Die unfreiwilligen Reisen des Putti Eichelbaum (Steidl Pocket)

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Tante Lottchen, Agnes und meine Mutter trafen derweilen letzte generalstabsmäßige Vorbereitungen zum bevorstehenden Weihnachtsfest. In Eichelbaums großer Wohnung duftete es bereits nach Lebkuchen und Marzipan. Letzteres wurde von Agnes nach Tante Lottchens genauen Anweisungen und einem alten Königsberger Rezept mit sehr viel Rosenöl und in unglaublichen Mengen hergestellt. Tante Lottchen verschenkte es paketweise an alle guten Freunde zu Weihnachten. Nur Hirschfelds bekamen ihr Marzipan jeweils ein paar Tage früher, zu Chanukka, das eigentlich, wie Putti und ich wussten, kein hoher Feiertag war, aber sehr praktisch, weil wir in kurzem Abstand zweimal feiern und Geschenke entgegennehmen konnten, erst bei Hirschfelds und dann zu Hause.
Mit den hohen jüdischen Feiertagen kannten wir uns aus, behielten das aber für uns. Denn an solchen Tagen verschwanden Putti und ich unter dem Vorwand, am Bayerischen Platz fände ein wichtiges Murmel-Turnier statt, in entgegengesetzter Richtung um die Ecke. Unweit der neuen reformierten Synagoge in der Prinzregentenstraße stellten wir uns auf, bei schönem Wetter in etwas größerem Abstand, bei strömendem Regen mehr in der Nähe des Eingangs. Denn die entgegen den strengen religiösen Vorschriften mit Autos und Taxis zum Gottesdienst fahrenden Gemeindemitglieder wollten meist die letzten paar Schritte »anstandshalber« zu Fuß gehen. Wir öffneten ihnen den Wagenschlag, halfen beim Aussteigen, wünschten »guten Jontef (Feiertag)«, was ihr schlechtes Gewissen noch verstärkte, machten einen Diener und hielten die Hand auf.
Die reichlich fließenden Trinkgelder wurden ehrlich geteilt, und so hatten wir erfreulich hohe Nebeneinnahmen, bis uns eines Tages eine vorübergehende Portierfrau erkannte und sofort Tante Lottchen verständigte: »Ick jloobe, Frau Dokta, Ihr Kleener und sein Freund, die machen vorm Tempel den Schammes!«
Damit brach unser gutgehendes Geschäft zusammen. Die eilig entsandte Agnes führte uns ab. Meine Mutter lachte nur, aber Tante Lottchen, die äußerst Zarte, verabreichte Putti zum ersten und wohl auch letzten Mal eine Tracht Prügel, denn sie war über alle Maßen empört:
»Willst du unseren guten Ruf ruinieren? Was wird dein Vater sagen, wenn er hört, dass du seine Praxis zugrunde richtest!?«
Aber es waren andere, die wenige Wochen später das Zugrunderichten von Onkel Curts Praxis besorgten: Am 30. Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler. Die Wilmersdorfer Hitlerjugend, Karlchen Knoops vorneweg, veranstaltete einen Fackelzug und sang abwechselnd das Horst-Wessel-Lied und Wenn’s Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s noch mal so gut …!
»Eine schlimme Sache, gewiss«, hatte Herr Goldstaub, ein gemeinsamer Schulfreund von Onkel Curt und meinem Vater, am folgenden Sonntag dazu gemeint, »aber das läuft sich tot! In ein paar Wochen haben die doch abgewirtschaftet …«
Herrn Goldstaub gehörte der große Atrium-Filmpalast Berliner Straße, Ecke Kaiserallee, und sein Geschäft ging glänzend. Die Leute wollten patriotische Ufa-Filme mit Otto Gebühr als Altem Fritz sehen, vor allem aber die Ufa-Wochenschau, deren Begeisterung für die »Machtergreifung« Hitlers und aller nationalen Kräfte keine Grenzen kannte.
Am Abend des 27. Februar brannte der Reichstag. Viele Leute, auch ein sozialdemokratischer Redakteur aus dem Nebenhaus und ein Bildhauer, den mein Vater kannte und der in der Liga für Menschenrechte aktiv war, wurden noch in der Nacht von SA-Leuten in »Schutzhaft« genommen, verprügelt und misshandelt. In der folgenden Woche hörte man von immer neuen Verhaftungen durch SA- und SS-Leute, die über Nacht zu »Hilfspolizisten« ernannt worden waren.
