genannt hatten, vor einigen Jahren verlor, schwelgt Clarissa meist in ihren Erinnerungen. Viel Zeit verbringt sie neuerdings beim Lesen ihrer ihr so teuren Tagebücher, inzwischen etwa dreißig an der Zahl, in denen sie akkurat die Geschehnisse und die intimsten Gedanken seit ihrer frühen Jugend festgehalten hat.
„Heute hatten wir einen ziemlich schaurigen Einsatztag“, bemerkt Nili, um ihre Omi von ihrem trübseligen Nachsinnen abzulenken. Sie skizziert in groben Umrissen, was auf dem weit abgelegenen Bauernhof vorgefallen ist. Ihre beiden Zuhörerinnen sind entsetzt. „Wie furchtbar, die armen Frauen! Wer tut nur so etwas?“
Nili wälzt sich unruhig von der einen zur anderen Seite. Während der gesamten Nacht hat sie schlimme Träume gehabt und immer wieder kommen ihr die verkohlten Leichen in den Sinn. Eigentlich ist ja heute Samstag, sie könnte doch länger schlafen. Sie schaut zum Wecker: sieben Uhr! Dennoch beschließt sie aufzustehen, geht ins Badezimmer, putzt sich die Zähne. Nach einer kurzen Katzenwäsche fasst sie die Haare mit einem Gummiband zum Pferdeschwanz zusammen und schlüpft in ihren Jogginganzug. Als sie ihre Laufschuhe angezogen hat, schleicht sie sich leise aus der Haustür und trottet die noch menschenleere Straße entlang. Die frische Morgenluft tut ihr gut und die körperliche Anstrengung vertreibt schon bald den finsteren Nachtnebel aus ihren Gedanken. Nach etwa einer Viertelstunde erreicht sie eine der Landstraßen, die aus Oldenmoor hinausführen, und läuft gleichmäßig auf dem Fahrradweg neben der zu dieser frühen Morgenstunde fast unbefahrenen Autostraße. Als sie an der Auffahrt zum Holstenhof angelangt ist, biegt sie in diese ein, verlangsamt das Lauftempo und macht gleichzeitig tiefe Atemübungen mit weit kreisenden Armen. Kurz bevor sie an das Haus kommt, öffnet sich die Tür und ihr Onkel Oliver, der Bruder ihrer Mutter, kommt ihr mit einem freudigen Lächeln entgegen. „Hola, Nili, que sorpresa tan linda“, begrüßt er sie. „Welch schöne Überraschung schon zu so früher Stunde! Du kommst gerade recht zum Frühstück!“
„Hi, Onkel Oliver, prima! Darf ich aber erst einmal kurz unter die Dusche, ich bin total verschwitzt!“
Wenig später sitzt die Großfamilie in der geräumigen Wohnküche. Das sind zum einen der mit seinen siebenundsiebzig Jahren noch sehr kernig erscheinende Onkel und seine daneben sitzende Gattin, Tante Emma-Martha – auch Madde genannt. Sie ist, ebenso wie Nilis Mutter Lissy, zwei Jahre jünger als er, im Gegensatz zu Lissy allerdings ziemlich korpulent. Zum anderen sind das zwei ihrer drei Kinder: Hans-Peter und der Nachkömmling Oskar, den Onkel Oliver spaßig als seinen „selbstgemachten Enkel“ bezeichnet. Die Tochter, Annette, ist schon vor Jahren ausgezogen und wohnt in Berlin. Nilis Onkel Oliver hat sich vor zwei Jahren auf das Altenteil zurückgezogen. Sein ältester Sohn Hans-Peter, der ihm sehr ähnlich sieht, bewirtschaftet seitdem den Holstenhof zusammen mit seiner Ehefrau Corinna. Auch sie haben drei Kinder: Steffan, Carola und Sophie. Natürlich sind alle mächtig stolz auf ihre Nichte-Cousine-Großcousine Nili, die ja so einen spannenden Beruf hat.
Oliver schneidet gerade eines der von Corinna im Backrohr aufgekrossten Brötchen auf. „Mensch Meyer, was sind dies doch für armselige Krüppel! Kein Vergleich mit unseren frischen Brötchen aus Opas Backwarenfabrik!“
„Aber wenigstens unsere eigene Butter und Käse und Oma Clarissas selbst eingekochte Erdbeermarmelade schmecken doch prima darauf, oder?“, kontert Emma-Martha lächelnd.
