Die unfreiwilligen Reisen des Putti Eichelbaum (Steidl Pocket)

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Das Gespräch dauerte nicht sehr lange.
»Ich war froh«, hörte Putti seinen Vater davon berichten, »als er um halb zehn Uhr aufstand und sagte, er wäre es gewöhnt, um diese Zeit zu Bett zu gehen … Dieser Geizkragen! Allein in Deutschland hat er Abermillionen in Beteiligungen stecken. Ihm gehören Kinos, Filmgesellschaften, Varietés, Tanzpaläste und halbseidene Klubs. Außerdem hat er stille Beteiligungen an Flugzeug- und anderen Werken – doch sogar das abscheuliche Mineralwasser hat er zu bezahlen ›vergessen‹!«
»Das ist doch unwichtig, Curtchen, vergiss die Hauptsache nicht!«
»Die Hauptsache war, dass er mich ausgefragt hat, ob Gefahr bestände, dass die Nazis seine Nachtbars und ähnliche Lokalitäten schließen könnten, was ich leider verneinen musste, und ob schon aufgerüstet werde, was er sich erhofft, ich hingegen befürchte und vermute, aber nicht weiß …«
»Und hat er dir ein Angebot gemacht?«
»Allerdings – er schlug mir vor, die komplizierten Vertragswerke, die bisher meine Kollegen Krauss und Godin mit mir ausgearbeitet haben, fortan allein für ihn zu machen und zum halben Honorar! Natürlich habe ich das abgelehnt, aber er hoffte, ich würde es mir gewiss noch anders überlegen – doch da irrt er sich!«
»Gewiss, Curtchen, eine unerhörte Zumutung, aber …«, hörte Putti seine Mutter noch sagen. Dann wurde die Verbindungstür zum elterlichen Schlafzimmer leise geschlossen, und er verstand nicht mehr, was sie noch miteinander besprachen.
Aber er wusste jetzt, dass es mit der Schweiz nichts geworden war und dass er nun rasch Italienisch würde lernen müssen. Ein paar Worte hatte er ja schon von Papa beigebracht bekommen: Un piccolo gelato, per favore! So bekam man ein kleines Eis – aber wie erklärte man dem Mann hinter dem hohen Tresen, dass man ein großes haben wollte, oder zwar keins mit Bananen- und Melonengeschmack, sondern mit Vanille und Schokolade oder Erdbeeren? Leider konnte man, wenn man vor der Theke stand, nicht in die Gefäße sehen und dann auf das Gewünschte zeigen.
Am nächsten Tag fuhren sie weiter nach Como. Diesmal dauerte die Fahrt nicht lange. Die Stadt, die ganz nahe der schweizerischen Grenze an einem schönen See lag, gefiel Putti sehr. Auch stiegen sie wieder in einem Hotel ab, wo alle Deutsch verstanden. Als Erstes schrieben sie dann Ansichtskarten an alle guten Freunde in Deutschland. Papa las vor, was er zu berichten hatte:
Como. Hotel Barchetta, 15. Juni 1933.
Meine Lieben, obiges ist unsere vorläufige Adresse. Wir werden in Como bleiben, zunächst wenigstens, und uns die Post von hier abholen. Wir sind ganz froh, so schwer der Entschluss auch war.
Natürlich sind wir noch nicht ganz zur Besinnung gekommen. Aber die wunderbare Natur und die – innere – Ruhe, die man hier hat, sind schon etwas wert. Wir möchten gern von Euch hören – schreibt also bald!
Sobald wir festeren Fuß gefasst haben, hört Ihr mehr von uns. Wie es beruflich sein wird, habe ich natürlich keine Ahnung. Vorläufig ist es eine Art Sommerfrische – Hochzeitsreise mit Kind.
Herzlichste Grüße und alles Gute
Euer Curt.
»Und was hast du deinen Freunden zu berichten?«, fragte er Putti.
