Kleine Igel – große Probleme

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»Pfui!«, sagte Jack angewidert und wandte sich ab.
»Ey, wo willst du hin?«, rief Smokey ihm hinterher.
»Weg von hier!«, erwiderte Jack.
»Bist du mir nicht etwas schuldig?«, blaffte der Schimpanse. »Du weißt, wovon ich rede!«
Jack blieb abrupt stehen und drehte sich wortlos zu den Schimpansen um.
»Kluge Entscheidung«, sagte Smokey mit einem hämischen Grinsen.
Der Flyer
Tock!
Ein dumpfes Geräusch weckte Timmy. Nervös rannte er zu Tyrans Bett.
»H-Hast du das auch ge-gehört?«
»Regen. Ja, und?«, murmelte Tyran.
»N-N-Nein. Etwas i-ist an die A-Außenwand gegeflogen!«
»Ich will schlafen!«
Tyran drehte sich von Timmy weg und presste das Kissen gegen seine Ohren.
»Sch-Schau bitte nach. V-Vielleicht braucht j-jemand Hilfe.«
Gähnend drehte sich Tyran wieder zu seinem Bruder um. Jetzt war seine Neugierde geweckt.
»Pa-Pass auf dich auf«, flüsterte Timmy, während er an der Tür des Kinderzimmers stand.
Tyran nickte und schlich vorsichtig an Señoras Schlafzimmer vorbei. Er bekam mit, wie seine Mutter den winselnden Pablo zu beruhigen versuchte.
»Pablo, es ist bloß Regen«, sagte sie.
Gekonnt vermied Tyran es, auf die Stellen am Boden zu treten, die bei Berührung immer knarrten. Er kannte diese Tücken genau, weil er schon das ein oder andere Mal heimlich für seinen Bruder und sich einen Mitternachtssnack stibitzt hatte, obwohl die Señora ihnen dies in aller Deutlichkeit verboten hatte. Schließlich hatten ihre Sprösslinge, wenn sie im Bett lagen, bereits die Zähne geputzt und sollten keine Albträume bekommen.
In der dunklen Wohnküche stieß Tyran sich dann aber seine Pfote an einem Stuhl und hoffte, dass ihn niemand gehört hatte. Er biss sich auf die Lippen und humpelte weiter in Richtung Hintertür. Der Wind drückte so stark dagegen, dass Tyran die riesige Tür kaum aufbekam. Als er es schließlich doch vor die Tür geschafft hatte, ging er eine Runde um das Haus.
»Ist da jemand?«, flüsterte er.
Im Kräutergarten seiner Mutter entdeckte er ein durchweichtes Stück Papier im Zaun hängen. Das musst der Wind dorthin getragen haben, dachte er. Und dann hat es sich im Zaun verfangen.
Tyran betrat hastig das Kinderzimmer. »Guck mal!« Er hielt Timmy das Stück Papier unter die Nase.
»L-Lies vor«, sagte Timmy mit großen Augen.
Als Tyran das Papier auf dem Boden ausgebreitet hatte, räusperte er sich und las:

»Bo-Boah!«, rief Timmy.
»Psst«, machte Tyran. »Es geht noch weiter.«

»Mama, Mama!«, dröhnten Tyran und Timmy, während sie ins Schlafzimmer ihrer Mutter rannten.
Die Señora schreckte im Bett auf. »Ist was passiert?«
Pablo, der neben ihr auf dem Boden lag, schaute zu den Jungs auf und wedelte mit dem Schwanz.
»Sch-Schau!«, sagte Timmy und drückte seiner Mutter das Stück Papier in die Pfote.
Tyran bemerkte den skeptischen Blick der Señora und wie sie das Papier murmelnd überflog.
»Ein Zirkus? Wo habt ihr den Flyer her?«
»Der lag vorm Haus«, antwortete Tyran.
Die Señora runzelte die Stirn. »Ein Casting, am großen Platz, nahe dem Waldrand?«
»Wir wollen da unbedingt hin!«
»Kommt nicht infrage!«, sagte sie wütend.
»Warum das denn nicht?«, schoss es aus Tyran heraus wie Lava aus einem Vulkan.
»Weil sich dort Menschen aufhalten könnten!«
»Mir doch egal!«, entgegnete Tyran und stampfte wütend auf den Boden.
Daraufhin zerknüllte die Señora den Flyer und schob ihn unter ihre Bettdecke, die sich dadurch enorm wölbte.
Pablo legte sich wieder neben das Bett und schlug jaulend seine Pfoten vor die Augen.
»A-Alles okay, Mama?«, fragte Timmy vorsichtig.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und atmete tief aus, ohne auf die Frage zu antworten.
»Was ist los?«, hakte Tyran nach.
Es wurde still im Schlafzimmer. Nur das Plätschern des Regens in einer Holztonne vor dem Fenster war zu hören.
»Setzt euch«, sagte die Señora und klopfte sanft auf ihr Bettlaken.
Tyran und Timmy folgten ihrer Bitte.
»Habt ihr euch denn noch nie gefragt, wie Pablo zu mir gekommen ist?«
»Wir dachten, dass er schon immer hier gelebt hat.«
»No, no, Tyran. Aber –« Die Señora brach ab.