„Hast ja recht, Madde, dennoch, ich vermisse sie eben! Es tut mir so leid, dass mein Vater seine Backwarenfabrik wider Willen abgeben musste. Ich glaube, das hat ihn auch vorzeitig zu Tode gequält. Sonst war er doch noch fit.“
„Und da sind ja auch die leckeren Eier von Tante Lissys Hühnerhof“, kolportiert der jüngere Oskar, der gerade eines davon geköpft hat und genüsslich den knallgelben Dotterrest von seinem Messer abschleckt.
Nili greift in die Tasche ihrer Jogginghose und holt das dumpf brummende Handy hervor. „Entschuldigt, es ist Lissy!“, sagt sie, steht auf und geht zur Küchentür. „Boker tov, Ima!“, sagt sie – Guten Morgen, Mutter. Dann geht es auf Iwrith weiter. „Ja, ich bin bis zum Holstenhof gejoggt, wir sitzen alle am Frühstückstisch.“ Sie wendet sich der Gesellschaft zu: „Mutter umarmt euch alle!“
„Sag ihr, sie soll Oma Clarissa zum Mittagessen mitbringen, wir haben heute reichlich frisch gebratene Kalbsleber mit vielen Äpfeln, roten Zwiebeln und Kartoffelmus“, schlägt Madde vor.
Und Oliver meint vielsagend dazu: „Sie braucht keine Angst zu haben, es gibt davor auch ganz sicher kein Lungenhaschee!“
Schmunzelnd gibt Nili die Information weiter. „Also gut, dann bis um zwölf, wie bi de Buurn gang un geev is! Und bring mir bitte frische Unterwäsche mit! Bis dann, großer Kuss! Wiedersehen!“
„Opa, was sollte das mit dem Lungenhaschee?“, fragt Carola neugierig. „Ach, liebes Kind, das ist ’ne längere Geschichte. Als Lissy und ich noch Kinder waren und auf dem Landgut Guayrapata in Bolivien, von dem ich ja schon so oft erzählt habe, unsere Schulferien verbrachten, wurde auch ab und zu eines der Kälber geschlachtet. An einem solchen Tag gab es unweigerlich das uns verhasste Lungenhaschee, eine Speise, die ihr gottlob nicht kennt – da habt ihr auch wirklich nichts versäumt! Jedenfalls mussten wir immer erst diesen ekligen Brei verdrücken, denn sonst gab es keine gebratene Leber, die wir doch so sehr mochten.“
Als alle satt sind, erhebt sich allmählich einer nach dem anderen vom Frühstückstisch, ein jeder hilft ein wenig beim Abräumen. Oliver und Nili bleiben mit ihren noch halb vollen Kaffeebechern sitzen.
„Und? Alles in Ordnung auf dem Holstenhof?“, fragt Nili.
„Ach ja, eigentlich schon. Die Milchquoten, die uns aus Brüssel vorgeschrieben werden, machen uns allerdings zu schaffen. Wir haben deshalb vor einem halben Jahr angefangen, die Überschüsse, die uns die Meierei nicht abnimmt, selbst zu verarbeiten und hier im Umkreis direkt zu vermarkten. Klappt eigentlich bestens, denn es hat sich rasch herumgesprochen, und Stefan und Carola wollen hier bald ihren eigenen Hofladen eröffnen, wir bauen dafür gerade eine der beiden Scheunen an der Auffahrt entsprechend um.“
Nili nickt zustimmend. „Finde ich ’ne prima Idee, Milch frisch von der Kuh direkt an den Verbraucher!“
„Na ja, ebenso Sahne, Butter, Frischkäse und Quark.“
„Und auch die frischen Eier aus der Bodenhaltung von Lissys Eulenhof könntet ihr verkaufen!“
So schwelgen sie eine Weile in ihren Plänen.