Putti, der noch bei der ersten Karte und über die Anrede Lieber Bernt! kaum hinausgekommen war, überlegte. Schließlich sagte er: »Naja, dass es hier Palmen gibt und dass man vielleicht schwimmen gehen kann, und dass es für mich sehr langweilig ist, weil ich überhaupt keine Freunde habe und erst sehr wenig Italienisch kann …«
Doch dieser betrübliche Zustand änderte sich schon bald. Nach knapp zwei Wochen im Hotel, wo es für Leute, die von ihren Ersparnissen leben mussten, auf die Dauer zu teuer war, fanden die Eltern ein möbliertes Ferienhaus, das zum 1. Juli zu vermieten war, und zogen dorthin um.
Die kleine Villa lag hoch über der Stadt am Monte Maurizio. Eine steinerne Treppe mit Hunderten von Stufen und so schmal, dass sie hintereinander hinaufsteigen mussten, war zu erklimmen, und von oben hatte man eine herrliche Aussicht auf Como und den See, allerdings auch auf eine Seidenspinnerei. Das Rauschen ihrer Spindeln war so laut, dass sie die Fenster schließen mussten, damit sie sich ohne zu schreien verständigen konnten. Puttis Eltern, noch außer Atem vom steilen Aufstieg, sahen sich entgeistert an.
»Du sagtest doch, Curtchen, es sei hier so wunderbar still – nur Vogelgezwitscher und fernes Glockenläuten …!?«
Er nickte bekümmert und schien nachzudenken. Dann rief er: »Richtig! Die junge Frau von der Agentur sagte, sie sei im Augenblick so beschäftigt, dass sie mir das Haus erst abends, nach Geschäftsschluss, zeigen könnte, besser noch am Sonntagvormittag, weil es dann heller sei …«
» … und vor allem ruhiger, weil sonntags die Maschinen abgestellt sind! Wahrscheinlich hat dir die Frau schöne Augen gemacht, und du bist auf ihre Tricks hereingefallen wie einer, der zum ersten Mal zum Jahrmarkt in die Stadt kommt. Und du willst ein Jude sein!?«
»Was heißt hier: wollen?«
Sie lachten noch, als es an der Haustür klopfte.
Putti öffnete, und eine Frau mit einem Blumenstrauß kam herein. »Herzlich willkommen«, sagte sie auf Deutsch und schüttelte ihnen die Hände. »Ich sehe, Sie sind vergnügt. Das freut mich. Ich bin Frau Erbslöh, Ihre Nachbarin. Mein Mann leitet die Fabrik, die solchen Krach macht, aber man gewöhnt sich daran … Ich bin gekommen, um zu sehen, ob ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann. Wir sind aus Elberfeld, und Sie sind aus Berlin, nicht wahr? Und Ihr Gatte, der Herr Doktor, ist Rechtsanwalt. Jedenfalls freuen wir uns, mal wieder Deutsch reden zu können, und mit so vornehmen und gebildeten Leuten … Glauben Sie mir: Hier lässt es sich gut leben – vor allem ruhiger als jetzt in Deutschland, wenn Sie verstehen, was ich meine … Und Ihrem netten Jungen wird es hier auch gefallen – wie heißt du denn? Richard? Sie werden dich Riccardo nennen, aber das macht ja nichts! Mein Karl, der wird Carlo gerufen – er ist so alt wie du – zwölf, nicht wahr? Er wird sich sehr freuen über einen deutschen Freund gleich nebenan!«

Putti und seine Eltern nach der Ankunft in Como, 1933
Dank Frau Erbslöh, die Lottchen gleich unter ihre Fittiche nahm, gab es keine Haushaltsprobleme und keine Anpassungsschwierigkeiten. Sie besorgte jemanden aus der Fabrik, der den verstopften Ausguss reinigte, die Propangasflasche für den Küchenherd auswechselte und den Warmwasserhahn im Bad mit einer neuen Dichtung versah; sie kannte die Quellen für frische Landeier, Butter, Honig, Bauernbrot und Gemüse, einen guten und keineswegs teuren Friseur und eine zuverlässige Zugehfrau, die einmal wöchentlich gründlich putzte, und sie wusste auch, wo es – unter dem Ladentisch, weil verbotenerweise aus der Schweiz eingeschmuggelt – die bereits in Prag erscheinenden Zeitungen der deutschen politischen Emigranten zu kaufen gab – eine Mitteilung, die Puttis Eltern aufhorchen ließ.