Auf den Straßen sah man täglich mehr Leute mit Nazi-Parteiabzeichen am Revers oder in braunen Uniformen mit Hakenkreuz-Armbinden und Schaftstiefeln, die sich gegenseitig mit ausgestrecktem Arm und »Heil Hitler« grüßten. Putti erzählte mir, er habe Herrn Strelow getroffen – in brauner Uniform!
Am Zeitungsstand Ecke Berliner Straße sahen wir, wie SA-Leute ganze Packen von Zeitungen »beschlagnahmten« und auf einen Lastwagen warfen.
»Ick muss doch dafier bezahlen!«, jammerte die Zeitungsfrau, aber sie fuhren bereits weiter zum nächsten Kiosk.
Am 5. März war schon wieder Reichstagswahl, die dritte in neun Monaten. Diesmal bekamen die Nazis und die mit ihnen verbündete Kampffront Schwarz-Weiß-Rot die absolute Mehrheit. Selbst Herr Goldstaub meinte jetzt, dass es mindestens ein Jahr dauern könnte, bis der Spuk vorüber wäre und wieder Ordnung herrschte. Die Villa von Tietz, so erzählte er, hätten Hitlerjungen mit Steinen bombardiert, ohne dass die Polizei eingeschritten wäre! Das Haus der Familie Tietz, deren Mitgliedern viele große Warenhäuser gehörten, war ein riesiger dunkelbrauner Palazzo in einem Park an der Kaiserallee. Als Putti und ich am nächsten Tag uns den Schaden ansehen wollten, waren schon alle Fenster wieder verglast und die Scherben beseitigt. In der Woche darauf flüsterten die Erwachsenen von furchtbaren Misshandlungen, denen die vielen Verhafteten ausgesetzt wären. Vor allem die Kommunisten würden von der SA gefoltert! Wir machten uns Sorgen um Herrn Beek, aber Agnes beruhigte uns: Sie wüsste von Ihi, dass er wohlauf wäre.
Als ich am 1. April, einem Sonnabend, morgens zur Schule ging, stand vor dem kleinen Zigarettenladen an der Ecke ein SA-Mann Posten. An der Schaufensterscheibe klebte ein großes gelbes Plakat: DEUTSCHE! WEHRT EUCH! Kauft nicht bei JUDEN!
Wehren?, staunte ich. Gegen die alte Frau Kohnke, die wegen ihres Hüftleidens am Stock ging und uns manchmal Zigarettenbilder schenkte? In ihrem Laden, neben der Muratti Ariston-Reklame, hing das Bild ihres 1916 vor Verdun gefallenen jüngsten Sohnes … Die Nazis waren doch so begeistert von Krieg, Heldentum und patriotischer Opferbereitschaft – warum taten sie der Frau Kohnke das an?
In der Schule hörte ich, dass der neue Minister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Goebbels, den heutigen 1. April zum Tag des allgemeinen Juden-Boykotts erklärt hätte – als »Kampfmaßnahme zur Abwehr der Gräuelmärchen, die die Juden im Ausland über das neue Deutschland verbreiteten«. Von diesem Dr. Goebbels hatten mein Vater und Onkel Curt am vergangenen Sonntag gesagt, dieser »üble Hetzer« wage es, sich als »Vertreter der Frontkämpfer-Generation« zu bezeichnen, und wäre dabei nie Soldat gewesen!
In der zweiten Stunde kam Herr Reling, der Schuldiener, ohne anzuklopfen in die Klasse, rief »Heil Hitler« und gab grinsend bekannt, unser Direktor, Dr. Levysohn, ein einarmiger Kriegsinvalide, der unseren höchsten Respekt genoss, wäre »mit sofortiger Wirkung bis auf Weiteres beurlaubt«, ebenso der »Nichtarier« Dr. Bamberger und der »Marxist« Wisselmann, unser Zeichenlehrer.