Plötzlich stürmt Oskar in die Wohnküche. Er hält ihnen seinen aufgeklappten Laptop hin. „Seht mal, hier ist die Nili auf der ersten Seite des Courier!“
Unter dem Titel „ZWEI FRAUEN NACH FEUER AUF EINEM BAUERNHOF TOT AUFGE-FUNDEN“ erscheint ein großes Farbfoto, auf dem hinter dem weiß-roten Polizeiabsperrband tatsächlich Nili deutlich inmitten der Einsatzleute vor dem Bauernhof zu sehen ist.
„Ach, sieh mal, hat mich also Jochen Ploog mit seinem Teleobjektiv doch noch erwischt!“ Sie hatte den Journalisten des Courier bereits bei der Anfahrt zum Tatort unter den vielen davor postierten Presseleuten bemerkt und ihm auch zugewinkt. Als sie aber später bemerkte, dass die Presseleute anfingen, Fotos zu machen, versuchte sie sich so gut es ging abzuwenden. Das war ihr wohl nicht ganz gelungen! Unter dem Foto ist ein magerer Bericht über das wenige zu lesen, das der zuständige Staatsanwalt Pepperkorn gegenüber der Presse verlauten ließ, nämlich dass die Polizei mehrere viel versprechende, heiße Spuren verfolge.
Die Nachricht über Nilis Foto in der Zeitung breitet sich wie ein Lauffeuer im Holstenhof aus. Bald sind alle wieder in der Wohnküche versammelt und bedrängen Nili, ihnen doch alles zu erzählen, was sie weiß.
„Tut mir ja so leid, ihr Lieben, aber viel mehr als das, was in der Zeitung steht, darf ich nicht erzählen, sonst krieg ich ’nen riesigen Zoff mit meinem Chef, okay?“
„Weißt du schon, wer der böse Mörder ist?“, fragt Sophie, die Jüngste im Kreise.
„Nein, leider noch nicht, aber wir haben so viele gute Hinweise auf die Täter und können deswegen hoffen, sie bald auszumachen.“
„Ach, dann sind es wohl mehrere, nicht wahr?“, folgert Oskar.
„Bist ganz schoin plietsch, mien Jung!“, bewundert ihn Nili und streicht liebevoll über seine strohblonden Haare.
4. Vernehmung
Die ganze vergangene Woche, die ich in Kiel verbringen musste, war sehr anstrengend, und es war mühsam, aus den beiden festgenommenen – der Vorschriften halber muss man hierzulande bis zur endgültigen Überführung etwaiger Delinquenten unbedingt die drollige Bezeichnung „mutmaßlichen“ voranfügen – Drogendealern und der Mörderbande etwas Brauchbares herauszubekommen, vermerkt Nili in ihrem Tagebuch. Nachdem Oma Clarissa früher häufiger aus ihren Tagebüchern vorgelesen und Nili so viele interessante Begebenheiten aus der Familiengeschichte, aber auch von den ereignisreichen Tagen der Flucht aus Nazi-Deutschland und aus dem bolivianischen Exil der Großeltern, ihrer Mutter Lissy und Onkel Oliver erfahren hatte, regte sie dies ungemein an, diesem Beispiel Folge zu leisten. So begann sie in ihrem ersten Jahr am Hamburger Gymnasium damit und hielt in unregelmäßigen Abständen immer diejenigen Erlebnisse fest, die ihr bedeutend und erwähnenswert erschienen. Nach Antritt ihrer polizeilichen Karriere in Hamburg und vor allem wegen ihres unglücklich verlaufenen und abrupt beendeten Liebesverhältnisses mit einem vielversprechenden Pianisten hatte sie dies für längere Zeit unterbrochen. Als sie vor drei Jahren zur Kriminaloberkommissarin befördert worden und dann auch nach Oldenmoor zurückgekommen war, nahm sie sich fest vor, das Tagebuchschreiben wieder mit größerer Regelmäßigkeit aufzunehmen. Seitdem hält sie vor allem jene interessantesten Fälle schriftlich fest, mit denen sie in Berührung kommt. Allerdings tut sie dies nicht handschriftlich wie früher, sondern tippt ihre Aufzeichnungen auf der Tastatur ihres Laptops und speichert die Texte auf einer eigens dafür bestimmten und zur sicheren Aufbewahrung getrennten Festplatte.
