Die unfreiwilligen Reisen des Putti Eichelbaum (Steidl Pocket)

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»Ja, endlich! Und ich kam gleich zu Anfang dran, weil ich der Einzige war, der das Stück schon kannte. Ich habe es ausführlich erzählt und konnte sogar einiges auswendig zitieren!«
»Fabelhaft«, fand Puttis Mutter. »Da sieht man mal wieder, wie nützlich die gründliche Beschäftigung mit Klassikern sein kann … Übrigens, vielleicht solltest du es jetzt mal mit Shakespeares ›Julius Cäsar‹ versuchen – wir werden nämlich bald nach Rom ziehen! Denk dir, Papa hat endlich etwas gefunden!«
Curt, der sich in Mailand seit Monaten vergeblich bemüht hatte, eine Anstellung zu finden, wo seine juristischen Kenntnisse gefragt wären, hatte schließlich resigniert und es mit einer Arbeit versucht, für die er sich nicht eignete und die ihm, außer Spesen, auch nichts eingebracht hatte: Er sollte die vornehmsten Mailänder Hotels, Restaurants, Nachtlokale und Ladengeschäfte dazu bewegen, teure Anzeigen in eine Schiffszeitung zu setzen, die auf den aus Übersee in Genua einlaufenden Passagierdampfern zwei Tage vor der Landung verteilt wurde.
Aber die Mailänder Hoteliers, Gastronomen und Juweliere glaubten so wenig an einen Erfolg solcher Reklame wie er selbst. Nur einmal bestellte einer ein teures Inserat. Es war der jüdische Inhaber eines kleinen Juwelengeschäfts an der Piazza Loreto, mit dem er sich lange unterhalten hatte über das Unglück, das den Juden in Deutschland widerfahren war.
Indessen hatte sich bei Curt schon auf dem Heimweg das Pflichtgefühl des korrekten preußischen Notars gerührt und schließlich durchgesetzt. Am nächsten Vormittag war er nochmals bei dem mitfühlenden Juwelier erschienen, hatte seinem bislang einzigen Kunden das Inserat wieder ausgeredet, denn das wäre für ihn doch nur hinausgeworfenes Geld, und den Vertrag storniert. Der Juwelier, der ihn dann zum Mittagessen eingeladen hatte, war sehr dankbar gewesen, das ihn auch schon reuende Geld wieder zurückzuerhalten.
»Aber, geehrter Herr Doktor«, hatte er Curt versichert, »als Verkäufer bei mir im Geschäft möchte ich Sie, Gott behüte, nicht!«
Immerhin hatte ihn die erfolglose Anzeigen-Akquisition alle besseren Hotels und Lokale der Stadt kennenlernen lassen, und im vornehmsten albergo, dem Principe e Savoia an der Piazza della Repubblica, war er im Foyer von einem eleganten, etwa zehn Jahre jüngeren Mann angesprochen worden, der ihn, wie er sagte, von Berlin her kannte und sich freute, ihn wiederzusehen.
Es war der Filmkaufmann Willy Karol, den er vor einigen Jahren einmal beraten und vor beträchtlichem Schaden bewahrt hatte. Nun erfuhr er, dass Karol mit dem Italien-Geschäft der Ufa betraut war, das einen sehr beträchtlichen Umfang angenommen hatte. Zum einen galt das faschistische Italien Mussolinis den neuen Herren in Berlin als »befreundetes Land«, zum anderen aber boten deutsch-italienische Koproduktionen noch die Möglichkeit, »nichtarische«, »jüdisch versippte« oder aus politischen Gründen nicht mehr »tragbare« Filmschaffende weiter zu beschäftigen – weniger aus Freundlichkeit und Menschenliebe, als vielmehr zur Verhinderung des totalen Zusammenbruchs der deutschen Filmindustrie.
Die meisten Filmautoren – von Vicki Baum bis Carl Zuckmayer –, die wichtigsten Regisseure und Produzenten wie Paul Czinner, Alexander Korda, Fritz Lang, Ernst Lubitsch, Max Ophüls, Erich Pommer, Otto Preminger, Leontine Sagan, Robert Siodmak, Josef von Sternberg, Wilhelm Thiele, Billy Wilder und viele andere, die bedeutendsten Filmkomponisten, aber auch die besten Kameraleute und vor allem die bekanntesten und beliebtesten Darsteller hatten jetzt in Deutschland Berufsverbot.