»Aber was, Mama?«, fragte Tyran. Sie verheimlichte ihnen etwas, das spürte er.
»Aber ich finde, dass es jetzt der richtige Zeitpunkt ist, es euch zu erzählen.«
»Na, dann schieß mal los!«
»Ich war eines Tages im Wald, um Beeren zu sammeln. Als ich in der Nähe des großen Platzes den Waldrand erreichte, sah ich dort einen Menschen. Ich versteckte mich hinter einem Baum, damit er mich nicht bemerkte. Mein Herz raste, als ich vorsichtig zu ihm hinsah. Der Mensch stellte einen Karton auf dem Boden ab und verschwand. Der Karton bewegte sich und ich vernahm ein Winseln. Eine Weile wartete ich ab, ob der Mensch wiederkommen würde, doch nichts geschah. Dann ging ich zu dem Karton und öffnete ihn. Ein kleiner süßer Welpe schaute mich verängstigt an. Unser Pablo!«
»Was?!« Tyran war schockiert. Er hockte sich neben Pablo und streichelte ihn.
Die Señora nickte. »Es wäre sein sicherer Tod gewesen, wenn ich ihn nicht mit nach Hause genommen hätte.«
»A-Armer Pablo«, sagte Timmy und gesellte sich zu Tyran und dem Briard.
»Menschen sind so böse!« Die Señora rümpfte die Nase. »Ohne sie würden wir alle in Frieden zusammenleben und Pablo könnte jetzt spre–« Aufgebracht hielt sie inne und holte erneut aus. »Was ich damit sagen will, ist, dass Noblas für ihr Wesen nichts können. Sie sind ein Produkt des Menschen!«
»Mama«, sagte Tyran, »du weiß doch, dass wir niemals was mit Menschen zu tun haben wollen!« Er wandte sich an seinen Bruder. »Nicht wahr, Timmy?«
Timmy nickte eifrig.
»¡Muy bien!, dann werdet ihr auch niemals enttäuscht werden!«
»Hast du denn schon mal mit einem Menschen gesprochen?«
»¡No! Das würde gegen unseren Ehrenkodex verstoßen!«
Tyran bemerkte Tränen in den Augen seiner Mutter und hakte nach: »Bist du dir sicher oder verschweigst du uns etwas? Wir sind doch schon zehn!«
»Erst zehn!«, flüsterte sie mit gebrochener Stimme. Ein Donnern ließ sie zusammenzucken. Kurz danach blitzte es. Ein Gewitter war aufgezogen. »Also merkt euch: Sprecht niemals –«
»Mit einem Menschen«, ergänzten Tyran und Timmy, die den Satz schon unzählige Male von ihrer Mutter gehört hatten.
Die Señora nahm ihre Sprösslinge an die Pfote. »Gut! Als Familie müssen wir aufeinander aufpassen. Nur gemeinsam sind wir stark!«
Tyran ließ nicht locker. »Mama, wir versprechen dir hoch und heilig, uns von den bösen Menschen fernzuhalten, aber können wir nicht trotzdem zum Casting?«
»¡Nooo!«, schrie die Señora.
Tyran wies beleidigt die Pfote seiner Mutter zurück, eilte aus dem Schlafzimmer, warf mit lautem Knallen die Tür hinter sich zu und lief ins Kinderzimmer.
Pablo war aufgesprungen und kratzte an der verschlossenen Tür. Mit einem fragenden Blick sah er zu Timmy.
»G-Gute Nacht, Ma-Mama«, sagte Timmy verlegen und verließ ebenfalls das Zimmer.
»Gute Nacht, Timmy«, antwortete die Señora abwesend.
Smokeys Auftrag
Am frühen Morgen stand Smokey in Mister Darks Wohnwagen. Er schmunzelte.
»Und?«, fragte Mister Dark, während er ein Geldbündel nach dem anderen auf dem Tisch zu einer hohen Pyramide aufstapelte.
Der Schimpanse antwortete nicht.
Argwöhnisch blickte der Zirkusdirektor an der Pyramide vorbei zu Smokey. »Was hast du ausgefressen?«
»Ich werde den Höllenkreisel nochmals versuchen.«
»Bist du bescheuert? Wegen dieser Aktion musste ich beinahe den Laden hier dichtmachen!«
»Ist jetzt eh zu spät.«
»Was soll das heißen?«
»Habe Tellys zum Casting am Platz nahe dem Waldrand eingeladen.«
»Du hast was?« Mister Dark donnerte mit seiner Faust auf den Tisch, wobei die Geldpyramide umkippte und einige Bündel davon auf dem Teppich landeten. »Ohne mich um Erlaubnis zu fragen?«
»Ich hatte keine Zeit zu verlieren. Außerdem habe ich die Attraktion perfektioniert!«
»Mhm.« Nachdenklich lehnte sich Mister Dark zurück und schwieg.
Smokeys Hoffnung schwand von Sekunde zu Sekunde, je länger der Zirkusdirektor ihn im Ungewissen ließ.