Als Hauke und ich uns im Gebäude der Bezirkskriminalinspektion Blumenstraße beim Dienststellenleiter, dem Ersten Kriminalhauptkommissar Harald Sierck, und seinen beiden Mitarbeitern, den Kriminaloberkommissaren Sascha Breiholz und Steffi Hink, meldeten, war auch der Kieler Oberstaatsanwalt, Dr. Hinrich Harmsen, zugegen. Nachdem sich alle gegenseitig vorgestellt hatten, gab es eine umfassende Lagebesprechung, die von Waldi Mohr, der ein wenig später dazugestoßen war, geleitet wurde. Jeder Anwesende trug sein Teilwissen zu dem umfangreichen und sehr verzwickten Fall vor. Sascha und Steffi berichteten von dem tot aufgefundenen Ralph Westphal. Der Obduktionsbericht von Professor Kramm wurde vorgelesen; daraus ergab sich definitiv eine erhöhte Kokaindosis mit ungewöhnlich hoher Reinheit der Droge als Ursache für dessen Tod durch Herzversagen. Außerdem gab es deutliche DNA-Spuren auf der Kleidung des Toten, die auf wenige Stunden zuvor stattgefundenen Geschlechtsverkehr hinweisen. Wäre da nicht die kurz darauf erfolgte Festnahme der als hochgradig verdächtig eingestuften Drogenbande erfolgt und eine sehr wahrscheinliche Verwicklung wegen des Kontakts von mindestens zwei ihrer Dealer mit dem Toten gegeben, hätte man keine Handhabe zur Verfolgung eines vermeintlichen Tötungsdeliktes gehabt. Es war mein Hinweis über den Abstellort von Ralphs Fahrrad am Lübecker Hauptbahnhof, der die Spur zu der Drogenbande und letztendlich zu ihrer Festnahme führte. Die DNA wurde inzwischen identifiziert und wies eindeutig auf die festgenommene junge Palästinenserin hin. Hauke Steffens und ich berichteten von dem erfolgten Einbruch mit Fahrzeugdiebstahl, der nach Auffinden der beiden ermordeten und danach verbrannten Frauen in der Nähe Oldenmoors zufälligerweise zwei anderen Mitgliedern derselben Bande aufgrund der an diesem Tatort gesicherten Reifenspuren und Fingerabdrücke zweifelsfrei zugeordnet werden konnten. Auch die beiden Morde und die Brandlegung auf dem Bauernhof gingen auf das Konto der zwei Russen, denn die danach anlässlich der Kieler Razzia gefundene Makarov-Pistole trug die Fingerabdrücke des einen und konnte von der Ballistik zweifelsfrei dem in einem der Totenschädel gefundenen 9 mm-Geschoss zugeordnet werden. Schmauchspuren auf seiner Kleidung verdichteten dieses Indiz. Auch eindeutige Spuren von Superbenzin, das als Brandbeschleuniger verwendet wurde, hafteten an der Kleidung beider Verdächtigen. Oberstaatsanwalt Harmsen dankte uns allen für die gute Arbeit und äußerte sich über das zustande gekommene Resümee sehr zufrieden. Die zusammengetragenen Indizien reichten wohl für eine Anklage der beiden Russen wegen Einbruchs, Autodiebstahls und Mordes aus. Natürlich konnten auch die von Waldi Mohr aufgelisteten Funde an Drogen, Geld und Waffen im Versteck der Drogenbande zweifelsfrei all deren Mitgliedern zur Last gelegt werden. Schwieriger sei es allerdings – ohne eindeutige Geständnisse der Täter –, deren Verwicklung in einen willig herbeigeführten Tod des Ralph Westphal nachzuweisen. „Das ist wohl Ihre nächste Aufgabe, Frau Oberkommissarin Masal. Wie ich höre, besitzen Sie wertvolle Sprachkenntnisse, um vielleicht zwei der Festgenommenen zum Reden zu bringen. Vor allem wollen wir auch herausfinden, wer der festgenommene Lateinamerikaner wirklich ist und wie er in die Angelegenheit verwickelt ist. Fangen Sie am besten mit diesem Kerl an, lassen wir die Frau noch ein wenig schmoren. Sie dürften an diese schon wegen ihrer sie belastenden DNA an Westphals Kleidung sowieso leichter herankommen. Versuchen Sie es, viel Glück dabei!“