Dr. Bamberger, bei dem wir Deutschunterricht hatten und von dem wir gerade über die Tücken eines adversativ gebrauchten während belehrt worden waren, was uns schrecklich gelangweilt hatte, wurde blass. Wir waren mäuschenstill, als er dann seine Sachen packte und mit einem leisen »Lebt wohl, Jungen …« das Klassenzimmer verließ. Als ich mittags nach Hause kam, merkte ich sofort, dass noch mehr Schreckliches geschehen sein musste. Mein Vater war ernst und hatte Tränen in den Augen; auch meine Mutter hatte geweint.
Onkel Curt, so erfuhr ich dann, war an diesem 1. April vor seinem Anwaltsbüro von SA-Leuten angehalten, beschimpft und geschlagen worden!
Quer über den Preußenadler seines Notariatsschilds hatten sie einen gelben Streifen mit der Aufschrift JUDENSAU! geklebt, ihm selbst dann, als er versuchte, sich in seine Praxis zu retten, ein Pappschild um den Hals gehängt. Jude, der nicht gehorchen will! stand darauf, und damit wollten sie ihn die Linden entlang vor sich hertreiben! Nur durch das rasche und energische Eingreifen seiner Kollegen und Freunde Krauss und v. Godin war das verhindert worden.
Rechtsanwalt Dr. Georg Krauss, ein großer, stattlicher Mann mit sogenannten »Schmissen« – Narben von studentischen Säbelmensuren im Gesicht –, hatte die SA-Leute angebrüllt: Ob sie verrückt geworden wären, ob sie nicht wüssten, wen sie vor sich hätten?! Sie hatten keine Widerrede mehr gewagt und waren abgezogen. Aber schon wenige Tage später erhielt Onkel Curt ein amtliches Schreiben: Als »Nichtarier hatte man ihm das Notariat und die Zulassung als Rechtsanwalt mit sofortiger Wirkung entzogen!
Diese »Säuberung« des öffentlichen Dienstes und der freien Berufe betraf alle, die Juden waren oder, wie Onkel Curt und Tante Lottchen, von jüdischen Eltern oder Großeltern abstammten, auch wenn sie christlich getauft oder Dissidenten waren. Ausnahmen gab es nur für Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs, die – wenn sie keine Vorgesetzten von Ariern waren – vorläufig weiter ihrem Beruf nachgehen durften.
»Dein Vater war doch Offizier«, sagte ich zu Putti.
»Ja, aber nicht an der Front – er hat sich 1914 zwar freiwillig gemeldet, aber sie brauchten ihn als Volljuristen dann im Verwaltungsdienst …«
Acht Wochen später reisten Curt, Lottchen und Putti Eichelbaum, der nun Richard hieß und einen eigenen Pass hatte, von Berlin ab. Am Bahnhof standen die Freunde und nahmen Abschied. Agnes weinte; es war Puttis zwölfter Geburtstag, und sie hatte ihm nicht mal einen Kuchen backen können! Die große Wohnung Badensche, Ecke Babelsberger Straße war schon vor zwei Tagen leergeräumt worden. Eichelbaums und sie hatten bis zu ihrer Abreise nebenan bei Hirschfelds Aufnahme gefunden. Gestern Abend waren dort plötzlich Männer von der Gestapo, der neuen Geheimen Staatspolizei, erschienen und hatten alles durchsucht, auch Eichelbaums Gepäck. Nur weil Onkel Curt Pässe, Visa und Fahrkarten für den nächsten Tag vorweisen konnte und weil Herr Hirschfeld und dessen Familie schwedische Staatsangehörige waren, hatte die Gestapo schließlich das Feld geräumt.
»Es war furchtbar«, weinte die sonst so resolute Agnes, »am liebsten würde ich mit den Herrschaften mitfahren, aber der Herr Doktor hat gesagt, das geht leider nicht – morgen mache ich weg von Berlin – ich fahre wieder nach Hause, nach Schlesien …«
Dann nahm sie ein zweites Mal Abschied von Putti.
Rechtsanwalt Dr. Krauss, der Tante Lottchen in die Arme geschlossen hatte, sagte plötzlich laut: »Seid froh, dass ihr diesen Dreckstall verlassen könnt! Ich wollte, ich könnte es auch – aber ich komme euch bald besuchen!«
Ein paar Leute drehten sich erschrocken um und gingen schnell weiter.