Curt hörte mit wachsendem Staunen, wer da alles vom Ministerium des Dr. Goebbels von Bühne und Leinwand verbannt worden war: Siegfried Arno, Else und Albert Bassermann, Elisabeth Bergner, Ilse und Curt Bois, Felix Bressart, Ernst Deutsch, Julius Falkenstein, Franziska Gaal, Kurt Gerron, Therese Giehse, Paul Grätz, Dolly Haas, Max Hansen, Oskar Homolka, Fritz Kortner, Peter Lorre, Lucy Mannheim, Fritzi Massary, Paul Morgan, Grete Mosheim, Max Pallenberg, Lilli Palmer, Camilla Spira, Ernst Stahl-Nachbaur, Szöke Szakall, Rosa Valetti, Conrad Veidt, Otto Wallburg und Adolf Wohlbrück, um nur die populärsten zu nennen, außerdem Sängerinnen und Sänger wie Gitta Alpar, Jan Kiepura, Josef Schmidt und Richard Tauber. Marlene Dietrich war freiwillig ausgewandert, Tilla Durieux mit ihrem jüdischen Ehemann geflüchtet.
Einigen »Nichtariern« oder mit solchen Verheirateten hatten die braunen Machthaber wegen ihrer besonderen Beliebtheit notgedrungen »vorläufig« gestattet, weiter aufzutreten, so Hans Albers – der sich weigerte, sich von Hansi Burg scheiden zu lassen –, Georg Alexander, Paul Henckels, Joachim Gottschalk, Theo Lingen, Hans Moser, Henny Porten, der Sängerin Erna Sack, Leo Slezak und Eduard von Winterstein. Selbst einigen nur hinter den Kulissen, als technische oder kaufmännische Spitzenkräfte, in der Filmindustrie tätigen »Nichtariern« war wegen ihrer Unentbehrlichkeit vorerst erlaubt worden, ihren Beruf weiter auszuüben, nach Möglichkeit außerhalb der Reichsgrenzen und bei Koproduktionen mit ausländischen Filmgesellschaften.
Zu diesen unentbehrlichen »Nichtariern«, so erfuhr Curt nun, gehörte auch sein früherer Klient Willy Karol, der ihn zu einem Cognac eingeladen hatte und ihn auszufragen begann: Ob er schon beruflich Fuß gefasst hätte, wie es mit seinen Sprachkenntnissen stehe, ob er auch komplizierte Verträge in englischer, französischer und italienischer Sprache aufsetzen könnte?
»Hören Sie, lieber Herr Dr. Eichelbaum, Sie schickt mir der Himmel! Sie sind genau der Mann, den ich in Rom brauche! Hätten Sie Lust dazu?«
Sie einigten sich dann, sowohl auf ein zunächst nicht allzu hohes, jedoch zum Leben ausreichendes Honorar als auch darauf, dass Curt Eichelbaum probeweise für sechs Monate zu Herrn Karol nach Rom ziehen sollte, vorerst allein, und dass die Reise- und Aufenthaltskosten von der Ufa getragen würden.
»Auf eine Filmkarriere hatte ich eigentlich nicht zu hoffen gewagt«, sagte Curt zu Lotte und Putti, nachdem er ihnen von der Unterredung mit Herrn Karol erzählt hatte, »am allerwenigsten bei der Ufa … Werdet ihr denn eine Weile lang ohne mich zurechtkommen? Es wird bestimmt keine sechs Monate dauern. Spätestens in sechs, acht Wochen werde ich euch entweder nachkommen lassen – oder wieder hier sein …«
»Ich werde auf Mama gut aufpassen«, erklärte Putti.
»Und ich auf den Jungen«, sagte Lottchen. »Ich drücke uns fest die Daumen, dass es in Rom so wird, wie wir hoffen!«
1. April 1935. Die sieben offiziellen Konzentrationslager in Deutschland werden der SS unterstellt.
Mai 1935. Die allgemeine Wehrpflicht wird eingeführt.