***
„Buenos días, Señor impostor4 Alejandro Vazques!“
Nili ist gleich nach dem Mittagessen zusammen mit Hauke Steffens in die Untersuchungshaftanstalt in der Faeschstraße gefahren. Sie haben dort ihre Berechtigungsformulare zur Vernehmung der zwei Festgenommenen vorgezeigt. Jetzt sitzen beide Oberkommissare erst einmal jenem sogenannten Alejandro Vazques gegenüber. „Sabemos que tu no te llamas así y que tu pasaporte español es falso!“ Nili konfrontiert ihn mit ihren Erkenntnissen über seinen falschen Namen und Pass. Der derart Angesprochene ist von Nilis Frontalangriff in fließendem Spanisch offensichtlich überrascht. „Damit du es weißt“, fährt Nili fort, „wir wurden inzwischen von der Guardia Civil in Las Palmas de Gran Canaria über eure letzten drei gescheiterten Operationen umfassend informiert. Im Oktober, November und Dezember letzten Jahres wurden eure Drogen-Transportsegler Liberty Belle, Meguem und Pericles von Zoll und Polizei in den kanarischen Hoheitsgewässern aufgebracht und dabei insgesamt etwas mehr als zweieinviertel Tonnen Kokain gesichert. Was für’n Pech aber auch, nicht wahr? So viele Millionen Euro futschifutschi! Deine Bosse haben sicher vor lauter Freude Luftsprünge gemacht. Dabei wurden auch sieben deiner Kumpane – Serben, Tschechen, Ukrainer und Spanier – festgenommen, der achte, nämlich du, konnte sich allerdings offensichtlich unbemerkt von Bord der Meguem abseilen und war seitdem verschwunden. Die Guardia Civil untersucht zurzeit noch, wen du auf der Kanarischen Insel Hierro bestochen hast, um dir diesen Pass zu beschaffen, denn der wurde dort ausgestellt. Also sag schon: Wer bist du und wo kommst du wirklich her? Wenn du brav mit uns kooperierst, kann dies nur zu deinem Vorteil sein, dann gibt’s Knastrabatt!“
Der Angesprochene verzieht keine Miene und wendet stumm den Blick von Nili ab.
„Na denn, auch gut, wenn du nicht reden willst! Dein Pech ist allerdings, dass wir es schon längst wissen!“ Nili wirft einen kurzen Blick auf ein Fax, auf dem auch ein Foto ihres Gegenübers zu erkennen ist. „Du bist also Francisco José Villegas, geboren in Cali, Colombia, am 24. Dezember 1982, bei deinen intimen Amigos besser bekannt als Paco-Pepe. Diesmal aber gelang es uns durch einen riesen Zufall, jenen allseitig gesuchten, berüchtigten Transportstrategen und einfallsreichen Organisator für den Versand und Kokainhandel in Europa zu fangen. In deinen Kreisen wirst du nicht zuletzt auch ‚El Genio‘5 genannt, weil du trotz beharrlicher Verfolgung immer wieder wie ein Geist entkommen bist und dich wie in Rauch aufgelöst hast. Du bist also jenes sagenhafte Phantom, das uns endlich ins Netz gegangen ist. Wie in Aladins Märchen geschehen, wird nun dieser Geist in eine Flasche mit dichtem Korken gesteckt, aus der er für sehr, sehr lange Zeit nicht mehr entkommen kann! Wunderst dich wohl, Don Paco-Pepe, woher wir das alles wissen? Nun, die spanischen Kollegen haben in deiner Koje auf der Meguem so viel aufschlussreiches Material, darunter auch deinen richtigen Pass, gefunden. Dies alles reicht bei uns, um dich für mindestens fünfzehn Jahre ins Kittchen zu stecken, vielleicht aber schieben wir dich schon nach drei Jahren in die USA ab, wo dir weitere fünfzig oder sechzig Jahre blühen, weil die Amis ja ganz besonders scharf auf dich sind. Oder vielleicht doch lieber nach Kolumbien? Was dich dort erwarten mag, kannst du dir selbst am besten ausmalen!“