»Hattet ihr Schwierigkeiten mit – mit den Sachen?«, erkundigte sich Herr Goldstaub besorgt.
Tante Lottchen, sehr blass, die Tränen tapfer unterdrückend, verneinte stumm und deutete mit einer Kopfbewegung auf die weinende Agnes.
Onkel Curt nahm Herrn Goldstaub beiseite und sagte leise: »Lass uns hier lieber nicht davon reden – aber es ging besser, als man hoffen konnte …«
Eichelbaums ganze Wohnungseinrichtung samt dem vielen Tafelsilber und anderen Wertsachen, die mitzunehmen Juden nicht erlaubt war, rollte bereits in einem plombierten Waggon gen Süden. Geheime Staatspolizei und Zoll hatten nichts zu beanstanden gehabt. Die Kontrolle war im Lager der Möbelspedition vorgenommen worden. Dort hatte der bei den Behörden als besonders vertrauenswürdig empfohlene nunmehrige SA-Mann Beek – die Schalmeienkapelle war von der SA geschlossen übernommen worden – Stück für Stück mit den Listen verglichen und alles in Ordnung befunden, sodann als erfahrene Fachkraft mit allen erforderlichen Dokumenten, Stempeln und Plomben versehen lassen und auf den Weg gebracht. Von der Zürcher Filiale war der Empfang der Sendung bereits bestätigt worden. Herr Beek selbst hatte es sich nicht nehmen lassen, Agnes, die ihm bei der umständlichen Kontrolle sehr behilflich gewesen war, sofort zu verständigen, dass alles »richtig angekommen« wäre.
»Alles einsteigen!«
Mein Vater umarmte rasch noch einmal seinen alten Freund. »Du hast doch Rückfahrkarten genommen, Curt?«, hörte ich ihn fragen.
»Na, selbstverständlich, Hans! Was denn sonst?«
Als sich der D-Zug nach Stuttgart mit Kurswagen nach Zürich in Bewegung setzte, schrien alle durcheinander, winkten mit den Taschentüchern, drückten rasch noch einmal die aus den Fenstern hingestreckten Hände.
»Auf Wiedersehen«, rief als letzter Putti. Er war schon im Stimmbruch.
Juli 1933. 26.789 Personen im Deutschen Reich ohne Urteil in KZ-Haft. Viererpakt London-Paris-Rom-Berlin bringt Hitler internationale Anerkennung.
November 1933. 92,2% der deutschen Wähler stimmen für Hitlers Außenpolitik.
Januar 1934. Der NS-Einheitsstaat ist perfekt.
Februar 1934. Aufstand in Wien. Der katholisch-konservative Diktator Dollfuß setzt Militär gegen die SPÖ ein.
März 1934. In Deutschland beginnt der Autobahnbau, im April wird der monatliche »Eintopfsonntag« eingeführt, die Freizügigkeit bei der Wahl des Arbeitsplatzes wird abgeschafft.
25. April 1934. Gescheiterter Nazi-Aufstand in Österreich, bei dem Kanzler Dollfuß ermordet wird. Spannung zwischen Hitler und Mussolini auf dem Höhepunkt. Italienische Panzer stehen einmarschbereit am Brenner.
30. Juni / 1. Juli 1934. Sog. »Röhmputsch«, bei dem Hitler rund 1.000 seiner ältesten Kampfgefährten (und Mitwisser) umbringen lässt.
2. August 1934. Hindenburg im Alter von 86 Jahren gestorben. Hitler wird sein Nachfolger als Staatsoberhaupt (»Führer und Reichskanzler«).
Januar 1935. Volksabstimmung im Saargebiet: 90,5% für Anschluss an Deutschland. Die Anzahl der Arbeitslosen im Reich beträgt noch 2,9 Millionen.