»Gut«, kam es unerwartet. »Aber erhalte ich noch einmal schlechte Presse, bist du dran! Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Smokey nickte und verließ den Wohnwagen. Dieses Mal konnten Gordo und Elroy rechtzeitig ausweichen, bevor sie durch Smokeys schwungvolles Öffnen der Tür umgeworfen wurden. Trotzdem hörte der Schimpanse, während er die Stufen hinabstieg, irgendetwas auf den Schotter knallen. Suchend blickte er sich um und entdeckte wenige Meter vom Wohnwagen entfernt Jacks Besen. Dieser verdammte Schnüffler, dachte er.
Tyrans Hartnäckigkeit
Tyran blockte jedes versöhnliche Gespräch mit seiner Mutter ab. Selbst als sie ihn umarmen wollte, drehte er sich trotzig weg. Er musste unbedingt zum Casting und konnte nicht verstehen, warum Timmy sich mit einem Nein zufriedengab.
Auch als wenig später die Señora auf das alljährliche Familienfoto bestand, um eine schöne Erinnerung an ihre Sprösslinge zu haben, reagierte Tyran bockig. Er wollte lieber auf seinem Zimmer bleiben und schmollen. Letztendlich ließ er sich dann aber doch dazu überreden. In den vorangegangenen Jahren hatte er seine Mutter und Timmy mit Grimassen zum Lachen gebracht. Dieses Mal verzog er keine Miene. Dabei wäre das Foto perfekt gewesen, weil Pablo kerzengerade in die Linse der Sofortbildkamera hechelte, was noch nie vorgekommen war.
»Morgen wäre das Casting«, nörgelte Tyran, während er die Kinderzimmertür schloss.
»V-Vielleicht hat Mama recht und es ist zu g-gefährlich für uns.«
»Blödsinn!«
»L-Lass uns doch ein b-bisschen spielen.«
»Keine Lust.«
Tyran kehrte Timmy den Rücken, kletterte auf den Tisch und blickte aus dem Fenster. Er sah, wie seine Mutter mit Pablo am Kräutergarten unter einem Baum saß und zu ihm sprach. Er konnte spüren, dass sie über ihn redete. Neugierig steckte er seinen Kopf aus dem Fenster und lauschte.
»Schau mich nicht so an«, hörte er die Señora mit liebevoller Stimme sagen, während sie Pablo am Ohr streichelte.
Der Briard hatte seine Augen weit geöffnet und legte seinen Kopf gegen die kleine Pfoteninnenfläche der Igeldame.
»Du hast ja recht. Als ich in dem Alter war, in dem Tyran jetzt ist, wollte ich auch die ganze Welt erobern.«
Pablo wedelte mit dem Schwanz.
»Wahrscheinlich mache ich mir zu viele Sorgen, oder? Meinst du, ich sollte mir das erst mal anschauen und dann entscheiden?«
Pablo schnaufte erquickt.
»Ist ja schon gut. Noch eindeutiger geht es wohl kaum.« Die Señora lachte. »Danke, dass ich immer auf deinen Rat zählen kann.« Sie umarmte ihren Hund und ging wieder ins Haus. Der Briard legte sich unter den Baum, um ein Nickerchen zu machen.
Wenig später hörte Tyran Schritte näher kommen. Er sprang vom Tisch, legte sich schnurstracks ins Bett und drehte sich zur Wand.
Die Türe öffnete sich. »T-Tyran?« Die Señora kam herein.
Tyran wandte seinen Kopf, blinzelte mit einem Auge in ihre Richtung und sah, dass sie die Pfoten in den Hosentaschen ihrer Latzhose vergraben hatte.
»Ich habe mir die Sache noch mal durch den Kopf gehen lassen«, sagte sie.
Verwirrt drehte sich Tyran um. »Was meinst du damit?«
»Das Casting«, antwortete sie unsicher.
Tyran presste seinen Oberkörper in die Senkrechte. Seine Mutter hatte jetzt seine volle Aufmerksamkeit. »Nun sag schon!«, bohrte er ungeduldig nach.
»Wir können …«
»Was können wir?«
Die Señora holte kurz Luft und fing den Satz noch einmal von vorne an: »Wir können dort hingehen.«
»Wirklich? Das ist kein Witz, oder?«
Sie schüttelte den Kopf.
Sprachlos sah Tyran zu Timmy hinüber, der ebenso verdutzt zu sein schien, wie er es war. Dann riss er die Arme in die Höhe und ließ ein euphorisches »Jaaa!« ertönen, während er aufstand und zum Sprung ansetzte.
»¡No, Tyran!«, sagte die Señora und winkte ab.
Mit einem Hechtsprung landete Tyran auf seiner Mutter. Timmy tat es Tyran gleich. Die Señora lag schneller mit den beiden auf dem Rücken, als sie Luft holen konnte.
»Aber wenn es mir nicht gefällt, dann gehen wir wieder!«, stieß sie mit angestrengter Stimme aus.
»Einverstanden!«, erwiderte Tyran.
Freudig umarmten die beiden Igeljungs ihre Mutter und für einen kurzen Augenblick war ihre Welt wieder in Ordnung.
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