Juni 1935. Die Arbeitsdienstpflicht wird eingeführt.
September 1935. Die »Nürnberger Gesetze« machen die Juden, aber auch christliche »Nichtarier« und »Mischlinge«, zu Menschen minderen Rechts.
November 1935. Allen »Nichtariern« wird die Reichsbürgerschaft aberkannt.
Oktober 1935. Der Überfall Italiens auf Äthiopien beginnt.
Januar 1936. Den italienischen Verbänden gelingt nach Einsatz von Fliegerbomben und Giftgas gegen die Zivilbevölkerung der erste Durchbruch.
7. März 1936. Die deutsche Wehrmacht marschiert ins bis dahin entmilitarisierte Rheinland ein.
April 1936. In Deutschland beginnt der Propagandafeldzug gegen die moderne, angeblich »entartete« Kunst.
Juli 1936. Mit einem Putsch faschistischer Militärs unter Führung General Francos beginnt der Spanische Bürgerkrieg.
August 1936. Olympische Spiele in Berlin.
Herbst 1936. Deutsche (»Legion Condor«) und italienische Truppen werden in Spanien zur Unterstützung Francos eingesetzt.
Juli 1937. Die Japaner greifen China an und erobern Peking.
25. September 1937. Mussolini kommt erstmals zu einem Staatsbesuch nach Berlin.
Februar 1938. Hitler entlässt Reichswehrminister General v. Blomberg und übernimmt selbst den Oberbefehl. Pastor Niemöller kommt ins KZ.
März 1938. Hitler lässt die Wehrmacht in Österreich einmarschieren. Über 99% in Deutschland und Österreich stimmen im April für den »Anschluss«.
Rom
Mitte Januar 1935 – eben war das Saargebiet, wohin sich viele politische Emigranten geflüchtet hatten, nach einer Volksabstimmung wieder deutsch geworden – bekamen wir einen langen Brief von Lotte Eichelbaum – aus Rom:
Ihr Lieben, allzu lange habt Ihr nichts von mir gehört! Aber erst in den letzten Stunden bin ich wieder etwas zur Ruhe gekommen; die Wochen und Monate zuvor ließen mir kaum Zeit zum Schreiben. Gestern Abend brachte mir Peppino – das ist unser Hausmeister, ein sehr lieber, freundlicher und hilfsbereiter Mann, so ganz anders als die Feldwebel-Portiers unserer früheren Gegend! – meine bunten Chintz-Vorhänge, die wir damals zusammen ausgesucht haben, und die Organza-Stores für das Schlafzimmer, und er hat sie mir auch gleich aufgehängt. Sie waren zum Waschen und Spannen nach so langer Zeit in den staubigen Kisten, und nun, da sie an den Fenstern hängen, ist alles fertig eingerichtet. Ihr erseht aus alledem, dass wir endlich wieder eine richtige Wohnung mit unseren eigenen Möbeln haben und uns nach anderthalb Jahren zu Hause fühlen können! Es sind vier Zimmerchen, mit Küche, Bad und WC, alles in allem kaum größer als unser altes Wohn- und Esszimmer, wenn die Schiebetür dazwischen geöffnet war, also mehr eine Puppenstube, aber in einem schönen Neubau am Monte Mario über dem rechten Tiber-Ufer, weit im Nordosten der herrlichen Stadt, und mit einem hübschen kleinen Balkon. Doch nun der Reihe nach: Wie Ihr wisst, bekam Curt ein Angebot und fuhr nach Rom – auf den Tag genau heute vor einem Jahr! Putti und ich blieben zunächst noch in Milano, weil es ja erst nur probeweise war. Aber schon am 1. März bekam Curt einen festen Vertrag – eine große Erleichterung für uns, auch wenn die Einkünfte bescheiden sind! Eine Woche nach Ostern trafen Putti und ich in Rom ein, und wir wohnten dann, etwas beengt, in einem kleinen Hotel, bis wir diese Wohnung fanden, deren Fertigstellung sich aber hinzog – bis Mitte Dezember. Ich war schon ganz nervös, weil die Handwerker uns immer wieder vertrösteten. Wir müssen uns erst noch abgewöhnen, alles an preußischen Maßstäben zu messen; in Frankreich nennt man Leute wie uns ›les chez-nous‹, weil sie alles bekritteln und behaupten, ›chez nous‹, bei uns zu Hause, sei alles besser gewesen – mit nur einer, aber vielleicht nicht ganz unwichtigen, Ausnahme …
Curt hat sehr viel zu tun, kommt oft erst spät aus Cinecittà (am entgegengesetzten Ende der Stadt, wo die Studios und Büros sind), und nicht selten arbeitet er dann noch zu Hause bis spät in die Nacht an den komplizierten Filmverträgen mit Hollywood, Paris und – Berlin, das für uns in immer weitere Ferne rückt … Fast vier Wochen hat es gedauert, bis Curt am vorigen Sonntag endlich die Zeit gefunden hat, seine Bibliothek einzuräumen. Als er fertig war, stand er davor wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum!