Zürich – Lugano – Como – Mailand – Rom
Den ganzen 9. Juni 1933, seinen zwölften Geburtstag, verbrachte Putti auf der Eisenbahn. Es war eine lange Fahrt von Berlin über Leipzig, Zwickau, Plauen, Hof, Bamberg, Nürnberg, Ansbach nach Stuttgart und weiter nach Zürich, aber wider Erwarten verlief sie – wie er auf einer Postkarte aus Stuttgart mitteilte – »ganz lustig. Papa erzählte viele ulkige Geschichten von früher …«
Onkel Curt hatte bereits in Luckenwalde die Reiseflasche mit Cognac geleert und war, nachdem er sie von Putti beim Speisewagenkellner hatte auffüllen lassen und hin und wieder einen Schluck nahm, immer heiterer und gelassener geworden. Die Aufregungen des letzten Abends, die schlaflose Nacht und der traurige Abschied von Berlin und allen seinen Freunden schienen fast vergessen.
»Denkt nicht mehr daran, was gestern und vorher war«, sagte er, wenn Lottchen wieder nach ihrem Taschentuch zu suchen begann. »Das haben wir jetzt alles hinter uns, und in ein paar Stunden sind wir am Ziel. Wir machen nun Urlaub und freuen uns auf die Sommerfrische. Die Ferien haben schon begonnen!« Dann erzählte er, wie er als Sextaner mit den Eltern in ihr Sommerhaus nach Potsdam gezogen war, das dicht am Park vom Neuen Palais lag. Einmal sei er in diesem Park, wo zu spielen eigentlich verboten war, einem ein, zwei Jahre älteren Jungen begegnet, der sich ihm in den Weg stellte, ihn zu Boden stieß und rief: »Dir werde ich zeigen, wer hier Prinz ist!«
Aber da wäre plötzlich ein Reiter in weißer Uniform aufgetaucht, blitzschnell vom Pferd gestiegen und hätte seinem Gegner kräftig den Hintern versohlt mit den Worten: »Und dir werd ich zeigen, Oskar, wer hier Kaiser ist!«
Dies erkläre, hatte Onkel Curt hinzugefügt, seine zeitlebens etwas zwiespältigen Gefühle gegenüber dem Hause Hohenzollern. »Für Prinz Oskar und seine Brüder, die sich für Hitler haben einspannen lassen, habe ich nie etwas übriggehabt, aber Kaiser Wilhelm II. bin ich noch heute dankbar …«
Kurz vor Nürnberg war er dann eingeschlafen und erst in Stuttgart, wo ihr Kurswagen einem anderen Zug angehängt wurde, wieder aufgewacht, nun nicht mehr zum Spaßen aufgelegt. Je näher sie der Grenze kamen, desto unruhiger wurde er. Er hielt es dann im Abteil nicht mehr aus, begann auf dem Gang nervös auf und ab zu gehen, verschwand schließlich im WC, und als er ein paar Minuten später ins Abteil zurückkam, schien er sich wieder gefasst zu haben.
Das war schon kurz hinter Singen, und nachdem sie bei Schaffhausen die Grenze zur Schweiz passiert hatten, ohne von den nur flüchtig die Pässe kontrollierenden Beamten im Geringsten behelligt worden zu sein, schloss er erleichtert Frau und Sohn in die Arme.
»So, nun ist alle Angst vorbei! Jetzt sind wir in einem freien und anständigen Land!«
Und dann gestand er ihnen, was er kurz vor der Grenze getan hatte:
Er war im Geiste nochmals ganz genau durchgegangen, was ihnen bei einer strengen Kontrolle Schwierigkeiten bereiten könnte: Alle Papiere waren in Ordnung, kein Stempel fehlte; das Handgepäck enthielt absolut nichts, was Anstoß erregen konnte; jeder hatte nur so viel Geld bei sich, wie erlaubt war, und an Wertsachen nicht mehr, als was noch als normal gelten konnte – bis auf seine Taschenuhr!
Zwei Tage vor der Abreise hatte er sich von Goldstaubs noch dazu überreden lassen, von einem befreundeten Juwelier eine sehr teure Taschenuhr zu kaufen, die, trotz Vorzugspreis und Freundschaftsrabatt, ein kleines Vermögen gekostet hatte, die man aber im Notfall beleihen oder auch ohne großen Verlust würde verkaufen können. Gegen die Mitnahme einer Uhr konnte ja auch niemand etwas einwenden, aber da war ja noch die andere, die Armbanduhr am Handgelenk, Lottchens Hochzeitsgeschenk.