Frau Erbslöh hörte gar nicht auf zu reden, so froh war sie, endlich mal wieder mit, wie sie sagte, »richtigen Deutschen reden zu können, die keine Nazis sind«.
Auch Putti, der eigentlich nur darauf brannte, Karl Erbslöh kennenzulernen und den alles Übrige nicht sonderlich interessierte, war erstaunt über so viel Unbekümmertheit. Frau Erbslöh aber erklärte ganz unbefangen: »Como ist nicht groß – hier wissen die Leute alles über Fremde, die keine Touristen sind. Die Frau von der agenzia, die Ihnen das Haus vermietet hat, sagte schon heute früh zu mir: ›Signora Anna‹ – so nennen sie mich hier –, ›das sind noble, gebildete Leute, ein dottore aus Berlin mit einer eleganten Dame zur Frau und einem Sohn, so alt wie Ihr Carlo. Ihre Möbel sind in Zürich – sie haben gewiss Deutschland verlassen müssen …‹ Und Carlotta, die Sekretärin meines Mannes, ist die Cousine der Dame an der Rezeption des Hotels Barchetta, wo Sie bis jetzt gewohnt haben, und die gewiss einen Blick auf die Ansichtskarten geworfen hat, die Sie nach Deutschland geschickt haben – jedenfalls sagte sie mir, Sie seien ausgewandert … Die Leute hier sind ja so neugierig! Und so froh, wenn jemand kein Faschist und kein Nazi ist … Sie kommen doch heute Abend zu uns auf ein Glas Wein, nicht wahr? Mein Mann freut sich schon sehr darauf! Ach, da kommt ja auch mein Karl, der es nicht abwarten kann, Ihren Richard kennenzulernen!«
Für Putti wurde Como, nachdem Karl Erbslöh ihm alles Interessante gezeigt und sich mit ihm angefreundet hatte, nun tatsächlich zur Sommerfrische und war gar nicht mehr langweilig. Fast vergaß er, dass es für ihn und die Eltern kein Berliner Zuhause, keine Rückkehr zu alten Freunden und zu Agnes mehr gab.
Er wurde nur immer wieder daran erinnert, wenn die Eltern davon sprachen, aber auch sie waren jetzt gefasster und mitunter sogar ganz fröhlich, vor allem, wenn sie Erbslöhs besuchten oder diese zu ihnen kamen, was abwechselnd beinahe jeden Abend der Fall war.
Herr Erbslöh, der Direktor der lärmenden Seidenfabrik, war ein kräftiger Mann um die Fünfzig mit dünnem Haarkranz um den eckigen Schädel, Sommersprossen und kleinem Schnurrbart. Er erklärte schon bei der ersten Begegnung, seine Pranken vorweisend, er sei eigentlich nur ein einfacher Prolet, der es in mehr als dreißig Jahren »wackerer Maloche« für kapitalistische Ausbeuter zum Werkmeister und nun sogar zum Direktor eines Zweigbetriebs gebracht habe. Außerdem sei er Marxist und in Elberfeld als »Roter« bekannt. Hätte ihm die Geschäftsleitung nicht diesen Auslandsposten zugeschanzt, säße er jetzt wohl im KZ, sofern ihn die Wuppertaler SA-Rabauken nicht schon totgeschlagen hätten. Er sei genauso froh wie der Herr Doktor, hier in Como in Sicherheit zu sein und in Ruhe die Weltrevolution abwarten zu können, und gegen Juden habe er gar nichts, im Gegenteil, er begrüße ein Bündnis der bürgerlichen Intelligenz mit dem Proletariat, das dem Klassenkampf eine neue Qualität gebe.
Puttis Vater, der überhaupt nicht auf die Weltrevolution, sondern nur auf die Wiederkehr von Ruhe und Ordnung in Deutschland wartete, nicht die geringste Neigung zum Klassenkampf verspürte und im vorigen Jahr noch für Hindenburg gestimmt hatte, fand Herrn Erbslöh, wenn er seine politischen Ansichten verbreitete, etwas anstrengend. Aber er war dankbar für die große Hilfe, die Frau Erbslöh für Lottchen bedeutete, und froh darüber, dass Putti nun wieder einen Freund hatte und ganz glücklich zu sein schien.