Wir haben von dem, was in Zürich lagerte, so viel herkommen lassen, wie wir hier unterbringen können, und es traf wirklich vollständig und unbeschädigt ein! Auch von meinem Meißner Porzellan, das Ihis merkwürdiger Bräutigam damals mit Agnes’ Unterstützung eingepackt hat, ist kein Stück kaputt – es grenzt an ein Wunder! Als ich es auspackte, musste ich an die Geburtstagsfeier denken, bei der sich die Männer – ausgerechnet! – um die schräge Schlachtordnung des Alten Fritz bei Leuthen stritten und Curt mit der Rotwein-Karaffe, Ziethens Reiterei, meine schönste Bratenplatte, die Armee des zaudernden Marschalls Daun, zerschmetterte, und Curts Schwester Hetty ließ vor Schreck auch noch die Sauciere fallen … Erinnert Ihr Euch noch daran, wie wir gelacht haben, als Curt ganz entgeistert auf den verwüsteten Tisch starrte und sagte: ›Genauso war es! Die österreichische Hauptmacht war vernichtet, und Daun musste Schlesien aufgeben!‹, und Putti schrie dazu wie am Spieß … Übrigens, Putti, der Euch alle herzlich grüßen lässt, ist seit Oktober Page im Hotel ›Excelsior‹ – in grüner Livree und mit schiefsitzendem Käppi –, natürlich nur nachmittags, wenn er keine Schule hat. Er verdient so gut dabei, dass Curt schon gesagt hat: ›Ich weiß gar nicht, warum ich so lange studieren musste – nur weil Onkel Moritz keine Ahnung davon hatte, dass ein Hotelpage mehr verdient als ein preußischer Gerichtsassessor …‹ Putti ist mächtig gewachsen, schon größer als ich und fast so groß wie sein Vater. Die hiesige Deutsche Schule war, wie Hetty sagen würde, ›etwas diffizil‹ und wollte ihn nicht haben; die italienischen Gymnasien haben eine zu schwere Aufnahmeprüfung, und so blieb uns nur das Lycée Chateaubriand, eine französische Anstalt für Diplomatenkinder, privat und unverschämt teuer. Er hat einen weiten Schulweg und fährt jeden Morgen mit dem Rad durch die halbe Stadt, was mich täglich aufs Neue in Angst versetzt. Doch er fühlt sich dort und überhaupt, seit wir in Rom sind, recht wohl. Die Pagenstellung hat ihm Willy K., Curts Chef, verschafft, der schon seit anderthalb Jahren im sehr vornehmen ›Excelsior‹ wohnt (auf Spesen natürlich!) und wirklich sehr nett und hilfsbereit ist. Seine Frau Anni und er laden uns häufig zum Essen ein, und heute können wir uns zum ersten Mal revanchieren: Sie kommen gleich zur Einweihung unserer Wohnung …
Dieser Abend mit Willy und Anni Karol begann mit einer freudigen Überraschung, denn gleich beim Betreten der Wohnung sagte Herr Karol: »Ich habe mir erlaubt, euch, außer Blumen, noch eine Kleinigkeit mitzubringen …«
Dann öffnete er noch einmal die Wohnungstür, und hereinkam – Georg Krauss!