Als Jurist war er sich darüber im Klaren, dass ihm dies als Verbringung von nicht zum eigenen Gebrauch bestimmten Wertgegenständen ins Ausland und damit als Devisenvergehen zur Last gelegt werden konnte, und so hatte er die teure Taschenuhr aus dem WC-Fenster geworfen, um nicht in letzter Minute sie alle zu gefährden.
»Curtchen! Die schöne Uhr! Wie konntest du nur!«, hatte Lottchen zunächst ganz erschrocken gerufen, aber dann hatte auch sie die wieder aufkommenden Tränen unterdrückt und mitgelacht, denn die glückliche Ankunft in der Schweiz, wo man wieder Mensch sein konnte und keine Angst mehr zu haben brauchte, war ja etwas so Herrliches, dass man den Verlust einer Uhr, auch wenn sie aus Platin und mit Brillanten verziert gewesen war, leicht verschmerzen konnte.
Die Schweizer – das wussten sie ja von wiederholten Ferienaufenthalten im Berner Oberland und im Tessin – waren liebenswürdige, besonders ausländischen Gästen gegenüber stets sehr zuvorkommende Leute, und als sie dann in Zürich, wo sie spätabends eintrafen, ihre vorausbestellten Hotelzimmer betraten, fanden sie ihre Erwartungen bestätigt:
Der Direktor hatte es sich nicht nehmen lassen, einen großen Blumenstrauß für die gnädige Frau, Obst und Pralinen für den Herrn Sohn und eine gute Flasche für den geschätzten Herrn Doktor, der das Haus wieder einmal beehrte, auf die hoffentlich angenehm befundenen Zimmer zu schicken – mit den Komplimenten der Hoteldirektion, versteht sich.
Auch an den folgenden beiden Tagen, die sie noch in Zürich verbrachten, um die Lagerung des großen Gepäcks, der Möbel und des Hausrats zu regeln und ein paar Besorgungen zu machen, wurden sie als bevorzugte Gäste behandelt. Schließlich war Herr Rechtsanwalt Dr. Eichelbaum schon wiederholt zu wichtigen und langwierigen Vertragsverhandlungen hier abgestiegen und hatte im Auftrag seiner Berliner Mandanten prominente Vertreter der Zürcher Bankwelt empfangen.
Auch diesmal traf er sich mit seinen schweizerischen Geschäftsfreunden, von denen einer ihm sein Chalet bei Davos anbot. »Sie können dort mit Ihrer Familie gern ein paar Monate Urlaub machen und sich erholen. Es wird Ihnen guttun. Es liegt wunderbar einsam, in einem prächtigen Skigebiet! Wir selbst werden – leider! – nicht vor Weihnachten dazu kommen, dort hinzufahren …«
Als Putti seinen Vater von diesem freundlichen Angebot erzählen hörte, war er begeistert: ein richtiges Blockhaus in den Bergen, wie es die Trapper in Amerika bauten, vielleicht sogar mit Schießscharten! Keine Schule weit und breit, nur noch Ferien, und nahe dem Haus ein Gebirgsbach, wo man Forellen fangen und probieren könnte, mit einer Bratpfanne Gold zu waschen!
Aber – und zu Lottchens großer Erleichterung – der Vater erklärte, er habe das großzügige Angebot natürlich nicht angenommen. Zwar reichte ihr Geld, das sie nach Bezahlung aller Steuern und Sonderabgaben nach Zürich hatten transferieren können, bei sehr sparsamer Lebensführung noch für ein bis anderthalb Jahre, jedoch müsste er sich nun rasch umsehen nach Möglichkeiten, beruflich wieder festen Fuß zu fassen.
Seit Hitler mit dem Ermächtigungsgesetz vom neuen Reichstag diktatorische Vollmachten für die nächsten vier Jahre erhalten hätte, müsste man sich darauf einrichten, dass der braune Spuk nicht so schnell vorüber sein würde, wie man anfangs gehofft hätte. Zur Eröffnung einer Anwaltspraxis bekäme er in der Schweiz keine Erlaubnis, und zum Nichtstun und Geldausgeben wäre es hier zu teuer. Also müsste er entweder bald eine Verdienstmöglichkeit finden oder sie müssten Weiterreisen, vielleicht nach Italien, wo das Leben etwas billiger wäre. Morgen hätte er eine Verabredung in Lugano – mit einem Schweizer, den er von früher her kenne und der ihn schon wiederholt zu seinem juristischen Berater hatte haben wollen. Wenn dies noch der Fall wäre, könnte ihnen dieser einflussreiche Mann wohl auch die Erlaubnis zu längerem Aufenthalt in der Schweiz verschaffen, und sie würden bleiben. Wenn nicht, müssten sie es in Italien versuchen.