Schon etwa drei Wochen nach ihrem Einzug in die vom Fabriklärm umbrandete Villa, wo man die nächtliche und sonntägliche Stille als doppelt wohltuend empfand, kam überraschend Georg Krauss aus Berlin zu Besuch. Er hatte sich eine Geschäftsreise in die Schweiz genehmigen lassen und einen Abstecher zum Freund und Kollegen in Como gewagt.
Dr. Krauss brachte unerlaubterweise »für Curt noch eingegangene Honorare« mit, fast ein Monatseinkommen guter Zeiten, für Lottchen deren Lieblingspralinen, für Putti als nachträgliches Geburtstagsgeschenk eine Trapperausrüstung nebst Taschenlampe, außerdem eines meiner Lieblingsbücher, Emil und die Detektive, das ich ihm mitgegeben hatte.
»Kästner hat jetzt Schreibverbot«, berichtete Georg Krauss den Erwachsenen, und überhaupt habe sich der Druck noch verstärkt. Alle Parteien und Gewerkschaften waren aufgelöst, sämtliche dem Regime missliebigen Zeitungen verboten. Es gab nur noch die Organisationen der Nazis und deren Presse, an Literatur kaum anderes als »Blut und Boden«-Verherrlichung. Im Mai waren in allen Universitätsstädten »artfremde« Bücher öffentlich verbrannt worden – »Die größte Schande für ein Kulturvolk, die es überhaupt gibt!«, wie Dr. Krauss laut und deutlich erklärte, obwohl sie bei dieser Unterhaltung im Freien, auf einer Caféterrasse mitten in Como, an der Piazza vor dem Dom, saßen. Dr. Krauss hatte sie alle eingeladen, auch Erbslöhs, mit denen er sich sofort gut verstand.
»Und diese Dreckskerle, die unser Land in Schande bringen, werden vom Ausland auch noch hofiert! England, Frankreich und Italien haben heute einen Pakt mit der Hitler-Regierung geschlossen! Damit werten sie dieses Schurkenregime auf und billigen stillschweigend alle Missetaten!«

Rechtsanwalt Dr. Georg Krauss; während des Zweiten Weltkriegs als Verwaltungsoffizier in Frankreich. Nach dem Krieg war er 1. Generalkonsul der BRD in New York.
Die Männer tranken Grappa, die Frauen Wein, die beiden jungen Orangeade. Die Schnäpse brachte der Kellner in Espresso-Tassen. Die italienischen Faschisten führten gerade eine »Kampagne gegen das Laster« und hatten den Ausschank von Grappa streng reglementiert, nach 21 Uhr gänzlich verboten. Aber niemand schien dies sonderlich ernst zu nehmen.
»So lässt sich Faschismus gerade noch ertragen«, fand Dr. Krauss. Er hob sein Kaffeetässchen und stieß mit Herrn Erbslöh an. »Bei uns dagegen«, fuhr er mit einem tiefen Seufzer fort, »da ist es genauso, wie es Max Liebermann kürzlich beschrieben hat: ›Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen muss …‹ – ich kann ihm da nur beipflichten. Prost, Curt! Auf unseren Nachbarn!«
Herr Erbslöh glaubte, er wäre gemeint, und dankte erfreut, obgleich das Prosit eigentlich dem 85-jährigen Maler und von den Nazis abgesetzten Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste galt, dessen Haus am Pariser Platz neben dem stand, wo Dr. Krauss noch als Anwalt praktizierte und wohin sein Freund Curt so gern zurückgekehrt wäre.
»Sei froh, dass du nicht gewartet hast, Curt«, sagte Georg Krauss etwas leiser. »Es wird jede Woche schwerer für alle, die noch zögern zu emigrieren. Goldstaubs bereiten jetzt ihre Auswanderung nach Amerika vor, Hirschfelds werden nächsten Monat nach Schweden abreisen – vor allem wegen der Kinder.«
Putti horchte auf.