Er war erst vor einer Stunde aus Berlin angekommen und wusste viel zu berichten: Die Aufrüstung in Deutschland wäre in vollem Gange. Unter Bruch des Versailler Vertrags ließe Hitler die deutschen Streitkräfte verfünffachen, und es gäbe auch bereits, vorerst noch getarnt, eine Luftwaffe!
»Du meinst, es gibt bald Krieg?«, fragte Curt besorgt. Aber Krauss schüttelte den Kopf.
»Vorerst noch nicht – die Nazis brauchen noch einige Jahre, bis sie sich dazu stark genug fühlen, und bis dahin wird Hitler, dieser scheinheilige Halunke, aller Welt seine Friedensliebe beteuern. Göring ist gerade nach Polen gefahren und versichert den Generalen dort, dass sie keine zuverlässigeren Freunde hätten als die Nazis, und Ribbentrop reist demnächst nach London. Ich wette, er schließt mit den Engländern eine Art Freundschaftsabkommen und verspricht ihnen, Hitler werde nur ganz wenige Schlachtschiffe und U-Boote bauen lassen …«
»Dann besteht also keine Hoffnung, dass das Ausland eingreift und mit militärischem Druck dem Spuk ein Ende macht?«, fragte Karol.
»Weniger denn je«, erwiderte Krauss. »Die Engländer und Franzosen nehmen alles hin. Außenpolitisch hat der Schurke einen Erfolg nach dem andern, und er sitzt fest im Sattel. Nur mit Mussolini hat es Ärger gegeben, als im letzten Sommer die Nazis in Österreich zu putschen versuchten und dabei den Freund des Duce, den kleinen Diktator Dollfuß, ermordet haben. Aber Italien allein kann Hitler ja kaum gefährlich werden.«
»Uns kann es nur recht sein, wenn die Freundschaft zwischen Hitler und Mussolini in die Brüche geht«, stellte Karol fest, aber Dr. Krauss meinte düster: »Pack schlägt sich, Pack verträgt sich … Wir sollten nicht darauf bauen!«
Tags darauf, als sie allein waren, sagte Georg Krauss zu Curt: »Ich habe dir Geld mitgebracht – reg dich nicht auf! Ich weiß, es ist streng verboten, aber es ist ja schließlich dein Geld, das du ehrlich erworben und versteuert hast, und du brauchst es … Außerdem ist ja auch alles gutgegangen!«
Curt Eichelbaum war ganz aufgeregt.
»Um Himmels willen, Georg! Wenn sie dich erwischt hätten! Es wäre entsetzlich! Bitte, mach das nicht wieder! Ich will nicht, dass du unsertwegen deinen Kopf riskierst …« Er drückte ihm dankbar die Hand. »Versprich mir, dass damit jetzt Schluss ist – wir brauchen es ja auch nicht mehr so dringend …«
»Umso besser! Dann zahle ich es auf dem Rückweg in Zürich auf dein Konto – du hast doch noch etwas in der Schweiz gelassen?«
Curt nickte. »Ja, lass es in Zürich. Dann haben wir etwas mehr in Reserve für alle Fälle. Man weiß ja nie … – obwohl wir uns hier meiner Meinung nach sicher fühlen können. In einem paese sano come l’Italia, einem gesunden Land wie Italien, hat Mussolini erst kürzlich erklärt, gäbe es keine questione di razza, keine Rassenprobleme. Und tatsächlich macht man uns nicht die geringsten Schwierigkeiten.«
»Weil Karol gute Beziehungen zu den Faschisten hat«, stellte Georg Krauss trocken fest, »und weil du dich weder früher noch jetzt politisch betätigt hast … Übrigens, bekommt man hier das Pariser Tageblatt …?«

Das Ehepaar Willy und Anni Karol in Rom, 1938
Das wurde von dem hochbetagten Georg Bernhard, dem langjährigen Chefredakteur der einst sehr angesehenen, inzwischen eingestellten Berliner Vossischen Zeitung seit 1933 in Paris herausgegeben. Für jeden Nazigegner, der aus Deutschland kam, wo die Presse nur noch einseitig im Sinne der Nazis berichtete, waren solche in Prag und Paris erscheinenden Zeitungen der politischen Emigration begehrte Informationsquellen, ebenso die – im Reich verbotene – Basler National-Zeitung.