So fuhren sie also am nächsten Morgen weiter nach Lugano, und unterwegs lasen sie die Zeitungen, auf die sich Puttis Vater, seit sie Deutschland verlassen hatten, geradezu stürzte und alles, was für sie von Interesse war oder wichtig werden konnte, genauestens studierte, wohl auch seiner Familie vorlas, wenn er sie damit zu ermuntern hoffte.
»Hört mal! Arturo Toscanini, der große Dirigent, hat seine Teilnahme an den Bayreuther Festspielen abgesagt – aus Protest gegen die Behandlung seiner jüdischen Künstlerkollegen durch die Nazis! Diese Backpfeife müsste Hitler doch eigentlich zur Besinnung bringen – solche Blamage vor der Weltöffentlichkeit kann er sich nicht leisten … Donnerwetter! Schmeling hat in New York den Kampf um die Weltmeisterschaft verloren – gegen den jüdischen Boxer Max Baer! Na, das freut mich aber – das wird die Nazis furchtbar ärgern!«
»Sie werden sagen: Das kommt davon, wenn man sich mit Juden einlässt«, hielt ihm seine Frau entgegen.
Putti aber, der sich dann die Sportseite erbat, fühlte sich hin und her gerissen. Ausgerechnet Maxe, sein Idol und das aller seiner Freunde, durch K. o. in der zehnten Runde um die fast sichere Weltmeisterschaft gebracht! Hätte es nicht ein anderer sein können, irgendein Muskelprotz von der SA? Andererseits war es natürlich eine tolle Sache, dass es ein jüdischer Boxer den Deutschen mal richtig gezeigt hatte und gegen den großen Max Schmeling Sieger geworden war!
»Ich weiß nicht«, meinte dazu seine Mutter. »Juden sollten sich nicht so vordrängen – es genügt doch, wenn man der Zweit- oder Drittbeste ist …«
»Und was ist mit Einstein?«, fragte Putti.
Die Eltern lachten.
Als sie durch den St.-Gotthard-Tunnel fuhren, hörte Putti den Vater sagen: »So, Lottchen, jetzt haben wir auch die Sprachgrenze hinter uns – gleich sind wir im Ticino, im Tessin, und da wird nur noch Italienisch gesprochen!«
Es schien ihn zu freuen, Putti aber erschrak.
Gewiss, der Papa konnte sich auf Italienisch unterhalten. Er liebte diese Sprache, die wie Musik klang. Aber was sollte er jetzt machen? Außer mit den Eltern würde er mit niemandem mehr reden können!
Hoffentlich, dachte er, bekommt Papa heute Abend von dem Schweizer Herrn ein gutes Angebot, und wir können dann in Zürich wohnen oder in einer anderen Stadt, wo Deutsch gesprochen wird, auch endlich die Kisten auspacken, die noch beim Spediteur stehen, und die elektrische Eisenbahn aufbauen …
Also drückte er die Daumen, dass Herr Dr. Hürlimann Papa helfen würde.
Es war ein kleiner, schon ziemlich alter Herr mit weißen Haaren, der dann im Hotel mit ihnen das Abendessen einnahm – nur eine Tasse Bouillon, etwas Quark und einen Apfel, denn er hatte einen äußerst schwachen Magen, und aus Rücksicht auf Herrn Dr. Hürlimann aßen sie das Gleiche.
Nach dem frugalen Mahl zogen sich die beiden Herren in ein Nebenzimmer zurück. Dr. Hürlimann, vom Hoteldirektor selbst unter vielen Verbeugungen dorthin begleitet, bestellte für die Unterredung eine Flasche kohlensäurefreies Mineralwasser mit zwei Gläsern und erklärte, dies ginge nun auf seine Rechnung.