»Poldi«, hörte er Dr. Krauss sagen, »ist jetzt allein – Puttis alte Freunde, auch Bernt, sind auf einer anderen Schule, wo es noch zivilisiert zugeht. Der arme Poldi aber muss in der Klasse hinten auf der ›Judenbank‹ sitzen, getrennt von den ›arischen‹ Schülern, und in den Pausen ist er auf dem Schulhof von drei älteren Hitlerjungen verprügelt worden. Nur ein Klassenkamerad ist ihm zu Hilfe gekommen …«
»Das war bestimmt der Wolfi«, rief Putti dazwischen. »Wolf Oppen, Papa, der bei uns in der Badischen Straße im zweiten Stock wohnt. Stimmt’s, Onkel Georg?«
Dr. Krauss nickte.
»Wolfi hat mir auch schon mal mächtig geholfen, als die Wilmersdorfer HJ hinter uns …« Putti brach ab, denn es fiel ihm ein, dass er, um die Eltern nicht aufzuregen, zu Hause nur erzählt hatte, er wäre auf der Treppe ausgerutscht und hingefallen.
Krauss, der seine Verlegenheit sah, kam ihm rasch zu Hilfe: »Das Tollste habe ich euch ja noch gar nicht erzählt: Erinnerst du dich an Krawuttke, Curt, unseren Hausmeister? Und an Max, das blasse Bürschchen, seinen missratenen Sohn, den du gegen Kaution …?«
»Ja, natürlich. Er kam gerade noch mit einer Geldstrafe davon. Was hat er nun wieder angestellt?«
»Er ist jetzt im Stab von Graf Helldorff, unserem neuen Polizeipräsidenten, und von diesem zum SA-Sturmführer z. b. V. ernannt. Z. b. V. heißt ›zur besonderen Verwendung‹. Er besucht wohlhabende jüdische Geschäftsleute und bietet ihnen seine Hilfe bei Auswanderung und Vermögenstransfer an. Bei Goldstaub war er und wollte dessen Atrium-Filmpalast kaufen – zu einem ›Freundschaftspreis‹, versteht sich, etwa so viel, wie die Polster der letzten Reihe im zweiten Rang gekostet haben … Umgekehrt will er Goldstaubs übriges Vermögen dann zum Transfer ins Ausland freigeben – was sagst du dazu?«
Putti stellte erleichtert fest, dass seine Eltern sich schon ganz auf das neue Thema eingestellt hatten. Seine Mutter gab ihrer Enttäuschung über die Zustände Ausdruck, die Gaunern erlaubten, als Polizei aufzutreten. Sein Vater aber dachte angestrengt nach.
»Also, Georg, ich hielte eine Schenkung für das Klügste«, meinte er schließlich, »natürlich notariell und mit einigen kleinen Auflagen …«
Georg Krauss stutzte, dann lachte er.
»Natürlich! Dass ich darauf nicht gekommen bin! Binnen welcher Frist kann die Schenkung widerrufen werden, wenn Bedürftigkeit eintritt?«
»Innerhalb der nächsten zehn Jahre, und es genügt, wenn der Schenker in seinem Einkommen erheblich gemindert ist.«
»Curt, das ist die Lösung! Das werde ich Goldstaub raten … Ach, es ist ein Jammer, dass du in Como sitzt und nicht mehr im Büro nebenan!«
Auf dem Heimweg sagte Putti zu seinem Onkel Georg: »Die Trapperausrüstung ist edelknorke, und am allerschönsten ist die Taschenlampe, mit der man sogar morsen kann! Hast du das gewusst?«
»Klar, und jetzt musst du Morsen lernen, als Erstes den internationalen Hilferuf SOS – dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz –, aber mach keinen Unsinn damit und übe nur im Zimmer. Um Hilfe darf man nur in wirklicher Not rufen!«
»Ich wollte dich bitten, die Trapper-Taschenlampe wieder mit nach Berlin zu nehmen und sie Wolf Oppen zu schenken …«
»Das finde ich aber sehr anständig von dir – aber, weißt du was? Ich habe noch eine zweite Lampe zu Hause, die bekommt der Wolf, und ich sage ihm wofür und richte ihm Grüße von dir aus – einverstanden?«
Wenn es von »edelknorke« noch eine Steigerung gegeben hätte, fand Putti, so wäre sie auf seinen Onkel Georg anzuwenden. Auch Karl Erbslöh war dieser Meinung. Die beiden Jungen verstanden sich von Tag zu Tag besser, aber gegen Ende August, als sie fast unzertrennliche Kumpel geworden waren, entschlossen sich Puttis Eltern zum Umzug nach Mailand.