Georg Krauss war auch begierig auf ein Buch des früheren sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Gerhart Seger, der Ende 1933 aus dem Konzentrationslager Oranienburg bei Berlin hatte fliehen können und über die dort an den Gefangenen verübten Gräuel detailliert berichtet hatte. Aber Curt Eichelbaum erklärte ihm, solche Bücher wie auch die Emigrantenpresse wären in Italien verboten. Sie würden wohl eingeschmuggelt und illegal angeboten, aber damit wollte er nichts zu tun haben – er hielte sich strikt an die Vorschriften.
»Ich werde Putti bitten, mir das eine oder andere zu besorgen«, sagte Georg Krauss, aber Curt und Lottchen riefen wie aus einem Munde: »Nein, Georg, bitte – du bringst den Jungen in Gefahr!«
Er musste ihnen versprechen, Putti nicht mit solchen Wünschen zu behelligen, die ihn mit dem Gesetz in Konflikt bringen würden. Curt meinte, der Portier des Excelsior, wo Krauss abgestiegen war, wäre die richtige Adresse; er hätte von Karol gehört, dass der Concierge häufig für deutsche Hotelgäste »solche verbotenen Sachen« besorge …
Als Dr. Krauss dann später dem Portier seinen Wunsch zuflüsterte, nickte dieser nur, ließ den ihm zugeschobenen Geldschein in seiner Tasche verschwinden, schnippte mit den Fingern, und als daraufhin ein stämmiger Hausdiener auftauchte, erkundigte er sich: »Weißt du, wo Riccardo steckt? Ah, richtig! Er führt den Hund aus … Wenn er zurückkommt, Umberto, schick ihn gleich zu mir!« Und zu Krauss gewandt: »Bitte gedulden Sie sich ein wenig, dottore, der Page ist noch unterwegs. Er ist der Spezialist für diese Dinge – ich lasse sie Ihnen auf Ihr Zimmer bringen! Sie finden sie dort vor, wenn Sie zu Bett gehen.«
Krauss dankte ihm und ging eilig davon. Ehe der Page Riccardo zurückkam und seinen Auftrag entgegennahm, wollte er das Hotel verlassen haben; er hatte es ja Curt versprochen, Richard aus dem Spiel zu lassen.
Putti versah seinen Dienst im Excelsior täglich von 15 bis 20 Uhr, an jedem zweiten Sonntag von 8 Uhr morgens bis zum frühen Nachmittag. Seine Aufgaben waren vielfältig und meist lohnend:
»Riccardo, gut, dass du pünktlich kommst! Du musst gleich zur Stazione Termini – nimm dein Fahrrad, dann bist du schneller dort. Die principessa Pignatelli trifft mit dem Ràpido aus Bologna ein – 15.16 Uhr, Gleis 9, der erste Wagen 1. Klasse. Du wirst sie erkennen – sie ist groß und hager und trägt Hüte wie Wagenräder. Hilf ihr beim Aussteigen und geleite sie und ihre Gesellschafterin zum Taxi – mehr nicht. Ums Gepäck kümmert sich Umberto, den habe ich schon losgeschickt, aber er ist ein Grobian – er würde der principessa den Arm auskugeln … Halt, Riccardo – auf dem Rückweg bringst du für Zimmer 217 die Theaterkarten mit – sie liegen bereit an der Kasse vom Teatro Reale …«
»Hier, Riccardo, bring dieses Telegramm sofort auf 110 zu Lord Seymour – vergiss nicht, Mylord zu sagen …!«
»Riccardo, Madame de Lautrecs Pudel muss ausgeführt werden – aber nur fünf Minuten, sonst erkältet er sich! Bring die Zeitungen mit und Zigaretten für Mrs. Campbell – sie sagt, du kennst ihre Marke. Halt, Riccardo, nimm auch die Post mit …«
»Riccardo, rasch, Signore Petersen wird aus Kopenhagen verlangt – er muss in der Bar sein oder im Restaurant – ein Dicker mit roten Haaren …«