In der Großstadt hoffte sein Vater eher eine Verdienstmöglichkeit zu finden, und dort gab es auch eine Schweizer Schule, die bereit war, den Schüler Richard Eichelbaum nach den Sommerferien aufzunehmen.
Anfang September nahmen sie Abschied von Erbslöhs, fuhren mit dem Zug ins nahe Milano und zogen in eine freundliche Familienpension in der Nähe der Scala, die ihnen empfohlen worden war. Nun hatte die Emigration erst wirklich begonnen, die »Sommerfrische« war endgültig vorbei, auch für Putti, der jetzt zu spüren begann, was es bedeutete, kein Zuhause mehr zu haben.
Bis zum frühen Nachmittag war er in der Schule, wo es ihm sehr schwerfiel, dem Unterricht in deutscher, italienischer und französischer Sprache, nicht selten auch in Schwyzerdütsch, zu folgen. Er, der in Berlin ein guter, die Anforderungen des Gymnasiums ohne Schwierigkeiten erfüllender Schüler gewesen war, zählte jetzt zu denen, die regelmäßig schlechte Noten bekamen, zu den »Nieten«, wie Dr. Zumsteg, sein Klassenlehrer, abfällig bemerkte.
Sein Vater versuchte ihn zu trösten: »Die Ersten werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein«, zitierte er den Evangelisten Matthäus, sehr zur Verwunderung von Lottchen, die besorgt fragte: »Du wirst doch nicht etwa fromm, Curtchen?«
Er lachte. »Keine Sorge – in gärend Drachengift hat man die Milch der frommen Denkart mir verwandelt …«
»Das kenne ich«, rief Putti, »das ist aus Wilhelm Tell, nicht wahr?«
»Na, siehst du, wenn du den Tell kennst, kannst du doch auf der Schweizer Schule damit glänzen!«
Putti befolgte dankbar diesen Rat. Nachdem ihm der Vater den entsprechenden Band von F. v. Schiller’s Sämmtliche Werke bei einem Antiquar besorgt hatte, las er das patriotische Schauspiel, bis er es fast auswendig konnte. Doch es bot sich ihm keine Gelegenheit, Herrn Dr. Zumsteg mit einem Zitat daraus zu beeindrucken, und seine Noten verbesserten sich durchaus nicht.
Es war überhaupt für ihn ein sehr trauriger Herbst und Winter, ohne Freunde, ohne Spielsachen, ausgenommen die Trapperausrüstung, mit der er aber im regnerischen Milano nichts anfangen konnte, und ohne ein richtiges Zuhause. Selbst die Abende, an denen sich die Pensionsgäste in der sala an einem großen Tisch zum gemeinsamen Abendessen einfanden und danach noch ein Stündchen beisammensaßen, miteinander plauderten oder Halma spielten, fand er anfangs nur langweilig, doch dann wurden sie ihm und auch seinen Eltern immer mehr zur Qual.
Seit Frau Curtius und Frau v. Stotz, ältere Beamtinnen des deutschen Konsulats, die ebenfalls in der pensione wohnten, herausgefunden hatten, dass es sich bei Dr. Eichelbaum und Familie um »nichtarische« Emigranten handelte, betraten sie die sala nur noch mit lautem Heil Hitler! und reckten dabei den rechten Arm zum »deutschen Gruß«. Sie erklärten den sehr erstaunten italienischen Pensionsgästen, dass sie so weit wie möglich entfernt von jenen »Hebräern« sitzen wollten, die zwar blond, aber keine »Arier« wären und daher »Untermenschen«, und sie ergingen sich in immer boshafteren Anzüglichkeiten, wobei die häufigen Fragen, ob dieses oder jenes Gericht, das serviert wurde, auch tatsächlich koscher sei, noch die harmlosesten waren. An einem nebligen Dezemberabend – Lottchen und Curt saßen bereits in der sala und unterhielten sich mit einem ingegnére aus Ascona, der ihnen wiederholt seine Sympathie bekundet hatte; Putti hatte sich einen der neuen Mickymausfilme ansehen wollen und gesagt, dass er etwas später käme – wurden sie plötzlich von schrillen Schreien aus dem hinteren Korridor aufgeschreckt: »Hiiilfe! Hiiilfe!«
Die Ursache blieb zunächst rätselhaft, das Abendessen verzögerte sich erheblich. Alle Gäste waren bereits versammelt. Auch Putti hatte sich längst eingefunden und saß brav zwischen seinen Eltern. Nur die Damen v. Stotz und Curtius sowie die Pensionswirtin fehlten noch.
Schließlich erschien die noch sichtlich erregte Wirtin, gefolgt von den beiden Mädchen, die die Schüsseln mit den Spaghetti brachten. Sie tuschelten und kicherten miteinander. Die signora schilderte dann mit dramatischen Gesten, was vorgefallen war:
Die beiden deutschen Damen glaubten, un spettro, un folletto, ein Gespenst gesehen zu haben! Ihr Fenster hätte sich von allein knarrend geöffnet, und ein kleiner buckliger Mann mit einem breitkrempigen Schlapphut, rotglühenden Augen und struppigem Bart wäre ihnen erschienen. Mit dürren grünen Fingern habe er auf sie gedeutet und sie dann in altertümlichem Deutsch mit dem baldigen Tode bedroht …!
Unsinn natürlich, una follia, nichts als Halluzinationen dieser ohnehin etwas überspannten Damen. Man hätte sie mit Weinkrämpfen ins Bett bringen müssen, und von dottore Grimaldi wäre ihnen ein starkes Beruhigungsmittel verabreicht und drei Tage strenge Bettruhe verordnet worden.
Lotte Eichelbaum warf einen raschen Blick auf ihren Sohn, der sich aber ungerührt ganz seinen Spaghetti widmete, dann zu ihrem Ehemann, dessen Mundwinkel zuckten.
»Curtchen, bitte! Beherrsch dich!«
Später erkundigte sich der Papa bei Putti, ob er noch seine Trapper-Taschenlampe von Onkel Georg hätte, deren Licht, wie er sich zu erinnern meinte, auch auf Rot und Grün verstellbar wäre. Putti bestätigte beides, nicht ohne Stolz, und erbot sich, ihm die Lampe vorzuführen.
Aber der Papa winkte ab.
»Ich wüsste nur noch gern, ob es ein – natürlich in die Mehrzahl abgeändertes – Zitat aus dem vierten Akt war, das die Damen gehört zu haben meinen?«
Als Curt dann zu Lottchen ins Nebenzimmer zurückkehrte, nickte er nur, aber sie gab sich damit nicht zufrieden.
»Nun sag schon: Welche Stelle aus dem Tell war es?«
Curt flüsterte, wie wenn er am Wiener Burgtheater spielte und noch im dritten Rang gehört werden wollte, auch mit dem entsprechenden Pathos: »Macht eure Rechnung mit dem Himmel, Weiber! Fort müsst ihr! Eure Uhr ist abgelaufen … Es ist zwar sehr frei nach Schiller, hat aber offenbar Eindruck gemacht.«
»Warst du sehr streng mit ihm?«
»Ich sah dazu keinen Anlass. Auch sagte er: ›Ich hab’ getan, was ich nicht lassen konnte!‹ – ebenfalls aus dem Tell …«
Putti, der nebenan angestrengt gelauscht hatte, hörte seine Eltern zum ersten Mal seit Wochen wieder richtig lachen.
Als er am nächsten Tag aus der Schule kam, berichtete er seiner Mutter voller Freude, er wäre von Herrn Dr. Zumsteg in Deutsch sehr gelobt und mit der besten Note bedacht worden. Sie freute sich und erlaubte ihm, ins Kino zu gehen. Dann fiel ihr etwas ein, und sie fragte: »Habt ihr vielleicht heute Wilhelm Tell durchgenommen?«