»Riccardo – du musst mal eben mit den Herrschaften, die heute aus Berlin gekommen sind, zu Raffael, gleich nebenan an der Ecke der Via Veneto! Sie wollen Schuhe einkaufen – erkläre ihnen unterwegs, dass es kein besseres Schuhgeschäft in Rom – was sage ich! –, in ganz Italien gibt als Raffael. Und vergiss nicht, Signore Raffael einen Gruß von mir auszurichten – er weiß dann schon Bescheid!«
»Hör zu, Riccardo, diese Blumen sollst du der Dame auf Zimmer 485 bringen, und dazu diesen Brief! Aber, pass auf: Ihr Mann, der Commendatore Grandi, darf nichts davon wissen. Du sagst, die Direktion erlaube sich, der Signora respektvolle Glückwünsche auszusprechen, und den Brief steckst du ihr heimlich zu, verstanden?«
»Riccardo, presto! Nimm rasch ein Taxi und fahre zur Farmacia Internazionale – für Lady Twittenham-Jones. Sie braucht dringend Pilgrim’s Yellow Cough-Lozenges – keine anderen! Nein, ein Rezept ist nicht erforderlich – es sind einfache Hustenbonbons … Halt, Riccardo, lass auf dem Rückweg das Taxi am Ambassadore halten. Dr. Löwenstein will für heute einen ruhigen Tisch für sechs Personen, 20.30 Uhr … Sag Signora Laura, der dottore sei ein sehr guter Gast, und ich hätte schon ein Dutzend Mal bei ihr angerufen – entweder war besetzt oder keiner geht bei ihr ans Telefon!«
»Riccardo! Was, du hast schon Dienstschluss? Pass auf, das kannst du auf dem Heimweg erledigen: Signora Popolescu will diesen Brief besorgt haben – an ihren Astrologen in der Via Boncompagni, also kein großer Umweg für dich … Es ist äußerst dringend, weil Signore Popolescu übermorgen nach Bukarest zurückreisen muss und bis dahin sein Horoskop braucht. Und erkundige dich, ob das blonde Haarteil der Signora sich angefunden hat – wenn ja, bring es morgen früh vor der Schule rasch vorbei – ciao, Riccardo!«
Während Putti zur Via Boncompagni radelte, überlegte er: Von Madame Popolescus Astrologen war kein Trinkgeld zu erwarten, für die Ablieferung des Toupets, falls es gefunden worden war, ebenfalls nicht, denn Signore Luigi, der Portier, würde es beim Hotelfriseur aufkämmen lassen und der Besitzerin selbst überbringen. Dafür hatte Lady Twittenham-Jones ihn überreichlich belohnt, als er ihr auf einem silbernen Tablett die richtigen Hustenbonbons aufs Zimmer brachte, und Dr. Löwenstein, der fünf Personen im Ambassadore bewirten konnte und ein sehr guter Gast sein sollte, fiel zwar aus als Trinkgeld-Spender für die Tischbestellung, weil da Signore Luigi in der Vorhand war; er konnte aber vorgemerkt werden für Bücher und Zeitungen, die in Deutschland verboten waren.
Der Schuheinkauf mit den deutschen Gästen hatte sich in vielfacher Hinsicht als lohnend erwiesen: Erstens waren es berühmte Filmschauspieler gewesen – Hans Albers und Gustav Fröhlich hatte er sofort erkannt! Dass der dritte Jan Kiepura war, hatte er erst später erfahren. Zweitens war er für seine Dolmetscherdienste mit einem fürstlichen Trinkgeld bedacht worden, und drittens hatte sich Signore Raffael, der Inhaber des eleganten Geschäfts, ebenfalls erkenntlich gezeigt: »Such dir ein Paar Schuhe aus, Riccardo«, hatte er gesagt, »ich schenke sie dir! Und grüße Signore Luigi von mir! Solche Kunden soll er mir jeden Tag schicken!«



